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Überlegungen, die das kantische und das grundgesetzliche Würdekonzept unmittelbar betreffen

(1) Götz Briefs, Nationalökonom, Sozialphilosoph, römisch-katholischer Sozialethiker, 1889 - 1974 sah, 1926, das Kernstück des ethischen Wandels in der Neuzeit in der Ethisierung des Ideals des Wohllebens*. Dazu Arnold Gehlen, Moral und Hypermoral, 1973, Athenäum-Verlag, S. 61. Gehlen führt zu Briefs aus: „Nicht die bloße Abweisung von Not und Leiden, sondern das Erfüllungsglück selbst, das Wohlhaben und Wohlleben werden hier zu Sollforderungen erhoben … „ Soll heißen: Es bestehe also ein moralischer Anspruch auf Wohlleben; und so war (und ist es) in der Tat.*

Anm.*: Es ist aber absurd, in einer Gesellschaft das Ideal des Wohllebens als moralischen(!) Anspruch zu etablieren und gleichzeitig die Menschenwürde als obersten Verfassungswert zu betrachten: Das ethisierte Ideal des Wohllebens: Verwirkliche dich selbst! Genieße und erlebe dein Leben! Du hast ein Anrecht auf ein solches Leben usw. usw.). 
Nun, ich, Sa., habe dagegen nicht einzuwenden,
(1) nur unter dieser Voraussetzung wachsenden Konsums der in diesem ihr Lebensglück suchenden/sehenden Gesellschaftsmitglieder lässt sich eine solche (im Kern radikal antiasketische) Wohlstandsgesellschaft überhaupt etablieren
(2) Allerdings hat eine solche Wohlstandsgesellschaft dann negative Folgen, die sie um ihrer selbst willen in Kauf nehmen muss: 
(i) sie unterwandert stillschweigend die Würdefähigkeit der ihr angehörenden Menschen. Und warum? Weil sie diese nach und nach ihrer sittlichen Selbstverfügungsmacht beraubt: sie gleichsam zwingt, sich zu verdinglichten (sich selbst zur Ware zu machen … Der Konsumkapitalismus ist in diesem Sinne autodestruktiv: sie werden 
(ii) zu 
- Hedonisten (Genuss-Monaden als Verbraucher und Erlebnis-Sammler)
- Atheisten (die metaphysischen Bindungen lösen sich immer mehr auf: Die Wohlstandsgesellschaft wird zum Diesseitsparadies (allerdings ohne das Versprechen der Unsterblichkeit abgeben zu können; und: Massiv angewiesen auf Reklame und einer entsprechenden Zeitgeistentfaltung als permanent jene Mär verbreitender ‚ideologischer Mächte’ … Tatsächlich sinkt das Niveau des Lebensglücks mit wachsendem materiellem Wohlstand; ich, Sa., würde soweit gehen, zu behaupten, dass in einer solchen, in ihrem Sinne sehr erfolgreichen Wohlstandsgesellschaft, ein spezifischer Nihilismus nicht zu vermeiden ist:
Der des ichsüchtigen, psychoethisch desorientierten, seelisch verkümmernden, einsam-unglücklichen und sich oft mit Drogen existenziell über Wasser halten müssenden Verbrauchers, zumal der auch - das ist ein anonymer Vorgang - geistig intellektuell immer weniger zu leiten in der Lage ist: Und irgendwann fehlt die Einsicht in die Leitungs- und Fliehkräfte des eigenen Daseins.
(iii) Um es kurz zu machen: Die entscheidende, weil tiefgreifende Lebenslüge der Wohlstandsgesellschaften besteht darin, dass sie ihren Gesellschaftsmitgliedern - jedenfalls vielen, wenn nicht, idealerweise, den meisten - zwar in der Tat ein materiell „gesättigtes“ Leben ermöglichen (schließlich ist ein solches letztlich die Grundlage ihres Bestandes), eines aber nicht bieten können: Lebenssinn! Es ist absurd zu glauben, dieses Ziel, das jeden zuweilen als heimliche Frage „anfällt“ (Sich fragend: „Haben, Gelten, Lust, Macht usw., kurzum: exquisite konsumtive Befriedigungen? Gut und schön …  Aber wozu?“).
Die heutigen Menschen, die angepasst an und gierig auf Wohlleben sind, sind eben:
- Materialisten 
- Hedonisten
- Eudämonisten 
- Narzissten
- Atheisten
- Egoisten(Ichpfleger) usw. usw., 
aber als diese keine Sinnträger (oder nur dann, wenn sie sich vom System vollkommen tragen, leiten, vereinnahmen, „aufsaugen“ lassen, ihm sozusagen mit Haut und Haaren verfallend sind: konsumtiv und von sich selbst allberauscht existieren, dann mögen sie ihr Leben als großartig, gar sinnvoll empfinden; indes nur, weil ihnen der Abstand zu ihm fehlt, oder weil sie verdrängungsbegabt sind; oder weil ihnen die Fähigkeit, danach zu fragen, was sie denn da treiben, abgeht)
Subjektive Formen sinnerfüllten Lebens sind etwa (sie sind durchweg wert-, nicht konsumtiv gebunden)
(α) Außergewöhnliche menschliche Gaben (wie etwa: Güte, Ehrlichkeit, Sachlichkeit, Feinfühligkeit, Freiheit von Neid, Hass, Rachsucht, Häme, Existenzschauspielerei usw., die andere auf geheimnisvolle Art beglücken, angstfrei, friedfertig machen, gewaltlos, zugänglich usw.), die einen zu einem „guten, allverlässlichen Menschen“ machen, in dessen Gesellschaft auch andere im besten Sinne des Wortes „aufblühen“/“von sich selbst erlöst werden“. Solche Menschen sind freilich sehr, sehr selten …
(β) Ein intaktes Familienleben
(γ) Berufliches Können, das subjektiv befriedigt, einen stolz zu machen geeignet ist und einem  die neidlos-ehrliche Anerkennung anderer beschert
(δ) Der Glaube an Gott
(ε) Die Aufopferung seiner für ein humanes Ziel, überhaupt für etwas, was einem Menschen als unbedingt sinnvoll erscheinen mag (etwa die Arbeit eines Arztes in Kriegsgebieten, der Einsatz eines Biologen für bedrohte Tierarten, der Einsatz eines Experten gegen die Folgen des Limawandels usw.) usw.; dann
(ζ) Forschungsarbeit (Physik, Biologie, Chemie, Medizin usw.) sofern diese auch moralischen: artschützenden Zwecken dient, also dem Schutz des homo sapiens
(η) nur sittlich begründ- und machbare Ziele (an Werte gebundene) sind sinnträchtig (wiewohl es subjektiv auch faszinieren und heben kann (und tut) über außergewöhnliche Begabungen zu verfügen, o b w o h l deren Ziele keineswegs moralische sind
(θ) Kunst machen (ich, Sa., mache Gedichte, was ich als sinnvoll in der Bedeutung empfinde,  dass es mich von mir selbst, dem Du, dem Wir, der Gesellschaft abzieht, ja: von Welt überhaupt abzieht, o b w o h l ich weiß, dass es objektiv(!) so etwas wie Sinn überhaupt nicht geben kann; subjektiv freilich schon als wertgebunden empfundene individuelle Erfahrung von Sinnhaftigkeit (etwa: (β))
(ι) Bildungs-/Wissens-Erwerb als Wert an sich (freilich auch, um sich in dieser Welt auf der Basis gewonnener Einsichten in sie, orientieren zu können)
------------------------------Ende der Anm.

(2) Dazu Max Scheler (zitiert bei Gehlen, S. 64): „Aller praktische Eudämonismus*, jedes ethische Verhalten, in dem Lustgefühle Ziele und Zwecke des Strebens und Wollens darstellen, muss notwendig die Tendenz annehmen, alle in ihm enthaltene Willenstätigkeit auf die bloße Vermehrung der sinnlichen Lust zu richten, d. h. als hedonistisches* Verhalten zu werden. Der Grund dafür ist, dass nur die Ursachen der sinnlichen Lust unmittelbar praktisch lenkbar sind.“

*Eudämonismus: Glückseligkeitslehre
*Hedonismus: Glück und Ziel der Bestrebungen der einzelnen Menschen sei das Gefühl der (körperlichen) Lust Lust.
Begründer des Hedonismus: Aristipp von Kyrene*
(435 - 355 v. Chr.), ein Sokrates-Schüler. Zu Aristipp siehe Diogenes Laertius, Leben und Meinungen berühmter Philosophen, Felix Meiner Verlag Hamburg, 1967, Buch II, 8. Kapitel, S. 105ff
Aristipp von Kyrene* (435 - 355 v. Chr.), „wusste sich“ so Laertius S. 106 „mit Glück in Ort, Zeit und Person zu schicken und jede Rolle den jeweiligen Umständen gemäß zu spielen. Daher fand er auch mehr als die andern den Beifall des Dionysios (des Tyrannen von Syrakus. Um 430 bis 367 v. Christus), da er jeder Lage stets die beste Seite abzugewinnen wusste. Denn er genoss die Lust, die der Augenblick bot, ohne ängstlich nach Genüssen zu jagen, die in dunkler Ferne liegen. Daher auch das Wort des Diogenes**, der ihn einen königlichen Hund nannte.“

Anm.*: Aristipp war das Haupt der kyrenaischen Philosophenschule der Hedoniker, die einen lupenreinen Hedonismus vertraten (hëdonë griech.: Lust, Vergnügen, Genuss). Hedonismus ist die Lehre, für die das Glück und Ziel des einzelnen Menschen allein im Gefühl der Lust bestehe. Aristipp war sehr schlagfertig. Dazu ein Beispiel: Einst war er auf einem Schiff unterwegs, das in einen Sturm geriet; als er daraufhin Anzeichen von Angst zeigte, machten sich die anderen, die auf dem Schiff waren, über ihn lustig: Wie könne man sich, Philosoph seiend, so ängstigen; woraufhin Aristipp ihnen antwortete, dass sie nicht vergessen dürften, um welch große Seele er sich gräme; da hätten sie es doch viel einfacher …

