Seite 74
Ein Fremdwörterverzeichnis finden Sie hier
Seite 74
Diese Seite enthält 73 Gedichte
Hoffnung und Absicht (74a/3980a)1
So lang ich noch den Kuli führen
und auch Gedanken fassen kann,
will ich frönen jenem Bann,
das, was ist, im Kern zu greifen.
Dass mich niemand soll verhöhnen,
sei’s mit Phrasen, sei’s mit Stuss.
Um mir Dinge einzureden,
sowohl wert- wie faktenblind;
sie indes will vor mir beten,
mir, dem glaubenslosen Kind.
Um mit Schein mich zuzudröhnen.
Ich indes will Fakten sichten,
so wie man sie sehen muss:
Werde so zugrunde richten
jenes frechen Lug und Trug …
seinen, aller, meinen auch …
Spür doch längst jenes Kuss,
der wird ohne Worte schlichten
aller Fakten hartes Muss,
aller Werte Deutungs-Fluss,
allen Daseins Zwangs-Verdruss …
Stumpfsinn-Zwänge und Folgen (74/3981)2
Dass der Große Stumpfsinn wächst,
immer weiter sich vertieft,
wird ein immer größrer Text,
der so mehr und mehr ergreift,
sie mit Nachdruck auch behext,
das ist klar, weil er verbrieft,
dass man sich dem Markt verschleift,
sich vergisst, weil dann auch keift
leere Formeln, Spaßtiraden,
um sich möglichst high zu baden
in Affekt-Rausch, Emotionen,
die dann einen auch verschonen
mit der Wirklichkeit, die trieft
Angst und Hass in Seelenzonen.
Ich kann’s freilich gut verstehen,
dass sich viele von ihm ködern lassen.
Er lenkt ab von Machtmissbrauch,
davon, dass auf ihre Kosten
manch Gesindel lässt sich gehen,
will in andrer Taschen fassen,
dem ist Arbeit Schall und Rauch,
mag es auch vor Faulheit rosten.
Nur: Das wird sich bitter rächen.
Wird die Volksherrschaft zerschlagen …
Wer zahlt denn gerne andrer Zechen,
schafft sich Parasiten-Lagen?
Nur die deutschen Tugend-Größen,
die aus Messer-Fanatismus lesen,
dass er Menschenwürde muss besagen,
weil Rassismus letztlich will beklagen,
also Meuchelwürde sei sein Wesen.
Bis zum bitteren Ende (74/3982)3
Vergl. (32/1914), (64/3366), (72/3846)
Abwärts geht's.
Das ist nun mal
eines jeden
von uns Los:
Man wird müde,
schwach zumal,
leidet
seines Fleisches Kloß:
Leib-Ding,
kränkelnd vor sich hin
und so
mehr und mehr verfällt ...
Dennoch gierig,
diese Welt
möglichst lang noch
zu erleben ...
weinend
sich ihr hinzugeben,
sterbend noch
nach ihr zu streben ...
Obwohl,
völlig deutungslos,
Kampf sie meint
und Macht und Schoß;
nichts bereit hält
außer bloß,
trancegenarrt
sich zerfließen:
Verfall und Zeit
sich hinzugießen.
Letzte Jahre (74/3983)4
Schwer zu sagen,
was sie bringen werden ...
Recht pessimistisch
bin ich schon,
was anbetrifft
des Landes Lagen:
Wie soll es sich denn
wieder erden.
Ist es inzwischen doch
sich blanker Hohn,
kann kaum sich selber
noch ertragen:
Es wird gelenkt
auf toten Fährten,
ist Opfer so
von Phrasengift:
von Tugend- und
Behelfs-Gebärden,
von Arroganz,
die Dummheit kifft.
Lebenslang verlassenheitsgetrieben (74/3984)5
Erfahren habe ich es immer so
- ich will's noch einmal deutlich sagen:
Man ist sein ganzes Leben lang allein,
ist einsam, kann sich selbst nur tragen,
in jedem Augenblick in sich versunken.
Ist selbst sich Schicksal, besser: Leib-Tarot ...
Und stets Gesellschafts-Widerschein,
von sich als dessen Abklatsch trunken:
Behelfs-Fiktionen sich zu unken:
von Du, von Wir, von Selbstverrat und Nein.
Vom Ende der Person (74/3985)6
Mich zu retten als Person,
das gelang nur selten.
Ist man doch Gesellschaftsklon,
muss das wollen, was zu gelten:
Tut man's nicht, wird man sehr schnell
Außenseiter, den die andern meiden.
Denen geht's ums eigne Fell.
Um nicht an sich selbst zu leiden.
Und sie tuen gut daran:
Person sein wollen, ist absurd:
Zählen muss Umnachtungs-Bann
als letzte Selbstbewahrungslügen-Furt.
Dämmernde Einsicht (74/3986)7
Mehr und mehr kann ich's erfassen,
dass wir müssen uns zerstören ...
Ratiokrüppel: Wohlstands-Massen,
die sich hilflos selbst aufzehren.
Außerstande, sich zu wehren
gegen ihres Daseins Kerne:
Technik, Gleichung, Trance-Konstrukte,
Ich-, Genuss-, Hab-, Macht-Sucht-Siege ...
Täuschung, Hinterlist und Lüge,
Halt zerstörende Produkte,
Nihilismus: Gottes-Ferne ...
Dass sich zeige bis zum Schluss
Barbarei als Wesens-Muss:
Teilchenzwang längst toter Sterne.
Versagt (74/3987)8
Ich hab versucht, mir selber treu zu bleiben;
soll heißen: mir, von dem ich glaubte,
es unbedingt hier sein zu sollen:
Verantwortung verpflichtet, Sachlichkeit und Geist.
Weil doch des Nihilismus mir bewusst,
in den die Wohlstands-Ideale treiben,
auf Rausch und Trance und Spaß gebaute:
Erlebniskult, Narzissmus, Gier ...
Als Eskapismen ab geraubte
Bedarfs-Effekte ohne Sinn-Bescheid.
Vergeblich. Hab ich doch erfahren müssen,
dass man wird psychoethisch aufgerieben:
Man spürt ein Dekadenz-Diktat,
das alle Psychen-Kraft hat längst zerrissen,
zwingt förmlich, selbst sich aufzuschieben,
weil innrer Halt fehlt: man muss Marktzwang küssen,
wird seelen- und gewissenlos,
wird infantil, verrucht und fad ...
tatsächlich einsam, in sich selbst verwaist,
auf sich zurückgeworfen nur sich selbst noch groß.
Resignation (74/3988)9
Ob ich was bin wem oder nicht,
ob andern ich was gelte ...
Das kann nicht allzu sehr mich rühren.
Ist’s letztlich doch nur Zeitgeist-Sicht.
Ich will mir lieber selbst was sein.
Und zwar, was ich mir selbst sein muss:
Ein Deuter von Gewissenskälte,
von Hochmut und Verblendungs-Gieren,
von Triebdruck und Bedürfnis-Pein.
Zumal’s mich mahnt, mich selber zu bewahren:
vor allem vor dem eignen Wesen;
Gesellschaft dann und Macht-Kandaren
und deren lügnerischen Welt-Synthesen.
Nachsicht (3989)10
Nicht, dass ich es nicht verstünde,
dass wir glauben, frei zu sein:
Selbstbestimmt in jeder Weise;
dass sich jeder fraglos künde
als der Wähler seiner Kreise,
Herr auch über jeden Schein.
Ich versteh's nur allzu gut.
