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Die Seite enthält 38 Gedichte
(D) Der kulturelle Niedergang der BRD*/Der Verfall der deutschen Sprache
Gründe für den Verfall der deutschen Sprache
(1) Der Mensch der Überflussgesellschaften begreift sich primär als Körper (in Konkurrenz zu anderen Körpern), nicht als Geist-, Intellekt- und Moral-Wesen, also nicht als Person. Er ringt mit anderen nicht um geistige Exzellenz, sondern um körperliche Vorzüge und konkurrenzfähigere Klugheitsstrategien, ringt mit anderen um Sexualpartner, gesellschaftliche Stellungen, Anerkennung (Prestige) und Bewunderung, berufliche Positionen usw.
(2) Der heutige Mensch ist sich selbst Kapital in den genannten Hinsichten; dessen Wert zu vermehren, er sich ständig bemüht (muss es auch in der Regel)
(3) Der heutige Mensch will sein Leben erleben (Gerhard Schulze), es aber nicht erfahren (soll heißen: unmittelbar genießen, aber nicht distanziert möglichst scharf (genau und also faktenkonform) erkennen
(4) Der heutige Mensch ist immer häufiger v. a. ein narzisstischer Existenzschauspieler, der nur sich selbst, nicht aber der Gesellschaft verpflichtet ist; es geht diesem Menschen nur um sich selbst
(5) Der heutige Mensch erlebt sich als Ware (er hat sich selbst verdinglicht zu optimier- und manipulierbarer Körperlichkeit), als Macht-, Markt- und Genuss-Potenz, Tauschobjekt, Zeitgeistfetisch usw.
(6) Der heutige Mensch ist ein auf sich selbst zurückgeworfener (verlassenheitsgefährdeter), in einer nihilistischen Welt existierender, verdrängungsintensiv sich selbst und seine objektive Lage vermeidender Markt-Spielball
(7) Der heutige Mensch ist hyperemotional; dabei geht es ihm um massiv ihn ergreifende und durchflutende Erregungszustände, die ich als Formen auch eines geistigen Selbstverlustes glaube deuten zu sollen; soll heißen: seelische Verarmung, die sich als „motorisch tobende Wortlosigkeit“ vollzieht. Es sei so ausgedrückt: Alle feineren Formen, insbesondere auch die geistig-erotischen, der Lebensfreude verschwinden immer mehr, soll auch heißen: Die Individuen unterliegen/sind disponiert zu einer permanenten, sich motorisch - kaum sprachlich (es sei denn in Form von Erregungs-Lauten: wow! fuck! usw.- sich manifestierenden Erregungszufuhr als Mittel einer Art von vereinheitlichter (auch: Verbrauch anregender) Emotionenbewirtschaftung, um sich von sich selbst als potentiell daseinsinkompetenten, gleichgeschalteten und wirklichkeitsflüchtigen Daseinsdesorientierten abzulenken. Indes: Soll, kann, muss, darf, will ich die Menschen bildungsarmer Sprachlosigkeit zeihen? Nein; darf ich und will ich nicht, schon weil ich mich, täte ich es, dann vor mir selbst lächerlich machte. Denn: In dieser heutigen, sozusagen klein gewordenen Welt verfügt keiner mehr über sich. Selbstbestimmungsfähigkeit in einer Welt wie der heutigen: einer globalen, nicht guten, aber auch nicht schlechten, sondern schlicht dauergefährdeten Welt pleonexiehöriger Wohlstands-Marionetten, kann es nicht geben; schon gar nicht, wenn man weiß, dass wir alle vollständig außengelenkt existieren
(8) Und: Wir sind alle ein rationales (Verstandes-) “Exemplar“ einer in mehreren Hinsichten sich selbst gefährdenden Art (homo sapiens); sie gefährdet sich
(a) ökologisch
(b) als transzendenzlose (metaphysisch enteignete: gott- und also: sinnlose)
(c) als kulturell-geistig arme
(d) als gesellschaftlich-sozial sich anomisierende/auflösende
(e) politisch wirklichkeitsverlustige
(f) technologisch sich selbst entmächtigende (KI)
(g) existenziell überhaupt als regressive (besonders: reflexionsregressive) Gesellschaft gewissermaßen - und zwar notwendig
(h) „autokatastrophal“ - n i c h t weil wir „böse“ (das ist ein theologischer Begriff, der den Menschen im Verhältnis zu Gott, seinem biblischen Schöpfer, beurteilt; nicht aber beurteilt den Menschen im Verhältnis zu sich selbst als zufällig entstandenem Atom-Konglomerat, fußend auf materiellen „Monaden“: Quarks und Elektronen, im Rahmen einer terrestrischen biologischen Evolution) wären, nein, deswegen: weil wir psychoethisch (seelisch-moralisch-geistig) nicht fähig sind, die Folgen unserer eigenen Rationalität zu meistern, Herren sein könnten/dürften unserer triebhaften Weltentbergungs-Sucht (naturwissenschaftlich-experimentell geleistet) und unserer technischen Verfahrensvirtuosität, deren Ergebnisse uns - nunmehr zu digitalen Knechten zu machen drohen.
(9) Dazu nun folgende Ausführungen: Spiegel-Artikel 40/2012: „Das Niveau sinkt“. Ein Interview mit dem Altphilologen Gerhard Wolf von der Universität Bayreuth, der (etwa 70) Professoren zur Studierfähigkeit ihrer Studenten befragte - und vernichtende Urteile bekam. Alle Hervorhebungen von mir, Sa. Ich zitiere eine Stelle aus dem Interview:
Wolf: „Die Defizite liegen vor allem in der Sprach-, Lese- und Schreibkompetenz, das haben alle Kollegen genannt. Damit gemeint sind Rechtschreibung, Grammatik, Syntax, Interpunktion, der Umgang mit den Tempora und der Wortschatz. Beim Lesen erfassen viele die Aussage eines längeren Textes nicht. Beim Schreiben und Sprechen können viele Studenten ihre eigenen Gedanken und Argumente nicht richtig ausdrücken. Sie schreiben in Vorlesungen nicht einmal mehr mit“.
Spiegel: „Das hört sich dramatisch an.“
Wolf: „Moment, ich bin noch nicht fertig. Auch das Fachwissen geht zurück, und die Allgemeinbildung ist bei manchen Studenten erschreckend. Einige glauben, der Zweite Weltkrieg habe im 19. Jahrhundert stattgefunden …“
Wolf: „Das Niveau sinkt …“
Spiegel: „Angehende Lehrer sind doch wohl der deutschen Sprache mächtig?“
Wolf: „Nicht unbedingt, die Mängel fallen mir da ebenfalls auf. Und da sich im Laufe des Studiums nur leichte Verbesserungen einstellen, entlassen wir Lehrer, die bei ihren Schülern nach meiner Schätzung maximal die Hälfte aller Fehler noch erkennen können.“
Spiegel: „Was ist denn der Grund für den Kompetenzverlust?“
Wolf: „Das Phänomen ist relativ neu. Die Studenten kommunizieren auf eine Art, die dem sorgfältigen Lesen und Schreiben im Wege steht. Damit meine ich vor allem Kurznachrichten per SMS und Twitter. Die können sich kaum noch längere Zeit auf eine Sache konzentrieren. Ihr Manko ist ihnen zwar bewusst, trotzdem scheint sie unser Anspruch an Sorgfalt zu nerven …“
Wolf: „Natürlich habe ich auch Reaktionen von Kollegen aus anderen Fächern bekommen: Ingenieurstudenten können nicht mehr ohne Taschenrechner rechnen, Architekten können nicht mehr zeichnen, Mediziner können keinen Arztbericht mehr formulieren …“
Weitere Ergebnisse aus Professor Wolfs Umfrage:
„Eine wachsende Gruppe von Studierenden ist den Anforderungen des von ihnen gewählten Studiengangs intellektuell nicht mehr gewachsen.“
„Die mangelnde Studierfähigkeit zeigt sich vor allem in der stark unterentwickelten Fähigkeit, kompetent und souverän mit der (deutschen) Sprache umzugehen.“
„Konjunktive schwinden aus den schriftlichen Arbeiten ebenso wie zunehmend alle Zeitformen jenseits des Präsens.“
„Studierende wissen nicht mehr, dass es in der Bibel ein Altes und ein Neues Testament gibt.“
„Der aktive Wortschatz schrumpft auf wenige hundert Ausdrücke, die penetrant wiederholt werden."
