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Diese Seite enthält 51 Gedichte 

Frage und Antwort (75/4052)1

Als Kleinbürger, Massen-Spross,
Verächter dessen,
was heutzutage als Kultur gilt -
der Begriff ist völlig beliebig,
nichtssagend,
gar lächerlich geworden -,
muss ich mich schon fragen lassen,
warum ich denn eigentlich
Gedichte schreibe.
Die Antwort indes ist ganz einfach:
Um mir selber,
meinen Mitmenschen
und überhaupt
dieser sich maßlos
selbst überschätzenden,
dauererregten,
hysterischen
und mehr und mehr ihrer selbst
sich entgleitenden Welt
zu entkommen.

Das Geschenk des Realitätssinnes (75/4053)2

Was will ich mehr?
Ich durfte meiden
Systemverknechtung,
also: Selbstverluste.
Durfte der Diktatur
von fun und wow
entgleiten ...
Die Kerne greifen,
nicht nur Krusten.
Durfte die Lagen sehen
wie an sich sie sind:
Befehle,
stets für sich nur
einzustehen,
weil sonst man wird
doch tugendblind:
naiv verführt dann
wie ein kleines Kind.

Wenn (75/4054)3

Wenn' s eine Hoffnung gäbe,
die ich hegte,
ich hätte längst sie
schon benannt.
Indes so geistwach
wie ich lebe,
ward bisher
keine mir bekannt:
Ich spüre keine,
die sich regte,
gar schösse hoch
in diesem kranken Land,
das, verachtend sich,
sich eine Haltung prägte,
die es verwahrlost:
blind und gierig bannt
in Dekadenz und 
Untergangs-Gewebe ...
Als ob's aus Selbstverachtung,
Selbsthass gar
sich schamhaft-hilflos
widerstrebe.

Erinnerungs-, Einfluss, Prägungs- und Tränen-Fluten (75/4055)4

Denk ich an meine frühen Jahre,
dann schießen mir die Tränen ins Gesicht,
weil all die Wunder wieder ich gewahre,
die hielten mich im Gleichgewicht:
Die Himmelsbläuen, Felder, Kirchenglocken,
die Winde, die ich liebte doch ganz tief.
Um mich gar nachts zuweilen aus dem Bett zu locken,
weil so viel Trost in ihrem Wehen schlief …

*

Seid mir gegrüßt noch  mal ihr hilflos stummen Schatten,
Entfremdung, Armut eingesponnen, Ängsten, Drogen.
Grad eurer will ich hier noch mal gedenken:
Gesellschaftsspreu als Unterschichtenwunden.
Durch euch hab ich für’s Leben viel gelernt.
Zum Beispiel, dass uns nur die Kräfte lenken,
die Zufall uns und Schicksal* haben hingebogen.

*

Vergessen hab ich nicht euch Unschuldskinder,
hat mich doch täglich eure Grausamkeit geprägt.
Ihr wart mir Daseins-Lehrer grad als Schinder,
wie alle wir oft schuldlos primitiv zutiefst erregt.

Ich darf euch nicht vergessen, will’s auch nicht,
denn euch verdanke ich - so ist’s - zuletzt sehr viel:
So etwa, dass ich heimfand zu mir im Gedicht,
weil wissend um dies schale Menschenspiel.

*

Und dieses sei mein Hoch auf euch jetzt: die Proleten,
euch intellektuell so stumm Vertrackten.
Ich weiß durch euch den Lauf so mancher Fäden.
So dem der Bürgertugend, die verfehlt die Fakten.

Ihr wart mir Geistes-Bollwerk gegen Intellektuelle,
sofern sie weltanschaulich ideell sich gaben.
Mir fiel’s nicht schwer dann ihre Phrasen-Welle
mir auszudeuten so: Als faktenfremdes an Phantasmen Schaben.

*

Und dann sind da die unbekannten Vielen,
die täglich arrogant an mir vorüberhuschen
mit anonym vom Markt gesteuerten Gefühlen,
erpicht ihr, Kunden-Dasein zu verpfuschen.

*

Zuletzt mein Dank an euch, die tastenden Gedanken,
getränkt indes schon längst von schroffer Bitterkeit.
Weil sich um sie nur Einsamkeit und Leeren ranken,
berührt auch davon, dass sich neigt nun meine Lebens-Zeit.

*

Gedenke dankbar aller, die mich formten.
Im Guten wie im Schlechten.
Dank derer ich durchschaute diesen geldgenormten
Verwahrlosungsprozess von Ratio-Mächten.

Ihm deshalb früh schon bin entronnen
auf meinem Weg zum obsoleten Geist.
In dem ich mich gefunden habe, ja: gewonnen.
Doch all der Nieten kundig, die der Markt anpreist.

*Zufall und Schicksal - So schon Archilochos von Paros
(s. Fremdwörterverzeichnis)

USA XI (75/4056)5/Sonett 

Um’s dir jetzt ohne Umschweif klar zu sagen:
Du darfst auf keinen Fall dich isolieren,
dich selber nur noch ichkrank zu hofieren:
Fatalisieren so auch deine Lagen.

Du kannst die Welt ja nicht alleine tragen,
zumal dich nicht mal selber sehr klug führen,
erstickst du in Narzissmus doch und Gieren,
was destruktiv ist, ist’s doch Staatsversagen.

Du solltest unbedingt die Wunden heilen,
die du dir schlugst in deinem Mammon-Rennen:
Nicht die Gesellschaft, deine, weiter teilen.

Lass vielmehr zueinander uns bekennen,
klug und bedacht uns nicht zu übereilen
damit wir, was uns eint, nicht doch zertrennen.

Notwendige Verelendung (75/4057)6/Sonett

Auch würde diese Meinung doch verhasst mich machen:
Wir können, sag ich, unser Leben nicht mehr führen,
sind vielmehr unfrei, müssen uns sogar verlieren
an diesen Überbau, den Daten uns entfachen,
Ersetzend Wirklichkeit durch Dauerüberwachen,
perfekt uns abzurichten bis in die Allüren.
Um uns in andern so dann selber anzustieren
als hilflos angeleitete Systemfellachen.

Und nicht mehr wird das alles für uns wieder enden,
doch nichts als Seelenkrüppel dann und Gleichlauf-Wunder.
Uns wird dies Gleichungsreich krud wie subtil verblenden
durch zur Gewohnheit avancierten Lenkungs-Plunder,
dem wir tagtäglich werden wollen uns verschwenden,
nicht mal mehr fähig dann, uns selbst zu bringen runter.

Warum habe ich auch Sonette geschrieben? (75/4058)7/Sonett

Ich habe die Sonette auch gemacht,
um aus mir selber was hervorzubringen,
um mich nicht nur dem Zeitgeist zu verdingen,
Betrieb und Marktdruck, dem, was man gedacht
und in Bilanz und Gleichung hat gebracht.
Ich wollte etwas mir allein abzwingen,
weil einzig das noch bietet Selbstgelingen.
Ansonsten bin ich Abklatsch fremder Macht.
Nicht änderbar; auch wenn es deprimiert,
sich eigner Ohnmacht klar bewusst zu sein -
zumal betrogen oft und smart verführt
durch den Befehl, sich selber zu verpassen:
Genuss und Nutzen seien wahres Sein;
in ihnen nur sei man sich selbst zu fassen.