Anm.** Diogenes von Sinope (am Schwarzen Meer); er starb 323 v. Chr. in Korinth/Diogenes in der Tonne/Kyniker (eine Philosophenschule, die „Hunde“ hießen. Diogenes war berühmt für seinen schlagfertigen Witz. Als er einst einen jungen Mann traf, der gerade ein Liebesorakel (Blätter nacheinander von einem Zweig zupfen, indem man sagt, Blatt 1 zupfend: Sie liebt mich, dann, Blatt 2 zupfend: Sie liebt mich nicht) vollzog, sagte ihm Diogenes: Hör mal zu, Junge, Eins ist bei dem, was du tust, sicher: Je besser, desto schlimmer.
------------------------Ende der Anmerkungen

Tatsächlich scheint in der heutigen Wohlstandsgesellschaft die "Lust" (in jedweder Bedeutung) ein vorrangiges/grundlegendes Ziel der Menschen zu sein; und dieser Schein trügt nicht. Sieht man indes genauer hin, kann man sich des Eindruckes nicht erwehren, dass die Lust heutzutage nicht nur mehr Ziel menschlichen Verhaltens ist/sein soll, sondern auch Mittel - und zwar Mittel gegen
(*) Vereinzelung/Einsamkeit/Verlassenheitsgefühle (der heutige Mensch, psychoethisch tief digital-medial geprägt, ja: geformt/aus-, gar abgerichtet) wird sich in der Regel auch inszenieren (müssen), um die Aufmerksamkeit anderer auf sich zu ziehen
(*) Um Selbstwertdefizite zu überspielen
(*) Die zuweilen bedrückende (gar Ängste provozierende) undurchsichtige Komplexität der modernen Welt (die Superstruktur - nach Gehlen - von Kapitalismus, Naturwissenschaften und Technik). Im Hinblick auf diese kann Lust geradezu als Mittel der Realitätsmeidung dienen, d. h. als existenzielle Droge gegen die nicht greifbare Macht und Unberechenbarkeit gesellschaftlicher Großprozesse
(*) Das u. U. dauerpräsente Gefühl, etwas zu versäumen: Die menschliche Ich-Gier mag so kommandierend sein, dass selbst ein ausgeprägt hedonistisches Verhalten sie nicht mehr stilllegen/befriedigen kann
(*) Dass Lust ein mit Glück erfüllendes Ziel menschlichen Strebens sein könne, ist zumal eine fatale Lebenslüge: Lust mag eine Stundenillusion von Glück gewähren, kann aber nicht die Tatsache aus der Welt schaffen, dass die heutigen Konsumdiktaturen das Glück - auch das Glück der Lust - auf rein konsumtive Momente (kaufen/ verführen, genießen, verlassen, vergessen), reduziert haben (vgl. Schelers Bemerkung, oben): Das liegt in der Natur der folgenlosen Sinnenlust: Sie ist keine einen stabilisierende Selbsterhaltungs-Grundlage.
(*) Und überhaupt: Wenn die Lust hielte, was sie verspricht: Glückseliges Entlastungs-Haupt-Ziel menschlicher Pleonexie (Ich-, Hab-, Macht- und Genuss-Sucht) als sapienter Wesensgrundlage sein zu können, dann frage ich mich, warum die heutigen Menschen immer unzufriedener, aggressiver, seelenkälter, gewissenloser, neurotischer, orientierungsloser, phrasenanfälliger, drogenbedürftiger, wirklichkeitsflüchtiger, gewalttätiger usw. usw. werden … Nun: Weil auch die Lust (sie werde noch so häufig und noch so intensiv genossen) nichts an der Tatsache eines progressiven Selbstmacht- und Orientierungs-Verlustes des Individuums ändern kann: sie, die Lust, kann nur helfen, sich diese zu verhehlen: Die heutigen Wohlstands(pseudo)-Paradiese haben das Individuum seiner selbst benommen, haben es sich seiner selbst entmächtigt, haben es sich als systemstützend-konsumierende Verfügungsmasse „einverleibt“.

(3) Niklas Luhmann
Der Staat, so Niklas Luhmann(?)*, könne (via GG/Recht) die Würde des Menschen mitnichten garantieren: Jeder könne sich seine Würde durch eine entsprechende Selbstbestimmung (nach Kant: folgend dem Gesetz seiner eigenen Vernunft: dem KI) nur selbst schaffen. Das ist richtig, liegt auf der Hand: Die Würde des GG ist eine Würde, die man, Mensch seiend, in welchem Sinne auch immer ausdeutbar, hat; und sie ist unantastbar
Das ist nicht kantisch gedacht - man sei, wer auch immer; man wolle, was auch immer, man tue und denke, was auch immer - man hat eine Würde. Fakt ist indes: Man kann, als Mensch (Nipperdey, s. o.) als Mensch überhaupt; Dürig: Nur als Persönlichkeit) eine Würde - gleich in welchem Sinn - n i c h t nicht h a b e n (mag sie auch ein bloßes Wort und also ihre konkrete Bedeutung - ihr Begriff - nicht gegeben sein). Das ist sehr verwirrend, weil in der Tat das Würdekonzept des GG nicht zu fassen ist.
Wir wollen uns jetzt uns an die Kantische Konzeption der Würde erinnern: Die dem kategorischen Imperativ gemäß (mittels gesetzeskonformer Maximen) vollzogene Selbstüberschreitung seiner als Sinnenwesen (Bedürftigkeits- und Pleonexie-„Knecht“: rechenhaft-ichsüchtiger Verbraucher/Kunde/Gesellschafts- und Wirtschafts-Subjekt), sodass man sagen kann: „Würde“ kommt dem Menschen zu, wenn er sich, was sein Wollen und Handeln angeht, an sich als Vernunft-/Geist-Wesen: Person, also am kategorischen Imperativ seiner eigenen Vernunft orientiert - und eben nicht an seiner Kreatürlichkeit: Und orientiert er sich am KI allein, dann sind alle von ihm angenommenen Maximen widerspruchsfrei verallgemeinerbar, also gesetzeskonform, folglich einmalig-unvergleichlich-geistig „würdewertig“.
Was also meint: Man müsse sich seine Würde, die Würde, von der im Grundgesetz die Rede ist, selbst schaffen, wenn man n i c h t kantisch denkt? Diese GG-Würde ist doch gar nicht zu fassen, juristische eine unbrauchbare Formel/ein bloßes Wort …

Anm.*: Ich weiß nicht mehr, woher ich die folgende Aussage Luhmanns habe, ja, weiß nicht einmal mehr dies, ob sie überhaupt eine solche von Luhmann ist. Jedenfalls ist die Aussage korrekt: Man kann sich als Individuum seine Würde nur selbst verschaffen (jedenfalls dann, wenn man, wie ich, Sa, nicht ein naturalistisches Weltbild hat, das eine Willensfreiheit gar nicht zulässt, folglich auch keine Würde kennen kann)
--------------------------------------Ende der Anm.

(4) Benjamin, Walter: Kapitalismus als Religion, in:Gesammelte Schriften, Hrsg: Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser, 7 Bde, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1. Auflage, Band VI, S. 100 - 102*

Anm.*: Ich habe dieses Werk Benjamins gelesen, es 
aber nicht recht verstanden; indes glaube ich, dass Benjamins Ausführungen die Sache nicht treffen; dies auszuführen würde aber zu weit führen. Ich belasse es daher bei der bößen Nennung der Grundthese Benjamamins
-------------------------Ende der Anm.

Denn:
(a) Der Markt hat die Kirche nicht ersetzt (ich gehe davon aus, dass Benjamin dieses Wort „ersetzt“ benutzt hat), er, der Markt, hat - ja: was denn? - ihr, der Kirche, ihre seelenprägende religiöse Kraft genommen (nicht absichtlich, nicht aus ideologischen Gründen, nicht aus Feindschaft, nicht gewollt, nein …): Der Markt hat sich an die Stelle der Kirche als moderne Instanz der Schaffung von nichtmetaphysischen Diesseitsbeseligungskräften: Sinnentfesselungs-Waren und -Erlebnissen gesetzt

(b) Er, der Markt, hat die Kirche ersetzt, weil es ihm gelang, die Menschen in ein „Waren“-Diesseits zu „locken“, das ihnen sozusagen die dauernde Vollendung all ihrer kreatürlichen Glückseligkeitsbestrebungen- und Hoffnungen leisten und realisieren zu können insinuier(t)e. Als ob die Vertreter dieses Marktes den Menschen das bei Gehlen (a. a. O., S. 61) erwähnte Gebet von Ramses IV(?) ins Ohr geraunt hätten:
„In der Tat kommt hier der alte, legitime Begriff der Wohlfahrt oder des Wohles des Volkes ins Spiel, die von jeher von den Regierungen als ihre Aufgabe und Verpflichtungen begriffen wurden, zunächst in der naiv einleuchtenden Lebenslust, mit der Ramses IV(?) in einem Gebet an Osiris begehrte zu essen, bis er satt ist, zu trinken, bis er berauscht ist, Gesundheit und langes Leben, Herzens- und Sinnenfreude, den Nachkommen ewige Herrschaft und hohen Nilstand* - eine reizvolle Mischung privater, dynastischer und kollektiver Herrlichkeiten.“

Anm.*: Hohen Nilstand – heute wünscht man (vor allem sich selbst): Hohen Kontostand

(c) Kurzum: Der Markt hat die Kirche schon deshalb ersetzt: sie unattraktiver für die Menschen gemacht, weil er leiblich-materielle: greifbare Glückseligkeit im gesellschaftlichen Diesseits (nicht irgendwann, sondern schon jetzt oder baldmöglichst) versprach (und nicht ein vollendetes geistiges Glück erst nach dem Tode im Jenseits - falls man nicht in die Hölle kommen würde)

(d) Der Markt hat die Kirche ersetzt, weil er in Aussicht stellte:
(*) Größere Aussichten auf Selbstbestimmungsmöglichkeiten, die es traditionell (noch im 19. Jh.) auf dem Land nicht häufig gab; schon gar nicht für Frauen. Nur Stadtluft mache frei, hieß es.

