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Seite 56. Diese Seite enthält 81 Gedichte
Seinsnackt (56/1)
Mir sind die Tränen ausgegangen.
Tatsächlich viel zu früh.
Und das erklärt wohl auch die Apathie
und den Zynismus, denen ich gefangen,
ich euch so kernnah fasse:
Auf Anerkennung und Besitz versteift,
auf Lust und Macht und das, was greift
als Regressionstrost einer infantilen Masse.
Euch selbst benommen und gesteuert
von immergleichem Sicherleben,
konsumverflachungsselig angeheuert,
nach nichts als Ablenkungsvollzug zu streben.
Evolution (56/2)
Nur Zufalls-Würfelei,
fatale Lotterie.
Zunächst biped,
dann Hirnwachstum
auf 1350 Gramm
im Schnitt.
Erst Jagdmagie,
dann Ackerplackerei.
Heut Warenapathie
und Phrasenbrei:
Das Individuum
gewissensklamm.
Nichts weiter mehr
als Zwischenschritt
zu Technikdespotie.
Doch Glücke
allen geistgesät?
Nein, solche Glücke,
solche gab es nie.
Lethargie (56/3)
Irgendwann tritt Lähmung ein.
Das ist unvermeidlich.
Weiß man doch
nur aus sich selbst ums Sein.
Hilflos Dingknecht.
Ziellos. Zeitlich.
Lebenslang zumal allein.
Geschlagen (56/4)
Selbst meine liebsten Erinnerungen
habe ich
als sentimentale
Konstrukte entlarvt.
Nun bleibt mir gar nichts mehr,
mich über meine
trostlosen Tage
hinweg zu phantasieren.
Ausgerechnet mir, der ich, wie kaum ein anderer,
Selbstbetrug, Einbildungen
und Lügen nötig habe -
hellsichtig, wie ich nun mal bin.
Gelingen I (56/5)
Wer weiß denn,
was Gelingen sei?
Ich frage dich:
Wer weiß das schon?
Den meisten
ist es einerlei,
sie bergen sich
in jenem Mohn,
der allen
zur Verfügung steht:
Sie nehmen hin
und täuschen sich.
Um so zu meistern
dies fiktive Ich,
das Worten,
Drang und Wir
verweht.
Gelingen II (56/6)
Gelingen?
Wenn, dann nur als Nebenbei
der kommandierten Illusionen.
Als Husch etwa in Geistesringen:
Jenseits der kalkulierten Zonen.
Bedeutungslos mithin, nie frei.
Und dennoch lockend Sinn herbei,
Halt, Glücke ohnegleichen.
Die manchmal dann
bis in die Kerne reichen.
Trivial-Exzesse (56/7)
Ich hake meine Jahre ab.
Total vereinnahmt tu ich das.
Wohlstandsverwahrungszwängen subsumiert*.
Permanent zumal verstrickt
in diese global inszenierten,
unumkehrbaren
produktions-, kapitalfluss-, kommunikations- und
gleichungs-intensiven Trivialexzesse
radikal verselbständigter Halluzinationskomplexitäten:
Pseudo-Metaphysik
roboterisierter Zeichen-Kosmoi.
Unbegriffene Theologie
konform sich entfremdeter Schein-Identitäten.
Auslauf-Menschtum.
Am Beginn künstlicher Paradiese.
Ohne Gott.
Ohne Erlösung.
Ohne jedwedes Glück.
*subsumiert: unterworfen, eingefügt, untertan gemacht
Zeitgeistfracht (56/8)
Ich weiß um Nichtigkeit
und Niedertracht.
Weiß aber auch,
sie zu vergessen.
Mich treiben lassend,
infantil vermessen,
als wesenlose
Zeitgeistfracht.
Selbsteinschätzung (56/9)
Verwiesen auf technisch generierte Magie,
ihrem Artefakten-Meer wehrlos ausgeliefert,
träume ich mich durch die Tage.
Ohne Orientierung - sei es metaphysische,
kulturelle, politische oder ethische -
weiß ich mich als auf sich selbst
radikal zurückgeworfener Bedürfnisträger,
gesellschaftlicher Nützling,
Propagandaverwerter und dauerpotentielle Beute
nackter ökonomischer Interessen.
Formell freies Rechtssubjekt,
bin ich auf mich allein gestellt,
faktisch meiner selbst entmächtigt,
weil hilflos ausgeliefert dieser hedonihilistischen*
Massensause, die weder demokratisch
noch rechtsstaatlich sein k a n n:
Fehlen doch längst die weder politisch noch rechtlich
zu schaffenden Voraussetzungen dafür:
Die geistigen …
Die selbstdistanzfähiger,
reifer und hoch gebildeter,
asketisch auch ausgerichteter Individuen,
die fähig wären zu begreifen,
dass Freiheit nichts anderes wäre
als notwendige Selbstzurücknahme (Ichverzicht),
Ergebnis also wäre von emotionalen und intellektuellen
Grunddispositionen als Bedingungen der Möglichkeit
subjektiven Selbstbestandshandelns
im Eigen-, Allgemein- und Staatsinteresse.
Indes wie weit müssen wir schon
heruntergekommen sein,
wenn ich glaube sagen zu dürfen,
dass wir doch heutzutage genau dann
zu unserem eigenen Nachteil agieren,
wenn wir, etwa propagandistisch von Würde-,
Vernunft- und Autonomie-Idealen
einer moralischen Person verblendet,
uns dann faktisch als eben diese
ohne es überhaupt zu bemerken
und also folglich auch ohne Bedauern
selbst im Stich lassen.
Fundamentalgegnerschaft (56/10)
Ein Gegner bin ich dieses kindischen Tarot.
Versuch auch nicht, es abzustreiten.
Zumal ein Selbstbefehl ergeht, der lautet etwa so:
Gewöhnlichkeit und Ismen zu vermeiden.
Mich nicht im Stich zu lassen, zu verstricken
in Selbstbetrug, in Lügen und Beschönigungen.
Die doch die Würdelosen stets so tief beglücken,
weil dadurch kreatürlich sich gelungen.
Ein Selbstbefehl? Allein wer gibt ihn, spricht ihn aus?
Doch Unvernunft, der ich mich selbst verschrieb:
Wer strebt schon über sich hinaus,
zu retten sich vor Affen-Trieb?
Ich würde jedenfalls mich schämen,
wenn Surrogat-Gelüste an mir zehrten,
dann so zu tun, als ob mir daraus Normen kämen,
die nicht entmündigten, verrohten und entehrten.
Und doch: Ich handle gegen meine Interessen,
will ich mich strikt an jenen halten.
Warum? Es geht um Lust, um Macht und Ichkult-Messen.
Nie Geist. Pleonexie nur kann die Welt gestalten.
Schwieriges Gedicht/
An jemand ohne Selbst und Namen (56/11)/Sonett
Ich habe in der Zeitung es gelesen,
dass du ganz sanft, so hieß es, seist verschieden.
Erlöst nun eingegangen Seinem Hüten.
Zumal ein Opfer langen Leids gewesen.
Zu Ihm gelangt so als befreites Wesen.
Sie sämtlich los nun: Dieses Daseins Nieten.
Die Er zerstöre schon durch seinen Frieden.
An dem auch du einst würdest ganz genesen.
Doch mir soll gelten: „Nichts - es sei denn Gutes“.
Was mich verpflichtet, eisern jetzt zu schweigen.
Doch ohne Griff zur Krempe meines Hutes.
Schon gar nicht werde ich mich jetzt verneigen.
Doch eingedenk dem Jammer meines Blutes.
Es wäre schäbig, Rührung zu bezeigen.
Selbstverlächerlichung (56/12)
Mich ekelt an,
was ich da mache.
Hab ich es längst
doch schon durchschaut.
Ich übe da subtile Rache
an dieser Welt,
vor der mir graut,
Die sich entzieht,
sich selbst verborgen.
Ein rohes Gossenlied
an totes Übermorgen:
Gewissenlose Huld.
Noch Kunst zu machen
ist naiv. Ist kindisch.
Und ist so völlig folgenlos.
Geht’s doch um Geld,
Prestige, erlebnisflachen
Pleonexie- und Ich-
und Selbstwert-Kult.
Narzisstisch
nihilismusrigoros.
Flüchtige Alterseingebungen (56/13)
Es wäre wirklich besser,
Schluss zu machen.
Ist es doch nur noch
eine Quälerei:
Da sind die Leibgebrechen,
die mir Schmerz entfachen,
mich drücken psychisch auch
in fades Einerlei ...
tatsächlich permanent
es mir vergällen,
dies kurze Dasein
kruder Schicksalswellen.
Indes auch sonst
gibt's nichts zu lachen,
was die Gesellschaft anbelangt:
Da herrschen
Korruption und Gaunerei,
die Faden
und die Geistesschwachen,
das Mittelmaß,
das sich um Vorteil zankt,
um Selbsterhöhung
in der Tugend Schwaden.
Glücksintensivierungs-Lachen (56/14)
Ein mürrisch zügelloser Konsumismus,
eudämonistisch-hedonistisch inszeniert.
Reflexhaft dumpfes Horten von Erleben.
Auch technisch provozierte Soma-Mystik.
Und intellektuelle Selbstentmächtigung
durch Leichtlauf-Hedonismus-Angebote.
Von andrem ganz zu schweigen,
wie etwa urlaubsmetaphysischer Belämmerung.
Und das soll Sinn am Ende machen,
Glück gewähren?
