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Leib-Verfall (05/1)
Dass leiblich ich verfalle, spüre ich;
inzwischen kann ich es gar sehn.
Muss es ertragen Tag für Tag
als grabwärts strebendes Verwehn:
Als Altersschicksalsschlag.
Dem zu entrinnen ganz unmöglich ist.
Er ist der Lauf der Dinge.
Man ist ja Leibzermürben: eine Frist
als Trieb-, Bedürfnis-, Schmerzen-Schlinge …
sich lösendes Materie-Gerüst.
Indes hat das sein Gutes auch:
Befreit der Tod von Vielem doch.
Von Irrtum, Scheitern, Schall und Rauch;
zuletzt vom ganzen Daseins-Joch
in einem stillen Krumen-Loch
Untergang (05/2)/Sonett
Wir sind Natur; und werden’s immer bleiben.
Soll heißen: zufallssiech und ausgesetzt.
Wir werden technisch selbst uns hintertreiben;
so doppelt bis zum Untergang gehetzt.
Und dass verschwinden werden wir zuletzt,
ist sicher: Irgendwas wird uns entleiben …
Krieg? Klima? Seuchen? Ratio, die uns hetzt? -
Die letzte Art* wird sich wohl Tod verschreiben.
Doch warum denke ich darüber nach?
Ich werd dazu gehört doch auch mal haben:
ein Species-Exemplar gewesen sein:
Ein Sein, als Widerspruch sich liegend brach:
Als Hochbegabung - wenn auch triebversehrt -
der Hyle Selbst als Geistes-Widerschein*?
*Letzte Art (species): homo sapiens, also wir.
*Letzte Zeile: In uns, durch und durch Materie-Gebilde,
wird sich die Materie ihrer selbst als die alleinige Grundlage von Intelligenz, Rationalität und Geist inne: basierend auf zufällig (nicht notwendig) sich entwickelt habender materieller Komplexität.
Selbst- als und Wirklichkeitsverlust (05/3)
Man ist primär doch hilflos selbst sich ausgesetzt;
sich selbst als inszeniertem Ich.
Geht mit sich selbst so auf den Strich,
von Selbst- und Wirklichkeits-Verlust gehetzt.
Wird leicht so einem Scheinweltzugriff Stich.
Zumal die Außenhalte sind zerfallen:
Die metaphysisch-kulturellen,
die staatlich-rechtlichen, die institutionellen …
die Selbstverständlichkeit von allen Werten.
Dann muss man jedem Zeitgeiststuss verfallen,
wird anonym als Niete sich dann erden:
Verfügungsmasse in des Marktes Krallen:
Als Prototyp der seelisch tief Versehrten.
Als der man nicht mal mehr sich selbst kann stellen:
verdinglicht fremdverfügtes Abklatsch-Wallen …
Ganz außerstande, das sich aufzuhellen:
Dass man, System-Wicht, müsste Selbsttrug lallen.
Von selbstzerstörerischer Oberflächlichkeit (05/4)
Wenn ich bedenke, wie es um mich selber steht:
Nun, ich bin einsichtsaggressiv und unzufrieden …
weil’s den Verbrauchern hier nur um sich selbst noch geht,
weil Markt-Narzissten haben geistig nichts zu bieten,
weil die Funktions-Eliten Schein statt Tat erhöht,
weil selbst Experten immer noch naiv das Märchen hüten,
der Wohlstand werde bleiben unser Halt-Gerät,
zu schützen uns vor Weltanschauungs-Mythen …
grad weil ich all das als Verwahrlosung erfahre,
als kulturellen Einbruch, Innenwelt-Versehren,
Demokratie-Verfall und letztlich Rechtsstaats-Bahre,
drängt sich mir auf die Barbarei der Seelenschweren,
die weitaus tiefer reicht, da Selbstgenuss doch ist als Ware -
so auch Vernichtungslust ist: Drang ist, selbst sich zu zerstören.
Vom marktfundierten Stumpfsinn und dessen Folgen (05/5)/Sonett
Der Stumpfsinn wühlt in allen Seinsbereichen.
Die rohen Seelchen weiter auszudünnen,
auf dass sie indolent sich selbst ausweichen …
gehorsam Zeitgeist-Diktatur zerrinnen
in einem Kosmos hochabstrakter Zeichen,
um dauereskapistisch - wie von Sinnen -
am Ende sich entmächtigt selbst zu eichen:
sich Selbstverlust und Ohnmacht einzuspinnen.
Das wird die Volksherrschaft zugrunde richten,
wird sie endgültig aus dem Kopf verstoßen.
Längst vorbereitet doch von geistig schlichten
Ideologen blasser Wortschutt-Rosen:
machtsüchtig letztlich nur auf sich erpichten
Narzissten, die sich als vollendet kosen.
ZINSJA (Zusammenschau in späten Jahren)
ZINSJA (27) Würde (05/6)
Dass der Mensch eine Würde habe,
das kann ich nicht bejahen.
Kann es nicht aufgrund
meiner Lebenserfahrung,
meiner Redlichkeit und
meines Realitätssinnes.
Dass er sich indes eine anmaßen muss,
das mag begründet sein
in seiner Niedertracht, Gemeinheit,
seiner Pleonexie und seiner
radikalen Verlassenheit in dieser
ratiohypertrophen Ding-,
Lust-, Geltungs-, Show-
und Gaukel-Welt.
Überhaupt: Wie könnte ein
in jeder Hinsicht heteronomer,
ichlüsterner Täuschungsvirtuose,
ein so gänzlich schuldunfähiger
Knecht sapienter Barbarei
ein Träger von Würde sein?
Zumal er, wäre er es, nicht selten
benachteiligt, verleumdet,
ausgegrenzt und verspottet würde,
er, der sich selbst übermächtigende,
sich selbst zurücknehmende,
sich selbst um eines Wertes an sich willen
überschreitende Bedürfnisbüttel …
der sozusagen eine Art Übermensch
würde werden müssen;
wäre das auch als Würdeträger:
als dieser sich Zweck an sich: Person
und überhaupt ein sich jede Form
von Pleonexie radikal verbietender
Fremder in der heutigen Gesellschaft.
ZINSJA (21) Daseinslachen (05/7)
Hinter sich hat man es erst
am Ende des Sterbeprozesses:
Das Alleinsein.
In allen Stunden, ausnahmslos,
sich rücksichtslos aufdrängend.
Von Anfang an.
Notdürftig verhüllt in Gleichgültigkeit.
Verdrängung, emotionaler Belämmerung,
So-tun-als-Ob, Drogenkonsum,
drastischer Ablenkung ...
Wie all die andern tabuisierten
Daseinslachen auch.
ZINSJA (22) Ankommandiert (05/8)
Die Konsumdiktaturen
lassen auch noch
- was bliebe ihnen denn
anderes übrig? -
ihre Leeren verprassen.
Und die das lustfrenetisch tun -
die spaßgierg in sich
verbrachten Subjekte -
halluzinieren dabei
Autonomie.
Verroht durch Gewissensschwäche,
Pleonexie,
geistige Deklassierung
und infantil emotionalisierende
Dauererregung,
lassen sie sich treiben.
Geben sie sich auf.
Entledigen sie sich ihrer
als Person.
Sich durch Wolken
von technisch-magischen
Reizen, Signalen und Zeichen
ankommandierter Identität
träumend.
Geistige Freuden (22) (05/9)/Sonett
Es gibt sie noch. Jenseits der konsumtiven;
obgleich nie massetauglich; daher selten:
Die Freuden elitärer Schaffenswelten.
Die Stillen, Transzendenz und Sinn verbriefen.
Sie schenken Selbstgewinn durch seelisch tiefen
Entlastungseinsatz gegen Psychen-Kälten,
Pleonexie-Dunst und steriles Gelten.
Vor allem gegen die eventlasziven
Verheiligungen dieser Ramschmohn-Sekte.
Sie brauchen keine technischen Effekte.
Und keine marktverfügten Eitelkeiten.
Geschehen wesenszart als geistgedeckte
Erhöhungsschübe, die vom Ich abscheiden.
Und distanzieren alles Tausch Verzweckte.
Genetische Gnade (05/10)
Ich bin nur das, was ich muss sein.
Genetisch auch mir vorbestimmt.
Ein Selbst in einem Geistes-Hain,
das sich konform verglimmt:
Das keine Wünsche hat, was anbelangt
Prestige und Anerkennung und Applaus,
das nicht nach derlei Gut verlangt,
weil gar nicht wohnt in der Gesellschaft Haus.
Sich abgesondert stets erfahren musste:
Als Sonderling und Freund der Einsamkeit.
Der freilich grad als dieser wusste,
dass faktisch wäre es gescheit,
zu akzeptieren das Primat
von Geld und Macht: Pleonexie,
von Recht, sozialer Schichtung, Staat …
Weil Geist nie sein kann Leibwohl-Strategie.
Persönliche Auslassungen (05/11)
Obwohl mich kaum jemand verstünde,
ich sage es ganz offen raus:
Ich lege größten Wert auf Seelengröße,
auf Geistestiefe, ernste Selbstansprüche.,
auf Selbstverpflichtung, Selbstdistanz,
auf Sachlichkeit: auf Sinn für Faktenlagen.
Grad weil, was ist, die Menschen steuert,
sie konsumierend ihrer selbst benimmt,
zu solchen macht, die sich verlieren sollen
als Kunden-Rausch in Kauf-Ekstase …
Auch um politisch sie zu ignorieren,
weil ichbezogen sie sich frei erleben.
Was mich betrifft, so kann ich sicher sagen,
dass ich primär so eine Strategie verfolge,
mich zu behaupten wie ich’s wollen muss;
als jemand, den sein Stolz antreibt,
zu wissen, was warum er letztlich tut.
Obwohl das schwierig ist in einer Welt,
die ihn doch ständig auch manipuliert,
ihn fraglos untertänig sich zu machen,
ihn von sich selber abzubringen,
um letztlich ihrer Tyrannei zu dienen,
die ihr notwendig innewohnt …
Ich meine jener, der man fronen sollte,
weil immerhin sie einen nötig hat,
ihr Wohlstands-Kartenhaus zu festigen …
Durch Selbstbetrug, durch Schein und Show,
durch Trance-Orgiastik, einer Droge gleich,
die dann begehrenswert macht dieses Leben.
Und dies zu leugnen, bin ich nicht bereit.
