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Diese Seite enthält 60 Gedichte
Unabänderlich so II (62/3259)1/Vergleiche (1/75)
Das Dasein heute? Frei gesagt: Banalität.
Termin, Erfolg und Anerkennungssporen,
Entspannung, Bild, Erlebnis und Gerät.
Auf dass man sich als Ich von Coolness deute.
Beglückt, bespaßt und dabei ungeschoren
Gefühlskonsum sich kauft auf regulierten Bahnen.
Standardisierend subjektives Planen
von Augenblicken aus dem Wiederholungskreis
von Marktnarkosen: Sinn zum Schleuderpreis.
Ersatzgedicht (62/3260)2
Gestrichen hab ich eins
an dieser Stelle
in dem die Rede war von
Einsichtsgnade;
auch Daseinsglück, fundiert in Geist.
Jedoch ist klar inzwischen,
was das heißt:
Dass ich nur Ärger auf mir lade,
weil frei so lege manche Delle
im Kerne unseres Gesellschafts-Seins:
So eine Selbstverramschungs-Welle,
die stört die Sachlichkeit als Handlungs-Quelle,
so dass wir tragen längst auch
manche Narren-Schelle,
da sich zu schnell so neigt
des Landes Daseinshaltgefälle.
Und übrig bleibt nur ein Spaß-Brigade.
Und das, das find ich nun mal schade.
Durchhalten (62/3261)3
Sogar die Trauer kam abhanden.
Nichts ist mehr da,
was menschlich fraglos wäre.
Gefühle etwa,
die an andre banden
und mir verklärten diese neuronale Schwere,
sind längst Zynismen doch gewichen:
Blasiertheit, schaffend mir Distanz.
Auch, um nicht noch mal
vor Gespött zu kriechen
und Rohheit pöbelnden Bestands.
Ich wüsste nicht, was, so gesehen,
für mich noch irgend zählen könnte.
Dies triviale, schale Spätgeschehen
ist nichts, das irgend Zweck,
gar Sinn noch gönnte.
So werde ich versuchen mich zu halten,
Entlastungs-Einsamkeit verwoben,
um zu vermeiden dieses Durchschnitts-Walten,
sich Deklassierungs-Glücken auszutoben.
An (nicht: Für) … (62/3262)4
Der Hass muss irgendwann ein Ende haben;
und eben das gilt auch vom Neid.
Doch wem, wie dir, da fehlen alle Gaben,
erfriere langsam erst in Daseinsleid
und werde dann als Stein begraben …
Als Stein, der ihn als Dreck ausschreit,
von dem er ewig soll dann Leeren schaben.
Ich Glückspilz (62/3263)5
Man ist sich immer selbst auch aufgegeben;
zumal nur selbst sich von Belang.
Obwohl was andres lenkt das eigne Leben:
Das steuert der Gesellschaftszwang.
Und nicht nur dieser. Auch die Lotterie
der Gene und der Herkunftsklasse.
Kurzum: Man hat sich nur als Schicksals-Wie,
inmitten einer Artgenossen-Masse.
Und ich, ich habe so viel Glück gehabt:
Mir fielen zu die besten Lose:
Ein Sinn für Fakten, der sich überlappt
mit einem Nihilismus ohne Tugend-Pose.
Und die, die zeigen aller Dinge Kerne
und aller Psychen Wesensgrund.
Befahlen, dass ich ihre Wahrheit lerne:
Dass alles Sein ist traumweltwund.
*
Es kann sich keiner nämlich greifen.
Auch geistig nicht. Nur sprachlich träumen.
Man phantasiert sich durch Neuronen-Schleifen.
Sich so dann selbstfremd zu versäumen.
Das Ich ist immer hilflos überlassen
sich selbst als Zufalls-Marionette.
Es prägen die, die unfrei sich verprassen
stets kollektiver Lebenslügen-Kette.
Vernünftig sei der Mensch, moralisch auch, gar gut?
Geraune Intellektueller. Lügen.
Real ist doch nur diese Vierfachglut
von Machtsucht, Trieb, Gewalt und Selbstbetrug-Gefügen.
*
Doch dafür würde ich’s noch einmal machen:
Des Daseins Tiefen radikal zu denken.
Mich hinzugeben an was sind die Sachen
und geistig (trancefrei) mich zu lenken.
Als Staubform selber zu begegnen mir:
Bedürftig, sterblich, metaphysisch ohne Lot.
Notwendig Knecht irrationalem Wir:
Dem Durchschnitt ohne Seelenboot.
Um endlich heimwärts aufzubrechen
zum Gral des Stoffes, dem genialen Nichts.
Um mich in ihm dann rauschhaft zu verzechen
im Gotterschauen des Gedichts.
Tacheles (62/3264)6
Ich hätte ganz gut
können drauf verzichten
auf dieses Dasein heute.
Ist es doch
künstlich provozierte Daseins-Glut
als permanente Selbstausbeute,
sich die als Glück
und Halt zu dichten
in einem Marktgeschehen,
das auf Gier aufruht
und Sinn ersetzt
durch Seelen-Räude.
Entronnen (62/3265)7
Was habe ich nicht alles schon gemacht,
versäumt, verloren, manchmal auch falsch eingeschätzt.
In dieser Tauschmisere genverfügter Niedertracht.
Von Angst und Gier, Moral und Ramsch gehetzt.
Von Ich-Gefangnen ohne Selbstansprüche,
die eine eigne Daseins-Trance sich bauen,
sei’s Macht-, Gewinn-, sei’s auch Verbraucher-Schliche,
sich als der Menschheit Endzweck anzuschauen.
Ich wusste immerhin mich ihm zu fügen,
dem miesen Hybris-Tingeltangel.
Ein Werk des Mittelmaßes, das sich muss belügen.
Grad jetzt in diesem Spätzeitpfusch-Gerangel.
Wie mir’s gelang, mich halbwegs rauszuhalten
aus den Erlebnis-, Glückszwang-: den Sapienten-Öden,
mich psychisch davon abzuspalten,
trotzdem ich ausgesetzt war einer steten
subtilen Propagandadiktatur,
mich zeitgeistdeklassiert mir selber zu entzweien,
berauscht zu dulden diese Waren-Schur,
marionettenhaft mich diesem Schein-Kult einzureihen?
Mir selbst ein Rätsel, mögen es begründen:
Realitätssinn, Nihilismus*, Selbstdistanz.
Und Sachlichkeit, die hilft, sich nicht zu schinden
mit dieser Ichsucht-Tragik ohne jede Relevanz.
*Dieser Nihilismus ist auch eine Form der Erwartungslosigkeit;
und als diese eine Quelle, sich dieser Wohlstands-Orgie verweigern
zu können; tatsächlich bietet diese weniger tatsächlich weniger Lebensglück,
als vielmehr dessen mannigfaltige Perversionen.