„Das Wagnis, ein komplexes Satzbaugefüge zu bilden, endet regelmäßig in peinlichen Niederlagen.“
„Schriftliche Arbeiten sind oft von einer erschreckenden Schwäche gekennzeichnet, eigene Gedanken auszudrücken oder Argumente vorzubringen.“
„Verstehendes Lesen ist eine Kunst, die kaum eine/r unserer Erstsemester beherrscht.“
„In Geistes- und Kulturwissenschaften erscheinen Studierende, die kaum einen syntaktisch und grammatisch stabilen Satz produzieren können.“
„Studierenden ist oft nicht klar, dass sie, um einen Text zu verstehen, zusätzliche Quellen (z. B. ein Lexikon) heranziehen müssen.“
„Verheerende Auswirkungen schreibe ich dem zutiefst inhumanen und leistungsfeindlichen
Noten- und Tempo-Fetischismus unseres Schulsystems zu, das ihn mit dem systemimmanenten Ansatz kombiniert, harte Leistungsfächer bzw. anspruchsvolle Pädagogen durch weiche Fächer bzw. schwache Lehrer, die gute Noten vergeben, um sich zu schützen, zu ersetzen.“
(10) Zitate/Auswahl
Gerhard Schulze (1992): ‚Die Erlebnisgesellschaft’, S. 58 f
„Im Entscheidungssog der Möglichkeiten wird der Mensch immer wieder auf seinen Geschmack verwiesen. Vor dem Fernseher beim Einkaufsbummel, bei der Auswahl des Urlaubsziels, im Zeitschriftenladen usw. muss man sich danach richten, worauf man Lust hat, wonach sonst? Der Handelnde erfährt sich nicht als moralisches Wesen, als Kämpfer für ein weit entferntes Ziel, als Unterdrückter mit der Vision einer besseren Welt, als Überlebenskünstler, als Träger von Pflichten. Wissen, was man will, bedeutet wissen, was einem gefällt. „Erlebe dein Leben!“ ist der kategorische Imperativ unserer Zeit.“
Robert Bly, Amerikaner, schrieb 1996 in seinem Buch: ‚Die kindliche Gesellschaft - Über die Weigerung, erwachsen zu werden’, S. 77:
„Das Individuum, das sich von der Anstrengung der Kultur verabschiedet, erhält dafür die Erlaubnis zum Narzissmus, Freiheit vom alten Unbehagen und eine Freikarte für das große Illusionstheater, in dem Phantasien aller Art auf dem Programm stehen. Man könnte auch sagen, dass der träge, lüsterne Teil der Seele die Erlaubnis erhält, zu tun, was ihm beliebt. Tausende anderer Halberwachsene in anderen Ländern werden das Verhalten eines solchen Menschen decken, so wie eine Truppe jeden Soldaten beim Rückzug deckt.“
Und S. 228 heißt es:
„Wir stehen heute alle vor dem Scherbenhaufen einer Schriftkultur, wir schauen auf die Ruinen von Bildung und Erziehung, auf die Trümmer der Familienordnung und des Kinderschutzes … Wir ertrinken in einer Flut von Informationen. Wir leben mit apathischen, mutlosen Jugendlichen, die keine Hoffnung kennen. Wirkliche Arbeit verschwindet allmählich, und wir konstatieren eine zunehmende Infantilisierung von Männern und Frauen.“
Norbert Bolz (Das konsumistische Manifest, 2002)
„Pleasure ist die Welt des begeisterten Kunden.“ „Markenprodukte besetzen Ideen, um sie schließlich zu ersetzen.“ „Es geht ( ... ) um Entertainment, Genuss, Lust.“ „ ...Deshalb kann nur noch das Neue (oder eben: die Neue) für wesentlich gehalten werden. Sein ist Erregtsein.“
Hans Ebeling (2002): ‚Denksturz der Moderne’, S. 28: „An die Stelle der Selbstbestimmung ist das Programm der angeleiteten Verwahrlosung getreten.“ Präziser kann man es nicht sagen (Sa.)
Arnold Gehlen, Moral und Hypermoral, Frankfurt am Main, 1973, Kapitel 12. Über Sprachlosigkeit und Lüge, S. 177ff
„Wir leben aus objektiven Gründen in einem Zustand der Sprachverarmung, die differenzierte Gedankengänge seltener macht … Damit steigt die Neigung zu moralisierenden Argumenten, um den Verständigungsprozess abzukürzen.“ Weiter Gehlen: „Diese Verarmung der Sprache erfolgte aus mehreren Gründen: Die Massenbildung bewirkt selbst schon eine Simplifizierung des Denkens, die Massenmedien arbeiten in dieselbe Richtung, und die Politik setzt oft ganze Bedeutungsfelder unter Druck. In dieser Hinsicht gibt es heute Beutebegriffe wie „Diskussion“, „Demokratisierung“ oder „autoritär“, die sofort jeden Sachwiderspruch zum Schweigen bringen.“
Georg Steiner, zitiert bei Gehlen, S. 177, führt aus, dass der heutige Autor (Steiners Beitrag stammt aus dem Jahr 1962) dazu neige, viel weniger und einfachere Worte zu verwenden, denn zum einen habe die Massenkultur die Fähigkeit des Lesens und Schreibens verwässert, zum andern habe sich die Anzahl der Realitäten drastisch verringert“ (Man brauche also, so verstehe ich, Sa., das, eben deshalb, weil die Welt sozusagen faktenärmer geworden sei, viel weniger Worte). „Und überhaupt stehe dem Halbgebildeten der Zugang zu wirtschaftlicher und politischer Macht offen, was ebenfalls zu einer „drastischen Minderung des Reichtums und der Würde des sprachlichen Ausdrucks“ geführt habe.
Heute, in 2024, haben wir freilich Zustände, die mich veranlassen, folgende, vielleicht für manche anstößige Behauptung aufzustellen, nämlich die, dass, um es drastisch auszudrücken, das Bewusstsein einer wachsenden Anzahl von Menschen
(a) zwischen medial verordnetem Stumpfsinn
(b) Flachschichtigkeits-Emotionalismus
(c) neurotischer Hypersensibilität gegenüber bloßen Worten
(d) dem gebetsmühlenartigen Wiederholen von ideologisierten (politisierten) Schlüssel-Tugendbegriffen und blauäugig-christlichen Beschwichtigungs-Leerformeln
(e) von Reklame-, Polit- und Schund-Medien-Sprech
(f) von Anglizismen primitivpsychischer Einheitskonditionierung (Beispiel: „fuck“), um auf diese Weise wenigstens formal erregungsdrastische innere Resonanz-Leeren - Marktabrichtungsverkümmerungen - lautlich zu unterscheiden und zu katalogisieren)
(g) Verbraucher-Idiosynkrasien (Überempfindlichkeiten) und - folglich -
(h) einer vollendeten Geist-Atrophie („Schwund“) faktendeutungsimpotent gleichsam in sich selbst verbannt, hin- und herschwappt; immer mehr auf entlastende Erlebnis-Magie verwiesen als auf auch sprachlich fordernde Realitätsbewältigungsaufmerksamkeit und Gedankenschärfe; die schwinden rapide. Feststeht indes: Das Geistige als Erkenntnisdrang ist per se asketisch: ablehnungsträchtig, skeptisch, resistent gegenüber den Belämmerungs-Finessen konsumdiktatorischer Daseinsprägungen; es muss - seinem Wesen nach - setzen auf Selbstmächtigkeit (Selbstbewahrung), Fakten-Entlarvung (Ziel: ein adäquates Selbst- und Welt-Verständnis); es zwingt seinen Träger zu Sachlichkeit, Redlichkeit, Wahrhaftigkeit, hält ihn an, verpflichtet ihn zu Bildungswilligkeit, persönlicher Reife, Lebensernst usw. usw. … das Geistige ist also angesichts der kollektiv grassierenden
(i) Pleonexie: Ich-, Hab, Macht- und Genuss-Sucht
(j) angesichts des allseits herrschenden Narzissmus (s . o. (D) (3), Anm.*)
(k) als Gegenmacht zu Zeitgeist-Kategorien wie Atheismus, Materialismus, Eudämonismus/ Hedonismus, Infantilismus, Nihilismus … nichts weiter mehr als eine Art „bizarre“ Persönlichkeits-Marotte, die für die allermeisten Menschen irrelevant ist, jedenfalls weltfremd-folgenlos, für alles heutige Geschehen bedeutungslos und tatsächlich so gut wie verschwunden: Die Menschen fühlen/sehen keinen Grund (sie hören auch von keinem; ja: eine mögliche Sehnsucht danach wird ihnen spaßentfesselungssubtil ausgetrieben), mehr aus sich zu machen, als leibdrangzentrierte Erlebnis-Jäger - und ich kann ihnen das nicht verdenken: Das Geistige marginalisiert, macht einsam, erregt Misstrauen, wirft einen auf sich selbst zurück, schmerzt gar zuweilen: Durchschaut es doch mühelos alle Formen der psychoethischen Verwahrlosung, der Verantwortungslosigkeit, der geistigen wie faktischen Korruption, der Dekadenz, der Auto-Deklassierung, der Selbst-Verheiligung, des primitiv-machtstrategischen Selbstbeweihräucherungs-Gehabes, weil alle diese Phänomene (und weitere fragwürdige, die hier nicht genannt werden) in der heutigen Überflussgesellschaft weit verbreitet sind, zumal in dieser einen idealen Nährboden haben.