Andeutungen über mich selbst (75/4059)8/Sonett

Nur Durchschnitt bin ich; und primär gelernter Kunde.
Und musste - wie die meisten - täglich ab mich strampeln,
mir wenigstens das Allernötigste zu sichern:
Ein kleines Eigenheim und eine Geldrücklage.
Man weiß ja nie, was einem bringt die nächste Stunde,
zumal versucht ist oft, sein Leben zu verhampeln
mit Drogen, Rauschanfälligkeit und trunknem Kichern,
um nicht verstockt nur hinzubringen seine Tage.

Und dann war das noch, was das Ganze letztlich krönte:
Ich wollte immer wissen, wie es um uns steht:
Ob’s so was gibt wie Freiheit, Würde, Lebenssinn.
Mit Hilfe andrer fand ich’s raus - und es versöhnte.
Weil es mich lehrte, dass um gar nichts es hier geht …
Ich Machtspreu, Amoral, Fiktion und Zwang* geh hin.

*Das sind Tatsachenaussagen(!), frei von Emotionen,
Weltanschauungsmomenten und ideologischen oder
Gesinnungs-Perspektiven. Es i s t so, man denke, fühle,
wünsche, brauche, was auch immer.

Aus dem Zyklus Trias (208) (75/4060)9

Ich sag ja nicht, ich tät’s aus freien Stücken:
Mich abzusondern, zu verweigern.
Ich will durch Einsamkeit mich selber steigern,
um so auf meine Art mir dann zu glücken.

Es ist ein Aufstand, ist’s im Kleinen.
Durch eine Reihe von Verzichten.
Auf Ehre etwa, heißt: Auf Selbstverneinen
im Bann von fremden Wertgewichten.

Was immer sonst. Ich weiß es nicht genau.
Es geht um Seelenkraft, dies Grau in Grau
banalisierter Existenz zu tragen:
Sich - Geist nah - nicht zu beugen seinen Lagen.

Sinn-Sog ferner Sehnsuchtsstunden - 
ein Dank- und Wunsch-Gedicht I(75/4061)10/Für El. Mo.

Sie würde ich
so gerne noch mal sehen.
Obwohl bedrückt
von Späte und Verfall.
Noch einmal mich
dem Rauschbegehren
einzudrehen,
das tiefste Sehnsucht damals
kommandierend schuf:
Nicht zu versäumen
Ihrer Mitten Macht:
Magie-Ruf,
Augenblicksandacht …
Vollendetes
Enthemmungsschäumen.

Indes ich weiß,
ich sollte in mich gehen,
mich nicht verlieren
in Bedauern.
Zumal mich längst
umfängt Verwehen,
mich Alter
und Gebrechen quälen.
Und immer enger werden
meines Weges Mauern.

Grad deshalb Ihnen
alles Gute!
Das Beste, meine ich,
das Allerbeste.
Auf dass Sie bruchlos
Gottes Güte flute,
gewähre Ihnen
Freuden, Mut
und Daseins-Feste …
Dann einst empfange Sie
im Kreise seiner Gäste.

Der Westen (75/4062)11/Sonett

Dem Westen sind die Grundlagen entglitten;
soll heißen, dass er wird wohl untergehen.
Zumal: Freiheit und Würde? - Illusionen …
So auch Vernunft, Demokratie und Recht.
Das sind doch Lebenslügen, die zerrütten,
sind nicht verwirklichbar uns Mammon-Krähen,
die sich mit keiner Lumperei verschonen,
da ontisch* nur Verwahrlosungs-Geflecht.
Was soll mir da noch Menschlichkeit und Geist,
was Einsicht, Anstand, Ehre und Askese …
längst lächerlich gewordne Eigenschaften,
zumal ich weiß, was heute Dasein heißt:
Verluderungen, weder gut noch böse;
und Selbstzerfall, der sich als Ich-Rausch preist.

*ontisch hier: faktisch, konkret seiend

(75/4063)12/Sonett

Doch sind wir letztlich völlig außerstande
- sei’s kollektiv, sei’s auch nur subjektiv -;
uns vor uns selber geistig zu bewahren,
doch primär Ratio-, doch nicht Geistes-Wesen.
Zumal zu Gott auch kappten alle Bande,
um selber uns zu sein ein Korrektiv.
Was illusorisch ist: Wir sind Barbaren.
So angewiesen auf Gewalt-Synthesen.
Dass gegen uns wir hätten irgend Pflichten,
das muss ich - redlich - radikal verneinen:
Wir wollen immer andre überragen:
Uns selber als Elite uns erdichten:
Zumal wir alle sind verdammt zum Scheinen …
Doch nicht mal fähig, selber uns zu tragen.

So angefühlt und zu Ende gedacht (75/4064)13

Der narzisstisch bedingte Optimismus
dieser in selbstzerstörungslüsternen Wirklichkeitsverlusten,
entlastungsbedürftigem Mehr-und-immer-mehr-haben-Wollen,
spracharmer Bewusstseinsenge,
prekärer Tugendmaßlosigkeit,
hilfloser Ängstlichkeit und einer Inbrunst
geistig-metaphysisch toter Gewissenlosigkeit
sich schauspielernden Gegenwartsgesellschaften,
wird ihre allverdrängte Untergangslüsternheit beflügeln -
kulturell tot,
rechtsstaatlich zerfallslinkisch-ideologisch,
vernunft- und geistfern
politischen Leerformeln beflissen …
Und so doch faktisch autoaggressiv
und behelfsdekadent vor sich hin ludernd.

Allgemeine Bemerkungen zu unserer Existenz (75/4065)14/Sonett

Man hat nur selten Grund, sich selbst zu loben.
Vorausgesetzt, man wagt auch Selbsteinsicht.

Doch haben andre einen sich erhoben,
erhöht das schon das eigene Gewicht;
versteckt die Mängel, ja: man wähnt sich oben.
Man übersieht dann leicht im fremden Licht,
was einen auch ausmacht im psychisch Groben:
Besonders dem der gern verdrängten Schicht.

Man flieht sie, seine Doppeldeutigkeit,
die einem mitgibt doch das Wesens-Erbe:
Ein Tier zu sein als Intellekt und Zeit.
Als solches wissend, dass dahin es sterbe,
sich deutend ohne Seins-Geborgenheit …
verdrängend sich als zwangsverklärte Scherbe.

Demokratie!? (75/4066)15

Sie werden, Hybris-Opfer,
selber sich entmachtet haben,
die selbstwertstolz
sich Demokraten nennen ...
Karrieristen freilich
mit begrenzten Gaben:
Verblendungsarrogante,
die für Macht nur brennen.
Tatsächlich teils gar
sektenartig handeln:
ideologisch-ideell.
So das Politische
in Selbstdarstellungs-Mystik
wandeln ...
in Tugend-Zähren-Grinsertum,
megärenlinkisch und versagensgrell.

