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Diese Seite enthält 71 Gedichte
Ohnmacht (1) (77/4154)1/Sonett
Wir sind unsrer selbst nie mächtig,
müssen’s freilich ständig glauben,
um uns nicht die Kraft zu rauben,
unser Dasein zu bestehen.
Denn: Wir sind versagensträchtig,
ausgeliefert uns und Wir,
der Gesellschaft, ja: der Welt.
Also: Machtsucht, Lügen, Gier.
Ohne, dass uns etwas hielte,
das uns würde es erlauben,
stets zu meistern dies gespielte,
oft infame Trance-Geschehen.
Ohnmacht (2) (77/4155)2/Sonett
Der Dinge Kerne wesenhaft zu fühlen:
Als dauerschwankend und uns streng entzogen,
macht, dass wir, auf uns selbst zurückgebogen,
notwendig müssen auf das Unsre zielen …
Um so uns immer wieder zu verspielen.
Und es erklärt, warum wir, Trug gewogen,
uns trösten müssen mit Bedeutungsdrogen,
uns also Traum, Idee und Wert einwühlen.
Doch kann uns derlei Ungreifbares tragen?
Wohl kaum. Doch das, das gilt es zu verschweigen.
Schon um nicht überhaupt schon zu verzagen.
Was nämlich hieße, sich Verzweiflung neigen.
Wir müssen also schönen unsre Lagen:
Bis ihre Ausweglosigkeit sie zeigen.
Ohnmacht (3): Innenwelt-Zersetzung (77/4156)3/Sonett
Erbärmlichkeit und Stumpfsinn zu vermeiden,
das ist nicht leicht in einer Welt der Daten,
der Zahlen, news und aufgeblasen faden
Verzückungschancen sinnverlassner Zeiten.
Man muss sich wappnen vor den Niedrigkeiten,
in die man ziemlich schnell doch kann geraten,
weil, ausgesetzt Entwirklichungs-Diktaten,
man, bodenlos, sich wird berauscht entgleiten.
Wir sind die Opfer einer hochsubtilen
Zersetzung wertgetränkter Innenwelten.
Verführt, uns sittlich selber zu verspielen
und zu verschreiben Posen, Spaß und Gelten.
Wir haben nichts mehr, das uns noch bezelten
und retten könnte vor Entseelungs-Kühlen.
Ohnmacht (4): Die anonyme Misere (77/4157)4/Sonett
Vergänglichkeit, Vergeblichkeit und Scheitern
sind das, was oftmals aus uns macht im Ganzen;
sind gleichsam homotypische Instanzen,
uns doch geworden zu Gefühls-Begleitern.
Entlasten mag‘s, zu klettern auf den Leitern
sozialen Aufstiegs zu Erfolgsbilanzen,
weil dann als Sieger man sich darf umtanzen.
Obwohl’s nie reicht, sich so nur zu erweitern.
Man kann nur hoffen, dass man jene meide,
wodurch auch immer einem sei‘s gewährt;
so dass nicht dauernd man ihr Werk erleide,
wohl wissend, dass es in die Kerne fährt,
dort einen hilflos von sich selbst abscheide,
wenn dann sich einem dieses Dasein klärt.
Ohnmacht (5): Die Märchen von Selbststeuerungsmacht
und Weltabständigkeitsmacht (77/4158)5
Es ist ein Taumel ohne Halt
durch Wortkaskaden ohne Wirklichkeitsbezüge,
der aufzeigt die systemische Gewalt,
die auflöst wertstabile psychische Gefüge
und so die Menschen auch moralisch ruiniert:
Sie werden seelisch arm, was sie auch geistig lähmt
erweisen sich als selbstsuchtinszeniert:
narzissmuslüstern, aggressiv entschämt.
Das Kapital, notwendig autodestruktiv,
gerade dadurch, dass es Wohlstand schafft,
schafft es auch Ichsucht-Infantile, die massiv
so werden Knechte ohne Selbsterhaltungskraft.
Ohnmacht (6): Empörungs-Tohuwabohu (77/4159)6
Alarmismus permanent,
so auch Hysterie:
Kaum noch jemand, der erkennt
sie als Ohnmachts-Idiotie:
Politorgiastisch sich empören,
phrasendrastisch zweiter Hand.
Auch weil hilflos sie versehren,
was dies Deutschland könnte ehren.
So sind alle tief erregt:
Tugend-, Dekadenz-Puristen,
Kunden, die ein Ideal bewegt:
Mitte-, Rechts- und Links-Statisten
toben Heilung unentwegt.
Derweil alles still verfällt,
immer weiter nur verrottet.
Weil man Wort statt Fakt vergottet
auf dem deutschen Schundkram-Feld.
Was das heiße, was besage?
Ohnmacht etwa, Unvermögen.
So erfühle ich die Lage:
dass Verwahrlosung uns sticht,
längst schon heimsucht diese Plage …
Dass dies Land sich wird zum Wicht.
Ohnmacht (7): faktenbitter (77/4160)7
Man kann zuletzt auf gar nichts zählen;
nicht einmal auf sich.
determiniert zu sich als Gene-Stich,
der sich oftmals muss ja quälen,
dieses Dasein und sein Ich
vorteilhaft sich auszuschälen …
Muss man es doch kosten aus:
Da es Drang ist, Saus und Braus
eines atomaren Baus
Ohnmacht (8): Kurze Zeit (77/4161)8
Nichts vorher und nichts danach;
das ist wirklich ausgeschlossen.
Bleiben also nur die Jahre,
Glück und Zufall ausgegossen.
Und die liegen meistens brach,
kaum, dass man’s genau gewahre -
Ausgeliefert sich und Gossen,
asozialen, kriminellen,
die nicht zu vermeiden sind.
Ausgesetzt zumal den Possen,
stützend unsre Wohlstandswellen.
denen auch, die kratisch* blind,
Großmannssuchtgenießer sind …
Ohnmacht ist man, Knecht der Ware,
weit entfernt vom Ideellen,
dem naivsten Geistes-Kind …
Bis dann jener einen holt,
der, ganz still und unbesohlt,
Alterselend wird beenden,
diese Daseinsschlacht als ganze.
Wohl dann dem,
den sterbend blenden
ein paar unvergessne Glücke,
längst schon Schatten,
doch jetzt Krücke,
hin zu allerletztem Glanze;
scheinend auf
auf Krumen-Matten.
*kratisch griech.: hier: politisch
Ohnmacht (9): Gewählte und Wähler (77/4162)9
Dass es ginge denen oben
auch um mich,
das ist nicht wahr:
Denen geht’s primär
um sich:
Macht, Diäten,
X ausloben …
sich zu wissen
als gehoben,
überragend diese Schar
derer, die sich
tun oft schwer …
unten sich
beweisen müssen;
oben oft
der Achtung bar.
Ohnmacht (10): Klarstellung (77/4163)10
Ich sähe viel zu negativ die Welt?
Nein, nein: sie selbst beweist sich so;
und sie ist es faktisch auch:
Ort, der selten jemand Zelt,
öfter ist ein Ich-Rausch-Zoo,
täglich Kampf ist für den Bauch …
Anonyme Seins-Gewalt,
der wir Menschen nicht entrinnen,
letztlich ohne Sinn und Halt,
sich als Freude auszuspinnen,
sich als Güte zu gewinnen …
Bis zum Ende Schall und Rauch,
was wir selbst verdrängen müssen
Daseinslaien: Schein beflissen.
Ohnmacht (11): Resignierte Abkehr (77/4164)11
Will nicht wirken, nicht belehren,
nur die Zeit für mich verbringen;
mich auf keinen Fall entehren,
nur mir dichtend selbst gelingen.
Gegner unsrer öden Lagen:
Hedonistischen Effekten,
die berücken, doch nicht tragen:
längst uns Zweck und Halt versteckten.