(*) Allgemeine materielle Besserstellung; gerade auch der unteren Gesellschaftsschichten -obwohl die Plackerei der Arbeiter in den Fabriken eine Tatsache war: Körperliche Schwerstarbeit, oft sogar unter gesundheitsgefährdenden Bedingungen, zumal bei einer 12 Stunden-Arbeitszeit - manchmal mehr - am Tag. Auch die Löhne waren knapp bemessen. Kein Wunder, dass es noch nach dem 2. Weltkrieg in Arbeiterfamilien oft hieß: „Euch, Kindern, soll es einmal besser gehen!“

(*) Gesellschaftliche Stabilität, mehr Freiheit von Kirche und Staat, also: Mehr Autonomie (vgl. oben (i); in politischen, aber auch moralischen Angelegenheiten/Fragen: Aufweichung der Rigidität staatlicher und kirchlicher Autorität

(*) Die irgendwann dann endgültige Abschaffung aller noch nicht überwundenen Formen der körperlichen Plackerei in den Fabriken (s. (ii) oben), man denke aber auch an die harte Feldarbeit in jener Zeit (landwirtschaftliche Maschinen gab e s erst viel später (Traktoren/ Zugmaschinen, Mähdrescher usw.)

(*) Die Menschen „unten“ durften nach und nach auf bisher nur erträumte Lebenschancen hoffen (also: sozialen Aufstieg, verbunden mit Prestige, Anerkennung usw.); sie kamen - für viele realisierbar - aber erst nach dem 2. Weltkrieg

(5) Die Situation heute (im 21. Jh.)/kurze Bemerkungen:
(*) Die kapitalistische Wohllebensmaschinerie hat gehalten, was man sich von ihr versprach: Sie erfüllt heutzutage praktisch jeden, auch den ausgefallensten, Konsum-Wunsch (den sie ja selber schafft), sie versorgt die Menschen mit allem, was sich diese wünschen mögen - aber glücks- oder gar sinnträchtig ist sie eher nicht; im Gegenteil: Sie hat - in den Jahrzehnten von 1960 bis 1980 - (den Jahren der subjektivistischen Selbstverdinglichungschancen, geschürt zumal von der aufreizenden und „befreienden“ Rock-/Pop-Musik, unter welchem Namen ich a l l e Richtungen der modernen populären Musik verstehe, auch Schlager, denn alle diese Musik-Richtungen dienen dem Wirklichkeitsmeidungsbegehren als emotional-dionysisch-magisch-eskapistische Realitätsflucht im Zustand fieberhafter hedonistischer Erregtheit: sie steuert die spaßgierigen Verbraucher-Innenwelten) viele Menschen zu ihren Knechten gemacht, hat sie mit seelischer Verarmung geschlagen, drogenbedürftig gemacht, verwahrlosungsanfällig, hat sie medienunterwürfig, selbstmachtlos und zugleich selbstsüchtig, kindisch, ichschwach, orientierungslos, anmaßungslüstern auf sich selbst zurückgeworfen. Heutzutage (im 21. Jh.) sich ihr zu entziehen, ist ungemein schwierig geworden; zumal man, wenn man nicht interessiert ist an einem verlockenden außengelenkten Lebensvollzug, schnell ins soziale Abseits gerät.
Grundsätzlich will ich dies bemerken: Mit der Behauptung die Rock-,Pop-Musik habe die Menschen medienunterwürfig, selbstmachtlos, selbstsüchtig, kindisch, ichschwach, orientierungslos, anmaßungslüstern gemacht, liegt es mir fern, die Menschen zu kritisieren. Ich sage es unmissverständlich: Sie sind gar nicht zur Rechenschaft zu ziehen für ihr Verhalten, laufen vielmehr - willenlos-dauerdeterminiert - ab wie die Bratenwender (ein Vergleich, den ich in welchem Zusammenhang auch immer irgendwo in einer Schrift Kants gelesen habe): Ich will und kann die Menschen nicht tadeln wegen ihrer Aspirationen, eben weil sie sie nicht selbst, als Vernunftsubjekte/Zwecke an sich, gewollt haben, absichtlich, sondern nur durch sie irrational animiert, erstrebt haben, um sich aus sich selbst und der Welt in eine Art „spaßerfüllter“ Belämmerungs-Trance zu katapultieren.
So ist es nun mal; unabänderlich: Man ist sein Leben lang sich selbst ausgesetzt; oft hilflos; kaum mal erträglich, ganz, ganz selten privilegiert: genetisch privilegiert … Als habe einem die Tyche (altgriechische Göttin des Glücks/Zufalls) - nichts geplant habend wie immer - ihre größten Gaben vor die Füße geschleudert: die aus tiefster Einsicht herrührende existenzielle Indolenz und die Gnade geistiger Begabung.

(6) Dazu nun, zur Gefangenschaft in außenprovozierter Entlastungs-Leidenschaft, ein sehr beeindruckender Text von Klaus Mann (in: Weimar, Ein Lesebuch zur deutschen Geschichte, Becksche Reihe BsR 4012, München 1997, S. 144).

„Die Jazz-Infektion“
„Millionen von unterernährten, korrumpierten, verzweifelt geilen, wütend vergnügungssüchtigen Männern und Frauen torkeln und taumeln dahin im Jazz-Delirium. Der Tanz wird zur Manie, zur idée fixe, zum Kult. Die Börse hüpft, die Minister wackeln, der Reichstag vollführt Kapriolen, Kriegskrüppel und Kriegsgewinnler, Filmstars und Prostituierte, pensionierte Monarchen (mit Fürstenabfindung) und pensionierte Studienräte (völlig unabgefunden) - alles wirft die Glieder in grausiger Euphorie. Die Dichter winden sich in seherischen Konvulsionen, die ‚Girls‘ der neuen Revuetheater schütteln animiert das Hinterteil. Man tanzt Foxtrott, Shimmy, Tango, den altertümlichen Walzer und den schicken Veitstanz. Man tanzt Hunger und Hysterie, Angst und Gier, Panik und Entsetzen, Mary Wigwam - jeder Zoll eckige Erhabenheit, jede Geste eine dynamische Explosion – tanzt Weihevolles, mit Musik von Bach, Anita Berber - das Gesicht zur grellen Maske erstarrt unter dem schaurigen Gelock der purpurnen Coiffure - tanzt den Koitus. Man tanzt in antiken Gewändern, gotischen Rüstungen und mit entblößtem Bauch: man tanz à la Isidora Duncan, à la Nijinsky, à la Charlie Chaplin; man imitiert Indianer, Kongoneger, Südseeinsulaner und die gemarterter Pantomime eingekerkerter Tiere im Zoologischen Garten. Ein geschlagenes, verarmtes, demoralisiertes Volk sucht Vergessen im Tanz. Aus der Mode wird die Obsession; das Fieber greift um sich, unbezähmbar, wie gewisse Epidemien und mystische Zwangsvorstellungen des Mittelalters. Die Symptome der Jazz-Infektion, die Zeichen der hüpfenden Sucht lassen sich im ganzen Land bemerken; am gefährlichsten betroffen aber ist das schlagende Herz des Reiches, die Hauptstadt.“

(*) Die Gesellschaft ist unter der kapitalistischen Wohllebensmaschinerie zu einer solchen einer auffallend großen Zahl von Tricksern, Kleingaunern, Absahnern, Betrügern, Verführern, Schwachstrom-Narzissten, Leerformel-Luden, Dauer-Schwätzern, Star-Anhimmlern usw. geworden
(*) Der große Rest der Gesellschaft ist immer mehr von den politischen Zuständen enttäuscht, fühlt sich vom Staat im Stich gelassen, wenn nicht gar missachtet, verliert zunehmend das Vertrauen in die bestehende Formal-Demokratie, misstraut vor allem auch mehr und mehr dem Recht, dessen politisch-ideologische Verwirrungen die Menschen durchaus ahnen/sehen
(*) Die demokratischen politischen Parteien scheinen nicht zu bemerken, dass sie sich selber abzuschaffen drohen: sie sind entweder faktisch apolitisch (Gesinnungsverwirrte, die wie Pfaffenklüngel agieren: rechthaberisch und glaubensautoritär; gesinnungsemanzipativ und egoman-charakterlos; oder: sie unternehmen alles, um sich noch weiter ins Abseits zu manövrieren, als sie es bereits getan haben … Als begriffen sie nicht, dass sie ihre traditionelle Klientel verloren („vergrault“) haben, um sich zumal den Masochismus zu erlauben, ihre offenkundigen Versager weiter nach oben zu hieven: Das ist ein politisches Unvermögen, das man als Außenstehender nicht begreifen kann. Aber wie schon oft gesagt: Es kommen heutzutage in der Regel die politisch Halbkompetenten hoch, um dann als Inkompetente immer weiter nach oben getragen zu werden. Wieder andere haben ihre historische Identität längst aufgegeben, sind zu Selbstentmächtigungsparteien geworden, die die Politik als Show betreiben, um dann irgendwann als follower ihrer selbst zu enden.
Ein Grundproblem: Die Unfähigkeit, komplexe Wirklichkeiten sachlich zu analysieren, um sich dann wenigstens geistig gewappnet (faktenbedacht) auf sie einzustellen. Indes scheint Europa sich aufgeben zu wollen. Warum, weiß ich zuletzt nicht. Sicherlich auch - vielleicht in erster Linie - wegen des miserablen, wertwirren, ziemlich unfähigen, aber machtsüchtigen und zuweilen auch korrupten Polit-Personals.
(*) Kants Würde-Ethik ist - kurz gesagt - längst ein ethisch-geistiger Boden entzogen: Der würdefähige(!) und -willige Mensch ist verschwunden; ersetzt hat ihn ein Mensch, der schlechterdings unfähig ist zu der von Kant geforderten Konsumaskese (noch mal: das Sinnenwesen ist würdeunfähig, weil es unfrei: heteronom ist)