ZINSJA (28) Unsägliche Banalität (05/12)
Ich werde nichts weiter gewesen sein
als eine biosoziale Monade,
die sich um sich selbst gedreht haben,
sich selbst ausgesetzt und überantwortet
gewesen sein wird …
Und zugleich eben, ununterbrochen,
allen diesen anderen unglücklichen,
entlastungssüchtigen, desorientierten
und wohllebenshörigen Zeitgenossen.
Haltbedürftig agieren wir alle,
unterworfen sinnflüchtiger Vergeblichkeit.
Unschuldige Organismen (Körperdinge),
die sich - ichschwach - nach Glück,
Anerkennung, Zuneigung, Liebe,
Geborgenheit und Erlösung sehnen.
Auch um zu verdrängen, dass sie
nichts weiter sind als Vergeblichkeitsdiener,
als Verbraucher (Gewinnpotentiale)
einem trancedichten Dasein eingepfercht,
ausgeliefert, ausgebeutet (von sich selbst auch)
radikal marktverfügt, Rollenträger sind.
Entfesselt einem Dasein von unsäglicher Banalität:
Quantität, Nutzengröße, Datending (Merkmale,
Eigenschaften, Präferenzen, Nummer), Zeit,
Bedürfnismaß, Leistungskraft und Zahl.
Indes zuletzt niemandem zur Last zu legen,
drückt all das aus doch, was wir kerntief wollen,
soll heißen: stündlich wollen müssen, weil wir's sind:
weltausgeliefert Leibgefüge in deutungsloser Widersprüchlichkeit,
allein, prekär und hilflos schwach ...
ZINSJA (30) Andere Formen der Einsamkeit (05/13)
Ich zähle die Nullen
einer Außenseiterexistenz.
Ich tu’s klaglos.
Wissend um die Vorteile
eines Verzichtes
auf was uns allen
erstrebenswert erscheint:
Rausch, Anerkennung,
Macht, Entlastung,
dann Leibgenuss und
Welt- und Selbstvergessen …
Herrliche Nichtigkeiten,
drangsalvergänglich,
manchmal gar fleischsakral …
Indes doch auch nur
Einsamkeiten anderer Art:
Solcher mit einem Du,
in einem Du, durch ein Du:
Orgiastisches Fürsich-:
unaufhebbares Alleinsein.
5 Sonette
Diese Sonette (05/14)
Sie gönnen keine Emotionszufuhren.
Sie, diese analytischen Sonette.
Sind nicht gedacht für gängig menschlich Nette
mit doch diffusen Existenzkonturen.
Noch sind sie Intellektuellen-Suren
in idealbegrifflicher Stafette.
Noch auch Empörungs- oder Medien-Glätte,
sich schwankendem Bewusstsein ein zu spuren.
Sie bündeln vielmehr Spätzeitillusionen
im Widerschein von harschen Kämpfen gegen
die Zeitgeistkräfte und die Macherdrohnen,
die sich entfalten auf verschlungnen Wegen
und, angetrieben auch von Unpersonen,
die Wohlstandslunten an sich selber legen.
Variante 1 (zu „Diese Sonette“, Zeilen 9-14):
Sie sollen zeigen diese Destruktionen:
Die der Person, der Hochkultur, der Chancen,
sich abzukehren von den Wohlstandsmohnen
der technologisch produzierten Trancen,
um sich als Fremdling balzend einzuwohnen:
Als Warenreichidiot entseelter Zonen.
Variante 2 (zu „Diese Sonette“, Zeilen 9-14):
Sonette - radikale Abrechnungen
mit was auch immer mich düpieren sollte,
damit ich eins zu eins dem Markt gelungen
sei’s Wohlstandstyrannei, sei’s Starschund wollte,
sei’s von Polit-Phantastik eng umschlungen,
als Stimmvieh Staatsversagen Beifall zollte.
trash culture (05/15)/Sonett
Streng habe ich gehalten diese Zeilen,
um eine Geisteskühle anzuregen,
die nicht gerichtet ist auf Umsatzwägen,
Prestige und Spaß und fade Tagtraumfeilen.
Bombastiktrivial sich aufzustylen
trash, show biz, Kunsttrance und medialen Trägen …
Erlösungsträchtigem Ekstase-Segen,
behelfsberauscht sich selber zu enteilen.
Indes warum denn denken statt sich graben
in Illusionen Reiz verwobner Welten?
Wer will an Einsichtswehen teil denn haben,
die einen selber doch in Frage stellten:
Ob man denn noch verfüge über Gaben,
zu hemmen Selbstzerfall und Seelenkälten?
Für sich wertvolle Einsichtsnetze (05/16)/Sonett
Das liest doch niemand. Das ist viel zu schwer.
Und überdies auch viel zu rational.
Es handelt nicht von Liebe, nein: der Zahl.
Ist für Effektverbraucher wohl zu hehr.
Wie überhaupt die Sprache eher Qual
für jemand ist, der geistig-seelisch leer,
mithin gewöhnt ist ans mediale Heer
ganz simpler Phrasen aus dem Spaß-Kanal.
Mich kümmert’s nicht. Ich bin damit zufrieden,
mit den Sonetten Einsicht einzufangen,
die mir mag Ruhe oder Abstand bieten
von zeitgeistschwanken Jenachdem-Belangen.
Die Politik wie Geldwirtschaft mir schmieden
als sapiensspät subtile Psychen-Zangen.
Ein Intellekt-Gebilde (05/17)/Sonett
Es lässt sich nicht emotional erschließen.
Das heißt: Man kann den Inhalt nicht erleben.
Als Kick, als Spaß, als simples Spannungsbeben.
Weil man sich konsumistisch will zerfließen
in kundentypischem sich selbst Genießen.
Erlebniseskapistisch Rausch ergeben,
sich von was Ichsucht stört, hinweg zu heben.
Auch deshalb wollte ich Sonette machen,
um diesen Geistesausverkauf zu meiden,
den Druck, zum Standard-Ich mich zu verflachen
und intellektuell mir zu entgleiten.
Um gängelnder Beglückung ab zu lachen
Verrohungshämen dekadenter Zeiten.
Essenzaporie (05/18)/Sonett
Sonette mache ich, um Daseinsschweren,
mich selber überschreitend, zu entfliehen.
Denn diesen Schweren bin ich so gediehen,
dass sie mich kommandierend stets belehren,
ein Nichts zu sein in ihren Kunden-Heeren,(5)
die längst die Welt sich formten und sie ziehen
als Ungenügen spaßesstierer Mühen (7)
in Sinnverlust- und Untergangs-Miseren.
Und Rettung kann ich nicht für möglich halten, (9)
wenn ich an Hybris und Verblendung denke;
an alle unsre Tugendtruggestalten,
verführend uns als Phantasie-Geschenke,
als Selbsterhöhungs- und Vernunft-Gewalten.
Tatsächlich kalkulierte Machtspiel-Ränke.
Varianten
*Zeile 5: „ein Nichts zu sein vor ihren Gleichungs-Seren.“
**Zeile 7: „als tote Masse wohlstandsstierer Mühen.
in Untergang … Ob dem noch ist zu wehren?“
***Zeilen 9 bis 14:
“Wer weiß? Ich muss es für unmöglich halten,
wenn ich an Hybris und Verblendung denke.
Und überhaupt an all die Truggestalten
politischer und asozialer Ränke.
Und all die Formen von Brachialgewalten,
die wir verüben, da uns Daseinstränke.“
Richtigstellung (05/19)
Dass depressiv ich je,
gar suizidgefährdet,
auch ansatzweise nur
gewesen wäre,
nun, das ist nicht der Fall,
obwohl es nahelegen
die alles Glück
verneinenden Gedichte.
Im Gegenteil:
ich bin substanzgeerdet,
bin’s auch, wenn ich,
zwecks Welt- und Zeit-Abfuhr,
mir das, was wirklich ist,
luzide lichte,
um mich dann geistig
nur zu hegen
in diesem allprekären
Unschulds-Stück …
Ganz ohne Gottes-Segen:
ohne Seine Fähre …
Was sollte ich da
Schwermut wägen,
mich nihilistisch
stellen gegen
das Ratio-Wesen,
das vergeblich wertet?
Nein, nein. Ich heb
mein Glas auf es,
zu wünschen ihm
Vollendungs-Spur.
Amerika - In einem seiner Wesenskerne (05/20)
Die coolen Helden
lassen keinen Zweifel,
dass, wenn es gälte,
diese Welt zu retten,
sie zu befreien gar
von allem Bösen,
dann sie das schafften,
sie allein …
Sei es im Film,
sei es real.
Weshalb ihr Blick,
entschlossen scharf,
von Härte zeugt,
wenn er ins Weite schweift:
Nach innen freilich auch,
in ihre Seelenleere
die aller toughen,
inszenierten Guten.
Wie die
der masters of the universe,
die dieser Möchtegern-Despoten:
Der hightech-Asozialen
mit dem dumpfen dream …
indes bezeugt
von weisen Kettensägen,
von ihrem Silberrücken
Richtung Mars gestoßen.
Kapitalismus, Massen und Lebensweisheiten (05/21)
Der Kapitalismus, höre ich, betröge die Massen,
bringe sie um ihre Persönlichkeit, Mündigkeit und existenzielle Souveränität, hielte sie unten, bringe sie um Gerechtigkeit, Gleichheit und alle kulturellen Formen der gesellschaftlichen Teilhabe überhaupt.
Zumal auch um Chancengleichheit, Würde, Stolz und Anerkennung …
Darum auch, sich ein auf Dauer materiell abgesichertes Leben leisten zu können: Wohlstandsfülle als Wurzel aller Lebensqualität.
Gewiss doch, wenn er - macht er - produziert Adiaphora.
Na und? Wollten die Massen doch auch betrogen werden, ihrem Wesen nach irrational, infantil, verdrängungsversessen, erlösungsbedürftig (das zeige ihr Verhältnis zu Sport), genussfrenetisch auch und gar entfesselungsapathisch.
Indes was soll denn dieses unverständige Gerede?
Was sollen die pseudoethischen, formaldemokratischen
und kritisch kapitalismusfeindlichen Leerformeln?
Sind doch beide sozusagen weise, soll heißen: realistisch: Der Kapitalismus wie die Massen,
im Wesen sich doch einig.
Der Kapitalismus ist realistisch, indem er die Menschen nimmt, wie sie meistens sind: Pleonexie-Knechte, Ich-, Hab-, Macht- und Genuss-Sucht frönend; präziser:
dies wesensmäßig müssend.