Niemand, dem ich Schuld auflüde,
weil er Grund sei der Misere,
dass wir, Schundgier ohne Güte,
prassen einer Reiz-Galeere.
Ohnmacht (12) Markt-Glücke (77/4165)12
Die Glücke, die der Markt anpreist
- er will Verbraucher faszinieren -,
sind ausnahmslos nur konsumtive …
Begreift man freilich, was das heißt?
Sicher nicht Erfahrungstiefe.
Nur, dass man will imponieren,
andern sich als Kunde zeigen,
der sich etwas leisten kann.
Glück wird so zum Geltungsrausch:
eben Selbstdarstellungs-Bann.
Glück ist faktisch nur noch Ware,
ist geplantes Surrogat:
Schein als bloßer Selbstwertrausch …
kurz: Erlebniszwang-Kandare,
also: Selbstgenuss-Diktat.
So Sozialmonaden-Tausch:
Einsamkeit als Selbst-Ergieren.
Ohnmacht (13) Diese triviale Zeit (77/4166)13
Berauschungslüstern ist sie schon
die heutige, so warenlüstern-triviale Zeit:
Ihr geht’s um money, Sex und Phrasen-Mohn,
um jede Art von Lüsternheit;
um intensives selber sich Erleben.
Sie ist gewiss auch ein Narzissten-Hort,
der Wohlstand bietet, Selbsterhöhungschancen …
Kult, dem man frönt in einem fort …
Wir alle brauchen eben solche Trancen.
Wir unten Spaß, die oben Macht
(die tiefste Art von Ich-Andacht) …
Uns über uns hinaus zu heben.
Denn: Eingelassen nur noch Nichtigkeit*,
der analytisch-rationaler Virtuosität -
fehlt uns das metaphysisch tragende Geleit:
Wir sind uns selbst Objekte, hingesät
entseelender Bedeutungslosigkeit.
*Nichtigkeit?
Kurze, sehr allgemeine, Bemerkungen: Diese ist ein objektives Faktum (eine Tatsache):
(1) Wir sind reine Materie-Gebilde, existierend ein paar Jahrzehnte zwischen - für uns - Nichts und Nichts
(2) Wir sind nicht das Resultat einer göttlichen Schöpfung (sind ohne Geist-Seele, ohne Vernunft, ohne autonome: freie/selbstgewählte Moral; es gibt kein Leben nach dem Tod
(3) Uns kommt keine Würde zu; es sei denn, man versteht darunter die Schonung der kreatürlichen (tierischen) Subjektivität aufgrund ihrer von ihr nicht meisterbaren lebenslangen Allausgesetztheit an Staat (besonders Diktatur, Tyrannei, Willkür …), Gesellschaft, Recht, sich selbst sogar durch Wahn, Krankheit, Angst, Mittellosigkeit …)
(4) Rein formal sind wir Bedürfen, Trieb, Zeit, Verfall, Deuten, Werten (Perspektivieren: Schaffen von Bedarfsfiktionen als Entlastungen von der völligen Sinnlosigkeit der eigenen Existenz = allfälligem Nihilismus … bis hin zur Idealbildung, wobei gilt: Wir sind idealbedürftig, aber nicht idealfähig)
(5) Gattung: Homo (ca. 2,5 Millionen Jahre alt, in Afrika entstanden: biped, mit von Fortbewegungsaufgaben freien, motorisch immer feiner: besser, leistungsfähiger gewordenen Händen (Außenstellen des Gehirns), des Gehirns, das sich progressiv vergrößerte (von 650/700 Gramm, rein quantitativ, auf 1350 Gramm im Schnitt heute und „komplex neuronal verschaltet“) immer leistungsfähiger wurde (wir waren Techniker von Anfang an: Schufen natürliche Gegebenheiten um für unsere Zwecke mittels Werkzeugen/zweckmäßig behauenen Steinen (Voraussetzung: Fleischverzehr … natürlich nicht der Steine, sondern der Hominiden: der Menschlichen). Und: Wir bildeten Schweißdrüsen aus, die als Kühlsystem uns erlaubten lange Zeit zu laufen/zu hetzen
(6) Einmalige Auszeichnung: Die menschliche Lautsprache (wie alt?)
(7) Alle Arten (Z. B. homo sapiens, das sind wir) sind endlich, d. h. wir werden irgendwann völlig verschwunden sein (mag sogar sein durch uns selbst: einseitige Überspezialisierung, bei uns: technische)
(8) Wir - evolutionsbiologisch betrachtet - sind Tiere (und zwar ganz besondere: Der Natur aus der Hut gesprungen, um dann auf uns selbst als Techniker gestellt/verwiesen, die Natur nach unseren Bedürfnissen umzugestalten (woraus folgt, dass sich die Natur, sollten wir sie weiter umgestalten, dezimieren, aus dem Lot bringen usw., unserer wird - selbstverständlich - irgendwann entledigen müssen; man glaube nicht, dass an uns was läge: an uns liegt nichts; wir mögen uns noch so sehr in vielerlei Hinsicht selbst glorifizieren (was freilich andeutet, dass wir - wir verdrängen es - eine Ahnung von unserer objektiven Nichtigkeit in uns zu tragen scheinen …
Das Leben ist eine wunderbare Sache - aber auch der Tod ist es: Er befreit uns von Lasten, Schmerzen, Ungerechtigkeiten, Irrtümern, Versagen usw. jener wunderbaren Sache, die eine solche ist, weil sie unüberbietbar reiche Momente schenkt, z. B.:
(a) Die sehnsuchtsfundierte Vorstellung („einsichtsirrationale“) Gottes
(b) Die Selbstbegegnung und Selbstübersteigung seiner in und durch Kunstschaffen
(c) Die tiefste Nähe zu einem Du durch Erotik - ein, sehr seltenes, Geistphänomen als Transzendenzrausch (Ich-Überschreitung), gebunden an tiefe, sich über sich selbst hinaus sehnende: bedingungslos schenkende Du-Leiblichkeit
(d) Der absolute Frieden mit sich selbst, allen Existenzwirren, den anderen, der Gesellschaft, dem Menschen überhaupt im trauerlosen Bewusstsein kosmischer Erhabenheit trotz völliger Gleichgültigkeit
Ohnmacht (14): Allgemeine Bemerkungen (77/4167)14
Der Staat, nun ja: Der Staat zerfällt.
Und längst sich selbst auch beugt das Recht.
Verschwunden ist der Kern der Innenwelt:
Er wurde konsumtiv verzecht.
Was wird nun aus der Volksherrschaft? -
schon jetzt doch oft nur leeres Wort,
Ihr schwindet mehr und mehr doch ihre Kraft
an diesem ungerechten Trickser-Ort.
Indes das sind notwendige Tendenzen,
wenn ein Sozialverband sich selbst auflöst:
Dumpf ideologisch ohne Fakten-Grenzen
in bloßen Kader-Worten dann verwest.
Ohnmacht (15): Würde (77/4168)15
Würde? - Wäre Selbstzwang-Resultat: -
Verzicht auf alle Goldnen Kälber:
Selbstkonsum-Ekstatik, Waren-Bad.
Ihr zu genügen meinte, dass man formte
sich ihr entsprechend immer selber.
Doch täte man’s, wär das dann gut?
Der Wohlstand nämlich schwände.
Denn der bedarf der Kunden-Glut:
bedarf der Sucht der Körper, Seelen,
bedarf der Sucht zumal der Hände,
weil er nun mal auf Gier aufruht.
Ich rate, Wohlstand vorzuziehen.
Schon weil, was Würde rechtlich sei,
gar nicht gedeutet werden kann.
Und überhaupt: Wir sind nun mal
notwendig nichts als Selbstsucht-Bann,
als Gier uns und Affekt gediehen,
als Körperdinge, Stoffmacht ausgespien;
kurz: bloßes Teilchen-Einerlei.