Zu den Ausführungen bei Gehlen noch dies:
Die Verarmung der Sprache ist in einer mehr und mehr atheistisch-materialistisch-hedonistisch ausgerichteten Wohlstandsgesellschaft zunächst deswegen nicht zu vermeiden, weil die wirtschaftlich-technischen Bedingungen (etwa: progressiv vollzugsrationale Gewinnsteigerung, Digitalisierung, KI), Ziele und Zwecke dieser Gesellschaft (Sinngebung und Diesseits-Erlösung durch Erlebnis(-) Genuss-Konsum) automatisch den Abbau fein ausdifferenzierter Seelenschichten begünstigen, also: nach sich ziehen müssen, um sie dann immer mehr zu vergröbern - bis sie sich auflösen: Eine rein diesseitig ausgerichtete Wohllebens-Existenz muss mit geistiger Verarmung, Verrohung und Verkümmerung notwendig bezahlt werden; und zwar deshalb, weil sie, diese Wohllebens-Existenz - das scheint nur paradox zu sein, ist es aber nicht - ohne diese drei genannten Vorgänge der geistigen Verarmung, Verrohung und Verkümmerung gar nicht gemeistert werden könnte; eine rein diesseitig orientierte Wohllebens-Existenz zerstört das Sein des Menschen als geistarchaisch-irrationales: metaphysisches Wesen, d. h. als Geborgenheits- und Sinn-Sehnsucht in sich tragendes, auch selbstzurücknahmefähiges Wesen: Der heutige Mensch ist sich: m u s s sich - unumkehrbar - zum ersten Mal genau das sein (als genau das erfahren), was er, der Mensch, an sich schon immer war: Ein zufällig in eine völlig sinnlose Welt „geworfenes“, selbstbehausungsunfähiges Materie-Tier (vgl. (A)). Und eben genau dies weiß er jetzt, verdrängt es, völlig außerstande, es zu ertragen: Zeit, Körper, Ding, Systemdrangsal, Nichtigkeitsbüttel, Markt-Lakai und Verlassenheits-Monade zu sein, die sich an sich selbst vorbei schweigen muss … Weshalb er sich: Kreatur-Drangsal, in ständig sich wiederholende Erlebnis-Räusche wirft/werfen muss: in leibekstatisch provozierte Sprachlosigkeit: außengesteuert von sich abgelenkt in die Nebel konsumdiktatorischer Erlebnisschwaden gehüllt
Es sollte (bei Gehlen, s .o.) - die heutigen Bedingungen präzisierend heißen: „Die Massenbildung“ - unter den heutigen Voraussetzungen rationaler All-Entlarvung und nihilistisch forcierter Enthemmungsbedürftigkeit! - „bewirkt … eine Simplifizierung des Denkens …“, und die Massenmedien müssen „in dieselbe Richtung“ arbeiten, eben weil die Welt nunmehr lückenlos und vollständig das ist, was sie unter den angegebenen Bedingungen wurde: Eine Welt toter Fetische, verdorrter Seelen und tugendfanatisch verlogener Weltverbesserungs-Phantasien: Ding-, Körper-, Waren-, Verfahrens-, Gleichungs- und Erlebnis: Entlastungs-Welt …“
Um freilich meine Bemerkungen zum Thema „Kultur-, Geist- und Sprach-Verfall“ nicht allzu sehr auszudehnen, empfehle ich die aufmerksame Lektüre des 12. Kapitels von Gehlens Buch „Moral und Hypermoral“, wo sich nach meiner Meinung manches findet, was genau zu überdenken sich allemal noch immer lohnt. So etwa diese Feststellungen (S. 178:
(a) bis (c); und S. 182 (d)):
(a) Die Herstellung des Bewusstseins mittels technischer Apparaturen (nach Frank Benseler); ich denke da sofort an KI
(b) Gehlens Wahrnehmung einer geradezu zeitungshaften „Bewusstseinsstruktur“ (heute: einer digital geschaffenen Emotions-Wortlaute-Struktur)
(c) Der Verdacht Gehlens, dass die Phrase bis in die Organisationszentren des Bewusstseins zurückschlage, und dass man ungestempelte (meint: zeitgeistkonform ideologisch nicht „autorisierte“) Einsichten und Wertungen in das herrschende, verständliche Vokabular nicht mehr einbringen könne (so wie ich meine Gedichte in diesem nicht mehr verorten kann: sie sind, der herrschenden Wort-Sensibilitäts-Tugend widersprechend, weitgehend unverständlich)
(d) Zumal der Staat aus objektiven Gründen mit der Gesellschaft zusammen rinne, auf bestimmte, im Wesentlichen wirtschaftliche und soziale Aufgaben hin zweckrationalisiert sei, also auch verzichte auf den moralischen Schutz der Staatsbürgern voreinander, und gegenüber der Gesinnungs-Unterwanderung wehrlos werde, die er bei Mächten wie Kirche, Presse und Rundfunkanstalten selber privilegiert habe. Folglich entfielen allein schon von dieser Seite des Staates her die Gegengehalte, „die eine Gesellschaft verhindern könnten, das entgegen gesetzte Extrem zu erleiden, nämlich die volle Aggressivität der guten Sache.“ (die heute jeder kennt; vor allem auch als narzisstische Rücksichtslosigkeit und reflexionsarmen Phrasen-Stolz)
(11) Weitere Bemerkungen betreffend einige Grundlagen des Verfalls der deutschen Sprache
(a) Grundlage: Geistige Öde. Irgendwo habe ich gelesen, dass die Verderbnis der Sprache die Verderbnis des Menschen sei. Der, der das sagte, wusste ganz genau, wovon er redet: So ist es nämlich. Was aber bedeutet es unmittelbar für die Individuen überhaupt, wenn ihnen die sprachlichen Kompetenzen immer weiter abhandenkommen? Sie erleiden
(b) Selbst-Macht-Verluste (ein Verlust etwa von Existenzsteuerungs-Macht, die, verstärken sich Erkenntnis-, Deutungs- und Orientierungs-Schwäche schleichend immer mehr, dem entsprechend verloren geht; also es kommt zu massiven Selbst-, Welt und Wirklichkeits-Verlusten; und also auch zu Identitäts-Verlusten: man wird so entsprechend empfänglich für alle Arten von depersonalisierender Außen-Lenkung (Zentralbegriff in David Riesmans Buch: Die einsame Masse von 1953). Es handelt sich um eine geistige und kulturelle Entmächtigung, im Gefolge derer sie, die betroffenen Individuen, immer mehr einer ihnen letztlich schädlichen (mögen sie diese auch als lustvoll erleben) Zeitgeisthörigkeit verfallen (müssen); also auch einer sie fortschreitend gängelnden Marktknechtschaft
(c) Man wird sich, intellektuell-geistig-sprachlich geschwächt, mehr und mehr auf fremde Interpretationen der gesellschaftlichen Wirklichkeit - etwa auf mediale und politische - verwiesen sehen; das ist dann das Ende des von Kant als Aufklärungsziel propagierten „sapere aude“: „Wage es, zu wissen; denke selbst nach!“ usw.)
(d) d. h. aber auch, dass man einer Art Wirklichkeitsschwund sich ausgesetzt findet, zumal die Gesellschaft als kapitalistisch-technisch-naturwissenschaftlich getragene und verwurzelte für die Individuen tatsächlich immer mehr zu einem Monadenzwangsgefüge individueller Verlassenheit: zur Verdinglichungs-Traumtänzerei als technologisch hergestellte Vollzugsfiktion wird: Konditionierungsmaschinerie für Sozial-Monaden auf eine Art von „Fun-Stalinismus“ hin*
Anm.*: Ich gehe davon aus, dass der Mensch seine geistigen (sprachlichen) Fähigkeiten weiter einbüßen wird: er wird sich z. B. „erntfesselungsträumerisch-gefühlsprimitiv“ wappnen müssen dagegen, dass er (Stichwort: KI) nicht mehr wird wissen können, was wirklich, was unwirklich, was Traum, was Trug, was Wahrheit, was Lüge ist, was gilt, gelten sollte und was nicht; zumal er sie ansatzweise schon deswegen einbüßen musste, weil er kein metaphysisches Wesen mehr ist: Er hat Gott getötet (wie Friedrich Nietzsche sagte); hat er; und mit Gott die eigene geistige Essenz. Der Glaubensverlust bedeutet selbst schon „Verdiesseitungszwang und -drangsal“, also: Die Banalisierung der menschlichen Existenz: Der metaphysisch unbehauste (Georg Lukács) Mensch, der Wohllebens-Heide, muss sprachlich-geistig (im weitesten Sinne des Wortes), versagen/verkommen/sich verlieren; muss es, weil er als diese um seine materielle Existenz kämpfende Ich-Selbst-Einheit, alle große Sehnsucht (die ist metaphysisch fundiert), allen Antrieb zur Selbsttranszendenz, alle Selbstachtung auch, jedweden Antrieb, am Ende mehr aus sich zu machen als einen sich selbst beweihräuchernden Erlebnis-Verbraucher, notwendig verliert.