Kein Wunder,
dass das Land darniederliegt
und nach und nach
schafft Populistenplunder,
der dann die Volksherrschaft
substanzverbiegt.

So steht's um mich (75/4067)16

Man wird mich nicht
vergessen müssen;
weil doch erst
gar nicht kannte.
Na ja,
ich bin nicht
Ruhm beflissen;
schon gar nicht wenn
- wie bald - im Sande.
Von ein paar Steinen
klar umrissen,
die bilden
meines Grabes Kante.

Ratio-Leere (75/4068)17

Was ich sehe, was ich höre,
was ich ahne, fühle, rieche,
ist so eine feine Leere,
eine allverbreitet sieche,
die sich immer weiter frisst
in die Seelen, Herzen, Köpfe,
dass sie diese tief erschöpfe,
anonym mit stummer List.

Weiß nicht, wie man ihrer wehre,
wie man ihre Kraft abschöpfe,
macht, dass sie ins Abseits krieche
und sich selbst in dem zerstöre.

Ausweg (75/4069)18

Es hat mich immerhin meist rausgerissen
aus Teilnahmslosigkeit und Leere.
Ließ mich vergessen dieses Wissen,
dass ich mir selber stehe in der Quere:
Nicht leben kann die Gängigkeiten,
die andre für das Größte halten.
Nicht mal die Traumgespinste, die’s begleiten
auf diesen längst globalen Ichsucht-Halden.

Vom Machen der Gedichte ist die Rede.
Das hat mich von mir selber abgezogen
in jene faszinierend stete
Verschleierung gesellschaftlich-sozialer Drogen.*

*Variante Zeile 11 und 12:
„entbunden so sozialer Lethe**,
mich zu verbergen hinter Geisteswogen.“
**Lethe = griech.: Vergessen. Hier etwa in der Bedeutung einer massiven Verkennung/ Verdrängung/Missachtung usw. der gesellschaftlichen Umstände mittels Traum, Erleben, Spaß, Selbstinszenierung usw. usw. - bei mir selbst: mittels Kunstschaffen.

Meine letzten Jahre (75/4070)19/Sonett 

Ich sollte nutzen meine letzten Jahre?
Wie soll in diesem Phrasen-Land das gehen,
doch zwangserpicht, sich selbst zu ruinieren:
Sozialstaats-Falle in Begriffs-Prothesen?
Zumal hier alles vorgibt doch die Ware,
was jene Tugendjünger auch verstehen.
Und trotzdem frönen ihren Formelschlieren:
Im Kern totalitären Exegesen.

Wahrscheinlich werde ich verlassen enden …
Na ja, ich werde schon ein Mittel finden,
was mir erlaubt, die Schmerzen auszublenden.
Zu schnitzen Verse in fiktive Rinden,
die immer noch die gleiche Botschaft senden:
Gelungnes Dasein muss auf Geist sich gründen.

Dank an Deutschland (75/4071)20/Sonett 

Wenn ich's genau betrachte, muss ich "danke!" sagen,
muss es dir sagen, Deutschland, ohne es zu lügen.
Wär', wenn ich's täte, eine kleine, miese Seele.
Von denen du inzwischen ja recht viele hast.
Dass dir's gelinge, selber wieder dich zu tragen,
dich nicht so sehr mit Phantasien zu betrügen,
auf dass zuerst die Wirklichkeit dir wieder zähle ...
Das gönnt' ich dir, dir selber stets doch Daseinslast.

Warum? Weil ich der deutschen Sprache mich verdanke
(recht vielen Deutschen zählt sie heute eher kaum);
und halbwegs bauen konnte auf die Demokraten,
die - Realisten - schwangen keine Tugend-Ranke ...
Sie träumten nicht den Intellektuellen-Traum,
dass das Bewusstsein zähle, nicht die Fakten-Daten.

*

(75/4072)21/Sonett
Gut geht's dir nicht, mein Deutschland, eher ziemlich schlecht;
gewiss auch Grund-Versagen der Funktions-Eliten:
Die sich Eliten nennen, aber keine sind;
narzisstische Karrieremacher doch viel eher.

Da haben wir den ganz profanen Vorteilsspäher,
den Dauerschwätzer ohne sicheren Instinkt,
in sich Verwirrte, die von allem etwas bieten
und das begründen damit, das allein sei echt.

Man merkt sehr schnell: Da sind zu viele Dilettanten,
vor allem Ahnungslose und Erfahrungsarme.
Oft plumpe Leute, zudem menschlich eher stumm.

Dann ist da das Problem der Führungs-Arroganten,
die, überzeugt von sich, verachten die im Schwarme;
von Macht geblendet ohne Virtuosentum.

Lebensklug (75/4073)22/Sonett 

Man wird sich schon aus Anstand und aus Einsicht hüten
vor Korruption, Betrug und krassen Eitelkeiten,
wie sie narzisstisch selbst sich Hörige oft leiten,
die außer Prahlerei ja haben nichts zu bieten.

Man wird auch unterlassen dieses Tugend-Wüten:
verlierend sich in ideellen Psychen-Weiten,
was selbstgefällig dann lässt einen Fakten meiden,
zumal sie nötig hat auch als Entlastungs-Mythen.

Sonst wird die Volksherrschaft der Wohlstands-Infantilen
und Hedonismus-Jünger wohl bald untergehen,
weil Drogen, Spaß und Selbstmachtschwund sie unterwühlen.

So dass man bald sich selbst kann nicht mehr so bestehen,
wie man’s doch muss, um nicht sein Dasein zu verspielen:
Um dann gar selber sich als Niete zu verschmähen.

Wunsch (75/4074)23

Ganz zärtlich möchte ich dich küssen dort,
wo alle tiefen Glücke sich vereinen:
In deinem Sehnsuchtslippen-Hort,
dir alle Sorgen zu verneinen:
Die Einsamkeit, die Stundenleeren,
der Lebensängste Anfechtungen …
Ich küsste fort dir alle Daseins-Schweren,
sodass von Rausch-Magie
du wärst allein durchdrungen:
Vollendungslüste fühlend, die 
dich hielten dionysisch tief umschlungen

Politik-Atrophie (75/4075)24

Es geht um Agonie 
in jenem hohes Haus,
den Schein von Macht.
Nur darum geht’s 
Worum denn 
sollte sonst es gehen
in dieser simplen 
Sapiens-Schlacht,
die nur noch 
wenige verstehen 
als Despotie 
und Trance-Geschehen?
Und die, die läuten 
eine Zukunft ein,
nicht steuerbarer Wehen …
global wird der Planet
ein Spielball sein,
ein solcher 
von Despotenmacht:
von Kriegen, Terror,
solcher Perfidie,
die jeden Weg
ungangbar macht.
Ein Alptraum
kratischer Magie.