Determiniert durch Stoff und Zahl.
Ohnmacht (16): Gesellschaft (77/4169)16
Wer will denn wissen noch,
was Sache ist;
genauer: kann sich das
noch leisten?
Was die Gesellschaft angeht,
aller Lüste Joch,
das einen psychisch-kulturell
zerfrisst.
Denn längst ist sie
ein Dulder-Loch,
in das notwendig wir
entgleisten,
wo sich die blanke Gier
austobt
als Wohlstands-, Ichsucht-,
Lust-Revier …
als Trance der seelisch
All-Verwaisten ….
Per Ratio- und Verfahrens-List.
Ohnmacht (17): Hinweise auf mich selbst (77/4170)17/4 Gedichte, davon 2 Sonette
Was soll ich sagen, groß von mir berichten?
Ich war Bedarfsknecht, war’s mein Leben lang.
Oft einsam auch, mir Einsicht so zu schichten,
primär zu meiden den Gesellschaftszwang.
So war’s denn schlau auch, darauf zu verzichten,
zu geben mich als jemand von Belang.
Mir war’s verliehen, selber mich zu lichten
als Randfigur mit wenig Geltungsdrang.
Jetzt bin ich Rentner, den oft Schmerzen quälen.
Doch nicht so sehr mein absehbares Ende.
Warum? Wir können auf uns selbst nicht zählen,
sind Opfer unsrer rationalen Blende,
Verwahrloste, die sich durch Lügen stehlen,
weil ihre Hybris sie von Fakten trennte.
*Ohnmacht (18): Zwangsverhalten (77/4171)18/Sonett
Ich wollte eher das, was ist, begreifen.
Anstatt mich Zeitgeistwirren hinzugeben:
Mich selber sei’s in Niederungen schleifen,
sei’s inszeniert als Spaßkult-Fan zu leben.
Zumal mir wollte immer dies verkneifen:
Dem Markt als Durchschnittsdasein zu verbeben,
um so mich als Person dann zu verpfeifen:
Gesteuert mir als Ware zu verschweben.
Mir selber ausgeliefert jede Stunde,
hab ich es so nun einmal sehen müssen.
Zumal von Anfang auch soziale Wunde,
vor Häme, Hass und Niedrigkeit gerissen.
Und so verfügend über diese Kunde:
Der Mensch ist hilflos nur sich selbst beflissen.
*Ohnmacht (19): Unschuld (77/4172)19
Doch manchmal
war da dieses Feingefühl,
dass niemand
etwas für sich kann:
Dass jeder ist
sich Daseinsbann:
Sein eignes
unbegriffnes Spiel …
Kurzum -
Ob Kind, ob Frau,
ob Mann -
erstrebt sich selbst,
doch ohne Ziel:
Als Zufallsrätsel
ohne Sinn-Asyl.
*Ohnmacht (20): Todessehnsucht (77/4173)20
Möcht noch mal
an der Friedhofsmauer sitzen -
als Kind schon
saß ich oftmals dort -
Gemeinsam mit dem Tod
ein Nichts aufschlitzen,
in dem dann enden würde
alle Daseins-Not.
Ohnmacht (21): Dieses Dasein (77/4174)21
Negativ hab ich’s gesehen;
negativ von vornherein:
Als erbärmliches Geschehen,
das man meistern muss allein.
Wenn es denn zu meistern ist!
Ohne Illusionen nicht.
Es ist Last, Gewalt und Frist.
Ohne Sinn- und Zweck-Gewicht.
Objektiv Materie.
Ohne Seele, Gott und Geist.
Biologisch Zufalls-Serie.
Subjektiv komplex entgleist.
Ohnmacht (22): Vereinzelungsschübe (77/4175)22
Das ist doch lächerlich, nach Sinn zu fragen,
nach Halt, nach Wahrheit und Erklärbarkeit.
Ist man primär doch Tier als Ich,
allein sich durch die Welt zu tragen:
Als Maß von Trauer, von Gewalt und Leid …
Bedürfnisknecht und Gier an sich.
Gehetzt von infantilen Fragen.
Indes die Lagen immer schweigen;
zumal sie doch geschehen nur,
soll heißen: gar nichts mehr bedeuten.
Das Ganze ist ein Zufallsreigen,
ist oft nur seelische Tortur
in einem Dasein, leer von Freuden.
Ich lobe daher diese Pseudo-Glücke,
die konsumtiven, die man testen kann,
die man sich gönnt als fade Daseinskrücke:
sich zu berauschen als Alleinsein dann:
Als Marktmonade, die dann dankt für jene;
sie wollte nur sich selbst erhöhen:
orgiastisch in Effektgeschehen
vergessen Einsamkeit und deren tote Träne.
Ohnmacht (23): Frage an mich selbst (77/4175)23
Wozu denn freilich noch Gedichte?
In einer Welt der Abstraktionen,
der Formeln, Waren, Bilder, Zahlen,
der leeren Worte und der Seelen schlichte
Funktion als Abklatsch von Schablonen
der zwangserlebten, nur formalen
und inszenierten Daseins-Dichte?
Für nichts. Ich will es offen sagen.
Sind wir doch die, die Märkte jagen
als auf sich selbst nur noch erpichte,
von Zeitgeistdiktatur berauschte Wichte,
die jener hörig dekadent an Abseits nagen.
Ohnmacht (24): Befürchtungen (77/4175)24
Ich sehe schwarz, was anbelangt
unsre Zukunft allgemein.
Da gibt es viel zu viel, was schwankt …
womöglich unser aller Sein.
Jeder seiner Träger wankt:
Klima, Frieden, Mein und Dein,
Macht-Raison, Gewissenspein …
So geht’s einfach nicht mehr weiter.
Doch wo und wie und auch wozu
verankern deshalb welche Leiter?
Ohnmacht (25): Nebenbei bemerkt (77/4176)25
Sich immer wieder abzulenken,
sei’s von sich selbst, den Artgenossen;
auch von der Lebenswirklichkeit zumal,
kann immer noch ein Dasein schenken,
von tiefen Träumereien übergossen,
das als fiktives ist nicht so banal
wie das alltägliche: büroverschlossen …
Ist Phantasie - Routine nicht, nicht Zahl.
Entlastung vielmehr an Fiktionen-Tränken.
Man kann sie freilich nicht zusammenbringen,
denn dazu gibt es keine Möglichkeit.
D. h. man wird umsonst um jene ringen,
sich los zu werden: sich als Stoffeinheit.
Ohnmacht : Unverrückbare Tatsachen
(1) Dasein(1) (77/4177)26
Kein Leben kann sein ohne Leid:
Ist manchmal weiter nichts als dieses …
Verlust, Versäumen, Schmerz und Widerstreit,
Kurzum: Bewusstsein eines Drang-Verlieses.
Und dann ist’s auch von Nichts umstellt:
Hat einen Anfang und ein Ende.
Dazwischen ist man hilflos zugesellt
dem plumpen Geifern der Gesellschafts-Brände:
Pleonexie, Verrat, Betrug, Verbrechen …
Und was nicht alles bleibt gewöhnlich Traum:
Wie etwa dauernde Erfüllung: Glück und Freude,
Gesundheit, Zuversicht, ein familiärer Saum …,
damit nicht werde man sich selbst zur Beute:
um nihilistisch-hoffnungslos sich zu verzechen.
Daseins-Lotterie (2) (77/4179)27
Dies Dasein ist doch
reine Lotterie.
In jeder Hinsicht,
jeden Tag.
Sich selber hat man
dabei nie,
ist nur der Lotterie Betrag.
Und das
ein ganzes Leben lang,
ist jener man
so ausgesetzt:
Sich Mittel, letzter Zweck
und Zwang ….
Von sich, von Du,
Gesellschaft, Welt
gehetzt.
