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Selbstverlust (53/1)/Sonett
Für Immanuel Kant/Für Verehrte
Kann es sie geben: Kantische Subjekte,
durch Selbstbestimmung freie Würdeträger,
in diesem Artefakten-Sog der Jäger
nach Surrogaten für Konsumerweckte?
Geht es doch darum, dass sich diese Sekte
der Dauer-Spaß verbrachten Ichwertpfleger
gewöhne an je neue Sinnerreger.
Im Wohlstandsrausch für nur profan Gedeckte.
Die Antwort lautet "Nein" auf jene Frage.
Das Ökonomische darf nie verkennen,
dass ihm Kants Selbstzweck zählte seine Tage.
Es müsste sich von den Kommandos trennen:
Erhöhe dich, stech aus und überrage!
Tu alles, zu gewinnen dieses Rennen!
Für-sich-Sein (53/2)
Das Meiste habe ich für mich behalten:
Hass, Niederlagen, Angst, Erniedrigungen.
Auch weil man selber sich nicht kann gestalten,
sich fremd bleibt, anonym gezwungen
in Sprachkonstrukte einer Wortbrigade:
Wie Gott, Erfolge, Liebe, Werte …
Um abzuschreiten eine Illusions-Parade
als deutungslose Fährte.
Sie zeigt dann einem diese Einsamkeit,
die man muss ganz alleine tragen.
Auch gegen Phrase, Formel und Effektgeleit,
die letztlich die Person zerschlagen.
Pan-Nihilismus VI (53/3)/Sonett
Für Demokrit* von Abdera/Für Verehrte
Wie könnten, Welt und Ich verfügt, wir etwas zählen?
Doch nichts als Zufallsformen atomarer Hyle.
Die weder Zwecke kennt noch Gott noch Sinn noch Ziele,
sodass uns Zufall und Notwendigkeiten quälen.
Auch müssen wir als Freiheitsträger uns verfehlen.
Wir, Nebenbei-Produkt von jener stummem Spiele.
Auch dass Verzweiflung uns nicht psychisch unterwühle,
gilt’s, dass wir, wertbedürftig uns Phantasmen schälen.
Organisierte Stoffe bis in tiefste Kerne,
müssen wir wieder restlos körperlich zerfallen.
So Staub und Gas eingehen wie die toten Sterne.
Und auch das Große Universum wird verhallen.
Um dann - wer weiß? - in ungeheurer Zeitenferne
vielleicht als Teilchentaumel wieder aufzuwallen.
*Der Philosoph Demokrit von Abdera (5. Jh. v. Chr.) ist zusammen mit Leukipp der Schöpfer der antiken Atomtheorie: Es gibt nur Atome und das Leere, durch das sich die Atome bewegen und immer wieder aus ihnen zufällig zusammengesetzte Körper hervorbringen, die freilich irgendwann dann wieder zerfallen/auseinanderfallen
USA III (53/4)/Sonett
Was ich, bedacht, muss unter Geist verstehen,
bezeichnet deine nationale Wunde.
Amerika, dir selbst Fiktion und Schrunde,
erliegst nun deinen Inszenierungswehen:
Sex, Mammon, Inbrunst und sich Show aufblähen.
Du glimmst dir selbst doch als verdeckte Lunte,
politdüpierter, aggressiver Kunde,
der sich nicht greifen kann als Grundversehen.
Geist ist bei denen, die sich selbst begreifen,
sich selber realistisch auszudeuten.
Dabei auch nicht vor Niedrigkeiten kneifen.
Um so vielleicht die Umkehr einzuläuten
aus Selbstbetrug und infantilen Schleifen
um Ich- und Hab-, Macht- und Genuss-Sucht-Freuden.
Angriff I (53/5)/Sonett/Für Sigmund Freud/Für Verehrte
Wir führten Kriege, töteten und raubten.
Dem Wesen nach doch letztlich auch Barbaren.
Doch könnten wir vielleicht am Tropf der Waren
gezähmt und friedlich endlich uns behaupten,
sodass zuletzt wir dann, schon träge, glaubten,
Wirtschaft und Technik könnten uns bewahren
vor jenem doch so niedrigen Gebaren …
Wir gar am Ende auch noch Sinn aufklaubten?
Das ist doch kindisch. Denn als Drangsallose
zu existieren ist uns nicht gegeben.
Nie hielte sie uns, die Konsumnarkose.
Drauf angelegt, uns roh zu überheben
und nachzujagen jeder welken Rose,
muss, was uns ausmacht, sich Gewalt verweben.
Angriff II (53/6)/Sonett/Für Sigmund Freud
Konnte das Es sich nicht schon längst befreien?
Zerfiel das Über-Ich doch (das Gewissen).
So werden wir noch mehr uns Gossen weihen.
Uns, Niedertracht verwoben, selbst nur küssen
und lukrativer Sauerei ausleihen.
Uns als Person nicht ein Moment vermissen.
So ohne Widerstand auch Mob einreihen -
verbrecherisch, brutal, verroht, gerissen.
Dass wir uns Wölfe* seien, dürfte stimmen.
Ob freilich immer müssen, bleibt zu fragen.
Gewiss ist, dass wir eignem Ich* nur glimmen.
Zumal verdammt, alleine uns zu tragen -
Der Grund der meisten, mit dem Strom zu schwimmen.
Wird, wer allein ist, doch normal verzagen.
*Uns als Wölfe zeigen: homo homini lupus:
Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf;
so Hobbes und auch Freud. Ich, Sa., stimme zu
*Ich: Name für den Körper, der uns ausmacht und unser Wesen radikal bestimmt
Bilanzgedicht (17) (53/7)
Es ist Magie,
von der wir zehren.
Magie in Form
von Illusionen.
Magie durch Kunst,
durch Tausch,
Gewalt, Begehren:
Als Trostentwürfe
dämmernder Neuronen.
USA IV: Ein Mammon-Oligarch (53/8)/Sonett
Ein in sich selbst gefangner Infantiler,
politisch unbegabt, weil asozial.
Ein seelisch armer Macher-Posen-Dealer,
der, ichschwach, sich geriert als Mammon-Baal.
Sich selber greifbar nur als Rollen-Spieler,
neurotisch wiederholend Kindheits-Qual,
der gar nicht anders kann als sich als Wühler
nach kalter Härte zeigen - ohne Wahl.
Ermangelt er doch aller Selbstwert-Stützen,
kann so sich nicht entfalten als Person,
Produkt autoritärer Daseins-Spitzen:
Erniedrigung, Zurückweisung und Hohn.
Er kann sich daher vor sich selbst nicht schützen …
Unschuldig so System- und Herkunfts-Klon.
Ineinanderlaufende Resignationsgegebenheiten (53/9)
Meine geistige Müdigkeit
wird immer intensiver.
Jahr um Jahr denn auch
gähnt, verfallsvertrauter,
mit dem metaphysisch kulturellen
auch der sich unaufhaltsam
nähernde physische Tod mit.
Erlösung von jener
glaubhaft versichernd.
Illusionslos III (53/10)/Sonett
Nie allzu willig war ich, an Moralgebote
als faktisch uns erfolgreich steuernde zu glauben.
Braucht es Askese-Zucht doch, um sie einzulösen,
zu distanzieren sich vom Drang nach Überragen,
durch Selbstdistanz und Zwang zu halten sich im Lote
und nicht gar aller Schmeicheleien aufzuklauben.
Sind doch Vernunft und Würde elitäre Größen,
vor denen wir im Allgemeinen krass versagen.
Indes ich muss, erfahrungssatt, es eingestehen:
Wer Wohlstand sich, Prestige und Lüsten macht zur Beute,
den werden Ichsucht und Erlebnisdrogen treiben,
wird sich als Sieger zeigen wollen, dass die Leute
in ihm den Star, den Macher, ja: den Halbgott sehen.
Doch nie die Zwänge, sich narzisstisch aufzureiben.
Variante Verse 9-14 (zu „Illusionslos“):
Wir sind nicht frei und doch stets auf uns selbst verwiesen.
Uns spiegelnd permanent in fremden Artgenossen.
Die uns in ihre Perspektivenbilder gießen,
die wir dann übernehmen, um sozialen Trossen
als Zufallsselbst wie als Person uns abzubüßen,
in sie als Schicksalsselbst genetisch eingegossen.
Bilanzgedicht (32) (53/11)
Wenn man bedenkt,
wie oft man lügt,
beschönigt,
faselt und verdrängt …
dann muss man
zu dem Schluss gelangen,
dass letztlich niemand
über sich verfügt.
In Artefakten, Ich
und Wort gefangen.
Sozialjoch zudem
dauernd untertan,
sich Tag für Tag
von selber lenkt,
Wahn, Niedertracht
und Einsamkeit
zu meiden.
Erotische Transzendenz (53/12)/Sonett
Obwohl nur ephemere Drangeinheiten,
gebunden an die Flucht von Augenblicken,
sind sie es, die uns manchmal so berücken,
dass Sorgen wir und Alltagslast entgleiten.
Sogar befähigt, selber uns zu meiden:
Sei’s, dass uns eigne Mängel schwer bedrücken,
sei’s, dass wir wissen um den Bruch der Krücken,
uns in Entlastungshoffnung zu geleiten.
Das schenkt uns Eros, dieser Antipode
von Elend, Scheitern, Angst und Gramverzagen.
Nur Eros kann uns schenken jene Lote,
Vergeblichkeit und Ende zu ertragen.
Spielt er allein doch jener Räusche Note,
im Du ekstatisch Selbstverlust zu wagen.
Dorfschatten: Für T. (53/13)
Es hat geschneit heute.
Zum ersten Mal in diesem Winter.
Und wieder habe ich an T. gedacht.