Freilich auch, dass wir das brauchen:
Radikale Ichsucht-Glut,
die durch dieses Sein will tauchen,
unberührt von Fakten-Brut
will Vollendungs-Glücke hauchen.
Freilich: Niemand war je frei.
Das war niemand je gegeben.
Selbst wer Macht hat, ist nur Schrei,
will nur ichgetrieben streben
weg von sich als Nebenbei,
dem Diktat mit Namen Leben.
Doppel-Spiel (74/3990)/Sonett 11
Ein Mehrzweck-Spiel in diesen kranken Zeiten:
Des obsoleten Geistes Ausdeutungen,
um diese fade Kunstwelt zu vergessen
der Wirklichkeitsverweigerer und Kunden.
Es ist geeignet auch, sich selbst zu meiden
als Opfer progressiver Niederungen,
die einen heimlich in Verzweiflung pressen
durch anonym geschlagne Wohlstands-Wunden.
Indes: Es ist auch ein sehr ernstes Spiel,
weil es doch aufzeigt die Gewaltexzesse
der Selbstzerstörung und der Niedergänge
der Innenwelten: progressiv debil
im Spiegel ihrer Deklassierungs-Messe ...
umsonst zerredend Diktaturen-Zwänge.
Fragen (74/3991)12
Wer kommt tatsächlich
denn noch hoch?
Und warum grade
der und die?
Das sind doch
- heutzutage -
eher Dilettanten:
Politisch unbegabte
Faktenignoranten,
zu immer weniger
- scheint's -
in der Lage.
Zumal sie deuten aus,
was Menschen sollten,
es könnten auch,
wenn sie nur wollten ...
Da zeigt sich ihre Agnosie*.
Denn was sie sollten,
tuen Menschen nie:
Sie können's nicht,
es fehlt der freie Wille,
so Selbstabstand
und Geistes-Stille,
sich zu gestehen:
Mensch meint Sicht.
Zumal in dieser gottfern
technogenen Welt:
abstrakt, beliebig,
halt- und würdelos,
in der sich brüsten
Tugendspekulanten,
auf Macht aus, Beifall,
Pfründe, Selbstgewicht.
Im Rahmen zeitgeistimmanenter
Perfidie.
*Agnosie griech.: = Nichterkennen
Ganz kann man's nicht lassen (74/3992)13
Man muss halt
manchmal auch
sich gehen lassen;
grad wenn man weiß,
man ist hier Selbst-Zerfall,
ist Ding und Zahl:
Entlastungs-Drall ...
Man kann sich kaum noch
anders fassen.
Kein Wunder also,
dass man sich vergisst,
agiert als
Marktverzückungs-Schwall,
sich nur als Kaufkraftgröße noch
zuletzt dann misst.
Zumal man ist
sich selber Ware,
mitnichten noch Person.
Auf dass als Preis
man sich erfahre:
Als austauschbarer
Wohlstands-Mohn.
Augenblicks-Eingebung (74/3993)14
Weiß nicht,
was ich sagen soll;
will auch nicht
die Stille stören.
Einsamkeit
soll mich betören:
inhaltslos
bedeutungsvoll.
Und mich so
das Sterben lehren:
Heimgang
in des Stoffes Schoß.
Gesinnungsklerikale Nächstenliebe als Staatsversagen (74/3994)15
Gesinnungsklerikal
politisch unbegabt
und emotionsvermessen
angetrieben,
schuf eine,
von Agape-Wirren
heimgesucht,
einst
deutscher Volksherrschaft
autoritäre Gegenkräfte.
Und hat sich daran
jahrelang gelabt …
So ist das, wenn ein
Arroganz-Belieben
durch Pfaffentum
wird machtverrucht,
dann rächt sich,
dass auch die Partei
mitmachte,
weil jeder nur
an seinen Vorteil
dachte …
sein Amt, Mandat,
die Privilegien,
den Applaus …
Nun, ein paar Jahre noch
dann ist’s mit Volksherrschaft,
wie ich befürchte, aus:
Macht die doch selber sich,
sie macht’s tatsächlich,
macht sie doch selbst sich
den Garaus.
Geburtstags-Hellsicht (74/3995)16
74 werd ich heute,
undeutsch klar wie nie:
Keine Stunde Mammon-Beute,
frei von Tugend-Zähren-Hysterie.
Früchte meiner Einsichtsstärke
- geistiger, nicht intellektueller -
in die Barbarei der Werke
amtlicher Moral-Aufheller.
Letzte Jahre stehn nun an,
die mich eher quälen müssen:
Jahre des Verfalls im Bann
nihilistischer Prämissen.
USA X (74/3996)17/Sonett
Ich hoffe nicht, du bist schon, was ich denke:
Ein Ort der seelenrohen Niederungen.
Zynismus, Arroganz und Macht verzwungen,
auf dass Vabanque-Spiel-Hybris dich dann lenke ...
Verblendet: Land dann ohne Sinngelenke,
dem Mammon-Nihilismus ganz gelungen …
Was hieße, aller Halt wär dir zersprungen.
Das muss ich sagen dir, wenn’s dich auch kränke.
Ist China nicht uns beiden überlegen,
dir und Europa, werteuphorisch müde?
Gewiss kennt es genau schon unsre Trägen.
Dann: Als Kommando-Staat kennt’s keine Güte.
Und dieses China wird sich auf uns prägen,
sind keine Gegner ihm doch Ramsch und Niete.
Grundeinsichten oder: Die Dialektik von Sein und Schein (74/3997)18
Gerhard Schulze* gewidmet
Die Menschen wollen sich erleben;
erfahren indes möglichst nicht.
Sie wollen kalkuliert so streben
nach dem, was ihnen Glücke flicht.
Bedenk ich’s, muss selbst ich zugeben,
dass dafür denn auch alles spricht:
Kann doch nur sie noch Menschen heben:
Erlebnis-Trance als Selbstverzicht.
Dasein muss das heute sein:
Oberflächlich, ephemer:
Spaß-Gram wälzen, pflegen Schein,
besinnungslos und anspruchsleer.
Ruht darauf doch der Wohlstands-Schrein.
Gottersatz uns; ja - viel mehr:
Bergend Sinnerfüllungs-Wein,
Lust gewährend … grad als Selbst-Verzehr.
*Autor des Buches: Die Erlebnisgesellschaft,
1992 erschienen.
Schaumschlägerei (74/3998)19
Es gilt jetzt als das Allgemeine
das allgemeine Subjektive.
Das Selbst ist fort, ist keine
- der Markt ist’s - Direktive.
Er kommandiert mir Effizienz,
die technische Magie
der Hypes, der Shows, der Ins, der Trends
mit pseudorationaler Garantie:
Sofort mir zu verschaffen
das Glück des Augenblicks:
Hirnhypertropher Affen
Befriedigung durch Klicks.
Klarstellung X (74/3999)20
Was sollte mich denn noch berühren:
menschlich, sittlich, kulturell;
sei es in welcher Hinsicht immer?
Ich will für mich mein Leben führen,
still und abseits; will's nicht grell;
vor allem nicht als Show-Geflimmer.
Auch ist mir's Land egal; und das schon lange:
Ein Land der Feigheit und der Lebenslügen.
Dem halte ich nicht mehr die Stange,
will keinesfalls mich ihm verbiegen.
Zumal's wohl keine Zukunft hat:
Zu viel Verquere und Moral-Extreme ...
Verlogen, eitel und gewissensglatt:
Narzissten voller Neid und Häme.
Evolutionär vorgezeichnet (74/4000)21/Sonett
Man mag es Niedergang, es Selbstaufgabe,
man mag's auch Dekadenz-Verwirrung nennen,
dies technologisch hochprekäre Rennen
nach Schein-Effekten als Erlebnis-Nabe.