Mag wohl so sein (62/3266)8
Wenn du schon musst mich ständig fragen,
was dieses Ganze hier denn solle.
Nun dann, dann sage ich dir dies:
Dass Tag und Nacht es ist Bedürfen,
ist Zeitfluss, Zufall und Vergeblichkeit,
ein Artgenossenjoch und die Notwendigkeit,
sich von sich selbst und all dem zu entlasten.
Dass man sich lebenslang ist selber ausgesetzt.
Dass ohne Gott man ist. Und ohne Sinn.
Dass, will man es nicht dümmlich-krud verfluchen,
es illusionslos sich betrachten muss,
sich stützen können muss auf Einsichtsweite,
die man sich selber nicht gewähren kann:
Weil die ist Zufalls-Gnade, Gen-Geschenk,
das ganz allein kann einem offenbaren:
Wir sind nicht fähig, selber uns zu meistern;
sind nicht verworfen so, nein: selbstohnmächtig.
Daseinskehre (62/3267)9
Das, was ich denke, hoffe, sehne, fühle,
ist diesen Schnäppchenjägern doch egal.
Die wissen nicht um ihre Seelenkühle.
Auch darum nicht, dass ohne Wahl
und ohne Chance wir sind, uns zu bewahren
vor Rationalität und vor Verfahrens-Einerlei,
die werden machen uns zu willenlosen Scharen,
geprägt von Abstraktionen-Sklaverei.
Tatsächlich lebe ich in einer Welt,
die, tugendnihilistisch an sich selbst verloren,
im Kern schon auseinanderfällt.
Die einem Menschentypus ist verschworen,
der, Intellekt verfallen, seinen Untergang beschwört,
und das nicht mehr begreifen kann:
Es fehlen Scham ihm, Ehrfurcht und was sonst betört:
die Tiefenschichten, aus auf Gottes-Bann.
So kann ich selber immerhin begreifen,
warum nur Einsamkeit und Leere
und deren Alpgesichte mich verschleifen
den Widersprüchen unsrer Daseinskehre.
Privilegiert (62/3268)10
Abstraktheitszuwachs anonym von außen
schafft die Versimpelungen innen.
Wo hochkomplex verfügte Psychen-Zwänge hausen,
dem Ich Entwirklichungsverödung einzuspinnen.
Den späten Menschen sich zu schaffen,
ihn seiner selbst sich zu entfremden.
Auf dass beglückt er sei, nur noch sich selber anzugaffen
als außenprovoziert dem Markt Enthemmten.
Indes: Was klage an ich diese Gleichungswüstenei,
da ich doch einsichtsreich kann ihr entrinnen,
privilegiert von Gottestrance, mich drangsalfrei
auf das Entstofflichte: Gedichte darf besinnen?
Eindrücke zum Ende hin (62/3269)11
Die Zeit vergeht mir immer schneller.
Auch schlaf ich nicht mehr viel.
Die Kräfte schwinden. Greller
kommt mir auch vor dies fade Ratio-Spiel.
Zu spät indes, mich noch zu ändern.
Längst bin ich festgelegt:
Ein später Schatten an sozialen Rändern,
den’s schon ins Krumen-Dunkel trägt.
Das macht mir dieses Leben leichter.
Grad weil ich habe nicht mehr lange.
Begreife auch, es wird noch sehr viel seichter:
Erlebnis-Perversionslust von der Stange.
Zwischenbilanz (62/3270)12
Seit nunmehr 22 Jahren
geh ich hier aus und ein.
Befolge Regeln und Verfahren,
verpflichtet sogar Schein.
Als registrierte Nummer;
doch das ist mir egal.
Mein Rücken wird schon krummer,
macht deshalb manche Qual.
Verbinde keine Ziele
mit Inhalt und Belang,
durchlaufe eine Mühle
von Wiederholungszwang.
Ich bin nicht unzufrieden
(wär ich’s, wär’s nicht gut),
ertrage Stuss und Nieten
nach Vorschrift und Statut.
Ich muss mich strikt begnügen,
verdien doch hier mein Geld:
Ein Quäntchen Selbstverfügen,
Bedarfsdeckung, die hält.
Das Meiste ist Routine,
was ich hier stündlich tu;
gewohnt vertraute Schiene,
längst ausgetretner Schuh.
Selbst vorgesetzte Schwätzer
erdulde ich recht leicht,
seh sie als Übersetzer
des Zeitgeists, flach und seicht.
Hab zudem auch begriffen:
Auf mich kommt’s gar nicht an.
Das hat mich soweit abgeschliffen,
dass ich als Vorgang leben kann.
Stundenfüller (62/3271)13
Wieder mal mitten in der Nacht.
Wieder mal in der Verlegenheit,
die Zeit der Schlaflosigkeit
überbrücken zu müssen.
Und was wäre da besser geeignet
als ein paar vor die Trägheit der Stunden
hingeworfene belanglose Zeilen,
eben das, ungefähr, zu erfassen,
was ist: Ein Kampf mit der Physis,
den man unweigerlich verlieren muss.
Aussichten (62/3272)14
Viel gebe ich ja nicht auf die
sei’s bürgerlich-demokratischen,
sei’s marxistischen,
sei’s oligarchischen,
sei’s metaphysischen,
sei’s diktatorischen,
sei’s mit welcher auch immer
primitivisierenden Phantastik
lockenden Entlastungs-Strategien.
Zumal ich weiß
- es kann nicht anders sein -,
dass wir,
notorisch zweck- und sinnbedürftig,
unfest und Verfall verfügt,
irgendwann definitiv
an irgendeiner von ihnen,
perversionslüstern sie verabsolutierend,
zugrunde gehen werden.
Anonyme Steuerungsmächte (62/3273)15
Viel war es nicht. Und konnte es nicht sein.
Was ich erfuhr, erlebte, phantasierte.
Das Leben, das ich führte,
war nämlich unbedeutend: Schein.
Ein anonymer Kampf mit Ich-Monaden.
Die das Abstrakte nicht begriffen,
das sie als Technikwelt-Soldaten
längst ihrem Fühlen hatten eingeschliffen.
Das ist es ja: Man hängt am Tropf von Mächten,
die, einem völlig unbekannt,
benutzen, auch für sie zu fechten.
Am Ende auch noch gegen sich gewandt.
Gedenken (62/3274)16
Gedenke wieder mal all der Fragmente,
die mich zusammensetzen. Groß an Zahl.
Um dann, wie immer hin zum Ende,
zu werden gramsentimental.
Erkannte ich doch all die Wände,
die mich umgaben lebenslang.
Im Zeilensog verfasst drei kleiner Bände,
von Trauer handelnd, Fremdheit und von Zwang.