Und erlebte ich auch noch hundertmal
das Fallen des ersten Schnees …
Ich dächte immer an jene T.,
trauerte jenem milchig grauen Tag
im Dezember 1968 nach,
da ich hätte zum ersten Mal lebensklug,
auf das Du bezogen
fundamental einsichtig werden können:
Denn dass der Kuss,
den ich ihr absog,
mir gleichgültig war,
schrie sich schroff und kaltfad hinein
in meine sie anfremdelnden seelischen Stillen.
Ambivalente Weltbezogenheit (53/14)/Sonett
Nichts als Materie ist uns real zu fassen.
So müssen wir als alldeterminiert uns gelten.
Und also auch, dass sinnlos drehn sich alle Welten …
All das muss ich als einzig wahr so stehen lassen.
So gibt’s die nicht: Die Marx-Gesellschaft ohne Klassen,
ohne Versagen, Niedertracht und Psychen-Kälten.
Auch keine Würde für uns Stoff nur Zugesellten.
Kurzum: Wir werden immer wieder uns verprassen.
Und doch will manchmal mich ein Selbstzweckrausch betören,
all diese Fakten tapfer dann zu ignorieren,
um meine Sehnsuchtswelten nicht so plump zu stören:
Die mich seit Kindheit lockend wollen doch verführen,
mich aufzulehnen gegen Barbarei und Leeren,
um mich an Gott und seinen Sinn-Rausch zu verlieren.
Innere Verarmung (53/15)
Affektive Implosion:
Die feineren Seelenschichten
werden abgetragen:
Ehrfurcht, Scham, Selbstbescheidung …
Unbemerktes Vergröberungswerk,
den Konsum anzukurbeln,
der kapitalistisch-technischen Effekte-Diktatur,
die den Kunden psychisch verarmt,
auf dass er, desorientierungstypisch, anbete
versimpelungssanfte Verlotterungsentlastung.
Notwendiges Scheitern (53/16)/Sonett/
Für Arnold Gehlen/Für Verehrte
Die meisten wollten gar nicht es begreifen,
dass das Niveau des Wohlstands könnte fallen.
Denn dann, dann müssten wir uns wieder krallen
an solche, die Verheißungsfloskeln keifen.
Entlastungseuphorie uns vorzupfeifen
mit Phrasenzauber und Erlösungslallen.
Bis die im unverfügten Kern nachhallen
und so Gewaltbereitschaft lassen reifen.
Ich hätte uns indes nichts vorzuwerfen.
Ich weiß um diese Dinge, selber mir verloren.
Ich muss nur meine eignen Sinne schärfen,
um zu erkennen, dass wir eingeschworen
auf technische Ersatzwelt sind und surfen
in ihr als Knechte, die nach Scheitern bohren.
Prosafetzen (133) (53/17)
Ich liebe den Wind.
Verzweifelt wie
vollendungsselig,
liebe ich ihn.
Noch auf dem Totenbett
werde ich
nach ihm haschen,
ihn erlauschen wollen,
sei ich auch
meiner selbst
nicht mehr mächtig.
War er es doch,
er allein,
der mich fortriss
von Ich, Du
und Wir.
Mich wehte
in Träume,
Geborgenheitsnischen,
weg von Verkümmerung,
Stumpfsinn und
unschuldsprallen
Seelenleeren.
Hochkultur-Verlust (53/18)/Sonett/Für Arnold Gehlen/Für Verehrte
In einer Welt diffuser Wirklichkeiten
und gleich gestalteter Realitäten,
in denen Trance und Waren ziehen Fäden,
gibt es nur eine Chance noch, sich zu meiden:
In Pseudo-Subjektivität zu gleiten,
um sich als Selbst-Schimäre anzubeten
und als Person von sich zurückzutreten,
standardisiert sich selig zu erleiden.
In dieser Diktatur der kleinen Seelen
blüht ein Phantasmen-Strauß des Surrealen,
in dem nicht Fakten, sondern Werte zählen,
die, Traumbefehle absoluter Zahlen,
als leere Formeln und Tabus befehlen,
sich als sakrale Leiblichkeit zu prahlen.
Prosafetzen (142) (53/19)
Pleonexie,
die sich selbst
sakralisiert.
Faktengerecht.
Ohne Schuld.
Ohne Bewusstsein.
Ohne Alternative.
Beschlichen von
Verkümmerungslüsten
und Untergang.
Das bedürfnishörige Körperding (53/20)/Sonett/
Für Max Scheler/Für Verehrte
Wir leben alle in prekären Lagen.
Und wissen das. Obwohl wir’s meist verdrängen.
Wir alle vegetieren in den Fängen
von hirnverfügter Technik und Versagen,
uns selber gegen uns allein zu tragen.
Wir unterliegen hilflos all den Zwängen,
die Innenwelten in Entschämung drängen
und so in Glück umdeuten Wohlstandsplagen.
Allein der Geist mag die abstrakt noch zwingen,
objektivierend sich in harten Worten,
die dieser Gleichungsorgie Noten singen.
Die ihren Nihilismuskultus orten
und ihre Seinsbezüge kalt durchdringen:
Als Joch von Körpern stummer Teilchensorten.
Prosafetzen (327) (53/21)
Die Schneereste
schmelzen der
Sonnenwärme entgegen,
als seien sie todessüchtig
wie ich …
in meinen luzidesten
Verwahrlosungsmomenten.
Entmündigte Gegenwartsmassen (53/22)/Sonett
Für Alexis de Tocqueville/Für Verehrte
Friedlicher Knechtschaft spaßbewegt verwoben,
verschludern sie sich einfachen Gehalten.
Die hilflos unselbständig sie umtoben
als Amüsements und Ablenkungsgewalten.
Entmündigungsroutine, angeschoben
durch selbstbegehrtes technisches Gestalten
von Infantilen und von psychisch Groben,
um geistig anspruchslos sich zu entfalten.
Doch mich kann all das nicht empören,
da alle doch, selbst Macher, danach gieren,
gedrillt sich von sich selber abzukehren.
Zu schwach, ein eignes Leben noch zu führen,
sind sie die Opfer doch von Art-Miseren,
die sie am Ende werden wohl verzehren.
Genauer hingesehen (53/23)
Genau genommen biologisch Tier,
durchlauf ich eines solchen Bahn:
Verfallen Trieb- und Wesenssucht ...
verstrickt in diesen Wahn,
dass dieses plumpe Dasein hier
ziele auf mehr als Zeit und Ende hin …
Zumal nur Stoff als Zufalls-Flucht:
Zerfallszwang schier.
Ich lebe Rauschzwang
ohne Zweck und Sinn.
Des Sittengesetzes Ziel: Die autonome Person. (53/24)/Sonette
Hinweisende Fragmente. Für Immanuel Kant/Für Verehrte
*(1)
Ich soll mich, Sinnenwesen, transzendieren,
aus Pflicht zum Noumenon*: Zum Selbstzweck machen,
Pleonexie* entziehen, nicht an Sachen,
heteronom gebunden, mich verlieren.
Autonomie sei, alles zu negieren,
was das Gesetz entlarvt als Sog der Lachen
von Selbstverfehlungsfrevel und Verflachen,
um geistig tot dann auf sich selbst zu stieren.
Indes: Wozu zu Freiheit sich beschränken,
wenn alle nur nach Lust und Nutzen hungern,
erlebnisselig Außen feil sich lenken,
vor Kick, Behelfsglück und Vernutzung lungern,
wodurch sie Markt enthemmt sich selber kränken?
Wozu - noch mal - sich mit sich selbst beschenken?
*Noumenon griech.: Bei Kant 'Verstandeswesen' = die gedachten Gegenstände möglicher Erfahrung (Wörterbuch der philosophischen Begriffe, Felix Meiner, Hamburg, Band 500, S. 462)
*Pleonexie griech.: Ich-, Hab, Macht- und Genuss-Sucht (so, richtig, Arnold Gehlen)
*Heteronomie griech: Unfreiheit
*Autonomie griech.: Freiheit
*(2)
Um jene geht’s nicht mehr. Nur um Monaden,
die als Idole statt Personen gleißen.
Und so als Starabklatsch sich mit ausweisen.
Empörungsaggressiv sich selbst verraten,
Respekt einfordern via Medien-Schwaden,
identitätsstupid als Standard-Iche kreisen
um eine Mitte, die sie ihre heißen.
Von Selbstbetrug verführt in hohen Graden.
Das, was man sieht, ist eine Körperschnuppe.
Doch die Person allein muss letztlich zählen.
Die nie doch Leib ist und Gesinnungspuppe.
Die niemals wird statt Selbstzweck Phrasen wählen,
zu zeigen sich als Glied der Nachhuttruppe,
nicht fähig, Selbstverzicht sich zu befehlen.
*(3)
Solch Unterschiede spielen keine Rolle:
Wie etwa Herkunfts- und soziale Zwänge.
Auch nicht Kultur, Geschlecht und Hautmerkmal.
Und in der Tiefe auch nicht irgend Glaube.
Nur ob ich mir und andern Würde zolle:
Mir selbst als Träger des Gebots gelänge:
Mich wände gegen Kreatur und Zahl,
Neid, Korruption und jede Machtsuchtschraube …
charakterlose fade Selbsttäuschungen.
Nur was sich Geisteskraft hat ausbedungen -
die Barbarei der Bestie Mensch zu hindern.
Vergänglichkeit ihm, Angst und Gram zu lindern -
Das ist der Zweck: Person durch sich gelungen.
Doch ist gegeben das perfiden* Kindern?
*perfide: treulos, hinterhältig, tückisch
Prosafetzen (399)/Für homo sapiens bambergensis (53/25)
Du, vollendeter Materiewurf:
Feingliedriges Leibwunderwerk,
narkotisierender Geruch,
Pandora magischen Stumpfsinns …
Eine Liebe, unbegreiflich denen,
die Seele anraunen, Werte, Charakter …
bedeutungslos mir zerrinnend
in schlürfender Vierlippigkeit,
zungenvirtuose Zitter-Rhythmik
imperativen Ineinandertobens
an zeitträgen Nachmittagen
stofffrommer Alltagsübersteigung.