Und diesem Daseinsdruck schafft der Kapitalismus Abhilfe, den Menschen die materiellen Wünsche erfüllend, die sie erfüllt haben wollen …
Schon um sich selbst was zu sein, sich was zu gelten, resultiert doch aller Selbstwert gewöhnlich
aus der ungehinderten Verfügung über Kaufkraft, Vermögen, Entlastungs- und Genuss-Chancen, Haben und Gelten überhaupt.
Die Massen, weil sie intuitiv begriffen und immer noch begreifen
- im Gegensatz zu Parteien, die sie zu vertreten beanspruchen, aber, wirklichkeitsverlustig, zu sehr moralisieren -, dass das Gerede von einer humanen, würdebasierten, weil sozialistisch, also gerecht, organisierten Gesellschaft, einer Gesellschaft der gleichen, gleichberechtigten, fürsorglichen, sich gegenseitig stützenden, wertschätzenden,
aus aller Entfremdung entlassenen Brüder und Schwestern, geeint durch eine große Idee, im Kern nichts weiter ist als ein Sammelsurium totalitärer Illusionen, utopisierender Entlastungskonstrukte und ideeller Selbstbetrugsweisen … Ideologen-Träume, außerstande, auch nur einen Tag und eine Nacht psychischen und geistigen Halt:
psychophysische Sicherheit zu gewähren, dass sie gefahrlos würden überstanden werden können:
Muss man doch jedes hohe Ideal entweder völlig aufgeben oder eben die Menschen dazu zu zwingen, es zu übernehmen - äußerlich, wider Willen, klug verlogen - durch die Anwendung von Zwang, Gewalt, Folter, kurz: von allen Formen menschlicher Barbarei.
Was soll denn das?
Das ist doch kein Gedicht!
Das stimmt. Wie auch
das ganze Leben nicht.
Wir können halt nicht sein,
wie wir’s an sich doch sollten:
Gut, sittlich und human.
Und wenn wir’s
dennoch, unklug, wollten,
dann nur verblendet, meint,
getrieben von dem Wahn,
es gäbe auch nur einen Hauch
von Güte, der nicht werdend
schon zerfiele,
sofort zertreten würde
im Gewühl der Herzen -
hart wie jener Stein
des Dorfgemäuers,
der mich’s lehrte:
Dass er sich selbst
nur dann bewährte,
wenn Halt er schaffe
sich allein,
weil auch nur dann
die Mauer sei stabile.
ZINSJA (Zusammenschau in späten Jahren)
ZINSJA (24) Verloren (05/22)
Aus den konsumkapitalistisch
aufgetakelten Entlastungsgossen
singen die Restseelen auf.
Ungerührt indes
lausche ich ihnen,
tatenlos, zynisch,
keinerlei Empörung empfindend,
gesammelt faktenbasiert
so keinerlei Bewertungen
von mir gebend.
Zumal wissend,
dass sie aus Verwahrlosung,
Vereinzelung und
Selbstverlustseligkeit
nicht zurückzuholen wären.
Was ihnen vorzuwerfen
mir freilich nicht einfiele.
Sind doch immer mehr von uns
von den meinungshysterisch
ins Absurde diskutierten
gesellschaftlichen Verhältnissen
eines einheits-, mitte-, halt-
und völlig orientierungslosen
Entfesselungs-Subjektivismus
psychisch längst heillos überfordert.
ZINSJA (32) Geläuterte Aufklärung (05/23)
Dass selbstbestimmte Schuld es gebe,
da Freiheit, Selbstzwangmächtigkeit,
Vernunft uns eigne,
das will ich doch auf sich beruhen lassen.
Zumal ich weiß,
dass wir uns loben müssen,
verkennen, ja: betrügen auch.
Nichts weiter doch als Großhirnknechte
und daher hilflos ausgesetzt
dem eignen technologisch ingeniösen Schaffen …
so oft doch unbegriffen gegen uns gewendet.
Orientierungslose und Gewohnheitstäuscher.
Vor allem ratiodestruktive doch,
so hochbegabte Gleichungsvirtuosen,
die als Person sich sehen,
als moralische …
Das bitter nötig haben, wie ich meine;
es ohne Häme, ohne Schadenfreude,
es ohne Arroganz auch
trostlos trauernd meine.
Hab ich doch selbst gebaut auf Lebenslügen,
auf Selbsttäuschungen,
Psychen-Notbehelfe.
Sozialphantasmen auch: Entlastungsschlieren.
Mein deutungsloses Dasein so zu meistern:
Es lallend mir zu buchstabieren
mit leeren Worten,
hoffnungsträchtig sehnsuchtsbitter …
Doch manchmal kernluzide auch …
will sagen: über mich hinausgehoben
als geiststolz einsichtsradikale Hyle.
Die sich in mir als Ich-Selbst-Traum
bewusstlos schaffend selbst beschenkt.
Es folgen 15 Sonette
Gelingen (05/24)/Sonett
Was will ich mehr? Mehr kann’s doch gar nicht geben:
Der plumpen Gegenwart was abzuringen,
was man für sich zählt zu den größten Dingen:
Wie Abstand etwa zu sich selbst erstreben …
Um sich nicht unbegriffen zu erleben,
erwartungsvoll getragen auf den Schwingen
des Existenzvollzugs, der muss erzwingen,
zu Hab- und Geltungs-Sucht sich zu erheben.
So sehe ich mein Dasein als gelungen.
Vorbei geschlenzt an tristen Widrigkeiten
gesellschaftlich-sozialer Gliederungen;
vorbei am Lärmen dieser kleinen Zeiten
medial gelenkter und verdorrter Zungen,
Ideologen-Stumpfsinn auch zu meiden.
Versöhnender Geist (05/25)/Sonett
Wir sind nicht böse; aber auch nicht gut.
Als Organismen permanent getrieben
von Kreaturenmächten, die uns schieben
in diese existenzgewirkte Flut
von drastisch schauernder Bedürfnisglut.
Die, sei es Glücke bringt, sei’s Fall und Trüben …
ist jedenfalls gebunden an Belieben:
Der Daseinswürfeleien Zufallsbrut.
Und jeder ist verwoben seinem Leben.
Und weiß, dass er sich selbst kann niemals tragen.
Und dass ihn trennen von den andern Gräben:
Bewertungsunterschiede, was die Lagen
bedeuten ... was uns nur doch Geist kann sagen,
zumal nur er kann in Versöhnung heben.
Äußerer Lebenslauf (05/26)/Sonett
Ich frage mich, wohin die Jahre sind.
Nun, das ist eigentlich ganz leicht zu sagen.
Präsent ist mir die krude Zeit als Kind.
Indes als immergleiche die an Arbeitstagen.
Warum? Da sogen die Erledigungen.
Und die, die waren gleich sich alle Tage.
Da war ich jenen eng und streng verzwungen,
zu meistern so Routine-Allagslage.
Jetzt bin ich alt. Und spür es jede Stunde:
Ich schaffe nicht mal mehr den Alltags-Trott;
zumal schon spüren kann die letzte Runde:
Den nicht zu meidenden Final-Bankrott.
Indes das Kind in mir sehnt sich nach Gott,
mich weise machend auch vor letzter Wunde.
Systemimmanente Niedergänge (05/27)/Sonett
Dies Dasein hergestellter Seelen-Öden,
mit Reizen angereichert und Signalen,
fundiert in Lüsten und in Umsatzzahlen
und einer Ich-Sucht ohne Selbstwertböden …
ist das von Kunden, die sich selbst anbeten.
Es ist ein Dasein einer spätzeitschalen
Verdrängungsorgie stiller Seelenqualen,
begründet in abstrakten Daseinsnöten.
Was wäre denn noch da an Selbstansprüchen,
es sei denn der, sich drastisch auszuleben?
An Antrieb, zu begegnen all den Brüchen
die die Gesellschaft aus den Angeln heben?
An Faktensinn? Erlegen doch den Schlichen,
genießend ichschwach nach Verfall zu streben?
Entlaufen (05/28)/Sonett
Tatsächlich sind wir unsre eignen Macher:
Gegängelte von kortikalen Werken.
Die geistig-seelisch lassen uns verzwergen
im Bann von Technik, Gleichung und Geschacher:
Der Markt ist uns Demiurg. Er macht uns flacher.
Und infantiler. Kann uns so nicht bergen.
Zerstört Vernunft er doch und Selbstzwang-Stärken.
Uns Tag und Nacht doch Innenweltbewacher.>
Das ist ein Drama für uns Zwienaturen.
Auf Ethik und auf Technik angewiesen.
Objekte nur noch von Kalkül-Zensuren
und künstlich provozierten Traumspielwiesen,
verlieren wir die kulturellen Spuren.
Und das, das müssen wir ganz bitter büßen*.
*Variante Zeile 14:
Um eben das verwahrlost dann zu büßen.
Zuweilen so erfahren (05/29)/Sonett
Da andere man braucht, sich selber was zu sein,
wird man in unsrer Zeit der Ichsucht-Spekulanten,
die, selbstbrach, permanent um Anerkennungsquoten,
Bewunderung und Selbsterhöhung listig buhlen,
sich, menschlich angeekelt, finden oft allein.
Zumal sich Star-Kult-Knechte werden cool gewanden,
erfolgreich anzukommen als Beglückungs-Boten
um dann in Beifallsstürmen in sich selbst zu suhlen.
Doch Plan und Absicht da sofort zu unterstellen,
das scheint in diesen Fällen nicht recht angebracht.
Agieren da doch Menschen ohne Geistesquellen:
Ichschwach sich selbst Benommne einer Tranceweltschlacht,
die sie vergessen lässt all ihre Opferdellen …
Vor allem diese: Ihre Existenz-Ohnmacht.
Faktenlage (05/30)/Sonett
Man hat nur selten Grund, sich selbst zu loben,
verfügt man über etwas Selbsteinsicht.
Wird man indes durch andere erhoben,
erhöht das einem schnell das Seins-Gewicht:
Verklärt die Mängel, korrigiert nach oben:
Man strahlt sich an in fremd gestreutem Licht.
Bedenkt nicht, dass man, außenangeschoben,
sehr schnell vergisst die eigne Wesensschicht.
Ich indes weiß, dass dies ist mein Geleit:
dass Tier ich bin, ein Zufalls-Art-Gefüge.
So etwa bin ich mir bewusst als Zeit,
weiß, dass ich mich nur allzu oft betrüge
- mit etwa der Fiktion der Selbsteinheit -,
indes nur Stoff bin ohne Sinn-Genüge.
Geiferöden (05/31)/Sonett
Reklame, Reize, news, Enthemmung oder Daten,
die Tag für Tag doch die Bewusstseinsräume fluten,
zerstören Faktensinn, um uns dann zuzumuten,
Zusammenhängen, Ernst und Denken zu entraten.
