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Diese Seite enthält 15 Gedichte
Weiter mit dem Thema „Würde“:
(c) Peter Bandura (Bei Tiedemann, S. 37)*
führt 1964 aus, dass es unmöglich sei, den Begriff der Menschenwürde inhaltlich hinreichend konkret zu bestimmen.“ Daher schlug Bandura vor, „den Sinn des Menschenwürdesatzes stets nur von Fall zu Fall aus einer ‚Kasuistik klarer Verletzungstatbestände’ zu gewinnen.“
1970 machte sich das Bundesverfassungsgericht diese Auffassung zu Eigen (ebenda). „Der Begriff der Menschenwürde gilt als undefinierbar“ (ebenda; Hervorhebung Sa.); dies ist die bis heute herrschende Meinung. Indes: „Die Doktrin der Interpretation der Menschenwürde „vom Verletzungsvorgang her“ hat den Begriff zur rhetorischen Allzweckwaffe gemacht, die man dem politischen oder weltanschaulichen Gegner in moralischen Fragen entgegenschleudert …“ (ebenda; Hervorhebung Sa.)
Bandura lag gewiss richtig, als er sagte, dass der Begriff der Menschenwürde inhaltlich nicht hinreichend konkret zu bestimmen sei. Indes, wenn das so ist und das Bundesverfassungsgericht dieser Meinung sich anschloss, dann begreife ich, Sa., nicht - vor allem nicht als Bürger des deutschen Staates und zumal nicht als Naturalist/Inkompatibilist (s. dazu Seite 39 dieser Homepage im Anhang), der sich an die Ergebnisse der Teilchen-Physik und der Hirnforschung hält - ,warum man weiterhin auf diesen Würde-Begriff setzt, gar als obersten Verfassungsgrundsatz. Es mag ja sein, dass Juristen und Politiker (letztere gar als feinst-würdevirtuos-kompetente Staatslenker) dafür gute Gründe hatten und haben; indes mir, dem Nichtjuristen, kommen mir deren Interpretationen/Auseinandersetzungen/Urteile usw. zuweilen (und immer öfter) als sozusagen politideologisch-arrogant-zynischer Grabenkämpfe auf der Basis einer Arroganz-Leerformel („Menschenwürde“) vor - einmal abgesehen davon, dass die deutsche gesellschaftliche Wirklichkeit was auch immer sein mag: ein Hort der Würde (= für mich, Sa., Selbstzurücknahme und Narzissmus-Verzicht als Mindestanforderungen) ist sie mit Sicherheit nicht; nicht einmal einer des Mindestanstandes, am allerwenigsten der eines Mindestmaßes an ganz schlichter Menschlichkeit. Auch als determiniertes Materie-Gebilde (oder gerade, weil man ein solches ist) ist man es sich selber (und anderen Artgenossen) - ist man denn zumal in der Lage, tiefere: geistige Einsicht in unsere nichtige Existenz zu gewinnen - schuldig, sich nichtparasitär, nichtnarzisstisch, nicht kleingaunerhafttrickreich, nicht charakter- und gewissenlos, nicht ideologisch-arrogant-besserwisserisch, nicht von Hybris getrieben schauspielerhaftalldebil, emanzipationsumnachtet und kompetenzverlottert zu verhalten, sondern: einsichtsbescheiden, redlich und begriffsdezidiert. Das ist jedenfalls zuträglicher - in jeder Hinsicht - als verhalbgottungslüstern sich zum korrupten Phrasenvirtuosen zu machen … gelte die Würdeklausel des GG auch ewig.
(d) Dazu dann auch Christoph Enders - zitiert bei Tiedemann, S. 38 -, der in seiner Habilitationsschrift dem Prinzip der Menschenwürde den Rechtscharakter abspricht. Es handle sich dabei um ein bloß heuristisches (= vorläufige Annahme, mit dem Ziel, ein besseres Verständnis eines Sachverhaltes zu gewinnen) Prinzip, nicht um einen verbindlichen Rechtssatz: „Die Unantastbarkeit menschlicher Würde bleibt so ein rechtlich nicht einzulösendes und nie eingelöstes Versprechen.“
Und das ist, meine ich, Sa., völlig richtig.
Dazu auch Tiedemann, S. 31: „In einigen Staaten wird das Konzept der Menschenwürde als juristisches Prinzip dezidiert abgelehnt, selbst wenn es in der Verfassung erwähnt wird (Beispiele: Portugal, Spanien, Italien). Die Verfassungsrichter dieser Länder sind der Ansicht, dass der Begriff Menschenwürde nicht in einem juristischen Sinne operationalisiert (= durch Verfahrensangaben genauer bestimmt) werden kann. Es handle sich gewissermaßen um Verfassungslyrik, mit der der Jurist nichts anfangen könne und die er deshalb zu ignorieren habe.
Die englischen Juristen (Tiedemann, S. 32) verhalten sich zur Menschenwürde entschieden ablehnend. Und der britische Autor DAVID FELDMAN führte gewichtige Gründe dafür an - am Beispiel Frankreich -, dass die britische Jurisprudenz und Judikatur (Rechtsprechung) auf die Rezeption der Menschenwürde lieber verzichten sollte. „Die Unklarheit des Konzepts erlaube es den Gerichten“- gemeint sind die französischen - „sofern sie auf der Basis der Menschenwürde judizieren (= Recht sprechen) dürften, sich an die Stelle des Gesetzgebers zu setzen und ihre eigenen moralischen Überzeugungen für allgemein verbindlich erklären.“
(e) Ich, Sa., schließe mich Enders und Feldman und den portugiesischen, spanischen, italienischen und englischen Juristen ohne Wenn und Aber an: Der Begriff der Menschenwürde ist rechtlich nicht greifbar - und versucht man es doch - wie habituell in Deutschland, dessen juristische und politische Elite sich freilich 1949 vor die ungemein schwierige Aufgabe gestellt sah, eine in jeder Hinsicht antinationalsozialistische Staatsbasis (eine demokratisch-rechtsstaatlich-liberale) zu konzipieren, die sozusagen auf den kantischen Begriff der Würde eines Zweckes an sich als einer nach dem kategorischen Imperativ, dem Sittengesetz, selbstbestimmungsfähigen autonomen Person als zentralem „Dogma“ des neuen bundesrepublikanischen Staates grundlegend angewiesen war, denn: Die Person ist das Gegenteil des rhetorisch vereinnahmten und diktatorisch entmündigten Menschen, der, ideologisch seiner selbst benommen, in der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft aufging.
(f) Die Neubestimmung der Menschenwürde durch den ehemaligen Bundesminister und Präsidenten des Verfassungsgerichtes Ernst Benda(1925 – 2009) bei Wetz, S. 242 - 44. Benda - und das halte ich, Sa., für eine zutiefst menschliche, weil zumal auch faktenorientierte Leistung Bendas - hebt nicht ab auf die Erhabenheit (verstanden auch als eine den Menschen von der unpersönlichen Natur abhebende Geistigkeit) des Menschen (die auszumachen mir, Sa., auch im Hinblick auf uns - mich, Sa., selbst eingeschlossen -, so schwer fällt, weil sie naturgemäß so bedrückend selten ist), sondern auf seine kreatürliche Unvollkommenheit, Fehlbarkeit und Mittellosigkeit. Benda, bei Wetz, S. 244: „Zum Wesen des Menschen gehören seine Unvollkommenheiten ebenso wie seine wenigstens potentielle Fähigkeit, über diese hinauszuwachsen. Der Mensch mag sich nach persönlicher Glaubensüberzeugung als Ebenbild Gottes sehen, aber er wird selbst wissen, wie weit er auch im besten Falle von diesem Ideal entfernt bleiben muss. Seine Hoffnungen und Sehnsüchte, Torheiten und Illusionen, seine Verzweiflung, auch seine dunklen Triebe und Instinkte gehören zu diesem Bild des Menschen, das der verfassungsrechtlichen Entscheidung zugrunde liegt, allerdings auch der an ihn gerichtete Anspruch, sich an Zielvorstellungen zu orientieren und immer neu den Versuch zu machen, mit seiner Unzulänglichkeit zu einem erfüllten oder doch erträglichen Zusammenleben mit anderen in einer größeren Gemeinschaft zu gelangen.“
Ich halte den Ansatz Bendas für das, was das Thema Würde angeht, realistischer, feinfühliger, großgesinnter und humaner als die anderen Versuche, „Würde“ zu bestimmen. Was Benda anführt, scheint mir dem Thema angemessen: Die doch nicht zu leugnende Erbärmlichkeit, Hilflosigkeit, Mittellosigkeit und Selbstverfehlungsausgesetztheit des Menschen, die ihn nicht gerade als würdefähig erscheinen lässt; er ist es auch gewöhnlich nicht: kann es nicht sein; doch ihm das zum Vorwurf zu machen, wäre arrogant, unverschämt und lebensfremd.
Wir sind würdeunfähig. Aber hält man inne, geht man in sich, macht sich wieder einmal klar, was für durch uns selbst - gerade sittlich - gefährdete Wesen wir sind: Materie, Zeit, Verfall, Tod, lebenslang ausgeliefert einer radikalen Sinnlosigkeit, dann wird man sich nicht entrüstungslüstern aufplustern wollen, weil man sich dadurch vor sich selbst und anderen lächerlich machte, sondern still einsehen, dass man eigentlich nur versagen kann, ja: muss, wenn einem sämtliche Mittel abgehen, das zu sein, was man, nassforsch-idealistisch-selbstbeweihräucherungsgierig ins Plenum schreit: Würde zu genügen, obwohl gerade diese Forderung im Plenum mit das Würdeloseste ist, was man sich denken kann.
(g) Martin Kriele, Staatsrechtler, in: Wetz, S. 228.
(…) „Die Idee (sc. der Menschenwürde) selbst ist (…) ohne ihre metaphysischen und religiösen Wurzeln nicht zu begreifen.“ Kriele, a. a. O., S, 229. Vgl. dazu Hans Wagner (s. o. und Wetz, S. 237ff), der, wie Kriele, im Naturalismus (s. o.) eine Bedrohung der Idee der Menschenwürde sieht. Und das mit Recht.