(3) Gesellschaft (77/4180)28
Und immer wird Gesellschaft Klassen haben.
Die Menschen sind nun mal nicht gleich.
Sie wollen selbst sich sein die größten Gaben:
Sich selber sein so was wie Himmelreich.
Und auch gerecht wird jene niemals sein.
Gerechtigkeit ist eine kindische Fiktion;
Gesellschaft ist Gewalt, nicht Geistes-Hain.
Genau das war sie faktisch immer schon:
Gesellschaftsideale führen ins Verderben gar,
weil man sie letztlich doch nur kann erzwingen.
Man unterdrückt, vernichtet, lügt als wahr
das Ideal das niemals freilich wird gelingen.
(4) Das Politische (77/4181)29
Es fußt auf Machtsucht, List, Verführung, Lüge.
Und das gilt auch für Volksherrschaften.
Auch weil es aufweist hochkomplexe Züge,
die, Halbbegabte, können kaum verkraften:
Die sich als kompetent verkaufen müssen,
als fähig, ihre Ämter kundig auszuüben,
obwohl sie linkisch sind und oft nicht wissen,
wie man’s verhindert, seine Macht zu trüben.
Und ichschwach sind sie, weil von Macht betört,
die oft - nicht umgekehrt - sie mit sich selbst heimsucht:
Als Machtlakaien, die ihr Wesen stört:
Sie spielen Tugend vor und sind dabei verrucht.
Das Schlimmste ist, dass sie so geistlos sind.
Ich meine linkisch, ungehobelt, ohne Feingefühl.
Und so oft den Kairos versäumen - blind,
das Richtige zu tun, zu fördern ihr Narzissmus-Ziel.
Ich sage damit nicht, sie seien doch charakterlos.
Obwohl doch wissend, dass sie Selbstreklame machen.
Dies müssen, ja, sie müssen’s rigoros,
weil sie doch selbst nicht wissen, welches Los
sie fordern wird schon übermorgen,
diffus genug dann auszudeuten dessen Widersprüche,
als würden diese sie, nicht Machterhalt und Beifall sorgen;
das treibt sie um: Dass diese könnten gehen in die Brüche.
Es ist nun mal ein Pseudowert- und Allgemeinplatz-Ringen,
bezüglich dessen Einvernehmen gar nicht möglich ist:
Weshalb es letztlich auch nicht kann gelingen;
zumal ein jeder sich - er muss - als Endziel seines Strebens hisst.
(5) Die permanente Formung der individuellen Innenwelten (77/4182)30
Wir alle werden faktisch ständig heimgesucht
von Gräueln und Skandalen … Sensationen,
belehrt, dass werde unsre Welt Bedrohungs-Ort,
gefährlich, manchmal gar schon undeutbar.
Wir werden abgerichtet so auf Emotionen,
auf Werthaltungen, die es einzunehmen gälte,
zumal sie auf uns wühlen, machen dann beklommen,
zuletzt uns Angst einjagen, hilflos dieser überlassen.
Längst sind wir Knechte dieser Pseudo-Aufklärungs-Aktionen:
doch ihnen ausgesetzt als Wort, Gefühl und Bild ….
Kurzum: Wir sind uns als Person benommen,
schon weil wir all das können nicht mehr fassen:
Längst sind wir ohne jeden Seelen-Hort,
ein Medienspielball, der als Kunde nur noch gilt,
der allenfalls am Rand noch kann sich geistig schonen,
was andern gilt als ethisch indolent-verrucht …
obwohl nur so noch kann sich werden klar,
dass er Lakai ist: dass ihn Hysterie bezelte,
subtil entwöhnt, noch in sich selbst zu wohnen.
Es ist sich selbst geraubt, das Individuum,
wird in Beschlag genommen ohne Abwehrkräfte,
man schiebt es hin und her, man schiebst herum
Kurzum: Es hat sich selbst nicht mehr,
es sei denn kollektiv als austauschbares Menschentum.
Um’s kurz zu machen, und zumal auch bündig:
Was Tugend für mich sei, bestimme ich.
Auch welche Werte ich will gelten lassen:
Ich will da selber werden fündig.
Wobei ich auf des Menschen Wesen schaue:
Pleonexie, Gewaltbereitschaft, Wesens-Tücke.
Auf diesen dann mein Bild aufbaue,
damit mich kein Konstrukt berücke.
Und das, das gilt dann auch für mich.
Es fängt schon damit an: Wir sind nicht frei,
schon gar nicht dazu, selbst uns zu bestimmen.
Wir sind nur Teilchen-Einerlei:
Determinierter Daseins-Stich …
sind unterworfen uns als Bann,
der sich erdichten muss Wozu
als Haltfiktion und als Entlastungs-Schrei.
(6) Der Tod (1) (77/4183)31
Wir wissen um ihn unser Leben lang:
Dass wir ihm nicht entkommen werden,
ihm, diesem radikalen Endbelang,
der uns für immer wird im Nichts dann erden.
So müssen alles tun, ihn zu verdrängen.
Wir würden Trübsinn sonst und Angst verfallen,
nicht meisterbaren Psychen-Zwängen
als hilflos krankes Opfer-Lallen.
Ein Stachel ist er uns auch unbewusst.
In manchen Augenblicken ahnt man das;
so etwa solchen nach der tiefsten Lust,
wenn die Orgasmus-Einsamkeit als stilles Was
einen die Große Leere fühlen macht:
die sofort aufscheint, wenn in sich versunken
man auf sich selbst zurückgeworfen rührt ganz sacht
an eine Leib-Sehnsucht, kaum spürbar todestrunken.
Der Tod (2) (77/4184)32
Der Tod hat eine gute Seite,
befreit er doch
von allem Daseins-Leid:
von jeder drückenden Misere:
Von Körper- und von Seelen-Schwere …
Er ist die einzig radikale Kehre
in jene absolute Leere,
die wir nicht kennen,
auch nicht kennen können,
weil sie uns dieses X wird gönnen:
Die Freiheit vom Bewusstseins-Joch
Ohnmacht (33): Daseins-Untertan (77/4786)33
Man ist sich selbst doch ausgeliefert - lebenslang;
sich, einem subjektiven Existenz-Gefüge …
als Gier, Bedürftigkeit, als affektivem Überschwang,
bedürfend so auch mancher Lebenslüge.
Man ist sich untertan zumal als Subjektivität,
determinierter, ohne freien Willen,
die deshalb sich nur als Geschick gerät,
als dieses muss sich dann in Illusionen hüllen …
die auch gesellschaftlich-geschichtlich sich erlebt …
Als Bauern-Opfer objektiver Zufalls-Zwänge,
denen als Mittel: bloßer Spielball sie zuletzt verbebt:
gesellschaftlich-genetisches Subjekt-Gemenge.
Tatsächlich ist es so. Denn wer entränne sich,
doch Macht und Zeit und selber sich ein Knecht …
Ein hilflos an Gewalt und Einsamkeit gebundnes Ich …
gar an ein deutungsloses, stummes Stoff-Geflecht.
Ohnmacht (34): Mein moralisch-geistig verkommenes,
wirklichkeitsflüchtig-untätig sich selbst
entmächtigendes Land (77/4185)34
Dass ich noch irgendein Vertrauen hätte
zu dieser mittelmäßigen Funktionselite,
nun, das ist nicht der Fall. Im Gegenteil.
Das Land ist längst Zerfalls- und Gauner-Stätte,
ist infrastrukturelle Passiv-Niete,
die ihre Rettung sucht im Phrasen-Heil.
Ist ungerecht und keineswegs human,
ist nur noch Pseudo-Werte-Geste,
verantwortungs-, zugleich prinzipienlos.
Geht die Probleme nur noch wortreich an,
damit man wenigstens abstrakt sich tröste,
weil man real setzt nur auf Schein-Anstoß.