Soll Wert auch haben,
gar statistisch feststellbaren?
Soll Daseinsfreude und Erfüllung schenken?
Das ist doch alles eher ein Totalprogramm,
sich von Entglückungssüchten zu entlasten,
sich hinzugeben an Bewusstseinswirren,
auf immer frei von innrer Anteilnahme.
Drei Sonette in später Zeit (56/15)
Wozu? Wozu! Das liegt doch auf der Hand!
Wie kann man eine solche Frage stellen?
Da greift ein Stoffbefehl, ein Leibgebot.
Evolutionskommando: Drangsal-Spiel.
Und selbstverständlich ist da kein Garant,
der dich bewahrte davor, dass dich fällen
die Zufallsschläge irgendeiner Not.
Auch Glück, Erfolg und Güte gibt’s nicht viel.
Bei mir z. B. sollte alles passen:
Die Zeit, die Lagen, die Gegebenheiten.
Bis heute kann ich es nicht wirklich fassen:
Ich musste, durfte, sollte alles meiden,
was ausgesetzt mich hätte all den blassen
mich selbst mir nehmenden Verlogenheiten.
*
(56/16)
Doch selbstverständlich habe ich gelitten.
An Niedertracht und an Erniedrigungen.
Und manchem mehr, was dieses Dasein prägt.
Notwendig prägt. Wie Zwang und Amoral.
Indes der wichtigste von allen Schritten,
war der, dass mir es ist recht früh gelungen,
zu ahnen, dass sich niemand selber trägt,
sich nicht bestimmen kann durch eigne Wahl.
Dass dieses Dasein eher meistre der,
dem es gelänge, selbst sich zu begreifen:
Nichts weiter doch zu sein als Knecht der Mär,
dass er Bedeutung habe, dürfe streifen
an eine solche, die nicht auch sei leer,
wie die der andern, die um Ichsucht schweifen.
*
(56/17)
Das Geistige ist wesensmäßig elitär.
Ist Einsichtsmut, Askese, Ehrfurcht, Ich-Verzicht.
Besagt indes auch dies, dass psychisch man prekär
am Rand lebt, asozial, so etwa im Gedicht,
in Intellekt-Gefügen, faktisch stehend quer
zu dem, was sich als kratisch*-ethisches Gewicht
in Medien preist als wahr, human und tugendschwer.
So jener Gegenposition und Denk-Umkehr.
Das sei doch obsolet, bizarr und lächerlich.
Mal abgesehen von der frechen Arroganz.
Erbärmliches Geschwätz sei’s eines kranken Ich.
So lautete zu ihm des Durchschnitts Larmoyanz.
Der nicht begreifen darf, dass er sich selbst ist Schlich
in einem lustsiech rationalen Totentanz.
*kratisch griech.: hier: politisch, machtbezogen
Geistiges Niemandsland (56/18)
Welche seelischen Tiefenschichten
ließen sich heutzutage denn noch
von Gedichten ansprechen?
Wahrscheinlich nur die von der realen Welt
unberührbaren träumerischen,
die zärtlich sich selbst nur ahnungsweise zurücknehmend
in sich selbst rollenden,
ungreifbar sich auflösenden,
ins Diffuse sehnenden,
hyperfeinfühligen,
sich wirklichkeitsfern zu liebkosen in exquisitem Selbstgenuss,
angeregt durch die in Worte gemalten
Landschafts-, Seelen- und Phantasie-Traumbilder
solitären Exquisit-Konsums neurotisch-ichsüchtiger,
privilegiert überfeinerter Iche.
Niemals also durch Gedichte, wie ich sie mache:
substanzfaktische Ich-, Welt- und Wert-und Entmächtigungs-Sprachgefüge.
Indes die ins Unmittelbare schießenden,
schmerzhaft-gewaltsam provozierten Affekte
längst geldwirtschaftssteril liquidiert werden,
um sie durch die für den Markt vorteilhaften Kommandos
der Reklame- und Rock-Industrie zu ersetzen,
konsumenthemmungsdrastische ... im Dienste von Asozialisierung,
jetzt via Smart Phone,
Internet und Social Media.
Unter diesen Knuten, Brutstätten alyrischer Banalität,
dürfen dann die isolationshörigen Individuen
selbst dafür sorgen,
nicht mehr zu sich kommen zu müssen.
Alles ganz legal..
Alles unzurechenbar.
Alles Neuronen-Ansich.
Totalitär - geistfremd.
Inszenierte Entlastungsonanie.
Man lege jenen träumerisch Hyperfeinfühligen
und diesen Affektprothesenkrüppeln
probeweise dieses Gedicht vor.
Späteste Gesellschaft (56/19)
Ein Notgebilde von Subjektverschnitten,
im Zaum zu halten sie durch Selbst-Abbau:
Bewusstseinssteuerung als Kick gefühlt
von dann entmächtigten Monaden.
Vergötternd ihr Medialabbild.
Doch nach dem Urbild niemals fragend:
Das wäre geistig nur zu fassen:
Als die Idee des rationalen,
des intellektgezeugten Lumpenproletariats.
Als Spaßrandale-Horde in KI-Montur.
Als Standardtypus spät vollendet.
Sich Depressionsgeschrei ergebend,
sich zu erbetteln noch im Niedergang
Identitätsnachweis durch Tugend-Aas,
durch Oligarchen-Klüngel-Despotie
und metaphysisch unfehlbare Staatspartei.
Und lese dann noch einmal ganz von vorn.
Dröhnungszwang (56/20)
Sinnbrosamen abgeschunden:
Eine Existenz als Kick.
Tricksereien eingebunden:
Ich-Verbraucherglück.
Geldstrommanipulationen,
Lichterblitzen, Stargeleit.
Sex-, Erlebnis-, Lachgas-Zonen.
Reizzwang als Verdummung light.
Einmal ohne Dröhnungspillen,
Lustgeheiß, Reklame-Schur,
Wertbetrug, korrupten Willen,
nicht sein Kollektivmixtur.
Mitmachmännchen bis ins Mark,
wo Idol und Medien kneten
Fremdverfügtheit bis zum Sarg:
Inszenieren gar die Lethen.
Mehrdimensionale innere Unruhe (56/21)
So ein endlos sich dahin schleppender Abend,
an dem man sich einfach nicht gelingen kann.
Ständig wechselt die ins Motorische übersetzte innere Unruhe
ihre zufälligen Ziele:
Mal läuft man nervös im Wohnzimmer herum,
mal döst man völlig ungerichtet im Sessel vor sich hin,
mal sieht man sich gar Bilderströmen von
scheinbar längst Vergessenem ausgesetzt:
Man sieht die Gesichter von Menschen in seiner Erinnerung aufsteigen,
weiß stupend mühelos selbst ihre Namen,
erkennt auch sofort wieder die einmaligen Situationen
und die persönlichen Umstände aus jener fernen Zeit,
einer Zeit vor nunmehr sechzig Jahren und mehr;
und fragt sich vergeblich,
warum ausgerechnet an diesem Abend diese Erinnerungen wieder in einem hochkamen …
Mal legt man eine CD ein,
um sie nach einem Lied wieder anzuhalten …
Mal schaltet man den Fernseher ein
um dann freilich nur unschlüssig hin und her zu zappen;
sei’s zwischen den euphemisierenden* Zumutungen von Diskussionsrunden
mit sich allzu oft in der deutschen Grammatik
verhedderndem politischen Personal,
das sich zudem peinlicherweise permanent selbst lobt;
sei’s einer Interview-Sendung mit leptosomen*,
weiß beturnschuhten Sportidolen,
meist ehemaligen Fußballprofis,
die wenigstens wissen,
wovon sie reden;
sei’s auch einer Talkshow mit Medien-Prominenz,
die sich zeitgeistkonform-pseudokritisch ergeht
in gesinnungsethisch hypertropher* Polit-Metaphysik.
Und bei all dem weiß man ganz genau
(ich jedenfalls weiß es),
dass sich darin auch die eigene Orientierungslosigkeit
und der bodenlose Stumpfsinn der Konsumdiktaturen
- in drastisch an einem zerrende Unruhe,
Weltekel,
resignativen Nihilismus und das klare Bewusstsein
eines unaufhaltsamen kulturellen Niedergangs übersetzt -
psychophysisch offenbaren.
*euphemisieren griech.: beschönigen
*leptosom griech.: schlankwüchsig
*hypertroph griech.: überspannt, überzogen
Feststellung V (56/22)
Je leerer, nichtssagender
und trivialer diese Welt,
desto länger, komplexer
und bezugsreicher
werden die Gedichte,
die sich auf sie
zu beziehen scheinen.
Ein schneller Blick auf meine Zeit (56/23)
Der Ablauf einer Spätzeitposse,
garniert mit Hully Gully-Süßen.
Der Sturz in Barbarei, Gewalt und Gosse.
Der Affenkern lässt grüßen.
Mich wird das nicht mehr groß betreffen.
Zu alt, zu krank, zu todesnah.
Ich hab nichts mehr zu kläffen.
Hier raunzt genug Blabla.
Reklame-Puppe (56/24)
Steril. Kalt. Perfekt. Völlig deerotisiert:
Irgendwie tote Gängig-Schönheit.
Wir kann sich eine junge Frau es gefallen lassen,
zu einem solch hypergestylten,
persönlichkeitslosen blonden Reklame-Roboterchen
herabgewürdigt zu werden.
Zumal doch der Grad der Körperbräune,
um den geht es,
faktisch nichts beitragen kann zu einem wie auch immer
- unter den gegebenen Umständen - gelungenen Leben.