Man hört nicht hin, versteht nichts, man verliert den Faden.
Um sich bald abzuwenden von auch sprachlich kruden
fragmentdiffus geformten Propagandaknuten.
Als würde trunken man durch Geifer-Öden waten.
Realität und Wirklichkeit* sind am Verschwinden.
An ihre Stelle treten schleichend Stimmungsfetzen,
die in Bespaßung oder Spannungsdruck einmünden.
Um Konsumenten in die Lage zu versetzen,
narzisstisch-cool Verantwortungen aufzukünden,
durch surreale Welten magisch sich zu hetzen.
*Realität und Wirklichkeit: Sie meinen nicht dasselbe.
Realität meint die Vielheit der sinnlich erfahrbaren Dinge,
Sachen, Waren, Körper usw. Wirklichkeit meint den Überbau,
das Wertgefüge, die ideelle Ausdeutung jener Realität.
Nihilismus und Determinismus (05/32)/Sonett
Nie habe ich, und sei’s nur eine Stunde,
an unsrer All-Bedingtheit zweifeln müssen.
Dass wir uns jederzeit sind selbst beflissen
und, streng notwendig, auch uns selber Lunte …
Uns selber ausgesetzte Daseins-Schrunde,
zerfiel uns längst doch auch schon das Gewissen,
entformt von Ratio- und von Markt-Einflüssen.
Zu arm, von Sinn zu geben irgend Kunde.
Im Zwangsablauf von Kreaturen-Zwecken,
dabei uns selber schuldlos Gramgeleit,
müssen, Natur entlaufen, wir uns recken.
Doch Büttel leibbasaler Endlichkeit.
Was wir uns, Sinn-Sud lallend, hrasch verdecken
mit Fakten-Leugnung, Rausch und Tugendkleid.
Dahinschwinden (05/33)/Sonett
Man merkt es deutlich, nur dahinzuschwinden.
Ist man doch dauernd sich als Zwang verfallen.
Und schweigt dazu. Wer will schon sinnlos lallen
von etwas, was man wortlos muss verwinden?
In Leeren starrend, die zu Zeit sich binden.
Man mag sich deshalb an Verdrängen krallen,
um zu ertragen, dass das Ganze Fallen
in Stillen ist, die in Verstummen gründen.
Begreift man das, ist man sich selbst vergoren.
Selbst wenn man wagt den Zufall der Momente,
Vergeblichkeit ein Schnippchen mal zu schlagen:
In Du etwa von einem fort getragen …
ist jenem Schwinden man doch ganz verschworen.
Man ist es ja. Vom Anfang bis zum Ende.
Urknall-Auswurf (05/34)/Sonett
Materie, die zu Verstand gediehen,
Bewusstsein ist, muss durch sich selbst vergehen.
Denn sich in Artefakten-Zwang erhöhen,
muss irgendwann Vernichtung nach sich ziehen.
Und auch sein Höchstes: Geist, kann nicht entfliehen
dem Los des Stoffs: Dem kommandierten Drehen
von Sterngewalten in Zugrundegehen.
Bis auch die Stillen Ewigkeit verblühen.
Sind wir doch atomare Spielereien,
in Technik, Mängeln und in Zeit gefangen.
Phantasten eigner Blender-Litaneien.
Und schuldlos feil zerbrechlichen Belangen.
Die wir in indolente Welten schreien,
zermürbt von totem Wert- und Sinn-Verlangen.
Sein und Sollen (05/35)/Sonett
Das Sein des Einzelnen wird stets verbleiben
im Hochprekären einer Deutungslage,
die Selbst und Fakten schnürt zur Plage,
phantasmagorisch sich zu hintertreiben.
Und einer Schutz- und Wahnwelt einzuschreiben.
Verschweigend, dass man nie sich selber trage.
Dass Sollen nichts ist als nur Geltungssage:
Sich Perspektivenwirrnis aufzureiben.
So torkeln beide, sowohl Sein wie Sollen
durch letztlich bodenlose Lotterien.
Und provozieren kortikale Rollen,
Pleonexie und Ethikmohn gediehen.
Was nötig macht die Mär vom freien Wollen:
Um nackter Ausgesetztheit zu entfliehen.
Der glücklose Späte (05/36)/Sonett
Narzisstisch ohne Selbstdistanz gebunden
an letztlich unbegriffnes Wohlstandszetern,
schmückt er sich coolplump mit gesollten Federn
auf immer gleichen Ich-Erlebnis-Runden.
Hat seinen Selbstwert diesen abgeschunden,
sich balgend mit ihm gleichen Ich-Anbetern.
Die Haltschwund, Perfidie und Hybris ködern.
Längst nicht mehr fühlend kulturelle Wunden.
Und, realistisch, muss ich es so sehen.
Mich suchten selber heim schon derlei Finten
in infantil mir inszenierten Nähen:
Verwahrlosung bis in die Psychen-Rinden,
die spielend sich erdeichselt Spaßgeschehen,
verkommen-hilflos Gram zu überwinden.
Ungefähre Einsicht (05/37)/Sonett
Ich habe sie wohl ungefähr verstanden,
die Welt und was sie ausmacht in den Kernen.
Ich meine sowohl die, vereint in Sternen,
aus deren Staub wir spät erst dann entstanden:
Bipede als Bewusstseins-Intriganten;
als auch die Sehnsucht hin zu Gottesfernen,
mit Halt versehen tiefer Geistzisternen.
Um in Geborgenheit und Sinn zu landen.
Tatsächlich bin ich weiter nichts als Hyle.
Ein Gran Materie, an Zeit gebunden.
Um mit zu schlittern im Gesellschaftsspiele.
Von vornherein in diesem überwunden
durch hochkomplexe Zwänge im Gewühle
der Niedergänge, die sich mir bekunden.
Das ist’s (05/38)/Sonett
Mein Sinn für Fakten konnte nie versiegen,
weil immer ich um unser Dasein wusste:
Dass es Begehren ist und Selbstverluste,
tristesse und Niedertracht an allen Tagen.
Es auch ganz sinnlos sei, nach Schuld zu fragen.
Die gibt es nämlich nicht. Nur dies gemusste,
ernüchternde Durchstoßen einer Kruste.
Auf die kein Kern folgt, sich nach ihm zu biegen.
Die tote Masse neuronal durchdringen,
innovativ sie untertan zu machen
dem vorgegebnen Antrieb, Stoff in Sachen
durch technische Verfahren dann zu zwingen …
Das ist’s: Gewaltprozesse zu entfachen,
die ihren Meister dann in sich verschlingen.
Ich Loser (05/39)
Warum ich denn
so unzufrieden sei?
Das sei nun wirklich
nicht mehr zu verstehen!
Sei alles mega hier doch,
super, immer cool
und geil und magisch wow.
Da sei für jeden doch
zuletzt etwas dabei.
Zumal man könne sich
an sich vergehen,
rauslassen doch auch
jede Sau,
sich machen auch
zum eignen Joch.
Das sei doch great,
weil man sei völlig frei.
Nun ja, mir ist das
völlig einerlei.
Zumal ich weiß,
man kann’s nicht ändern.
Und überhaupt wird es
erst dann wohl kentern,
wenn es für mich
wird lang schon
sein vorbei.
So werde ich mich
weiter triggern,
a hero doch
vielleicht zu werden:
Um euch dann dies
ganz sachlich zu verklickern:
Lebt wohl!
Ihr, eurer Ichsucht Herden! -
Ob vor, ob hinter
Stacheldrahtverhau.
ZINSJA (Zusammenschau in späten Jahren)
ZINSJA (25) Sie allein verleihen noch Größe:
Scheitern und Vergeblichkeit (05/40)
Wenn ich etwas ohne Wenn und Aber
wertgeschätzt habe,
dann geistiges Scheitern
und die Hinnahme
der damit verbundenen
Vereinsamung.
Kann man doch tatsächlich
auf diese nur noch bauen,
will man unbedingt verhindern,
im Stich gelassen,
verdinglicht,
depersonalisiert und also nur noch
als Gewinn verzweckt zu werden:
Unwiderruflich ausgeliefert
an Masse, Markt,
metaphysische Mittellosigkeit,
Verwahrlosungsspaß,
Medienmagie und
materialistisch-utilitaristische
Markt- und Polit-Moral.
ZINSJA (34) So war und ist es. Ungeschminkt (05/41)
Kindlich, geistverwiesen, naiv
und psychisch dauerlädiert,
konnte ich dieser Konsumdiktatur
nicht viel abgewinnen …
Es sei denn die Einsicht,
dass ihre demokratische Fassade
als diffuses Gestrüpp von Nichtverboten
mir würde sehr nützlich sein können.
Und das war der Fall:
Innerlich lebenslang randständig,
vermochte ich meine Existenz
gesellschaftlich-sozial und wirtschaftlich
ganz passabel zu meistern.
Indes dass ich lebenslang ausgesetzt wäre
Niedertracht, Verrat, Ausbeutung,
Charakterlosigkeit, Häme, Arroganz,
Narzissmus,
Selbstglorifizierungsanwandlungen und
menschlicher Erbärmlichkeit,
das war mir schon als Kind klar.
Ist eben so. Zumal niemand
vor sich selbst gefeit ist,
niemand sich selbst zu entrinnen vermag.
Ich auch nicht. Gar nicht … Ende.
ZINSJA (35) - Kindlich-träumerische
Daseinssehnsucht (05/42)
Mich den Gepflogenheiten,
wie sie nun mal sind,
mich der Gesellschaft einzufügen,
war ich von Anfang an
doch außerstande.
Mich wollte lebenslang
was andres leiten,
zumal ich blieb ein Kind.
Mir war nach Träumen,
danach, mich zu biegen
dem Wunderbaren
sanfter Bande
wie etwa Götterworte
sie bereiten,
- ich traue denen,
traue ihnen blind -,
mich zu bewahren
vor den andern Seiten:
Pleonexie-Gelüsten
im Moral-Gewande.
Zumal die Daseinsfakten
mir geläufig waren:
Wie etwa Niedrigkeit
und Perfidie.
Wie etwa Machtsucht,
Lügen, Korruptionsgebaren;
erfahrend früh schon dies:
Der Mensch ist oft
nur Vieh.
Kindheit I (05/43)
Wie ich dieses Dasein sehe
und als was ich es erfahre,
hat sich früh mir aufgedrängt,
schon in meinen Kindheitstagen:
Dass es sich als Selbstsucht säe,
fördre Lüge, nicht das Wahre.