Was ich, wohlstandskritisch, will (75/4076)25 

Will weder Ehre, Ruhm noch irgend Macht.
Nur Geld indes, dass es zum Leben reicht.
Will auch nicht Schein als Pseudopracht,
der wäre geistig mir zu seicht.

Ich will nicht, dass für dumm verkaufen
mich Klüngel, Gauner und Parteien,
die sich gewöhnlich in sich selbst verlaufen,
weil Phrasensud und Illusionen seihen.

Doch diese Welt, die unsre, will ich schon begreifen;
was sie im Kern ist, also letztlich substantiell:
Um vor mir selber nicht zu kneifen:
Dass Zeit ich bin, Verfall und Ohnmachts-Quell.

Dass das so ist, das hab ich rausgefunden,
weil lebenslang Realität verpflichtet.
Den Fakten also, die mir unumwunden
mein Dasein haben stets genau gelichtet:

Als Irrtum und Entlastungstruggebilde ….
als sprachlich konstruiertes Perspektivenfeld,
auf dem sich tummelt eine Wohlstands-Gilde,
die sich für frei und für moralisch hält;

für einsichtsfähig, um sich selbst zu steuern;
kurzum: für Meister*innen ihrer Existenz.
Indes ganz unbegabt, in ihren Oberflächenfeuern
schon zu erwittern ihre Trance-Essenz.

Altersuntergründig (75/4077)26

Ich kann dem eigenen Verfall zusehen:
dem seelisch-körperlichen wie dem intellektuellen.
Ich spür’s: Ich werde wohl bald untergehen,
versiegen mir doch längst des Daseins Quellen.

Und doch: Da hilft mein Nihilismus viel,
der mich begleitet haben wird mein Leben lang.
Der wusste immer um dies komplizierte Spiel …
Um unsre Ratio-Posse ohne Sinn-Belang:

Als Aschehäufchen wird dich nichts mehr quälen;
und nichts mehr wird dich können lenken:
Kein Markt-Blendwerk, kein Phrasen-Schälen …
Wird dir der Tod also Vollendung schenken?

Ja, wird er schon, auf ganz besondre Weise:
Durch ihn wirst du sogar dich selbst sein los:
Etwa dein Einsichtsleid ob all der toten Gleise,
der unseren, längst aller Ziele bloß.

Eben so ist’s (75/4078)27

Ich habe viel zu viel begriffen.
Und das, das hat mir gar nicht gut getan.
Ich wusste viel zu früh 
um manchen kollektiven Wahn,
dem alle wir sind lebenslang verschliffen:
So etwa dem von Sinn, von Glück,
von Freiheit, gar Vollendungsstunden,
die freilich viel zu selten sind, 
zu schließen unsre Daseinswunden.
Zumal das ganze Dasein Lotterie,
ist viel zu oft nur zäher Seelenschlick,
vor allem Einsamkeit, 
die nicht mal eines Rauschs Magie 
je nehmen würde können ganz zurück.

Um meine Meinung zu Alter, Welt und Lagen gebeten (75/4079)28

Es sind doch unsre letzten Jahre -
zumal von Krankheit heimgesucht,
von Einsamkeit, Verwirrung, Leere …
Die machen, dass man schon mal öfter denkt,
sei’s an den Friedhof, sei es auch den Ort,
wo man als Asche will verwehen:
Wie ich; vom Wind getragen, diesem Seelenhort.
Kurzum: Man lebt auf Abruf noch,
erfährt sich schlicht als Spät-Misere.
Was Bessres kann ich dir nicht sagen;
und tät ich’s, nun ich löge.
Von Feigheit, Seinsgier, Ichsucht traumgelenkt … 
vorm Tod beschämend-infantiles Auf-sich-Blähen.

Bedenk zumal: Dies Dasein heute ist auch Joch:
Man wird verführt, belogen, ausgebeutet,
ist faktisch nur noch Ware, Umsatzgröße:
sich seiner selbst benommne Marktmonade doch.

Und so gesehen - angstfrei kühl -:
wenn man luzide all das aus sich deutet:
dass, wenn man von Welt sich und vom Ich ablöse,
befreit auch werde aus dem hochkomplexen Spiel
von Glücks-, von Sinn-, von Halt- und Selbst-Verlusten
ein Knecht des ratiotierisch Unbewussten.

Das individuelle Los in späten Wohlstandsgesellschaften (75/4080)29

Sie zwingen einen,
vor sich selbst zu fliehen
in Ablenkungsmanöver aller Art.
In diesen dann 
sich selber zu verneinen,
narzisstisch, cool und smart.
Tatsächlich ist man sich 
nur noch geliehen;
vom Markt, 
dem Seelenproduzenten,
dem man ist restlos 
längst gediehen:
ja: abgerichtet, 
sich ihm zu verpfänden;
schon in der Wiege 
und noch eingesargt:
So lebenslang 
sich selbst benommen,
um ihm 
als subjektives Exemplar 
wo immer Tag und Nacht 
als Kundenexemplar zu frommen.

Quarks-Elektronen-Grübeleien (75/4081)30

Dass frei ich wäre, selbstbestimmt
- ich kann auch sagen: autonom -
das ist ein Märchen, dem ich nie aufsaß.
Bin ich doch Sein, das sich, 
wie’s muss, als Leib verglimmt,
determiniert durch diesen Kosmos-Dom:
Materie, die sich durch Zufall fraß.

Materie als ihrer selber sich bewusst,
bin ich nichts weiter als Bedürfnis-Maß,
Zeit und Verfall und Träumerei verfügt …
Existenziell stets wachsender Verlust.
Mir selber faktisch ein Sozial-Atom,
nur aus auf Haben, Macht und Lust,
des Tieres Dreiheit, die ihm auch genügt,
sich zu erhöhen durch Entgrenzungs-Spaß.

Auch geistig kann ich mich erschaffen:
Dies mittels Sprache im Gedicht.
Als Abstand zu mir selbst, dem Affen …
erschließt sich mir dann eine andre Schicht:
Materie - ich selbst - erreichend Götter-Boden,
mich träumend aus dem Reich der Toten,
was mir erlaubt, mich auszuloten 
als quasi-metaphysisches Phantom.

Vom Vernunftwesen zur marktgesteuerten Selbstentgrenzungsmonade (75/4082)31/
Für Karl Jaspers 

Relationen, Abstraktionen …
Quantitäten-Diktatur …
schleichende Entseelungs-Zwänge,
progressive Selbstaufgabe.

Produktion von Emotionen
als Erregungslustzufuhr,
konsumtiv gewirkte Enge,
pannarzisstisches Gehabe:

Keins zu sein von Exemplaren:
menschlich arm, orientierungslos;
die sich machen selbst zu Waren,
Mammon hörig, Show und Schoß.

Marktgelenkt mit Haut und Haaren,
träumend als Subjekt sich groß,
ohne Chance, sich zu bewahren
in den Fängen dieses Zoos.