Indes das Geld kann’s allemal, das sie dafür erhält,
sich zu einer Karikatur eines KI-Avatars
degradieren zu lassen,
zu einer hollywoodisierenden Verbraucherinnen-Phantasie,
auf die man nicht mal keine Lust haben kann.
Schöner Tod (56/25)
Trauerträchtiges Nieselgetröpfel.
Nasskühlgrauer Septembertag.
Vertrödle mich rauhäutig der Windwut.
Auf dem Gehsteigrand sitze ich.
Erfüllt von entlastender Gleichgültigkeit.
Äuge den feuchtgelben Blättern nach.
Die kreisen in Brackwasser.
Die trudeln der Fäule entgegen.
Die stieben klaglos vorüber.
Endwarm ist’s mir zumute.
Vergänglichkeitsendlich zumal.
Schöner Tod zerrt an mir.
Eigensinn (56/26)
Versucht hab ich, zurechtzukommen.
Und das ist mir gelungen.
Zumindest so nach außen hin.
Um wenigstens den Schein zu wahren.
Das, was mich umtreibt, habe ich verborgen.
Es wäre andern schnuppe.
Man ist allein mit sich im Leben.
Kann so auf sich nur zählen.
Das Meiste habe ich verschwiegen.
Und nehme es auch mit ins Grab.
Ich will’s vor allem nicht besudeln lassen
durch kindisches Gerede.
Durch dieses Seelenausdeutungsgehabe.
Dies fade Spielchen kalter Leute,
die nur erleben, nie erfahren.
Bar allen Ernstes, ohne Tiefe sind.
Die Große Fadheit (56/27)
Hätte ich noch irgendein Gefühl für dich,
wären wir eben zwei Einsame,
die aneinander vorbei glitten.
Haltlose Monaden-Innerlichkeiten,
die, markthörig,
allein nach konsumtiven Glücken jagen.
Dabei verdrängend,
dass es Glücke
als nichtrügerische Freuden
gar nicht mehr geben kann:
In unseren heutigen Welt
fungieren sie nämlich primär
als intendierte
Entlastungs- und Trost-Behelfe:
Arten und Weisen der Weltmeidung:
Freilich fraglos notwendig,
um die Lebenslügen
der Großen Fadheit
sich dauerwiederholender,
geplanter Systemorgiastik,
ertragen zu können,
sich aus ihr eine Art
träumerisch belämmernde
Melancholie schaffend,
die sie ihre kaltleere Ichsucht
und Rechenhaftigkeit vergessen lässt.
Kollektivtrauerkonsum (56/28)
Kollektivtrauerkonsum. Rituell inszeniert.
Medial-Ereignis oft.
Blumen, Kränze, Kerzen und schriftliche Bekundungen
säumen Mauern und Zäune,
Gehsteige und Straßenränder.
Die Leute sind ergriffen, solche allgemeinmenschlich,
existentiell verwurzelten Abgründigkeiten von Radikalverlusten
miterleben zu dürfen,
zumal diese die Gelegenheit bieten,
sich in einen sichtbar tiefen Ernst tauchen zu können,
einen Ernst, der in ihrem privaten Alltagsablauf
keinen Platz mehr hat,
da er nur noch als kollektiv inszenierter
seine packende Wirkung entfalten kann,
die, als solche, eben dann nur noch
eine mediale sein kann.
Die tragische Wucht des Außeralltäglichen
ergibt sich nicht aus dem faktischen Ereignis,
sondern aus der Tatsache, dass dieses
zum medial interessanten aufgewertet wird.
Es ist die öffentliche Wahrnehmung der Trauer,
die das Trauerkollektiv zu einem solchen macht,
nicht die Trauer selbst:
Die Trauernden des Trauerkollektivs erleben Trauer anders
als der anonym trauernde einzelne Mensch.
Der im Kollektiv Trauernde trauert sozusagen
die Trauer der anderen Trauernden nach,
das heißt, er erlebt sein Trauern, ist es aber nicht:
Er setzt ein Zeichen von Trauer.
Trauer erleben ist aber etwas ganz anderes
als Trauer erfahren.
Erfahrene Trauer zwingt zum Schweigen, zur Diskretion.
Ist eine Hilflosigkeit auch radikalen Alleinseins,
erheischt also Einsamkeit.
Wirft sie einen selbst doch als Einzelnen zurück
auf die eigene Vergänglichkeit,
den eigenen Tod.
Dazu aber fehlen der medial abgerichteten Seele
die Kraft, die Tiefe, die Sprache und vor allem
die geistige Disposition,
sich dieser erschütternden Ausweglosigkeit
überhaupt unmittelbar stellen zu können.
Momente echten kleinen Glücks (56/29)
Und wenn noch was die Kraft des Glückes hätte,
dann wäre es, ich bleib mir treu, nur das:
Zum Nachtisch eine Zigarette.
Ein Blau. Ein Halm. Ein Tier. Ein Glas.
Was sonst so heißt, ist pervertiert,
um irgend faktisch Glück zu lassen.
Weshalb der Kunde es auch inszeniert,
sich Zeitgeist anzupassen:
Der Glück doch gar nicht mehr zu fassen weiß
als etwas, was man gar nicht kaufen kann:
Weshalb er kennt nur seinen Preis,
es selbst als Bastard und als Bann.
Für uns ist Glück geknüpft an Gier.
Die aussaugt. Ohne irgendwas zu schenken.
Sie kann’s nicht. Steht nur noch sich selbst Spalier.
Auch ihre Krüppel noch zu lenken.
Zerfallende Innenwelten (56/30)
Nicht-Ich-Schemen fluten
das sprachlich verarmte
Verbraucherbewusstsein.
Permanent.
Als Bild, Stimmung, Reiz und Signal.
Die Innenwelten zerfallen.
Empörung und Eskapismus
entschämen so weiter die
orientierungslos sanft
kollektivierten Medialerregten:
Singularisierungsopfer,
die’s ahnungslos über sich
ergehen lassen müssen.
Immer häufiger schon
darum bettelnd.
Perversionsschwermütiger Zukunftsalptraum (56/31)
All diese trauerharten Gesichter von Säufern,
Verrohten und Hilflosen.
All diese armseligen Verstocktheiten von Haltarmen
und existenziell wie intellektuell Überforderten.
Alle diese vergeblichen Versuche,
sich eine spärliche Anerkennung
und Selbstwertsteigerungschance zu verschaffen
durch Anpassung, Nachäffen und Kriecherei.
Alle diese Beispiele von Verrat,
Neid und widerlich-frecher Treulosigkeit …
Nur um eine kurze Aufmerksamkeit
bei verrohungsanfälligen Orientierungslosen
zu erhaschen,
die jeweils das besagungslose Geschwätz zu bewitzeln
und zu brutalisieren wussten …
Kein Wunder,
dass mir angesichts solch früher Lebenserfahrungen
am christlichen Menschenbild überhaupt nichts liegt:
Ich halte es für naiv-ideell-masochistisch...
Noch an dem der Aufklärung:
Ich glaube nicht an die Freiheit,
Würde und Vernunftfähigkeit
des durchschnittlichen empirischen Menschen.
Auch nicht an die Illusionen des Liberalismus
und des amerikanischen Traums.
Und schon gar nicht an den sozialdemokratischen
oder gar sozialistischen Optimismus,
dass eine gerechte Gesellschaft geschaffen werden könne
und als solche dann auch Bestand habe.
Allerdings glaube ich daran,
dass es menschliche Verhältnisse ohne
Machtmissbrauch,
Gewalt,
Korruption,
Niedertracht,
Verrat,
Lüge und Charakterlosigkeit gar nicht geben kann.
Das hat mir Machiavelli bestätigt.
Was unter diesen Voraussetzungen
zur gegenwärtigen Situation des Westens zu sagen ist,
sei so umrissen:
Aufgrund der katastrophalen Verwerfungen der Zukunft
wird es Kapitalismus, Technik und Naturwissenschaften
nicht mehr in dem Ausmaße gelingen wie bisher,
Waren-Paradiese und mit ihnen
die gängigen Erlösungs-Schemata und Vollendungs-Glücke
in dem Maße hervorzubringen,
dass der Großteil der Durchschnittspsychen
auch weiterhin verlässlich gesteuert werden könnte
durch Trivial-Hedonismus,
Sport,
Drogen,
Effekt-Magie,
Laisser-faire,
Konsummystik,
Subjekt-Ding-Identität,
Rock-Musik,
Verwahrlosungsemotionalität usw. usw. …
In Amerika und in Europa
wird es zur Bildung eines schnell
wachsenden Lumpenproletariats kommen,
das nicht mehr wird ruhig gestellt,
noch wird daran gehindert werden können,
sein Heil in Kriminalität, politischem Extremismus
und marodierender Anarchie zu suchen.
Die Probleme des 21. Jahrhunderts -
eben die katastrophalen Verwerfungen der Zukunft -
werden den Westen entscheidend schwächen
und umgekehrt vielleicht China entsprechend stärken.
Dies zu verhindern, sehe ich keine Möglichkeit.
Jene Probleme sind,
um nur die gravierendsten zu nennen,
folgende:
Der Klimawandel.
Der Ressourcenschwund.
Der unaufhaltsame Niedergang der USA.
Niedergang in jedweder Hinsicht.
Der europäische, naiv verlogene
und verwahrlosungsfundiert-masochistische Tugendinfantilismus:
Die angebliche ‚Wertgemeinschaft Europa’
ist nichts weiter mehr als die Idee,
die sich inzwischen selbst korrumpiert und abträgt.