-----------------------------Ende der Anm.*
(e) Grundlage: Phantasielosigkeit: Der von der Reklame abgerichtete Kunde strebt nach spaßgeladenen konsumtiven Erlebnis-Vollzügen: Nach Effekten, Reizen, Emotionen vor allem, nicht aber nach Begriffen zu Erfahrungen, zur Existenz-Aufklärung, nicht nach
Selbst- und Weltverständnis: Phantasielosigkeit ist ein Bastard gängiger Pleonexie (Ich-, Hab-, Macht- und Genuss-Sucht), das Resultat einer Gier auf sich selbst)
(f)Grundlage: Narzissmus (s. dazu S.39). Dieser erfordert nicht differenziertes Sprechen über empirische: tatsächliche, reale Gegebenheiten, sondern Selbstinzenierungsverflachungsgeschwätz und -geraune, um sich als wichtiges Individuum in Szene zu setzen, andere zu beeindrucken, sich also interessant zu machen, gar sich selbst zu mystifizieren usw., um die Leute um den Finger zu wickeln, sie sich geneigt zu machen, um sie auszubeuten (machtstrategisch politisch, wirtschaftlich, sexuell usw.), nicht aber zu informieren, aufzuklären, zu bilden usw.)
(g) Grundlage: Emotionalisierung. Die provoziert das „Kippen in die Sprachlosigkeit“; überhaupt: Emotionen verlangen nicht nach intellektueller Differenziertheit, sondern nach expressiv geladener Körperaktivität: Singen und Tanzen, Schreien, Toben, Betasten, Erregungszustände gleich welcher Art. Differenziertes Sprechen freilich fordert körperliche wie geistig-seelische Konzentration, fordert Distanz zu sich als Begehrlichkeits-Befangenheit, zu sich als Trieb-Drangsal und zu sich als Subjekt seelischer Verflachung. Das übermäßige Verlangen nach expressiver Körperaktivität verweist oft darauf, dass den entsprechend sich verhaltenden Individuen das Belebende im Gemüt („Geist“ nach Kant) tatsächlich abgeht. Emotionalisierung der Individuen, die diese geneigt machen, sich den Verspaßungsorgien des Systems (etwa der Rock-/Pop-Musik) bedenkenlos zu überlassen. Emotionalisierung verstärkt nämlich entscheidend das sich Hingeben an Hedonismus, Infantilismus und Materialismus; und: die Neigung zu gängigem Narzissmus (als Authentizitäts-Inszenierungs-Magie all-desorientierter Ich-Schwacher). Weiter muss man so etwas wie fortschreitende sittliche Unreife in Rechnung (diese liegt im Wesen des Infantilismus) stellen, die freilich oft einhergeht mit Tugendfundamentalismen, primitivisierenden Weltanschauungs-Sottisen und Laisser-faire-Ideologemen, die ganz eng zusammenhängen mit der Korrumpierung und Lächerlichmachung von Reife, Ernst und überhaupt jeder Form von Konsum-Verzicht.
M. a. W.: Der spracharm-geistlos-narzisstisch sich grandios inszenierende, auf Erregungszufuhr und Emotionenbewirtschaftung angewiesene Mensch musste unter diesen Umständen Standard werden; und er wurde es, wurde es als Schund-Virtuose.
(h) Grundlage: Entweltlichung/Realitätsverluste. Diese ergeben sich schon aus der Tatsache, dass wir alle uns in „abstrakt-technisch-apparativ-erfahrungsmindernden oder affektentfesselnden oder verlockungsträchtigen Lebenswelten bewegen (müssen) - Beispiele: alle Arten von Kunstwelten wie etwa die Großstadt, das Büro, eine Bar, ein Pop-Konzert, Bahn- und Flughäfen, Sportarenen usw. usw. - kurzum: an und in künstlichen Orten als unnatürlich rational „dauerentwirklichten“ Örtlichkeiten, im Rahmen derer eine gewisse geistig-seelische Verarmung und Verflachung nicht zu vermeiden sein dürften, weil sie als „Monadenmassierungs-Orte“ zu verstehen sind: Als Orte einer Art Selbst-Entfremdungs- und Entfesselungs-Schauspielerei emotional identisch ausgerichteter Erwartungshaltungen
Weitere Anmerkungen: Paul Watzlawick sagt ganz richtig, man könne nicht nicht kommunizieren; das heißt aber nicht, dass man sich lückenlos selbst verstehen (tatsächlich konstruiert man sich mit Hilfe der Sprache) und überhaupt mitteilen könne; ich bleibe bei Georg Trakls gelegentlich geäußerter Meinung, dass man sich eben letztlich n i c h t mitteilen könne (so wenig, wie man ein Du verstehen kann). Dann stellt sich freilich die Frage, warum ich überhaupt Gedichte schreibe, wenn ich denn tatsächlich glaube, ich könne mich nicht mitteilen.
Nun:
(a) Um mich selbst zu bewahren (vor der mich ohne Unterlass heimsuchenden und auch übermächtigenden Überflussgesellschaft, in der ich mich zurechtfinden wollen muss: das ist ein evolutionsbiologischer Imperativ
(b) Um mich, mich selbst sprachlich entbergend, als möglichen Bedeutungszusammenhang muttersprachlicher Magie(!) zu schaffen - und zwar in ein Gedicht hinein
(c) um so auch mich winziges Teilchen baryonischer Materie aus seiner objektiven All-Nichtigkeit zur Selbstanschauung seiner als bewusstlos-stumm-zufälliges Ergebnis materieller Selbstorganisation zu Geist: Sein in Sprach-Magie zu gewahren; zuletzt
(d) um für ein paar Minuten oder auch Stunden den Pan-Nihilismus alles Seins zu meiden, zu vergessen, auszuformulieren, zu entschärfen usw. Was will ich mehr? Überrenne ich doch so scheinbar meine unaufhebbare Gebundenheit an jene Materialität (s. S. 39), um in der Fiktionalität des Geistigen (meiner Muttersprache) für ein paar Momente auch einer Sehnsucht gewahr zu werden, die naturalistisch gewiss zu erklären (Geist ist ein Nebenprodukt der Gehirnentwicklung), aber nur existenziell-irrational-menschlich zu begreifen ist: Ich meine die Sehnsucht des Geistigen nach sich selbst als Hyle-Transzendenz (Stoffüberschreitung) und die nach Vollendung: nach Gott, den ich - diese geniale Quelle tragender Irrationalität und Weltüberscheitungssehnsucht - aus der Kindheit ins Erwachsenenalter mitnehmen durfte -, auf dass ich ihn, mit ihm seelentief vertraut, nie mehr verlieren werde)
(e) Um mich, Gedichte machend, in die Lage zu versetzen, die Grundlagen, Objektivationsweisen, Ziele, Zwecke, Selbsttäuschungen, Bedarfsfiktionen: Werte, Illusionen usw. der Gesellschaft, in der ich lebe, zu begreifen (soweit dies eben überhaupt möglich ist) und also „geistig einzufangen“ - die heutige Gesellschaft, die sich nach und nach wohl selbst entgleiten wird, wie ich es angesichts der Entwicklungen der letzten ca. drei Jahrzehnte vermuten muss -, das muss ich versuchen und muss ich aushalten, denn diese Gesellschaft ist/wurde (ich muss es so sagen, denn es wird immer schlimmer) signifikant (s. S. 39):
(i) unmenschlich: gierig und flachschichtig
(ii) amoralisch, tugendhypertroph und feige
(iii) korrupt und verantwortungslos
(iv) verachtungswürdig verlogen
(v) unfrei (ihre, der Individuen dieser Gesellschaft, Freiheits-Ansprüche und Träumereien sind ausnahmslos Entlastungs-Fiktionen für Erlebnisbetörte)
(vi) trance-, drogen- und entwirklichungssüchtig
(vii) intolerant: wir sind unfähig zu Toleranz, weil wir, Toleranz einfordernd, intolerant werden müssen, denn: wir können, wie gesagt, weder nicht nicht wollen, noch nicht nicht werten. Es gibt also allenfalls tugendzwanghaft gewünschte, machstrategisch propagierte, als unbedingt an den Tag zu legende geglaubte oder Selbstbeweihräucherungs-Toleranz*
Anm.* Nur das Geistige allein bedarf keiner Toleranzforderungen, denn es kennt weder Rassen noch ethnische Gruppen, weder Adel noch Niedrigkeit, weder Pleonexie noch Narzissmus, weder Neid noch Gier, weder Machtsucht, noch Hass, noch Gewalt, weder Lüge noch Selbsttäuschung, weder Realitätsverweigerung noch Bereichs-Glorifizierung … Es ist aus sich heraus, als solches, asketisch-elitär ersehnte Vollendungs-Exzellenz; und wenn es sich als sich selbst in einem anderen Menschen erkennt/begegnet, dann glaubt es, von sich selbst trunken fasziniert, sogar an die Illusionen, die es, vollendungshungrig, sich von sich selbst macht (etwa die, irgendeine gesellschaftliche Relevanz zu besitzen)
Illusionen? Gewiss. Denn: Das Geistige ist nicht nur rational; nicht einmal vorrangig Intelligenz. Das Geistige ist vielmehr vor allem eine affektiv-irrationale: auch weltverachtend-metaphysische Sehnsucht, ist eben in der Tat auch eine Affekt-Kategorie, die das Sublimste und das Brutalste umfasst, was sich in der Tiefe menschlicher Widersprüchlichkeit als sich Sich-selbst-Ausgesetztsein finden mag: Hass, radikale Ablehnung, Verachtung, Inhumanität, Grausamkeit usw. usw.: Geist, das muss ich eingestehen, ist in einem etwas gleichsam Heiliges, sprachsublimes Künstlertum, radikaler Elitarismus und: Affekt-Primitivismus.