Als ob man selbst sich nur in Räuschen habe,
die von gemeinen Wirklichkeiten trennen;
und so erlauben, diese zu verkennen
als Orte ohne jede Daseins-Wabe.
Auf uns als Hüter unsrer selbst verwiesen,
sind wir von Gott und der Natur verlassen:
Verzwungen formelhaften Hirn-Verliesen:
abstrakt gesteuerte Lakaien-Massen,
sich auszuleben mittels hochpräzisen
Verfahren, trauerlos sich zu verprassen.
Existenzielle Konditionierung (74/4001)22/
Für Pindar von Theben
Kein Geschwafel,
keine Spitze,
kalter Häme ausgegoren;
insbesondre keine Lügen …
Um sich selber zu besiegen
mittels solcher Geistesblitze,
wie sie kündet diese Tafel
ideeller Weisheits-Zeilen.
Wo ich lese diese auch:
Dass der Mensch
ein Traum nur sei
eines Schattens Schicksals-Hauch,
nichts als Hyle-Einerlei …
Zufall, Zeit und Tod geboren.
Tägliche Eindrücke (74/4002)23
Vieles wirkt recht lächerlich.
Manches scheint egal.
Meistens ist man Standard-Stich.
Frönt, wie alle, dann der Zahl.
Eingepfercht in Kunden-Ich:
konsumtiv basal.
Kämpft man täglich vorwärts sich.
Man hat keine Wahl.
Manchmal freilich - unterm Strich -,
merkt man dann wie schal
Dasein ist, das Markt ausblich:
tierstammagonal.
Heteronomes Gesellschaftsprodukt (74/4003)24
Es ist die bindungs- und gewissenlose,
die spaßgetriebne Subjektivität
als panegalitäre Kult-Symbiose,
die, toter Seelen Leibgerät,
entfesselt eine Knechts-Freiheit,
an die sie unlösbar sich hängt,
so, dass sie diese hetzend lenkt
durch diese inhuman-verlogne Zeit
der Tugendmären und der Würde Leeren,
die sich zerfleddern schon in Worten,
entfesseln Ich-, Person- und Selbst-Miseren,
so dass sie sich als Wahn verorten,
verspotten jeden Fakten-Sinn
und jede Kraft, sich selbst zu steuern,
auf dass man anonym sich gebe hin,
sich selbst als Zeitgeist-Gral dann zu befeuern.
Offen eingestanden (74/4004)25
Was ich denke, was ich fühle,
gebe ich wie folgt hier an:
Spott-Verlangen gegen Wahn,
Pan-Verachtung: kernsubtile.
Die sich freilich einzig richten
gegen die Funktions-Eliten,
die sich Tugendbrei erdichten,
geistig tot und faktenfremd
nur noch selber sich gewichten,
zeitgeistpathologisch sich enthemmt.
So das Land herunterbringen,
hybris-und verblendungslüstern
lassen's in die Arme sinken
solcher, die von Ordnung flüstern,
auszuräumen die Probleme,
schaffend Hass, Gewalt und Häme.
Des ganzen Lebens Widersprüche (74/4005)26 Sonett (1)
Es hat's trotz allem gut mit mir gemeint,
dies oft so hämisch plumpe, kalte Leben.
Obwohl bedrückend, sollte es mir geben
die Kraft, die seine Widersprüche eint:
So etwa den, dass man vergeblich weint,
wenn es sich zeigt als eher hartes Streben,
das Glück nur lässt im Traum von andern beben,
so macht, dass man sich selbst als Pech aufscheint.
Indes mich hat es überreich bedacht:
Sein Scheingefüge hat mich nie bezwungen.
Ich durfte ungerührt als Wahn es greifen,
weil ich mir geistig war primär gelungen …
War so bewusst mir seiner Täuschungs-Macht:
Dass es auch Lügen braucht, um sich zu reifen.
(74/4006)27/Sonett (2)
Das Beste draus zu machen, das erfordert Geist.
Gewährt allein doch er die Kraft zum Selbstabstand.
Und folglich Fakten-Einsicht ohne Deutungs-Brand,
der meist gesinnungsperspektivisch Trug aus kreisst.
Weil aus auf Selbstbetrug, Entlastungszwang verschweißt.
Doch braucht es Ernst, Verantwortung - nicht: Ichsucht-Tand -,
dass man nicht werde von Narzissmus überrannt,
der immer nur die Ichsucht-Deklassierten speist.
Indes gewöhnlich i s t das Leben Ichsucht-Posse,
was auch besagen soll, man ist auf sich versessen:
auf Selbsterhöhung, Anerkennung, Sinn-Kolosse;
wie Aufstieg, Haben, Macht, kurz jedes Große Fressen,
auf dass erreiche man des Lebens höchste Sprosse …
um die als sinnlos dann am Ende zu ermessen.
(74/4007)28/Sonett (3)
Das Dasein heute ist Verbraucher-Los:
Konsum. Um von sich selber abzulenken.
Würden die Fakten doch nicht selten kränken:
Besagend, dass man Umsatzgröße bloß,
gelenktes Mittel ist in Marktes Schoß,
in diesem sich dann selber zu beschenken:
Mit Glücken aller Art sich so zu tränken,
dass man sich wähne auf erwünschtem Floß.
Das ist zwar eine Lebenslüge nur.
Doch würde ich das jederzeit verschweigen.
Denn die allein kann sein noch Daseinsschnur,
wie Redlichkeit und Sachlichkeit es zeigen:
Ist längst gezogen uns doch diese Spur:
Dass wir uns müssen unsrer Ratio neigen.
(74/4008)29/Sonett (4)
Wir werden in die eignen Fallen laufen.
Doch ohne Halt und Selbstverständlichkeiten;
so feil dann unsren Nihilismusschlaufen
die wir als Dauerlast einst werden leiden:
Sei es als machtstier heimgesuchte Haufen,
sei es, das wir in Anomie uns leiten,
sie’s dass wir werden müssen uns verkaufen
als Wesens-Söldner, die sich selbst entgleiten.
Ich kritisiere das indes mitnichten.
Schon weil's das Wohlstandsgrund-Niveau doch hebt,
von dem gerade ich doch Vorteil habe.
Ich muss die Dinge realistisch sichten:
Weiß, dass der Geist nicht nach dem Leben strebt;
doch seinen Träger-Leib nur Geld bewahre.
(74/4008)30/Sonett (5)
Und selbstverständlich bin primär ich Körper:
Bedürfnisträgerzwang in allen Stunden.
So brennen ständig meine Stoffdingwunden,
mal kommandierend; manchmal etwas herber.
Und dann schreit immer mal des Eros Werber,
dass auch an diesen ich doch sei gebunden,
verpflichtet so, zu löschen all die Lunten,
um nicht zu leiden als der Lust Verderber.
Indes ich grad als Geistmensch anerkenne,
dass ich nichts weiter bin als Fleischgebilde.
Als solches als Bedürfnis-Träger brenne,
dem Leibzwang abzuringen etwas Milde.
Bevor ich mich dann wieder von ihm trenne,
zu meiden meines Tieres Fron-Gefilde.
Anwandlungen (74/4009)31
Dass es mit mir schon könnte
bald zu Ende gehen,
das kann an manchen Tagen
ich recht deutlich spüren:
Wenn etwa Schmerz und Schwäche
meinen Körper übersäen
bis mir gar lästig werden
alle Lebensfragen.
Mich zugleich andrer Frevel
auch verführen,
in meinem Ende
ein Erlösungsgut zu sehen.