Der fatalistisch-hilflos-lethargische Gleichmut Afrikas:
Der Kontinent scheint politisch,
wirtschaftlich,
rational-intellektuell und kulturell-geistig
faktisch impotent ... und definitiv korrupt.
Für den Westen speziell:
Die das chinesische Volk als auserwähltes
etablierende Staats- und Nationalmetaphysik Chinas
als elitär-atheistische Ersatz-Religion mit dem Ziel
der Schaffung folgender, global wirkender Formen
unangefochtener Vorherrschaften:
Die der ethnischen,
der politischen,
der ökonomischen,
der technisch-naturwissenschaftlichen,
der militärischen,
der sportlichen,
der kulturellen und geistigen ...
die der Inthronisierung Chinas als elitären Hort
der das Verhalten der Menschen steuernden Meme:
China als das Gelobte Land der kommunistischen Staatsreligion*,
der Kunst, des Rechts und sämtlicher fundamentalpsychisch
auf Jahrhunderte angelegter formender Institutionen ...
Diese heute noch weltumspannenden Massendeklassierungsschmieren
werden vernichtet sein:
Die einer zutiefst korrupten US-Mammon-Oligarchie,
die einer europäisch pseudodemokratisch
parteienoligarchischen Realitätsverweigerungs-Clique
kratisch unbegabter Staatsethos-Verwalter,
die eines global agierenden investoren-kapitalistischen
Geldwirtschaftsbanditentums
und die einer nahöstlich fundamentalistisch-theokratisch-islamistischen
Gegen-Modernität.
Und ebenfalls am Ende werden sein
der internationalistisch primitivsophistisch-tugend-emotionale,
hybrisprall-arrogante Weltanschauungs-Intellektualismus...
Und ebenso der nationalfaschistisch-rassistische
Exterminations-Xenophobismus einer die Selbstvernichtung
einschließenden radikalen Unbedingtheit.
Es sei mir daher erlaubt,
offen einzugestehen,
dass ich froh bin,
durch meinen baldigen Tod allem dem zu entrinnen,
was ich für kaum mehr vermeidbar halte:
Dem wahrscheinlich sehr erfolgreichen,
weil bis ins Detail durchdachten
und technologisch allgestützten Totalitarismus,
dessen Groß-Ideen von Freude, Glück,
Zweck-, Ziel-, Individual- wie Gesamt-Sinn-Konzepten
zu entkommen wohl dann für lange Zeit
nicht mehr möglich sein wird,
zumal er bestimmen wird,
was Wirklichkeit zu sein habe …
Ein Menschheits-Alptraum,
würde all das wahr.
*Anmerkung: Allein ich höre, dass immer mehr junge Chinesen Gefallen finden
an westlichen Lebensentwürfen, Lebensausrichtungen, Lebensvollzügen: individuellen, gar „subjektivistischen“, selbst gewählten; sollte die Partei dem nicht steuern können (man beachte: jeder 5. junge/noch junge Mensch in China hat keine seiner Ausbildung entsprechende Arbeit), muss ich mein Bild von China korrigieren: Es wird schleichend dekadenzanfälliger werden, folglich als Weltmacht nicht mehr geeignet sein.
Kleine Katze III (56/32)
Kleine Katze, lauf zu mir!
Tu’s! Du wirst es nie bereuen.
Bitte! Kann ich doch versprechen dir,
stets dich zu betreuen.
Wirst du doch, grad wie’s dir passt,
dösen, schnurren, spielen, fressen …
Niemals sein mir Last.
Anlass aber mancher Daseinsmessen.
Wenn du nicht willst, sei’s verziehen.
Dir verzeihe ich gar alles.
Zauberwesen, Perfektion gediehen.
Alltrost eines Paradies-Nachhalles.
Die Liebe in Zeiten inszenierter Sentimentalität (56/33)
Ach die Liebe, ja: Die Liebe
wäre eine tiefe Sache.
Wenn sie nicht so schäbig trübe,
Scheinwelt wäre, Psychen-Lache.
Zentrum aller Niederlagen,
Lügen, Kindereien.
Daseinsöde von verdrängten Plagen
und Charakter-Sauereien.
Tonne aller Seelenkälten,
ist sie nur noch Medienposse.
Ungeheuer selten.
Unselbst exponiert in Gosse.
Entlastungsbedürftig (56/34)
Gleichgültig
dahin treibend
entlarve ich im Gedicht,
was mich
mir selbst wegnimmt.
Im Gedicht
raffe ich mich,
Sinn gaukelnd,
mir selbst zurück.
Die Träume
wie die Fakten
gängelnd.
Selbstkonsum (56/35)
Was konsumiert man denn, ich meine: da?
Da, in den Fängen dieser Kult-Wettläufe
um kapitalistische Erlösungs-Nichtigkeiten?
Einen fesselnd an Kreatürlichkeit,
verrohenden Stumpfsinn und Entlastungsorgien?
Nun: Sich selbst, den narzisstischen Hampelmann
dauerinszenierter Entmündigungs-Dionysien.
Auch in sich selbst umstellt (56/36)
Wohin könnte man sich noch zurückziehen,
wenn nicht in sich selbst:
In drastisch distanzierende Affektschwaden?
Um wenigstens träumerisch dieser surrealen
Reize- und Propaganda-Welt zu entrinnen.
Um freilich dann unweigerlich auch in sich selbst
den widerlich-gewalttätigen,
doch tief verinnerlichten Zeitgeist
dieser spaßneurotischen Gesellschaft
kommandierend vorzufinden?
In Sprache,
Stimmung,
Einsichtsschwäche,
Täuschungsautomatismen
und Tugendverlogenheit etwa.
Wie sehr ist man doch außenvermittelt.
Noch in der sublimsten Selbstbezüglichkeit;
noch in der radikalen Ablehnung
dieser mammonophilen* Singularisierungsmaschinerie.
*mammonophil: geldliebend
Globalisierte Welt (56/37)
Diffus begehre ich auf.
Aggressiv, verängstigt und hilflos zugleich;
versuche mich geistig zu wehren
gegen diese globalisierte Welt,
die mich, ich erfahre es täglich,
längst zu einer Marionette
ihrer Unübersichtlichkeit, Unberechenbarkeit,
ihrer letztlich diktatorisch-totalitären
Gängigkeitszwecke technischer
und naturwissenschaftlicher Art
und, tiefgründiger,
ihrer ihr substantiell fehlenden
intellektuellen Steuerungs- und
Selbstverfügungsfähigkeit geworden:
Ist sie doch ein in sich
radikal widersprüchliches
Geflecht von Macht-, Deutungs-,
Systemkompetenz-, Einfluss-
Überwältigungs- und Überragens-Kämpfen …
So mache ich mich,
indem ich mich ihrer erwehren will,
lächerlich vor mir selbst,
mir angesichts ihrer doch
meiner existenziellen Nichtigkeit
und Ohnmacht schmerzlich gewahr.
Gewahr freilich auch der Spätzeitverwerfungen,
denen jene Welt wohl nicht entrinnen wird:
Der spezifischen Irrationalität
menschlicher Selbsttäuschungsbedürftigkeit,
Machtkorrumpiertheit, Verblendungsanfälligkeit,
Hybris, kindischer Arroganz
und der notorischen Leugnung
möglicher Fehleinschätzungen und
zumal der so schwer zu begreifenden Gewalt
scheinbarer Nebensächlichkeiten.
So ein Gedicht (56/38)
Es lässt sich nun mal
nicht erzwingen,
so ein Gedicht zu machen.
Grad umgekehrt: Gelingen
kann es nur gegen Ratio,
Zwang und Sachen.
Als Geisteskleinod,
fernab Gängig-Zwecken ...
wie Umsatz, Spaß, Moral
und Machtintrigen,
muss es zumal nicht
Speichel lecken,
vor keinem sich verbiegen.
Vor Oligarchen nicht,
nicht Diktatoren.
Die diese längst hofieren:
Die Macher
und die Tugendtoren.
Korrupte, die sich
selber schmieren.
Es kommt aus tiefen Grambeständen:
Aus Einsicht, Schmerz, Gewalt, Verworfenheiten.
Wird freilich niemals seine Quelle schänden:
Verrat am Selbst als Geist zu meiden.
Auskunft (56/39)
Täglich tiernah und verschrieben
Job-Routine, Haushalt, Sport:
Existenzkram aufgerieben.
Sind ja große Zwecke fort.
Zynischdumpf das Vaterland.
Ohne Innen, ohne Außen.
Hedonisten ohne Band.
Urlaub, Spaß und Tugendflausen.
Pessimistisch ganz verschlossen,
zeichne seinen Lauf ich nach:
Täuschung, Indolenz und Gossen.
Kita-Staat. Und der liegt brach.
Dabei ganz klar mir bewusst,
was es hält, dies Kundenheer:
Wohlstandsinfantiler Lust,
Untergang in Selbstverzehr.
Auch eine Frage (56/40)
Wozu - sittlich oder künstlerisch - sich noch anstrengen
in Selbstverführung,
halt-, einsichts- und sinnsüchtig über sich hinausschaffen,
Zusammenhänge, Inhalte und Bezüge halluzinieren,
wo gar keine mehr möglich sind.