Erklären freilich kann ich all das kaum:
Liegt’s daran, dass die Macher theologisieren?
Subjektivismus schleift die kleinen Seelen?
Man gar nicht merkt, dass man das Gegenteil
von dem ist, was man glaubt zu sein?
So dass erscheinen tugendhaft die Schmieren,
auch permanentes Wirklichkeits-Verfehlen,
sich selbst darstellt als Staatsmacht-Heil,
obwohl nichts weiter ist als andern Pein?
Ich weiß nur, dass ich es nicht ändern kann:
Narzissten wissen nicht, dass sie versagen,
dass sie politisch gar nichts taugen.
Weil unterliegen einem Selbstsucht-Bann,
der macht, dass sie nur Leere hinterfragen,
um die als ihre sich dann auszusaugen.
Es folgen einige schlichte, in einer Phase der
Niedergeschlagenheit hingeworfene Gedichte:
Selbstsucht-Zwänge (77/4186)35
Dass die Leute lieber chillen
und nicht nur malochen wollen
(Tag für Tag sich selber drillen) …
Nun, das kann ich nachvollziehen.
Sind sie so doch sich zu Willen,
was sie heute müssen sollen,
längst oft Selbstsucht nur gediehen.
Außerdem preist die Reklame:
Waren-, Welt- und Selbst-Verbrauch,
Luxussucht als Herr und Dame,
krönend jeden Daseins-Hauch.
Also: Weiter so - und immer weiter:
tobt euch aus, bleibt ichbezogen.
Bis sie schwankt, die Arten-Leiter,
Zufallszwang, uns nicht gewogen.
Bemerkungen:
Der Hintergrund dieses Gedichtes: Ich höre immer wieder, dass die Leute mehr arbeiten sollten, wenn sie denn wünschten - und das täten sie -, dass das Wohlstands-Niveau weiterhin könne aufrechterhalten werden.
Indes: Man kann die Leute nicht permanent animieren, (etwa mittels Werbung) ein primär hedonistisch-erlebnisorientiertes Leben zu führen und doch gleichzeitig von ihnen erwarten, dass sie, ein solches spaßpralles Leben sich gönnend, nicht - eben durch ein solches freizeitorientiertes Leben nicht an Realitätssinn, Selbstmächtigkeit, Verantwortungsbereitschaft- und -fähigkeit einbüßen, ist doch ein solches Leben der Lust, des Spiels, der Verpflichtungslosigkeit usw. besonders geeignet, sich nach und nach zu infantilisieren und psychoethisch zu schwächen.
Naive Überspezialisierte? (77/4187)36
Dass wir hyperintellektuell,
viel zu technisch-rational
unser Dasein meistern müssen …
Nun, das könnte sein der Quell,
dass wir ins Verderben rennen,
todessüchtig gleichungsfahl,
technisch uns verfügte Qual.
Fakt ist, dass uns Kräfte küssen:
die wir viel zu selten nennen:
Barbarei, Vernichtungssucht,
faszinierende Gewalt,
All-Verzweiflung, destruktive,
dieser Selbstzerstörungs-Trieb
in der tiefsten Psychen-Bucht:
Todessehnsucht ohne Halt.
Wie die Arten-Offensive,
die kein Gott, die Stoff sich schrieb:
zufallsnihilistisch ohne Wahl.
All-Betroffenheit (77/4188)37
Ob oben, unten, in der Mitte; ob links,
ob rechts, ob moderat …
Ob Frau, ob Mann, ob Fan, ob Star,
ob Macher oder Kult-Narziss ….
Wir alle gehn dieselben Schritte,
erfahren all dieselben Tritte
als spaßerpichte Dauerkunden,
ergötzen uns am Marktdruck-Bann,
sind gängig dieser Einsicht bar,
dass, was wir leben, ist Beschiss,
kippt zumal still auch Recht und Staat
in kulturelle Finsternis,
ist eines Knechtes Selbstwert-Riss.
Glück (77/4189)38
Längst ist uns
auch Glück entglitten:
diese Wohlstandswelt
kann’s kaum noch geben.
Mehr und mehr bleibt es erlitten
als nur konsumtives Streben:
Selbsterhöhungs-Kitten.
Seelisch sind wir arm geworden,
einsam-kalte Selbstdarsteller:
Faktisch nur System-Monaden:
Austauschbare, bildend Horden
leerer Emotionsaufheller,
die sich, schuldlos, selber schaden -
ohne Tiefen, ohne Mitten …
Ohne Kraft, sich Du zu weben.
Ein weiteres politisches Gedichtchen (77/4792)39
Hört man den Gewählten zu,
schwindet meistens das Vertrauen.
Weil den Worten fehlt’s Wozu,
sich ein Zukunftshaus zu bauen.
Auch weil kein Gefühl sie haben,
was ihm auf den Nägeln brennt,
diesem Wähler, den sie laben
mit was von den Fakten trennt.
Werde schmerzlich dich vermissen,
obwohl stets mir Zerrbild nur.
Das sich Machtinhaber hissen,
dir, der Volksherrschaft, Zensur.
Späte Erinnerung an homo sapiens bambergensis (77/4190)40
Heut hab ich wieder mal an dich gedacht
- ich hab das freilich immer schon getan -;
an dich als Leib-Od und als Trauerfracht …
mir schaffend diesen Eros-Wahn …
Warum hast du das aufgegeben?
Sinnlose Frage; ja, ich weiß.
Da waren Brüche zu durchleben:
Dein ganzes Dasein lief dir aus dem Gleis.
Indes ich sehne mich so sehr nach dir.
Warum, dass muss ich dir ja nicht erklären.
Du weißt es: Weißt um Traum und Gier.
Und die, die konnten tiefstes Glück gewähren.
So bleibt mein Leben Rand-Geschehen,
umsäumt von Einsicht und von Einsamkeit.
Wir werden uns wohl nie mehr wiedersehen …
Obschon mein Du-Sucht-Kern still nach dir schreit.
Sinn-, Selbst- und Weltverlust (77/4191)41/Sonett
Uns kam die Einheits-Fiktion ‚Wirklichkeit’ abhanden
- die letztlich metaphysisch nur zu haben ist -,
ersetzt durch technisch-monetäre Diesseits-Zwänge,
die dirigieren uns mit anonymer List.
So dass wir selber machen uns zu Dingwelt-Quanten
die psychoethisch-geistig sich verfallen lassen
zu einem selber sich entfremdeten Gemenge
aus sich anom-narzisstisch gleich benommnen Massen.
Was dann politisch etwa dies zur Folge hat:
Die Machteliten, selbstbezogen, ignorieren,
dass Staat und Recht und Volksherrschaft zerfallen,
bemühen Worte, leer, diffus und handlungsmatt:
Sie klammern sich an Phrasen, ethisch zu verführen,
wodurch sie jene weiter ins Verderben lallen.
Ohne Schein und Selbstbetrug (77/4192)42
Was hat man nicht schon alles mitgemacht,
wenn einen endlich dann der Tod befreit …
erlöst von Krankheit, Angst und Niedertracht,
von Selbsttäuschung und Lebenslügen …
von währender Vergeblichkeit.
Indes dass unser Dasein nichts als Last uns sei,
das will ich damit gar nicht sagen.
Nur dies: Dass wir sind alle wesens-einerlei:
gelenkt von Trieb- und Rausch-Gefügen
an allen uns verfügten Tagen.
Ich sag’s noch mal - ich sagte oft es schon -:
Wir sind Objekte einer Lotterie
von Genen, Herkunft, Markt und Zahl,
sind Opfer so von Anomie,
uns selbst gedungen als Magie:
Verdrängungszwang als Spaß-Agon.
Wahrheitsgemäß (77/4193)43/Sonett
Ob jemand die Gedichte, die ich schrieb,
auch liest, das dürfte letztlich schnuppe sein.