In der Tat: Begründete man die Menschenwürde nicht aus existentiell-rechtlich-politisch-ideologischen Wurzeln, sondern aus metaphysisch-religiös fundierten Wurzeln, also als eine religiöse Idee, indem man - etwa - sagte, sie sei eine göttliche Forderung an den Menschen (nicht eine von ihm, dem Menschen, an sich selbst gestellte), dann wäre das ein Konzept, dem nicht die so abstoßende menschliche Hybris anhaftete, die uns doch so lächerlich macht, weil wir deren maßlose Forderungen (im vorliegenden Falle: Sich selbst zum Würdeträger zu machen) doch permanent mit Füßen treten müssen, weil eben außerstande, jemals den Einlassungen etwa unsrer Hybris oder unserer Pleonexie zu genügen: Wir sind eben Ideologen: Leerformel-Jongleure und oft narzisstische Großsprecher, die völlig außerstande sind, welche ihrer Ideen auch immer, weit mehr als nur ansatzweise umzusetzen: Wir sind unseren Ideen eben nicht gewachsen; weder geistig, noch existentiell, noch charakterlich.
Eine Idee von Würde mit metaphysisch-religiösen Wurzeln wäre von vornherein eine gottgewollte, nicht menschliche, Idee, um uns über uns als Tiere hinauszuheben, aber es wäre zugleich deutlich, dass wir sie, diese Idee, wie alles, was Gott von uns fordert, weil „schwach“ seiend, nur selten und eigentlich immer nur ansatzweise würden realisieren können: Sie, als göttliche Idee, würde nicht unsere Hybris, unser Ideologieanfälligkeit, unsere Arroganz, unseren Narzissmus, unsere Großmannssucht, unsere maßlose Selbstüberschätzung, unsere lächerliche Selbstvergottungslüsternheit … kurzum: alles das aufreizen, was uns, oft geradezu größenwahnsinnig, so klein macht: Zu geistig verwahrlosungsanfälligen Existenzhilfe- und Sinn-Empfängern Gottes.
Fakt ist, dass die Interpreten des Würdekonzeptes des GG zu recht verschiedenen Auslegungen kamen, so verschiedenen, dass man sagen kann, dass eine einheitliche Auffassung ausgeschlossen scheint: Art. 1; GG ist als juridisches Instrument nicht geeignet*.
Anm.* Obwohl die Würde des GG als
(1) so fundamental bedeutend erachtet wird,
(2) man propagiert, dass sie als oberster Verfassungswert zu gelten habe,
(3) dass sie sei die Grund- und Leitnorm als wichtigste Wertentscheidung des GG:
(4) sei die Wurzel aller Grundrechte
-----------------------------Ende der Anm.*
(h) Indes: Dieser Artikel 1, Absatz 1 des GG ist zunächst einmal als Distanzierungsformel gegen den Nationalsozialismus zu verstehen, z. B. sich wendend gegen
(*) den selbstherrlichen Führerwillen*
(*) die rassistische Staatsideologie
(*) die Unterwerfung des Individuums unter die Volksgemeinschaft
(*) den Sozialdarwinismus/das Recht des Stärkeren usw.
(*) die Unterscheidung von Herrenmenschentum und „Ungeziefer“/ Untermenschentum*
(*) gegen die Überzeugung, der Krieg/Kampf sei der Vater aller Dinge (so schon Heraklit von Ephesos, Fragment 50, S. 265, Die Vorsokratiker, Reclam 18971
(*) gegen die Doktrin, Humanität, Mitleid, Nächstenliebe, fürsorgliche Rücksicht, Stützung der Schwachen usw. seien ein Frevel gegen das ewige Naturgesetz, welches besage, dass der Starke siegen, der Schwache untergehen müsse.
*Anm.: Elemente von Hitlers Weltanschauung/Nach Eberhard Jaeckel, Historiker):
(*) Eine darwinistische Kampf-Ideologe umfassend
(*) Eroberung neuen Lebensraums im Osten
(*) Antimarxismus (dessen Anführer Juden seien, die die Entwicklung einer höheren Rasse - nämlich der arischen - hintertreiben wollten
(*) Antisemitismus
Es geht um die systematische Zucht und Höherzüchtung des arischen Übermenschen (die Deutschen seien Arier) und (folglich) um die Vernichtung allen nichtarischen „Untermenschentums“ (Juden und Slawen z. B.)
---------------------------Ende der Anm.
(i) Hitler am 22.6.44 vor Offiziersanwärtern:
„Die Natur lehrt uns bei jedem Blick in ihr Walten, dass … das Prinzip der Auslese sie beherrscht, dass der Stärkere Sieger bleibt und der Schwächere unterliegt. Sie lehrt uns, dass das, was den Menschen dabei oft als Grausamkeit erscheint, weil er selbst betroffen ist oder weil er durch seine Erziehung sich von den Gesetzen der Natur abgewandt hat, im Grunde doch notwendig ist, um eine Höherentwicklung der Lebewesen herbeizuführen … (Die Natur) kennt vor allem nicht den Begriff der Humanität, der besagt, dass der Schwächere unter allen Umständen zu fördern und zu erhalten sei, selbst auf Kosten des Stärkeren …. Die Natur kennt in der Schwäche keinen Milderungsgrund, … im Gegenteil, die Schwäche ist der Grund zur Verurteilung … Der Krieg ist also das unabänderliche Gesetz des ganzen Lebens, die Voraussetzung für die natürliche Auslese des Stärkeren und zugleich der Vorgang der Beseitigung des Schwächeren. Das, was dem Menschen dabei als grausam erscheint, ist vom Standpunkt der Natur aus selbstverständlich weise. Ein Volk, das sich nicht zu behaupten vermag, muss gehen und ein anderes an seine Stelle treten. Ein Wesen auf dieser Erde wie der Mensch kann sich nicht dem Gesetz entziehen, das für alle anderen Wesen auch gültig ist … Seit es Wesen auf der Erde gibt, ist der Kampf das Unvermeidliche.“
(j) Dazu dies: Die negative Bestimmung der Menschenwürde nach Artikel 1, Absatz 1/GG umfasst folgende Punkte
(*) Der Staat muss „alle Menschen gegen Angriffe auf die Menschenwürde wie Erniedrigung, Brandmarkung, Verfolgung, Ächtung“ … schützen (so das Bundesverfassungsgericht (BuVerGe)
(*) Für lebenslänglich Verurteilte muss die Chance bestehen - sonst läge ein Verstoß gegen die Menschenwürde vor - „der Freiheit wieder teilhaftig werden zu können“ (BuVerGe). Dies gilt auch für die Sicherungsverwahrung (weshalb Behandlungs-, Therapie- und Arbeitsmöglichkeiten bereitzustellen und anzubieten sind).
(*) Folter verstößt gegen die Menschenwürde, wie überhaupt unmenschliche oder erniedrigende Strafen und Behandlungen (Extremstes Beispiel: Vernichtung von Menschenleben durch Arbeit in den Konzentrationslagern der SS).
(*) Sklaverei, Leibeigenschaft oder Stigmatisierung verletzen die Menschenwürde.
(*) Ein Verstoß gegen die Würde des Menschen liegt auch vor, wenn die prinzipielle Gleichheit eines anderen Menschen in Zweifel gezogen wird.
(*) Alle Formen rassisch motivierter Diskriminierung verstoßen gegen die Menschenwürde.
(*) Kinderpornographie verstößt gegen Art 1 Abs. 1
(*) Das Abhören von Äußerungen innerster Gefühle oder Ausdrucksformen der Sexualität in einer Privatwohnung verstößt gegen die Menschenwürde
(*) Das Gebot der steuerlichen Verschonung des Existenzminimums ergibt sich ebenfalls aus Art 1 Abs.
(k) Ich wiederhole an dieser Stelle das unter (S. 43 (A) Gesagte noch einmal mit völlig anderer Begrifflichkeit - auch damit es weniger Missverständnisse gibt:
(a) Kants kategorischer Imperativ ist so etwas wie ein zur geistigen Grundausstattung des Menschen gehöriges: apriorisches geistig-intellektuelles(!) Werkzeug, mit Hilfe dessen (dadurch, dass man seiner Vorschrift Folge leistet = sich ihm gemäß selbst bestimmt: nach gesetzeskonformen Maximen zu handeln) man sich als Sinnenwesen aus den Fesseln des biologischen, sozialen, gesellschaftlichen, kulturellen usw. Prägungen befreien kann, um sich auf diese Weise s e l b s t zur freien Person zu bestimmen. Würde - nach Kant - ist, kurz gesagt, die Folge einer Selbstbestimmung
(*) seiner als Person
(*) seiner zu sich als Person
(*) seiner gegen sich als Sinnenwesen
Nähere Bestimmungen des Sinnenwesens: Der Begriff meint/konstatiert, dass man, Mensch, einer evolutionsbiologisch fundierten Pleonexie verhaftet ist, also: Ichsucht, Habsucht, Machtsucht und Genusssucht zugetan, besser: verfallen, kurzum: als evolutionsbiologisches Tier (wir sind aus evolutionsbiologischer Sicht in der Tat Tiere) notwendig auch ichgetrieben: selbst-, macht- und genusssüchtig ist; oder: mehr und immer mehr haben will (ðëåïíåêôÝù griech: pleonekteo = habsüchtig sein, sich bereichern, übervorteilen); und zwar - im Rahmen einer Überflussgesellschaft, wie sie in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg nach 1949 - in diesem Jahr wurde das deutsche GG, weltanschauungszentrisch fußend auf jenem in erster Linie gegen den NS gewendeten Art. 1, Absatz 1, verabschiedet - sich nach und nach ent-wickelte), und zwar als von sich als „Sinnenwesen“ gesteuerten Typen wie
(α) dem homo oeconomicus (Wirtschaftssubjekt, welches als solches Sinn und Erfüllung in der Steigerung von materiellem Wohlstand und eudämonistisch (= glücksbezogenem)-hedonistisch(= lustbezogenem) Wohlleben erblickt),
(β) dem homo ambitiosus (der ehrgeizig, ehr- und prestigesüchtig sich nach und nach zum Standard-Typus narzisstischer Prägung entwickelt hat),
(γ) dem homo sentimentalis (emotions-, gefühls-, stimmungsgesteuert, also dem Limbischen System = triebhafter Irrationalität ausgeliefert)
(δ) dem trivialdionysisch (heute rockmusikaffin) sich auslebenden ἄνθρωπος μανικός (rausch- und ekstasebegierigen Menschen), der sich zunehmend von sich als Vernunftwesen entfremdet dadurch, dass er, um möglichst leibintensiv = rauschdrastisch leben zu können, sich selbst geistig und physisch - etwa durch Drogenkonsum - selbst entmächtigt: bis zum Ruin jeder Form von Selbstverfügungs-Macht, was gleichbedeutend ist mit „würdeunfähig“ zu sein (jedenfalls nach Kant); n i c h t nach GG 1,1, weil, was dort zu lesen ist, sich gar nicht auf empirische Subjekte bezieht, sondern auf abstrakt-gleiche Rechtssubjekte)
(ε) dem mainstreamtypischen Erlebnisjäger, der sich weigert, sein Leben zu erfahren (er ist selbstabstandsunwillig oder -unfähig), indem er es als eine Abfolge von sich selbst „ablenkenden“, freiheitsmagisch-ergreifenden Erlebnissen regelrecht organisiert (vgl. dazu: Gerhard Schulze, Die Erlebnisgesellschaft, 1992, S. 58f: „Der Handelnde erfährt sich nicht als moralisches Wesen, als Kämpfer für ein weit entferntes Ziel, als Unterdrückter mit der Vision einer besseren Welt, als Überlebenskünstler, als Träger von Pflichten. Wissen, was man will, bedeutet wissen, was einem gefällt. „Erlebe dein Leben!“ ist der kategorische Imperativ unserer Zeit.“ Hervorhebung: Sa.