Eingelassen in eine globale Diktatur von Fortschrittsmythen,
Affektfabrikation, Sport- und Starkult-Ergriffenheiten,
sublimierter Brutalität und allersehnter Verwahrlosungsentlastung …
Und sei es auch nur mit Hilfe der vorgefertigten Räusche
eines effektprimitiven Konsumenten-Messianismus?
Verkommt doch sogar das naiv-kreatürliche,
narzisstische Streben nach Macht,
Reichtum,
medialer Präsenz,
Glamour,
Ich-Erhöhung und Ruhm
zur Subtilform einer unvermeidlichen
personalen Selbstdeklassierung.
Monadenblind (56/41)
Ein Heer von Augen erspäht sich selbst,
tränt sich zu, schuftet spaßwärts
die technisch ermöglichten Bilderwelten hoch.
Umsonst.
Am Ende jedes für sich sich brechend,
kindlich ergriffen und einsichtslos heim weinend
in dauerverordnete Blicklosigkeit.
Augenblicksaufnahme III (56/42)
Wenn jemand weiß, dass nichts zu ändern,
nichts zu verbessern ist am menschlichen Ansich.
Weder im Zentrum, noch auch an den Rändern.
Der ahnt: Sein Lauf erreicht nun letzten Schlich.
Es geht nur, sinnfrei, noch um Warenflut,
um rational verfügte All-Ohnmacht,
die sich entzieht den Werten schlecht und gut,
nur abläuft als globale Großstaats-Schlacht.
Und die mag ausgehn, wie auch immer:
Wird bestenfalls in sanfter Unterdrückung enden.
Wahrscheinlich freilich - weitaus schlimmer -
anomer Barbarei als Species-Selbst-Verschwenden.
Im Wartezimmer (56/43)
(1)
Unbelebte Gemüter:
Lasten ihrer selbst.
Zeitsiech Heimgesuchte.
Monaden-Crowd.
Am liebsten flöhe ich
in mich selbst …
Täte ich’s freilich,
liefe ich Gefahr,
meiner Vernichtungssucht
ins Herz zu laufen …
rasend vor Gier,
ihr freien Lauf
zu lassen.
(2)
Die da gegenüber
ist bloße Arroganz,
räkelt sich in sich selbst,
kehrt sich
kommandierend hervor,
scheint alles
auf sich selbst zu geben;
Jeden Raum,
den sie einnimmt,
mit einem metaphysisch
verfügten Stumpfsinn
ichunmittelbar
für immer
zu erfüllen.
(3)
Wenigstens
ist die Eckbank
bequem;
nicht zu weich.
nicht zu hart.
Übrigens grau
wie die Stühle …
die Seelen,
die Gesichter,
die Gedanken,
die Ansichten
und die schon
ausgehobenen
Behelfs-
Krumen-
Gräber.
(4)
Metastasen der
Besagungslosigkeit
wuchern an mir hoch.
Ich verrate ihnen
- nihilismuskundig -
ihre Bedeutung:
Sie horeb-mystisch
beflammt
anschweigend
für die nächste
Runde leerer
Verbrämungssentenzen.
*Horeb: Gottesberg in der Wüste. Also Ort der Gesetzgebung (AT)
Der sich selbst technologisch entmächtigende Mensch (56/44)
Das, was ich Geist hier nenne,
wird verschwinden;
und bleiben nur
ein anonymes Laisser-faire.
Das wird die Markt-Atome
ihrer selbst entbinden,
auf dass sie allverfügbar
ihm einst seien:
Sich spracharm kerntorpid,
meint: kulturell dann
ohne Widerstände,
den ingeniösen Mächten hinzugeben,
sich diesen hörig
wie von selbst zu leiten
durch trugperfektes
Existenz-Ambiente …
Um so, sozial vereinsamt,
nach sich selbst zu streben
in einem permanenten Gleiten
durch hergestellte Wirklichkeitsphantome;
tatsächlich faktenleer …
Ihr Glück verteilend
an tranceblind steuerbare,
in sich gefangene Anome.
Auto-Transzendenz* (56/45)
Nur sprachlich kann ich selbst mich sehen:
Als multirelative Perspektive.
Zugleich Bestands-Ich-Selbst und Leib-Vergehen:
Hadronen*-Direktive.
Ansonsten - faktisch - Wir gelungen
(dass frei ich wäre, das ist Träumerei):
Effektgewirre von Reklame-Zungen,
ein Markt-Erlösungs-Schrei.
Das ist im Augenblick mir freilich ganz egal,
weil ich das in Gedichte gieße.
Die mir sind Sinn- und Daseins-Gral.
Und eines toten Gottes Sehnsuchts-Grüße.
*Autotranszendenz: Selbst-Überschreitung
*Hadronen: Protonen (positiv geladen) und Neutronen (keine Ladung),
Teilchen, die den Atomkern ausmachen
s. Fremdwörterverzeichnis
Trance als Entlastungsbann (56/46)
Was wird's denn groß gewesen sein?
Nicht viel, befürchte ich.
Vor allem Trauer, Einsamkeit und Schein.
Und manches, was zu schnell verblich,
als dass ich's hätte deuten dürfen.
Es ist ja schwer, das zu erfassen,
was wir als Trance aus Augenblicken schlürfen,
um der sich gierig zu verprassen.
Das Meiste wollen wir doch gar nicht wissen.
Wir nehmen's, selbst uns zu entgehen.
Der Sehnsucht nach Entlastungsbann beflissen,
die derlei Trance lässt unbesehen.
Mich mir selber bewahren!? (56/47)
So ist’s: Ich bin mir meiner Nichtigkeit* bewusst;
dem, dass sie ist total.
Ich setzte dennoch nie auf Selbstverlust:
Dazugehören, Wohlstand, Zahl.
Erstrebte Geist und Außenseitertum,
was beides ja dasselbe ist.
Es war mir lieber, denn es macht nicht dumm,
war mir - genau genommen - Daseins-List:
Mich wenigstens mir selber zu bewahren
durch Einsicht und Gedichte.
Um etwas weiser einst dann in die Gruft zu fahren
in Nichts- und Hyle-Dichte.
*Klarstellung: Wenn ich von der Nichtigkeit
meiner Existenz rede, dann fälle ich ein Urteil
über eine o b j e k t i v e (!) Tatsache:
Meine Existenz ist, objektiv betrachtet,
in der Tat nichtig, bedeutungs-, sinnlos.
Warum? Vgl. dazu Seite 10 von S. 44 (44/10):
"Naturalismus" (Die Seiten 39 bis 47 handeln
von meiner Weltanschauung; Themenübersicht S. 39/1)
Zufrieden (56/48)
Für mich allein, ja: ganz zurückgezogen
verbringe ich mein Leben.
Zufrieden; auch weil unverbogen.
Nach was auch sollte ich denn streben?
Nach Ansehn, Ehre, Geld und Leibern
von gängig schönen Frauen?
Nach der Beachtung gar von Zeitungsschreibern,
Polit- und Tugend-Pfauen?
Mir reicht ein Abend ohne Aufregungen;
mit einer Flasche Wein;
mir selber adäquat gelungen
in diesem primitiven Sein.
Das niedergeht, weil geistig ausgelaugt;
so wehrlos, dekadent und schal.
Das nicht einmal für Mitleid taugt:
Verwahrlosungs-Moral.
Gefragt nach meinem sogenannten
„ökologischen Fußabdruck“ (56/49)
Ich bitte Sie, mich zu verschonen
mit ihrer Weltanschauungsdringlichkeiten:
Was tun ich sollte und was meiden,
mich ethisch zu belohnen.
Ich fliege nie in Urlaub, fahre nur
8 km noch am Tag.
Lass überhaupt von dieser Wohllebenstortur
mit ihrem negativen Lustbetrag.
Macht doch nur Mühe; und viel Stress,
um Leeren dann zu lassen
für glücksunfähig infantile Klassen,
ergierend jeden Zeitgeistzwang-Exzess.
Dies allzerrüttete Land (56/50)
Nun ja, das ist
ein Scherbenhaufen,
das Land,
in dem ich Bürger bin.
Sich feige selber
längst entlaufen
in undeutbaren
Pseudo-Sinn.
Da kamen hoch
zu viele Nieten,
Narzissten
und Verruchte;
und die, die haben
nichts zu bieten:
Von eben solchen
Ausgesuchte.
Längst habe ich
mich abgewandt,
vertrauens- hoffnungs-
und empfindungslos.
Seit Jahren
in mich selbst gebannt:
verbittert, zynisch
und verachtungsgroß.
Selbstbewahrung (56/51)/Sonett
Der Tyrannei des Mammons zu entrinnen,
hab ich mir diesen Selbstzweck hier erschaffen:
Mich mittels Kunstgebilden fort zu raffen
aus diesem Sog von Tugend und Gewinnen,
von Korruption, Neurotiker-Ansinnen,
narzisstisch inszeniertem sich Begaffen
und Selbst-Verdinglichung in Sex-Schlaraffen …
Kurz: Weisen, Selbstverfügung auszudünnen.
Doch ob Notiz auch andre davon nähmen,
ist sekundär für mich, ich seh’s luzide:
Mein Tun erlaubt mir, all den Schund zu zähmen,
der stündlich auf mich einstürzt als perfide
Verführungsmasche, geistig mich zu lähmen
als warenselige Verfügungs-Niete.
Andeutungen über große Ideen (56/52)
(Anlässlich der Durchsicht der Eigenschaften, die - nach Ernesto Che Guevara - der Neue Mensch haben würde, sollte es gelingen, eine kommunistische Gesellschaft zu etablieren)
Doch. Ohne Zweifel wäre der ganz groß,
der sich für dieses Ideal einsetzte:
neidlos zu sein, bescheiden, solidarisch, allselbstlos,
nicht einer, den nur Gier und Mammon hetzte.