Und in der Tat:
Ich wüsste letztlich nichts,
was mit Bedauern ich verlöre:
Das Land nicht
- längst Moral verbogen,
sich selber eine Phrasen-Schwäre,
als diese tief verlogen …
Auch sonst nichts,
was noch wichtig wäre:
Auch nicht die Heimat
des Gedichts:
Dies Spielen mit des Geistes Saat -
Ist mir doch eines
- es war's immer - klar:
Der Tod nimmt fort
uns alle Schwere:
Den Nihilismus dieser
Spaß-Misere ...
und mit der
alle Daseins-Leere …
Zumal auch dies,
dass je sie wiederkehre.
Bemerkungen zu Glück und Freude (74/4010)32/
Vergl. (64/3392)
Ob Glück und Freude ganz dasselbe seien,
wenn Glück verstanden wird als doch rein konsumtives?
Das mögen viele nicht für wichtig halten,
zumal für sie doch gilt: Erlebe dich!*
Was letztlich heißen soll: Die Fakten-Alltags-Welt zu meiden,
sich eskapistisch ihr entziehen wollen,
um marktgemachten Psychen-Schemata zu folgen:
Gefühlen wie Verpflichtungslosigkeit,
die "Seele baumeln lassen",
sich absoluter Freiheit hinzugeben,
kurzum: sich ohne Grenzen einfach auszuleben:
sich selbst dabei als Stimmungsträger mit zu konsumieren,
von Sorge, Stress, kurzum: Getriebenheit entlastet.
Ganz anders Freude: antidionysisch, reflektiert:
Sich ihrer selbst bewusst als Resultat
von Selbstabstand als Einsichtsweise,
die grade nicht nach konsumtiver Spaß-Versenkung giert:
nach Leichtlauf-Glücken marktkonformer Saat;
vielmehr ganz still und freundlich-resigniert zieht ihre Kreise,
weil sie begreift, dass Glück meint Weltverhaftungskreise:
Entlastungsmittel, Flüchtigkeit, Entfesselung, ein Surrogat,
in dem man seiner selbst benommen sich gelenkt verliert.
*Siehe dazu: Gerhard Schulze: Die Erlebnisgesellschaft,
Campus-Verlag 1992, Seite 58ff, Abschnitt: Erlebe dein Leben
Außenstörung (74/4011)33
Mich plagt ne Schaffenskrise,
das steht fest.
Nichts krieg ich hin;
doch wenn, nur Stuss.
Die Gründe freilich
bleiben unpräzise:
Das Alter, Krankheit,
Ekel, sonst ein Muss?
Tastsächlich will ich nicht mehr,
ich hab satt
den Dauerfluss
von primitiven Phrasen,
die arrogant sind,
schlimmer: inhaltsleer,
die ich seit langem
schon ertragen muss:
Ideologen-Schwachsinn:
weltlos, faktenquer.
Erklärung (74/4012)34
Warum ich oft erklärend dichte,
hat seinen Grund in unsrer Welt:
Es ist die Welt der Diesseits-Richte*,
geprägt von Technik, Gleichung, Geld.
Da fehlen längst die Psychen-Schichten,
sei's über sich hinaus zu sehnen:
sei es, sich metaphysisch zu gewichten,
sei's mystisch der Natur sich anzulehnen.
Zumal die fort ist: Rohstofflager nur,
ist zugemüllt, verschmutzt, liegt gar im Sterben.
Man fühlt nur noch: Sie ist Tortur.
Und das muss auf uns selbst abfärben.
Und in der Tat: Uns fehlen Ehrfurcht, Scham,
die Demut fehlt uns, Seelengröße.
Uns treibt nur noch des Mammons Garm:
Pleonexie, Narzissmus, Stargetöse.
Wir sind nur noch Verbrauchersilhouetten,
sind alle gleich, sind gleiche Lust-Duckmäuser,
bestreiten nur noch Sklaventums-Stafetten,
sind unsrer Plattheit eigne Schleuser.
*Richte = Richtung
Radikal sich ausgeliefert (74/4013)/Sonett 35
Von Kindheit an hab ich’s recht gut verstanden.
Zumal’s nicht schwer war, es genau zu greifen:
Ich musste nur der Straßen Wahrheit streifen,
in der sich Tränen, Ekel und Versagen banden;
vermengt mit Sehnsuchtswirren, die umspannten
sei’s Geldgier, Geilheit, Überragens-Keifen,
sei’s auch dies krasse Vor-sich-selber-Kneifen,
um sich in Lebenslügen zu gewanden.
Weil man an sich ist ausnahmslos gebunden,
in keiner Stunde kann sich je entrinnen,
ein Knecht von Zwängen ist und Würfelei:
Sei’s ichbegnadet oder ichgeschunden,
sich zu verlieren oder zu gewinnen …
Als Leib-Diktat rein faktisch einerlei.
*
(74/4014)36
Obwohl nicht frei: nie fähig, selbst mich zu bestimmen
und völlig außerstande, biegsam mitzuhalten:
mich zeitgeisttypisch smart narzisstisch zu gestalten,
gesellschaftlich die höchsten Leitern zu erklimmen,
verspürte nie ich diesen Drang, mich selbst zu trimmen,
auf dass man anerkenne mich und auch mein Walten,
bewundre gar den Nachdruck meiner einsichtskalten
Entlarvungskräfte, die dies Dasein mir entkrümmen …
Als Hort von Einsamkeit, Versagen und Versäumen,
als einen Strauß rein objektiver Nichtigkeiten,
als einen Ort von Selbstbetrugs- und Lügen-Finten …
Um sie mit Gott am Feldwegrand dann fort zu träumen,
sie in Gedichte, Einsicht, Seelenkraft zu leiten
so Zugriff ihnen und Gefolgschaft aufzukünden.
Politverquer - Es sinniert einer auf der Regierungsbank
(74/4015)37
„Ich hab versagt, weil ich vergessen wollte,
dass ich mit Absicht was vergessen habe.
Ich saß es aus, auf Macht versessen
Was kümmert mich auch das Gesollte?
Ein Coup, an dem ich freilich gern mich labe,
weil er beweist, dass ich ein Schlauer bin,
ein Fuchs, was anbelangt Cum In.
Hab ich auch sonst nicht die geringste Gabe,
mir Selbstwertfülle zuzumessen:
Muss daher sehen, dass die ab ich schabe
von meiner Fähigkeit, Begriffs-Finessen
mir aufzulösen in Rhetorik-Gülle,
die macht, dass ich mich selbst vergesse:
Als Daseinshusch besagungsloser Stille.“
Statusprobleme, Ich-Werte
und die Gott-Heimat Gedichte (74/4016)38
In einer Welt der Kunden
und Erlebnissammler,
ist ein Gedicht nicht relevant.
Da zählen nur noch
Selbstwertrunden,
zu wirken möglichst
ichbrillant …
Ob man sich gut verkaufe
oder nicht;
was man bedeute
in der andern Sicht:
Sei nur soziale Beute:
ein kleiner oder großer Wicht.
Womöglich gar
ein Daseins-Gammler …
Vielleicht auch
ein sehr großes Licht:
betucht, beliebt
und allbekannt.
Ich bleib dem Geistigen:
Gedichten treu,
sie seien Gütesiegel
oder Spreu,
sie seien selbst
entweltlicht scheu:
Sie seien weder alt
noch neu …
Bin ich doch Scheingetue
tief abhold.