Von Sehnsuchtsleeren, Scheitern und Verfehlen,
von Einsamkeiten, niemals überwunden.
Von keinem Du je fortzustehlen.
Egal aus welchen Stunden.
Für einen Weberknecht in meinem Wohnzimmer (62/3275)17
Musst dich nicht sorgen, lieber Schneider.
Musst keine Miete zahlen.
Spinn deine Netzkunstwerke ruhig weiter
nah dieser Wand, der kahlen.
Indes was müsstest du denn fressen,
du kleines Spinnentier?
Will ich dich doch behalten hier,
in diesem Raum dir einen Ort zumessen.
Ich denke Pflanzenteile. Werd’s erkunden.
Vielleicht ja bleibst du dann.
Zu zweit uns zu vertreiben manche Stunden.
Ein jeder folgend seinem Bann.
Meinem Vater (62/3276)18
Niemanden kümmerte es,
dass er dahinsiechte,
eine Selbstzerstörung auf Raten vollzog,
von Jahr zu Jahr hinfälliger,
eigensinniger und wortkarger wurde.
Zerrüttet von Alkohol,
beruflicher Erfolglosigkeit,
einer zerbrochenen Ehe
und dem ausnahmslosen Misslingen
eines von Anfang an
zum Scheitern verurteilten
armseligen Daseins.
Aber selbst wenn es jemanden gekümmert hätte,
wären der körperliche Zusammenbruch
und die drastisch um sich greifende,
offenbar Trostquellen schaffende Todessehnsucht
nicht mehr aufzuhalten gewesen.
War doch die schon krankhafte Gleichgültigkeit
sich selbst gegenüber
längst durch schleichende Verkümmerung
und dann fortschreitende Auflösung
der psychisch widerständigen Antriebe
unwiderruflich geworden.
Substanziell determinierend
erwiesen sich in dieser stillen Flucht
aus den gängigen Daseinszusammenhängen
nicht nur die niedrige Herkunft,
der belastende väterliche Alkoholismus,
Armut, Verachtung, soziale Randständigkeit,
die dauerprekäre familiäre Situation,
Berufslosigkeit und geringe Bildung,
sondern vor allem der rücksichtslose Vernichtungskrieg,
mündend in eine fünfjährige Gefangenschaft
in einem sibirischen Arbeitslager.
Er war ein schwacher,
ein zerbrechlicher Mensch,
leicht beeinflussbar und vertrauensselig,
scheint aus Angst,
Selbstbetrugsbedarf und innerer Not
an die Lauterkeit menschlicher Absichten
förmlich unbedingt geglaubt zu haben,
ständig der Gesellschaft anderer bedürftig.
Dabei fast schon verachtungswürdig
in seinem Hinwegsehen über
Charakterlosigkeit, Grundhäme
und rücksichtslose Ausbeutung
seiner störrischen Gutmütigkeit
durch die Habgier manch eines der fühllosen,
im Suff ihm zuprostenden Unterschichtenkumpane.
Bedauernswert in seiner Weichheit,
seinem kindlichen Starrsinn,
seiner haltlosen Rechthaberei
und rachsüchtigen Streitsucht,
ohne dass man ihn dafür hätte
auch nur ansatzweise zur Rechenschaft ziehen können.
Unüberlegt gefühlshörig,
freigiebig, vorurteilslos und mitleidsfähig …
Unbürgerlich, wie er war.
Dass ich nichts gebe
auf das Märchen vom Vaterland,
die trügerisch gehaltlose Bindung
an Volk, Kultur, Geschichte und Tradition,
nichts unversucht lassen möchte,
all diese Lügen, leeren Behelfskniffe
und Entlastungsfloskeln
still zu verlästern und zu verhöhnen
und endlich zu entlarven -
um sie,
weil sie doch auch in mir wabern,
restlos zu zertrümmern -
dass sich mir nichts klärt
außer nackte Sinnlosigkeit,
brutale Niedertracht
und ein wesenhaft kommandierendes
Mehr-und-immer-mehr-haben-Wollen
als Boden einer verwahrlost-schäbigen
Daseinsschmiere,
das hat mich sein Beispiel,
mir bis in die Kerne geschlagen,
unwiderruflich gelehrt.
Aber auch
- bis hin zum Verwerfen jeglicher,
Selbst wie Nicht-Ich
notwendig verfehlender Überzeugung -
gefeit gegen jede Art
von träumerisch lockender,
idealistisch-utopistischer
Wirklichkeitsauslegung.
Systemsprengende Unschuld (62/3277)19
Mich würde niemand überzeugen,
dass es noch Daseinsschwere gebe.
Da überall doch diese Fratzen äugen:
Agenten der Kommandostäbe
des Bunds von Wissenschaften, Technik, Kapital.
Die alles Dasein profanieren
und a priori kappen jedes Ideal.
Es anverwandelnd sich dann zu verführen.
Sie sind nur schwer zu greifen diese Mächte
subtilster Destruktionsgewalten.
Die bis in tiefste Psychen-Schächte
Person und Ding als sich identisch spalten.
Nur darf man keine Absicht unterstellen.
Es ist ein Menschheitsschicksal, was sich da vollzieht:
Dass wir uns müssen selber fällen.
Gehirn verfallen. Destruktionshybrid.
Selbstaufbau (62/3278)20
Bürogeschwätz und Fahrigkeit.
Und das schon über Stunden.
Zwar tue ich mir selbst nicht leid.
Doch jetzt ist Schluss
mit dreisten Kunden,
Geschäftigkeit und Eros-Keimen.
Jetzt werde ich,
mir selber abgeschunden,
mich weltfrei
zu mir selbst aufmachen:
Um zu vergehen meiner Geistheimat,
erschaffend mich
aus Wort und Reimen.
Nachtphantasie/Für ... (62/3279)21
Lange hab ich wach gelegen.
Dabei grad an dich gedacht,
Geträumt, dass ich berührte sacht
dein Lippenfeld, dir Räusche zu erzeugen.
Die ich so gerne dir doch schüfe.
Auf dass dir Augenblicke Glücks aufschössen:
Des Leibes ephemere Messen.
Vollendungszittern schauernd dich durchliefe.
Solch Glücke adeln dann die Stunde,
die, frei von Alltagsmaßen,
mag dir dann raunen numinose Kunde
vom Gral erotischer Ekstasen.
Über mich selbst V (62/3280)22/Vergleiche (52/2632)
Das große Pathos liegt mir nicht;
noch das sublime Zartgefühl.
Bin ich doch seelisch schlicht.
Und grüble viel zu viel.
Hinzu kommt, ich bin ziemlich kühl.
Und das stößt andere zurück.