Zumal sie schwierig sind: Ein Einsichts-Hieb,
den man sich sparen sollte, weil er kein
Gran Hoffnung schenkte - nur Bewusstseins-Pein:
Da kommandiert mich dieser Geist-Antrieb,
zu zeigen auf gesellschaftlichen Schein,
der sich uns allen in die Kerne rieb …
Als Nihilismus, trügerisch verlogen:
ein permanenter Lust- als Selbstbetrug,
den man sich täglich klaubt aus Zeitgeist-Drogen.
Und tut man’s, nie mehr kriegt von ihm genug.
Denn hat man ihn erst einmal eingesogen,
wird er zum Wohlstands-Danaiden-Krug.
Für immer mehr von uns das Daseins-Los (77/4194)44/Sonett
Was habe ich nicht alles schon erlebt;
ich sollte eher sagen: tief erfahren.
Da ist der Glücksbetrug, dem man verbebt,
weil fasziniert ist von dem Glanz der Waren.
Ist man doch Leib, der nur sich selbst erstrebt,
weil nur Befriedigung kann ihn bewahren,
an der für ihn das ganze Sein doch klebt:
an Nahrung, Mammon, Reizen, Trug-Gebaren.
Und man versuche nicht, es abzustreiten:
Dass man ein Tier ist, dem’s um sich nur geht;
ja: gehen muss, weil’s ganz allein dasteht,
getaucht in Einsamkeit, zumal’s nicht leiten
noch wertverbriefte Selbstverständlichkeiten,
es ohne Zweck sich selbst als Knecht begeht.
Daseins-Rubikon (77/4195)45
Das Alter drückt.
Zu leugnen ist das nicht.
Man geht leicht taumelnd
und gebückt.
Wobei man spürt,
dass manches sticht:
Das Herz, der Fuß,
des Kopfes Seiten …
so dass man nicht mehr
kann ihn meiden:
Den Trauer-Gruß
vom letzten Scheiden,
der einem nehmen wird
dann die Bewusstseinsschicht;
um nach und nach
in Todesangst
und dann ins Nichts:
ins Immer-Schweigen,
zurück in Stofflichkeit
gar zu geleiten.
Rechtfertigende Erklärungen (77/4196)46
Maßlos übertrieben sei er,
er, mein Zweifel; der sei krank,
sei als dieser Weltabwehr,
subjektiv Neurosen-Zank.
In der Tat. Ich tu mir schwer,
auszusprechen einmal Dank
diesem Land, das tugendhehr …
wurde asozialer Schwank.
Der sich selbst zu diesem machte,
rechtlich hilflos: phrasensiech;
nicht, was Würde sei, durchdachte,
so Verantwortung auswich.
Dieses Land ist ungerecht,
Hort massiver Selbstverluste,
Schwerstverwirrter Wert-Geflecht …
ohne Kern; so nur noch Kruste;
grad politisch impotent;
immer schwächer wirtschaftlich …
Narzissten-Tross, der sich verkennt,
weil ja bedeutungslos an sich.
Kann für dich, mein Land, nur hoffen,
dass du selber dir entgehst,
von dir selbst ja schwerstbetroffen,
weil du Schein: Moral anflehst.
Ob nun schwarz, ob blau, ob gelb, grün, rot …
Musst dich, scheint es, selbst verspielen
Hybris-Clique ohne Lot,
ohne Selbstbegrenzungs-Kühlen.
Resümee (77/4197)47
Einsamkeit und Spielball war ich;
war dies jede Stunde:
Stoffgefüge, Angestellter
und - vor allem - Kunde.
Kämpfte mich
durch Phrasen-Wälder
als benommenes Ansich
für benötigte Gehälter …
Miete, Nahrung, Geltungs-Stich.
Kann auch Weiteres benennen,
was mich hetzte, was mich trieb,
zu genügen diesem Rennen
auf verfügtem Zufalls-Strich …
Manchmal Du-Sucht, manchmal Hieb,
selten auch mal gütelieb.
Dass sich’s lohne,
Sinn gar mache,
hab ich nie empfunden.
Selbstbetrug war’s, dass man frone
gierbesetzten Triebdrang-Stunden,
manchmal schließend alle Wunden,
weitend Illusionen-Felder …
meisternd diese Traumweltlache,
die sich mir als Trug ein blich
subjektiver Daseins-Runden.
Das Ganze (77/4198)48
Jeder kommt,
um einst zu gehen.
Wissend das
sein Leben lang.
Dasein,
das ist nichts als Drang,
Unschuld, Irrtum,
Ich-Versehen.
Nichts als Hyle-Diktatur:
Zeit, Bedürfnis,
Scheitern nur.
Perspektivisches
Geschehen;
permanentes
sich Vergehen.
Vollendungs-Momente(77/4199)49
Indes es gibt sie,
diese Seins-Momente,
die so ein Menschenleben
können krönen,
indem sie es mit sich
und dieser Welt versöhnen;
und manchmal trösten
bis ans Ende.
Ich denke da
an metaphysische Fiktionen,
auf die sich tiefste
Sehnsucht richten mag,
an Geist und Eros
als Vollendungs-Kronen,
vor denen neigt sich noch
der Daseinsleere
und aller Ohnmacht.
triumphalster Tag.
Drei zusammen gehörende Gedichte:
(1) Noch einmal: Würde (77/4200)50
Höre oft es: Dass ich lebe
in der Würde Paradies:
deutschjuridischem Gewebe,
aller Ichsucht ein Verlies.
Macht und Recht Sakralbegriff
sei sie, diese Würde-Blüte:
gleichsam unfehlbarer Schliff,
lehrend, dass sich selbst gebiete
die Person als Selbstwert-Güte
sich als diese nie missbrauche,
sich als Geisteswert darbiete:
Der Vernunft Vollendung hauche.
Nun, ich muss dem widersprechen,
weil die Fakten andres sagen:
Dekadenz, Moral-Gebrechen
Lügen, Korruption und Lagen,
die uns mehr und mehr verzechen,
lassen uns zumal verzagen:
Oft Gewalt doch und Verbrechen.
Zweck an sich ist nämlich keiner,
mithin auch nicht Kant-Subjekt:
selbst sich Wesens-Gier-Verneiner,
der als Nicht-Tier sich bezweckt:
Mensch so ist von Geistes-Wert,
der nach Kant nur einer ist:
Dieser, der sich hat gewehrt
gegen sich als Ichsucht-List.
(2) Mir geläufige Fragen, Einsichten und dumpfe
Seelentiefenanwandlungen (77/4201)51
Wenn ein Staat sich gegen organisierte Kriminalität,
gewohnheitsmäßige Ausbeutung durch Lügner und Trickser
oder sonstiges parasitäres Gesindelverhalten - wie etwa
Cum-Ex-Banditentum - um nur diese Beispiele zu nennen-
nicht mehr durchsetzen kann (oder dies auch gar nicht will),
dann kann von einem demokratischer Rechtsstaat nur sehr bedingt
die Rede sein, denn: Wenn - etwa - Sachlichkeit (Realitätssinn),
Handlungs- und Problemlösungswilligkeit, Pleonexie-Distanz
der Verzicht auf narzisstische Selbstbeweihräucherung,
Arroganz, Selbstbeschränkungsfähigkeit, Polit-Schauspielerei,
Leerformel-Orgiastik und das intuitive (geistige) Verständnis
von Machtspielen, Täuschung, Provokationen, Drohungen usw.
fehlen-, sind die Amtsträger entweder inkompetent, asozial,
machtlos oder korrupt - oder massiv wirklichkeitsverlustig.