(ζ) dem auf sich selbst zurückgeworfenen Menschen, der sich in der gegenwärtigen Gesellschaft in ganz verschiedenen Ausprägungen findet: als
(*) Subjekt hilfloser Verlassenheit und Einsamkeit
(*) Konsum-Monade (Motto: Ich verbrauche - egal was, Reize, andere Artgenossen, günstige Gelegenheiten, (Selbstablenkungs-)Effekte, Shows, was sich zufällig bietet an Spaß-Gelegenheiten, auch mich selbst usw. usw. - also bin ich)
(*) Subjekt selbstverwirklichungs-narzisstisch-erlebnisgierig-aggressionsanfällig-hyper-sensibler, ja: neurotischer Selbstinszenierungszwänge als Arten und Weisen der vermeintlichen Selbstwertstabilisierung und -erhöhung, um der eigenen tiefen - unbegriffenen: eine vollendete Konsumdiktatur/Überflussgesellschaft schiebt aller
individuellen Selbstbestimmungsfähigkeit einen Riegel vor: auch den, der Fähigkeit, sich selbst noch als Würdeträger zu bestimmen - um existenzieller Verunsicherung zu entrinnen
(*) als geist- und verantwortungslos geprägtes befrohungs- und entfesselungs-nihilistisches „Alles geht“ („anything goes“) im Sinne eines drastisch drängenden, alle Wirklichkeit vergessen lassenden Eskapismus (Flucht aus der Alltags-Realität); als
(η) eine Art verträumtes: wirklichkeitsverlustiges Kind, das sich pan-naiv folgenden Werten (nach Klages) hingibt:
(*) der Autonomie (des Einzelnen); autonom ist niemand: der menschliche Wille ist nicht frei; wäre er es aber, wäre Kants Vernunftwesen als mit seinem eigenen Sittengesetz konform wollenden, sich so zum Zweck an sich, zur Person qualifizierenden Würdeträger als sittlichem Antipoden („Gegenfüßler“) zu sich als Sinnenwesen, wäre nur der, d e r allein, autonom (im Sinne von selbstgesetzgebend und frei)
(*) einem Hedonismus als Erlösungsversprechen: durch ihn dem unterschwellig dauerprägenden Trivial-Nihilismus der eigenen Gesellschaft zu entkommen
(*) dem Ausleben emotionaler Bedürfnisse (obgleich die subjektiver Ausfluss einer markt-drastisch-massiven Emotionssteuerung sind)
(*) einer (freilich auch wiederum: außengeleiteten) subjektiv als selbstgewirkter empfundenen - indes den gesellschaftlichen Vorgaben „emotionsgefügigen“ - Spontaneität
(*) einer Selbstverwirklichung, die nicht gelingen kann, weil das Selbst längst „zeitgeistgewirktes“ ist; also: subjektiver Reflex auf unbemerkte alltäglich-stündlich
aιuf die Menschen niederprasselnde lückenlose seelisch-moralisch-existentielle Konditionierung
(*) Ungebundenheit und Eigenständigkeit (Lebenslügen, derer man sich nur dann entschlagen kann, wenn man um den Pan-Determinismus unserer Existenz weiß)
(θ) Hier dazu weitere - zuweilen nur knappe - Ausführungen: Nicht(!) um die Menschen zu tadeln oder gar herabzuwürdigen, sondern um sie zu verstehen; denn: dass man den heutigen gesellschaftlichen Verhältnissen nicht entrinnen kann, ihnen in der Regel nichts „Geistiges“ entgegenzusetzen hat, von ihnen förmlich psychoethisch aufgesogen wird, das ist eine Tatsache.
Der heutige Mensch ist, vom Zeitgeist/Markt dazu verführt, ein Diesseits-Verklärer: ist sich primär als dieser erstrebenswert (das ist, wie gesagt, systembedingt)
(ι) als Sinnenwesen (Pleonexie-Einheit, Erlebnis-Jäger, verdinglichter: sich selbst als Ding/Ware erlebender Verspaßungs-Begeisterter); als Vernunftwesen freilich in der Regel nicht
(κ) Vorläufiges Fazit: Der heutige, in einer Überflussgesellschaft existierende, in der Regel nur auf den Erwerb von Wohlstand als Lebens-Zweck und Daseins-Sinn ausgerichtete Verbraucher (dieser als „Sinnenwesen“) scheint dann insofern nicht würdefähig, als er eben in jenem Wohlstands-Erwerb vollständig aufgeht (man könnte hinzufügen: das auch gleichsam
m u s s, um sich gesellschaftlich psychophysisch zu positionieren, zu integrieren, zu behaupten, durchzusetzen usw. usw.); zumal intensiver Konsum die Bedingung der Möglichkeit der Aufrechterhaltung des Wohllebens-System darstellt.
(λ) Oder anders gesagt: Der „hedonistisch-atheistisch ausgerichtete, den ständig lockenden Marktverführungen dauerausgesetzte „Mammon-Heide“ (als Prototypus des Menschen des 21. Jh.) ist - u. a. -:
(*) auffällig narzisstisch
(*) oft halt- und hilflos
(*) kulturell eher (und immer mehr) orientierungslos
(*) jedenfalls ichschwach
(*) berauschungslüstern fixiert auf konsumtives Erlebnisglück,
(*) tendenziell infantil, seelenkalt, gewissenlos, stumpfsinnig, dekadent
(*) verführungsanfällig
(*) leicht beeinflussbar
(*) erlebnisgierig
(*) inszenierungscool (ein Schauspieler)
(*) erstaunlich offen für Schein, Illusionen, Lebenslügen, Effekt-Onanien, Auto-Stupidisierungs-Narkosen (Drogen-Konsum)
(*) leerformelanfällig
(*) daseinshilflos
Was alles allerdings sofort verständlicher wird (und manche scharfe Kritik zum Schweigen bringen muss), wenn man die metaphysische Heimatlosigkeit, „wertkahle“ Verlassenheit und geisttote Trivialkultur, der diese Individuen ausgesetzt sind, wie man sie, um nicht ungerecht zu werden, in Rechnung stellen, d. h. berücksichtigen muss.
Fazit: Und alle diese Menschen-Typen (einer vollendet angenehm sie gängelnden und lustträchtig-allsteuernden ihrer selbst benehmenden Überflussgesellschaft) sind weder im kantischen (noch im grundgesetzlichen) Sinne „würdewillig“ noch „würdefähig“ (außer bei Nipperdey, s. o., *Anm.), weil sie ein - sie können sich das nicht aussuchen - Dasein zu meistern haben, deren Herren sie nicht mehr sein können (sondern oftmals geradezu nur noch dessen Spielbälle), also n i c h t, weil sie s e l b s t per se moralisch schlecht, sittenlos, ichsüchtig und -zentrisch, dauergierig, mammonhörig usw. usw. wären, sondern deswegen, weil sie einem ausweglosen, sie ihrer selbst entmächtigenden spezifischen (naturwissenschaftlich-technisch-wohllebens-immanenten - sie entlarvenden) Nihilismus* ausgeliefert sind: Einem Nihilismus geschaffen, dem sie nicht entkommen können; schon weil sie ihn nicht als solchen zu begreifen fähig sind …
*Anm.: Fragen zu Nipperdey: Was heißt es, „an sich“ Subjekt einer Würde zu sein, wenn diese niemals im Verhalten dieses Subjekts zum Ausdruck kommt? Nun dies: Dass andere dieses Subjekt, w e i l ihm sozusagen „von Natur“ eine solche Würde zukommt, entsprechend behandeln: Es nicht zur Sache herabwürdigen, obwohl es selbst so mit sich selbst verfahren mag/verfährt. Noch mal: Nach Kant hat ein Individuum nur dann eine Würde, wenn es sich als Zweck an sich will, da nur als Zweck an sich sich als Zweck an sich auch w o l l e n kann/ wollen m us s, um frei und würdig zu sein, weil es sich als Kreatur nicht w o l l e n kann: Die Kreatur ist - wie schon mehrmals gesagt - ausnahmslos heteronom (unfrei/sich selbst ausgeliefert/ihr eigener Spielball als Ich-, Hab-, Macht- und Genuss-Sucht-Einheit). Indes, so Nipperdey: Auch wenn diese Kreatur als Zweck an sich (den sie ja an sich ist: das ist ihr mitgegeben) versagt, muss sie als Subjekt von Würde von anderen respektiert und behandelt werden. Nipperdey ignoriert folgendes Argument: Wieso muss man eine sich selbst zur Sache machende, weil zu sich als Zweck an sich unfähig seiende menschliche Kreatur, dennoch als von ihrem Wesen her mit einer Würde ausgestattet anerkennen? (Dagegen Kant: Einer Sache(!) kann weder Freiheit noch Würde zugeschrieben werden! Denn: Sie kann sich als Sache nicht w o l l e n; nur als Zweck an sich). Indes: Wenn ein Mensch (und dafür kann es eine Menge Gründe geben) nicht fähig ist, sich - obwohl - nach Kant - vom Wesen her Vernunftwesen/Person/Zweck an sich - seiner Kreatürlichkeit zu entziehen … Ist er dann, obgleich Mensch, nur Sache? Diese Frage beantworte ich nicht, schon weil mir in der Kindheit so manche bekannt/ja: vertraut waren, die schlechterdings unfähig waren (die mir als unfähig erschienen - zumal sich mir immer wieder als solche zeigten), ihre existenziellen Belastungen, Unarten und Heimsuchungen auch nur ansatzweise zu überwinden: Alkoholismus, Außenseitertum, Gewaltsucht, sexuelle Libertinage, Minderwertigkeitsanfälle, weil an Verachtung durch andere, Erniedrigungen, Asozialitätsscham und nur geringer intellektueller Begabung leidend … Existierten sie als Sachen? Ich habe große Hemmungen, das zu bejahen. Zumal ich der Meinung bin, dass die Vernunft als alleinige/zentrische Moral-Grundlage nicht viel zu bewirken vermag angesichts der substantiellen Irrationalität, Zufallsausgesetztheit und Determination des menschlichen Individuums. Vielmehr: Alle große Menschlichkeit: Vergeben, Güte, Ehrfurcht, Scham, Verzicht auf Rache, Freiheit von Eitelkeit, Großmannssucht, Gewissen- und Charakterlosigkeit, Nachsicht und Verständnistiefe ist fundiert in radikaler Irrationalität(!)/Unvernunft, die freilich als solche heute mag so handeln lassen, wie gerade beschrieben: von tiefer Menschlichkeit geführt ... aber morgen als dieselbe das genaue Gegenteil an den Tag legen kann: Unmenschlichkeit, Gleichgültigkeit, Härte, Arroganz usw. usw. ... ohne dass man dafür auch nur ansatzweise eine wirklich befriedigende Erklärung fände.