Ich tu das nicht, weil ich’s für sinnlos halte.
Man heiße Zyniker mich auch deswegen.
Seh ich doch dies: Der Mensch ist eine kalte
Marionette wesenstiefer Trägen.
Auch eine seiner selbst, nicht böse und nicht gut.
Verfall und Zeit, Macht und Gesellschaft überlassen.
Gebannte Organismus-Glut;
sich als Bedürfnisbüttel nur zu fassen.
Für sich allein zumal sein ganzes Leben lang.
Und zehrend so von Zeitgeistillusionen:
Die in sich selbst er modelt um in Zwang,
von Nihilismus sich und Randgewalten zu verschonen.
Sei’s metaphysisch, ethisch, rechtlich
sei's gar existenziell …
egal … erkläre ich für völlig schuldlos ihn.
Ist er doch Stoffgefüge ohne Wahrheitsquell,
geworfen leeren Perspektiven hin.
In späten Jahren (56/53)
Sie wächst, die Antriebslosigkeit;
Ununterbrochen fast.
Man spürt die Alterslast,
dass man ist Grab geweiht.
Verliert so auch die Lust
am Leben überhaupt.
Sich mehr und mehr bewusst,
dass man an Sinn nur glaubt.
Viel macht's ja auch nicht her:
Schein, Mühe, Zwang, Routine.
Ganz selten Selbsteinkehr.
In der sich's zeigt als eigne Schiene.
Auf der man selbst nur fährt; allein.
Die andern winken nur am Rand.
Man griff sie nie; und wenn als Schein:
Auf immer fremd und unbekannt.
semper idem* II (56/54)
Immer red ich von denselben Dingen:
Von Ich- und Hab-, von Macht-Sucht und
von sich entfremdeten Monadenmassen,
die sich erleben nur, doch nicht erfahren,
die ihrer selbst benommen sind durch Spaß,
die immer leichter auch zu lenken sind,
weil sprachlich sie so arm doch wurden,
dass sich im Wort zu fassen sie verlernten …
erlebnis-, drogen- und entlastungsgierig,
weil wirklichkeitsverlustig ohne Halt und Ort,
der ihnen Heimat könnte sein, doch eine solche,
die sie aus dieser Ratio-Wüste manchmal führte,
der Ahnung fähig, dass sie ichschwach sind,
Gegängelte, Verführte, Ausgebeutete,
die sich als Marktabklatsch berieseln müssen
mit dauerproduzierten Emotionen,
sich zu verlieren in den Zeitgeist-Räuschen
von innrer Leere, kulturell entmächtigt
und ein für allemal Konsum-Heloten*.
Ich redete von stets denselben Dingen?
Gewiss doch, suchen sie ja heim auch mich:
Sie tun es dauernd, zu zermürben mich,
mich schmierig, sanft und rücksichtlos
mit allem lockend, was berauschen kann,
mit Füllen, die subtil entkräften,
die schwächen jeden Seelenwiderstand,
zuletzt mich leiten wollen dann in Selbstverlust …
als ihrer Schund-Ekstasen höchster Sieg …
Verlassen metaphysisch auch, meint: geistig tot …
Entfesselt so auch dann zur Selbstzerstörung
durch kindlich triviale Gegen-Welten
*semper idem lat.: Immer dasselbe
*Heloten: Staatssklaven im antiken Sparta
Stundengeschehen (56/55)
Oft sind es grad die leeren Tage,
gesäumt von Trauer, Einsamkeit und Stille,
die offenbaren mir die späte Lage:
Die seelenloser Fülle.
In der die Selbstaufgaben ganz subtil geschehen:
Verwahrlosungsberauscht und laut,
so dass die Leute sie sich gar erflehen:
mit derlei Außenlenkung tief vertraut.
Indes ich selber wieder deutlich greife
die Ohnmacht von uns Stoff-Monaden
auf unsrer vorgegebnen Daseins-Schleife
von Trancen, Zahlen, Quanten, Daten.
Ahnungsreiche Jugendtage (56/56)
Was liebte ich nicht diese Tage tiefgrauen Schneehimmels,
wenn die breitesten Straßen und weitesten Plätze
ins diffuse Zwielicht einer nasskalten Winterdüsternis
getaucht waren.
Luden sie mich doch ein,
der ich mich in ihrem Schutz doch anderen weniger
ausgesetzt fühlte als an Sommertagen,
mich ungehemmter als sonst der mich ständig
heimsuchenden Bedrückung,
Traurigkeit und Einsamkeit des physisch Unförmigen
zu überlassen, um auf diese Weise,
gleichsam hilf- und orientierungslos entfesselt,
die Ausweglosigkeiten meiner Außenseiter-Existenz
für ein paar Stunden zu überspielen
und so vergessen zu machen.
Etwa die Schule zu schwänzen,
um in irgendeiner Spelunke am Geldautomat
oder Kartenspieltisch
mit anderen aus der Bahn geratenen Jugendlichen
oder zwielichtigen jungen Erwachsenen
die Vormittage zu vertrödeln in der Hoffnung,
ein paar Mark zu gewinnen
- und meistens gewann ich tatsächlich -,
um mir etwa eine weitere Schachtel Zigaretten,
oder, hatte ich, was zuweilen geschah,
auch mal sieben oder acht Mark gewonnen,
mir eine kleine Vinylplatte von Elvis,
Pat Boone oder sonst einem Ramsch-Star
zu kaufen, der mit seinem Singsang
juvenile Erregungsbesessenheit,
auch sexuelle, zu provozieren wusste …
Ami-Scheintrost eben:
Entfesselungspuritanisch inszenierte Verlassenheit.
Zumal sich - und ich bemerkte sie drastisch -
in jedes helle Klingeln der Münzen,
in jeden gemachten Stich,
die hartnäckige Ahnung drängte,
dass, was an Lebenserfahrung auf mich zukäme,
für mich definitiv bedrückend,
glücklos und letztlich umsonst sein würde.
Abständig (56/57)
Immer vermied ich es,
mich in größere Gesellschaft zu begeben.
So etwa wenn ein Geburtstag oder eine Party
gefeiert wurden,
zu welchen Anlässen man mich eingeladen hatte.
Immer suchte ich eine passende Ausrede,
warum ich nicht teilnehmen könne.
Hätte ich mich doch definitiv gelangweilt,
abgestoßen,
unzugehörig,
gar fremd gefühlt.
Mich widerten diese Leute einfach an:
Subjekte, deren narzisstische Flachheit
mir Aggressionen hervorrief.
Deren Nähe ich also besser nicht suchte.
Freilich wusste ich auch,
dass ich ihnen Unrecht tat.
Aus Arroganz, Überlegenheitsgefühlen heraus,
vielleicht gar Neid; oder auch Angst - Sei’s.
Gleichgültig, wertvergessen, zynisch
und sophismenkundig,
wie ich - voraussehbar - geworden war.
Und so voller Verachtung für jener bombastische
Selbstglorifizierung.
Obwohl ich um ihre Unschuld,
ihre Hilflosigkeit,
ihre Zeitgeistverhaftetheit,
ihre inneren Zwänge wusste.
Wie auch um die meinen.
Vorurteilslüstern verächtlich und erbärmlich
in mir selbst gefangen.
Wie sie in ihrer naiven Entlastungssucht
angesichts einer sie spitzfindig vereinnahmenden Welt.
Das ganze Leben/heute (56/58)
Oberflächlich, zynisch, kalt.
Oft ist es so, das Leben.
Vabanquespiel ohne Halt,
dem man nur selten kann vergeben.
Ein welker Strauß von Zufallswirren.
Und nie gewollt, wie’s dann verläuft:
Ein emotionsgetränktes Flirren,
das sich Verfall anhäuft:
Das Taumeln in die Agonie.
Wohl dem, der hat zwei, drei Erinnerungen.
Empirisch unberührte, die,
einst tiefer Ahnung abgerungen,
versöhnt ihn treiben lassen in Du-Magie.
Dies Dasein (56/59)
Was es sei und was bedeute,
dieses Dasein, hochprekär?
Leid ist’s manchmal, Drangsal stets.
Selbst sich Schmerz und leichte Beute:
Rational totalitär.
Spielball eines Stoffdekrets.
Typisch zeigt es Widersprüche,
Ungerechtigkeiten und
Korruption, Verführung, Schliche:
Zufallsschwankens Untergrund.
Saugt sich Sinn aus Traumverschlägen,
Gelten, Macht, Erfolg und Habe.
Allem, was bringt Psychen-Hegen.
Ich-Verzückung bis zum Grabe.
Mein Dasein (56/60)
Ein Randgeschehen, still und angemessen
den Gaben und Voraussetzungen.
Weit weg vom Großen Fressen
auf seine Art gelungen.
Auf seine Art an Chancen reich.
Nicht freilich konsumtiven:
Nicht Selbstverdinglichungserlösung gleich,
nicht Zeitgeistsinnschutt-Direktiven.
Indes auf seine Art erfüllend.
Nach Fakten und nach Einsichtsmaßen
sich metaphysisch stillend,
frei von der Knechtschaft leerer Wir-Ekstasen.
Frei von Verwirklichungs-Fiktionen:
Standardisierten Ich-Vollzügen
nach technischen Schablonen
narzisstisch inszenierter Lebenslügen.