Ein demokratischer Rechtsstaat hat nun mal notwendig diese Basis:
Dass er alles daran setzt, die üblichen menschlichen Gebrechen
- sie sind wesensbedingt: Der Mensch ist sich selbst ausgeliefert -
lebenslang, dann ist er als einzelner auch die psychoethische Resonanz
seiner Gesellschaft, die ihn substantiell prägt; vor allem unmerklich: anonym);
so wie etwa heutzutage die kapitalistische Überflussgesellschaft als Marktverführungs-
Allmacht, die Menschen bis in ihre Kerne psychoethisch formt, gängelt, berauscht,
beglückt, verführt, entfesselt … ohne dass diese es auch nur wahrnehmen müssten.
(3) Auf sich selbst zurück geworfene Subjektivität (77/4202)52
Doch freilich: Was geht letztlich mich das an,
der ich doch sollte mir Gedichte schreiben?
Zu meistern mich als Seelenschmerzen-Bann,
von dem ich weiß, er könnte auf mich reiben,
verkommen lassen Antriebslosigkeit und Trauer,
Verzweiflung, Todessehnsucht, Barbarei-Gelüsten,
die mich fast täglich hetzen als Affektdrang-Schauer …
mich plagten lebenslang als Existenz-Statisten?
Immerhin gestehe ich mir ehrlich ein
die Drangsal meiner Seelentiefen.
Kurzum: Verschweige sie mir nicht:
So schwör ich nie auf Würde-Schein,
nur meine evolutionäre Schicht,
die mich als Hyle-Spross ausweist,
als den und seinen Zufalls-Hauch …
So dass ich ohne Gottes-Güte-Licht,
und ohne ideellen Hain …
nichts weiter bin als Triebgewalten-Pein:
Begehrlichkeit, Gehirn, Bedarfsfiktionen-Gauch,
der als Verfall sich, Zeit und Trance umkreist.
(4) Der schleichende physische Untergang? (77/4203)53
Ich ahne es - indes ich kann’s nicht wissen,
ob wir vielleicht an einer Zukunft bauen,
die könnte nur noch Alptraum für uns sein:
Vielleicht global von Elend dann zerrissen,
von Rückzugskämpfen gegen die Natur …
Für die wir heute doch schon haben kein Gewissen,
entfesselt einer Wohlstands-Diktatur,
die auch moralisch-geistig uns doch ruiniert
mit ihren Ratio- und Verfahrens-Klauen.
(5) Der kulturelle Niedergang(77/4204)54
Spracharm werden wir, das immer mehr:
phrasenschiere Wohlstandsknechte,
uns entfremdet, seelisch leer …
Entlastungsleiblichkeit verzechte,
inszeniertes Show-Begehr …
Weder gute noch auch schlechte
Gleiche siecher Regressions-Tortur.
(6) Krieg? (77/4205)55
Droht uns gar ein Krieg zuletzt?
Nun: Wer könnte aus das schließen?
Niemand kann das. Wir sind Wesen
stets von Selbstwertsucht gehetzt,
Tiere, auf sich selbst verwiesen,
Bestien, die es nicht entsetzt,
dass sie waffensiech erschießen
Tausende in kurzem Jetzt -
sich so Halbgottmachtsynthesen …
Muss indes es deutlich sagen:
Barbarei mag uns behagen;
überhaupt Gewalt uns treiben
- Rausch doch tiefster Psychen-Bleiben -
andere uns aufzureiben,
hasserfüllt sie zu vernichten,
um uns daran aufzurichten …
Sinn aus Destruktion zu schichten.
(7) Das Ende gar von homo sapiens? (77/4206)56
Wird sich gar die Art auflösen,
restlos elend untergehen?
Dafür gibt’s zur Zeit drei Größen:
US, Russen und Chinesen,
die es könnten avisieren,
Weltherrschaft sich zu verschaffen,
zu beherrschen dann mit Waffen,
Machtorgasmen auszuleben,
sich als Bestien zu verbeben:
atomar sich selbst negieren.
Nun ich glaube eher nicht;
wobei das ist mein Kalkül:
(8) Russland (77/4207)57
Russland ist doch eher schwach;
militärisch angeschlagen;
wirtschaftlich geht’s im nicht gut;
und es wird wohl noch viel schlechter.
Und ein Sieg im Nachbarland
ist inzwischen Zufallsspiel.
So wird’s eher ungerechter.
Was indes bewirken könnte
das genaue Gegenteil:
einen Griff zu diesem Mittel:
Im Atomkrieg suchen Heil.
(9) USA (77/4208)58
Der Kult-Narziss dann aus Amerika,
der so verwirrend unklar scheint:
konzept- und rücksichtslos, sich selbst nur nah,
der weiß genau oft, was er meint:
Weltweite Vorherrschaft der USA.
Und die umfassten Kanada,
dann Nord- und Südamerika,
und Grönland … Alle die vereint.
Sich in den Weg zu stellen,
wem auch immer: Es werde sein
dann wieder groß Amerika
und ganz allein bestimmen, wer sei Paria,
sei Machtgefüge oder dessen Schein.
Amerika? Sei christlich-traditions-gebunden,
als das der Weißen, übend alle Herrschaft aus.
Um nicht zu schlagen selbst sich Wunden
weil etwa auch Migranten-Haus.
Das müsse ein man reißen,
werfen die Bewohner raus.
Was kümmert ihn der Klimawande1 -
der finde doch noch nicht mal statt:
Es dürfe treiben also jeden Handel:
Dass ökonomisch laufe wieder alles glatt
Er wird sein Auge mehr auf China richten.
Europa deshalb deutlich fallen lassen.
Und das macht Sinn,
will China doch vielleicht vernichten
den Westen, der es einst so niederhielt:
Verachtete, dass auch noch Rachsucht da
vermutlich eine Rolle spielt.
Die Nato? Er wird nicht ganz auf sie verzichten.
Solange Weltherrschaft nicht ganz gehört den USA.
Nur eines scheint er gar nicht zu begreifen:
Dass seine Art und Weise, sich als Guru zu gelingen
- mit Arroganz, Verachtung, Rohheit, Größenwahn -
wird immer mehr ihn diesem Trug verschleifen,
es könne nichts und niemand ihn je niederringen.
(Er komme immer gegen seine Feinde an)
Doch: Einer kann’s; er selber kann’s;
weil Hybris sich und Größenwahn in ihm verfingen -
als Schergen infantilen Selbstwertbanns.
(10) Europa (77/4209)59
Europa solle, müsse Weltmacht werden?
Womit? Mit Phrasen-Zockerei?
Ach was: Es wird sich weiter selbst gefährden
durch Wertblindheit als Tugend-Einerlei.
Europa ist ein Hort von Wert-Naiven,
die permanent von Freiheit reden:
der eines faktisch doch nur konsumtiven
Pleonexie-Gehabes, schaffend Psychen-Öden.
(11) China(77/4210)60
Ganz anders sieht’s mit diesem China aus:
Dem Land totalitärer Innenweltkontrolle.
Dort regt sich nur für einen noch Applaus:
Den Großen Xi in seiner Autokraten Rolle.
China müsse nun die Welt anführen,
sagt er. Technisch und durch Produktivität,
durch konsequentes Sanktionieren
von allem, was dagegen sich vergeht.
Und sollte diese gelingen - nun, wer weiß? -,
dann wäre auch dies Deutschland anzuklagen,
das längst herunterkam, um jeden Preis
sich ruinieren will: sich Wirklichkeit versagen:
Gegebenheiten, neuen Faktenlagen.
Um, von sich selbst ergriffner Würde-Kreis,
in irgend dann vielleicht zu späten Tagen,
endgültig sich zu steuern aus dem eignen Gleis.
(12) Schluss-Gedichte
(א) (77/4211)61
Nichts von all dem wird uns retten
- mögen’s auch die Macher glauben -.
Können uns nicht selbst bewahren …
Teilchenmacht: Bedürfnisscharen,
die sich müssen sein doch Ketten:
sich in Sprachfiktionen betten,
technisch die Natur ausrauben:
Abstraktionszwanggrundverfahren …
rationales Wir-Gebaren.