Denn wenn man
darauf sich versteht,
bleibt man vor allem
selbstwertscheu:
Macht seines Daseins
tiefsten Stich,
indem man trancestumm
Gott verweht,
der im Gedicht
noch Wache steht …
obwohl längst tot
längst nur noch
leeres Grab-Gesumm.
Weiteres zu "Existenzprobleme" (74/4017)39
Es gibt kein inneres Refugium mehr,
in das man könnte sich noch halbwegs retten,
um sich zu schützen etwa vor den Marktzugriffen:
Reklame-Tinnef* und Erregungszwängen.
Emotional erbeutet doch primär
von künstlich provozierten Psychen-Schliffen,
die einen stets in Zeitgeist-Illusionen betten
und jede Chance auf Wirklichkeit verdrängen.
Man ist tatsächlich radikal verlassen.
Und akzeptiert das, weil man deutlich fühlt:
Man würde - widerständig - sich ja auch verprassen
an was da pausenlos mit einem spielt.
Indes dem Geistigen sich hinzugeben,
birgt große psychoethische Gefahren:
Ein weltentlarvend radikales Innenleben,
das kaum Vernunft, Moral und Halt kann wahren.
Vielleicht in Nihilismus-Rausch sich gar verliert:
In Phantasien dann von rücksichtsloser Barbarei,
die es begrüßen mag, dass sukzessive man vertiert ....
gar von Vernichtungsorgien wutschrill animiert ...
*Tinnef jidd.: Schund
Der alte Mann I (74/4018)40
Zu vergleichen (71/3769)
Lauf öfter hier vorbei
an dieser Haltestelle.
Und immer sitzt da
dieser stille alte Mann.
Der wartet, scheint's,
nur auf den Tod,
den Tod als den
Erlösungs-Weg
aus aller Daseinslast
und ihrem bittren Zwang ...
Nun endlich hin
zum letzten Steg,
zu lassen nach dem
hinter sich
Zeit, Ich, Verfall
und diese fade Hast.
Probleme der Machthaber (74/4019)41
Macht hat doch keiner,
den sie drangsaliert mit sich;
ihn seiner selbst beraubt
und ihn verknechtet ...
ihn heimsucht
als dann schwaches Ich.
Ihn kleiner macht
und immer kleiner;
ihn letztlich
gänzlich sich verführt ...
Bis er sich gottgleich glaubt -
und dann verrechnet.
Prototyp des verachtungswürdigen Amtsfrevlers
(74/4020)42
So mancher oben
kann's halt nicht,
ist primitiv,
korrupt und faktenblind.
Von Dummheit, Arroganz,
Narzissmus angeschoben,
frönt er nur
lauem Phrasenwind ...
Charakterlos und
abgehoben ...
wie's alle
Selbstgefangnen sind.
Hoffnungslos (74/4021)43
Dass wir, Natur entlaufen, werden uns entrinnen:
Uns Gleichungs- und Verfahrensvirtuosen*,
die doch auch Wohlstand, Macht,
subtilste Waffen schaffen,
das glaub ich nicht; ich kann's nicht glauben.
Wir werden eher weiter sinnen
auf Überragen, Ruhm, ja: Weltherrschaft.
Und das heißt: selber uns nur kosen
und folglich gegenseitig Überlebenschancen rauben.
Das ist indes normal: Dass müssen wir.
Ist uns so was wie Schuld* doch eher fremd.
Wir sind im Wesen Ohnmacht, Fehlen, Gier ...
sind geistig-ethisch letztlich ohne Kraft:
heteronome Selbstsucht-Haft.
So potentiell Vernichtungssucht enthemmt.
Kurzum: Wir werden irgendwann uns selbst zerstören.
Sei's ohne Absicht, sei's durch Zufall, sei's gezielt.
Das sagen uns die evolutionären Lehren,
dass, wer Natur verlor, nur mit sich selbst noch spielt,
anheim wird fallen seinem Nihilismus-Bann.
*Gleichungs- und Verfahrensvirtuosen: Naturwissenschaftler und Techniker, Bewunderungswürdige Geniale, die uns so viel Fortschritt beschert haben: Etwa die Abschaffung der körperlichen Plackerei auf den Feldern, in den Fabriken, der Armut in vielen Teilen der Welt, vieler Krankheiten, denen wir einst hilflos ausgesetzt waren (etwa der Tuberkulose) usw. usw. - indes hat dieser Fortschritt einen Haken: Er liefert uns uns selbst aus; und das ist kein Fortschritt, sondern womöglich eine Falle, denn: Unser Wille ist nicht frei** (wenn das auch viele Menschen - verständlicherweise - glauben) und wir sind (an der Wurzel Techniker) der Natur aus der Hut gesprungen, d. h. wir sind uns selbst ausgesetzt, einem Wesen, auf dessen Selbststeuerungsfähigkeit ich jedenfalls keinen Pfifferling gebe.
**Was Schuld und Heteronomie (nicht gegebene Willensfreiheit angeht) s. S. 73 dieser Homepage.
Der Tod (74/4022)44
Mit dem Leben zwangsverwoben,
ist der Tod uns tief vertraut:
Muss uns Körper sich erbeuten,
endend unsrer Iche Pein:
Ängste, Alter, Selbst-Gram, Schmerzen.
Zwischen uns und Nichts geschoben,
endet er, was Traum uns baut:
Fragen, Hoffen, Wünschen, Deuten,
zielend auf Entlastungs-Schein:
Nu-Phantasmen, Trostwunsch-Kerzen ...
Ist doch sinnleer alles Sein.
Nebelnacht-Gesicht (74/4023)45
Stille schwarzer Nebelnacht.
Ohnmacht: Selbstwertzwang verdeckend
einer unbegriffnen Schlacht,
Seelenschwund erweckend.
Sie erlaubt mir, scharf zu sehen,
die Enthemmungs-Geist-Miseren,
die sich als Magie begehen:
Kultrausch toter Zähren.
Und die Fäulnisspur im Ganzen
durch der Art Gesamtbestände,
sich als Niedergang zu tanzen
neuronaler Zeitenwende.
Selbstmachtverlustig (74/4024)46/Sonett
Dass es nicht leicht ist, dieses Leben heute,
liegt auf der Hand: Oft ist es Scheinhingabe.
Man ist nun mal - und dient - als Markt-Bann-Beute,
ob man nun wenig oder viel gar habe.
Dass man dabei an Sinn-Erfüllung schabe,
das glaub ich eher nicht, zumal die Leute
beweisen dies durch Aggressions-Gehabe …
Als ob man ihre Lage ehrlich deute.
Das alles muss man schon in Rechnung stellen,
wenn man - begründet - sich berechtigt glaubt,
sich dieses Urteil anmaßen zu dürfen:
Uns sind versiegt längst alle Selbstmacht-Quellen.
Was fraglos gälte, alles auch geraubt.
Um die Attrappen unsrer selbst zu schlürfen.
Für eine Tote
Für E. M. in dankbarer Erinnerung (74/4025)47
Grade habe ich's erfahren.
Überraschend war es nicht.
Dieser Schwund in letzten Jahren,
nahm dir des Bewusstseins Licht.
Sollte eigentlich was sagen;
doch mir fällt nichts Rechtes ein,
angemessen jenen Tagen,
nicht vertan schon stillem Nein.
Wär's auch hilflos vor dem Tod.
Grund für mich, dir nachzuschweigen:
Dank dir für dein Seelen-Brot,
deines Leibes Schicksals-Neigen;
Dank auch für manch andres noch ...
Könnte vieles noch benennen.
Sei's drum. Hast es hinter dir,
nicht allein dein eignes Joch,
auch dies ganze Zufalls-Rennen,
grabgeborgen asche-schier.