--------------------------------Ende der Anm.*
38 Gedichte:
Lob der Einsamkeit (40/2300)1
Ach du, geliebte Einsamkeit.
Wovor hast du mich nicht doch schon bewahrt!
Vor Langeweile, Du-Getue, Neid …
Was hast du mir nicht alles schon erspart!
So werd ich immer dich vorziehen
der Inszenierungssucht von Artgenossen,
die ihnen Zeitgeisthörigkeit hat leicht verliehen:
vergöttern sie doch deren Gossen.
Tatsächlich will ich nur für mich noch sein.
An stillen Abenden, dem Rausch ergeben.
Ersehnend mir in deren dunklem Hain,
dass ende all dies leere Streben.
Vergebliche Sehnsucht II (40/2301)2/Sonett
Es fehlt die metaphysische Magie:
Das Feingewebe Gottesleidenschaft.
Fort ist das kulturelle Was und Wie,
das aus den Zwängen kalter Einsicht rafft,
dass Sinn und Halt gab’s freilich faktisch nie:
Nur Macht und Habsucht fanden Seelen-Haft,
zu zwingen uns in Angst und Perfidie,
Vernichtungslust und Hass-Komplizenschaft.
Vielleicht ja wird’s zu einer Wiederkehr
der tiefsten aller Hirn-Fiktionen kommen:
Dass einst die Menschen, wieder gottesschwer,
von seiner tiefen Heilungskraft benommen,
noch mal erahnen seines Geistes Meer …
Von Stoff-Verfallenheit dann nicht beklommen.
*Perfidie: Hinterlist, Falschheit
Ein Gedicht machen/Variante I (40/2302)3
Was wäre tiefer denn als ein Gedicht zu machen?
Gewiss nicht übermächtigen durch Inszenieren.
Schon gar nicht dieses marktbefohlene Verflachen
in Zeitgeisttrancen: Pseudosinn sich zu verlieren.
Nichts ist beglückender. Was immer es auch sei.
Denn wer Gedichte macht, formt kalte Seelen-Trümmer von diesem all-verflochtnen Wohlstands-Einerlei,
verfügt etwa durch Kunstrausch: Rock-Musik-Gewimmer,
dem Hochamt aller Primitivisierungs -Zwänge.
Es ist der Geist - nur er -, der diese Farce legt bloß,
am Rand hin vegetierend fernab aller Ränge,
befreit von sich verfallenem Verbraucherlos.
So nie devoter Diener dieser Weltflucht-Schmieren.
Tugendkalte-Dekadenz (40/2303)4
Deutschland, Deutschland, horch! Das war’s
mit Seelenkälte und Gewissenlosigkeit.
Jetzt müssen schließen alle Puffs und Bars,
verglimmen alle Joints … Die Zeit
schreit auf aus Angst vorm Untergang:
Du hast dich, geistlos, völlig übernommen
mit dekadenzfundiertem Tugend-Überschwang …
im Schein von Würde zu verkommen.
Dein Masochismus ließ dich pflegen
sei es Gesinnungs-Idiotie
von Hybris-Zwergen, die Phantasmen hegen:
als Exzellenz sich haben freilich nie.
Allein: Du hast sie nicht, die kulturellen Kerne,
die dir erlaubten, selber dich zu meiden:
Du stehst dir selbst am meisten ferne,
so phrasenselig selbst dir zu entgleiten.
Zeuge deutschen Niedergangs (40/2304)5
Dass ich in einer Zeit des Rechtsstaats-Verfalls,
der fortschreitenden Innenwelt-Chaotisierung,
der verlorenen Daseins-Freuden
und der zerbrochenen Seelen-Halte lebe,
lebe zumal in einer hysterischen Zeit
narzisstischer Selbstbestandsloser,
verdorrter Psychen und gesinnungslinkischer Selbstverlust-Opfer,
das weiß ich sehr wohl, weiß es genau,
auch grobschlächtig und scharfsinnig genug,
ihre existenziellen Finten und Schliche
- hedonistische Wohllebens-Verdinglichungen -
aus ihren wesenstiefen Verrohungsverliesen zu locken,
um sie - es ist nicht schwer - auszudeuten
als ganz späte, wenn auch hilflose Versuche,
sich die eigene Nichtigkeit zu verbergen;
die Nichtigkeit eines Mammon-Potentials,
einer geistig toten Erlebnis-Monade,
einer enttierungsrigoros stramm auf Linie
getrimmten Reklame-Leiblichkeit
in einer ichsüchtig-korrupten Gossenwelt
menschlicher Armselig- und Hilflosigkeit:
Metaphysischer Heimatlosigkeit,
untergegangener Aufklärungs-Erwartungen,
gesinnungsethischer Leerformel-Magie,
eingepfercht den immer enger werdenden
Psychenscharten totaler Verlassenheit.
Entlastungs-Büttel (40/2305)6
Heimgesucht in jeder Stunde
von gesellschaftlichen Lasten,
nicht Person mehr, nur noch Kunde,
seine Existenz zu tasten
als perfides Ich-Kalkül,
exemplarisch eingezwungen
Medien-Hysterien mit dem Ziel,
dass man sei als Knecht gelungen …
Konfrontiert mit Tugendschemen,
Populismus, Trug und Amoral,
muss man Schein sich anbequemen:
Spaßentlastung, Trance und Zahl.
Noch einmal zu grundlegenden Defiziten einer sich selbst ruinierenden Gesellschaft (40/2306)7
Da fehlt die seelische Finesse,
es fehlen Geist,
Charakter, Anstand, Würde,
der Wille auch,
sich selbst zu meistern;
Macht fehlt zumal,
sich selbst zu übernehmen.
Man will sich eher doch
als Seins-Abszess,
als daseinshilflos,
permanent sich Bürde,
als Tingeltangel-Ich
sich zu begeistern:
als Nihilismus feiles
Sich-Entschämen,
das knechtisch
in sich selber kreist.
Kollektiver Wirklichkeitsverlust (40/2307)8
Dazu gehören? Hier? Indes: Wozu?
Das hieße doch, sich selbst verfehlen,
das hieße dienen Wir und Du,
vor allem: all-durchschauten Marktbefehlen.
Kurzum: Ich bleibe hier allein für mich;
in meinen Einsamkeiten.
Zumal doch nur noch Pseudo-Ich,
gepfercht in kollektive Trance- Einheiten …
Auf Deklassierungs-Fun verwiesen,
auf Reiz, Effektschaumschlägerei und Sensationen,
um mich allein am Ende zu genießen:
mit Kunden-Manna zu belohnen …
als Glück, Erfolg und Überragen,
als Macht, Prestige und Lust.
Die freilich sämtlich nur noch scheinbar tragen,
entborgen kollektivem Wirklichkeitsverlust.
*
Doch niemandem sei‘s vorgehalten,
wenn er auf Rausch und Eskapismus setzt;
ist es doch schwer, sich menschlich zu gestalten,
von sich, von Du und Wir und Welt gehetzt.
Zumal er das ist, was er sein ja muss;
ist er doch ausnahmslos determiniert:
Atomgefüge-Spielball bis zum Schluss,
als welcher er ein Leben lang nach sich nur giert.