Schlichtes Gedicht (53/26)/Sonett/Für Platon von Athen/Bezug Höhlengleichnis, Staat, 7. Buch, ab 514ff
Wer möchte nicht das größte Stück vom Kuchen:
Erfolg, Geld, Lust … Was immer Eindruck schindet?
Und hebt. Auch weil es andere beneiden?
Auch Jubelramsch, die Welt sich schön zu färben?
Dies zu ergattern wird man doch versuchen,
zumal das alles an Gesellschaft bindet.
Sodass man Angst und Einsamkeit mag meiden,
die Psychen erst verhärten, dann verderben.
Ich hab was völlig andres wollen müssen.
Warum, ist unerfindlich. Und soll’s bleiben.
Mich hielt das Faszinosum Geist besessen.
Nicht immer Schattenbildern so beflissen,
um Bauch und Nichtigkeit mich aufzureiben …
entkam ich manchmal jener Höhle Blässen.
Bilanzgedicht (3) (53/27)
Der Ausdruck ‚sinnlos’ ist,
versucht man,
ihn präzise zu denken,
schlechterdings
unverständlich.
Aber gefragt nach dem,
was ich
als grundlegend,
als zentral
für die mein Dasein
prägende Welt
erfahren habe,
würde ich ihn
ohne Zögern
benutzen.
Frühes Grambild (53/28)/Sonett
Letztendlich kann ich’s nicht genau erklären,
dass alles mich nur oberflächlich packte.
Es sei, was immer: Menschliche Kontakte,
Ideen, Anerkennung, selbst Begehren.
Schon gar nicht Macht mit ihren schalen Beeren.
Durchzog doch Leere jeden meiner Akte,
mir anzudeuten eine sinnlos nackte
Vergeblichkeit, in der sich nichts lässt mehren.
Stets seh ich abendstarre fahle Lichter,
die einen feuchten kargen Raum bescheinen,
in dem sich austobt saufendes Gelichter,
sich Scheitern und Verkommen auszuweinen.
Und dann sagt mir ein tränenloser Richter,
ich solle das durch Geistesmacht verneinen.
Bilanzgedicht (31) (53/29)
Welche eine Last doch,
so ein Du;
sich selber fremd
und angewiesen
auf ein sozial
gewürfeltes Wozu.
Um dann,
wie ich,
ihm hilflos
zu verfließen.
Nihilismus-Söldner (53/30)/Sonett
Ich wüsste nicht um meine Illusionen?
O doch. Ich kann sie mühelos durchschauen.
Und muss sie trotzdem meinem Sein einbauen.
Und nicht nur deshalb, weil sie seelisch schonen.
Auch deshalb, weil es fasziniert zu wohnen
in Geisteswelten, die was andres schauen
als nur gesellschaftlich-soziale Klauen:
Die jener, die als Krone sich betonen.
Der Geist? Längst folgenlos; er wird’s auch bleiben:
Nicht er, der Wohlstand garantiert den Frieden:
Pleonexie nur kann uns faktisch treiben
durch Spaß und Nihilismus, der, dank Riten,
die wohlstandsreligiös das Ich aufreiben,
uns kollektiv so wird als Söldner mieten.
Bedarf’s der Worte? (53/31)
Viel Worte
muss man da
nicht machen;
man hat es
täglich doch
vor Augen:
Man soll
sich selber
bis ins Mark
auslaugen
und tief erregt
verflachen.
Die Liebe zu Tieren (53/32)
Die Liebe zu mir vertrauten Tieren,
war immer tiefer, wahrhaftiger
und aufopferungsintensiver
als eine Zuneigung, die mich zuweilen
mit Menschen verbunden haben mag.
Menschen sind eben oft
wankelmütig, ja: perfide … gleichsam
in sich selbst gefangene Daseinsspielbälle:
Sich selbst hilf- und schuldlos ausgesetzt.
Alexander der Große fällt mir ein,
immerhin der Eroberer eines Weltreiches,
dessen Liebe zu seinem Pferd,
dem Hengst Bukephalos*,
den er 20 Jahre lang ritt,
behaupte ich,
an Intensität und Wahrhaftigkeit
durch keine andere, schon gar nicht menschliche
Liebe zu überbieten gewesen sein dürfte.
*Bukephalos (Stierkopf). Lieblingsross Alexanders d. Gr. Bukephalos starb wahrscheinlich an den Wunden, die er sich in der Schlacht gegen den Inder Poros am Fluss Hydaspes zugezogen hatte (326 v. Chr.). Alexander gründete die Stadt Bukephala (im heutigen Pakistan) als Andenken an seinen Hengst. Alexander war 12 Jahre alt, als es ihm gelang – anderen war das nicht gelungen - Bukephalos zu reiten (Alexander hatte bemerkt, dass der Hengst seinen eigenen Schatten scheute und sich deswegen nicht reiten ließ. Fakt ist, dass Alexander Bukephalos über alles liebte; eben so, wie man nur ein Tier lieben kann.
Quelle: Reclams Lexikon der Antike, 1996, S. 123)
Hellsichtige Selbstlähmung (53/33)
Zu lethargisch und krankhaft eigensinnig faktenflüchtig,
kann ich mich kaum noch entscheiden dafür,
mich der gegebenen gesellschaftlichen Realität -
außer zur Sicherung meines Lebensunterhaltes, denn:
Wer will sich schon von anderen aushalten lassen,
sich dann seiner selbst als Parasiten-Gesindel bewusst? -
einzuordnen.
Mein Problem ist, dass ich diese Welt so gut es eben gehen mag,
anstatt mich auf sie einzulassen, meiden möchte.
Um so dann auch mir selbst als außengelenkter Bedürfnis-Büttel zu entfliehen,
auszuweichen in geistsurreale lyrische Verhängnis-Analysen.
Aber auch um diese reale Welt zu entlarven als das, was sie tatsächlich ist:
Selbstverramschungszwang, Verspaßungsdiktatur, Entwürdigungsverführung:
Eine geplante Erlaubnis zu Depersonalisierungsentfesselungen in
Wirklichkeitsverlusten.
Des Nutzlosen Vollendungsträchtigkeit (53/34)/Sonett
Umsonst hab ich sie allemal geschrieben,
all die Sonette hier auf diesen Seiten.
Doch keine Stunde musste ich das leiden.
Ich folgte dabei nämlich Geistantrieben,
die, selber sich genug, in sich verblieben.
So niemals kreuzten Kreatürlichkeiten,
profanem Dasein Nutzen zu bereiten,
um sich aus dem dann Zweck und Ziel zu sieben.
Meint Dasein doch den Drang, sich zu betasten
als Stoff, Erfüllungstrance sich zu geloben,
in dieser sich ekstatisch zu entlasten.
Auch davon, dass man dabei wird geschoben
von Triebfragmenten, die vorüberhasten …
Nur Geist allein ist all dem still enthoben.
Bilanzgedicht (14)/So steht es um uns (53/35)
Für einen Knecht der Gene und Neuronen,
Knecht ohne Einheit eines Ich,
heißt Würde, Selbst und Freiheit sich betonen,
dass er nur deliriert und damit eigentlich
Phantasmen aufsitzt, Trance, Fiktionen …
Sich also diesen als Subjekt ausblich.
Weiteres zu den Sonetten (53/36)/Sonett
Viel Leidenschaft war schon damit verbunden,
aus mir hervorzuzwingen die Sonette.
Das war ein Los und nicht Erlebniskette.
Und ließ vergessen auch so manche Wunden,
die ich mir zuzog in gewissen Stunden
und dann danach so gern vermieden hätte.
Doch leider ist das Dasein nicht das nette
wie's die Reklame vormacht smarten Kunden.
So will ich weiter mich an jene halten,
wenn’s darum geht, mir das, was ist, zu heben.
Darf ich in jenen doch mich selbst gestalten,
nach Einsicht, Tiefe und Gehalten streben,
die ungeschminkt mir zeigen die Gewalten,
die uns an Trauer, Gram und Scheitern kleben.
Was Sache ist (53/37)
Ganz illusionslos?
Ja. Das stimmt.
Der Einsicht bloß,
dass nichts mehr glimmt,
mir nichts mehr macht
Zweck, Hoffen, Sehnen.
Längst im Verdacht,
mir zu verbrämen,
was Sache ist.
Nun was denn, was? -
Schoß, Sinnsucht, List,
Geschwätz und Fraß.
Bedingte Anabasis* (53/38)/Sonett
Wer will das nicht, in Lust und Luxus schwelgen?
Um sich ein Aura-Selbst so zu verschaffen.
Auf das dann Habenichtse neidvoll gaffen
und dabei träumen von smaragdnen Nelken.
Allein das weiß man doch. Selbst Autofelgen
erzählten, wenn sie’s könnten, von solch Laffen,
die unermüdlich und verbissen raffen.
Obwohl am Ende sie dann auch hinwelken.
Ein Phänomen bei allen Kreaturen.
Doch immerhin mag Geist die transzendieren:
Narzissmus, Geldgier und Erlebnistouren.
Indes nur dann, wenn alle klug agieren.
Schutz ist nur das dem Geist: Dass nicht vertieren
und Frieden halten, die sich gängig spuren.
*Anabasis griech.: Ausfstieg, Weg nach oben
Zu spät (53/39)
So ist es nun mal
mit Einsichten,
die unzweifelhaft
als solche
gelten dürfen:
Sie kommen
unweigerlich
zu spät.
Ausweglos I (53/40)/Sonett
Ist’s nicht absurd, dass ich Sonette schreibe?
Indes der Geist schoss immer schon ins Leere.