---------------------------Ende der Anm.
Einem Nihilismus* geschaffen
(*) durch die homotypische analytische Intelligenz als allumfänglich das Sein und Dasein entzaubernde Ratio-Macht (der Naturwissenschaften Physik, Chemie und Biologie)
(*) durch die technische Intelligenz, die durch ihre verfahrensingeniöse Abstraktionsmächtigkeit die primäre Lebenswelt durch eine sekundäre, apparativ geschaffene, digitale Lebenswelt-Magie(!) für emotionslüsterne Entfesselungsbedürftige ersetzt hat, so diese biologisch dekadenzanfällig und intellektuell-geistig pantrivialisiert hat (durch die Versimpelung der Sprache und dadurch, dass sich die Individuen selbst unter apparativ-technischen Perspektiven geistreduktionswillig wahrnehmen (müssen) … Die Technik fördert zumal die Fiktion einer Allmachbarkeit der Welt, obwohl sie letztlich wohl (KI!) zu einer Abhängigkeit des Menschen von ihr führen wird, die was aus dem Menschen machen wird? - Ich weiß es nicht.
Einem Nihilismus, notwendig heraufbeschworen
(*) durch historisch beispiellose Wohlstands- und Wohllebenszuwächse, welche die Menschen (als primär kreatürlich: genetisch/biologisch determinierte bedürftige Organismen und irrationale, sich selbst ausgesetzte Triebwesen) mehr und mehr zu ichsüchtigen Lust-pflegern gleichsam vorherbestimmen musste: machen musste zu vernunftresistenten (selbstabstandsunfähigen, zumal narzisstischen) Sinnenwesen, die, erst einmal aus der traditionellen Plackerei, Untertänigkeit, Hilflosigkeit und staatlich-kirchlichen Außensteuerung in die psychoethische Verfügung durch sich selbst entlassen: sich nunmehr selbst als Lustpflegern überantwortet, aus gleichsam systemimmanenten Gründen in die Fallen ihrer eigenen Pleonexie laufen mussten: die Fallen, die sich ergeben aus der Absurdität, Glück, Lebenszwecke und überhaupt Lebenssinn nur noch als Momente quantitativer Wohlstandssteigerung und lebensqualitativer Wohllebensintensivierung zu begreifen.
*Anm.: Nihilismus/Nur sehr allgemeine Angaben: Nihilismus
(*) heißt kurz gesagt: die Sinnlosigkeit von Geschichte, gesellschaftlicher und sozialer Welt, der individuellen Existenz usw.;
(*) heißt - als Indikator innerer Desorientierung und Leere -: moralischer und seelischer Verfall, Haltlosigkeit, geistige Verwahrlosung, seelische Verarmung;
(*) heißt: die Ziellosigkeit des Daseins ohne Transzendenz (behausende Jenseitigkeit, garantiert durch Gott), eine Existenz der Ausgesetztheit - ohne Realisierungsmöglichkeiten, was Ideen und Ideale usw. anbelangt;
(*) heißt zuletzt: die Tyrannei von Vergänglichkeit, Vergeblichkeit und Kontingenz (Zufälligkeit) in einer gott-, vernunft- und überhaupt sinnlosen Welt
(*) Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Meiner, Hamburg, Band 500, S. 455:
Nihilismus, Neub. Von lat. nihil ‚nichts, der Standpunkt oder die Lehre der bedingungslosen Verneinung bestehender Anschauungen, Glaubenssätze oder Verhältnisse.
(*) Wolfgang Kraus, Nihilismus heute, Hamburg 1983 (a.a.O., Seite 15: „Nihilismus ist Verneinung in besonderem Ausmaß: er verneint die geltenden Werte, ohne dass er andere Werte kennt. Woraus entsteht Nihilismus? Aus Zorn, Hass, Verzweiflung, Enttäuschung.
Resignation, Gleichgültigkeit, Langeweile. Er ist die Haltung dessen, der das Bestehende ablehnt, sich aber keine möglichen Verbesserungen vorstellen kann, und dadurch in eine Phase der Zerstörung oder Selbstzerstörung gerät. Die vielen Erscheinungsformen des Nihilismus entspringen zwei verschiedenen Grundvarianten: die eine ist aktiv, militant, extrovertiert, die andere passiv, gleichgültig, introvertiert.“
---------------------------Ende der Anm.
(l) Einige weitere Literaturangaben zum Thema „Würde“
Norbert Hoerster: Haben Tiere ein Würde?, Becksche Reihe 1583, München 2004
Gerald Hüther, Würde, Pantheon-Verlag, München 2019
Pico della Mirandola, De hominis dignitate (Über die Würde des Menschen), Lateinisch/Deutsch, Reclam 9658
Friedrich Schiller, Über Anmut und Würde, in: Über das Schöne und die Kunst, dtv klassik, München 1984, S. 44 - 93
Stefan Lorenz Sorgner, Menschenwürde nach Nietzsche, WBG, Darmstadt 2010
Franz Wetz, Herausgeber, Texte zu Menschenwürde, Reclam 18907, Stuttgart 2011, darin auch (kleine, willkürliche Auswahl)
Texte von Günter Dürig, S. 212 – 219
Hans Wagner, S. 237 – 242
Bundesverfassungsgericht (1951 bis 1993,S. 195 – 210)
Kritische Stimmen (David Hume, Arthur Schopenhauer, Friedrich Nietzsche, Burhus Frederic Skinner, Niklas Luhmann, Norbert Hoerster) S. 275 – 307)
(m) Bemerkungen zu einem Text des Philosophen Hans Wagner (in Wetz, S. 237ff)
Es geht um die Bedrohungen - so Wetz - die vom Naturalismus* für die Idee der Wesenswürde ausgehen. Das ist für mich, Sa., sehr bedeutend, da ich rein naturalistisch denke, soll heißen: den Menschen als bloßes Materie-/Natur-Wesen (als vernunftlos-heteronomes Tier) betrachte, dem jede geistig-ideale Substanz, mithin Willensfreiheit, Selbstbestimmungs- und Selbststeuerungs-Fähigkeit, autonome Vernünftigkeit (Kant), Würde als Zweck-an-sich-selbst-Exzellenz-Wert, ja: Moralität überhaupt, abgeht, zumal er, der Mensch als bedürftige Kreatur und Triebknecht, in eine dauerprekäre Existenz
entlassen, zwar idealbedürftig, aber nicht idealfähig ist, ein „Büttel und Spielball“ ist seiner ihn steuernden imperativen Gehirn-Instanz.
Anm.*: Naturalismus: Kriele (s. o. (3)(f)) und Wagner sehen im Naturalismus eine Gefahr für die Idee der Menschenwürde. Und das mit guten Gründen: Ein determiniertes Materiegebilde (ohne alle metaphysischen/religiösen Wurzeln/ Grundlagen/Bezüge, ohne einen freien Willen, s. Seite 39 der Homepage, also ein in eine sinnlose Welt geworfenes, gott- und seelenloses Teilchengefüge (aus Quarks und Elektronen) kann gar keine Würde haben, ist vielmehr, als Materiegebilde, völlig würdelos
------------------------Ende der Anm.
(n) Am Anfang stand keine Würde, sondern eine evolutionsbiologische Ausnahme-Entwicklung hin zur Bipedie* (mind. 4,4 Mill. Jahre alt, die Fußspuren von Laetoli sind 3,75 Mill. Jahre alt), Entlastung der Hände von Fortbewegungsaufgaben, zur Werkzeugherstellung (technische Intelligenz), deutlichem Gehirnwachstum, einsetzend vor ca. 2,5 Millionen Jahren bei homo habilis (Voraussetzung: Fleischverzehr), Bildung von Schweißdrüsen (Voraussetzung: Verlust des Haarkleides), rudimentäre Jagdstrategien, intentionale Beobachtung des Verhaltens von gefährlichen tierischen Feinden usw. usw.
Dazu Wagner (S. 238: „ … wie arm, wie hässlich, wie dürftig stehen wir am Anfang unserer Artgeschichte da, sowohl somatisch* wie psychisch … Da war von einer (gar unantastbaren) Würde** des Menschen nichts zu finden.“
Anm.*: Indes war die Bipedie (der aufrechte Gang) schon da, schon vor 4,4 Millionen (gar schon früher?) Jahren, die Bipedie (der aufrechte Gang) als d i e Voraussetzung für die Entwicklung des Gehirns (Befreiung der Hände von Fortbewegungsaufgaben). Die menschliche Hand ist ein Geniestreich der Natur; zumal sie sozusagen als „Außenstelle“ des Gehirns fungiert, das von der Verfeinerungsfähigkeit der Hand selbst substantiell profitierte: es wuchs, verfeinert sich seinerseits, was die neuronalen Verknüpfungen anbelangte.