(7) Der Markt hat in dem Sinne die Kirche ersetzt, weil er
(*) die Menschen psychisch-existenziell-moralisch anom (hier: innenweltzerfallsanfällig) gemacht hat
(*) weil er die Menschen geistig ruinierte: sie in hedonistische Gefangenschaft nahm: sie metaphysisch enteignete
(*) weil er die Menschen als digital-medial-technische „Seelenfänger-Macht“ fast beliebig - auch politisch-weltanschaulich-ideologisch-sinnhungrig lenken kann; vor allem in entlastungshedonistische innerer Gefangenschaft
(*) weil er die Menschen dazu verführte, sich selbst zu Waren zu machen
(*) weil er die Menschen permanent/lückenlos heimsucht (durch Reklame, Unterhaltungsangebote, Sport, Star-Events usw. = Entwirklichungsbelämmerungen
(*) weil er die Menschen ihrer selbst benimmt/beraubt/entfremdet: Die Menschen werden hysterisiert-hyperemotional-hedonistisch-narzisstische Zeitgeist-Jünger, Phrasen-Jongleure, Leerformel-Spielbälle, lebendiger Ausdruck marktimmanenter Verführungsziele: sich selbst als anders seiend Inszenierende
(*) weil er als Omnipotenz-Guru zu agieren vermag: Er funktioniert als dynamische Diesseits-Dauer-Schöpfung von Illusionen aller Art
(*) weil er, kurz gesagt, die Religion als sinnstiftende Daseinsmacht ersetzt hat: Dem Markt gelingt es, eine Selbstaufgabe- und Selbstentfremdungs-Metaphysik in den Seelen der Menschen zu etablieren: als abrufbare Überwältigungs-Sause mittels technischer Apparaturen … Wachsender Atheismus ist in einer Überflussgesellschaft nicht zu vermeiden
(*) weil er das Ich, das Es und das Über-Ich der Menschen vollkommen in Beschlag genommen hat; heißt: er produziert sogar das Unterbewusstsein der Menschen, so wie er ihr Über-Ich von Scham, Hemmungen, Gewissensbissen und moralischen Bedenken usw. despotisch befreit hat
(*) weil er ein kollektives Wir für sich seiender Monaden schuf, die einander fremd sich völlig gleich sind: vor allem auch „seelentechnisch“-berechenbar

(8) Kurze Bemerkungen zum Kapitalismus als Würdezerstörungssystem
Ich bin in Zeiten des bereits hochentwickelten Kapitalismus groß geworden; in einem pfälzischen Dorf, ca. 20 km von Ludwigshafen am Rhein entfernt gelegen, ein Dorf, in dem sich noch heute bedeutende Reste aus vorkapitalistischer Zeit finden: Etwa die Teile einer gut erhaltenen Stadtmauer aus dem 15. Und 16. Jahrhundert, die dem Dorf ein typisches Gepräge geben. Der Ort, gerade auch weil z. T. mittelalterlich anmutend, hat mich tief geprägt, besonders was die irrationalen Seiten meiner Person angehen: Seiten der Magie, der Gottesnähe, der Einsamkeit, des gefährlich gespenstisch Unheimlichen usw., der weiten Felder - Obstbaumstücke, Wingerte/Weinberge, Kartoffel- und Getreide Äcker, der herrlichen Bläuen, der so geliebten Winde und Tiere, aber auch bizarren und fragwürdigen Menschentums, das mich von früh auf seltsam faszinierte: sei es als asoziales, sei es als psychisch verwirrtes, sei es als gewaltlüsternes, sie es als besonders liebenswürdig leutseliges. All das ist gewissermaßen als Wesensmerkmal des Dorfes in mich eingewandert und befindet sich noch heute nach über 70 Jahren in meinen Seelennischen. Vor allem sind mir viele meiner Spielkameraden in Erinnerung geblieben, Menschen, die ich gleichsam abfotografiert hatte, um ihre Bilder in einem Album meiner Seele aufzubewahren; ich habe sie noch immer dort, meine Dorfschatten.
Eigentlich lebte ich in diesem relativ geschlossenen Dorfkosmos, soll heißen: In seinem mittelalterlichen Psychen-Teil, der mich weit mehr geprägt hat als der ökonomische; dasselbe gilt für den metaphysisch-religiös geprägten Psychen-Teil, der bis heute unverändert in mir hochschießen mag, etwa wenn ich Kirchenglocken, genauer: Glocken höre, die läuten, weil jemand dieses oberflächlich-kapitalistische, konsumentfesselte Getue verließ (starb). Tatsache ist, dass ich mein Leben lang nicht viel anzufangen wusste mit den kapitalistischen Segnungen der heutigen Zeit, die mir von vornherein als etwas zu laut und etwas zu trivial erschienen. Kurzum: Ich war - und bin es auch geblieben - ein rückwärtsgewandter: unmoderner, ja: fast vorgestriger Mensch geblieben, ein zur Einsamkeit neigender Fremder in dieser heutigen Welt, deren Heraufkunft von nichts und niemandem aufzuhalten war:
Sie ist ein Resultat der „Schöpferischen Zerstörung“, (so Josef A: Schumpeter) die Kapitalismus heißt.

(8a) Kapitalismus
Und meine Haltung zu diesem gilt es nunmehr zu vervollständigen:
(1) Um meine Auffassung des Problems der Würde verständlicher, zugänglicher zu machen
(2) Um Missverständnisse zu vermeiden (z. B. dem, dass ich ein eingefleischter Gegner des Kapitalismus sein könnte. Das ist nicht der Fall. Obwohl das, was ich oben unter (B) (3), Walter Benjamin: Der Markt als Kirche (a), (b), (c), (d), (e) ausgeführt habe, so aufgefasst werden könnte. Aber es ist nicht so. Ich bin kein Gegner des Kapitalismus, aber ein solcher des Sozialismus/Kommunismus* (wie überhaupt jedweder politischer, ethischer  oder weltanschaulicher Ideale: Sie sind alle - ausnahmslos - zum Scheitern verurteilt), dessen Idealismus ich in seinen Konsequenzen für inhuman halte: Man muss die Menschen schließlich zu Idealen immer zwingen, zu deren Gegenteilen (hier: Wohlstandsparadiesen) laufen sie - und zwar so schnell wie möglich - freiwillig: aus ihren eigenen kreatürlichen Antrieb heraus.

Anm*: Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, Felix Meiner Verlag, Hamburg, Band 559, 2005. Auf der Rückseite des Buches schreibt Barbara Zehnpfennig, die Herausgeberin dies:
„In dieser frühen Schrift … legt Marx in später nicht wiederholter Offenheit die Grundlagen seines Denkens bloß: Der Mensch ist Teil eines Heilgeschehens, das des Durchgangs durch das Unheil bedarf, um ihn erlösen zu können. In den ökonomischen Verhältnissen spiegelt sich der Stand jenes Prozesses wider. Am Ende der Geschichte ist der Mensch aller ihn bedrängenden Übel ledig: Der Not und der Feindschaft, der Gier und der Herrschaft. Vor allem aber braucht er keinen Gott mehr, denn er selbst ist an dessen Stelle getreten – als Schöpfer der Natur, als Schöpfer seiner selbst und als Überwinder seiner Endlichkeit in der Grenzenlosigkeit des menschlichen Gattungslebens.“

Dazu sage ich, Sa, dies:
(a) Es gibt kein Heilsgeschehen, dessen Teil der Mensch wäre; weil der Mensch nicht das ist (nicht sein kann), was Marx glauben will, dass er es sein könne, dieser Mensch:
(b) Der Mensch ist nicht gut (aber auch nicht schlecht, sondern: selbsthilflos), er ist nicht frei, d. h. er ist nicht fähig, sich seiner Übel zu entledigen, weil er sich selbst(!) das größte Übel ist: Sinnenwesen: Pleonexie-Knecht: ausweglos … eine determinierte Materie-Einheit: vernunft-, würde- und selbststeuerungsunfähig
(c) Der Mensch ist außerstande, Not und Feindschaft zu bekämpfen,  gar zu überwinden: Er selbst ist die Ursache von Not und Feindschaft: Er kann gar nicht anders als sein eigener Daseinsknecht
(d) Der Mensch vermag nichts gegen seine Gier und seine Machtsucht; gar nichts.
(e) Er glaubt sich von Gott emanzipieren, gar an dessen Stelle setzen zu können. Das kann er nicht. Im Gegenteil: Er braucht sogar noch die Fiktion(!) „Gott“, um sich so was wie Lebenssinn - wenigstens träumerisch - zu schaffen
(f) Es gibt überhaupt keinen objektiven „Sinn“ - keinen des menschlichen Lebens, keinen der Geschichte, keinen des gesamten Seins: Dies, dass das Universum gegeben ist, heißt mitnichten, dass dieses ungeheure Ganze irgendeinen Sinn habe  (vgl. dazu oben (1) Anm.*).
(g) Der Mensch - durch und durch heteronom: unfrei (also nicht selbstmächtig), würdeunfähig, bloße alldeterminierte: willenlose Materie-Einheit, als solche eines Schattens Traum (Pindar von Theben)
-----------------------------Ende der Anm.