Gewöhnlich ist das heimlich auch mein Ziel:
Entrinnen Du-Last, Schwafelei und Tick.
Von wem auch immer. So auch etwa Frauen.
Mir gilt, dass sie der Vorsatz treibe,
mich ihren Plänen einzubauen.
auf dass ich willig diesen auf mich reibe.
Dagegen denke ich an dreierlei:
An Du- und Wir-Distanz in Seelenstillen.
An letzte Jahre ohne Kundenkinderei.
Und Abende, vertan für späte Einsichtsfüllen.
Versagenshilflosigkeit (62/3281)23
Ich kriege so gut wie gar nichts hin.
Brennt mich doch eine aggressive Innenwelt-Flaute
auf der Asche aufgestauter, zielloser Wut aus.
Gerichtet gegen den Vielfachzerfall der Gesellschaft
in der ich, nichts als Widersprüchen verstrickt, vegetiere.
Als hätte ich mich selber satt,
existierte ich, völlig zerrissen,
mir dreifach - mindestens:
Gespalten in ein rein sprachlich gewobenes Selbst
der Weltübersteigung im Machen von Gedichten,
in ein misstrauisch fremde Iche auslotendes Selbst
im Rahmen dieses gesellschaftlichen Geltungsjochs
und zugleich in ein kreatürlich-privatistisches Selbst
folgenloser Freizeit-Halluzinationen -
Alle drei ontologisch-existenziell-sozial ineinander laufend
etwa in der nihilistisch-kreatürlichen Übermächtigung
und Ausbeutung von Gelegenheits-Körpern.
Ichschwach trostbedürftig, narzisstisch selbstverächtlich
und jenes Geist-Ideal schäbig-verräterisch im Stich lassend.
Unentschuldbar versagenshilflos.
Danksagung II (62/3282)24
Sozial bin ich ein Durchschnitts-Angestellter.
Für mich also ist diese Welt gemacht:
Das Laisser-faire verlogner Glücke.
Als Sex, als Shopping, Unterhaltungsmarathon …
als Urlaub, kurz: Erlebniszufuhr überhaupt.
Indes: Verschont blieb ich von schlechten Zeiten,
von Krieg, von Arbeitslosigkeit, von hoher Inflation.
Von der Verführung durch politmessianische,
ideologisch-utopistische Phantasmen.
Indes auch von den eignen dunklen Seiten,
die man ja hat, notwendig in sich findet,
wenn man hinabtaucht in die tiefsten Seelenschichten.
Seit fünf Jahrzehnten nunmehr ohne Sorgen lebend,
muss ich, es ist nun Zeit, mal Danke sagen.
Obwohl wir alles tun, das wieder zu verspielen,
was wir, Verzichte leistend, uns erhalten sollten.
Indes wohl gar nicht fähig, es zu tun:
Uns fehlt die Macht, uns fehlt der Wahrheitswille,
die Reife der Bevölkerung,
die, zukunftsindolent, doch auf den Augenblick nur schaut.
Konsumaskese als bedrückend doch erlebte,
so gar nicht fähig, dieser sich zu stellen.
Zumal doch wissend auch ums wirtschaftliche Risiko,
gesellschaftlich-politisch gar nicht abzuschätzen.
Nun also Dank für allzeit abrufbaren Spaß,
vor allem die Verwahrlosungsgelegenheiten
im Dienst von Fortschritt und von Wohlstandssteigerung.
Als Selbstaufgabepotential doch unentbehrlich.
Dank auch für Unterhaltung, die als Trost-Verdummen
und Nihilismus-Surrogat perfekt sich eignet.
Dank für politisch-ethische Parolen
von Freiheit, Mündigkeit, Vernunft und Würde.
Auszeichnend alle, freilich nicht empirisch.
Dank für die Volksherrschaft, das liberale Recht,
den Tugendeigensinn entgegen allen Fakten.
Zusammenfassend also Dank für dieses Wunder,
das dieser Staat doch ist, trotz seiner Illusionen,
er könne allein dadurch schon sich selbst erhalten,
dass seine Wirtschaft weiter Reichtum schaffe:
Gelegenheiten also für die Ichbetonten,
sich eskapistisch-dionysisch hinzugeben
an Traum und Rausch*: Erlösungsrandalieren …
Was habe ich (auch dafür Dank, wem immer auch)
doch für ein Glück gehabt, dass jene Sause
doch kernhaft schon sich bildete,
im Werden war, als ich geboren wurde;
und noch mehr Glück,
dass sie dann immer weiter fortbestand;
das größte Glück indes wird dann mir widerfahren,
wenn ich einst gehen werde, lang bevor
der Bau der Selbstverweigerungen dann zerbricht
und alle Zufalls-Gnade enden wird …
Ich meine die, die Einzelnen sich schenkt, die,
ohne Absicht, sich in sie verlaufen haben.
Ich hab sehr wohl begriffen - und auch dafür Dank
(den größten, nebenbei bemerkt) -,
dass ich - nicht gängig mir verzwungen -
mich selber würde halten können nur,
wenn eure Welt mir dies erlaubte.
Und sie tat’s, tat’s indirekt:
Indem sie mich gewähren ließ,
den eignen Innenweltbefehlen zu genügen.
Auch dem,
mich gegen ihre Selbstzerfleischungslust zu stellen.
Wiewohl ich wusste, dass vergeblich das doch wäre.
Allein ich musste auch für mich es tun …
mich selbst so zu bewahren, geistig zu gewinnen.
Das Ende der Person (62/3283)25
Wozu denn soll man sich noch selbst bestimmen?
Wenn man das überhaupt noch kann!
Man muss ja letztlich doch im Hauptstrom schwimmen.
Zwecks Ablenkung und Dauer-Fun.
Braucht man denn überhaupt noch Werte?
Wenn Reize uns doch dirigieren,
Reklame, Zeitgeist, Stargebärde,
um lustvoll diese dann zu imitieren?
Ist man doch letztlich allen gleich,
grad auf der Jagd nach Kick-Simplizität.
Zumal man fügt sich gerne diesem Reich
mit seinem Wohlstandszaubersinn-Gebet
von Formeln, Kapital, Verfahren.
Nach deren Wirken sich dann auszuleben.
Als Rauschgefüge unter Dünkel-Waren,
so als Person sich seiner zu begeben.
Gott VIII (62/3284)26/Vergleiche (21/1287)/Anmerkung
Wer wüsste diesen Gott denn noch zu fassen
mit seiner trivialisierten Kundenseele,
die, klein und eitel, hybrisflach sich doch ergeht
in diesseitsprallen Oberflächlichkeiten:
Paganem Ethisieren, Machtansprüchen,
messianisierender Polit-Agápe
und daseinsflüchtigen Adiáphora.