----------------------------Ende der Anm.
Anm.**: Sich eine solche zuzuschreiben bedarf der menschlichen Lautsprache - und die war damals vor 2,5 Jahren noch längst nicht entwickelt, diese Lautsprache als Grundlage alles dessen, was wir „Geist“ nennen: Ein Nebenprodukt der „hypertrophen“ Gehirnentwicklung - folgende Angaben mit Vorbehalt; die von mir gemachten Angaben sind inzwischen (ich habe mich vor mehr als 30 Jahren mit der Paläoanthropologie beschäftigt) partiell gewiss korrigiert worden; von ca. grob 650 Gramm bei
homo habilis (Schimpanse: 400/450 Gramm), 900 Gramm bei homo ergaster (ehemals: homo erectus, vor 1,8 - 1,3 Mill. Jahren in Afrika) bis zu 1350/1400 Gramm im Mittel bei homo sapiens (ab ca. 315 000 Jahren (bis vereinzelt 1800 Gramm bei homo neandertalensis: erster Europäer, vor ca. 26 000 Jahren ausgestorben: Letztlich infolge eines katastrophalen Vulkanausbruchs vor 38 000 Jahren (?!)). Die Hirngröße des Neandertalers war begründet im Klima der Eiszeiten Europas).
In der Tat: Niemand käme auf den Gedanken, Sahelanthropus tchadensis (der Sahelzonenmensch aus dem Tschad/Afrika)
*bereits aufrecht gehend?
*lebte vor 7 Mill. Jahren
*Schädelvolumen ca. 350 ccm schwache Prognathie = Vorkiefrigkeit) oder
„Lucy“: Australopithecus afarensis*
*eine Art zwi. 3 und 4. Mill. Jahre alt, die zum Menschen hinführte), „Lucy“: 2,9 Millionen Jahre v. u. Z., biped = aufrecht gehend usw.) freilich eine „Würde“ zuzusprechen, kann nicht angehen. „Lucy“. So benannt nach dem berühmten Beatles-Song „Lucy in the sky with diamonds“, der in der Nacht nach ihrem, Lucys, Fund 1974 in der Afar-Region/Afrika durch ein amerikanisches Paläoanthropologen-Team im Lager der überglücklichen Finder gespielt wurde.
Indes ich, Sa., eine solche auch homo sapiens nicht zugestehe, denn: trotz Sprachfähigkeit, trotz rationaler, technischer und kratischer (politscher) Intelligenz, trotz Geistbegabung (eine notwendig an die Lautsprache geknüpfte Begabung als Nebenprodukt der Gehirn-entwicklung: selbst die Vorstellung von Gott ist letztlich eine hoch-komplexe Sprach-
(= Geist-)fiktion: Gott ist das „geistige“ Resultat eines um Welterklärungen ringenden, um seinen Tod wissenden und drastisch sinnbedürftigen, geistig-intellektuell hochbegabten Wesens, existierend in einer noch nicht naturwissenschaftlich entzauberten, mithin teils auch unheimlichen, beängstigenden, Deutung erheischenden „fremden Welt“, um sich deren faktische Gegebenheit (und der seinen, der menschlichen, als in dieser ihm als Seins-Urgrund vorgegebenen Welt ihr Dasein fristen müssenden, scheinbaren Doppel-Wesenheit von Körper und Geist, unabänderlich ausgesetzt sich selbst und jener Welt) mittels der Vorstellung von geist-hierarchischen Ordnungen (Entlastungs-Fiktionen) sich so etwas wie Erklärungs- oder gar (psychische) Geborgenheitsstrukturen zu schaffen.
------------------------Ende der Anm.* und Anm**.
(o) Dazu aber auch dies: Offene Worte … Ich lebe in einem Land,
(*) dessen Demokratie ich als gefährdet sehe. Weil nach meinem Dafürhalten die politische Funktionselite partiell unfähig ist: es fehlt, kurz gesagt, die geistige Souveränität (auch als Selbstabstand), die Handlungswilligkeit, der Sinn für Wirklichkeit, für Sachlichkeit und unbedingte Verantwortungsbereitschaft, es fehlt also: die unverstellte Offenheit, Verbindlichkeit und Redlichkeit, die es unnötig machte, sich permanent selbst zu beweihräuchern oder in steriler Aufgeregtheit - ein treffender Ausdruck von Georg Simmel - sich in sich selbst zu ergehen und dann etwa ökoklerikal weltanschaulich-fakten-flüchtig- tugendhypertroph-naiv-reflexionsarm-narzisstisch ins ideologisch-ideelle Ungefähre zu agieren, o b w o h l nicht weniger machtgetrieben als die politischen Gegner.
Weiter in einem Land
(*) dessen politische Funktionselite partiell auch getrieben wird von massiven
- Wirklichkeitsverlusten
- Persönlichkeitsdefiziten (Narzissmus, maßlose Selbstüberschätzung als Unfehlbarkeitsergriffenheit, Selbstdarstellungssucht, Realitätsverdrehungslüsternheit, Phrasenexhibitionismus, Haarspalterei, Charakter- und Gewissenlosigkeit usw. usw.)
- faktenblindem Tugend- und Polit-Messianismus
- emanzipationstheologischen Phantasmagorien
- einer dem intellektuellen Zeitgeist huldigenden Belämmerungs-Phraseologie (man redet viel, sagt aber nichts, gestikuliert verbindlich und gewinnend, verrät sich aber gerade dadurch als rein machtinteressiert, lässt Worte, viele Worte, strömen, aber heraus kommt nicht mal ein Bächlein an Klarheit, Nachvollziehbarkeit, Eindeutigkeit, lobt sich permanent selbst, empfiehlt sich, rhetorisch nur mäßig begabt, als allkompetent und dies auch und vor allem, weil bei diesem Personenkreis ganz schlicht das gängige Maß an Sachlichkeit (auch immer häufiger: solide Bildung) fehlt: Dieser Personenkreis, gleichsam auf Leerformeln angewiesen (ich leugne das nicht; es ist unvermeidlich in einer Gesellschaft, wie der heutigen deutschen) muss auf „Moral“ zurückgreifen, weil Reflexionsschärfe und problemanalytische Exzellenz sei es gar nicht vorhanden/gegeben sind, sei es, wäre man fähig, auf sie zu setzen, es nicht täte, weil es für zu riskant erachtend: etwa beliebtheitsschädigend: machtgefährdend. Einmal abgesehen von einer Art zwanghafter Selbstverpflichtung gegenüber Schlüsselworten einer politischen Pseudo-Gängigkeitsmoral, die mit dem juristischen Mysterium „Würde“
(schein-)argumentiert, auf die auch dann gebetsmühlenhaft verwiesen wird, wenn von einer solchen Würde genau genommen gar keine Rede sein kann. Indes der Staat immer weiter geschwächt wird/sich selbst schwächt: Er will sich nicht mehr durchsetzen; allerdings auch einem wachsenden Subjektivismus sich konfrontiert sehend, gegen den sich zu wehren, den zu entlarven, nicht leicht ist … einem Land, in dem auch Rechtsprechung - so scheint es mir, Sa., dem Laien - inzwischen ein Maß an „Selbstauslegungskomplexität- und -verwirrung“ und innerer Widersprüchlichkeit erreicht hat, die sie zu lähmen, soll heißen: ihre eigene Funktionstüchtigkeit und den Schutz der Demokratie progressiv zu erschweren scheint (etwa, wenn geltendes Recht - ohne Folgen - von politischer Seite gesinnungsethisch ausgehebelt werden kann wie 2015 geschehen - ein mindestens dreifaches Staatsversagen (*Handlungsunfähigkeit des Staates
*Missachtung des Rechts, wo von Willkommenskultur als Handlungsgrundlage in Sachen Asylpolitik nichts steht,
*ein Gesinnungs-Subjektivismus, die allen Deutschen - ungefragt - als doch fraglos unbedingt an den Tag zu legender aufgezwungen wurde), was bis heute nicht als solches öffentlich benannt wird. Zudem erscheint es mir immer mehr so zu sein, dass die sog. „Würde“ vor allem solche schützt, die gewiss keine haben (können noch wollen).
Anm.* Demokratie und Rechtstaat? Nun: Sehe ich nicht allzu genau hin, höre ich nicht allzu genau zu, überlege ich nicht allzu wissbegierig (all das tue ich schon aus Gründen des psychischen Gleichgewichtes nicht), dann mögen diese beiden Begriffe unhinterfragt hier stehen bleiben; stellte ich indes in Rechnung, was - insbesondere unterschwellig-anonym - es mit dieser Gesellschaft auf sich hat: sie ist kultur-, polit-, wert-, orientierungs- und moral-marode, dann sähe es ein wenig anders aus; indes sei’s.
Eines aber steht fest: Entweder Demokratie* - sie sei noch so fragwürdig - und Rechtsstaat - mag der sich auch auf eine polit-ideologisch fragwürdige Grundkategorie von Würde stützen - o d e r: Geist-, Autonomie-, Parrhesie (freie Rede, Meinungs-freiheit)-Verlust, im Extremfall Exil oder Verfolgung, Terror, Erniedrigung, Gefängnis, Barbarei, Folter usw.; das sind die Alternativen. Kurzum: Mit dem Verfall von Demokratie und Rechtsstaat hätte man persönlich sehr viel zu verlieren, inklusive u. U. gar sich selbst: seine geistige Identität; also: alles.
Zum Glück weiß das auch die gegenwärtige Berliner Parteien-Oligarchie, die sich auch deshalb so redlich um sich selbst bemüht.
---------------------------Ende der Anm.
*Anm.: Und diese wird seit Jahren von den sog. demokratischen Parteien verspielt; oder soll ich sagen: Aus Dummheit und politischer Inkompetenz „verzockt“. Die Tatsache selbst ist ein unglaubliches, ein historisches Substanz-Versagen.
(p) Und also weiter: ich lebe in einem Land
(*) in dem immer mehr Individuen ein Gebaren an den Tag legen, als wollten sie vor allem Christopher Lasch bestätigen, welcher schon 1979 in seinem Buch: Das Zeitalter des Narzissmus) schrieb: „Das selbstsüchtige, Erfahrungen gierig aufgreifende, herrische Ich bildet sich zurück zu einem Ich, das pompös, narzisstisch, infantil, leer ist.“ In der Tat.