                     *

Und dasselbe gilt von mir;

nur dass ich’s begriffen habe;
fähig so, obgleich doch Tier, 
mittels meiner Geistesgabe,

mich zu distanzieren schier
davon, dass ich Trancen schabe
aus den Faktenlagen hier:
dichtend deren Scheinaufgrabe.

Völlig illusionslos bin ich,
weiß ich doch, wie’s laufen muss:
Ich war und bleibe ohne Stich:
gefangener System-Ausfluss. 

Spielball ist man heutzutage,
ist’s notwendig, jede Stunde.
Das ist objektiv die Lage:
Selbst man deren Daseins-Wunde. 

Tiefgreifende Lebenserfahrungen (75/4082)31

Ich lebe in einer Zeitenwende -
wahrscheinlich progressiv totalitär-fatal;
meint: Angst vergoren, inhuman und seelenleer -
politisch-technisch-wirtschaftlicher Kern-Akzente.

Die Welt, aus der ich stamme,
die ist längst verschwunden;
sie war noch nicht ein Pseudo-Paradies für Kunden;
sie war noch selbstverständlich Daseins-Amme.

Indes das ist der Lauf der Dinge;
von uns mitnichten aufzuhalten.
Wir sind uns nun mal selber Schlinge:
Bestimmt als rationaler Wahn uns zu entfalten.

Und dass an uns was läge - irgendwas,
das hoffen wir umsonst: wir träumen es.
Zumal es uns entlastet vom Zerstörungs-Spaß …
Und der allein ist vom Wesen her gemäß.

Vom Stumpfsinn und dessen Folgen (75/4083)32/Sonett

Der Stumpfsinn wühlt in allen Seinsbereichen.
Die rohen Seelchen weiter auszudünnen,
auf dass sie indolent sich selbst ausweichen …
gehorsam Zeitgeist-Diktatur zerrinnen

in einem Kosmos hochabstrakter Zeichen,
um dauereskapistisch – wie von Sinnen -
am Ende sich entmächtigt selbst zu eichen:
sich Selbstverlust und Ohnmacht einzuspinnen.

Das wird die Volksherrschaft zugrunde richten,
wir sie endgültig aus dem Kopf verstoßen.
Längst vorbereitet doch von geistig schlichten

Ideologen blasser Wortschutt-Rosen:
machtsüchtig letztlich nur auf sich erpichten
Narzissten, die Diäten sich zulosen.

Der Dünkel der Mittelmäßigen, der nicht über sich selbst Verfügenden 
und zwangsnarzisstischen Gewohnheitstäuscher (75/4083)33

Die deutschen Scheineliten 
haben wieder Lust auf Anarchie,
besonders tugendradikale Selbsterniedrigungen,
die sie inzwischen täglich bieten,
sich wendend gegen - auch - Demokratie
und Recht, das weltanschaulich ist gedungen.
Ideologisch könnte ich auch sagen;
zumal sie nach den eignen Leuten gar nicht fragen:
Es geht um internationale Lagen;

obwohl man ohne Macht ist, hat kein Geld,
schon gar nicht Waffen und Soldaten;
auch gar nicht Einsicht zeigt in die globale Welt, 
die - seh ich’s richtig - von uns nichts mehr hält, 
nicht ansatzweise ansieht als noch wichtig.
Sie weiß, dass wir in Phrasen waten,
vor allem sind mal wieder faktenflüchtig.

Mein Gott! Mein Land: Nur Mittelmaß-Gefolge noch: 
Zu viel Erbärmliche in allen Seinsbereichen.
Sich selbst, dem Land und allen andern Joch,
die, anstatt zu handeln, setzen lieber Zeichen.
Indes auch um sich selber auszuweichen.


Indes, das muss ich ihnen lassen:
Wenn sie verbeugen sich vor allen Elendsträgern:
den Unterdrückten aller Länder,
dann auch vor sich, den Selbstsucht-Jägern,
erpicht auf Ehren- und Gewissens-Bänder.
Weshalb sie auch doch leeren deutsche Kassen.

Man denke nur an jene Wirklichkeitsverweigerer:
Den Zähren-Akrobaten ohne Kompetenz, 
den Zeitenwenden-Weisen und die Sternchen-Kore.
Das sollten sein des deutschen Wohles Steigerer.
Was kam heraus? Nun ja: Totalen Scheiterns Scham-Lizenz
und krasses Selbstversäumen einer eitlen Hore.

Humanität meint, sich an Fakten halten; 
meint niemals Pseudo-Ideal-Verlogenheit.
Meint immer folgen dem verstandeskalten 
Bewusstsein, dass der Mensch ist Hyle-Scheit.

Pop-Ikonen-Service (75/4084)34

Es ruft hervor 
die leibverzückte,
die in sich selbst 
versunkne Pop-Ikone,
Erlösungs-Emotionen 
in der Menge:
Entfesselungs-, dann 
Selbstaufgabe-Mohne, 
auf dass sie sie 
in eine Einheit zwänge:
Beliebig steuerbar, 
nur Es noch frone. 

Auch das ein Akt 
der Selbstaufgabe,
um sich als haltunfähig 
zu vergessen:
Man ahnt, dass man sich
selber nicht mehr habe,
nur wenn auf 
Marktknechtschaft versessen …
Als Seelenkrüppel 
dann sich zuzumessen
in jener kollektivem 
Ich-Verbraucher-Grabe.

Schlichte Basis-Überlegungen (75/4085)35/Politik, Macht (1)

Da fehlen heutzutage viele Gaben
bei denen, die sich mühen um ein Amt.
Realitätssinn etwa muss man haben 
vor allem Menschenkenntnis insgesamt:

Dass Menschen meist sich an Fiktionen laben,
dass sie zu sich als Kreatur verdammt,
ihr Dasein giergesteuert untergraben,
Zumal oft Wahndrang sie allein entflammt. 


Indes die Amtsinhaber Mimen sind,
Narzissten, die berechnet sich gerieren.
Sie lügen oft, sich selber lobend blind:

Indem sie machen um sich selbst viel Wind,
unfehlbar scheinbar deutend all die Schlieren,
die ihre Machtsucht sich als Fakten spinnt.

                             *

Ich halte sie für völlig außerstande,
auch ansatzweise nur, was ist, zu streifen.
Gesellschaft ist geworden ausgebrannte,
was zwingt, als schöne Märe sie zu keifen.
Die Macher wurden so Systemgebannte,
die sich auf Phrasenpingpongtrug versteifen.
Indes das Ganze taumelt hin zum Rande,
wo nur noch Seelen-Chaos ist zu greifen.

Die Krankheit der Gesellschaft zu benennen,
verweigern sie (sie schufen sie ja mit):
Durch Tugendfanatismusstaatsversagen

als wertaffektverwirrter Machtdurchschnitt.
Der seinen Eid brach, um sich einzubrennen
Agápe*, sich aus Mäßigkeit zu tragen.