Den Zeitgeistwerten radikal verfallen,
glorifizierend sich, dies krude Ich,
das keine Mittel doch mehr hat, noch anzufühlen:
Sei’s tiefe Ehrfurcht, die zum Schweigen mahnt,
sei’s Geistesstille, gegenkreatürlich zart,
sei’s Sehnsuchtsrauschsog nach dem Absoluten,
das magisch-mystisch heim ruft uns zu sich:
Allein Geborgenheits-, Verheimatungs- und Sinn-Garant.
Zu überschreiten sich als Stoff- und Triebgefüge,
der stummen Leere zu entrinnen so,
die diese Ding- und Kunst-Welt-Diktatur
im Kern doch faktisch ist …
Ein nihilistisches sich selbst Verzehren
positivistischer* Erbärmlichkeit.
Aus der die Seele leis und leiser
vergeblich zu sich selbst aufschreit.
*pagan: heidnisch
*Agápe griech.: Gottes-, Menschliebe. Geistige Liebe.
*Adiáphora griech.: Überflüssige Dinge, "Zeug" das niemand braucht
*Positivismus: Wissenschaft und Philosophie, die sich auf das Gegebene, Tatsächliche, Wirkliche usw. beschränkt, alle Metaphysik (das, was nach jenem Faktischen als physisch nicht Greifbares als nur geistig Greifbares: das Religiöse) als theoretisch nicht greifbar und prakisch nutzlos ablehnt (Auguste Comte, 1798 - 1857, französischer Denker)
Geltungsschwangerer Selbstbetrug (62/3285)27
Der inszenierungsneurotische Aufstand
gegen alle diese so tief beglückenden
konsumkapitalistischen Nichtigkeiten
- aus diesen selbst hervorgetrieben,
sich aufrecht zu erhalten
bis zum Verzauberung schlürfenden
hoffnungs- und sehnsuchtslosen
psychischen Niedergang -
wird immer nur
eine magisch flachschichtige Teilhabe
an Selbst fingierender Tugendeitelkeit
sicht schauspielernder Ich-Überhöhung bleiben.
Mammondiktatur (62/3286)28
Man muss auf Illusionen setzen,
Verzweiflung zu entrinnen;
muss sich durch Scheinbelange hetzen,
um irgend Zweck sich auszuspinnen.
Den freilich es nicht geben kann
in dieser Mammondiktatur,
die alle zieht in ihren Lügen-Bann
als anonyme Psychen-Schur.
Menschlichkeit (62/3287)29
Ehrfurcht, Demut, Mitleid, Scham
sind der Menschlichkeit Garanten.
Sind’s allein und ausnahmslos,
sind’s als Kerne der Person,
sind’s als bloßes Zufalls-Sein,
aller Pseudo-Tugend bloß.
Nicht Vernunft. Zielt auf Begriff,
intellektuelle Größe.
Nicht geeignet, dass sie löse,
unsern Homo-Wesens-Schliff:
Dass der Mensch nach sich muss gieren,
seinen Vorteil maximieren,
mag er dabei auch vertieren:
Sachlichkeit und Sinn verlieren.
Meine Gedichte (62/3288)30
Sie sind Frontalangriffe auf was faktisch ist.
Ich führe sie an allen Fronten.
Gestützt auf geistig-intellektuelle Sonden.
Als Selbst. Nicht als Sozial-Statist.
Als solcher würde ich doch scheitern,
verfallen Machtbetrug und Phrase.
Sozial, das meint doch diese Normenblase,
sich Illusionen zu erweitern:
Dass es noch Zukunft zu gestalten gäbe,
noch Würde, Freiheit, Wohlstand zu gewinnen.
Das träumen viele, die, von Sinnen,
psychisch zu schwach sind, das Gewebe
des Destruktionszwangs zu erahnen,
dem Ratio-Wuchern, unserm, inhärent.
Das ohne Ausweg traumlos effizient
wird unsren Untergang wohl bahnen.
Und dass ins Abseits ich dabei geriete,
das war mir klar von vornherein:
Als Schreiber von Gedichten ist man vielen Niete,
die fördern das uns evolutionär verfügte Nein …
Ganz ihrem Kern verhaftet: Pleonexie.
Und tiefster Angst vorm Nichtmehrsein.
in ihrer Weisheit wohl beschlossen:
Den Guten Steuergeldgeschenke,
indes den Deutschen Großstadt-Gossen.
Ich (62/3289)31
Um mich geht’s nicht.
Das steht mir fest.
Ich bin soziales Einerlei.
Ein einsam-stiller
Geist-Aufschrei,
ganz ohne irgend
Seins-Gewicht.
Bin, marginal verortet,
Rest.
Kurzum: systemverfügter
Digitalwelt-Wicht,
Objekt von Markt
und Macht-Lakai.
Die Grund Voraussetzung menschlicher Würde
(62/3290)32
Fußt auf Konsum-Askese, diese Würde,
schließt jede Sucht so nach sich selber aus;
so auch denn die nach Haben und nach Macht.
Soll heißen, wer nach Wohlstand strebt
als Seinszweck, Halt und Lebenssinn,
nach Lustausbeute und Erlebnishäufung,
nach Gelten und nach Überragen …
kann keine Würde haben, weil doch Kreatur,
als solche biologisches Diktat, sich Triebzwang
und Bedürftigkeit: determinierter Daseinslauf.
Man kann nur selbst sie sich verschaffen*,
sich selbst bestimmend gegen sich
als Tier, Pleonexie, Sozial-Monade …
falls überhaupt man annimmt, man sei frei.
*So, korrekt, Niklas Luhmann
Ich selbst (62/3291)33
Immer in mir selbst gelebt,
nachgehangen Eingebungen,
Daseinsleeren, Stumpfsinn auch.
Fakten, Du und Wir zu meiden.
Soweit nur nach Welt gestrebt,
dass ich, Drangsal, sei gelungen
als Sozialding, Quantum, Bauch.
Klüglich kalkuliert bescheiden.
Meisternd so Verstrickungszwänge,
Anspruchshybris, Normenzonen,
Triebkandaren … Gier-Gemenge:
Sich vermeintlich zu belohnen.
Weltarm fasziniert verfallen
Gott-Ekstasen, Einsicht, Geist.
So entronnen feinsten Krallen,
um die nihilistisch kreist
dieses Intellekt-Gehäuse
sich entlaufener Monaden.
Stoffliche Neuronen-Sträuße
wertabstrakt verhängter Taten.
Fremder Benn/Für Gottfried Benn I (62/3292)34
Er destillierte Sinnsuchtschemen sich aus Sätzen.
Allein auch die verbargen sich.
Zerfielen ihm, statistisch Fetzen,
vor Macht und Trieb und Ich.
Und metaphysisch war sein Traum des Blaus.