Das man es nicht selber lenkt,
kaum begreift auch all die Lagen,
die es oft nur scheinbar tragen.
Alles Kindheits-Perspektiven,
lebenslang dann beibehalten,
weil korrekt in ihren Tiefen,
diesen schäbig seelenkalten.
Kindheit II (05/44)
Kindheit? Gramvoll gottgeborgen,
Traumgelände, Niedrigkeit,
IHN erfahrend ohne Sorgen,
ohne Ängste, ohne Leid.
Mit IHM streifend durch die Felder,
laufend durch die engen Gassen,
Sehnsucht treibend durch die Wälder …
Er war überall zu fassen.
War mit Halt und war mir Sinn,
Anfang, Mitte, Daseins-Spende …
Wird’s mir bleiben bis zum Ende,
lebenslang mir Trauer-Wende.
ZINSJA (Zusammenschau in späten Jahren)
ZINSJA (36) Du und ich - geistentlarvt (05/45)
Griffe ich dir rücksichtslos,
ohne Skrupel in die Seele:
Sagte ich dir, wer wir sind,
du und ich, dann würdest du
hasserfüllt wohl aufbegehren,
alle Fakten leugnen wollen,
nämlich, dass wir sind Versager,
müssen oft uns selber täuschen,
hochprekär doch existierend:
permanent der Welt, uns selbst,
Widrigkeiten ausgesetzt,
die nur einer greift,
kann buchstabieren
- gegenmystisch, wahrheitsliebend -:
der nur selbst sich treue Geist.
ZINSJA (19) Luzider Verzicht (05/46)
Wieder einmal schreckte ich ein Du ab.
Mit Wahrheiten über meine
psychophysische Verfassung,
allgemeinen Hinweisen auf
meine Weltanschauung,
Bezeigungen meines
rücksichtslosen Realitätssinnes
und auch mit verwirrenden Sophismen.
Eingedenk all der Verwerfungen,
die es mir, dieses Du, anrichten würde,
ließe ich mich auf es ein:
Es lüde mir den Zeitgeist vor die Seele:
Seine Sakralisierung von
trivial-hedonistischem Konsum,
medial gesteuerten Fadheitsverrichtungen,
das Anstaunen und Vergöttern
von Stars, Promis, Kultfiguren,
Tugendwirren und Empörungslüsternheiten,
Behelfsverhaltungen und
belämmerungsexzessiven Nichtigkeiten …
Mich zu betören
mit gängigen Seichtigkeitsbehelfen
gegen eine faktisch in sich selbst
längst zusammenfallende:
zerbröselnde Welt.
Woraus sich zumal auch ergibt,
dass man andere Menschen
nicht mit ihr belasten,
sie nicht mit ihr heimsuchen,
gar verängstigen sollte.
Hat man doch, so ich, der Nihilist,
keinerlei Mittel,
das Sosein jener Welt zu relativieren,
um auf diese Weise
ein wenig Hoffnung
aufkeimen zu lassen.
ZINSJA (39) Doppeldeutige Vergeblichkeit (05/47)
Geliebt habe ich die Große Vergeblichkeit.
Feit sie allein doch gegen Sinn-, Bedeutungs-Geltungs- und Wert-Sucht.
Weiß man sie nämlich zu deuten und hat man die Kraft,
das notwendig allbedrückende Ergebnis
psychisch-geistig-existenziell halbwegs zu meistern,
dann mag man augenblicksweise,
den objektiven Nihilismus dieses Daseins vergessend,
versinken im Erfassen einer
von der zerstörerischen Hässlichkeit dieser Welt unberührten Schönheit,
naiven Anmut, absichtslosen Liebenswürdigkeit
oder auch nur erfolgreich widerständig
strebenden Lebendigkeit einer stummen Pflanze
oder eines vollendet
an seine Umwelt angepassten Tieres.
ZINSJA (20) Dankbarkeit - Die von den Fakten her (05/48)
Ich werd nichts weiter hier gewesen sein
als ein nach und nach zerfallender Organismus,
ein Tier, das freilich begabt war,
um sich selbst zu wissen:
Seine Ausgesetztheit, Sterblichkeit
und dauerprekäre Existenz in einer
objektiv an ihm keinerlei Anteil nehmenden
Materie-Welt - sie kann es nicht -,
doch erst in mir als allgemeinem Fürsichsein
ihrer bewusst geworden:
Tatsächlich bin ich sie als sich ihrer
in mir selbst gewahrende …
werde nichts weiter gewesen sein
als ein Teilchengebilde baryonischer Materie,
einer sich selbst organisierenden
physikalischen Materie also…
nichts weiter gewesen sein
als eine vielfach bedingte Zufallslaune
einer biologischen Evolution auf diesem
für eine solche so günstigen Planeten.
Indes kennen weder jene Materie
noch diese Evolution so etwas wie Zwecke,
Ziele, Sinn, geistige und genuin
sittliche Ordnungen überhaupt;
außer durch mich, in mir,
einem gehirngesteuerten Körperding
als ihr willenloses Werk …
Ob mich das bedrücke,
werfe in psychische Mittellosigkeit,
Trauer, Verzweiflung,
gar Todessehnsucht? - Mitnichten.
Ein solches Geschenk herabzuwürdigen,
verbietet sich schon deshalb,
weil ich - zufällig - in eine Zeit
hineingeboren wurde, die hätte
- in Europa - elendsärmer, zuträglicher,
glücksträchtiger, materiell reicher,
rechtlich sicherer und friedlicher
nicht sein können;
gerade auch für mich,
dieses dauerbedürftige Tier,
das ich doch ausnahmslos
gewesen sein werde.
ZINSJA (26) Auch eine menschliche Fragwürdigkeit (05/49)
Man muss sich inszenieren heutzutage.
Tut man es nicht, dann ist es so,
als existierte man gar nicht.
Oder eben abseits; wertlos.
Der Kapitalismus schätzt die Show mehr
als die Realität.
Kein Wunder:
Wäre es umgekehrt, erkennte er auch sein Wesen …
Maßlose Übertreibungen,
Beschönigungen,
Optimismus-Pflicht,
Zwangslust,
Erlebnisoberflächlichkeit,
Optimierungslüsternheit,
Perfektionssucht,
die Ersetzung der Person
durch ihren Körper,
die Verdrängung aller Daseinstatsachen:
Bedürftigkeit,
Schwäche,
Ausgesetztheit,
Irrtum,
Krankheit,
Verfall,
Tod.
Dächte man immer
an diese unumstößlichen Tatsachen,
man konsumierte weit weniger,
weil man begriffe,
dass gerade dies:
sich konsumtiv anzureichern,
am wenigsten Sinn macht.
Weit weniger als Realitätssinn,
Selbstdistanz, Augenmaß,
und ungeschminkte Selbsteinschätzung …
Dagegen fürchtet der Marktverfügte
nichts mehr als Einsamkeit,
Vergänglichkeit,
Hinfälligkeit,
Halt-, Bedeutungs- und Sinnlosigkeit.
Deshalb inszeniert er sich.
Er muss es. Auch um den Anschluss
an die kommandierte Gängigkeit
nicht zu verlieren
Ja, er inszeniert noch seine Inszenierung.
Dieser seiner selbst entmächtigte Mensch ist
ein Flüchtling aus der Wirklichkeit …
Ein auf Wirklichkeitsverzichte und -verluste
angewiesener Mensch.
Narzisstisch und ichschwach.
Großmäulig und erbärmlich.
Ichlüstern und selbstentfremdet.
Entfesselungsaggressiv und freudlos.
Was freilich ich ihm nicht zur Last legen,
ankreiden, zum Vorwurf machen würde,
wissend zumal um die Seltenheit jener Geisteskraft,
die man nicht haben wollen kann,
weil sie auch das zufällige Ergebnis
genetischer Gnade ist ...
jener Geisteskraft, derer man bedarf,
um sich dieser so allfältig-listig-totalitär
uns dauerbedrängenden Welt
innerlich entziehen zu können.
ZINSJA (37) Vollendungsblitz (05/50)
Ich setze - sei es -
auf den Augenblick,
dies kurze Jetzt
im Großen Nein.
Tu’s im Wissen
um sein Scheitern,
endend in
Fürsichsein doch:
nacktes, gar nicht
mitteilbares.
Überhöhend
diesen Leib,
saugend Trance
aus seinem Fleisch.
Basis dieses
Stoffgefüges,
Süchte weckend
nach Vollendung,
die zu sein
es mir verspricht:
gierwundschön,
erotisch-magisch,
sehnsuchtsdrastisch
um, ja: um letztlich
um Erlösung bittend.
Doch obwohl
dir nun verfallen,
fortgerissen von
Fiktionen,
die dein Körperding
mir spiegelt,
weiß ich doch,
ich werde scheitern:
Weil schon werdend
schwindet Glück,
kann sich ganz
nur geistig geben;
doch ekstatisch
nur als Trance.
ZINSJA (40) Meiner Muttersprache zugeeignet (05/51)
Zufall und Notwendigkeit,
Hybris und Verblendung,
Machtsucht, Mammon, Indolenz,
Korruption und Barbarei
treiben sie dahin,
diese so offensichtlich
sich dem Individuum
rücksichtslos verweigernde Menschenwelt
(um dieses kann es ihr nicht gehen).
So sich auch mir
definitiv entziehend.
Das ist unabänderlich.
Es sei denn, ich bin sie und mich selbst los.
Und das ist der Fall, wenn ich Gedichte mache,
geistbefugt und scheinbar bedürfnislos
mich dem Reichtum, den Feinheiten
und den Bedeutungstiefen
meiner Muttersprache hingebend,
dieser mich mir selbst in Perspektiven
setzenden, geistgefluteten Heimat,
die es mir dann auch erlaubt,
jene Menschenwelt zuweilen
in ihren Kernen zu erfassen …
Als das, was sie heute ist:
Ein verwahrlosungsparadiesischer
Trivial-Nihilismus individueller All-Hilflosigkeit.
ZINSJA (33) Nach mir, lange nach mir:
Der Mensch … nicht einmal mehr sich selbst ein Alptraum? (05/52)
An meinen langen,
von Einsamkeit umspülten Abenden
denk ich zuweilen auch daran,
wohin es uns mal führen wird,
dies hochprekäre Existieren …
Ganz ohne Mystik,
Verzauberungsmärchen,
Gott,
Natur-Magie.