*griech.: Menschen-, Gottes-Liebe

Schlichte Basis-Überlegungen (75/4086)36
/Einsicht (2)

Nicht, dass ich irgend zwanghaft schriebe.
Nein. Das ist nicht der Fall.
Ich schreibe, um dem Weltgetriebe 
auf meine Weise - wissend - zu entrinnen.
Ist es doch destruktives Zwangsgeschehen:
begehrlich, rücksichtslos, Gewalt;
und muss deshalb - so scheint’s mir - untergehen …
Wir sind uns nun einmal Affektspielball:
Ein Zufalls-Tier im unmessbaren All.
Nicht eines Gottes Schöpfung: Geist-Kristall,
geeignet, uns zu geben Halt,
so immer wieder zu gewinnen.

Schlichte Basis-Überlegungen (75/4087)376/Ideal und Faktenlage (3)

Was das alles auf sich habe?
Welt, Gesellschaft, Ich, Geschichte?
Überhaupt dies Dasein hier?
Ob es schaffe Sinn-Gewichte,
sei dem Menschen tiefste Gabe?

Zwingt gewiss, dass jeder strebe …
gut, gewaltlos, sicher, frei …
lustvoll stets zu existieren,
dass ihn jede Stunde hebe,
ihm noch Zufall günstig sei:
Subjektiv sich zu verführen
zu sich selbst als höchstem Gut.

Objektiv gilt das mitnichten:
Da ist’s Zufall ohne Ziel,
ohne Sinn und Götter-Schutz …
Mag sich da- und dorthin richten,
ist oft regelloses Spiel,
Lüge, Traum, Affektdrangschmutz:
Irrtum, Wahn und Geistversagen,
selbstsuchtkommandierter Lagen,
die wir dann nicht können schlichten,
fühlend sie bis zu den Krumenschichten.

Schlichte Basis-Überlegungen (75/4088)38/Zukunft (4)

Man kann es drehen, wenden, wie man will.
Es wird nicht besser; ganz im Gegenteil.
Das Land - verkümmerungsbedrängt - steht still.
Sich ohne Einheit als entfremdet feil.

Da wuchert seit Jahrzehnten Niedergang,
verdankt massiven Wirklichkeitsverlusten:
In Machtmissbrauch fundierter Abgesang,
wie ihn Gemütsverarmte wollen mussten.

Aus dir, verstörtes Deutschland, wird nichts mehr.
Bist du doch jeder Dekadenz verfallen 
- auch der, die sich geriert als würdehehr:
Gesindelpflege mittels Tugendlallen -
Zumal auch wächst dein eignes Gauner-Heer
von Pflichtvergessnen und Cum-Ex-Vasallen.

Magst immerhin noch deinen Selbsthass pflegen.
Substanzverwahrlost, wie du nun mal bist.
Doch darfst du keine große Hoffnung hegen,
dass dir noch bleiben wird die lange Frist,
die du, verantwortungs- und kinderlos,
doch brauchen wirst, um wieder gängig groß
als Wirtschaftsmacht zu werden - dir der Segen,
den du als Wohlstandssinnverklärung hisst.

Doch die wird - wie bekannt - ein Schein nur bleiben.
Und nur noch Schein kann sich der Mensch verschreiben!

Reiß dich zusammen, Deutschland, viele Feinde -
- zumal Europa wird ins Abseits dösen -
wirst du dann haben, sein ganz unvereinte
Nation, umgeben dann von Weltmachtgrößen,
die dich bedrücken werden - und: erlösen?

Schlichte Basis-Überlegung (5) (75/4088)38/
Armes, bemitleidenswertes Deutschland/Sonett

Dass die Gesellschaft, diese deutsche, längst verfällt,
das ist grad mir, inzwischen schmerzlich, vollends klar: 
Es gilt nicht mehr, was einmal selbstverständlich war:
Dass man sich möglichst an gegebne Fakten hält.
Und nicht an eine illusorisch-ideelle Tugendwelt:
recht aggressiv vertreten von der primitiven Schar,
die permanent verkennen will, was falsch ist und was wahr …
Und wahr ist, dass nur zählen Selbstsucht, Lust und Geld …

Die zählen müssen, weil sind Wohlstands-Grundsubstanz,
soll heißen Seelen flutend bis in personale Kerne …
Für diesen homo sapiens allemal d e r Daseins-Kranz,
zumal doch aller Traum-Fiktionen Trost-Zisterne 
die auch noch Lebenslügen krönt sich mit Bedeutungs-Glanz,
verdeckt zumal auch eines Lebenssinnes wunde Ferne.

                                  *

Besonders oben, wo der Kreis der Phrasen-Frommen
nicht findet, selbstbefangen, um sich selbst herum,
narzisstisch leer und von Gewäsch benommen,
umflatternd leere Worte, geistlos, völlig stumm.

Allein dass 35 000 deutsche Normen gelten,
beweist: Der Sachverstand kam längst abhanden.
Ersetzt durch Hochmut, arroganzgewellten,
auf den man längst schon setzt in deutschen Landen.
Weshalb auch Menschlichkeit und Anstand wurden selten.

Es geht um Macht, Diäten, möglichst gut sich zu verkaufen.
Zumal um mehr kann’s auch zuletzt mitnichten gehen:
Man hat sich überschätzt, sich in sich selbst verlaufen,
sich fiktionalisiert gar, um sich selbst fremd dann zu sehen.
Man möchte sich als Kompetenz-Ikone lassen taufen,
obwohl nur trübes Licht existenzieller Zeitgeist-Wehen.

Tiefgreifende Lebenserfahrungen (75/4089)39

Ich lebe in einer Zeitenwende -
wahrscheinlich progressiv totalitär-fatal;
meint: Angst vergoren, inhuman und seelenleer -
politisch-technisch-wirtschaftlicher Kern-Akzente.

Die Welt, aus der ich stamme,
die ist längst verschwunden;
sie war noch nicht ein Pseudo-Paradies für Kunden;
sie war noch selbstverständlich Daseins-Amme.

Indes das ist der Lauf der Dinge;
von uns mitnichten aufzuhalten.
Wir sind uns nun mal selber Schlinge:
Bestimmt als rationaler Wahn uns zu entfalten.

Und dass an uns was läge - irgendwas,
das hoffen wir umsonst: wir träumen es.
Zumal es uns entlastet vom Zerstörungs-Spaß …
Und der allein ist uns vom Wesen her gemäß.

Ich habe mich treiben lassen. Bekenntnis (75/4090)40/Sonett

Dass ich je irgendwas gegeben hätte
auf den Befehl, dass man sich selber küsse
im Zwangslauf seiner Daseins-Gier-Stafette -
als Wohlstandsspielball einer Show-Kulisse 
mit gleichen Artgenossen um die Wette -;
auch zu verdrängen all die Psychen-Risse,
die hinderten, dass man sich selig kette
an all die marktgewirkten Spaß-Ergüsse, 
ist nicht der Fall; das hat mir nie gezählt.
Ich hatte - indolent - kein Interesse
an einem Lebensweg, der sich verfehlt,
diktiert von einer Waren-Andachts-Messe,
die einen rauschsiech von sich selbst abschält …
entfremdungsdeklassiert dann selbst vergesse.