(ב) (77/4212)62
Heute Nacht, ganz spät, fiel Schnee;
er fiel still verschämt;
ließ mich denken gleich an D.,
erdreichnichtig längst gelähmt.
Vierzig Jahre ist das her,
schon ein halbes Leben,
eines, meistens dumpf und leer,
lungernd durch die Seelen-Gräben,
konsumtiv gezähmt.
(ג) (77/4213)63
Was hat mich nicht alles schon heimgesucht
an Lügerei, Verrat, Schauspielereien,
an Ichsucht und an mieser Arroganz,
was ich nur selten konnte ganz vergessen.
Nun ja, was hab ich denn erwartet?
Naiverweise andres wohl.
Was indes kaum noch jemand bieten kann.
Wer fühlt es und begreift es noch?
Der Mensch von heute ist ja doch verrucht,
kann daher selbst sich leicht verzeihen,
dass er ist faktisch doch Systemabglanz:
Verbraucher seelendürrer Spaßkultmessen.
Ein Spiel, gezinkter Glücke wegen abgekartet,
weil die allein noch bieten Daseins-Pol:
den allerletzten Sinn- und Wesens-Bann
als radikal verdrängtes Nihilismus-Loch.
(ד) (77/4214)64
Ich hab mich oft gefragt,
was dieses Leben soll.
So fragt nun mal
ein großes Kind.
Doch eine Antwort
hab ich nie gefunden.
Nun, wie auch?
Man muss drehen
seine Runden,
am besten willig
fort und fort;
nur so kann man
sich selbst bestehen
an diesem Waren-,
Ichsucht-, Schauspiel-Ort,
mag halbwegs heilen
seine Seelenwunden
und andres,
was an einem nagt.
Bis man zerfällt:
wird altersdaseinsblind.
(ה) (77/4215)65
Ich hab die Welt nun mal begreifen wollen müssen.
Ob’s mir gelang, das sei dahingestellt.
Wahr aber ist, sie ist zumeist beschissen,
dreht sich um Macht, um Lust, um Schein und Geld.
Auch muss man ständig selbst sich sein beflissen,
damit der andern Achtung nicht zerfällt.
Hier wollen alle nämlich uns als sehr bedeutend hissen,
weil jeder sich für was Besondres hält.
Indes das eine schiere Lebenslüge ist.
Das sind wir nicht, sind alle gleich.
Sind - dies zunächst mal - alle Frist
in unserm schwerstabsurden Selbstsuchtreich.
Dann ist die Wirklichkeit zuletzt Fiktion,
weil wir sie nur als Perspektiven haben:
Als sprachlich-subjektive Schein-Option,
um uns an Irrtum: Selbstbetrug zu laben.
Zumal uns selber können auch nicht greifen:
Affektgefüge und Bedürfniszwänge,
die machen, dass wir uns auf Gier versteifen,
was dann vollendet uns als Knechtsgemenge.
(ו) (77/4216)66
Ich würde stets
dasselbe reden?
Ja, was denn sonst,
das ist sie ja!
Die Welt der Täuschung
und des Phrasen-Mets,
die Welt
des dauernden Blabla,
die Welt der Sexsucht
und der Kröten,
der längst schon
aller Sinn ging flöten …
Was auch dann Macht
kann nicht mehr löten.
(ז) (77/4217)67
Deutschland macht mir freilich Sorgen,
sucht mich heim, weil so zerrissen.
In sich selbst nicht mehr geborgen,
Widersprüchen allbeflissen.
Dieses Land hat sich verloren,
manchmal scheint es mir gar krank;
ohne Faktensinn vergoren
bloßem Wortbedeutungszank.
Will nicht handeln, will nicht denken,
sich schon gar nicht übernehmen;
lässt sich plündern, lässt sich kränken
will indes dies Joch nicht zähmen.
Tugendaggressiv und willenlos,
treibt es selbst sich vor sich her.
Weltanschaulich tut’s gern groß,
erbärmlich freilich und charakterleer.
Schwätzer, Pfaffen, Demagogen
richten es, kommt’s schlimm, zugrunde.
Diese geistlos - sind per se verlogen:
dummfrechstolz sich Einsichtswunde …
(ח) (77/4218)68
Schade,
dass sie niedergeht,
immer primitiver wird.
Selbst und Welt
nicht mehr entwirrt,
dass man hilflos
sich verrät,
weil sie nur noch
Fetzen girrt.
Von der Sprache
ist die Rede,
von der deutschen
- von der meinen -
einer Sprache, die gerät
immer mehr
ins dümmliche Fade,
statt Gedanken
zu vereinen.
Passt exakt zu diesem Land,
einer Phrasendiktatur,
diesem Leerformel-Verband
geistig toter Selbstabfuhr.
Ohnmacht (35): Letztes Gedicht (77/4219)69
Von Mitgefühl, gar Güte, kann doch keine Rede sein
in dieser Giergesellschaft kleiner, dürrer Seelen,
die, abgerichtet auf nur konsumtiven Schein,
Aus Waren sich, Narzissmus und Effekten schälen.
Gar nicht gewahren, dass sie, marktverfügt allein,
verfehlen sich: verdinglicht-hedonistisch ab sich quälen.
Weshalb sie - ichsuchtschier - sind so gemein,
dass sie sich gegenseitig schon als Mittel zählen.
Obgleich sie trotzdem sich als die ausloben:
Als freie - autonome - Würdeträger,
gewissermaßen so Vernunft-Schaumschläger,
entfremdungsanonym in Geistesschein verwoben.
Doch wer schon hätte sich, wenn er sich selbst betrügt,
sich Zweck an sich zu sein, sich als Entlastungskniff vorlügt?
Nun ja, vielleicht ja doch, wenn man mal dies bedenkt,
ob so ein Selbstbetrug noch viele Smarte heute kränkt?
Fakt ist: Das Ganze war doch immer schon ein Toben
von Wesensbarbarei-, Affekt- und Machtsucht-Zwang;
war nie Vernunft, war Hybris stets … Verblendungs-Drang:
Doch völlig zufallssinnlos in dies Teilchen-Werk geschoben.
Diese Gedichte da, meine (77/4220)70
Sie machen keine süßen Träume,
entfachen keine Sehnsucht so,
ergreifen nicht,
dass man sich rauschenthemmt versäume,
sind eher schlicht, banal und roh.
Sie können mithin es nicht leisten,
dass man, sie lesend, sich verliere
in einem Sog des Wunderbaren,
der einen zöge
aus dem Bann der Waren.
Sodass man nicht mehr
nach sich selbst nur giere,
sich vielmehr in ein Geistreich höbe,
das hinderte, dass sich entgleisten
des Daseins seelische Gewebe,
was einem Zuversicht
und Halt und Sinn verwöbe.
Ich-Schicksal (77/4221)71
Doch wer zuletzt es dann begriffen hat,
dass keine Stunde können wir verzichten:
Sei es auf Lebenslügen,
Wertbelämmerungen,
sei’s auf Entlastungsperspektiven,
Sinnfiktionen …
- weil lebenslang wir finden unfest statt:
Als Doppelzwang von Ich und Wir:
Gesellschaft und Bedürfnisknecht,
Affektverwirrung als Verblendungsgier,
als schaler Sinnsucht Trance-Geflecht -,
der wird sich selbst und andere verschonen
mit Sollens-, Idealgefügen,
mit leeren Worten, Pseudothronen,
Geschwätz, sich selber zu betonen …
wird sagen, dass wir permanent erdichten
uns selbst und alles, was heißt Sein …
Selbst Götter, Macht, Erlösungsschichten …
So dass wir immer einsam bleiben,
am Ende gehen einsam ein
in Grabessande, uns zu nichten
zurück ins schicksalslose:
absolute Nein.