Doch heutzutage gilt gar dies Verquere:
Verwahrlosung statt Geist wird Seelenbleibe.
Auf dass begeistert man sich Markt aufreibe,
vermeide intellektuelle Schwere
und sich, dem Zeitgeist hörig, selbst aufzehre …
Sich Eskapismus in die Fänge treibe.
Wiewohl die Menschen müssen unterlaufen
Persönlichkeit, Vernunft und Selbstgelingen.
Systemabhängig müssen sie sich raufen,
um sich Entlastungschancen zu erzwingen:
Ein bessres Los in dem Monadenhaufen,
in dem sie täglich um ihr Dasein ringen.
Ausweglos/Alte Fassung: Variante (53/41)/Sonett
Es ist absurd, dass ich Sonette schreibe.
Indes der Geist schoss immer schon ins Leere.
Doch hat sich jetzt vollendet das Verquere:
Enthemmungsspaß statt Geist wird Seelenbleibe.
Auf dass begeistert man sich Markt aufreibe,
vermeide intellektuelle Schwere,
sich, Zeitgeist unterworfen, selbst aufzehre.
Dem Simplen hörig durch Phantastik treibe.
Wiewohl die Menschen müssen unterlaufen
Persönlichkeit, Vernunft und Selbstgelingen.
Systemgefesselt müssen sie sich raufen
um die Entlastungsdrogen, die sie zwingen,
sich selbst zur Spaß-Monade umzutaufen,
konform in Pan-Verflachung einzudringen.
Die gegenwärtige Gesellschaft (I) (53/42)
Man wird vereinnahmt wider Willen,
ist permanent ihr ausgesetzt.
Noch in ganz später Nächte Stillen
wird man von ihr gehetzt.
Man kann sich ihr nicht mehr entziehen,
zumal sie greift mit Emotionen
und Grund-Affekten, grad durch sie gediehen:
Entfesselungsirrationalen Zonen.
Kurz: Sie ist krank, hysterisch, inhuman,
sie ist verknechtungsprimitiv,
wirft einen seelisch-geistig aus der Bahn …
In giertotalitäres Kollektiv.
Form des Nihilismus (53/43)43
Nichts ist selbstverständlich mehr.
Alles darf ja gelten.
Grund, warum die Psychen leer:
sind enthemmt die Innenwelten.
Menschen fühlen sich verlassen,
hilflos ihrer selbst benommen;
meinen, nur noch Trug zu fassen,
aggressiv beklommen.
Tief verängstigt und verworren;
ohne Mitte, ohne Halt,
müssen sie verdorren;
roh, empört, gewissenskalt.
Daran könnte es zerbrechen,
dieses würdesieche Land;
dekadent sich selbst verzechen:
wertverlogen in sich selbst verrannt.
Hauptbahnhof (53/44)
Was mögen die da denken und was fühlen,
die dich beäugen; maskenschwer.
Dies Pärchen auf den Gitterstühlen.
Mit Fratzen, ganz verzerrt von Du-Abwehr.
Was ist es wohl, was sie so mürrisch macht?
Gram, den man selbst sich hielte gern verborgen?
Welch Päckchen tragen sie und welche Daseinsfracht …
Sind’s einfach Alltagssorgen?
Das wirst du freilich nie erfahren.
Und muss es auch nicht, denn du weißt:
Dass niemand kann sich vor sich selbst bewahren,
was Scheitern, Wirrnis, kurz: Verhängnis heißt.
Die Maße Gottes (53/45)
Entlastend wär's ja schon,
an Gott zu glauben.
Doch glauben wollen
kann man nicht.
Grad wenn man weiß,
man ist nur Teilchen-Fron,
verfügt zu sollen
und zu rauben.
Und wesenstypisch
ohne Gleichgewicht.
Gotte wäre Geist
und Hyle-Transzendenz,
Quell zarter Güte,
Einsicht, Weisheit gar.
Indes wer wüsste noch,
was das denn heißt?
Gewiss nicht,
dass die Ichsucht wüte
und seelenlose Indolenz.
Wem wäre freilich
das denn klar?
Zeitloser Nachtwind (53/46)
Ein tanzender Nachtwind
- warm, scheu,
verspielt und traumträchtig -
lässt mich heraustreten
aus Isolation,
Teilnahmslosigkeit,
Stumpfsinn und
artefaktiellen Selbst-Vermittlungen:
Herrliche Wiederholung
kindlicher Grunderfahrungen,
tanzt er heran,
noch mit Resten,
so male ich ihn mir aus,
mittelalterlich-bäurischer
und naiv affekthypertropher
Distanzlosigkeit aufgeladen.
Jenseits noch aller industriell
euphorisierenden
Emotionen-Standardisierung,
die sich zum Beispiel
darin verriete,
dass ihr schlitzohrig-
abgezocktes Trägersubjekt
jene Trance als obsolete Sentimentalität
rohsmart zu brandmarken
reflexhaft-cool
versuchen würde.
Auflösung I (53/47)
Sogar die Trauer wird sich schal.
Entkernt und trivialisiert
von dem, was hier diktiert:
Enthemmungs- und Entwertungs-Qual
global abstrakter Welt-Komplexität.
Entschämt das Selbst, das implodiert,
sich als Person entkernt an Ich verliert,
begeistert selbst sich dann verrät.
Doch Schuld trifft niemand.
Hier ist ganz basal
der bindungslose Mensch berührt.
Den nicht mehr trägt Ideen-Band:
sei’s Gott, Kultur, sei’s Geistes-Majestät:
Gewissenlos. Verlassen.
Gesteuert und verführt.
Existenzweise (53/48)
Nur Kunde, könnte ich mir nicht gefallen.
Und das, was als Moral hier gilt,
bedeutet mir nicht viel.
Mir ist nur wichtig, geistig es zu fassen,
Es zu entlarven, dieses Spiel.
Zu meiden seine Wohlstands-Fallen.
Damit ich kann Gedichte schreiben.
Und das bedeutet, selber mich zu schaffen.
Mich in Momente tiefsten Glücks zu treiben:
Mich diesem Ratio-Nihilismus zu entraffen.
Will ich doch ungeschoren dem entrinnen:
Den Klippen der Verwahrlosungen,
der Barbarei der Phrasenbrände
und dem narzisstisch kranken Sinnen
nach inszenierten Selbst-Belämmerungen.
Gedicht von tiefster Dankbarkeit (53/49)
Verdanke geistig mich primär den Griechen,
dann Juden, Römern und Franzosen.
Indes der deutschen Sprache substanziell.
Ich würde ohne diese Lehrer haltlos siechen:
ich lebte geistig hilflos ausgestoßen
in dieser Warenwelt, so scheinsuchtgrell.
Indes muss ich - und tu es gern -
die deutschen Lehrer auch erwähnen.
Ich nenne stellvertretend Nietzsche, Kant.
Dann Schopenhauer, Weber, Scheler, Gehlen.
Die mich entrissen, Unterschichten-Gram,
meinem doch schlichten Herkunfts-Kern,
meint: einem Dasein ohne Führungs-Band.
Ich wäre ohne sie ein Bündel Tränen,
Vergeblichkeit, Verachtung zuzuzählen,
vor allem freilich tiefer Scham,
der jene geistig mich dann früh entrissen:
Mich hebend hoch zu manchem Geistes-Stern
und manchem wunderbaren Sehnen.
Und diese drei, die muss ich auch noch nennen:
Alexis de Tocqueville und Freud und Thomas Mann.
Sie warn mir Einsichts-Trost, Bezug in diesem Rennen,
das man aus eignen Mitteln nicht bestreiten kann.
Drei Geistesriesen: Lösend meinen Tölpel-Bann,
mich aufzurüsten gegen Selbstmitleid und Flennen,
mich ihrer Sprache nahe, ja: ihr einzubringen
mich servitude* und Psychen-Enge sprachlich abzuringen.
*servitude: Knechtschaft
Innenweltbesetzung (53/50)
Das zeigt die Tiefenanalyse:
Totale Spannung sanfter Art.
Durch Selbstentmächtigung - präzise:
Durch Mächte, die man kaum gewahrt.
Zum Beispiel in den Netz-Spielwiesen,
die faszinieren Fans und Kunden,
die wähnen sich in Paradiesen,
vergessen lassend alle Alltagsschrunden.
Tatsächlich Trivial-Magien
von bannender Alltäglichkeit.
Komplex, vor dem die User knien,
sich einzusaugen einer Trance-Einheit.
Eine Erinnerung/Für Mawi (53/51)/Sonett
Auch deiner will ich noch einmal gedenken -
trotz Schuldzuweisung, Niedrigkeit, Verrat.
Will mich noch einmal in dein Sein versenken:
Als zarterotisches Basaldiktat.
Als dieses warst du von den Dogmen frei:
von metaphysisch matten Illusionen.
Uns Körpern waren diese einerlei,
versunken rauscherfüllten Stoffsucht-Mohnen.
Auch wenn’s dir tugendsüchtig jetzt missfiele,
ich will mich, dankbar dir, erinnern dran:
Dein Glaube war es nicht, es war die Hyle,
die uns Vollendungsaugenblicke spann.
Depersonalisierungszwänge (53/52)/Sonett
Zerstört sind alle Selbstverständlichkeiten
in dieser Tauschfarce ohne Hochkultur.
Die Einzelnen sind auf sich selbst verwiesen,
sich Wertverfallentschämung anzupassen.
Und völlig außerstande, sich zu leiten,
gar zu erwehren dieser Diktatur.
Zumal sie sollen doch sich selbst genießen.
Sich nicht mehr als Person und Selbst auffassen.
Das ist das Ende aller Psychen-Halte.
Der Ausverkauf auch aller Selbstbestände.