Ein Formkristall, geschichtlich nie zu finden:
Die Ausdruckswelt, des Geistes Haus,
von Substantiven nur zu gründen.
Ein Mystiker der Worte. Kein Barbar.
Ein großer Mensch gebrauchter Kälten.
Der stumm am Sein litt, leer sich war.
Den Heimattrancen fällten.
Für Gottfried Benn II (62/3293)35
Noch Halt und Sinn, beteuert vor Phantomen,
entlastungslaue aus Affekt,
entbarg er geistig Zeilendomen.
Nur sie doch seien seinsgedeckt.
Im Selbstgespräch ein Wispern aller andern,
ihr Siechtum stur im Leopardenbiss.
Kein Niedergang mehr abzuwandern,
der nicht auch ihrer wäre: Ohnmachts-Riss.
Begreife, was ihn in die Worte trieb,
die Körpertyrannei, die Faktenfremden,
der asoziale Dauerhieb,
Bewusstseinsleeren, die sich selbst durchkämmten.
Nach was, bleibt unklar. Ich vermute Gott.
Der dirigierte ihm Zertrümmerungen
in die Gedichte, sein Schafott.
Auf dem er litt, sich metaphysisch dann gelungen.
Für Gottfried Benn III (62/3294)36
Erotisch umgefärbte Transzendenz.
Das Absolute war ihm Satzmontage.
5 Mark, wenn’s hochkommt, dafür Gage.
Voilà die Lage Gottfried Benns.
Die Praxis lief kaum wegen Salvarsan*.
Dann Depression und Wirklichkeitsverkümmern.
Aus diesen Scherben Wehmutsflimmern:
Der Gegenstoß in Trance und Ahn.
Melancholie. Und dazu Machtverkennen.
Die Wehrmacht rettet vor SS.
Der Staat baut Waffen, Bahnen und Antennen.
Ein Vers? Ist Macht Regress.
Das hätten, Benn, Sie wissen müssen.
Zumal das Wort war Ihnen numinose* Tat.
Der man, substanzgepackt, ist hingerissen,
bestrickt von Geistesdestillat.
*Salvarsan: Medikament gegen Geschlechtskrankheiten
*Das Numinose: Göttliche Macht, die Vertrauen und Schauer erweckt
Gleichheit (62/3295)37
Ich halte Gleichheit ja
für eine Lebenslüge,
insofern jeder doch
will andre überragen,
will sie verdrängen,
über sie erringen
die schönsten Siege ...
In Selbstverzückungswahn
sich so zu tragen.
Das gilt besonders
für die Wohlstandsfrommen,
die krass narzisstisch sind:
Es also nötig haben,
sich selbst
als überlegen darzustellen,
um sich am Schein dann
an sich selbst zu laben.
Und daran zeigt sich,
dass sie,
andern gleich,
sind, gängig hilflos,
ein sich unverfügtes Ich ...
Sich unterscheidend nie
im faktischen Vergleich,
der alle stellt
als exemplarisch bloß.
Was einen prägen und ausmachen dürfte (62/3296)38
Chronische Bedürftigkeit -
mannigfaltige Formen
des gesellschaftlichen Selbstbetrugs,
der systemimmanenten Täuschung,
der umsatzlüstern bedingten
hinterhältigen Irreführung -
die Erfahrung zumal
definitiver Begrenztheit:
physischer, psychischer,
geistiger, intellektueller …
Der dauernde Zwang,
sich, um sich überhaupt
ertragen zu können,
notdürftig selbst auszulegen,
soll auch heißen:
zu verhehlen,
zu verleugnen,
zu vergessen …
Und Zeit.
Alles das -
und manches mehr -
dürfte einen ausmachen,
in jeder Lage
sich einem aufdrängen
als einem hilflos
sich doppelt und dreifach
vermittelnden
Selbstzwang-Entwurf,
agierend in einem
pannihilistischen
Einsamkeits- und
Selbstentfremdungs-Gefüge.
Dorfschatten (62/3297)39
Dutzende sind mir vertraut;
tief vertraut bis heute.
Manche lange tot.
Höre sie - ob leis, ob laut -,
manche waren Suff zur Beute,
manche beugte Seelennot.
Viele haben mich versehrt,
ohne es zu wissen;
ich indes, ich hab’s gefühlt,
dass es triebhaft sie entschwert,
ihre Mütchen hat gekühlt -
Hilflos unsrer Welt beflissen.
Konnte bald sie unschwer deuten,
musste ich mich doch erwehren
ihrer schuldlos tiefen Häme.
Wurden so mir Einsichtsbeuten,
konnten so mich Dasein lehren:
Dass es, Zwang sich, tief beschäme.
Und auch dies verdank ich ihnen:
Dass wir machen nicht viel her:
Drang sind, weder gut noch böse
auf uns unbekannten Schienen,
leitend uns durch Ungefähr
ohne Sinn und ohne Größe.
Ausbruch (62/3298)40
Unaufhebbare Indifferenz,
getaucht in innere Leere,
treibt auch die letzte Exzellenz
in eine asoziale Grund-Misere.
Die bin ich wesenhaft.
In meinen tiefsten Schichten.
Wo Amoral und rationale Kraft
auch Würde als Schimäre richten.
Wo die soziale Despotie,
ihr Ethik-Schleim nicht greifen.
Vernunft sich scheiden, Selbst und Vieh.
Zerstörungslüste reifen.
Daseinsmüde (62/3299)41
Ich war mein ganzes Leben lang
gleichsam erschöpfungsdrastisch müde.
Auch deshalb, weil nicht ein Belang
sich nicht als Gegen-Güte,
als Ichsuchtsog erwiesen hätte.
Sich einzig selber Sieg und Grund.
Sich Deutung, Halt und Traum zu borgen
aus gängigem Entfaltungsschund.
Sich triebhaft über sich hinwegzutäuschen.
In Wir gefangen und in Selbstwerträuschen.
Gaia* (62/3300)42
Alte Gaia, ruhtest weise
um der Spindel Haft,
seinsverahnt demiurgenweise
hielt die Dike* deine Kraft.
Schöpfererde in der Mitte
einer Sphärenfracht.
Sinngeborgne Gotteshütte.
Ewig-statisch deine Pracht.
Heute nur vermüllte Halde,
nichts als tote Masse.
Opfer eines Großhirnwucherns,
das zurück du nehmen wirst.
*Gaia griech.: Erde
*Dike griech.: Göttin der Gerechtigkeit
Prosafetzen (409) (62/3301)43
In jenen wenigen Momenten
erträglicher Hellsicht
begreift man endgültig
die schiere Vergeblichkeit
drangsalierender Selbstüberhöhung.
Doch schon von vornherein
zum Scheitern verurteilt
angesichts der dauernden Knute
des zufällig Nächstliegenden.