Klar und deutlich (75/4091)41

Glück habe ich gehabt - weiß Gott,
dass meistens ich ihm doch entkam;
ich meine diesem Kapital-Komplott …
All seinem spaßgetarnten Gram.

Hätte zumal auch meist verloren 
- viel habe ich ja nicht zu bieten:
als geistgefangen IST verschworen -
so wissend denn um alle Nieten,

um alle Hybris, alle Räusche,
um alle Lebenslügen auch …
Sodass grad d i e s e r Satz nie täusche:
„Das alles hier ist letztlich Schall und Rauch.“

Herkunftsfleckchen (75/4092)42

Manchmal denk ich noch an jenen mittelalterlichen Ort:
An seine Felder, Wingerte, besonders an die vielen Tiere;
geliebte Wesen; lebenslang mir Seelen-Hort …
Doch an die Schatten auch - alle lang schon fort.

Mich haben Pech, Gewalt und Seelenschorf geprägt,
Alkoholismus, Stumpfsinn, Häme, scharfer Spott:
Plumpes Erfahrungsgut, das mich bis heute trägt:
Weil lehrte, Dasein, das ist Nihilismus-Trott.

Und das, das sehe ich als Vorteil an … Ich hab gelernt, 
der Menschen kollektive Seins-Abgründe zu begreifen:
Zuweilen regelrecht bis auf den Grund entkernt,
wo Niedertracht sie, Gier und Neid - vor allem: Unschuld schleifen. 

Ja: Unschuld. Heißt auch: Niemand kann je was für sich:
Lotterie-Ergebnis doch sein ganzes Leben lang.
Nicht eine Stunde so verfügend über irgend festes Ich,
sekündlich ausgeliefert vielmehr absolutem Zwang.

Und weiß man das, macht’s einem vieles leichter.
So etwa auch, sich selber realistischer zu sehen:
Dass man nichts weiter ist zuletzt als Phrasen-Beichter,
um seiner Nichtigkeit entlastungshungrig zu entgehen.

Das alles hab ich jenem Fleckchen zu verdanken.
Im Grund genommen, hat’s mich das Entscheidende gelehrt:
Dass alle wir an Selbsterhöhungssüchten kranken,
zumal vergeblich auch von Sinnbedürfnis-Diktatur verzehrt.

Über meine Jahre hinaus (75/4093)43/Sonett

Und bin ich ehrlich, muss ich offen sagen:
Zum Glück hab ich nur ein paar Jahre noch.
Die Zukunft Deutschlands sehe ich als Joch,
für alle, grad die Jüngsten, schwer zu tragen.

Die werden müssen immer öfter fragen,
wie könnten stopfen wir das tiefe Loch
von Staatsversagen einst gegraben doch 
dem Land, riskierend nunmehr zu verzagen?

Deutsche Funktionseliten? Macht verzecht:
Sich völlig überschätzend: ichdebil.
Selbsthassgeplagt zerstörungssuchtgerecht

in einem für sie Trance-, statt Fakten-Spiel.
Ideologisch aus auf Sinn-Geflecht …
mit eignem Untergang als Sehnsuchts-Ziel. 

Allen Ideologen gewidmet (75/4094)44/Sonett

Da gibt es immer mehr Substanzversagen
von solchen, die sich radikal verkennen;
so, in sich selbst versunken, alle Lagen,
in die man nicht sich sollte doch verrennen.

Ideologen etwa, die beklagen,
dass immer mehr sich würden wollen trennen
von ihrer Wahrheit, die sie könne tragen,
dass sie sich selbst und Glück und Sinn gewännen.

Was heißt schon Wahrheit? Die ist Perspektive,
wenn es um Meinen geht, um Wert, Moral.
Doch die, die haben keine Daseins-Tiefe.
D i e wird bestimmt von Macht und Gier und Zahl.

Als ob er nicht vor Widersprüchen triefe,
der Mensch. Doch Subjekt ohne jede Wahl. 

Das ganze Dasein (75/4095)45

Die eignen Psychenwirren zu begreifen,
die Selbsttäuschungen und die Lebenslügen,
zumal auch die Entlastungsemotionen
- von Perspektivenzwängen ganz zu schweigen -
das ist uns Menschen faktisch nicht gegeben. 
Sie sind undeutbar, unsre Seelen-Schleifen,

wir können solche nun mal nie zu Einsicht fügen
zumal, wenn doch, zerschlügen unsre Traumwelt-Kronen.
Uns werden immer sich Fiktionen zeigen …
Gehirnbefehle, sichernd unser krudes Leben.

So lass ich mich von meinem Nihilismus leiten,
ihn wendend gegen meine Daseinsgier:
Meine Körperding, die Welt, das Du, das Wir.
Entkernend sie als seinskonformes Meiden
von Pseudo-Gütern, die ein Glück versprechen,
was sich erweisen muss als ein Verzechen 
von sich an sich als allgetrieben-undeutbares Tier.

Ist es doch wert- und schuldlos nichtig,
dies Zufalls-Dasein einer Teilchen-Konstruktion.
Was wäre denn für eine solche ethisch richtig,
meint ‚richtig’ doch nur eine Laut-Fiktion
als Selbstschutz-List prekärer Daseinsglut:
Evolutions-Zufallsgeschehen ohne Hut.
Soll heißen ohne Gott und also ohne Sinn …
Sich selber ausgesetzt Gewalt nur gehend hin.

Selbstzerstörungsperspektiven (75/4096)46/Für Arnold Gehlen/Sonett

Notwendig können uns nur Werte tragen …
So etwa religiöse Illusionen,
doch weltanschaulich-kulturelle auch.
Zumal doch Fakten jedes Sinns entbehren:

Sie bleiben stumm vor allen jenen Fragen,
was hier mag Zweck ergeben, was sich lohnen
in dieser Geldgesellschaft kaltem Hauch,
der auch doch nihilistisch muss verzehren.

Auf Technik angewiesen: umzuschaffen
all die natürlichen Gegebenheiten,
sind wir zuletzt auf uns nur angewiesen:

Pleonexie verstrickte Ratio-Affen,
die sich als diese werden dann entgleiten …
aus Wesensangst in Destruktion zerfließen.

Deutschland verflache! (75/4097)47

Folklore allenfalls noch Traditionsbestände,
verschwunden sind auch alle Selbstverständlichkeiten,
vereinheitlicht die seelischen Gelände 
in warenmystischem Sichselbstentgleiten.

Politisch-ethisch umgedeutet werden Faktenlagen,
heißt: weltanschaulich letztlich aufgehoben
in phrasenrelatives dies und das Besagen,
um sich empörungslüstern anzutoben.

Ein grauer Stumpfsinn färbt hier jede Sache.
Besonders seitens der Funktions-Eliten,
die wirklich alles tun, damit das Land verflache.
Was sonst auch? Haben sie doch nichts zu bieten!