Auf dass die Innenwelten Spaß gestalte
und so Verwahrlosungsentlastung spende
für eine ruinös gewissenskalte
Entwirklichung bis in die Selbstwert-Brände.
Grundgefühl (53/53)
Mein Dasein hab als sinnlos ich empfunden.
Und das von vornherein.
Gestand mir ein das auch.
Das tat ich unumwunden.
Ich musste ehrlich sein.
Es hilft ja nichts,
sich etwas vorzumachen.
Sei’s zu verdrängen,
sei es schönzureden.
Da gilt’s zu klären selber sich
und Sachen.
Vor denen nichts hält stand.
Auch nicht das Beten.
Indes dies Grundgefühl verhindert schon,
sich gängig auszuleben.
Ich kann das nicht,
empfände es als Hohn.
Obwohl es mag Erfüllung geben.
Für mich ist Leben Stoffasyl.
Das zweckfrei ist
und ohne jede Wahl.
Bedürfnis-, Emotionen-,
Wert-Phantasmen-Spiel.
Strikt festgelegt. Durch Gene,
Ich-Verlies und Deutungsqual.
Doch mag das eine Sicht nur sein,
subtil mich selber zu betrügen.
Entlastungshungrig mir
mein Scheitern zu erklären.
Doch glauben kann ich nicht
an all die Mären
von Tugend, Würde, Sinn, Vernunft.
Von Macht und Zugehörigkeit und Siegen.
Zumal der Intellekt mir aufweist unser Streben
als ethisch-metaphysisch eitle Brunft,
als Aushub innrer Schützengräben,
als Krieg mit mir
und andern Daseinswunden,
mir völlig gleich in ihren Lebenslügen,
jedoch als fremd und feindlich
von mir tief empfunden.
Kleine Katze II (53/54)
Ach komm doch her,
du liebes Tier!
Ich will nur gut dir sein:
Dich streicheln, fühlen
und dich wiegen.
Um so mit dir
die Welt zu meiden,
von ihren Lasten leer.
In deinem Schnurren
will ich ihr entgleiten.
Ihr, diesem Ratio-Wahn.
Und diesem
seelentiefen Murren
von Daseinssiechen
ohne Bahn.
ZINSJA (64) (53/55)
Dass es sich lohnte,
ein gängiges Leben
zu führen:
Wohlstandstrunken,
stumpfsinngeborgen,
bilderübertölpelt,
propagandaberuhigt,
marktgesteuert,
phrasenbewehrt und
popniveaumystisch
stimmungsgefangen,
so ausweglos angewiesen
auf Lebensvollzüge
eines dauerokkupierenden
Pan-Trivialismus …
Das zu glauben
bin ich gänzlich
außerstande …
ich,
der ich vergeblichkeitslüstern
hinauslausche in die
grandios sinnleeren Überräume
einer selbstenfesselten,
gottunbedürftigen,
sich selbst
organisierenden Materie.
So hab ich es sehen müssen (53/56)
Zu viel, ich habe viel zu viel begriffen.
Und das, das hat mich schroff gemacht.
Auch zynisch, hoffnungslos und ungeschliffen.
Ich sag’s mal so, sag's sacht:
Dass lebenslang wir uns verweigern
den objektiven Sachverhalten.
Wir müssen, das ist Kerndrang,
doch uns selber steigern
in dieser Welt der drastisch kalten
Gegebenheiten als Vergänglichkeit.
Und Leben hochprekär ist: Lotterie.
Wir ausgeliefert sind oft Niedertracht und Neid.
Erfüllung finden können nie.
Ist’s Zufall doch, den niemand kann bestehen.
Dem sind wir alle gleich verloren.
Ihm unbegriffen uns dann hilflos hinzugehen.
Zu keinem Zweck geboren.
ZINSJA (66) (53/57)
Dass an uns nichts liegt,
ist offenkundig.
Man richte seine Aufmerksamkeit
nur einmal
auf die seelischen Eskapaden
dieses genussontologisch befangenen Zeitgeist-Büttels,
der sich,
befehlsdevot von sich selbst ergriffen,
durch eine Existenz mogelt,
die jeder sinnbegabten Affektlage
vollständig entbehrt,
exakter Abklatsch ist dieser Erlösungsdreiheit
von Wohlstandsdauerzufuhr,
abstraktionsrationalem Intellekt
und chemisch intensivierter,
Entwirklichungsraserei
verpflichteter Zeitgeistmystik.
Großstadt-Plebejertum (53/58)
Erregtes Großstadtsog-Plebejertum:
Die Stadt sei metaphysisch anerlöst,
Ersatz-Jerusalem frenetisch Heimatloser,
ein Faszinosum dionysischer Magie.
Getrieben auch von technischen Effekten,
steriler Körper Inszenierungs-Schub.
Ein Stimmungsdom der Transzendenz
in Kollektiv-Ich und Entlastungsdrogen,
geplanter Einfachheit verbrauchercool verfallen.
Ergeben Tinnef*-Gurus, Trosteinpeitschern
und Underdog-Motorik-Trancebombastik.
Ergriffenheitsgebote, hörig umgesetzt
in was man Ich vertrudelt fühlen soll,
sich, Standard-Selbstbruch, zu verhehlen
die knechtische Getriebenheit,
das zeitgeistprimitive Kultgehabe
verinnerlichter Phrasenanomie.
Subjektivierungs-Eskapismus,
Faktenqualen trash-siech zu vergessen,
sich aufzugeben schundurbanem
Quantenzufalls-Nichts.
*Tinnef jiddisch: Schund
Das empirische Selbst (53/59)
Immer nur vorläufige,
gesellschaftlich-soziale Quer-Bilanz,
dynamisch, schillernd, schwankend,
Erfahrungs- zu Wert- zu Deutungs-Haltungen:
Faktenbasierte psychische Jenachdeme,
objektiv an sich veränderbar in jedem Augenblick,
nie wahr, zumal vielfach- und überdeterminiert.
Immer nur als solche angenommen,
die für einen selbst gerade gelten müssen,
was man freilich glaubt, nicht weiß,
irrationale und auch unbewusst
verankerte Interpretationen eben.
Zusammengestoppelt aus biologischen Vorgaben,
Herkunft qua Familie, Schicht oder Klasse,
ausgelegten Widerfahrnissen,
unentwirrbaren Innenweltverstrickungskomplexen,
Kultur, Sprache und Staat,
Geschichte, Verfassungsform und Institutionen,
Technikstand und Wirtschaftsweise.
Es ist das vage Bewusstsein
einer unaufhebbaren Gefangenschaft
in genetischer Zufälligkeit
und einer von seiner (noch)
nationalen Artgenossenschaft,
also fremd und einem selbst nur
bedingt begreiflich,
hervorgetriebenen Gesamtkonstruktion
je subjektiv unbegriffener Welthaltigkeit.
An der man,
ohne die Wahl zu ihr oder zu sich zu haben,
mehrdimensional dauerbedürftig,
physisch wie psychisch halbwegs gehalten,
ja: auch geborgen, mitbaut,
auch, um quasi nebenbei,
sich selbst und anderen darin auszudrücken,
was man unverwechselbar zu sein scheint.
Jedenfalls einzigartig sich sein wollend und geltend …
So sinnlos das auch sein mag,
da, heutzutage, sein Leben lang
Mächten ausgesetzt,
die man partiell gar nicht kennt.
Zumal sich mehrend
in einer globalen Welt,
die mehr und mehr totalitär
in sich selbst sich verflüchtigt:
Psychisch-kulturelles Nomadentum,
einheitsblind zerfallend
sich selbst ausgeliefert.
Selbstverlust (53/60)
Ich lebe in wahrhaft seltsamen Zeiten.
Seltsam, weil auch so leicht zu verstehen:
In ihnen m u s s man dies Schicksal erleiden:
Man muss als Person sich selbst vergehen.
Man kann sich nur noch entgleiten.
Und dies durch repressive Toleranz:
Es sei Freiheit, sagt uns die,
sich um sich selber nur zu drehen,
Freiheit, sich auszuleben ganz,
Freiheit, nur eigenen Vorteil zu sehen.
Um dann am Ende, allen anderen gleich,
dasselbe zu wollen wie alle:
Sich pausenlos widmen diesem Warenreich,
bis man dann zappelt in seiner Kralle:
Entmündigt, belämmert, verdinglicht und weich.
Zur Republik der Korrupten, Trickser
und Charakterlosen (53/61)
Was willst du sagen?
Nun, spuck’s aus!
Dass du’s Gefühl hast,
nichts mehr kann dich tragen?
Dass, was hier abgeht,
scheint dir Kartenhaus,
dabei, sich selbst zu machen
den Garaus?
Durch jenes Hohen Hauses
Trickser-Gaus?
Da liegst du richtig.
So wie’s steht,
ist’s faktisch nur noch
Leerwort-Pfusch:
Recht arrogant
und völlig nichtig.
Wie sollten Trickser auch
begreifen Sachen?
Für die kann zählen nur
der Machttross-Tusch.
Illusionen-Träger (53/62)
Doch Gramhort eines Ich-Verlieses,
meist Niedertracht und Korruption gelungen,
dem Hang des Durchschnitts,
sich zu überschätzen …
Macht,
Ehrgeiz,
Hybris und Verblendungsraffen
sich plattnarzisstisch
einzuweben,
erscheint’s mir angebracht,
zu sagen dieses:
Man ist nun mal sich selbst gedungen,
verheddert sich in eignen Psychen-Krätzen,
maßt sich nur an,
sich selber frei zu schaffen …
Ein Kreatürchen eben.
Und zwar ziemlich mieses.
Vergötzte Lyder-Hure* (53/63)
Vergötzte lydische Hure;
narkotisierendes Verlies.
Uns Durchschnitt
die tiefste Daseins-Fuhre:
Uns Göttin und Paradies.
Formierend das Ich,
das Wir und das Du.