Gerade daran,
dass unser Ratio-Zwang
sich objektivieren wird
als künstlich-autonomes Lernen,
um uns dann auch zu steuern,
zu konditionieren,
auch moralisch abzurichten,
letztlich so zu prägen,
dass wir, alle gleich, uns am Ende
allkonform verhalten werden …
Allerdings:
Von Daseinsmühen,
so wie es zuweilen erhofft wird,
dann befreite Menschen sehe ich nicht,
sehe keine Sinngesellschaft solcher,
die ihrer Widersprüche würden ledig sein,
sehe auch keinen,
wie auch immer zu bestimmenden,
neuen Menschen.
Schon gar nicht sehe ich
einen Würdeträger,
verpflichtet Recht, Gerechtigkeit
und einem demokratischen Staat.
Und noch weniger sehe ich
ein Geistwesen,
das neugierig, leidenschaftlich, Fakten verbunden,
sachlich und schicksalsfähig wäre…
sehe gar nichts dergleichen …
Vielmehr ein lückenlos außengesteuertes,
dumpfes, nützliches und
hilflos-untertäniges Wesen,
dem zumal Gram und Tragik,
Sehnsucht und Glück,
Ideal und Versagensqual,
jedes Streben fremd sein wird,
das ihm nicht verfahrensrational
vermittelt worden wäre,
um seinen Willen zu brechen,
seine Phantasie zu zerstören,
ihn politisch hörig zu machen,
ihn zum austauschbaren
Exemplar zu reduzieren,
zum pseudohuman All-Hörigen
als Resultat einer totalitären
Ratio-Diktatur …
ZINSJA (45) Glückskind (05/53)
Zweifellos, zumal des Zufalls Liebe,
der mich oft begünstigt hat,
hab ich zu mir selbst gefunden.
Trotz der Häme, trotz der Hiebe …
Alles lief mir glatt.
Kehrten sich zu Schicksalschancen
selbst noch meine Wunden …
Deutend mir des Daseins Trancen:
Daseinslügen einer Schädelstatt.
ZINSJA (46) Lebensklug (05/54)
Grund zur Klage hab ich nicht.
Eher den zur Dankbarkeit.
Hochgekommen aus der Unterschicht
bis in Geistgeleit.
Das mich trug mein Leben lang.
Einsicht mich gewinnen ließ.
Manche von Belang,
die mir Wege wies.
Die recht kluger Selbstaufgabe.
So mir selber zu entrinnen.
Dass ich nicht mit Zeitgeist trabe:
Lustgenarrt von Sinnen.
ZINSJA (47) Wirre Kindheitssehnsüchte (05/55)
Glas um Glas dieses billigen Fusels
leere ich. Seit Stunden. Billigwein aus ferner,
mir nie so recht gewogener Heimat.
Indes Heimat. Immerhin. Und Leidgefilde.
Doch das sei radikal verdrängt hier.
Jetzt, da ich trinkfest wie drogenlüstern
und zügellos übermütig zugleich,
wieder einmal vermessen und haltlos genug bin,
mir die maßlose Ahnung zeitloser Vollendung
meiner Tierheit einzubilden, mich rücksichtslos
zu berauschen an fuglosem Immersein.
Jener mythischen Geborgenheit der Frühe
mich träumerisch wieder zu verschreiben …
Einst schon von den Steinen der Stadtmauer
meines Heimatdorfes sie mühelos kratzend,
um dann mit ihr auch die Winde zu locken,
die an den Himmeln über den Feldern,
auf mich herabzugleiten, mich zu umhüllen,
den Staub der Mauer und jenen boshaften Flecken
definitiv hinter mir zu lassen, mich mitzunehmen
in jene allen Worten sich hartnäckig verweigernde,
seeleneinsam flimmernde Vollendungsphantasmagorie.
ZINSJA (41) Verkümmerungsdiktatur (05/56)
Nichts mehr da von meiner Kindheitswelt:
Kein Gott, keine Gespenster, keine Nebelgeister,
keine murmelnden Steine, keine Dorfdeppen,
keine psychisch zerrütteten, schamsiechen Außenseiter,
keine Originale, keine Verunglimpfungsvirtuosen,
keine weisheitsträchtigen Windböen,
keine ungenutzten Feldflecken,
keine unhinterfragten Traditionen,
keine orientierende, da kontrollierende Enge eines
relativ streng hierarchisierten Sozialkosmos,
keine Verzauberungsgelegenheiten …
Keine Dorfwelt mehr eben
mit all ihren Widerwärtigkeiten, Verlogenheiten,
Verkommenheiten, menschlichen Abgründen
freilich tiefer, unreflektierter existenzieller:
unbegriffener Irrationalität …
Und diese heutige Welt stößt mich ab,
ist künstlich, substanzlos, effektprimitiv:
Entzauberter Klamauk hedonistischer Unmenschlichkeit,
eine Barbarei andrer Art als die gängig historische:
Tugendsubtil,
phrasenfrenetisch,
prestigegauklerisch,
scheinselbstfad,
inszenierungsbrünstig,
steinseelenlinkisch,
gewissenstot,
basiskorrupt
emanzipationsfrigide,
politmessianisch-
narzisstisch-ideologisch
selbsttrunken …
Diese heutige Welt entfremdete mich ihrer.
Ich bin weltlos geworden.
Indes würde das kaum jemand begreifen.
Man muss nämlich beide Welten kennen,
bis ins Innerste verstanden haben,
um zu erfassen, was ich da sage:
Ich bin weltlos geworden.
Will sagen: Seelisch-geistig trudle ich
durch Haltlosigkeit, Leere, Gottferne …
Durch eine abstraktionsrationale
Verkümmerungsdiktatur.
ZINSJA (42) Wir Abklatsch-Subjekte (05/57)
Lieblos bist du.
Bist es anders als ich.
Bist es im Rausch
deiner Verbraucherreligion,
deiner von dir
unbegriffenen Schwüre
auf die Erlösungsmacht
der Ware, das Spaßes,
der hergestellten Emotionen …
Abklatsch bis du.
Abklatsch sind wir.
Nicht mal auf uns selbst
zurückgeworfene,
sich selbst kalkulierende
Zeitgeist-Monaden.
ZINSJA (43) Süchtlinge (05/58)
Wie könnte ich
meiner Verwirrung
noch Herr werden?
Zumal sie doch auswuchs auch
im Fortgang der Jahre
zu Ablehnung, Aggressionen
und scharfzüngiger Verachtung?
Und ob überhaupt noch,
frage ich mich schon angesichts
dieser trancetrunkenen
Surrogate-Bedürftigkeit
blasiert provozierter
Gemeinheitsvermessenheit?
Von was ich hier rede?
Von uns rede ich,
den desorientierten Süchtlingen
nach erlösenden Sinnbrosamen
in einer immer weiter
herunterkommenden,
digital verwahrlosenden Welt.
ZINSJA (44) Vergeblich gottestrunken (05/59)
An den fernsten Horizonten noch:
Kerne von immer komplexeren Atomen
synthetisierende Sterne.
Indes irgendwann dem Zerfall geweiht.
Wie ich dem physischen Untergang.
Teilchenspross.
Hinfälligkeitsknecht.
Nichts also ist da,
kein metaphysisches Refugium,
worauf sich
meine Sehnsucht richten könnte.
Die eines vergeblich gottestrunkenen
Stoffgefüges.
Dasein heute (05/60)
Das hast du früh schon doch geahnt …
ganz früh.
Und irgendwann
dann auch gewusst:
Dass es vorherbestimmt ist,
ist gebahnt …
Man kann auch sagen:
Wird gemusst -
als zufallspralle Daseins-Lotterie:
Abstrakt, banal
und aller Zwecke bar …
Nichts weiter ist
als eine Ratio-Sause:
Verlierer- und Versagens-Joch.
Und doch
zuweilen lebenswert …
Als Geistmacht,
Eros und Magie.
Unfähige deutsche Funktionseliten (05/61)
Sind sie noch fähig,
dieses Land zu lenken:
naiv gesinnungsschlicht,
ideologisch-ethisch-ideell?
Zumal sie faktisch
doch an sich nur denken:
An Privilegien, Beifall,
Ämter-Karussell,
Karriere-Glanz,
Diäten, Geltungs-Drall?
Das hat indes
komplexe Gründe.
So etwa Selbsthass,
Dekadenz und
Wirklichkeitsverluste.
Dann diese deutsche
Tugend-Extremisten-Sünde:
Die Kerne zu verwechseln
mit der Kruste.
Dann sind da Feigheit,
Mittelmaßgebrechen,
nur Halbbildung und dann
die unbegriffne Würde:
Phantom und Ausweg-Trance
aus unheilbarer Bürde,
dass leeren Worten wir
uns letztlich alle doch
verzechen.
Dies müssen ... Ohne jede Chance.
Verschweigen eines Offenbaren (05/62)
In Nischen horche ich mich um
nach Halten. Doch ich weiß,
ich drehe hilflos mich im Kreis:
Um mich als Individuum.
Zumal man aufreibt die Person,
bezugslos und ersetzbar macht
zum Reizeffekt und Gleichungsklon,
der lustbetont sich selbst bewacht.
Verlässlich gegen alles steht,
was Lenkung und Betrug entlarvte:
Das konsumistische Pamphlet
als Flutungskick für geistig Unbedarfte.
Doch das behalte ich für mich.
Besagen doch die Eingebungen:
Auf sich gestellt, versagt das Ich.
Allein in Ding sich spiegelnd
sich gelungen.
Erleichterung (05/63)
Bin ich ganz ehrlich, muss ich’s geben zu,
dass ich erleichtert bin, bereits so alt zu sein.
Ich wünsch mir das, es gibt mir Kraft und Ruh.
Ich glaube nämlich nicht an einen Zukunfts-Hain
des Fortschritts, Wohlstands und der Sicherheit.
Sie sei sozial, politisch, meide jeden Krieg.
Ich glaube eher an vermehrtes Leid;
und nicht an den globalen Sieg
von Menschlichkeit, Vernunft und Groß-Moral.
Im Gegenteil, ich sehe schwere Krisen:
die Last von Mangel, Unterdrückungs-Qual
und Völker, die viel Blut vergießen.
So bin ich denn erleichtert, schon so alt zu sein.
Das wird mir manches Leid erspart dann haben,
wenn homo sapiens wieder lässt auf Krieg sich ein.
Indes das Nichts mich birgt vor seinen schlimmsten Gaben.
Leichtgewicht (05/64)
Ich trinke reuemüde
Glas um Glas.
Erfühle dabei
Nichts um Nichts.
Entlarve Ich,
Warum und Was
als Fratzen
eines Leichtgewichts.