Anmerkungen I (62/3302)44
Von einem transzendenten Grund meiner Existenz
weiß ich nichts.
Freilich kann ich auch ohne letzte Gewissheiten
ganz gut leben.
Ich bin nicht erpicht auf eine ewige Fortdauer
meiner psychophysischen Individualität.
Ich glaube zumal nicht,
dass mir irgendeine Bedeutung zukommt,
die über die hinaus läge,
die meine brachial egoistische Kreatürlichkeit
unersättlich für sich verlangt.
Ich finde es intellektuell armselig zu glauben,
man sei im Besitz metaphysischer Wahrheiten.
Zumal ich den Menschen verabscheue,
dem es in seiner Gottesbezogenheit
um nichts weiter als sich selbst geht.
Versuchend etwa,
seine Nichtigkeit durch Glauben zu überwinden.
Indem er ein ihm selbst unfassbares
Absolutes halluziniert und halluzinierend missbraucht.
Das Absolute indes ist kein Helfershelfer
eines stoffgewirkten Affen,
der, von unentrinnbarer Endlichkeit geschlagen,
ein ewiges Leben deliriert,
seine Angst, Desorientierung
und sein Todes-Bewusstsein überwinden wollen muss.
Das Absolute, dieses den Stoff überstrahlende
geistig-seelische Nichts, ist ihm nicht berührbar.
Was mich angeht,
so bin ich nichts weiter als eine
aus baryonischer Materie zusammengesetzte
biosoziale Monade,
in jedem Augenblick mich allein
um mich selbst drehend in einer ihrem Nihilismus
ergebenen Welt.
Mich stundenweise ohne erkennbaren Grund trotzdem bemühend,
mich auf Geist hin zu übersteigen.
Doch das gelingt nur mystisch-magisch im Gedicht.
Ahnend jenes absolute Nichts in seiner
mir unzugänglichen Vollendungsseligkeit.
*Das Absolute lat.: wörtlich: das Losgelöste, also: Gott,
das in sich selbst ruhende, rein geistige Sein
Prosafetzen (400) (62/3303)45
Manchmal wünsche ich mir, dass ich noch lebte,
wenn dieses Ratio-Gebilde an sich selbst zerschellen
und barbarisch um sich selbst taumelnd
in die eignen Gossen stürzen wird.
Die auszusaufen man dann, fordere ich,
jene zwingen muss,
die, wider Einsicht, Maß und Verantwortung,
getrieben allein von
Macht-, Hab-, Ich-, Ruhm- und Genuss-Sucht,
sie sich bilden und ausweiten ließen.
Allein was rede ich da,
aus Rachsucht mich diesen gemein machend.
Weiß ich doch nur allzu gut,
dass sie in keinem einzigen Fall
aus freiem Willen handelten.
Kleine unschuldige sich selbst
unverfügte Stoff-Marionetten,
hilflos agierend in dieses Gram-Meer
menschlicher Nichtigkeiten.
Für den amerikanischen Physiker Steven Weinberg (62/3304)46
Es ist völlig belanglos,
ob es für uns einen fürsorglichen und metaphysisch behausenden Gott gibt oder nicht,
ob unsere Existenz einen Sinn hat oder nicht,
ob mit dem Tod alles für uns zu Ende geht oder nicht,
ob das, was wir tun und lassen, wertvoll ist oder nicht.
Und es ist gänzlich gleichgültig auch,
dass die Sterne ausbrennen,
dass die Weißen Zwerge die dunkle Materie vernichten,
dass die Protonen zerfallen,
dass selbst die Schwarzen Löcher zuletzt zerstrahlen werden.
Mag das Universum uns noch so feindlich sein,
mag es uns als trost- und zwecklos erscheinen,
mag das Wissen um uns selbst unser Leben zur Farce verkommen lassen,
mag es auch eine Einbildung sein,
dass Erkenntnisfortschritt ermutigt
und dem menschlichen Leben einen Hauch von tragischer Würde verleiht.
In seinen heitersten Augenblicken
ahnt doch der menschliche Geist
die unüberbietbar klare Nichtigkeit,
der auf Erfüllung, Begreiflichkeit und ewiges Dasein
hetzenden kreatürlichen Kommandos, …
den vollendungsgewaltigen Stillen seiner selbst inne
von Leere ergriffen freudeüberströmt und einsichtsselig
sich selbst verrauschend.
Für meine Katze (62/3305)47
Ein Infantiler ich? Nun sei’s! Ich liebe dich,
dich Schleicherin von weiser Rätselhaftigkeit.
Mir Hausgenossin schon seit dreizehn Jahren.
Und trotz der Artverschiedenheit
mit mir vereint in diesem blinden Streben
des Stoffes, uns als Seins-Gestalten zu erhalten.
Wie andre auch in desperater Anmutsblässe.
Was ich jedoch vergessen darf und muss,
wenn wir, uns neckend, miteinander spielen.
Ich, dieser Hirnling, du, die herrliche Felidin*.
Wie sanft ist deiner Pfoten Druck,
wenn du, nach meinen Händen haschend, sie berührst.
Und wie vertrauensvoll lässt du mich streicheln
dein graues Köpfchen, drehend sich
in diese Rundung meiner warmen Finger.
Und dann, wie tief berührt mich doch
dein zartes Schnurren, das
Geleit mir hin zu Seelenfrieden ist,
mir Angst, Verzweiflung, Einsichtsklarheit bannt.
Als habe Er ihn ausgegossen über uns,
vielleicht ja Wiederwerdung einst gewährend,
dass wir in Ihm uns wiederfänden …
Da faselt Trauer in mir hoch und Sehnsuchtswirrnis,
ein Kinderwahnrelikt, weil wir uns dann,
trät’s ein, tatsächlich nimmermehr verlören.
So spreche ich zu dir mit hoher Stimme.
Und preise dich, geliebtes Tier,
Evolutionsgedicht zu sein:
Genialer Wurf doch jenes stummen Stoffes.
*Feliden: Katzenartige
ER III (62/3306)48
Nichts weiter habe ich
als Träumer-Worte.
Doch IHN, IHN hab ich nie.
ER übersteigt die Zeit,
den Stoff und alle Orte,
sodass die Worte bleiben
Phrenesie.
So mag ich nennen IHN,
doch nie erreichen.
ER bleibt mir Sehnsucht nur
nach einem Was:
Dem Absoluten,
jenseits aller Zeichen.
Das Absolute,
das ich aus mir las
in jenen frühen Feldwegstunden,
die leere Kindheitswelt
zu transzendieren …
In IHM,
dem fremd sind Gram und Wunden,
Betrug und alles menschliche Vertieren.