(q) Dann lebe ich in einem Land,
(*) dessen Zustand der progressiven Verwahrlosung und des scheinbar kaum noch behebbaren infrastrukturellen Verfalls ich als deutliche Hinweise auf eine niedergehende Gesellschaft glaube interpretieren zu müssen; als nicht zu vermeidende Problematik einer Gesellschaft, die
(*) mehr und mehr auseinanderfällt: die einheitslos: ohne Zusammenhalt ist; mir als eine in mehrere, geistig(!)-ökonomisch-oberflächlich weitgehend freilich schon - nicht zu vereinbarende Kulturen aufgeteilte erscheint: als eine kulturell völlig verarmte Konsumdiktatur und - als extremes Gegenteil - eine, wie es scheint, eindeutig traditionell metaphysisch ausgerichtete, für ihre Anhänger geistig intakte Weltreligion mit zum Teil fundamentalistisch-fanatischen politischen Ambitionen; um nur dieses Beispiel zu nennen. Beide Kulturen sind sich unüberbrückbar fremd.
Erwähnen möchte ich auch noch einmal, dass viele Deutsche an genuiner Kultur (ich meine an einer selbstbezüglichen Kultur als Grundlage der personalen Verfeinerung, der geistigen Selbstgrundlegung, der Distanzierung konsumdiktatorischer Verflachungsaspirationen, der Ich- und Pleonexie-Transzendenz usw.) nicht viel Interesse zu haben scheinen; hätten sie es, würden sie ihre Sprache nicht so verachtungswürdig verkommen lassen.
Ich lebe, weiter, in einem Land,
in dem ich mich also mit einer Gesellschaft konfrontiert sehe, die
(*) wohlstandsdekadent:
(*) pleonexiehörig, erlebnisgierig, spaßverdinglicht
(*) illusionsanfällig und reflexionsunwillig ist.
Wobei ich mich freilich fragen muss, ob ich das den Menschen zum Vorwurf machen kann, denn: Es ist ungemein schwierig, den Verlockungen dieser Gesellschaft zu widerstehen; und überhaupt: welchen guten Grund sollte man denn noch haben, wenigstens zu versuchen zu widerstehen? Bin ich ehrlich: Gar keinen (oder nur dann einen, wenn man das gesellschaftliche Netz in der Regel mit Füßen getretener Bedarfsfiktionen (Werte) und die Nichtigkeit allen konsumtiven Glücks begriffen/durchschaut hat); zumal es subjektiv-existenziell nachteilig wäre, würde man es tun; denn tut man es, gerät man unweigerlich ins gesellschaftliche Abseits (eine primär geistige Existenz hat einen sehr hohen Preis: man bezahlt für sie z. B. mit sozialer Abseitigkeit, d. h. Einsamkeit).
Und überhaupt: Was echauffiere ich mich ob des zunehmenden moralischen Versagens der Individuen/der Gesellschaft? Weiß ich doch, dass es so sein m u s s; und heutzutage deswegen schlimmer als früher zu sein scheint(!), schon allein deswegen, weil die Zahl der Gelegenheiten, sich als amoralisch zu erweisen: selbst- und gesellschaftsschädlich zu handeln, eben substantiell angewachsen ist: Die Gelegenheiten, moralisch zu entgleisen, eben viele mehr wurden, als dies früher (etwa im 19. Jahrhundert) der Fall war: Damals war es eben nur „oben“ der Fall, dass man sich „ausleben“ konnte (und oft auch durfte); der Rest - zumal noch unter kirchlicher und staatlicher Knute gehalten, musste sehen, wie er ökonomisch über die Runden kam (auf dem Acker, in der Produktionshalle). Es ist doch ein Märchen, dass der Mensch ein sittengesetztreuer Würdeträger sein könne: sich selbst zu diesem machen/bestimmen wolle/könne … Das will er - in der Regel - nicht, das kann er - in der Regel - nicht: Eben doch nichts weiter seiend als - heutzutage - eine in einem Wohlstands-Nihilismus badende: sich auslebende, von den Verhältnissen und deren Auswüchsen „herumgewirbelte“, determinierte Sozialmonade.
(r) Dann lebe ich in einem Land
dessen Gesellschaft anarchisierungs- und anomisierungsanfällig-kulturnaiv ist (etwa indem sie sich selbst, d. h. ihre Intellektuellen, um die Argumente bemüht, ihre Gegner zu entschuldigen; ja: diese gera-dezu zu sakralisieren; so letztlich eine mutlose, handlungs- und durch- setzungsunwillige, sich selbst etwas vormachende, sich selbst belügende, moralisch sich knebelnde, bestimmte Tatsachen gar nicht zur Kenntnis nehmen wollende Gesellschaft ist; eine Gesellschaft, die wertbeliebig-ideologisch-tugendmonoman-„überbaufeindlich“ sich politisch, kulturell, ethisch und (vielleicht auch - das wäre schlimm) wirtschaftlich herunterbringt - bis zur, ich wiederhole mich, Gefährdung ihrer selbst (wesentlich anzukreiden der deutschen politischen Funktionselite: deren Naivität, Halbbildung, Arroganz, Kurzsichtigkeit, Reflexionsarmut, Wertblindheit und Mittelmäßigkeit) und vor allem der von Demokratie und Rechtstaat, mit denen es tatsächlich nicht zum Besten steht, weil, wenn alles gilt, dann gar nichts mehr gilt (so - korrekt - schon Gottfried Benn).
(s) Weiter: ich lebe in einem Land, das keinerlei geistig-kulturelle Identität/Einheit besitzt (auch weil noch nie besaß!? - es sei denn in seinen einmaligen Exzellenz-Spitzen): die deutsche Gesellschaft zerfällt immer mehr; ist eine Gesellschaft,
(*) deren politische Funktionselite offensichtlich nicht gewillt ist, die gesellschaftlichen Verwerfungen auch nur anzuerkennen/beim Namen zu nennen: eine Gesellschaft in der
(*) ideologische Verblendungen
(*) kulturelle Niedergänge
(*) weltanschauliche Radikalismen
(*) progressive Innenweltprimitivisierungen
(*) Auswüchse eines aggressiven, selbstherrlichen Subjektivismus usw. sich weitgehend ungestört entfalten können.
(t) Und weiter lebe ich in einem Land, in dem sich
(*) Korruption
(*) psychoethische Verwahrlosung, folglich entsprechender Vertrauens-Verfall
(*) Gewaltbereitschaft und
(*) Kriminalität (auch wegen fehlender Mittel der Justiz) usw. immer weiter festsetzen
(u) Ich lebe in einem Land, das ich als intellektuell-politisch-ideologische Brutstätte eines verblendungsklerikal-politmessianischen Masochismus bezeichnen möchte
(v) Ich lebe einem Land, in dem immer mehr Menschen vereinsamen, psychisch verfallen, orientierungslos, obdachlos, unfähig werden, sich selbst so zu bewahren, dass sie sich noch würden selbst steuern können (etwa weil drogenabhängig oder alt und/oder völlig allein), die also auf Hilfe angewiesen sind; und dieser Kreis existenziell Verhilfloster scheint größer zu werden; auch derer, die, Polittugendausbeutungsreservoir, benachteiligt, ausgebeutet und ausgenutzt werden. Ich erwähne diese Umstände deshalb, weil ich in ihnen einen weiteren deutlichen Hinweise darauf sehe, dass es mit der deutschen Gesellschaft abwärts geht: so human jedenfalls, wie sie glaubt und vorgibt zu sein, ist sie nicht - im Gegenteil. Ich halte sie „oben/in Teilen;
n i c h t generell“ für
(*) progressiv scham- und gewissenlos
(*) seelisch verdorrt
(*) kalt-rechenhaft-zynisch
(*) mammonhörig
(*) charakterlich sittlich weitgehend heruntergekommen;
(*) und - „unten“ und in der Mitte (in Teilen/nicht generell) für geradezu „masochistisch „tapfer“.
Noch mal: Ich halte die deutsche Gesellschaft - in krassem Gegensatz zu den Macht- und Tugend-Phantasmagorien eines Teiles seiner politisch inkompetenten Elite, der sich offenbar darum bemüht, diese Welt definitiv zu einem Ort der Vernunft, der Autonomie, der Würde, der Humanität, des totalitären Subjektivismus: der Heilslehre absoluter Identität, kurzum: zu einer Stätte eines allgütigen: moralisch perfekten Menschentums der Wirklichkeitsverlustigen zu machen - für eine zunehmend ungerecht-verrohende Verfallsgesellschaft, in der die einfachsten menschlichen Selbstverständlichkeiten (Sachlichkeit, grundlegender Anstand, Redlichkeit, ein gewisses Maß an Ehrfurcht, Mitleid, Scham, Generosität, Selbst-zurücknahme- Verzichts- und Selbstformungs-Willigkeit, immer mehr abhandenkommen.
(w) Ich lebe in einem Land,in dem die traditionelle Arbeitsmoral sich gewandelt hat in der Hinsicht, dass die Menschen, die in ihrer Berufsarbeit „aufgehen möchten“, für die ihre Berufsarbeit eine wesentliche Quelle von Lebenssinn darstellt, immer weniger werden; auch die ehemalige Sachlichkeit und Faktenorientierungswilligkeit sind seltener geworden; nicht auszuschließen ist, dass das Land einem wirtschaftlichen Niedergang entgegenschlittern könnte, der es substantiell (auch wegen gewisser globaler Abhängigkeiten und selbstverschuldeter Erpressbarkeitsprobleme) treffen könnte; soll heißen: Mit Wohlstandsverlusten; und da Wohlleben in diesem Land als zentrisch-fundamentaler, gar Sinn garantierender Lebensinhalt: als „Diesseits-Erlösung“ gilt, wäre damit zu rechnen, dass der Verlust von Wohlstand auch dann mit zum Niedergang von Demokratie und Rechtsstaat würde wesentlich beitragen.
(x) Deutsche Lebenslügen
(*) Selbstbetrugsträchtige Freiheitsphantasien
(*) die Verabsolutierung des eigenen Ich (seine hedonistische Monadisierung) und
(*) die Sakralisierung des abstrakten Individuums (des Rechtssubjekts) zum gleichsam nicht in Frage zu stellenden Würdeträger, das sind drei von mancherlei Lebenslügen der heutigen Deutschen.