So wird man jedem wünschen, dass er’s schaffe,
sich halbwegs elendsfrei hier durchzubeißen:
Dass er zuweilen sich ein Glück erraffe,
das ihm mag Sinn und Halt ausweisen.
Leib-Ekstase/Sonett (40/2308)9
Man mag es drehn und wenden, wie man will:
Man kann’s nicht fassen; allenfalls es deuten:
Es bleibt verschlossen: sinnlos stumm und still;
andeutend nur, man solle es vergeuden:
Es nehmen hin als Nihilismus-Drill
in allen Niederlagen, allen Freuden;
um irgendwie zu meistern all den Müll
von Phrasen, Lebenslügen, Schund-Ausbeuten.
Indes mag’s auch mal eine Stunde geben,
die bis zum Grab hin man dann nicht vergisst:
Weil sie ein Ende setzte allem Streben,
war Augenblicks-Genuss: Vollendungs-Frist.
Um leibentfesselt so in Rausch zu heben,
als sei der Gottes-Güte abgeküsst.
Weigerung (40/2309)10
Ich will mich selbst nicht
nach dem Markttakt flöten.
Ich will das nicht;
auf keinen Fall.
Will auch nicht bloß
Fiktionen löten,
will keinen Anerkennungsplunder.
Schon gar nicht platte Emotionen,
so silly trash-Gefühle …
Schon gar nicht schlucken
Machtrausch-Stuss …
Will überhaupt nicht Zeitgeist-Drill:
Erleben nur noch Warenwunder,
dann: jagen nach Millionen.
Ich will nicht ständig
Zirkus-Spiele …
Ich will mich selbst:
Wie ich sein muss.
Ohne Titel (40/2310)11
Was meint Geschichtsfortschritt,
was Freiheit, Wahrheit*, Toleranz?
Humanität gar, Geist, Vernunft und Güte?
Nun: Bloßer Worte Tranceverschnitt,
sich zu verhehlen, dass in der Substanz
notwendig tiefster Nihilismus wüte;
dass keiner war je, der sich nicht entglitt:
Bedürfnis-, Trieb-, Verfalls-Brisanz …
Verlassenheit verglühte.
*Wahrheit: nicht rational-analytisch-mathematisch-logische ist gemeint, sondern: weltanschaulich-existenziell-ethisch-metaphysische (die man freilich für eine solche nur hält).
Sapiens-Schicksal (40/2311)12
Verschwand doch eine Wirklichkeit,
sodass nur blieb ein Faktenmeer;
von allen Sinnzusammenhängen leer;
als Innenweltgeleit.
Um so sich selbst dann aufzugeben,
verzweifelt hoffnungslos geworden,
sich nihilistisch zu verschweben
in allgelenkten Mammon-Horden.
Das Ende? Eher kulturell bedingt
als ökologisch, technisch oder formelhaft.
Weil ohne Wirklichkeit kein Sinn gelingt.
So Anomie und Todessehnsucht schafft.
Anm. *: Diesem Gedicht liegt die Unterscheidung von Realität (= Faktenmeer) und Wirklichkeit (meint: einen kulturellen - metaphysischen, ideellen, traditionsgewachsenen, Selbstverständlichkeiten, die zu hinterfragen niemand sich gedrängt fühlt, bietenden – Überbau) zugrunde. Und eben genau der letztere fehlt den gegenwärtigen Überflussgesellschaften; und das ist eigentliche Grund, warum sie zu zerfallen drohen; à la longue auch die nicht-demokratischen)
Gedicht 2 (40/2312)13
Entfesselung, verfügt durch Marktvorgaben;
wie etwa der, sich wahllos auszuleben,
sich einzufühlen allen Illusionen,
die von sich selbst ablenken: einer Umsatzgröße …
Sich Hedonismus-Spuren einzugraben,
sich ja nichts an Berauschung zu vergeben:
sich setzen auf gebotne Wohlstands Kronen:
vollziehend konsumtive Selbst-Synthese.
Was zählte da ein unbedingter Wert,
ein innerer, mit keinem zu vergleichen*,
wenn das Diktat des Stoffs in einem gärt?
Wenn man gelockt wird von Substanz-Ekstase,
entlastend bis in tiefste Wesensschichten,
weil in ihr los ist sich als Daseinsfron:
Als Druck und Zwang gesellschaftlicher Maße,
Monade von Verlassenheits-Verzichten …
Verrauschend doch in Lust und Körper-Mohn.
*Würde - nach Kant
Mammon-Heiden (40/2313)/Sonett/14
Ist jede Wirklichkeit doch längst verschwunden;
und mit ihr alle Selbstverständlichkeiten.
Es glimmen nur noch Nihilismus-Lunten,
Verbraucherkörper in Fiktion zu leiten.
Auf dass sie Selbstverfügungsmacht entgleiten,
in Traumwelt-Emotionen schierer Kunden,
sich als Effekt-Phantastik zu erleiden
auf immer gleichen vorgegebenen Runden.
Gesäumt von Würde-Mären, die erhöhen,
sakralisieren wollen alle Gleichen:
Die Mammon-Heiden, von sich selbst getrieben,
die sich Erfolg und Ich-Geltung erflehen,
vor allem dies: den Gipfel zu erreichen,
sich selber auszuleben nach Belieben.
Nach und für Immanuel Kant (40/2314)15
Wenn der Wohlstand Selbstzweck wird,
dann ist Würde ausgeschlossen.
Weil dann bloße Ichsucht girrt,
wird als Heilszustand genossen;
wird als höchstes Gut verehrt,
als Erlösungszustand und
Lustmacht, die Vernunft zerstört …
Würde raubt so allen Grund.
Synthesis II (40/2315)16
In einem Sumpf von Korruption,
von Lebenslügen, Wesensfeigheit, Perfidie,
werd ich geworfen hin und her,
unfreier Teil doch dieser Selbstverfehlungs-Barbarei.
Das macht mich todessüchtig, weil ist Dauer-Fron
vin wirklichkeitsvergessener Magie
als Spaßgefängnis, Selbstaufgabezwangs-Auszehr:
Als Sinnbetrug in absolutem Einerlei.
Wenn man’s begriffen hat, dann ist man isoliert;
sei’s kulturell, sei’s psychisch, sei’s sozial.
Erfährt man doch ein Niedergangs-Geschehen
verblendungsdekadenter mainstream-Arroganz.
Bis man die Kraft hat, es ganz ungerührt,
als factum brutum: Hyle-Laune ohne Wahl:
Determinismus-Krake es zu sehen …
Als Zufalls-Dasein ohne Geistsubstanz.
Das Ende der Person (40/2316)17Sonett
Es ist die Zeit, in der sich leis verlieren
die stillen Freuden und die Heiterkeit,
Identitäten schwinden im Geleit
von Moden, Hysterien und Allüren,
sich selbst als gleiches Weder-Noch zu küren;
entscheidend ist das Äußere: Das Kleid.
Das Selbst verschwand als Trance im Show-Geleit:
Der Körper will und muss sich selbst aufführen.
Wer wäre denn noch fähig, sich zu halten
an Selbstbestände, die die seinen wären?
Wer ist nicht dauernd tief in sich gespalten
in Medien-Abklatsch und Subtil-Gewalten,
die ihn mit Trug versehen und mit Mären,
gestuft nach Illusionskraft, Schein und Schwären?
Macht und Würde (40/2317)18
Macht ist die Droge kleiner Seelen,
die sich auf diese Weise Inhalt schaffen:
Als Ichsuchtsog sich aus sich selbst zu stehlen
im intriganten Kreis von Affen.
Macht, das ist Drangsal, Bürde, Last;
indes d a s Mittel auch, sich zu verhehlen,
dass sie zu Nichtigkeit ist kein Kontrast,
die doch so tief kann quälen.
Indes die Würde-Exzellenz ist selten*;
und sie allein macht zur Person*:
Zum Nicht-Ding; so allein kann gelten
als autonomer Selbstverfügungs-Lohn.
Ist doch die Würde Geistesmacht*,
die einen lässt sich selber* transzendieren
als Teil von dieser Sinnenwesen-Schlacht,
die freilich alle wir zuletzt verlieren.
*Anm.: Als überzeugter Inkompatbilist (der die Meinung vertritt, die Vorstellung der Freiheit des menschlichen Willens sei unhaltbar: sei unvereinbar mit dem alles beherrschenden natürlichen Determinismus) scheine ich mir zu widersprechen, wenn ich in dem obigen Gedicht die mit einem * versehenen Gedanken ausspreche. So etwa, dass die Würde Geistesmacht sei, die einen zur Person mache, befähige, sich einen selbst als Sinnenwesen zu transzendieren. Der Grund? Ich würde mir sehnlichst wünschen (von diesem Wunsch sind die Zeilen des Gedichts inspiriert), es gäbe eine Vereinbarkeit von Willensfreiheit und Determinismus … obwohl ich weiß, dass das eine völlige Illusion ist.