Der heben würde in das Seine:
Geborgenheit, Erlösung, Güte,
verbärge mich
in einem jener Haine,
der von Gewalt, Verlassenheit
und Häme schiede.
factum brutum (62/3307)49
Ich bin doch psychisch ausgelaugt.
Du sollst es wissen, weil du musst
begreifen, dass da nichts mehr in mir taugt
zu Halt, Vertrauen, Aufbruch, Lust.
Es ist zu spät, ich bin nun ganz geworden,
das, was ich immer schon doch an sich war:
Ein Selbstbefehl, mich sinnstumm in mir selbst zu horten,
fernab von Du und Kundenschar.
Dir was zu sein - ich wünschte es.
Allein ich kann es nicht.
Ich weiß um Selbsttäuschung; und demgemäß
hat niemand mehr für mich Gewicht.
Wenn (62/3308)50
Schliefe ich mit dir,
meine Lust ginge,
sich schmerzlich
verstolpert,
an sich selber zugrunde,
ersöffe
in meiner sie
zwanghaft flutenden
Sehnsucht
nach Gegen-Du.
Ablauf (62/3309)51
Meine Gleichgültigkeit
sät sich rastlos dahin.
Auch durch dich
mitten hindurch.
So freilich uns beiden
erlaubend, uns trauerlos,
uns gängig verlogen
zu verfehlen.
Einfall (62/3310)52
Wie schön es doch wäre,
jetzt bei dir zu liegen,
das Zarte selbst dann
zu erahnen.
Damit es uns
uns selbst umkehre,
vereitle, dass wir
uns verbiegen
und Zeitgeist ließen
zahm uns bahnen
subjektivistischer Misere.
Uns, Selbstsucht, zu bekriegen.
Andeutungen IV (62/3311)53
Du? - Meine Gelegenheitsursache,
der Illusion von Liebe
nachzuhängen.
Wozu?
Verzweiflung zu verdrängen,
prekäre Innenleere
sich zu schönen,
Zerrissenheiten,
Niederlagen.
In Gier-Trance
scheinbar zu versöhnen
sich Selbstverrat,
Alleinsein und
Versagen.
Gebrochenheitsflüstern (62/3312)54
„Wärst du doch hier jetzt!“
Lustwunsch,
den ich hinflüsterte
über so manche
Abendhalde hin.
Vor langer Zeit.
Rauschhörig -
Vergeblich.
Allerdings
hättest du zuletzt
meine Haltlosigkeit
im Stich
lassen müssen,
dich zu bewahren;
auch vor ihrer
destruktiveren Schwester:
meiner indolenten
Ungreifbarkeit.
Soll ich? (62/3313)55
Mich wissentlich grad dir zumuten?
Dir Stillen deuten, die ich hisse?
Ich frag mich nunmehr: Soll ich das?
Dich mit Verfall und Leeren fluten?
Obgleich ich dich nicht einmal misse
auf meinem Zielgeradenlauf ins Gras?
Ich denke: Nein, ich sollte nicht.
Verlöre ich doch das Gesicht
vor mir dann als gemeinem Wicht.
*
Ich schreib die Leeren aus mir raus,
verwandle sie mir in Beglücken,
mach im Gedicht sie mir zum Haus,
mich dir und mir - Monaden - zu entrücken.
*
Die letzten Jahre sollen mir gehören,
da kann ich Liebe nicht gebrauchen.
Zumal sie würde stören,
sie zwänge mich zu tauchen
in fremdes Ich, in fremde Lagen,
mich deren Leid-Maß abzuplagen.
Die gegenwärtige Gesellschaft (V) (62/3314)56
Die deutsche? Nun, die kam herunter ohne Not:
Durch Arroganz und Laisser-faire,
Gesinnungs-Tugend, krasses Unvermögen …
Man ließ es ohne Steuer, das Gesellschafts-Boot.
Als ob es unsichtbare Hände zögen
in einen Hafen von Bedeutungs-Füllen schwer.
Ideologisch sind bedingt die Wirklichkeits-Verluste,
die weit hinein in die Parteien reichen:
Man konzentriert sich notgedrungen auf die Kruste:
Den Kern zu fassen, gar des Kernes Zeichen
hat man die Mittel nicht: die intellektuellen.
Ergeht sich so nur in Geschwätzeskunde,
versucht, durch diese zu erzeugen Wellen,
zu überspülen der Gesellschaft Schrunde:
Wohlstands-Fetischismus, Dekadenz,
Verwahrlosung, Zusammenhalts-Verfall.
Neurotisch-faktenarme Tugend-Exzellenz,
Subjektivismus, Glaswort-Schwall …
Charakterlosigkeit … ach, mein Land bekenn’s:
Willst dich erhöhn in Pseudo-Tugend-Drall.
Prosafetzen (405) (62/3315)57
Was ist man dann grad doch
sich selbst benommen,
wenn ganz allein
auf Markt-Nu-Zwang
man fasziniert
verwiesen ist.
Den Ramsch medial
gepuschter Surrogate:
Auf Waren, Sex,
auf Technikknuten,
auf Bilderterror,
Glücksbetrug,
auf uniforme Reizbefehle
für exaltierte Allverwerter
gelernter Ichsucht
ohne Selbstverfügung.
Indes geschützt so auch
vor Einsicht … Wissen:
Vor Faktenkenntnis,
die so tief bedrückt.
Schleichende Schwächung der Person (62/3316)58
Seit Jahren wickle ich mich selber ab.
Als hätte ich mich aufgegeben.
Mitnichten. Doch man wird sich schleichend knapp
durch Zeitgeistzwänge, die das Selbst aufheben.
So etwa Dauerkommunikation,
die individuelles Denken schleift
durch Propaganda und Gefühlsweltmohn,
basal auch schwächend auf Verstand zugreift.
Jedoch der Mehrheit scheint das zu gefallen:
Sie lallt sich um sich selbst herum.
Obschon auch deshalb, um sich einzukrallen
den Marktbefehlen: Längst schon Ich-Votum.
Resignation (62/3317)59
Metaphysikersatz Konsumkapitalismus.
Dauerpropagierte Verwahrlosungsseligkeit,
eingeschrien permanent der homogenen Kundenseele.
Der Markt als Kirche, Halt und Opferstätte.
Verklärungsträchtige Erregungszufuhr.
Die Medienkralle liefert die Beglückungsformeln.
Amerikanisiert und dumpf die Innenwelten.
Auf nihilistische Ekstasen eingeschworen.
Verflachschichtigt und movesfrigide.
Und überhaupt bombastisch trashworldlike.
Molekulares Diktat (62/3318)60
Niemand,
der bestrickender löge
als die Liebenden.
Rauschhörig sich selbst
und ihre Triebobjekte
in Scheitern, Verlust und
Verarmungszwang reißend.