Ich reiße weinschwer
sie herunter,
ob hinter ihnen
noch was stecke.
Doch, wie erwartet,
ist ihr Spind ganz leer,
gerichtet auf
banalen Plunder
und Trostbegriffe
toter Zwecke.
Pop-Ikonen-Service (05/65)
Es ruft hervor
die leibverzückte,
die in sich selbst
versunkne Pop-Ikone,
Erlösungs-Emotionen
in der Menge:
Entfesselungs-, dann
Selbstaufgabe-Mohne,
auf dass sie sie
in eine Einheit zwänge:
Beliebig steuerbar,
nur Es noch frone.
Auch das ein Akt
der Selbstaufgabe,
um sich als haltunfähig
zu vergessen:
Man ahnt, dass man sich
selber nicht mehr habe,
nur wenn auf
Marktknechtschaft versessen …
Als Seelenflutung
sich dann zuzumessen
Entlastungs-Trance
als Trost- und Hoffnungs-Wabe.
Weitere Gedichte der Seite (05):
Abseits (05/66)/Sonett, geschrieben am 14.6.26
Nicht oben zugehörig und nicht unten
- das wären einsichtsleere Positionen -;
bin ich zumal politisch nicht gebunden,
denn das, das würde geistig sich nicht lohnen.
Ich habe, Außenseiter, mich gebunden
an Geist - erlaubend, in mir selbst zu wohnen,
um mich mit Niedertracht auch zu verschonen,
Gesellschaftsambitionen abgeschunden.
Zumal ich um die Nichtigkeit des Lebens weiß,
um Arroganz, Verblendung, Seelenkälte …
um dieses biologische Geheiß,
dass lebenslang man nur sich selbst was gelte.
Und insbesondere um’s globale Gleis …
Hin zu Verstörungszwängen schon in Bälde.
Die Empörungssensiblen (05/67)
Krankhaft sensibel sind sie,
Opfer oft auch von Polit-Neurosen:
ideologenschlicht naiv,
doch machtbesessen.
Die, die entrüstet dauernd sich empören,
behaupten, dies Gesellschafts-Tief,
das müsse einen doch verstören,
weil’s völlig amoralisch, ja: verwerflich sei:
Subtilgewalt, sich Vorteil zuzumessen.
Was niemand könne doch verzeihen,
wenn er, er müsse das, bedenke dreierlei:
Ein Würdeträger sei der Mensch,
sei an sich gut, sei wesensfrei.
Dagegen sage ich: Wer daran glaubt,
ist gar nicht fähig, auszuloten,
was Menschsein letztlich faktisch heißt:
Sich grade nicht zu halten
an die idealen Noten,
weil man dann Fakten, Macht,
sehr bald sich selbst entgleist,
dann nicht mehr lösen kann
den Lebens-Knoten
von Irren, Lügen, Hoffnungsleeren …
Von Einsamkeit zumal,
die einen ständig beißt …
Der nur der Tod uns dann
zuletzt entreißt.
Ein Beispiel lyrischer Entlarvungsmächtigkeit (05/68)/Sonett
In einer Zeit korrupter Vorteilsnahme,
narzisstischer Charakterlosigkeit,
des Stargehabes, der Bespaßungssucht,
der Halbbildung und Drogendespotie,
muss aufgehn der Verwahrlosungen Same,
muss schwinden jede Form von Geistgeleit,
bleibt einem weiter nichts als diese Flucht:
In Einsamkeit und lyrische Magie.
Und in Gedichten wird man dann auch klären,
dass diese Welt ist schon im Kern verloren,
Entwirklichungs-Diktaten doch vergoren.
Und also schaffen muss solch Ichsuchtschwären,
die ihre Opfer dann als Mob aufzehren,
der eignen Ohnmacht als Objekt verschworen.
Die Zeitgeistgefangenschaft derer nach mir (05/69)/Sonett
Das sind oft geistfremdseelenlose Gleiche,
die ichsuchtstier sich selbst entfremdet sind,
zumal als Opfer digitaler Reche,
sie infizierend mit Bewusstseinsgrind,
der ihnen stellt dann ihre Daseinsweiche ,
sie irre leitende, bis sie menschlich blind,
der willig folgen, bis sie dann erreiche
der große Stumpfsinn, der sie leicht gewinn.
Zum Kerker wird den machen die KI
als aller Einheitsordnung Feindesmacht,
Identität zertrümmernd, Was und Wie
in einer anonymsubtilen Schlacht,
die homo sapiens dann zum Sklaven macht,
sich Sklave dann als technisches Genie.
So erfahren, dann so ausgelegt/Thema: Mein Land (05/70)
Wer seiner Gegner Kräfte will halbieren,
doch wird grad deshalb sie verdoppelt haben,
ist völlig außerstande zu regieren,
ihm fehlen machtstrategisch dafür alle Gaben.
Und dieser Mangel ist ein allgemeiner.
Man kann ihn grad auch an den Rändern finden:
Ganz links, ganz rechts; mal krud, mal feiner …
Und der, der könnte ins Fiasko münden.
Politisch faktenkundig ist da oben niemand doch;
soll heißen selbstabständig von Narzissmus frei,
an Amt und Fakten ausgerichtet, nicht an Phrasenbrei.
Ideologe nicht, sich unterwerfend Tugend-Joch:
Prophet des Ideellen, geißelnd andrer Kriegslastsünden …
Das Land erfährt so eine tiefe Geisteskrise
und nicht nur eine technisch-ökonomische;
es ruinieren nämlich kratisch kleine Fische,
substanzverwahrlost: feige, scheinpräzise.
*
(05/71)
Da ist die Sehnsucht, diese Welt zu meiden:
die Hektik, Oberflächlichkeit, das fade
Politgeschwätz als Ideologie
und asoziale Wirklichkeitsverluste,
in die Reklame, Medien auch entgleiten,
zu minimieren die Bewusstseins-Grade,
was fördert dann auch Selbstverlustmanie,
ist Psychenfäule als debil gemusste.
Erwähnen will ich auch Verwahrlosungen.
So das Gewährenlassen von Gesindel.
Das ist nur deutscher Tugend je gelungen
verlogener Würdemasochismus Bündel
Weil deutsche Pseudofakten sind gedungen
durch Selbsthasszwänge als der Feigheit Mündel.
*
(05/72)
Es ist bestimmt nicht schwer,
es zu begreifen;
zumal’s ja liegt auch
auf der Hand:
Dass kratisch Unbegabte
lassen weiter schleifen,
dies längst verkommne
Wert-Deutschland.
Indem sie einfach
vor den Fakten kneifen,
so fahren’s immer weiter
an die Wand.
Indes sie sich
auf Macht versteifen,
Diäten, leeren Tugendtand,
auf Redlichkeit
und Handeln pfeifen,
sogar sich selber
setzen in den Sand.
Parteien, die das Volk
einseifen,
zerschneidend das
Sozialstaatsband,
weil asoziale Diebe
auf die Regelen
pfeifen.
*
(05/73)
Da tummelt sich
Evolutionsausschuss.
In allen
Hauptbereichen schon.
Erpicht auf sich allein;
heißt: Trug und Stuss
als eiternder
Narzissten-Mohn.
Doch damit ist wohl
sehr bald Schluss.
Dann ändert vieles sich,
doch nicht der Hohn.
Weil’s eher doch
noch schlimmer
kommen muss
als national
begangne Korruption.
*
(05/74)
Was bin ich dankbar
diesem Parasiten-Adel,
den die Behörden einfach
nur gewähren lassen,
wenn plündert er
die deutschen Kassen,
geduldet vom
Regierungsstadel.
Dank? Ja, er zeigt,
die deutsche Tugend ist intakt
wird’s bleiben
bis zum letzten Würde-Akt:
In dem die Würde
wird sich selbst aufreiben,
sich endlich ihrer
selbst bewusst
als deutsche
Lebenslügenphrasennadel.
Tröstende Erinnerungen (05/75)
Es geht bergab …
Ich kann’s mir
nicht verhehlen,
zumal mich immer mehr
auch Schmerzen quälen.
Kurzum: Ich gehe
auf mein Ende zu.
Und daran lässt sich
gar nichts machen.
Man kann nun mal
sich Zeit nicht stehlen;
auch nicht Gesundheit
oder Wohlergehen.
Indes erinnern
darf ich manches Du,
das einst für Stunden
war mir Daseins-Nachen …
Ließ mich vergessen
dieses Lebens Schmu,
Gewalt, Verlogenheit und
Tränen-Lachen.
Auch Einsamkeit
als Schicksals-Coup …
Weil’s tiefste Glücke
wusste zuzumessen
mir Nihilismuswundenmal …
Indem’s mir half,
selbst meinen Leeren
sinnerostrunken
leicht zu widerstehen.
Befreiung (05/76)
Am Abend, wenn ich dann nach Hause gehe,
- meist gegen sieben oder acht -,
den Haustürschlüssel endlich zweimal drehe,
die Katze mich empfängt felidensacht …
Noch aggressiv und angewidert
von Telefon, Getue und PC,
noch über Amtsgeschwätz verbittert,
zumal mir fremder Iche Ach und Weh,
und dann innen meine Wohnungstür auch schließe,
dann lasse sacken Angestellten-Zorn,
auch pfeife auf die Welt als Dauerkrise
(zumal die Tag für Tag beginnt von vorn),
darf ich mich andrem überlassen :
Der alltagsfernen Geisteswelt,
die nicht durchwandern Leibsuchtkundenmassen,
geleitet einsam mich auf Vers- und Einsichts-Feld.
Behelfsidentitätsvermeidung (05/77)/Sonett, geschrieben im Dezember 2009/Geändert 2026
Protagoreisch: Ich bin selbst das Maß,
sei’s Jenachdem-Selbst, sei es Marktreflex,
dass als Substanz ich gebe aus nicht Sex,
sondern den Alltagskampf um Schlaf und Fraß …
Also Bewahrung statt Kommando-Spaß,
der sich als Leitstern aufspielt dieses Lecks
der Existenz als Wohlstandsramschgewächs:
Effekten nachgeahmtes Wie und Was.
Mir selbst verfügt, muss ich genau bedenken,
was medienanonym mich etwa narre
im Phrasennebel digitaler Senken,
damit mich der in seine Gossen karre,
um, Zeitgeistbeute, dann mich umzulenken,
bis ramschdebil ich seines Zugriffs harre.