Spätzeit-Sonett (74/4026)48
Warum denn sollte ich noch weitermachen?
Für wen? Für was? Und dann auch: überhaupt?
In dieser Hysterie von ausweglosen,
gesamtgesellschaftlichen Niedergängen.
Da tobt ein progressives All-Verflachen,
das keine Sachlichkeit doch mehr erlaubt;
selbst die Verantwortung verkommt zu Posen:
narzissmusprimitiven Überschwängen.
Demokratie und Recht sind kaum gegeben,
Gesellschaft auch nicht - einheitslos zerfallen -;
und die Funktionseliten Mach verschworen:
Ideologen, die in Trancen schweben,
indem sie faktenfremde Phrasen lallen.
Das Ganze? Haltlos in sich selbst verloren.
Menschen (74/4027)49/Sonett
Die Unterschiede sind ganz oberflächlich.
Doch grade deshalb auch so heiß umkämpft.
Man ringt um seinen Selbstwert ja tatsächlich.
So gibt es nichts, was diesen Hunger dämpft,
zu übertreffen, sogar auszustechen -
beruflich etwa, auch intim privat.
Es geht noch nicht mal darum, sich zu rächen:
Man will gewinnen, muss das als Primat.
Ich mach mir oft den zweifelhaften Spaß,
herauszufinden - Ich bin Herrentier! -
wie weit man gehen muss für’s eigne Maß:
Nun bis zum Ende: Man ist Daseins-Gier.
Der es um alles geht, sei’s Wie, sei’s Was …
Quälte doch Scheitern sonst als Ich-Geschwür.
Existenzgegebenheiten (74/4028)50
Für uns alle viel zu kompliziert,
weil nicht möglich ohne Widersprüche,
dieses Dasein, scheinfundiert,
dass man's, träumt man,
meistern könne
ohne Selbsttrug, ohne Brüche.
Sich bewahren könne vor der Welt,
auch sich selbst sich zu gelingen
durch Phantasmen, Lust und Geld,
um die täglich wir doch ringen.
Müssen, weil uns sonst nichts hält.
Doch ich will es allen gönnen,
es von Herzen ihnen wünschen,
dass sie sich als Schein gewönnen,
Niedertracht zu übertünchen,
Schäbigkeit und Perfidie ...
Um nur diese hier zu nennen:
Grundbestände doch von Was und Wie ...,
die uns stündlich überrennen.
Daher auch die Hirn-Magie,
ichsuchtsiech sich zu verkennen.
Sein (74/4029)51
Nun, wie soll ich aufbegehren
gegen alle die Gebrechen,
die das Alter mit sich bringt? ...
Körperschmerzen, Psychenschweren,
Antriebslosigkeit in Leeren,
die dies Häuflein Ich verzechen,
das vergeblich um sich ringt …
Überwinde deine Grenzen,
reiß dich über dich hinaus,
lasse Deutungs-: Trost-Sentenzen,
trinke deine Reste aus! …
Dass dich's Leben noch mal weite.
Proste Eros zu, dem Sein,
Seelengröße, Herzensgüte,
Geist als göttlichem Geschmeide ...
Lass dich auf sein Tiefstes ein:
Drang, bis es im Grab versinkt:
atomare Kurzzeit-Blüte.
Feststellungen III (74/4030)52
Ich zähle immer nur auf mich,
grad als Kenner unsrer Seele:
Heute ein Erlebnis-Ich,
tanzend um sich selbst als Stele.
Zu was andrem reicht's nicht mehr:
In sich klebende Monade.
Selig nur noch geistig leer,
selbst sich fremde Kinds-Scharade.
Kann sich selbst nicht übernehmen,
permanent subtil gesteuert,
als Person sich zu verbrämen,
von Phantastik angeheuert.
Mehr will dazu ich nicht sagen;
bliebe nämlich nur ein Ding,
das als dies sich kann nicht tragen:
Spaßknecht an des Zeitgeists Ring.
Fundamental-Gebrechen des gegenwärtigen Deutschland
(74/4031)/53/Sonett (1)
Geblieben ist Verachtung, manchmal Wut.
Und es ist trostlos, es gestehn zu müssen:
Ideologenwirren ausgesetzt,
auch, krank, sensibler Stumpfsinn-Arroganz.
Zumal das Denken ist auch viel zu krud,
ist viel zu schlicht und leerformel-beflissen,
von Wirklichkeitsverlusten oft gehetzt:
Politisch infantiler Trance-Abglanz.
Es ist ein Ungenügen im Mentalen,
was rafft dies selbstwertarme Land sich fort,
verrottet kulturell in Einheitsbrei.
Es nippt beseelt an seinen Einfalts-Schalen,
goutiert frenetisch seinen Macht-Selbstmord
als Groß-Nation der Tugend-Lumperei.
(74/4032)54/ Sonett 2
Das Land der Würde-Märchen und Cum-Ex-Geschäfte,
der Hochmoral und der Sozialstaats-Klerikalen,
der faktenflüchtig-phrasenhungrigen Parteien,
der selbstverantwortet verfügten Wirtschafts-Flauten;
nicht zu vergessen all die dekadenten Kräfte
der Halbgebildeten mit ihren Ritualen
der Selbstzerstörung sich entfremdeter Lakaien,
die immer schon auf Emotions-Klamauk vertrauten ...
kann sich aus eigner Kraft wohl nicht mehr ganz erholen,
ist es doch tiefenkulturell sich selbst entglitten,
auf Show fixiert, die Seins-Devise des Banalen:
amerikanisiert bis in die Kern-Systolen*,
die permanent um Faktenausblendungen bitten,
sich in Verramschungszwangsmanie frivol zu aalen.
*Systole: Zusammenziehung
Selbsteinwände (74/4033)55/Sonett
Man soll - das ist die Botschaft - nicht viel denken;
vielmehr nach Bildern und nach Reizen jagen,
Erregungsemotionen und Vergnügen,
die - spaßsubtil - dann von sich selbst ablenken,
weil infantile Illusionen schenken,
die durch die Wirren unsrer Zeit dann tragen,
die, uns bewusst, uns würden Angst verfügen,
Verdrängungssucht, gar Existenz-Versagen.
Doch wer zerbräche psychisch nicht im Wissen
um all die Formen von Entwurzelungen,
die die Natur, uns selbst, gar Gott zerrissen?
Zumal doch auch dem Faktum abgerungen,
dass wir als Techniker zerstören müssen,
um unsrem Fortbestandsdruck zu genügen.
Herbstblätter-Schwermut (74/4034)56
In trüben Abendstunden
durch gefallne Blätter waten,
die raschelnden, die herbststumm toten,
und dabei an mein eignes Ende denken,
wozu mir jene sind die Seins-Vorboten -
Wie sie vergehen werden wohl
die letzten Stunden,
von Angst begleitet, Körperschmerz,
zumal von Selbsterhaltungsdrang geschunden? -
Das möcht ich wissen dann ...
Warum auch immer.
Nun: jener Blätter wegen,
die jetzt völlig abgebunden,
von ihrer biologischen Bestimmung,
ganz frei für sich sind,
wie auch ich’s gern wäre:
Von Schicksal, Körper-Zwängen,
Alltagskämpfen gegen
den Zeitgeist- und Belastungs-Bann
auf dieser schwanken Homo-Fähre
von Gleichungs- und Verfahrens-Flimmer
in Knechts-Gefilde ohne Segen
und wohl auch ohne alle Zukunfts-Noten,
da zufallsstrack verhirnungsblind.