(y) Zum Ausgeführten nun noch einmal „spiegel special“, Nr. 1/1999(!), Ein deutscher Sittenspiegel: Volk ohne Moral, eine Sammlung von Artikeln, die nunmehr 25(!) Jahre alt sind. An dieser Stelle ein paar Zitate
S. 50„Der Sinn für Anstand und Moral stumpft ab“.
S. 51: „Deutscher Sittenspiegel: Pflichtvergessene Mediziner, geldgierige Rechtsanwälte, und mogelnde Steuerzahler, Kauflust für Diebesware und eine Polizei, die sich selbst schützt - bei den Bundesbürgern kommt das Gute immer schlechter weg.“
S. 14: Abstand zum Anstand: „Die Ära Kohl begann mit einem großen Wort … Am 13. Oktober 1982 erklärte sein Kabinett eine „geistig-moralische Wende“ in Deutschland … Seinem Nachfolger Gerhard Schröder hat der Unionschrist die Verantwortung für ein Gemeinwesen hinterlassen, in dem eines mehr denn je Mangelware scheint - Moral.“ … „Deutlich fortgeschritten“ sei während der Ära Kohl der „Verfall der öffentlichen Moral“ schreibt Kohl-Vorgänger Helmut Schmidt …“
Hans Herbert von Arnim spricht auf derselben Seite von der politischen Klasse als selbstbezogen und abgehoben, vom Staat ohne Diener; davon, dass die Politiker das Wohl des Volkes nicht schere.
S. 112 heißt es - sozialpsychologisch ist der Artikel sehr ergiebig - der Artikel lautet „Die reine Beziehung“, Professor Gunter Schmidt über das Verschwinden der Sexualmoral - „Die „reine Beziehung“ - das Adjektiv sei im Sinne von pur oder unvermischt zu verstehen - wird nicht durch materielle Grundlagen, Institutionen oder Traditionen gestützt, sie wird um ihrer selbst willen eingegangen und besteht nur , solange sich beide darin wohl fühlen, solange beide einen emotionalen „Wohlfahrtsgewinn“ haben.“
Dazu nun folgende Ausführungen
(*) „rein“ ist mit „verpflichtungslos“ gleichzusetzen, letztlich mit „verantwortungslos“, weil man Verantwortung nicht übernehmen will, weil sie einen psychoethisch forderte und in seinem persönlichen Wollen und Tun, also einen in seiner „Freiheit“ einschränkte, daran hinderte, sich wahllos aus seiner existenziellen Hilflosigkeit zu kopulieren
(*) Der angesprochene „Purismus“ ist eine subtile Form der Unfähigkeit zu so etwas wie „Selbstverpflichtungsmächtigkeit und/oder -willigkeit“
(*) Das Ganze rubriziere ich unter den Bezeichnungen „Entlastungs- bzw. Behelfs-Kopulieren“ - das lese ich daran ab, dass
- Stumpfsinn
- wachsende Unzufriedenheit
- Selbstentmächtigungswünsche (z. B. via Rock-/Pop-Musik)
- Seelenkälte
- auch ideologisch ausgebeutete Aggressionsneigung und
- überhaupt Glücksunfähigkeit (der gängige Entfesselungs-Emotionalismus hat nichts mit Glück zu tun; noch weniger, d. h. gar nichts, mit Freude, sondern damit, sich seine innere Leere zu kaschieren) zunehmen, anstatt dass jene „reinen“ Beziehungen dazu beitrügen, diese zu mindern. Kurzum: Es geht auch darum - und zwar substantiell
- die eigene - seelische Verzwergung
- die eigene geistige Verarmung
- die eigene Unfähigkeit, sein Leben einsichtsbereichert marktabständig und also verantwortungsfähig zu führen; kurzum:
- Es geht um ein Monaden-Verhalten in dem Sinne, dass sich zwei Körper berauschen, um sich dadurch auch als desorientierte Marktknechte und Selbstverfehlungs-Büttel zu vergessen.
Das Verschwinden der Sexualmoral ist also auch das Verschwinden des Erotischen, welches ohne geistige Exzellenz nicht zu verwirklichen ist. Freilich: Der Kapitalismus hat - unabsichtlich; aber seinem Wesenswirken als "konsumbasierte Überwältigungs-Diktatur nach - das Erotische zerstört, um das Sexuelle als Verkaufsförderungs-Maßnahme ausbeuten zu können.
(z) Dazu zuletzt ein Zitat von der Autorin Erica Jong, 20. Jh. Amerikanerin, die schreibt: “Der Spontanfick ist von äußerster Reinheit, da ohne jede Nebenabsicht. Es findet kein Machtkampf statt. Der Mann ‚nimmt‘ nicht und die Frau ‚gibt‘ nicht. Der Spontanfick ist das Sauberste, was es gibt.“
Jong soll in den USA sehr bekannt gewesen sein; in Deutschland kannte man sie kaum. Ich schließe aus der Jong-Bemerkung dies:
(*) Geschlechterentfremdung
(*) Zwischenmenschliche Entfremdung
(*) Wachsende Resignationsanfälligkeit
(*) Selbstmeisterungskompetenzeinbußen
(*) Massive innere Vereinsamung
(*) Angst vor Verantwortung
* bzw. ichsüchtige Ablehnung von Verantwortung, auch, weil man nicht mehr die Kraft hat, diese zu übernehmen (sich zu übernehmen/ein Du mit zu übernehmen/bzw. Ablehnung von Verantwortung, weil man keine Bindung mehr (aus Angst, Bequemlichkeit, Egoismus/ Selbstsucht, seelischer Mittellosigkeit) zu meistern sich fähig fühlt
(*) Also: wachsende Automonadisierung (Selbstverkümmerungszwänge als Verlust der Fähigkeit, sich sozial einzubringen)
Und diese aufgezählten Phänomene bemerkt man nicht nur im Geschlechterverhältnis - weshalb ich sie überhaupt hier anführe -, sondern in allen zwischenmenschlichen „Beziehungen“: sie erodieren, werden zunehmend haltloser: Die Menschen fallen auf sich selbst zurück, ihre Selbstmeisterungs-Kompetenzen schwinden. Die Menschen werden immer mehr zu konsumperfektionslüsternen Dienern des Augenblicks/der Stunde/des Tags/der verpflichtungslos ausgelebten Gelegenheit …während Seelenleere und existenzielle Orientierungslosigkeit wachsen.
Indes ich dann, sind diese angedeuteten Auslegungsresultate auch nur halbwegs den gesellschaftlichen Gegebenheiten und Tendenzen nach korrekt/sachlich gegeben, angesichts der mit ihnen verbundenen progressiven gesellschaftlichen Monadisierung der Individuen zu bloßen „Ich-Einheiten“ (generell also: zu für sich seienden markthörigen Kunden in jeder Hinsicht), also angesichts ihrer psychoethischen Verarmung und geistig-intellektuellen Impotenz als bloßen Wohllebens-Hedonismus-Konsumenten, fragen muss, ob derlei Phänome auch indirekt politische Folgen haben; ja, haben sie: als Nihilismus-Wunden; und die machen ideologieanfällig, wirken gesellschaftsauflösend, Ich-Schwäche fördernd, moralzynisch, wirklichkeitsverlustig, ideologisch-weltanschaulich tugendhysterisch, leerformelsubjektivistisch phrasenhörig, also: demokratiefeindlich.
Die in einer Überflussgesellschaft unvermeidlichen, progressiv sich intensivierenden (bis hin zur anomischen Verrohung*) geistig kulturellen und psychoethischen Formen innerer Verarmung und faktischer Verdinglichung der Individuen sind gesamtgesellschaftlich (und politisch) n i c h t, nicht ansatzweise, zu meistern, müssen vielmehr ignoriert, beschönigt, umgedeutet, ideologisch verharmlost oder moralrhetorisch vernebelt werden, was dann unweigerlich auch zu solchen Verlegenheitsreaktionen führen muss wie z. B. der, dass dann die „Würde“ herhalten muss, die Würde, die trotz dieser Umstände, niemandem abgesprochen werden dürfe/könne, obwohl man sich doch eingestehen müsste, dass man sich selbst und die Gesellschaft aufrecht zu erhalten, gar nicht mehr die geistigen Mittel, den Realitätssinn und die seelische Kraft hat, also in sich selbst gefangen (unfrei) ist: also würdeunfähig.
Anm*: Anomie griech.: „Gesetzlosigkeit“, Gesetzeswidrigkeit. Zustand mangelnder sozialer Ordnung; dann - vor allem - Innenweltzerfall: Sich verantwortungsunwillig, einfach gehen und treiben lassen: Verwahrlosungslüsternheit, psychische Haltlosigkeit, Verantwortungslosigkeit bei gleichzeitig vehementer Leugnung des Verlustes der Selbstverantwortungsfähigkeit …Kurzum: Man verlottert psychoethisch, geistig, sozial usw. - weil man über keine Selbststabilisierungskräfte mehr verfügt, dies aber - um der Tatsache zu entgehen/sie zu verdrängen, dass man existenziell allverhilflost/selbststeuerungsunfähig nicht mehr „selbstmachtfähig“ ist (vielmehr längst der Spielball seiner eigenen Verwahrlosung, die welche Gründe auch immer haben mag) - was oft einhergeht mit ideologischen Anklagen und Rechtfertigungen: Die Gesellschaft sei schlecht, ungerecht, sei eine Klassengesellschaft, die „die gerade Außenseitergruppen unterdrücke“ usw. usw.
------------------------Ende der Anm.