Und aus all dem folgere ich:
Das Marxsche Ideal ist in sich: substanziell inhuman, weil es auf Voraussetzungen (s. Text Zehnpfennig und die Anm. (a) bis (g) dazu), die der Mensch einzulösen völlig außerstande ist: Der Mensch ist - noch einmal – idealbedürftig,  aber niemals idealfähig. Er, der Mensch ist, ich will’s nicht verschweigen, ist heute, unter den Bedingungen einer Überflussgesellschaft,
(*) oft auch amoralisch-inhuman
(*) verführungsanfällig; wer kann schon (biologisch notwendig Ich-, Hab-, Macht- und Genuss-Sucht-Einheit) den hedonistisch-eudämonistischen, gleichsam reklamesirenischen, zumal scheinbar sogar sinnträchtigen Glücksversprechen widerstehen, zumal von früher Kindheit an all diesen Konditionierungen ein Überflussgesellschaft ausgesetzt? 
(*) also notwendig auch ein Existenzschauspieler
(*) ein insofern nicht vernünftig und würdig sein könnender Vollzieher eines zentrisch konsumtiven Daseins, bestimmt und gesteuert von
(*) genetischen, herkunftsgeprägten, gesellschaftlichen, ökonomischen und marktideologisch kommandierenden Dauerkonditionierungen …
Aber: Nicht weil er so wollte (er ist radikal heteronom), sondern weil er - völlig schuldlos - es nicht vermeiden konnte/kann, ein solcher Daseinsvollzugsknecht zu sein. Und eben deshalb verurteile ich ihn nicht, diesen Menschen: Er ist kann sich nicht anders wollen, weil er zu
w o l l e n gar nicht fähig ist (als biologische Einheit nicht und nicht als Markt-Objekt)

(h) Dagegen ist der Kapitalismus gleichsam „human“: Insofern er dem Tier Mensch, das er als solches unabänderliches hinnimmt, immerhin einen Weg zu konsumtivem Glück: Und nur zu diesem ist der Mensch in der Regel fähig: nicht zu geistgewirkter Lebensfreude, sondern nur zu lustgetränktem Selbstaufzehrungsglück. Und das gönne ich ihm, ich gönne es ihm von Herzen, weil es seine ihm auch evolutionsbiologisch mitgegebene Gewaltsucht, seine Brutalität, seine Amoral, seine Ich-Schwäche relativiert (!!??); zumal eingedenk der Tatsache, dass er für sich selbst als biologische Einheit nichts kann: Er hat keine Schuld an sich.* Selbstverständlich ist der Kapitalismus nicht human (kein menschliches „Konstrukt“ ist das) im ethisch-geistigen Sinne, aber er, als politisch demokratisch verfasster Gesellschafts-Überbau, zwingt niemanden, sich seinen Segnungen hinzugeben; indes der Sozialismus den Menschen anpries/versprach/einredete, sie könnten sich zu Schöpfern der Natur, zu Schöpfern ihrer selbst und zu Überwindern ihrer Endlichkeit in der Grenzenlosigkeit des menschlichen Gattungslebens“ entwickeln (s. oben: Barbara Zehnpfennig)

*Anm.: Masse: Deshalb lehne ich die Vorwürfe, die José Ortega y Gasset: Der Aufstand der Massen, Rowohlt, 1977) den Massen macht, rundweg ab - obwohl er manchen Charakterzug (der Massen!, nicht der einzelnen!, die diese zusammensetzen!) sehr gut und genau erfasst. Der einzelne Mensch kann sich sogar als dieser, unbelastet von aktuellen Massen-Suggestionen, als durchaus besonnen, zurückhaltend, vernünftig und moralisch erweisen; nun ja: Sei’s. „Würde“, um die es hier geht, kann eine Masse nicht haben, denn „Würde“ käme, wäre sie als (im Sinne Kants) Selbstbestimmung eines Individuums überhaupt möglich, nur einzelnen Individuen zu, niemals Massen, die sich zu dieser gar nicht würden bestimmen können.
Noch mal: Unfrei zu sein (über keinerlei Autonomie: Selbstbestimmungsfähigkeit zu verfügen), meint zugleich: schuldlos zu sein (an sich selbst, da außerstande, sich selbst frei zu bestimmen - sich so oder so zu w o l l e n). Und an sich unfrei/heteronom sind wir als evolutionsbiologische Wesen - also: aus naturwissenschaftlicher Sicht - alle: Nicht würdefähig

(9) Ortega zählt als typische Merkmale der in einer Masse „aufgehenden Individuen“ diese auf (S. 144):
(*) Anonymität. Die individuelle Verhaltensweise verflüchtigt sich unter dem Bann der Leidenschaften, die alle ergreifen, und wird durch nur triebhaftes, instinktmäßiges Reagieren ersetzt.
(*) Gefühlsbestimmtheit. An die Stelle der Vernunft treten Gefühl und Trieb. Daher die große Beeinflussbarkeit der Massen, die nicht aus Überlegung und Einsicht handeln, sondern allein durch Emotion gelenkt werden.
(*) Schwinden der Intelligenz. Die Intelligenz der Massen sinkt unter das Niveau der einzelnen, die sie bilden. Wer sich den Beifall der Masse sichern will, wird sich an der unteren Intelligenzgrenze orientieren und auf sachlich-logisches Argumentieren verzichten. Ein Erlebnis mit anderen zu teilen, steigert die Erregung. Die Masse ist leichtgläubig und gibt sich … kritiklos einander ablösenden Rednern hin, mögen ihre Aussagen einander auch noch so sehr widersprechen
(*) Schwinden der persönlichen Verantwortung. In dem Maße, in dem der einzelne Kontrolle über die über die eigenen Leidenschaften aufgibt, verliert er sein Verantwortungsgefühl und kann zu Taten hingerissen werden, die er, allein im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehend, nie begehen würde.

**Anm.: Ortegas Ausführungen sind stimmig für politisch(!) missbrauchbare Massen, in denen der einzelne psychoethisch-affektbrünstig-ideologisch aufgeht: a l s einzelner sozusagen verschwindet in der Masse: also allen andern „innengleichgeschaltet aufgesogen“ wird in einer spezifischen allen gemeinsamen Emotionalität ideologischer Irrationalität, 
n i c h t aber für eine „crowd“ im Sinne David Riesmans, die für sich seiende!, gleichsam vereinsamte! in sich selbst versunkene!, miteinander um Oberflächendifferenzierung konkurrierende (also nicht um gemeinsam in einer politisch-ideologischen Phantasterei sich in eine „einzige überindividuell- irrational-emotionale Einheitsmasse zu verschmelzen“) „Allround-Konsumenten“, die sich nicht als charakter-konkret-unterschiedliche Individuen unterscheiden, sondern als „abstrakte“ Kunden mit je spezifischer Waren-Präferenz/-Ablehnung … z. B. für Zigarettenmarken/Whisky-Sorten/Auto-Marken/ Urlaubsorten/ Einkommenshöhen/Wohnviertel/Konsumleistungspotenz überhaupt/ auch Sexualpraktiken usw. usw.: der eine präferiert die Marke X, der andere die Marke Y, der eine dieses Verhalten, der andere jenes usw. usw. - und darin, nicht als geistig-seelisch-intellektuell-charakterbesondere Individuen, unterscheiden sie sich: gleiche, seelisch verarmte, anerkennungssüchtige, sich selbst inszenierende Verbraucher zu sein; d. h. eine „crowd“ beinhaltet/umfasst/wird gebildet von sich oberflächendifferenziert (nach Waren-Marken/Verhaltensweisen/spezifischen Präferenzen usw.) unterscheidenden, sich gegenseitig als Waren/Sachen/-Verbrauchsgütern/“Menschen-Waren“ usw. usw. überragen/ausstechen wollen müssenden (da herrscht ein innerer Zwang) … ja: Was? - Selbst sich als Ware anpreisenden Auto-Konsumenten.

Eine Masse besteht aus basisexistenziell/geistig-seelisch-intellektuell-weltanschaulich-ideologisch wesenskernverbundenen gleich fühlen/wollen/handeln/sein/Welt auslegenden und erfahrenden wesensidentisch irrationalen „Brüdern und Schwestern“ im menschlichen Wesen, eine crowd dagegen aus basisexistenziell/geistig-seelisch-intellektuell-weltanschaulich-ideologisch für sich seienden, sich unbekannten Kunden, die nur als die gleich sind.