Ein unvermeidlich bitteres Ende (74/4035)57
Wenn man sich der Gesellschaft
muss erwehren,
dann bleibt nur dieses Geistes-Spiel:
Als obsoletes, ohne Sinn und Ziel.
Um zu entrinnen jener
unverschuldet Vielfach-Leeren.
Ein Spiel mit toten Worten
meiner Muttersprache,
ein wenig abzusetzen mich
von jener Brache,
die ich als Tollhaus so gut kenne,
als Selbstentmächtigungs-
und Eitelkeits-Asyl,
messianisch-weltanschaulich:
krass effektsteril.
Das muss so sein, ist unabänderlich,
ist sozusagen Spätzeit-DNA,
auf dass man, high-lewd schwankes Ich,
sich selber überrenne pop-gaga …
Das Individuum geht unter,
gerade als Monaden-Ideal;
geht auf im pansakralen Plunder
als Quoten-Unselbst ... digital.
Progressive Selbst- und Existenzverluste (74/4036)58
Der Große Stumpfsinn
wabert völlig unbemerkt
durch Straßenzüge
über den Asphalt.
Zeigt an: Die Psychen
dorren vor sich hin,
verkümmern, haben
weder Kraft noch Halt,
verlieren sich
in einem Trancegefüge
von Einfalt, Zwangsgleichheit
und digitalem Bann,
der stündlich sie
zu Selbstverlustigen:
zu ihrer selbst
Entfremdeten verzwergt.
Gesellschaftsdiagnose (74/4037)59
Dies und das hab ich erlebt;
genauer: krud erfahren.
Selbstversagen, das nicht hebt,
einreiht diesen Scharen,
die geschoben werden und gezwungen,
Zeitgeistzwängen sich zu beugen,
anonym gedungen,
jener Schäbigkeiten zu bezeugen.
Die Gesellschaft ist verlogen,
verwahrlost und verkümmert:
Seelenarmut aufgesogen,
die sie unbemerkt zertrümmert.
Pflichtvergessne oben, unten,
Selbstverfügungsmacht entlaufen:
Ideale Dauerkunden,
die sich an sich selbst verkaufen.
Wähler und Gewählte (74/4038)60
Affektverworren infantil:
Sei es verehrungstrunken,
sei es hasserfüllt,
sei’s indolent,
sei es effektdebil …
stets unvernünftig,
nie verstandeskühl,
so muss ich lesen
dies Politmacht-Spiel:
Es ist nicht
demokratisch sachkonform.
Erfolgt so nicht
verantwortungsbewusst,
obwohl es auch
um‘s eigne Schicksal geht:
Man wählt Figuren,
schon sich selbst Verlust,
weil ihnen abgeht
jedes Groß-Talent
wie Selbstdistanz,
der Wille zur Verantwortung,
Charakterstärke, Fakten-Sinn.
Da toben Ich-Verzwergte
beidseits vor sich hin
in einem anonymem
Narrentanz,
geblendet von sich selbst …
Als sähen alle sich
in hoher Würde Glanz:
als mächtig, sittlich,
ehrlich und solide,
als ihres Tuns und Lassens
freie Schmiede.
Oder anders formuliert (74/4039)61
Schreib das alles hier zusammen,
weil es Welt-Distanz gewährt:
Einsicht, Selbstbewahrung vor den Ammen
Technik, Gleichung, Wohlstands-Kicks …
Weil’s bewahrt mich statt verzehrt,
schenkt mir Weisen seltnen Glücks:
Abstand zu mir selbst und Dingen
die doch seelisch-geistig schwächen,
uns als Knechte zu gelingen
jenen hochprekären Mächten …
Und zumal den Staats-Sirenen,
die nur nach sich selber gieren,
sich als auserwählt gar wähnen,
um an Macht sich zu verlieren.
Was jedoch nicht überrascht,
weil jeder Zwerg nach Größe hascht.
Genau so würd ich’s wieder machen:
Dieser Welt den Rücken kehren,
Zeilen fügen, um die Sachen
bitten so, mich zu belehren.
Gott sei Dank ja ist das ausgeschlossen:
Stirbt man, war’s das; kommt nie wieder …
Stoffwelt wieder eingeschossen …
ohne Leiden, ohne Lieder.
Im Folgenden: Randständig unternommene, hoffnungsfreie Versuche über das Fakten-Ganze eines völlig unschuldigen Zufalls-Wesens im Würgegriff notwendiger moderner Selbstzerrissenheit in einer sich mehr und mehr seinem Zugriff entwindenden digitalen Welt globaler Ungreifbarkeit und diktatorischer Macht unterworfener Unsicherheit. Das sich wohl selbst analytisch und verfahrensrational einst in die Falle laufende, hirn-hypertrophe Selbstbewusstseins-Tier, das sich mit einer Würde schmückt, die ihm nur die metaphysische Fiktion einer ihn behütenden und vor sich selbst schützenden Gottheit gewähren könnte. Sie sich selbst zu verschaffen, setzt eine kommandierende geistige Begabung voraus, die freilich, zumal auch genetisch fundiert, sehr, sehr selten ist …
32 Gedichte/davon 31 Sonette
Geistes-Spiel (74/4040)/62/Sonett
Ein Selbstbewahrungs-Spiel in diesen Zeiten,
mich geistig so mit ihnen zu verschonen.
Mir ihre Kunstwelt auch ganz nah zu bringen,
um mir ein klares Bild von ihr zu machen.
Für mich zumal auch Spiel, mich selbst zu meiden
als Ziel-Objekt von ihren Abstraktionen,
die als Person mich würden niederringen,
mich zwingen, psychoethisch zu verflachen.
Indes: Ich treib es auch als ernstes Spiel,
weil es mir aufzeigt die Gewaltexzesse
der Selbstzerstörung und der Niedergänge
der Innenwelten, progressiv subtil
entfacht als eine Hedonismus-Messe,
umsonst verleugnend Diktaturen-Zwänge.
1958 – 1973 (74/4041)/63/Sonett
Ich kann es, bin ich ehrlich, nicht bestreiten:
Es waren ökonomisch die Jahrzehnte,
dergleichen man sich weitere ersehnte,
um sich noch größre Chancen zu bereiten.
Sie würden auch in bessre Zeiten leiten,
den Rest von Elend korrigieren, wähnte
manch Kumpel, der mit mir am Tresen lehnte
und kommen sah das Ende aller Leiden.
Das kam dann nicht. Man hatte übersehen,
dass aus dem Überfluss Verwahrlosungen
und Wirklichkeitsverluste auch entstehen.
Dass jener Wohlstand dann, je mehr gelungen,
es nach sich zöge, dass still untergehen
die geistig-seelischen Voraussetzungen.
Frühe Prägung (74/4042)64
Ich hab die Welt
zu früh als recht
gemein erlebt.
Und dass sie's sei,
ist mir geblieben.
So dass,
wenn sie sich
nunmehr untergräbt,
mir das ist
ziemlich einerlei.
Zumal ich längst
zum Grab hin strebe:
Oft krank und aus
auf All-Abwehr.
Was auch macht,
dass ich
nichts mehr gebe
auf dieses seelenlose
Kunden-Heer.
Sehnsucht nach Entweltlichung (74/4043)65
Ich würde es noch mal so machen,
noch einmal Abstand, Rand, Für-mich-Sein wählen.
Mich nicht berauschen lassen
von dem Kult der Sachen,
als ob nur diese könnten zählen.
Ich würde noch einmal auf Geist abheben,
obwohl der keine Relevanz mehr hat,
nicht haben kann als antikonsumtives Streben.