Zuletzt:
*Ich hoffe, dass das Land wieder zurückfindet zu einer faktenbasierten Politik, dann im ökonomischen Bereich zu einer dauerhaften Erholung, schon weil die Wohlstandsgesellschaft allein vor einem Zusammenbruch von Demokratie, vor, wirtschaftlich bedingten, gesellschaftlichen Schwerstverwerfungen und psychoethischen Zusammenbrüchen immer größerer Teile der Bevölkerung bewahren kann … hoffe ich ... wiewohl ich freilich zugleich weiß, dass diese Wohlstandsgesellschaft selbst Ursache mancher der angedeuteten gesellschaftlich-politisch-sozialpsychologisch-ökonomischen Erschütterungen ist…
**Weiter: Ich weiß, dass ich Dinge gesagt habe, die von vielen massiv kritisiert, als Übertreibungen angeführt, als geisteselitäre Sichtweisen denunziert, als unzeitig konservativ, als versteckt demokratiefeindlich, gar sophistisch amoralisch, als, aufgrund frühkindlicher subjektiv-nihilistischer Belastungsphänomene, pathologische Innenweltentgleisungen angegriffen würden … aber ich denke doch, dass ich, die deutsche Gesellschaft seit Jahrzehnten - nicht ablehnend, nicht schadenfroh, noch gar hasserfüllt - genau beobachtend (was freilich Fehlinterpretationen nicht ausschließt), einige bedenkliche Feststellungen mit Recht glaubte treffen zu sollen, ja: zu müssen, weshalb man es, sie verwerfend, sich zu leicht machte, wenn man sie als bloße Hirngespinste eines Außenseiters abtäte.
15 Gedichte
Verblendungsgelähmt (44a/2365a)1
Indes wer nimmt den Niedergang noch wahr,
dem dieses Land schon seit Jahrzehnten frönt,
indem es - deutungstrunken - mit sich unversöhnt
in Würde-Eskapismen sich ergeht … selbst oft der Würde bar?
Weil rechtlich leer das Wort ist, letztlich nichts besagt,
jedoch missbraucht wird von politischen Parteien,
um selber sich ihr Unvermögen zu verzeihen,
wohl ahnend, dass an ihm längst Abschied nagt:
Der von der Volksherrschaft, den Wohlstandsglücken,
all dem, was dieses Land nach 45 hat gehoben,
um heute ethische Sophismen nur noch auszuloben
im Sog des Laisser-faire tief würdeloser Tücke.
Ein Trost immerhin (44b/2365b)2
Sowohl als auch; mal so, dann so.
Was Sache ist,
das schert hier scheinbar niemand mehr.
hier, wo sie spielen dies Polit-Tarot,
zu deuten sich ein Phrasenmeer.
Dass mich das wunderte indes,
nun, das ist nicht der Fall.
Da griff doch längst
ein Reflexions-Regress,
sich hinzugeben jedem Tugend-Schwall.
Doch fällt’s mir leicht, das hinzunehmen.
Bin ich doch ziemlich alt.
Werd also bald mich müssen nicht mehr grämen:
dann Totenasche atomarer Nichts-Gewalt.
Der Mensch als Verbraucher (44/2366)3
Das würde ich ihm nicht ankreiden,
dass er zu Würde gar nicht fähig ist;
ist er doch Lustknecht, Gram und Frist:
Orientierungsloses Gleiten.
Durch eine Existenz, nicht festzumachen
an Werten, Fakten, Rausch und Sinn.
Die nicht geeignet sind, zu überdachen
den, der er ist von Anbeginn:
Moralisch unbehauster Lüstesammler,
der hedonistisch sich erleben dürfen muss:
Als deklassierter Wohlstandsgammler
mit jedem Anrecht auf Entgrenzungs-Stuss.
Zersetzung einer Elite-Verfassung (44/2367)4
Demokratie, das ist die Zauber-Losung,
die, die sich Macht erkämpften, gern benutzen,
um ihre Korruptionsanfälligkeit zu decken
als smarte Profiteure dieser Spät-Gesellschaft.
Demokratie, die sie alltäglich ad absurdum führen
durch ihr narzisstisches Gehabe,
durch ihre Arroganz und Reflexionsarmut,
durch ihre Schicksals-Mittelmäßigkeit.
Sie wissen nicht, wovon sie ichdumpf reden,
so wie sie überhaupt auch nicht begreifen,
dass jener Totengräber sie doch sind:
Als in sich selbst gefangne Daseins-Dilettanten.
Bekenntnis (44/2368)5
Da ist auch Seelenarmut,
da ist Indolenz,
Zynismus auch,
der kalt und roh
mich nun mal auch ausmacht,
nicht selten: wesenstief.
Da ich doch weiß,
dass selbst der Geist
nichts mehr besagen kann,
tatsächlich gar nichts mehr
in dieser stummen Welt,
die Gott verstieß,
Sinn, Zweck und Halte
und alle schöne Menschlichkeit …
Die Wohlstand sich verschrieb
- sich ihm verschreiben musste -
ganz rational erzwungen,
Leib zu dienen,
der Physis als der Daseinsquelle
von Macht und Lust
und Rausch und Trancen …
Sich zu verdrängen,
dass wir doch nur sind
Verfügungsmasse
eines Stoffgeschehens,
das wir zu meistern
außerstande sind.
Einsamkeit (44/2369)6
Was gäb’s denn Besseres als Einsamkeit:
Die Artgenossen los zu sein,
dies Reservoir von Niedertracht und Neid,
von Langeweile, Bosheit, Trug und Schein?
Mir ist sie faktisch eine Quelle
von Unabhängigkeit und Selbstgenügen.
Entfaltung ohne diese Delle
von traumweltkompatiblen Lebenslügen.
Ich werd sie pflegen bis zum Ende,
weil nur in ihr man sich als Selbst gelingt:
Verwalter seiner Geistbestände,
bis man in Nichts versinkt.
Macht (44/2370)7
Macht ist uns Menschen
ein verqueres Gut,
ein paradoxes
stillster Daseinslast:
Das man bewahrt sich nur,
wenn man auch fähig ist,
es abzuwehren,
wenn es droht,
sich einen selbst auch
untertan zu machen.
Indes wer könnte das,
besäße gar
die kühle Glut,
sich auszudeuten sie,
die homo sapiens-List,
dass man vor allem
brauche Geisteslot,
nicht aufzuwachen einst
als eigner Macht
gediehener Helot*.
Ich würde so weit gehen,
zu behaupten,
dass nur ein solcher
kann politisch denken,
der auch gefeit ist
gegen eigne Macht,
der fähig ist,
als Machtknecht sich zu sehen,
allein nur geistig
will sich handelnd lenken.
*Helot: spartanischer Staatssklave
Kleine Katze I (44/2371)8
Kleine Katze,
leises Tier,
europäisch Kurzhaar,
grau …
lass dich streicheln,
kraulen, küssen,
schmiege
meinem Arm dich ein.
Dass du wirst
für immer wissen
meiner Liebe reines Schier,
nie mehr endend:
bleibend wahr;
niemals brüchig
werdend lau.
Zeigend nie
verlogne Fratze.
Gelungenes Leben (44/2372)9
Alles nur
für mich geschrieben;
wissend wohl:
Für nichts.
Ganz allein
von Geist getrieben,
Vater des Gedichts.
Nie zum Spiel nur,
nie frivol,
Ernst bis in die Kerne:
Einsichtsperlen
als Tortur.
Seinsgrund
auch der Welten-Ferne:
Würde-, Selbstwert-
Gott-Symbol.
Auf Dauer nicht hinnehmbar (44/2373)10
Das kann’s nicht sein,
das darf es nicht:
Entlastungsmystik
für Begabungslose:
Ein dorrender
Sozialstaats-Hain
für jede Form
von Wert-Neurosen.
Subjektivismus-Irrenhaus
für geistig Armer
Psychen-Gaus.
Selbstaufgabe (Trias B 56)(44/2374)11
Nicht mehr fähig,
meiner Gleichgültigkeit
dieser Welt gegenüber
noch Ausdruck zu verleihen,
pflücke ich Stillen herab
aus ihrer lärmenden Öde,
hervor auch
aus dem Stumpfsinn
den sie unermüdlich schuf,
endlich ihm ganz
zu verfallen,
belämmerungsselig
mich meiner
selbst entziehend.
Entlarvtes Vergeblich (44/2375)12
Man mag sie verlästern, diese Gedichte
mit boshafter Tücke selbst;
und dennoch wird man nicht entgehen,
dem Geistessog ihrer Entlarvungskraft;
nicht der Gewalt entschiedener Einsicht,
nicht begrifflicher Härte,
schon gar nicht der klärenden Kraft
intuitiver Hellsichtbilanz.
Ein Epigone freilich bin ich gewiss,
unnötig, es zu sagen.
Pflege ich doch, still gefasst,
Bindung zu Anfang und Ziel:
Frühesten Frühs und spätesten Späts
entblößtem Vergeblich.
Endlos schöpfend Gewalt,
ohne dass Schuld es je kennt.
Zufalls-Gabe (44/2376)13
Schweifen lass ich die Erinnerungen,
treiben sich durch manche Jahre.
Einsamkeit, tristesse gedungen,
Ohnmachtsschlägen kalter Kindheits-Mahre.
Denk an düstere Spelunken,
Außenseiter und Gestalten,
Hoffnungslosigkeit und Scham versunken,
ohne Kraft, sich selbst im Lot zu halten.
Freilich auch an die Momente,
da ich hinter mir es ließ
- spürend sie, der Tyche-Geistesspende -
dieses Seelentrümmerjoch-Verlies.
Weltmeidungs-Imperativ (44/2377)14
Allein wer ließe sich schon,
auch nur halbwegs bei Verstand,
vereinnahmen
durch Warenverklärung,
Verwahrlosungswucht und
leerformelvages Verzückungsvolumen
hyperversiegelter Verfügungsdespotie?
Niemand doch,
so er luzide die Fakten sichtet,
erkennt so die Augenblicksgebundenheit
jeder sich selbst verbrämenden Vollendung.
Sei wortmagisch sie,
erotisch,
ästhetisch oder auch
metaphysisch.
Immer jedoch jenseits jener
weinerlich welttrivialen
Deklassierungs-Vasallität
pleonexieverstrickter
Verrohungs-Wichte.
Seiner selbst entraten (44/2378)15
Was hab ich mir
nicht alles aufgeladen
mit diesem Streben
nach Erkenntnisfülle,
mit dieser Sucht,
mich selbst nicht
zu verraten!
Riech ich doch überscharf jetzt
unsre Wohlstandsgülle,
seh ich auch überscharf
das fade Leben,
das wir als Warenfetischisten
müssen führen,
weil Tag für Tag
es doch als Last ausbaden.
Um dann erlebnismonoman
uns wieder selbst zu schaden.
Wobei wir unsre
Selbstachtung verlieren,
den Willen,
uns nicht alles zu vergeben,
den Stolz zuletzt,
als Knecht und Ding
auch unsrer selbst dann
zu entraten.