***Anm.: crowd (Angabe des Wörterbuches): Haufen, Menge, Masse (auch: gemeines Volk), Gedränge, Gesellschaft, Bande, Truppe. A Lonely Crowd,: Eine Menge von einander abgetrennten/sich eigentlich nur als Konsumenten kennenden/für sich seienden Verbrauchern/ Kunden, die sich als solche ausstechen/überbieten wollen. Wörterbuch: mass: Masse, Menge

David Riesman, The Lonely Crowd, Rowohlt, Hamburg 1977; erschien in Amerika im Jahr 1953
-------------------------Ende der Anmerkungen

(10) Schöpferische Zerstörung
Ich zitiere jetzt zunächst einmal Joseph A. Schumpeter, der, um das Wesen des Kapitalismus zu fassen als ein sozusagen selbständiges System von „Schöpferische(r) Zerstörung“. Der Begriff findet sich in Schumpeters Werk mit dem Titel: „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ UTB 172, Francke Verlag, München, 5 Auflage, 1980, S 138 und meint dann folgenden Tatbestand: Ich zitiere Schumpeter: „Die Eröffnung neuer, fremder oder einheimischer Märkte und die organisatorische Entwicklung vom Handwerksbetrieb und der Fabrik zu solchen Konzernen wie dem U:S.-Steel illustrieren den gleichen Prozess einer industriellen Mutation - wenn ich diesen biologischen Ausdruck verwenden darf -, der unaufhörlich die Wirtschaftsstruktur von innen heraus revolutioniert, unaufhörlich die alte Struktur zerstört und unaufhörlich eine neue schafft. Dieser Prozess der „schöpferischen Zerstörung“ ist das für den kapitalistischen Prozess wesentliche Faktum. Darin besteht der Kapitalismus und darin muss auch jedes kapitalistische Gebilde leben“ (a.a.O., Seite, 137f).

Wie gesagt/Noch einmal: Was diese „Schöpferische Zerstörung“ als Grundfaktum des Kapitalismus für die Menschen u. a. bedeutet, habe ich bereits für die heutige Zeit (ansatzweise; ich habe nicht alle Punkte genannt) ausgeführt 
(oben (4), Walter Benjamin: Der Markt als Kirche (a), (b), (c), (d), (e).
Also - um es ganz einfach noch einmal zu sagen -: Mit der unvermeidlichen wirtschaftlich-materiellen kapitalistischen „schöpferischen Zerstörung“ geht - ebenfalls unvermeidlich - schon längst eine geistig-psychoethisch-kulturelle Zerstörung als individueller Selbstverlust-Verdinglichungszwang einher: Die Individuen wurden/sind konsumbetörte “Systemspielbälle“. Und als diese würdeunfähig.
Und ich, der rückwärtsgewandte, naiv-schlichte Dörfler habe das immer gespürt: Ich soll mich selbst aufgeben, mich dem kapitalistischen Diktat einer schillernd-verlogenen Warenwelt unterwerfen, die mich zu tiefsten Glücken und höchsten Selbstentfesselungen führen würde. Indes ohne dergleichen zu begehren: desinteressiert an jedweder Form der narzisstischen Selbstzurschaustellung auf konsumtiver Basis - ihr anfänglich schlicht fühlender Gegner; und alsbald dann ihr geistiger. Überzeugt, dass das konsumtive Glück eine Lebenslüge ist und eine Art der Selbstschändung und Selbstdeklassierung nach sich ziehen muss.

(11) Ich zitiere dazu Alexis de Tocqueville:
De la Démocratie en Amérique, 1981, Garnier-Flammarion, Paris, 2. Band, Seite 385:
„Je veux imaginer sous quels traits nouveaux le despotisme pourrait se produire dans le monde: je vois une foule innombrable d’hommes semblables et égaux qui tournent sans repos sur eux-mêmes pour se procurer de petits et vulgaires plaisirs, dont ils emplissent leur âme. Chacun d’eux, retiré à l’écart , est comme étranger à la destinée de tous les autres: ses enfants et ses amis particuliers forment pour lui toute l’espèce humaine; quant au demeurant de ses concitoyens, il est à côté d’eux, retiré à l’écart, mais il ne les voit pas; il les touche et ne les sent point; il n’existe qu’en lui même et pour lui seul, et, s’il lui reste encore une famille, on ne peut dire du moins qu’il n’a plus de patrie.
Au-dessus de ceux-là s’élève un pouvoir immense et tutélaire*, qui se charge seul d’assurer leur jouissance et de veiller sur leur sort. Il est absolu, détaillé, régulier, prévoyant et doux. Il ressemblerait à la puissance paternelle si, comme elle, il avait pour objet de préparer
les hommes à l‘âge viril; mais il ne cherche, au contraire, qu’à les fixer irrévocablement dans l’enfance; il aime que les citoyens se réjouissent, pourvu q‘ils ne songent qu’à se réjouir. Il travaille volontiers à leur bonheur; mais il veut en être l’unique agent et le seul arbitre; il pourvoit à leurs sécurité, prévoit et assure leurs besoins, facilite leurs plaisirs, conduit leur principales affaires, dirige leur industrie, règle leur successions, divise leurs héritages; que ne peut-il leur ôter entièrement le trouble de penser et la peine de vivre?

Ü: Hans Zbinden, Alexis de Tocqueville: Über die Demokratie in Amerika, dtv klassik, 1976, Seite 814:
„Ich will mir vorstellen, unter welchen neuen Merkmalen der Despotismus in der Welt auftreten könnte: ich erblicke eine Menge einander ähnlicher und gleichgestellter Menschen, die sich rastlos im Kreise drehen, um sich kleine und gewöhnliche Vergnügungen zu verschaffen, die ihr Gemüt ausfüllen. Jeder steht in seiner Vereinzelung dem Schicksal aller anderen fremd gegenüber: seine Kinder und seine persönlichen Freunde verkörpern für ihn das ganze Menschengeschlecht; was die übrigen Mitbürger angeht, so steht er neben ihnen , aber er sieht sie nicht; er berührt sie, und er fühlt sie nicht; er ist nur in sich und für sich allein vorhanden, und bleibt ihm noch eine Familie, so kann man zumindest sagen, dass er kein Vaterland mehr hat.
Über diesen erhebt sich eine gewaltige, bevormundende Macht*, die allein dafür sorgt, ihre Genüsse zu sichern und ihr Schicksal zu überwachen. Sie ist unumschränkt, ins Einzelne gehend, regelmäßig, vorsorglich und mild. Sie wäre der väterlichen Gewalt gleich, wenn sie wie diese das Ziel verfolgte, die Menschen auf das reife Alter vorzubereiten; statt dessen aber sucht sie bloß, sie unwiderruflich im Zustand der Kindheit festzuhalten; es ist ihr recht, dass die Bürger sich vergnügen, vorausgesetzt, dass sie nichts anderes im Sinne haben, als sich zu belustigen. Sie arbeitet gerne für deren Wohl; sie will aber dessen alleiniger Betreuer und einziger Richter sein; sie sorgt für ihre Sicherheit, ermisst und sichert ihren Bedarf, erleichtert ihre Vergnügungen, führt ihre wichtigsten Geschäfte, lenkt ihre Industrie, ordnet ihre Erbschaften, teilt ihren Nachlass; könnte sie ihnen nicht auch die Sorge des Nachdenkens und die Mühe des Lebens ganz abnehmen?“

*Anm.: Die ich staatlich-wirtschaftliche verstehe: als demokratisch-konsumtiv-fürsorgliche

(12) Fazit: Der Kapitalismus ist nicht nur notwendig schöpferische Zerstörung (Schumpeter), sondern ab einer gewissen Entwicklungshöhe (als vollendete Überflussgesellschaft: Ich schaue hier auf die Zeit nach dem 2. Weltkrieg - wiewohl die Massenkultur - freilich noch lange nicht auf dem Niveau der 1960er Jahre - sich schon in der Weimarer Republik entwickelte (1924 – 1928) sich befand) auch verantwortlich für folgende, die Individuen betreffende Phänomene:
(a) Progressiver Zerfall der Innenwelten: psychoethisch-geistiger Zerfall, einhergehend mit einer Dynamisierung, Verrohungslüsternheit  und Entfesselung außengesteuerter (durch Reklame, Pop-Musik, politideologischen Pan-Subjektivismus als Selbstdarbietungs-Inszenierung usw.)
(b) Selbstverdinglichungs-Libertinage, Drogenkonsum, Traditionslosigkeit, einhergehend mit einem deutlichen Werte-Verlust: Zerfall: sittlicher Desorientierung; also mit
(c) Atheismus und Nihilismus: Bewirkend eine zunehmende Unfähigkeit, sich existenziell selbst zu steuern als psychoethische Haltlosigkeit, also
(d) ein erlösungskonsumtiv provozierter orientierungsloser Subjektivismus als eine Art von Selbstaufgabe, als ein Sich-treiben-Lassen in popmusikalischen Scheinwelten (Woodstock 1968 wäre ein gutes Beispiel; auch die Eskapaden der Kommune 1 in Berlin, wiewohl da vieles Schein war und hemmungsgeplagtes bürgerliches Gehabe: Show, wohl ahnend, dass die wichtiger geworden war als die eigene und die gesellschaftliche Realität)
(e) Und heute? Man findet - immer häufiger - die vom Markt abgerichtete Monade: spracharm, narzisstisch, innerlich leer, trivial, allverflachungsbetört, Monade in einer Herde gleicher: austauschbarer Monaden, ihrer selbst nicht mehr mächtiger, sich gegenseitig auszustechen bestrebter, sich inszenierender, seelenlos-roboterhaft-täppischer, intellektuell und moralisch dauerüberforderter, eigentlich bemitleidenswerter System-Knechte … nicht ansatzweise verantwortlich zu machen für das, was sie sind: Vielmehr: geistig-seelisch-sittlich verarmte, ichschwach- latent-aggressiv allverhilfloste, sich selbst ausgelieferte, scheinautonomisierte Zährenschatten ( = heimlich Weinende und Leidende; „Zähre“ = Träne), darauf angewiesen, sich permanent zu verheimlichen, dass sie existenzielle Verlierer sind, die nicht einmal mehr Sehnsucht danach haben können, sich selbst zur Persönlichkeit (s. o. Dürig) zu formen.
Aber noch einmal deutlich: Einen Vorwurf kann man ihnen nicht machen: Zu groß ist die Zugriffsgewalt der sie prägenden gesellschaftlichen, ökonomisch-technologisch-naturwissenschaftlich abstrakt-komplex-daueraufregenden/tief berührenden: globalen Gegebenheiten.