Man kann ihr Kommando
nur ahnen:
Sie deckt uns mit Sinn
und mit Beute zu,
uns selbst nach oben zu bahnen.
Macht leer und verkommen
die Zeiten,
zerrüttet die Psychen,
macht gleich alle Dinge.
Macht auch, dass das Ich
sich als Mythe gewinne;
ihr sklavisch-verdinglicht
zerrinne.
Um letztlich als Halbgott
durchs Leben zu gleiten.
*Lyderhure: Geldmünze, Geld. Die Lyder sollen das Geld erfunden haben.
Standardselbst (53/64)/Sonett
Narzisstisch, ichschwach, innenweltfrigide,
von hypertropher Ichsucht all-besessen:
Das Standard-Selbst begehrter Wohlstands-Messen,
das trancegetrieben Marktgewalt aufglühte.
Zu setzen konsumtive Unterschiede,
von Arroganz und Selbstwertgier zerfressen,
sich abzusetzen von den Durchschnitts-Blässen
doch minderwertig kleiner Geltungs-Güte.
Dagegen ich: Ich will rein gar nichts wissen
von Stars, von Wert-Einpeitschern und Agenten
der Werbung, die des Kunden Es ausloten,
es hordenhörig gegen ihn zu wenden:
ihn, der sich richtet nur nach Angeboten,
sich Waren-Reizen lustvoll zu verschwenden.
Pech (53/65)
Teilnahmslosigkeit und Apathie.
Und das doch schon von Kindesbeinen an.
Sodass die Leere endet nie.
Auch weil sie gar nicht enden kann.
Durch Krankheit mir geworden Wesen.
Das mich, gebrochen, streng regiert.
Zwar nicht genetisch eingelesen.
Doch Tag für Tag durch Niedrigkeit diktiert.
Ein Zufallsschicksal. Tief mir eingewoben.
In dem ich mich verfehlen muss.
Verfügt zumal dem allgemeinen groben,
von mir durchschauten Nichtigkeiten-Fluss.
Andeutungen über diese tugendnarzisstische Mammon-Welt, in der ich lebe (53/66)
Bin letztlich ich nicht bloß noch ein Lakai
von smarten Wirklichkeitsverdrehern,
Entrüstungs-Mob und Warentyrannei
und Tugend geifernden Moralaufsehern?
Der Niedergang ist offenbar.
Man hat ihn ständig doch vor Augen.
Da prunkt ein internationaler Ich-Basar
von solchen, die nichts taugen.
Ist jeder doch in sich vergafft,
sich höchstes Gut in Was und Wie.
Wobei er ohne Skrupel rafft.
So Korruption vereint mit Perfidie:
Die Habsucht und erlöstes Mittelmaß,
das sich ergötzt, indem’s entgleist.
Dressiert auf kommandierten Spaß.
Und täglich so beweist:
Den Neid auf alles, was nicht seines ist.
Sich selbst die Gipfelkreatur:
Ein Emotionsverbraucher, der Vernunft anpisst,
devot ergeben seiner eignen Schur.
Sommerliche Freitagnachmittage im Büro (53/67)
In diesen Stunden wird mir das Büro zuweilen
gleichsam zum existenziellen Refugium.
Es findet kein Publikumsverkehr mehr statt,
das heißt ich muss keine streitsüchtigen Verbraucher
und ihre mürrische Launenhaftigkeit mehr fürchten.
Auch die Angestellten haben schon längst Dienstschluss,
stören also nicht mehr den eigentümlichen Frieden
dieser endlich menschenleeren Funktionsräume.
Nicht mehr bin ich ausgeliefert der zuweilen aufdringlichen
Disputiersucht und geifernden Sozialtyrannei
von mir gleichberechtigten Artgenossen,
die sich an irgendeiner meiner Bemerkungen störten,
sei’s im Rahmen eines Vortrages, sei es eines Seminars.
Immer mehr freilich muss ich damit rechnen:
Die Menschen sind dünnhäutiger, verletzlicher,
auf eine fast schon neurotische Art und Weise
sensibler geworden,
geradezu moralsophistisch und infolgedessen intoleranter.
Wahrscheinlich aber auch nur desorientierter, wirklichkeitsferner,
ängstlicher und haltloser,
da es keine Selbstverständlichkeiten mehr gibt,
keine fraglos geltenden Werte. Das macht auch aggressiv
und auf eine bedrückende Art und Weise dünnhäutiger …
Heiterkeit, Selbstironie und versöhnlicher Humor
scheinen mehr und mehr zu verschwinden,
um einer sterilen Betroffenheit Platz zu machen,
oft verbunden mit einem Pochen auf sich selbst,
dessen eigentliche Gründe nur schwer zu erraten sind:
Fundamentalistischer Feminismus,
Staats- und Schuld-Masochismus, Vertrauensverluste,
besserwisserische Bewusstseinsknebelei,
zweierlei Maß in Sachen Recht und Ethik,
sittliche Überbeanspruchung, medialintellektuelle Neigung
zu arrogant realitätsfremder, ja: totalitärer Vernünftigkeit
qua radikaler Würde-Ergriffenheit;
und dies, obwohl die gesellschaftlichen Gegebenheiten
von so was wie Würde nicht allzu viel zulassen können
(Gewinnstreben, Machtspielchen, Gleichgültigkeit
und Gewissenstod verhindern das);
einmal abgesehen von den wachsenden Schwierigkeiten,
noch so etwas wie naiv-kindliche Glückserfahrungen
machen zu dürfen: Das Glück muss konsumtives sein -
oder es ist gar keins;
so jedenfalls der Erlösung suggerierende
Reklame-Mystizismus.
Das ganze Dasein erscheint mir an solchen Freitagnachmittagen
viel freundlicher, heiterer, erträglicher, lebenswerter.
Und das nur deshalb, weil mich niemand hetzt,
irgendetwas zu erledigen, klarzustellen oder zu verdeutlichen.
Ich fühle mich - obwohl ich es tatsächlich nicht bin - frei:
Weil ich für mich sein darf,
ohne Konzessionen machen zu müssen
an meine Mitmenschen.
Und sei’s auch nur, dass die mich zwängen,
die unvermeidliche Sozialschauspielerei zu vollziehen:
Gesichtstheatralik und Beschwichtigungsautomatismen
zu mimen.
Noch in meinen letzten Tagen, sollte ich denn
nicht dement werden,
werde ich mich an den einen oder anderen jener
sommerlichen Freitagnachmittage in meinem kleinen,
mich doch so einsam bergenden, Büro erinnern,
meinen misstrauisch-dauererregten Mitmenschen
für ein paar Stunden definitiv entronnen,
um mich meinem Dösen und dem Schweigen der Geräte,
der Stille des Ortes und einer Gleichgültigkeit
zu überlassen, die selbst dann nicht schwindet,
wenn es mir wieder einfällt,
dass ich in einer hässlich-destruktiven,
eitlen und sich selbst hysterisierenden Welt lebe,
von der ich weiß, dass sie eine sehr späte ist,
eine, die sich so, wie sie geworden ist (substanzprekär),
wird wohl nicht halten können - jedenfalls nicht als Demokratie -
wieder sich selbst in die Falle laufend,
nunmehr einer technologischen,
der ein seiner selbst nie mächtiger,
nicht nicht werten könnender, wesensirrationaler,
notwendig heteronomer, sich selbst niemals habender,
schuldlos barbarischer Mensch auch diesmal
nicht die Mittel haben wird, zu entkommen.
Er, der sich sprachlich selbst fiktionalisieren
und konstruieren muss … ein sich selbst fremder Leib-Reflex.
Indes - ich bestehe darauf - nicht verantwortlich für,
oder gar schuld an dem, was er geschaffen hat,
völlig unfähig, das zu erreichen, was er plante,
hoffte und erwartete:
Geht er sich doch notwendig in die Falle:
sich selbst verfehlend und also auch das,
was er glaubt zu seinem Besten annehmen,
bewirken und realisieren zu sollen.
Eindrücke und Einsichten anlässlich des Vorüberziehens karnevalistisch Besessener (53/68)
Benebelte Blicke ablenkend, schlängle ich mich,
scheinbar unmaskiert,
durch die ungeordneten Reihen
enthemmungs- und verwandlungslüsterner
Ich-Entgrenzungseiferer.
Feinfühlig, ich sehe es ihnen an,
sehe es in ihren suff-aggressiven Blicken,
erfassen sie meine Vorbehalte gegenüber ihrem Treiben:
Sich selbst, wie ich meine,
enttaumelnde Entlastungs-Trunkene
verfallen dionysischer Entfesselungslust-Magie
und orgiastisch kaschierter Verantwortungslosigkeit:
Körper-, sex- und rauschsüchtig zugleich.
Tatsächlich ihnen krass Unrecht tuend,
suchen sie doch, wie ich auch,
eben nur auf ganz andere Weise,
sich selbst, dieser entnervend trübsalträchtigen Welt,
ihrer individuellen Orientierungslosigkeit …
Kurz: Diesem rational-nihilistischen Getriebe
einer glücksunfähig machenden und
entnervenden Alltäglichkeit für ein paar Stunden
Es-gesteuert zu entrinnen.
Ich-Atom (53/69)
Ich ziehe diesen letzten Schluss,
dass man sich, Daseins-Drangsal,
unfrei, immer unfrei wollen muss.
Genetisch neuronal fixiert,
sozial wie subjektiv sich nur fingiert,
determiniert sich zu gestalten.
Und dabei ausgesetzt ist den Gewalten
Pleonexie, Bemänteln, Angst und Täuschen,
Gespinsten (normativen Räuschen),
vorherbestimmt, sich aufzuzehren.
Nur eine Zufallslaune von Begehren.
Dies: Hochprekäre Hyle-Masse,
verträumt ergriffen,
- dass nicht sie objektiv sich selbst erfasse -
von Welt und Zwang. Doch faktisch ganz allein.