Noch weiter ertragen (05/78), geschrieben März 2016
Du musst nicht traurig sein,
nicht hadern, sei’s gar jammern,
wenn ich nun bald auch jenem X eingehe,
ich meine heim in die Materie …
Es sei denn deshalb, weil du hier,
verstrickt in Ich, Geschwätz
und Dingzwangjoch, verblendungslüstern
noch als Knecht verharren musst.
Und dem, dem kann man nicht entrinnen,
auch geistig nicht, man muss sich ja ernähren,
muss also fügen sich den Erdenschweren.
Und das heißt: leibgebunden sich versehren.
Erwartungsloser Neo-Kynismus* (05/79), geschrieben am 21.1.2008
Das Vaterland, das Volk und die Kultur,
die Kirche, die Familie, der Verein,
die Solidarität, ja selbst die Liebe …
Das alles ist mir so egal:
suspekt, Fassade, Emotionen-Brei.
Mag freilich Pseudohalte geben,
entlastungsträchtig das Normale stützen.
Für mich indes
ist das verräterisch,
lässt sich und mich
zuletzt im Stich …
entwürdigt, korrumpiert …
oft Schein und Lüge
letztlich auch.
Mich also weist die Einsicht auf was anderes:
Auf sich allein gestellt und ewig fremd
sich selber so wie anderen Gehirnen auch:
brutalisierte Seele, Leiblichkeit,
von Kernen her der Raumzeit hingezeugt,
lebt man dahin, von allem Sinn verlassen..
Vergeblich.
Zweckfrei.
Gottlos.
Ungeborgen.
In jedem Augenblick
substanzbanal.
Und doch auch faszinierend
dringt die Einsicht vor
zu solch unfassbar tiefer
Nichtigkeit.
*Kyniker:
Von griechisch κυνικός = hundemäßig,
die von Antisthenes in dem Gymnasium
Kynosarges, das dem Herakles, dem Heiligen
der Kyniker geweiht war, gegründete
philosophische Schule, deren Anhänger das
ideal eines natürlich, bedürfnislosen Leben,
alle Kulturgüter und –werte verneinenden
Lebens in die Tat umsetzten und als besitz-
und heimatlose Wanderprediger und Bettler
umherzogen; daher Kynismus, die Lebensan-
schauung der Kyniker. Aus: Wörterbuch der
philosophischen Begriffe, Felix Meiner Verlag,
Hamburg
Verfallen (05/80), geschrieben 13./14.2002/Verbessert Juni 2026
Man schwächelt leiblich immer feiner,
wird mehr und mehr sich selber Fessel.
Genutzte Flächen werden immer kleiner,
sind Bett zuletzt nur noch und Fernsehsessel.
Die Kräfte schwinden, man vergisst,
wird teilnahmslos und starrt ins Leere,
verdrängt die immer kürzre Daseins-Frist,
an Lebensgier sich klammernd - trotz Misere.
Was dann kommt, kann man nicht begreifen.
Man weiß: Kein Sein, kein Nichts, kein Tor;
Weiß nichts vom Übergang, wo sich zwei Stillen streifen … Weiß nur, man liegt als Körperding dann vor.
Dasein (05/81), geschrieben 14./15.11.2002
Ich glaube nicht, dass es sich letztlich lohnt.
Und darin gärt nichts von Verbitterungen …
Es ist schon Glück, wenn man verschont
von Krieg bleibt, Krankheit und Erniedrigungen …
das Menschliche nur aus der Ferne greift.
Sich auch nicht sehnt, als großes es zu fühlen,
denn schon, wenn man es oberflächlich streift,
zeigt es als doppeldeutig sich, nämlich als Spielen
mit Einsamkeiten, die ganz ausweglos
sich zwischen Du und Wir und Welt doch drängen …
Und - undurchbrechbar - legen bloß
Gewaltverstrickung, Leere und die Last von Zwängen.
Geist (05/82)
Ich würde diese Farce durchaus noch mal durchmachen
(wiewohl der Kreaturenseinssucht wegen nicht),
trotz Häme, Niedrigkeit, Alleinsein und Verflachen,
die letztlich nichtig sind vor Geist und vor Gedicht,
den Mächten, die allein mir zählten,
zumal sie über Stumpfsinn weit hinaus mich trieben,
auch jene Niederlagen, die mich früh schon quälten
und mich in Minderwertigkeitsverzagen trieben.
Doch meinen Artgenossen Achtung zollen,
wie ich verworfen und ganz hilflos ausgesetzt
dem Zwang, sich selber immer nur zu wollen,
das kann ich nicht, von ihrer Rohheit allzu oft gehetzt.
Noch einmal würde ich das Ganze auf mich nehmen,
wenn ich mich wieder Geist ergeben dürfte,
um meine Pöbelwirren dann erneut dank ihm zu zähmen,
weil er, mich steuernd, doch aus jeder Gosse schlürfte.
Daseinsdilettanten (05/83)
Manchmal wird man
schon deshalb gehasst,
weil man den Leuten
Minderwertigkeitsgefühle
erregt hatte, bloß etwa,
weil sie meinten,
man sei gebildeter als sie,
geistig wendiger,
ihnen intellektuell
überlegen.
Dann freilich
kennen sie kein Pardon,
die Leute,
sie hassen einen glühend -
Obwohl man vielleicht nur
ein wenig Geselligkeit
sich erhofft, vielleicht nur
nach einer Gelegenheit
gesucht hatte,
sich im Umgang
mit einem Du
sich von sich selber
zu entlasten;
vielleicht auch nur
der Sehnsucht nach einer
harmlosen Umarmung
erlegen war.
Seltsam zerstörerische Ichsucht.
Aber auch nicht gewollt, nicht
das Produkt intendierter Bosheit.
So nicht einmal im Ansatz
zu verantworten von jenen
ängstlich-orientierungslosen,
vielleicht nach Anerkennung,
Entlastung oder einer erhebenden
Freundlichkeit hungernden
Daseinsdilettanten.
Lehrling (05/84)
Ich war mal Lehrling in einem Autohaus
in Ludwigshafen am Rhein. Drei Monate lang.
Dann wurde ich entlassen. Ich hatte die Berufsschule
in Mannheim geschwänzt, um in der dortigen
Innenstadt herumzulungern und dann ein Sportstudio
zu besuchen. In Mannheim hat mich zufällig jemand
aus dem Ludwigshafener Autohaus gesehen
und mich dann am selben Tag als Schwänzer gemeldet.
Das war 1966, zwischen Oktober und Dezember.
Aber warum mache ich daraus ein Gedicht,
Ende März 2016, fast 50 Jahre später?
Nun: Die Einsamkeit war damals dieselbe wie heute.
Die Leere war damals dieselbe wie heute.
Und auch meine Gleichgültigkeit war damals dieselbe wie heute.
Und diese mich plötzlich rauschhaft überströmenden Glückstaumel
- als liefe irgendein Gott mit ihnen durch mich hindurch -
waren dieselben wie heute: Weit ausgreifend bis an den Rand
der Unberührbarkeit durch Artgenossen, wispernden Nihilismus
und Weltgeschehen …
Längst duzend selbst meine Vergänglichkeit, ludere ich geistgeborgen hellsichtig dahin, immer noch kindlich erschauend meine windgetragenen Scherbendome … heimlich freilich auch jener Person wieder einmal dankend, die mich 1966 als Schwänzer gemeldet hatte … und dadurch auch verhinderte, dass ich ein miserabler: den Betrieb schädigender Autoverkäufer wurde; stur wirklichkeitswillig Waren als das benennend, was sie sind:
Gekaufte und dann recht schnell ihre Faszinationskraft verlierende Einsamkeits- und Vergänglichkeitstrostprodukte, also auch subjektive Selbstgeltungssteigerungschancen versprechende Werteinheiten … so sehr, dass im Laufe der Jahrzehnte die sie begehrenden Individuen selbst zu Waren mutierten: Körperwaren etwa, die sich als solche herstellen ließen, um anderen als Leibding zu imponieren, zu gefallen, sie, diese anderen, zu überragen, auszustechen oder auch verführen ja: verachten zu können. Fremd ist mir, als einem selbstsüchtig nur für sich kämpfenden Tier als Evolutionszufall, dergleichen auch nicht; indes jene Geistgeborgenheit mich kommandierend daran hindert, dergleichen auszuleben, weil das mir bewiese, dass mein Wille nicht frei ist (er ist es wirklich nicht: Ich bestehe nur aus Materie, bin also vollständig determiniert) … zwar nicht frei ist, ich aber einsichtsfähig bin, mir sagend, dass es für mich, existenziell betrachtet, weitaus klüger und vorteilhafter ist, an dem üblichen intersubjektiven Daseinskampf - wenn irgend möglich - mich nicht zu beteiligen, sondern mir, in Paradoxe verliebt, also auch sophistisch begabt, einzureden, dass ich zwar als Tier nicht frei sei, wohl aber als Geistwesen, welches doch gewöhnlich in der Lage ist, ein scheinbar unvorteilhaftes Unterlassen als Sieg über sich selbst auszugeben … Was Freiheit wäre, die es aber nicht geben kann … Beweis? Jedes machtstrategische Genie fordert von sich selbst, gegenüber sich selbst genau so zu handeln: Um sich durch Macht über sich zu ermöglichen, die Macht über andere geistig zu steuern, was unbedingten Selbstabstand, also die Macht erfordert, sich von sich selbst distanzieren zu können
Vergessen freilich habe jenen Tag ich nicht.
Diesen Dezember-Tag, den ich schon nannte,
wohl wissend, ich verlöre mein Gesicht.
Da war’n die Eltern, waren auch Bekannte,
die daran glaubten, dass ich sei so schlau,
die neue Lage vorteilhaft für mich zu nutzen.
Dabei vermeidend auch den kleinsten Gau,
um meine guten Chancen nicht zu stutzen.
Zwei lange Jahre ließ ich dann vergehen:
Ich zockte, mich mit Spielgeld zu versehen,
was in der Regel auch ganz gut gelang.
Die meiste Zeit indes verbrachte ich am Hang
des nächstes Dorfes, wo die Kirche steht:
Auch zu bekämpfen diesen Seelendrang …
doch endlich Schluss zu machen, weil nichts geht;
schon damals doch tief nihilistisch mir verdreht.
Ich konnte mich dann von mir selber lösen,
die tiefe Depression so überwinden,
gestützt dabei von deutschen Dichtergrößen,
die wussten Lebensmut mir neu zu gründen.
Indes der Nihilismus blieb erhalten mir;
zumal bestätigt dann im Lauf der Zeit …
Nun ja, der Mensch ist nun mal nichts als Tier:
In Amoral gefangen, Gier und Einsamkeit.