(13) Warum ich den westlichen Kapitalismus bewahrt haben möchte - trotz all der von ihm zu verantwortenden geistig-seelisch-moralsich menschlichen Verluste, die oben angedeutet wurden:

(a) Er beglückt heutzutage die meisten Menschen mit historisch beispiellosen Wohllebenschancen; und eben genau das wollen die meisten Menschen: Ihr Leben genießen, es erlebend/es auskostend, auch um all die - vielleicht gar zahlreichen- moralischen/seelischen und leiblichen Verwundungen/Zurücksetzungen/Ungerechtigkeiten und Enttäuschungen der Existenz überhaupt (jeder menschlichen Existenz) sich zu verhehlen: und sind sie eingetreten - wenn es möglich ist - spaßtrunken zu überspielen, z. B. durch jedwede Form angenehmen (Selbst-)Konsums.
Kurzum: Für uns ist es wesentlich attraktiver - weil konform gehend mit unserem kreatürlich-
irrational-selbstsüchtigen Wesen, welches, evolutionsbiologisch betrachtet, eben gerade dieses sein muss*

*Anm.: Réflexions morales 10, Seite 46, in La Rochefoucauld (1613- - 1680) Maximes et réflexions diverse:
„Il y a dans le cɶur humain une génération perpétuelle de passions, en sorte que la ruine de l’une est presque toujours l’établissement d’une autre.“
Ü, Sa.: „Im menschlichen Herzen findet eine ununterbrochene Zeugung/Schaffung/ein dauerndes Werden von Leidenschaften statt so, dass der Verfall/der Verlust/das Verderben der einen fast immer die Gründung/Errichtung/Einrichtung einer anderen nach sich zieht/hervorruft/bedeutet.“
Soll heißen: Wir sind primär Leidenschaft und erst sekundär - wenn überhaupt – „Vernunft“ (hier stehend für rationale und moralische Wesen.
-----------------------------Ende der Anm.

Und:
(b) Aus politischen Gründen: Ich möchte, dass Demokratie (und sei’s auch nur als formale- ich habe es bereits anderswo gesagt: Lieber eine „schwache“ Demokratie als eine starke Partei-Diktatur mit einem Despoten an der Spitze: Diese Lösung führt direkt in die individuelle Selbstentmündigung und existenzielle Dauergefährdung dann, wenn man sich kritisch frei zu den gesellschaftlichen Verhältnissen und Gegebenheiten äußert) - und Rechtsstaat (die Würde des GG sei was auch immer) erhalten bleiben, denn nur in einem demokratischen Rechtsstaat kann man sich - heute - geistig(!) - man kann es tatsächlich - entfalten, mag auch die Gesellschaft selbst nur einer kapitalistisch-wohlstands-konsumtiv-hedonistischen Geistlosigkeit frönen.

(c) Der westliche Kapitalismus (USA, Europa) scheint Demokratie und Rechtsstaatlichkeit indirekt zu unterwandern dadurch, dass er die Menschen abrichtet zu solchen, wie ich sie (gewiss auch zuweilen absichtlich - um der Klarheit willen - übertreibend) oben unter (5)Fazit charakterisiert habe. Der westliche Kapitalismus hätte schon, liefen ihm seine grenzenlos egoistischen Selbstverdinglichungs-Kreaturen: Die Verbraucher vom Hof, etwas zu verlieren: Seine ökonomische Machtstellung und damit die Macht über die demokratischen Politiker. Er bedenke genau, was China zeigt: Dort hat eine totalitäre Allmachts-Partei den Kapitalismus von vornherein an die Kandare genommen, d. h. hat ihn seiner möglichen Macht beraubt, die er nur in einer Demokratie bewahren kann. Es ist die Demokratie, die dem westlichen Kapitalismus seine Ausnahmestellung als gesellschaftlicher Zentralmacht sichert. In einer Diktatur ist er selbst ein Knecht. Indes: In den USA streben die sog. Tycoons jetzt selbst nach politischer Macht - und zwar um ihre gesellschaftlich-ökonomische Ausnahmestellung zu bewahren und weiter zu festigen (vom geltenden Recht auch u. U. zu befreien), d. h. die amerikanische Demokratie ist gefährdet, zumal der amerikanische Traum, hätten jene Tycoons durchschlagenden Erfolg, sich dann vollends als nationale Lebenslüge - die er, wenn man es hätte wissen wollen, von vornherein war? Können doch immer nur relativ wenige es schaffen, soll heißen (in Amerika): vor allem auch reich werden - herausstellen würde: Die Amerikaner begriffen, dass sie eine unbegriffene Knechtschaft (den demokratischen Kapitalismus) mit einer offenkundigen Knechtschaft würden bezahlen müssen: einer despotischen unter der Knute der Tycoons

(d) Es gibt vor allem auch existenzielle Gründe, warum ich den Kapitalismus westlicher Prägung - demokratiefundiert - erhalten wissen möchte: Jede Form des politischen Totalitarismus ist (muss es sein: Ein Ideal erfordert physische Gewalt, um es durchzusetzen - freilich vergeblicherweise: wir Menschen sind idealbedürftig, aber nicht idealfähig) unmenschlich: Der herrschende Despot betrachtet die Menschen seines Landes als ihm jederzeit gehorchen müssende Sklavenmasse: als lebendiges Material, seine Einfälle, Visionen, Phantastereien und Machtgelüste umzusetzen. Kurzum: Ein einzelnes menschliches Leben in einer Diktatur ist permanent gefährdet, kann jederzeit den Einfällen des Machthabers hingeopfert werden.
Ganz anders das Leben unter den Bedingungen des westlichen: demokratiefundierten Kapitalismus: Wenn er etwas bietet, dann vor allem auch die Illusionen, die man nötig hat, sich zu verhehlen, dass man als Einzelner doch sein, des Kapitalismus, Knecht ist: Ein Bedarfs- und Trieb-Knecht, frei, sein Leben zu verschludern (Schumpeter! Tocqueville! s. o.). Aber als sein eigener Knecht, der dieser Knecht auch sein w i l l - es ist einfach zu schön, um für einen geistig-moralisch-„einsichtsprallen“ (= letztlich freilich deprimierenden) Elite-Wert auf es zu verzichten. Und warum? Weil ihm dieser westliche Kapitalismus ein rauschhaftes, hedonistisch-kreatürlich-belämmerungskonsumtives Dasein bietet: Ein Dasein, als habe es Dionysos selbst versprochen: Entfesselungs-Hully-Gully: Erlösungs-Spaß, mittels dessen man die deklassierenden, schäbigen, beschämenden, entlarvenden usw. Seiten dieses Lebens sich so wunderbar verhehlen kann ... Wenn man Glück hat: durchgängig.
Es könnte durchaus sein, dass der westliche Kapitalismus (und seine Demokratie und Rechtsstaatlichkeit) an diesen Tatsachen zerbrechen könnten, also daran, dass er die anomisierenden Folgen seiner „fun-stalinistischen“ (freilich notwendigen: Die Zwänge der „Schöpferischen Zerstörung“ bringen sie automatisch mit sich) Umtriebe nicht begriff. Ich frage unmissverständlich: Haben Demokratie und Rechtsstaat überhaupt noch ein Zukunft? Es scheint nicht so; indes freilich auch deswegen nicht, weil beide nur auf Dauer gestellt werden können, wenn die Bevölkerung ausreichend gebildet und - vor allem - bereit ist, auch faktenkonforme Einsichten hinzunehmen und zumal in ihr Verhalten zu integrieren und zumal auch immer wieder notwendige Verzichtsleistungen(!) zu erbringen. Und in der Tat: Demokratie und Rechtsstaatlichkeit sind auch zerbrechlich, weil: antidespotisch/ tugendoptimistisch/idealistisch, was ihr Menschenbild anbelangt: Der Mensch sei autonom und sogar würdefähig* - eigentlich geisteselitäre Angelegenheiten; und das heißt auch: sie, Demokratie und Rechtsstaat, sind dauergefährdet)

*Anm.: Was man mit Fug und Recht bezweifeln darfwenn man sich an die gesellschaftlichen Fakten hält und nicht an irgendeine idealtrunkene Gesinnung/ Weltanschauung/metaphysische-religiöse Überzeugung: Einen Glauben an Gott/Ideologie klammert
-------------------------Ende der Anm.

(e) Aus schlichter, verständnis- und verzeihungsbereiter Einsicht. In was? Nun:
Die substanzirrationale Wesensbeschaffenheit unserer selbst (aller Menschen, des Menschen). Ich wiederhole noch einmal (ich wäre froh, wenn ich das nicht müsste, weil Folgendes doch bedrücken und hoffnungsarm/-los muss/kann …)
Die in einer Überflussgesellschaft unvermeidlichen, progressiv sich intensivierenden (bis hin zur anomischen Verrohung*) geistig kulturellen und psychoethischen Formen innerer Verarmung und faktischer Verdinglichung (soll heißen: Man macht sich selbst zum Ding/zur Ware/zur Sache; etwa als Leib) der Individuen sind gesamtgesellschaftlich (und politisch) n i c h t, nicht ansatzweise, zu meistern, müssen vielmehr ignoriert, beschönigt, umgedeutet, ideologisch verharmlost oder moralrhetorisch vernebelt werden, was dann unweigerlich auch zu solchen Verlegenheitsreaktionen führen muss wie z. B. der, dass dann die „Würde“ herhalten muss, die Würde, die trotz dieser Umstände, niemandem abgesprochen werden dürfe/könne, obwohl man sich doch eingestehen müsste, dass man sich selbst und die Gesellschaft aufrecht zu erhalten, gar nicht mehr die geistigen Mittel, den Realitätssinn und die seelische Kraft hat, also in sich selbst gefangen (unfrei) ist: also würdeunfähig.