Meint er doch Selbstdistanz und Weltabwehr,
Realitätssinn und Betrugsverzicht,
Verantwortung als Trance-Abkehr.
Konzentration auf Relevanz …
das Wissen darum, dass er Illusionen flicht,
ist doch allein Materie Substanz.
Die Große Gereiztheit II (4044)66
Man weiß es freilich,
dass man oft betrogen
belogen, ausgebeutet wird.
Sei es politisch,
sei es ökonomisch,
sei es sozial,
sei’s menschlich gar.
Und daran ändert
auch die Würde nichts
(schon weil sie leer,
nur eine Phrasenhülse ist),
die als Entlastungs-Lebenslüge
indes hingehn mag.
Man muss ja Macht und Wirtschaft
Spielball sein,
den man sich modeln kann,
wie man ihn jeweils braucht.
Denn das System ertrüge nicht
den sich asketisch-geistig
ihm Verweigernden:
Den Grundeinsichtigen,
der diese Farce begriffen hat.
Ihn könnte Wohlstand
nicht mehr korrumpieren;
auch Macht nicht, Ehre,
Korruptionsvorteil.
Und mancher - erst mal
kritisch aufmerksam -
spürt, dass sie in ihm wachsen:
Hass, Angst und Rachsucht,
gar Gewaltbegehren.
Weil er sie satt hat
alle die Verdummungs-Faxen
von Staatsschauspielerei
von Rechts- und Tugend-Mären …
Nun: Weil herunterkamen
Staat und Recht:
ideologisch säuselnd:
wirklichkeits-vergessen.
Geschuldet Dilettanten,
die in Phrasen kramen:
dabei dann all-narzisstisch
auf sich selbst versessen.
Tiefer Wunsch (74/4045)67
Im Wind
will ich begraben werden.
Der soll dann meine Asche
ziellos tragen,
auf dass wo immer
anonym sie:
namenlos zerstiebe.
Das ist es doch,
was ich am Wind
seit Kindheit liebe:
Dass wehend er
lässt keine
leserlichen Fährten,
bleibt ungreifbar
kennt auch kein Zagen.
Scheint stets dasselbe
auch zu sagen:
Ich werde dich,
in mir geborgen,
so wie immer erden:
Entronnen Menschenbettel:
seiner Ratio-Masche,
den Lasten seinen Lagen:
prekär doch stets
und voller Hiebe.
Weitere Bemerkungen zum Westen I (74/4046)68/Sonett
Der Westen? Nun: Ist kulturelle Öde
depersonalisierter Konsumenten,
Erlebnis-Gilde, die sich selbst erhöhte,
um einst in Selbstverachtungszwang zu enden.
Als ob ihr Lebensstil noch Inhalte böte,
sich gegen Dekadenz-Vollzug zu wenden.
zu offenbaren sich die eignen Nöte,
die einen unbemerkt doch selber schänden.
Indes sie können sich nicht mehr gelingen,
verdammt dazu, sich selbst herabzusetzen,
weil sie mit Minderwertigkeiten ringen,
die sie in Hass und Rachsuchtträume hetzen.
In diesen extremistisch anzusingen,
die Gurus, die sie mit Phantasmen letzen.
Die notwendige Ohnmacht der Intellektuellen (74/4047)69/Sonett
Nie habe ich verstanden Intellektuelle,
die Ideal, Gesinnung und Moral hochhalten.
Den Menschen vorzugaukeln eine Arten-Helle,
die, umgesetzt, sozial sie würde nie mehr spalten.
Da sie es niederrissen, ihr Sozial-Gefälle,
um Gleichheit und Gerechtigkeit so zu entfalten,
dass Solidarität würde Gesellschafts-Welle:
Demokratie und Rechtsstaat würden faktisch walten.
Dass all dies möglich wäre, lüde ein zum Schwur,
das glaub ich nicht: Der Mensch zeigt eher Amoral;
ihm ist der Mitmensch eher Mittel und Tortur,
sich selber meistens nichts als krude Ich-Drangsal.
Oft gar perfide, schuldlos Seelenschmerzen-Tour,
diffus und widersprüchlich: Menetekel-Mal.
Die Handlungs-Hemmnisse zeitgenössischer deutscher Machteliten/3 Sonette
(74/4048)70
Sie merken gar nicht, diese deutschen Machteliten,
dass linkisch-seelenwund sie an sich selber scheitern,
an Sachlichkeitsverlust und an Moral-Fiktionen:
an deren klerikaler Null-Wort-Litanei.
Zumal sie, unbeholfen, haben nichts zu bieten,
heißt: klettern notgedrungen auf des Zeitgeists Leitern,
sind so versessen drauf, nur selbst sich zu betonen,
auf dass Applaus die Nahrung ihrer Ichsucht sei.
Sind sie doch nicht mal ansatzweise in der Lage,
irgend Verantwortung für sich zu übernehmen;
zumal auch außerstande, sich für sich zu schämen …
Stehn ihre Ehre und Person doch außer Frage.
Sie bleiben unberührt von jeder Schicksalswaage;
so wie ihr Glaswortspiel gewissensarmer Hämen.
(74/4049)71
Indes man darf auf keinen Fall vergessen
die ichschwachblind geprägten Innenwelten;
die kruden Selbstentfesselungsanfälle;
die Sucht nach Unernst und nach Show-Gehabe.
Zumal, rhetorisch arm, sie Phrasen pressen,
um ihre Geistesarmut abzugelten
durch eine leere Propaganda-Welle,
als Mär von ewig sichrer Wohlstands-Wabe.
Der Zeitgeist? Nun: ist autodestruktiv,
hat eine aggressive Furcht vor Fakten,
verteidigt alle die Verknechtungs-Öden,
in die man, Kunde, freiheitsgierig lief,
um sich nach Zwangsvorgaben high zu takten,
als ob die nicht nur Selbstverluste böten.
(74/4050)72
Was sich hier anbahnt, ist ein schleichender Verfall
von Freiheit, Selbstverpflichtung und Gerechtigkeit …
kurzum: von Rechtsstaat und von Volksherrschaft zuletzt:
Reflex auf kommandierenden Narzissmus-Drall.
Der provoziert, sich zu ergehn in Formel-Schwall,
auch weil man nicht erkennt die Fallen dieser Zeit:
Erlebnissucht, die in ein Trance-Bedürfnis hetzt;
und zwar notwendig … dürrer Seelen Widerhall.
Wie kann man da noch irgend Hoffnung für sich hegen,
dass grade dieses Deutschland eine Zukunft habe,
sich von den eignen Blößen könne noch erholen:
Wie Selbsthass, Feigheit, Dekadenz, Entpflichtungs-Trägen,
Parteien-Ohnmacht: Staatsversagen anbefohlen …
bevor es Selbstentmächtigung in sich begrabe?
Der Mensch ist fort II (74/4051)/Sonett 73
Vergleiche (10/579)
Das kann man als Politschauspiel vergessen:
Die Tugend als mediale Hysterie.
Betreuungsstadel für das Wahlstimmvieh,
das freilich darauf ist nicht grad versessen.
Ja selbst die Mimen können’s nicht ermessen.
Beschwörer doch narzisstischer Magie,
beliebig wechselnd ihre Strategie
im Dienst von bloßen Machtsuchtinteressen.
Der Mensch ist fort, ist nur noch Körperware,
die ihre Deklassierung muss verdrängen.
Sich überlassend der Konsumkandare,
sich zum Bedürfnisbüttel zu verengen.
Auf dass man in Reklamehimmel fahre,
um einzugehen Markt- und Gleichungs-Mengen.