Subtil gesteuert, selbst sich Schein.
Was wir machen (53/70)
Was wir machen? Meistens erweitern wir
- ohne Alternative und zuweilen stupend erfolgreich -
die verinnerlichte kapitalistische Substanz,
die sich, von uns unbegriffen nach außen getragen,
in uns psychisch so tief eingenistet hat,
dass wir gar nicht mehr die geistig-sittliche Kraft hätten,
sie gegen sich selbst und unsere Verwahrlosungen
noch einmal - und zwar existenziell segensreicher - durchzusetzen.
Ist immerhin sie es doch ganz allein,
die uns befriedet, für uns scheinbare Sicherheit
und vor allem glücks- und tranceträchtigen Wohlstand schafft,
uns einzulullen mit Erlebniszufuhr,
realitätsverweigerungsträchtig und prestigemächtig.
Diese verinnerlichte kapitalistische Substanz:
Verdinglichung, Depersonalisierung, Unfreiheit.
Verdrängungsschaumschlägerei, Narzissmus,
Entschämung, Ehrlosigkeit, Entlastungsgaukelei …
Indes individueller Halt, existenzielle Notwendigkeit,
alternativlose Gesellschaftsgrundlage: Ratio-Ananke.
Voraussetzungen eines sinnträchtigen Lebens (53/71)
Um unser Leben
sinnvoll zu erfahren,
sind nötig Lebenslügen
und Fiktionen,
braucht es die Überschreitung
aller Fakten …
Vor allem die Gewissheit,
dass lenkt Gott.
Denn die allein erlaubt,
sich zu bewahren,
sicher dieser Diesseits-Welt
nicht sich zu verbiegen …
Sich mit sich selbst auch
zu verschonen,
sich nicht Vernunft-Ohnmacht
naiv zu fügen.
So ein Individuum (53/72)
Wirst nichts
als nur Phantom gewesen sein.
Der Sprache abgerungen.
Das Ich*? Die Selbste*?
Nur gedungen
von diesem lebenslangen Schein,
dass Einheit du,
gar Nicht-Ding seist:
Ein Geistes- und ein
Würde-Träger.
Das sind Fiktionen,
wie du weißt.
Denn faktisch bist du nur
ein Zeitgeistbüttel
psychisch zu bewohnen
das weite Feld der Daseinsträume
von Selbstverfügungsmächtigkeit …
Indes wer muss sich
nicht betrügen,
doch faktisch Stoff nur,
Nutzenwert und Zahl?
Der Fakten Spielball
ohne Zweck und Ziel.
Ein leeres, zufallswehes
Gram-Kapitel.
*Das Ich: als Bewusstseins- und Körpereinheit, Organismus und Triebgefüge -
hirngesteuert,
*Die Selbste: das
(1) empirische (das was man ist und sein muss) und
(2) das ideale (das, was man gern wäre, aber nicht sein kann) und
(3) das soziale, das einem die Artgenossen zuschreiben.
(4) Ich füge hinzu: Das inszenierte subjektive Selbst: Der heute narzisstisch geprägte Mensch inszeniert sich, etwa um die Aufmerksamkeit, die Bewunderung, das Interesse usw. anderer auf sich zu ziehen ... eine Art künstliches Sozialschauspielertum
S. Fremdwörterverzeichnis
Tage gibt’s (53/73)
Es gibt so Tage,
an denen mir diese Welt
noch fragmentarischer,
mürrischer und entlastungshektischer
erscheint als an anderen.
Etwa an den Tagen
inszenierten Trubels,
trivialreligiösen Grölens
und orgiastischer Verspaßungsrandale.
Tage, die jene als ihrer selbst
überdrüssig zeigen,
indes trauerunfähig,
seelisch verkrüppelt,
inszenierungslüstern.
Wohl ihre Endphase ahnend:
Den Zerfall der Konsumdiktaturen,
der Tugendgeschwätzeshülsen,
und der Illusionen von Solidarität,
Gerechtigkeit und Humanität.
SMS//Zufällig aus einer Papierhalde gezogen (53/74)
Fernsehen - auch:
Entmündigungsoffensiven.
Simplifizierungsbelämmerungen.
Subtile Tugendterrorpädagogik.
Funktionselitennihilismus.
Kopulationsanreize.
Flachschichtigkeitsrhetorik.
Intellektkorruption.
Tränengossenbehelfssentimentalität
Realitätsverweigerungsonanie,
meinungsarrogant sich beweihräuchernd.
Existenzielle Sozialhilfe: Schund-Überhöhung.
Dorfschatten: "Bella"/Für H. K. (53/75)
Heut Nacht hab ich von dir geträumt:
Von Rohheit, Suff, Verzweiflungsringen;
von dir, dem Gassenschatten von ganz unten:
verachtet, unbeholfen, doch jovial sich gebend,
dir deine Einsamkeit so zu verhehlen;
und diese Leere, diese innere,
zuweilen stumm dann in dir selbst versunken,
als sei's von vornherein dir so bestimmt gewesen,
dich ohne Daseins-Chance ins Grab zu saufen.
Himmelschwere Dunkelweiten (53/76)
Eine rätsellose Nacht.
Ein Wind weht lau.
Ganz tiefer Einsamkeit verbracht,
packt es mich seinsgenau:
Vergänglichkeit schäumt auf,
sich selbst zu fluten
im Zeitgleichlauf
des toten Guten.
Ich fange mich in jener ein
für einen Wimperschlag.
Mir Stoff in inszeniertem Nein.
Marktfeiler Nullbetrag.
ZINSJA (60) (53/77)
Warum nur sollte ich sie hassen,
all diese infantilen Kunden?
Ich lebe doch von ihrem Tun und Lassen,
auch wenn sie legen sich so manche Lunten.
Ich kann es ihnen nicht verdenken.
Sind sie doch gottverlassen heimatlos.
Da ist nichts mehr, sie kulturell zu lenken.
Sie müssen leben Geld und Schoß.
Verwahrlosungsentzückungslust goutieren.
Grad als Erlebnistaumelhaufen,
der sich nicht selber mehr kann führen,
Effekten hörig, muss sich Sinnramsch kaufen …
Zumal ich selber nichts zu bieten habe:
Der Geist ist asozial und elitär,
begreift als Nihilismus-Kult die Gabe,
zu einen Freiheit und Monadenheer.
Einwände (53/78)
Man kann’s auch anders sehen,
dieses Heute. Sehn als Geschenk und positiv:
Man muss es nicht so sehn wie ich:
Vor allem nicht als Trug und Gram-Geschehen.
Kann sagen, dass es aller Glück Hort,
ein Wunder sei an Daseinschancen,
zumal ein friedlich-sichrer Ort,
gewährend gar Vollendungstrancen.
So kann man’s auch betrachten; in der Tat:
Dass jeder machen könne, was er wolle;
zumal, wenn unten, dann der Tugend-Staat
Respekt und Anerkennung einem zolle.
Und auch das Faktum nicht kann ignorieren:
Dass das System doch unsre eignen Träume
vom guten Leben will uns produzieren:
Besitz, Erlösungs-Lust, Erfolg und Geltungs-Räume …
Will faktisch uns gar in Vollendung lenken:
Wie wir gewöhnlich sie betrachten:
Schön, stark zu sein; nicht allzu viel zu denken,
sich was zu gönnen, auf den eignen Vorteil achten;
sich jeder Lust und Macht-Chance einzusenken,
so auszurichten all sein Trachten
auf was an Gut sich biete, restlos auszuschlachten.
Es weiß ja: Jedem geht es nur um sich.
Das heißt, es muss nicht nur gelegentlich,
nein, permanent ihm bieten jeden Stich,
ermahnend ihn: greif zu, erlebe dich!
Aufklärung (53/79)
Damit‘s keine Missverständnisse gibt:
Ich will nicht den Kapitalismus abschaffen
(was immer das auch hieße).
Das wäre lupenreine Intellektuellen-Hybris.
Eben Verantwortungslosigkeit.
Allerdings möchte ich nicht
- und werde es auch nicht, schon längst zu alt -
seinen in ihm selbst begründeten Untergang
noch erleben …
Wird der doch - wie’s aussieht - den tiefsten Hass
und jede Form von auch extremstem Zynismus
lückenlos befriedigen:
Endend vielleicht sogar
in totalitärer Barbarei und
grenzenloser Sapienten-Bestialität.
ZINSJA (141) (53/80)
Aber ich weiß es doch,
weiß, dass es gut ist,
wie es ist;
ja: nicht besser sein könnte
wie es ist:
Erfolgreich ausgeblendeter
und verdrängter Vergeblichkeitslauf
als progressiver molekularer Verfall.
Indes umsäumt
von minütlich verwirbelten
Faszinationen,
von stündlich sich türmenden Glücken
im Schoß vollendeter
Entlastungsträumerei.
ZINSJA (154) (53/81)
In mir zieht sich
die Materie,
scheinbar,
von sich selbst ab:
trunken vor Sehnsucht
nach geistigem
Urgrund.
Stumpfsinntrance (53/82)
Die Große Leere hab ich zugeschwiegen.
Die, die wir alle sind.
Verfügt Identitätsbegehren.
In ihm uns widerspruchsverkümmert dann verfallen.
Um die Person so los zu sein,
sie stoffgeborgen
in einer Stumpfsinntrance zu wiegen
in jener Stille leiblich plumper Schweren.
Für einen langen Augenblick zu meiden
dies normative Sollens-Lallen,
dies rätselhafte Geistes-Labyrinth,
das intellektbedrückte Morgen.
Am bloßen Körper mich zu weiden:
Mich nicht Zerrissenheiten hinzubiegen,
nur radikal in sich gefangnes Kind.
Frei von Bedenken, frei von Sorgen.