Heutige Daseinswelt (56/61)
So ist es wohl: Verfahrensformelhaft banale
Bedeutungslosigkeit, sich zu verhehlen
die eigne Nichtigkeit, dass ohne Götterschale
man Lust-Gram jage gleicher kleiner Seelen.
Man sei wer immer, habe die und jene Ziele:
Man wird es fühlen, dass man zwanghaft muss
ergeben sich dem hochabstrakten Spiele,
das da enthemmungsknechtisch giert nach Schluss.
So lebt denn wohl, die ihr begreift,
dies tragisch-triviale Machtblindheitsgebot,
das nunmehr uns in Datenknechtschaft schleift:
Den kulturellen Tod.
Zugangsvirtuosität (56/62)
Da bricht Vieles heraus an Trauer,
verbaler Grausamkeit,
Desorientierung,
Angst und Verzweiflung.
Aber auch an Mitgefühl,
Zartheit,
Selbstwertdefiziten,
Verunsicherung
und verdrängter Einsamkeit …
Wenn es denn überhaupt je gelingt,
einem verängstigten Individuum
seine seelischen Verwundungen
und ich-schwanken Fragwürdigkeiten
mit ein paar wenigen,
Aggressionen und Misstrauen hemmenden
Worten anzudeuten …
und, gegen Verdrängungsentlastungssucht,
nachvollziehbar zu nichtverletzenden,
Vertrauen festigenden Einsichten zu verbinden.
Selbstanspruchszwänge (56/63)
Wohl dem, der etwas hat und liebt,
wofür er sich auch selbst dran gäbe.
Bloß weil er glaubt, es lohne sich,
sich selbst für etwas aufzuopfern.
Sei’s für Idee,
sei’s Wert,
sei’s Hab und Gut.
Sei’s auch für Gleichung,
Fortschritt, Einsichtnahme.
Sei es für Frieden
Recht und Volksherrschaft.
Sei’s auch für Glück
und dafür noch:
Human sich zu bewähren.
Zumal nur dies ein reiches Leben schenkt,
was Geist allein, nur er, erlaubt:
Er, das Subjekt der Transzendenz des Ich.
Vollendungs-Sog, nicht Lustramsch-Coup.
Die Sehnsuchtsspitze, die sich blindstumpf schuf
Materie als Auto-Exzellenz.
Das war mir alles nie gegeben.
Ich fühlte stets nur blanke Barbarei:
Pleonexie,
Gewissenlosigkeit,
Gewalt
als Schlüsselkräfte einer Daseinsfron.
Ich war nie fähig, mich hinauszuheben,
sei’s über Drangsal, Selbstverlust, den Lügenbrei,
es gebe irgend Existenzgehalt,
der nicht von vornherein sei bloße Täuschung schon.
Aufgefundenes Gedicht (56/64)
Dem Geist allein,
dem bin ich treu geblieben:
Gedichten.
Und dem Kerngedanken,
dass alles nichtig sei,
von Ratio hintertrieben.
Nur Illusionsraum sei
in diesen Pranken
von Gleichungswelt
und von Verfahrenseffizienz,
die einen selbst sich
unverfügbar machen:
Big-Data-Dekadenz -
Zum Ich-Ding
unter Waren, Preisen,
ergeben Nutzwert,
Knecht von Sachen.
Ungefähr so II (56/65)
Dass es um mich
hier gar nicht gehen kann,
das zu verstehen,
fiel mir immer leicht.
Zumal ich Zufall
und Moment aus rann,
bin Hyle-Exemplar;
bin eins,
das allen andern gleicht,
hier ein paar Jahre
zuzubringen -
für was, das sei dahingestellt -
in einem hochprekären Ringen.
Vom Urschrei bis zur Bahre.
Und dabei ständig zugesellt,
sei’s Wir, sei’s Wert, sei's Macht,
sei’s Ware:
Durch die mir stündlich
zu gelingen
als Wunschtraum-Selbst
in freilich undeutbarer,
mir letztlich doch
verschlossner Welt.
Bestimmung (56/66)
Objektiv doch nur
Verbrauchergröße,
bestimmt für Umsatz
und für Spaßgetöse,
damit du, happy,
immer weiter
dem Markt dich hingibst,
diesem Sinn-Vermeider.
Obwohl du manchmal
dir magst sagen:
Was sind doch angenehm
die Zeitgeist-Plagen.
Ich darf sie nur nicht
überdenken:
Das würde mich in Scham
und oft auch Angst versenken.
Ideale (56/67)
Dass wir sie mit Füßen treten,
dass wir ihnen charakterlich
gar nicht gewachsen sind,
dass wir sie manchmal
nicht einmal begreifen,
dass wir sie instrumentalisieren,
das ist wohl notwendig so.
Sind doch Ideale nichts anderes,
als uns entlastende Vorstellungen,
Wünschbarkeiten, Utopismen,
Vollendungssehnsüchte,
Ausreden, Lebenslügen,
Autoglorifizierungsmittel,
Innenweltstabilisierungs-Phantasmen,
Machtmittel, Täuschungschancen,
Propaganda, Ablenkungsmanöver usw.,
die, als solche, von uns gar nicht
realisiert werden können.
Denn: könnten sie es, wären sie
eben keine Ideale für uns, sondern:
ethisch-utilitaristische Handlungsanweisungen.
Gesteuerte Phantasmagorie/Für Mokre (56/68)
Ich habe eine solche
Sehnsucht nach dir.
Die würdest du nie begreifen.
Ist sie nicht sagbar doch:
begrifflos absolute Gier.
Ein Hyle-Hecheln,
das nur sich kann streifen.
Das subjektiv
man gar nicht fassen kann,
weil drangsaltief
ist kommandierter Bann …
gewaltbanal, brachial
und stier.
Das so andere Sein (56/69)
Genug entlarvt, bekrittelt, ethisiert.
Das hält doch niemand aus!
Es hilft ja nichts, weil eben doch passiert,
was gängig ist in diesem Hirn-Tollhaus:
Und gängig sind da Niedertracht,
Leid, Korruption, Verfehlen, Scheitern.
Weshalb ich - gebt jetzt einmal acht! -
erwäge, uns ein Glück zu schneidern:
Ein wunderbares seltner Stundenpracht:
Wir öffnen eine Flasche Wein
und leeren sie im Geist des Guten.
Dann wird sich anders zeigen dieses Sein:
Als Abglanz auch des Absoluten.
Dann überrennen wir uns selbst am Ende,
uns kleinkarierte, miese Egoisten.
Damit als Dritter zu uns fände,
den Weisheit, Güte und Vollendung küssten.
Mit dessen Hilfe wir dann dies erfassten:
Dass dieses Leben schlechterdings genial,
gar fähig ist, auch Gott zu tasten.
Und dann zu spotten Drangsal,
Tod und Zahl.
Schicksalslose Weggenossen (56/70)
Unfrei aus der Zeit gefallen,
träume ich von Geistesböen.
Nicht zu kaufen, nicht zu lallen,
schaffend freilich andre Wehen:
Unerträgliche den meisten.
Strack vor Klarheit: Faktenpflüge.
Wer indes kann sich das leisten,
was ihn doch in Trauer trüge,
schöbe in die Deutel-Leere,
würfe vor sich selber hin:
fremdbestimmtem Ich-Gefüge
schleichender Misere …
einem Rennen ohne Sinn?
Anwandlung (56/71)/Sonett
Auch ich würd gerne mal den Jackpot knacken:
Mir allbekannte Träume zu erfüllen:
Die Scheinchen wie Papierkorbschnitzel knüllen
und jede Willige, wo sie will, packen.
Die Kuh mal fliegen lassen: reich versacken
mit Luxusbude, Maybach mich umhüllen.
Kurzum: Der Größte sein, mir Hurra brüllen …
Die Krone tragen mit den längsten Zacken.
Sie müssen jetzt nicht gleich die Nase rümpfen.
Sei’s gar Verachtungsekel mir bekunden,
Will ich doch dies nur sagen unumwunden:
Dass Sie dann selbst sich würden auch beschimpfen.
Denn King-Sein-Hochmut, der ist klassenlos.
Wie der Narzissmus und die Sucht nach Schoß.
Anonymisiert, verschwiegen, verdrängt … (56/72)
Empörungslüsternheit,
warum auch immer,
die hab ich nie empfunden; nie.
Ist sie verlogen doch:
verkapptes Ich-Theater,
moralisch tote Banausie.
Ich wüsste nicht einmal,
was mich empören sollte:
Was wir da leben, nun,
diktiert die Macht der Zahl,
ist allgemein gemusstes
Verwahrlosungs-Verdrängungs-Tun:
Belämmerungs-Verpöbelung:
Person-Verlust in Aphasie,
als spaßdebiles Trauerjoch,
ein permanenter Nihilismus-Kater …
Verdinglichungs-Entfesselung …
Entlastungsdrogen-Psychen-Flimmer.
Bestätigendes Denken (56/73)
Meine Gleichgültigkeit
bläht sich
bis an den Rand
der Selbstaufgabe.
Mein Wollen und Fühlen
schießen ungerichtet,
objekt- und zielfremd,
direkt in Antriebslosigkeit ein.
Mein Denken
greift das alles ab
und bestätigt mir,
dass es die Kerne trifft.
Geistig enteignet (56/74)
Unsägliche Belanglosigkeit,
die ich lebe.
Täglich. Stündlich.
Ohne Inhalte,
ohne Ziele,
die über den Gelderwerb
hinausführten.