Da kann man nur noch 
auf die bunte Vielfalt hoffen,
dass jenen grauen Stumpfsinn man, 
von ihr erlöst, vergesse:
Man merkt vielleicht dann nicht -
- politbanal dann von sich selbst besoffen -,
dass diese Vielfalt 
ist des Stumpfsinns Trance-Welt-Messe.

Ideologisch also primitiv, 
ist’s von sich selbst frenetisch heimgesucht,
dies Land, 
Erpressung ausgesetzt und dem Tschekisten,
längst nur noch Ohnmacht zweiter Hand,
als die es sich 
mag noch ein Weilchen brüsten,
bevor’s gerät vielleicht dann völlig*
außer Rand und Band..

*Was ich selbstverständlich ihm nicht wünsche!
Indes wer weiß, was alles noch auf es zukommt,
auf dieses feige, selbsthasssieche, wirklichkeitsverlustig-
würdetrunkene Land. 

Überlegung und Wünsche (75/4098)48

Dass ich noch weitere 
fünf Jahre hätte,
das glaub ich 
eher nicht;
zumal ich auch 
so recht nicht will.
Ich sehne mich 
nach einer Aschestätte.
Nach einem Nichts
für immer einsichtsleer
und permanent 
vollendungsstill.

Feststellungen (75/4099)49

Mein Leben lang 
war ich zuletzt allein.
Und sage eher: Gott sei Dank.
Nur wenn man einsam ist
lohnt dieses Sein,
oft weiter nichts als 
Lebenslügen-Schwank.
Natürlich wird man 
sich’s verhehlen -
und tun, was geht, 
grad daran nicht zu denken.
Auf diese Weise 
jede Lust ausschälen,
auch um sich 
davon abzulenken: 
An sich ist’s Frist,
Bedürfnis-Bann,
ist’s alltagstristes 
Sorgenbeet.

Illusionslosigkeit (75/4100)50

Dass ich umsonst das alles hier,
wirklich umsonst geschrieben habe,
das ist mir völlig klar -
und zwar von vornherein.
Na und? E war mir Daseins-Elixier
und Ausweis einer Geistesgabe,
die mich hinweg trug Jahr für Jahr
über dies letztlich undeutbare Sein.

Von der objektiven Nichtigkeit 
unserer Existenz (75/4101)51

Es ist die objektiv verbürgte Nichtigkeit,
von der als Faktum immer ich doch wusste,
die mir - so ist’s - ersparte manches Leid,
weil mir verhinderte doch auch Verluste,
die ich - naiv - gemacht doch hätte,
verkennend diese Wohlstandsstätte
als Glücks- und sogar Sinn-Versprechen ...
auf diese Weise mich ihr zu verzechen. 

*Nichtigkeit? Kurze, sehr allgemeine, Bemerkungen: Diese ist ein objektives Faktum (eine Tatsache):
(1) Wir sind reine Materie-Gebilde, existierend ein paar Jahrzehnte zwischen - für uns - Nichts und Nichts
(2) Wir sind nicht das Resultat einer göttlichen Schöpfung (sind ohne Geist-Seele, ohne Vernunft, ohne autonome: freie/selbstgewählte Moral; es gibt kein Leben nach dem Tod
(3) Uns kommt keine Würde zu; es sei denn, man versteht darunter die Schonung der kreatürlichen (tierischen) Subjektivität aufgrund ihrer von ihr nicht meisterbaren lebenslangen Allausgesetztheit an Staat (besonders Diktatur, Tyrannei, Willkür …), Gesellschaft, Recht, sich selbst sogar durch Wahn, Krankheit, Angst, Mittellosigkeit …)
(4) Rein formal sind wir Bedürfen, Trieb, Zeit, Verfall, Deuten, Werten (Perspektivieren: Schaffen von Bedarfsfiktionen als Entlastungen von der völligen Sinnlosigkeit der eigenen Existenz = allfälligem Nihilismus … bis hin zur Idealbildung, wobei gilt: Wir sind idealbedürftig, aber nicht idealfähig)
(5) Gattung: Homo (ca. 2,5 Millionen Jahre alt, in Afrika entstanden: biped, mit von Fortbewegungsaufgaben freien, motorisch immer feiner: besser, leistungsfähiger gewordenen Händen (Außenstellen des Gehirns), des Gehirns, das sich progressiv vergrößerte (von 650/700 Gramm, rein quantitativ, auf 1350 Gramm im Schnitt heute und „komplex neuronal verschaltet“) immer leistungsfähiger wurde (wir waren Techniker von Anfang an: Schufen natürliche Gegebenheiten um für unsere Zwecke mittels Werkzeugen/zweckmäßig behauenen Steinen (Voraussetzung: Fleischverzehr … natürlich nicht der Steine, sondern der Hominiden: der Menschlichen). Und: Wir bildeten Schweißdrüsen aus, die als Kühlsystem uns erlaubten lange Zeit zu laufen/zu hetzen
(6) Einmalige Auszeichnung: Die menschliche Lautsprache (wie alt?)
(7) Alle Arten (Z. B. homo sapiens, das sind wir) sind endlich, d. h. wir werden irgendwann völlig verschwunden sein (mag sogar sein durch uns selbst: einseitige Überspezialisierung, bei uns: technische)
(8) Wir - evolutionsbiologisch betrachtet - sind Tiere (und zwar ganz besondere: Der Natur aus der Hut gesprungen, um dann auf uns selbst als Techniker gestellt/verwiesen, die Natur nach unseren Bedürfnissen umzugestalten (woraus folgt, dass sich die Natur, sollten wir sie weiter umgestalten, dezimieren, aus dem Lot bringen usw., unserer wird - selbstverständlich - irgendwann entledigen müssen; man glaube nicht, dass an uns was läge: an uns liegt nichts; wir mögen uns noch so sehr in vielerlei Hinsicht selbst glorifizieren (was freilich andeutet, dass wir - wir verdrängen es - eine Ahnung von unserer objektiven Nichtigkeit in uns zu tragen scheinen …)
Das Leben ist eine wunderbare Sache - aber auch der Tod ist es: Er befreit uns von Lasten, Schmerzen, Ungerechtigkeiten, Irrtümern, Versagen usw. jener wunderbaren Sache, die eine solche ist, weil sie unüberbietbar reiche Momente schenkt, z. B.:
(a) Die sehnsuchtsfundierte Vorstellung („einsichtsirrationale“) Gottes
(b) Die Selbstbegegnung und Selbstübersteigung seiner in und durch Kunstschaffen
(c) Die tiefste Nähe zu einem Du durch Erotik - ein, sehr seltenes, Geistphänomen als Transzendenzrausch (Ich-/Selbst-Überschreitung), gebunden an tiefe, sich radikal hingebende: unbedingt schenkende Du-Leiblichkeit
(d) Der absolute Frieden mit sich selbst, allen Existenzwirren, den anderen, der Gesellschaft, dem Menschen überhaupt im trauerlosen Bewusstsein kosmischer Erhabenheit trotz völliger Gleichgültigkeit.



 

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