Realitätszersetzung (40/2318)19/Sonett
Wenn ich es distanziert und kalt betrachte,
auch von Beschönigungen Abstand nehme,
dann spüre ich die intellektuell bequeme,
durch technische Magie zumal entfachte
Realitätszersetzung in verflachte,
Enthemmung hechelnde Gefühlsextreme -
Ein Kernzwang nihilistischer Systeme:
Dass man, vereinzelt, das System anschmachte.
Das ist das Schicksal von uns Zeitgenossen:
Dass psychisch wir, verkommen, sind frigide
und, leeren Sollens-Hülsen ausgeflossen,
dasselbe wollen ohne Unterschiede …
Uns zu verwandeln, Stumpfsinn eingeschlossen,
zu Reizverwertern ohne Selbstwertblüte.
Todessehnsucht II (40/2319)20
Dass die mich heimsucht
immer öfter,
das kann und will ich
gar nicht leugnen.
Noch kann’s mich wundern,
weil ich weiß,
in welcher Welt ich lebe,
wie, mit wem.
Da tobt ein aggressiver Klüngel,
ein seelenlos-banaler Haufen
von Ich-Maroden,
die, korrupt und schäbig,
von sich verlassen und
verwahrlosungserpicht,
sind schundfrigide, würdelos
sind, glücklos dorrend,
aus sich selbst verstoßen,
narzisstisch hilflos
nur noch Scheinbelang.
Indes auch völlig schuldlos:
Ausgeliefert Ratio-Zwang.
Und dessen Deklassierungs-Losen.
Die alle ihrer selbst benehmen:
Die Kleinen wie die Großen.
Und manche süchtig machen
nach den stummen Krumen,
wo keinen Stich mehr machen
jene Schemen,
sich dürfen Nichts:
Erlösungs-Stille anbequemen.
In schnöder Welt anom sich selbst abhanden (40/2320)21
Man kann sich in sich selber nicht mehr bergen.
Weil man sich längst abhanden kam.
Wer müsste denn auch psychisch nicht verzwergen,
doch ständig ausgesetzt Gesellschafts-Kram:
Reklame- und Parteien-Lügen,
den Zeitgeist-Propaganda-Tücken,
Hört auch von vielen krummen Machenschaften,
besonders solchen ohne Scham …
Gesindel oben, willig zu betrügen,
dann auszunutzen auch Gesetzeslücken.
So wie’s die Parasiten unten machen
- inzwischen mehr denn je -
die über Anstand, über alles lachen,
doch Schutz genießend durch die Würde-Fee.
Und dann ist man noch täglich konfrontiert
mit allerlei globalem Gram:
Mit Kriegen und Gewaltverbrechen,
mit Ausrottung und Fanatismus-Hass,
Narzissmus-Stumpfsinn, der sich inszeniert
als smarter Alleskönner, klug und weise,
als großer Sieger, allergrößtes As …
Tatsächlich ein Stück Hyle-Scheiße.
Wie diese ganze, so verkorkste Welt:
Man kann da nur noch seinen Vorteil jagen,
indem man sich an Spaßbetäubung hält,
an Coolness und Charakterlosigkeit als Zelt,
um in Verkümmerung dann (Seelentod),
in Selbstverlust und Gierknechtschaft sich einzugraben.
Dann … Am Ende (40/2321)22
Und wenn’s dann so weit ist,
werd ich -
falls geistig überhaupt noch wach -
werd jammern ich,
werd winseln gar;
verraten alles,
was ich je gewann
an Einsicht, Geisteszucht
und Seelenstärke.
Weil ich nicht werde
sterben wollen können,
weil mich dies Leben,
höhnisch radikal,
wird biologisch
an sich selber fesseln.
Obwohl es,
ganz genau genommen,
nur eine Nichtigkeit,
ein Gramgefüge,
oft Fron nur ist,
so sich kaum lohnt:
In keiner Stunde,
selbst der tiefsten nicht:
Von Eros, Geist
und Leibsucht-Trance
geadelt.
Präferenz (40/2322)23/Sonett
Mein Gott, wie einfach er gestrickt doch ist!
Der Mensch, dem’s primär doch um sich nur geht,
der Illusionen sich und Rausch eindreht,
um zu verhehlen sich: Er ist nur Frist,
ist Ichsucht, Leibdiktat und Phrasen-List …
Verfallsgefüge, das in Traum verweht:
Ein Triebdruckwesen, das sich nie gesteht,
dass es nur Selbstbetrugs-Phantasmen hisst.
Doch habe ich ihn immer vorgezogen
dem arroganten Intellektuellen,
der idealbesessen ist: verlogen.
Ein Pfaffe, sinnend ideale Wellen,
der sich verliert in Utopismus-Wogen,
die schwappen dann bis in Geheimdienst-Zellen.
Alters-Lage (40/2323)24/Sonett
Längst gehn die Tage ohne Inhalt hin.
Ich bin allein und weiß, so wird es bleiben,
dass ich auch Medienstuss muss hin mich geben,
mir zu ergattern etwas Abwechslung.
Wiewohl ich weiß, dass ich Lakai nur bin,
der sich durch Show und Schund soll hintertreiben,
um nicht so schwarz zu sehen dieses Leben:
Als Selbstverdummung mittels Phrasen-Dung.
Was es tatsächlich ist schon ziemlich lange:
Politshow, Lachgasorgie, Reize-Plunder:
Ein Emotionsgewirre von der Stange.
Kurzum: ein schlichtes Unterdrückungswunder,
auf dass ich mich in Spaß-Diktat verfange:
Infantilismusneigung gebe Zunder.
Das Materiegebilde Mensch in Überflussgesellschaften (40/2324)25
Ein Fleischgefüge, ein Bedürfnisdrang,
ein Dauer-Hecheln nach Fiktionen ...
emotionaler Überschwang,
sich rauschbegierig zu belohnen;
sich mehr und mehr zu schönen Faktenzwänge
durch Drogen-, Sex- und Selbst-Konsum,
auf dass man selbststumm sich gelänge
als individueller Gossen-Boom.
Das alles als Moment-Erleben,
sich seiner selbst benommen,
Spaßwang zu versinken:
orgiastisch-mystisch selbst sich zu verschweben,
um sich als Seelenwüste auszutrinken.
Ein Leben (40/2325)26/Sonett
Es war ein eher anspruchsloses Leben,
am Rande der Gesellschaft zugebracht;
ein geistiges, nicht konsumtives Streben,
auf Einsicht und auf Einsamkeit bedacht.
Nie gab ich viel auf diese Wohlstandsschlacht,
ihr hedonistisch fremdbestimmtes Beben
in Selbstverdinglichungs- und Lust-Andacht,
Entfremdungsrausch-Magie sich zu verweben.
Indes nur so dies Dasein kann gelingen,
dem geistige Entlastungsmittel fehlen,
mit Nichtigkeitserfahrungen zu ringen,
mit Selbstverlustgefühlen sich zu quälen.
Gar bis zu dieser Ahnung vorzudringen,
dass man als Markt-Lakai kann gar nichts zählen.
Alters-Resümee/Immanuel Kant zu Ehren (40/2326)27
Mir war das immer ziemlich klar:
Dass ich nur eine Umsatzgröße,
an sich ein Mammonbüttel war und bin …
Und objektiv nichts weiter faktisch.
Ein Kunde, seiner selbst benommen
als Würdeträger, Zweck an sich, Person …
den man belämmert, beutet aus
als Zweckabstraktum einer Rechtsfiktion.
Was führen muss zu einer Barbarei,
pleonexieerfüllt gewissenlos,
wenngleich nicht einer kollektiven,
getrieben kriegerisch vernichtungslüstern.
*
Indes die Nachkriegszwänge
waren nicht danach,
subtilem Geist die Zeit zu geben,
solch Menschenwesen zu entlarven.
Man brauchte eine Zweckmoral
für einen völlig neuen Staat:
den einer Volksherrschaft
mit Tugend-Exzellenz …
Als Schein von Antibarbarei,
dass aus den Seelen schwände
das Faszinosum der Amygdala
enthemmungstiefer Mord-Magie.
Andeutungen zu meiner Haltung zu meinem möglicherweise untergangssüchtigen Land (40/2327)28/Sonett
Was sollte, könnte ich von mir denn sagen?
Dass mir nichts liegt an Massenlebenswerten?
Dass ich nicht viel auf Staatsschauspieler gebe,
sie bloß als feiges Mittelmaß empfinde?
Das keine Mittel hat, sich selbst zu tragen,
ergeht in machtstrategischen Gebärden,
versichernd, dass dies brüchige Gewebe
von Wohlstand bleibe ewig Sinn-Gebinde.