Und man komme mir nicht
mit dem Hinweis
auf die ungeahnten
Möglichkeiten,
die die moderne Welt
dem einzelnen global
doch zu bieten habe.
Denn diese,
auch unvoreingenommen geprüft,
laufen sämtlich
auf dasselbe hinaus:
Die einsame Selbstaufzehrung
eines geistig enteigneten
Tauschagenten.
Zerrissen (56/75)
Deutlich ist,
warum ich schreibe:
Das, was ist,
zu distanzieren.
Dass nicht ganz
mich einverleibe
dieser Ichkult
seinen Schmieren.
Zwingt mich eh schon:
Ich brauch Geld.
Dem ich mich
verfügen muss.
Nehm es hin,
auch wenn’s missfällt …
Bleibt doch eh nur
dieser Schluss:
Bleibt so einzig,
dass ich raube
nachts mir
bleibenden Gewinn:
Aus Gedichten
Einsicht klaube …
Geistesheimat:
Halt und Sinn.
Einige Bemerkungen zu meinen intellektuellen Landsleuten (56/76)
Auch an Tugenden kann man zugrunde gehen.
Dann jedenfalls,
wenn man sie ohne Rücksicht auf reale Gegebenheiten,
Mittel und Machtverhältnisse
blindlings umzusetzen versucht.
Obgleich man leicht erkennen müsste,
dass man seinen ethischen Idealismus
nicht wird durchhalten können.
Die Deutschen - wer sonst? -
sind ein Beispiel dafür:
Ein Volk ohne geistige und pragmatische Substanz,
unfähig zu ziviler Verfeinerung und Selbstdistanz
weil extremistisch,
eigensinnig und prinzipienstur.
Ein Volk zumal, sich selber verhasst
(man achte nur auf die Vernachlässigung seiner Sprache),
das sich zuweilen fast fanatisch anschickt,
sich selbst aufzugeben,
jedenfalls verzweifelt danach zu hungern,
um jeden Preis gut,
jedem zu Gefallen zu sein
und alle sittlich zu überragen.
Ein Volk, so scheint es, des Unbedingten eben.
Sei’s, um sich selbst verborgen zu bleiben,
sei’s, um vielleicht definitiv - tragisch? -
von sich erlöst zu werden,
sei’s auch, um, wieder einmal, der Welt
zu demonstrieren,
was man zu denken,
zu glauben,
zu fühlen,
zu wollen,
zu hoffen und zu tun habe,
wenn es darum geht,
sich als human,
sozial,
allverstehend,
egalitär beflissen,
gerecht oder gar gottgefällig zu erweisen.
Mir indes sind dieser deutsche Moralterror
und diese autodestruktive deutsche
Selbstzurücknahme ein Gräuel,
eine Verlogenheit und ein Armutszeugnis
einer sich auflösenden Gesellschaft
verblendungs- und hybrisgesättigter
Weltgeist-Propheten und -Ausdeuter …
tatsächlich also von inkompetenten,
sich selbst überschätzenden und allenfalls
halbgebildeten Partei-Ideologen,
trivialmetaphysisch angehauchten Gedankenlosen,
tausch- und geldfetischistisch (globalcoolen)
Desorientierten und infantilen Gleichgültigen,
die ihre, ihrer selbst entmächtigt,
Pseudoglücke und Erlösungssurrogate anbeten.
Von sich selber mittellos Heimgesuchte (56/77)
Manche sind sich selbst zur Plage,
krank vor Ehrgeiz neidzersetzt;
menschlich arm in jeder Lage,
von sich selbst gehetzt.
Geistplump ohne ein Gewissen,
selbst sich tief verhasst;
fühllos Rationalität beflissen:
Selbstsuchtzwängen angepasst.
Drangnarzisstisch Dauer-Infantile
geifernder Empfindlichkeiten …
Psychenarmuts-Kühle,
die durch pralle Leere gleiten.
Dasein II (56/78)
Man sage nicht, es sei vergebens;
wär das doch ziemlich lächerlich;
d a s ist Kern des Lebens:
Dieses will nur sich.
Und mag’s auch völlig sinnlos sein,
gar schäbig, primitiv und leer.
Es will sich; sei es auch als Schein;
es will sich noch als Trauer-Meer.
Und zieht’s dann dennoch einen Schluss,
ist es sich treu noch mal:
Legt dann in seinen Todes-Kuss,
sich selbst als Zweck: Als frei von Qual.
Klarstellung VI (56/79)
Die Augenblicke,
während der ich erleichtert darüber bin,
dass das Alles hier für mich in nicht allzu ferner Zeit
ein Ende nehmen wird,
diese Augenblicke häufen sich.
Und zwar deshalb,
weil ich immer öfter heimgesucht werde
von Krankheiten, Schmerzen und psychischen
wie physischen Verfallserscheinungen überhaupt,
zumal auch immer größere Schwierigkeiten habe,
diese modernen, datentechnologisch getragenen,
nach meinem Dafürhalten immer deutlicher weiter
sich lebenswertfeindlich asozialisierenden
und kulturell primitivisierenden Konsumdiktaturen
überhaupt noch zu ertragen
- das ist die subjektive Seite -;
und andererseits
- das ist die objektive Seite -
davon, dass ich diese Welt global auf harsche
- auch kriegerische - Auseinandersetzungen
sich zu bewegen sehe,
die angesichts etwa der chinesischen
Partei-, Staats- und Kultur-Metaphysik
mir unausweichlich erscheinen …
Wenn ich auch nur allzu gut weiß,
dass dann, wenn es tatsächlich
mit mir zu Ende gehen wird,
jene Erleichterung überhaupt keine Rolle
wird spielen können,
sofort als Illusion in sich zusammen fallen,
lächerlich werden wird angesichts von Todesangst
und der mit dieser einhergehenden
kommandierenden Sucht,
mich um jeden Preis,
auch den der Selbstverachtung,
drangradikal-daseinsgierig aufbäumen zu müssen,
schwemmte sich mir auch das Bewusstsein
der Absurdität meines Daseins
irgendwie noch durch wache Teile
meiner Neuronen-Felder.
Der stille Trost des Unscheinbaren
(Surrogate-Erläufer) (56/80)
Ziellos stromerte ich - Kind noch -
im Dorf und im Feld herum, lief mir so
- so war es mir damals schon durchaus bewusst -
stundenlang die dauerpräsente Trostlosigkeit
meiner familiären Situation
und meines existentiellen Makels (hypertrophe Adipositas)
in Müdigkeit und endlich erlösenden Schlaf,
bis zu diesem allerdings stets träumerisch eingedenk
etwa der Stille eines Schrottplatzes,
auf dem ich während der letzten
einigermaßen noch hellen Tagesstunde
mich aufgehalten hatte
(einsam war’s dort, d. h. ich musste
kein Häme-Gejohle befürchten).
Des Bellens der Hofhunde,
wenn ich an einem Bauernhaus vorbeilief,
des fauchenden Maunzens sich bekämpfender Katzen,
der bewundernswerten Genügsamkeit
verkrüppelt unscheinbarer Blumen,
nach denen ich, Gärten passierend,
in dieser Stimmung der Niedergeschlagenheit
immer Ausschau hielt,
sich im Wind wiegender Ährenweiten,
aber auch des verschämten Vorüberstolperns
betrunken heruntergekommener,
im Ort als anrüchig geltender Individuen,
die schon früh abends durch die Straßen schwankten
und sich zuweilen auch an Häuserwänden festhielten,
da sie kaum noch fähig waren,
sich korrekt zu orientieren,
was mir auf eine seltsame, geradezu
unverschämt-eindringlich-scharfe Art bewusst war.
Wahrscheinlich auch,
um mich darin zu üben,
mich selbst,
die Welt, die anderen und die fragwürdigen
Gegebenheiten unseres Daseins überhaupt
ertragen zu lernen.
Indes dass mir das immer besser gelang,
ich auch immer schärfer dies erfühlte:
Seine schiere, unabsichtliche Zufälligkeit -,
das wundert mich bis heute,
zumal ich nicht ansatzweise zu erklären vermag,
was mich letztlich befähigte,
dieser bedrückend ärmlichen,
zumal recht bald als sinnlos empfundenen,
alltäglich bedrückenden Niedrigkeit
psychisch überhaupt zu entrinnen.
Nirgendwo (56/81)
Wo wäre man denn noch zuhause?
In dieser Welt globaler Relevanz?
Zumal sie sich als selbstzerstörerische Sause,
als ihrer selbst entglittene Instanz,
erweisen musste … Von sich selbst getrieben
durch Tugend-und durch Fortschrittsillusionen …
Realitätsverlusten aufgerieben.
Denn faktisch ist sie nichts als Fronen
den Wesenswidersprüchen, die uns knuten:
Intelligenz, Vernunft, den permanent akuten,
organisch grundgelegten Tierschicksalen:
Bedürfnis, Trieb, sich durchzubringen,
zu meiden all die Daseinsqualen,
wie etwa die, um Sinn zu ringen.
Ein fremder Moloch all das,
nicht geeignet,
noch irgendjemand Heimatort zu sein …
Abstraktum, fremd als Wie und Was.
Man ist - und zwar in sich allein -
ihm hilflos ausgesetzt,
muss ihn ertragen,
wohl wissend, dass man,
ganz bedeutungslos,
tatsächlich nur noch durch sich selber hetzt:
Existenzielles Zwangsversagen,
sich selbst ein Rätsel:
Wertbeliebig ohne Floß.