Auch dieser Hyle Schöpfungsgleiten:
Ihr Allmachtswirken zu verehren,
weil sie uns schuf
aus ihrem Teilchenwallen.
Nebenbei bemerkt I (53/83)
Verflachungssüchtig
entwinde ich mich
meinen Geist-Schimären:
Offenbar so hoffnungslos,
dass mir
nichts anderes übrigbleibt,
als auf Entlastungsverwahrlosungen
zu setzen.
ZINSJA (158) (53/84)
Endlich habe ich es geschafft:
Auch ohne Befehl fliegen jetzt
die letzten Daseins-Belämmerungen,
Beschönigung um Beschönigung leichter,
in die echolosen Schneisen
meiner immergleich luziden Spätzeitabende,
längst den von uns angerichteten
Entgleisungskatastrophen
auf die Schliche gekommen.
Ohnmacht (53/85)
Die Diktatur des Mittelmaßes?
Ja. Das trifft allenthalben zu.
Die biedere des Wohlstandsgrases.
Aus der wird nie ein Schuh.
Und die des Terrors? Der Partei?
Die ist doch auch nicht besser.
Als ob’s ein Leben sei,
sich selbst an Faust und Messer:
Zensoren auszuliefern:
Nur weil man sagt, dass B sei B.
Um dann von offiziellen Prüfern
zu hören, B ist C.
So will ich mich beeilen,
dies Warenparadies zu loben.
Wo sogar meine bösen Zeilen
sich dürfen Unernst, Lust und Trance austoben.
Zynisch ungeschminkt (53/86)
Angesichts der totalitären Entfaltung des Konsumkapitalismus
und der Umwidmung seiner Subjekte in seine
unreflektiert willigen Partisanen,
wundere ich mich nicht,
dass ich Abend für Abend für mich allein sein möchte,
sei’s um TV-trash zu konsumieren,
sei’s um Gedichte zu machen,
sei’s auch,
um halt- und ziellos umher zu starren,
widerständig gegen jede Form von Information.
Freilich könnte ich ab und zu eine Frau kommen lassen.
Indes auch davon sehe ich ab,
weil ich weiß,
wohin das sehr wahrscheinlich führen würde.
Nämlich dazu,
dass ich dann,
dauermonologisierend,
all das neutralisieren müsste,
was mich auch in jene einsame Lebensweise treibt:
Sentimentalität,
Trivialpsychologie,
personale Indiskretionen,
Verbraucherbelanglosigkeiten,
Lebenslaufverwundungen und vor allem
urlaubs-eudämonistisch träumerische
Vorausberauschungen: Narzissten-Individualismus.
Um es offen zuzugeben:
Mein Ekel vor dieser Realitäten verweigernden Gesellschaft,
meine Nähe-Phobie,
meine vehemente Abwehr des hedonistischen Zeitgeistes,
der Tugendarroganz und ideologisch-klerikal
primitivisierenden Weltoffenheit,
zumal der kratophoben* Polit-Beliebigkeit,
drängen mich sozial immer weiter an den Rand.
Was ich freilich in Kauf nehmen muss,
um mich nicht selber zu verraten
und selber verachten zu müssen.
*kratophob griech.: Ängstliche Ablehnung der Ausübung von faktengebotener (machiavellistischer) Macht
Spaßgesellschaft II (53/87)
Der lückenlos anbefohlene Kommando-Hedonismus
als somatozentrischer Infantilismus ist es vor allem,
an den ich hier denke.
Der irgendwann dazu führen muss,
dass auch die letzten Reste von Lebensfreude,
Einsichtsfähigkeit und erotischer Phantasie
im Zuge der marktrelevante Ich-Anteile
optimierenden Erlebniszufuhr
bruchlos liquidiert werden.
Spätestens unter der Diktatur
der Künstlichen Intelligenz.
Sie wird den Menschen definitiv
zum Exemplar degradieren.
Luzide Feststellung - Selbstbewahrungsrechtfertigung (53/88)
Von einer Bindung will ich gar nichts wissen.
Die presste mich doch in Gewöhnlichkeitsvollzüge.
Und die, die kann ich mir nicht leisten:
Ich will mich nicht in deinen Armen selbst vermissen,
will keine abgefeimte Lebenslüge,
will nicht, dass uns Fiktionen speisten.
- Einmal ganz abgesehen von meinem
notorischen Misstrauen, was die Diskrepanz angeht
zwischen unseren fundamentalen Wünschen
und unseren tatsächlichen Fähigkeiten,
diese auch nur ansatzweise in Lebenspraxis
umsetzen zu können:
Man lügt ohne Absicht in Zeiten wie dieser,
auch sich selbst was vor,
in einer Zeit, in der fast jede ans Licht gehobene Seelenwurzel
sich als bodenlose Selbstentgleisung erwiese. -
Ich will mich daher ohne dich verfehlen,
mir Inhalte allein halluzinieren,
mich nicht mal ansatzweise von dir tragen lassen.
Bist du doch auch das Resultat
subtil vermittelter gesellschaftlicher Gewalt:
Der einer personal deklassierenden Konsumdiktatur,
die, subtil-hinterhältig
in geistig-seelische Ohnmacht lockend,
einen in Vereinzelung, Selbstentmächtigungs-Narzissmus,
Ehrgeiz und pathologische Anmaßung treibt,
mit denen dann fertig zu werden nur
die sehr seltenen Qualitäten
faktenbasierter Einsicht,
radikaler Redlichkeit und
ein nicht kalkulierter Anstand
geeignet sind.
*
Sind wir uns doch auch selber fremd,
vermögen nicht mehr uns zu greifen.
Von hochkomplexer Wirklichkeit gehemmt,
der wir uns müssen doch verschleifen,
wenn wir bestehen wollen die Erlebnisfüllen,
die uns systemkonform doch prägen;
verhindern noch die seltnen Stillen,
in denen wir uns könnten wenden gegen
die Lenkung durch das Marktsystem:
Weil seine Diktatur wir ahnen.
Zumal die dekadent macht, spaßbequem …
Uns dazu bringt, sich ihr zu bahnen.
Heimat (53/89)
Gefragt, was Heimat sei, muss dies ich sagen:
Dem Heimatlosen fremde Winzigkeiten,
die still warn, zart und schön für Augenblicke,
so kurz vergessen ließen jener Wesen:
Sei’s rohe Unschuld, Kälte, sei es Stumpfsinn gar.
Ein weißer Flieder barg sie,
der sich, windverliebt,
mir über einen Zaun entgegen warf:
Ein Husch von Gottes Vielgestaltigkeit.
Der Nachbarshunde Winseln auch,
das darum bettelte, sie weg zu streicheln
von ihren Ketten und Gefängnishütten.
Und Annis Trostleib, der mich wärmte,
grobschlächtig anzusehen, tief mich hielt
in sehnsuchtslos beglückter Gegenwart.
Indes die Bläuen brandeten mein Wesen an,
es rissen hoch, weit über mich hinaus,
geahnter Güte mich zu überlassen.
Zu krümmen mir zuliebe auch die Steine
in Richtung Sonne, ihre Härte blähend,
als wüssten sie um Freiheit in Zerfall.
Dergleichen hat mich lebenslang getragen,
ließ überwinden mich auch noch die dunklen Seiten:
Die Niedertracht, Erniedrigung und jene Tücke,
die alle, nicht verdrängend, läsen
als Illusionsgewand von Schön und Gut und Wahr.
Realistische Bestandsaufnahme (53/90)
Dass meine Sehnsüchte - und zwar ausnahmslos -
ins Leere schießen, einfach kindisch sind,
und meine Hoffnungen zumal absurd,
das weiß ich längst, hab’s immer wohl gewusst.
Doch nicht die Kraft gehabt, es mir auch zu gestehen.
Und das gilt auch für dies: Mein Dichten,
das dienen soll, mir diese Welt und mich zu greifen.
Allein wofür? Wie könnte mich das heben?
Anheim gegeben einer Massentyrannei,
die alles tut, sich auszutoben,
die Welt zu einem Trog zu machen,
in dem sich selbst dann ich-froh hinzusudeln.
Monaden-Los (53/91)
Ich kann es nur noch einmal wiederholen
- wie oft schon habe ich es doch gesagt! -
Man ist für sich an sich gebunden.
Allein. Sich sprachliches Gefüge.
Man muss sich so in Werten polen,
Bedarfsfiktionen, sich als Welt erfragt,
als Ich-Phantom und dessen Daseinsschrunden.
Und wie man vorteilhaft sich selbst betrüge.
Inzwischen kann ich gar die Wahrheit lesen
(was Sollen angeht: die Moral):
Sie ist das Flittchen hominider Kern-Synthesen
von Macht, Verführung, Korruption und Zahl.
Zwang, Ich-Fiktion und Pseudo-Welt (53/92)
Ich bin mir selber doch schon untertan:
Als Leib mir aufgezwungen.
Genom, mir weisend meine Bahn.
Bin mir als eigner Zwang gedungen.
Um wie viel mehr dann andern Mächten?
Die mich mit Pseudo-Rätseln konfrontieren.
Indes nur drücken, täuschen und verknechten.
Mich zwingen so, mich zu verlieren
im Pathos sprachlicher Fiktionen.
Wie Würde, Selbst und freier Wille …
Entlastungswahne, die Affekt belohnen:
Mit Sinn betrügen und Bedeutungsgülle.
Wind-Grab (53/93)
Keine Erde, keine Stätte,
keine ortsgebundne Stille.
Dass ich einst ein Windgrab hätte,
ist mein unbedingter Wille.
Wind-Sog, meine große Liebe,
soll dann meine Asche treiben,
Spielball seiner Zufallsschübe,
ihm soll sie geborgen bleiben.
Bis ihr letztes Korn sich löst.
Allen Seins-Grams dann entblößt.