Dass ich an dieses Deutschland nicht mehr glaube,
das, kulturell entkernt, sich hingibt Phrasen;
indes nicht fähig ist, sie auszudeuten …
Ein Land, erstickend unter einer Haube
von es zermürbenden Human-Ekstasen
orientierungsloser Würde-Meuten.
kairosintuitiv* (40/2328)29
In einer Welt von Trance-Schikanen
und rationaler Aggressivität,
zieht man, Subjektnorm, vorgegebne Bahnen,
von Selbstverlustgelegenheiten übersät.
Bewegt sich als sich seiner selbst benommen,
sodass man selber sich nie haben kann,
substanzverfügt dann anzukommen
in einer Psychen-Leere als Verspaßungs-Bann.
Weshalb zu glauben, man sei mehr
als nur materielle Ich-Einheit,
ist nur ein Hirnspiel - gegenhehr;
weil Selbstverfall und Dauereinsamkeit.
*Kairos (καιρός): Der günstige Augenblick, die günstige Gelegenheit …den, die man erkennen und dann ergreifen muss, weil zögert man, sodass der Kairos vorübereilt, man sich damit abfinden muss, dass er als dieser nie wieder kommt
Hoffnung delirierend (40/2329)30
Bald werd ich all das hier
vergessen dürfen:
Entfesselungen, Niederlagen,
Illusionsgefüge …
Indes auch Einsichtsschweren:
nihilismusträchtig …
Und diese Masken-Schemen,
der sich selbst am meisten
entfremdeten Erlebnis-Iche …
Vielleicht noch fähig,
jener zu gedenken:
der Zufallsglücke mancher Nachmittage,
auch der der Abende
und Wochenenden.
Verfallen Körpersüchten,
die nie trogen …
vergessen lassend
allen Fakten-Gram.
Was ich bin II (40/2330)31/Sonett
Für mich steht fest: Ich bin ein Nebenbei
der Hyle, die sich selbst organisiert.
Die keinen Augenblick lang Sinn berührt,
von Geist: Subjektphantastereien frei.
Ich bin ein Wimpernschlag, ganz einerlei,
der sich in Nu als dessen Nichts verliert;
als Körper doch auch auf Vernichtung stiert;
wohl ahnend, dass der Tod Erlösung sei.
Das ist auch so; doch man verhehlt es sich:
Tut groß mit Wohlleben, Erfolg und Macht,
heraus zukehrn vor andern sich als Ich,
das sich doch ausgesetzt ist: ist sich Nacht
als deutungsloser Nihilismus-Stich
und seines Hyle-Seins Substanz-Andacht.
Todessüchtige All-Transzendenz (40/2331)32
Ein später Morgen steigt herauf
aus diesem hochkomplexen Spiel
von Werdens- und Vergehens-Zwängen.
Er bringt mich näher meinem Ende,
das mich erlösen wird aus diesem Kreis
von Scheitern, Schmerzen und Verlassenheit.
Um wieder einzugehen einem Nichts,
entronnen dann sei’s Welt, sei’s Wir,
sei’s Du und Ich, dem allen hier,
das sinnlos lockt: substanzprekär;
in dionysische Verkümmerungen
als Täuscher-Schemen fremder Iche.
Substanz-Entbergungen (40/2332)33
Verblendung, Hybris und die Sucht,
per Sprache selbst sich auszubooten,
vor etwas angstgefangen auf der Flucht,
das sachlich intellektuell sich auszuloten
den meisten nicht gegeben ist:
Ich meine diese Markt-Misere,
die Zweck und Halt und Wert auffrisst,
auf dass man zwanghaft sich verzehre,
Fiktionen bilde, die bewahren,
erlauben, sich hier durchzulügen,
gestützt auf Lust-Exzesse, Drogen, Waren,
sich einen Daseins-Sinn zurechtzubiegen …
Das ist uns Schicksal: Eines ohne Würde:
Materie-Monaden eben Wesens-Bürde.
*
So muss ich manchmal Fakten deuten,
ich kann nicht ewig mich betrügen;
zumal nicht Ideal und Trance aufsitzen;
will nicht an Götter mich vergeuden,
noch Selbst-Trug mir in tote Worte ritzen.
Zu trösten mich mit Scheinwelt-Siegen.
*
Indes es oberflächlich dennoch halten;
denn oberflächlich ist es alle Stunden,
in denen’s gilt, sich zu gestalten
als Prototyp des freien Kunden.
Des Kunden, der es aufrecht hält
dies Dauerglitzern leerer Glücksversprechen,
bis irgendwann dann deren Farce sich hellt,
und er dann muss sich als Phantom verzechen.
In der Nacht vom 2.1.26 zwischen 2 und 3 Uhr (40/2333)34
Arrogant, prinzipienlos,
kaum gebildet, mittelmäßig,
schwerstnarzisstisch machtbesessen,
phrasenhörig glaswortseicht:
plump-rhetorisch rigoros,
psychoethisch dumpf und bräsig,
zu verhehlen diese Blässen:
Dass man Eignung nicht erreicht.
So in etwa all die Nieten,
die politisch streng versagen,
haben nur Geschwätz zu bieten,
weil ganz hilflos vor den Lagen.
Deutschland stur ins Abseits tragen:
All-Verwahrlosung beschieden.
Kaum indes auch zu vermeiden,
weil an Würde-Siechtum leiden,
Geistes- und Vernunft-Verlusten
Staat und Recht, die längst verkrusten,
längst zerfallen, sich entgleiten,
Fanatismus weichen mussten,
Seelendürren und Verbrechen,
die sie nunmehr sich verzechen,
weiter dann sich auszubreiten.
Indes deutsche Tugendbolde,
suchtdebil, krank, faktenfremd,
fördern so anom entrollte
Dekadenz, von nichts gedämmt.
Niedergang scheint das gewollte
Nahziel, subjektiv enthemmt:
drogenpriesterlich verbrieft gesollte
Selbstvollendung, rauschenthemmt.
Spätnachmittags-Einsicht (40/2334)35
Das Sterben hat doch auch etwas zu bieten:
Bewusstsein geht - Die Leidens-Daseinsgrößen
entziehen endlich sich dem Dauer-Brüten,
ob man nicht doch sie könne irgend lösen.
Kann man nicht, weil Zeit, Gesellschaft, Wesen
- Irren, Täuschen, Ich-Verluste, Selbstausbeutung auch -
uns sind in keinem Augenblick sei’s soweit auszulesen,
dass nicht sie wären nur ein blasser Schicksals-Hauch …
wären mehr als nur naive Traumweltschlieren.
Sei’s von Glücken, Freuden, gar Vollendungsweisen …
Leben heißt nun mal, sich Illusionsgefügen zu verlieren,
um diese dann als höchste Güter sich zu preisen
Verdinglichungsbegrenzungszwang (40/2335)36
Was hätte ich denn sonst
Da war doch gar nichts da!
Nur dieser Leib allein -
Und den, den hab ich
wollen müssen:
Als All-Bedarf und Fleisch-Manna.
Auch mich von meiner
Selbstlast zu befreien:
Von jener Einsichtschwere
in jenes Leibes Seufzerreihen,
zu schöpfen Lethe-Trance:
Bewusstseins-Kehre.
Doch dauern konnte
diese Rettung nicht.
Ist Eros doch schon lange tot:
Den Seelen fehlt sein Geistgewicht.
Was Körpern nimmt
dann jenes Gottes-Lot.
Zustandsbeschreibung (40/2336)37
Werd physisch schwach und immer schwächer,
entsprechend psychisch antriebsloser;
und so denn müder auch, hier auszuharren
in diesem Käfig ich-prekärer Lebenslügen.
Indes: Wofür auch? Nun, bedenk ich’s recht,
so muss ich sagen, es ist würdelos,
ist eine Affen-Farce als Wert-Misere,
ist faktisch eine Mammon-Sause
begrifflos Trunkner von sich selbst;
ein glücklos-märchenhaftes Kultgehabe
sich selbst entfremdeter Gehirn-Monaden,
die, geistig hilflos, sich in Phrasen betten.
Tyche-Liebling (40/2337)38
Hab immerhin von früh an schon gewusst
von meiner eignen absoluten Nichtigkeit;
zumal das Glück gehabt, zu vegetieren hin
in Einsamkeit, Verachtung, Dauerspott.
Das hat mich selbstsiech anspruchslos gemacht,
verfeinert faktensüchtig: leerformelimmun …
Hat schmerzlich-seelenkalt mich dies gelehrt:
Was Artgenossen sind, sein müssen:
Unschuldig Welt prekär verfügte Tiere,
Neuronen-Büttel eines Existenz-Alptraums,
den niemand jemals zu bestehen fähig ist
als kantische Person: als Zweck an sich.