Anm*: Noch einmal, weil es so wichtig ist: Anomie griech.: Gesetzlosigkeit“, Gesetzeswidrigkeit. Zustand mangelnder sozialer Ordnung; dann - vor allem - Innenweltzerfall: Sich verantwortungsunwillig, einfach gehen und treiben lassen: Verwahrlosungslüsternheit, psychische Haltlosigkeit, Verantwortungslosigkeit bei gleichzeitig vehementer Leugnung des Verlustes der Selbstverantwortungsfähigkeit …Kurzum: Man verlottert psychoethisch, geistig, sozial usw. - weil man über keine Selbststabilisierungskräfte mehr verfügt, dies aber - um der Tatsache zu entgehen/sie zu verdrängen, dass man existenziell allverhilflost/selbststeuerungsunfähig nicht mehr „selbstmachtfähig“ ist (vielmehr längst der Spielball seiner eigenen Verwahrlosung (die welche Gründe auch immer haben mag) - was oft einhergeht mit ideologischen Anklagen und Rechtfertigungen: Die Gesellschaft sei schlecht, ungerecht, sei eine Klassengesellschaft, die „die gerade Außenseitergruppen unterdrücke“ usw. usw.

(f) Das eigentliche Problem: Unterschwellig-anonym wirkt der gossen-, anomie- und dekadenzaffine Zerfall der Gesellschaft, wirken die systembedingt wachsende: verdinglichungskonsumtiv fundierte Selbstentmächtigung der Individuen und die diesbezüglich entsprechende Ohnmacht der ihrerseits dem Zeitgeist verfallenen Politik narzisstischer Karrieristen, diese Niedergangs-Phänomene politisch anzugehen - einmal abgesehen von einem zunehmenden anarchistisch-totalitären Subjektivismus, der sich nur noch seinen eigenen Randgruppen-Einfällen und -Antrieben beugen will, gar zuweilen die Etablierung von Rechten für sich einfordert - notwendig antidemokratisch; und obwohl diese Prozesse als in einer zumal in eine digitale Gefangenschaft geratenen Überflussgesellschaft als nicht zu vermeidende und auch nicht zu meisternde angesehen werden müssen, werden sie von vielen, ihrerseits orientierungslosen, verängstigten, wütenden, sich vernachlässigt fühlenden Menschen einer politischen Funktions-Elite zur Last gelegt, die sie, wie gesagt, versuchte sie es, nicht ansatzweise würde aus der Welt schaffen können - zumal sie überhaupt auch nur zu begreifen eher nicht in der Lage wäre. Also: Teile der deutschen Gesellschaft fühlen sich politisch mehr und mehr vernachlässigt, ja: ignoriert und im Stich gelassen; es gehe politisch mitnichten um ihre Interessen und Probleme, sondern um ideologisch-weltanschauliche oder sozialstaatliche oder weltfremd moralische Angelegenheiten, die das Land gar nicht beträfen; oft werde auch mit zweierlei Maß gemessen und seien die Probleme anderer Staaten den deutschen Politikern offenbar wichtiger als die ihres eigenen Landes. In der Tat: Derlei Eindrücke kann man leicht gewinnen, wenn man den politischen Dilettantismus der von diesen Vorwürfen betroffenen Repräsentanten der Parteien sich betrachtet: Ihre narzisstische Rechthaberei, ihre geistige Mittellosigkeit, ihre Neigung zur Selbstbeweihräucherung, ihre ideologische Befangenheit, ihre Arroganz, ihre Bildungsarmut, ihre unsachliche Vagheit, ihre folgenlosen Ankündigungen usw. ... Eigenschaften, Verhaltensweisen und Arten und Weisen des sich öffentlichen Darbietens, die allesamt gegen eine politische Eignung sprechen. Und dass man glaubt, diese Dinge mit Recht feststellen zu dürfen, ist jedenfalls nicht von der Hand zu weisen.

Aber noch einmal - zur Verteidigung der politisch Tätigen -: Verantwortungsunfähig sind Politiker dann nicht - auch wenn sie das Folgende nicht begreifen oder nicht begreifen wollen, also ausblenden; vielleicht auch nicht begreifen dürfen/sollten, um nicht an diesen Phänomenen noch handlungsunwilliger zu werden - Sie, die Politiker, sind also dann nicht verantwortungsunfähig, sondern einfach völlig machtlos, wenn es um systemimmanente existenziell-kulturelle Verwerfungen geht, Fehlentwicklungen, die in einer Überflussgesellschaft gar nicht zu vermeiden sind: nämlich der Reduzierung der Menschen zu Reiz-, Effekt-, Show-, event- und Sensations-Konsumenten, zu abstrakten Umsatzgrößen, zu hedonistischen Erlebnisjägern, zu selbststeuerungsunfähigen Lustpflegern, Reklame, Medial-Schund und subtil gängelnden Selbstverdinglichungsverlockungen unterworfen, geflutet mit nicht einlösbaren Glücksversprechen im Hinblick auf welche Arten und Weisen von Glück auch immer, zumal zunehmend geratend in eine nicht kontrollierbare digitale Gefangenschaft, gesamtgesellschaftliche Verwerfungen, die allesamt die zentrale Lebenslüge der Konsumdiktaturen entlarven: Dass sie abhöben auf die Sicherheit, Zufriedenheit, geistig-psychoethische Gesundheit und moralische Stabilität der Menschen, darauf, ihnen, den Menschen, ein Leben zu ermöglichen, das sie dauerhaft würde erfüllen können, kurzum: auf einen haltgebenden und in jeder Hinsicht sinnerfüllten Daseinsvollzug leiteten: Das genaue Gegenteil ist der Fall: Verwahrlosung, Anomie, Monadisierung, radikale Selbstverluste und -erniedrigungen, drastische Selbstentpflichtungszwänge, individuelle Hilf- und Orientierungslosigkeit, permanent gängelnder Druck, sich eskapistisch-emotional (etwa mittels Drogen, Rock-/Pop-Musik, Pornographie, Selbstdeklassierungstrash, social media-Banalitäten usw. usw.) aus der abstraktversachlichten Alltagswirklichkeit zu katapultieren.
Die Politik vermag dagegen nichts, nicht das Mindeste (jedenfalls nicht in einer Demokratie, die naturgemäß die menschlichen Subjekte idealisieren, mit Eigenschaften ausstatten muss (wie etwa Würde, Vernunft, Selbststeuerungskompetenz, Einsichtswilligkeit, personale Autonomie usw. und: dass sie, jene Subjekte, seien tolerant, gerecht, human usw. usw.), die zutiefst irreführend sind, schaut man auf die Fakten, etwa diese: Die heutigen Überflussgesellschaften sind oft amoralische Klein- und Großgauner-Gebilde verbrecherischer Art, in denen es um die Durchsetzung von Ich-, Hab-, Macht und Genuss-Sucht, also um Pleonexie geht (primär Mammon) - und können auch nichts anderes sein, weil der Mensch weder ein gottgeschaffenes noch ein Geist- noch ein sonst wie ausgezeichnetes Wesen ist, sondern ein Tier, das sich selbst zu stabilisieren oftmals unfähig, ein zwangsverlogenes, bedürftiges, triebgegängeltes Wesen ist, das eine völlig sinnlose - oft gar leiderfüllte, jedenfalls dauerprekäre - Existenz in einer eher inhumanen und verwahrlosungsanfälligen Gesellschaft, auf einer ihm, jenem Tier, gegenüber gleichgültigen Natur/Erde in einem völlig sinnlosen Universum im lebenslangen Bewusstsein seiner Endlichkeit zu bewältigen hat.

Unter solchen Voraussetzungen funktioniert eine Demokratie als psychoethisch-kulturelles Phänomen* nur sehr bedingt auf der Grundlage
(i) von Selbstglorifizierungen des Wesens Mensch
(ii) von (je subjektiven, aber auch kollektiven) Illusionen und Lebenslügen
(iii) von massiven Außen-Steuerungen der Individuen durch Wohllebensvollzüge
(iv) von Entlastungsfiktionen wie Freiheit, Emanzipation, Selbstbestimmungsfähigkeit, Selbstverwirklichungsmacht usw. usw.
(v) von Ausblendungen der ernüchternden Ergebnisse der rationalen (experimentellen) Intelligenz des Menschen, also der Ergebnisse der Naturwissenschaften, die den Menschen als das entlarven, was er nicht ertragen kann: Materie-Gebilde, radikalem Determinismus unterworfen, Tier zu sein
(vi) von Unwissen, was anbelangt Selbsterhöhungen, Selbstüberschätzungen und Selbstglorifizierungen; zuletzt
(vii) von ekstaseemotionalen Seelengrundierungen: Erlebnis-, Selbst-Du-Konsum, dann: Entfesselungsberauschungen, wie sie typischerweise die Pop-Musik provoziert; dann regelrechte Anbetung, Überhöhung, Verehrung, Verhalbgottung von verflachungsbetörten Stars usw.,

Anm.*: Indes als Verfassungs- und Rechts-Konstrukt eines Staatsgebildes nicht wie als psychoethisch-kulturelles Phänomen auch auf „ideologischen Glorifizierungen“ des Menschen, sondern auf lebensvollzüglich faktisch erfahrbaren Grundlagen, wie etwa individuellen Rechten der Lebensgestaltung, der - scheinbar - autonomen Selbstbestimmung und freien Selbstgestaltung im Rahmen des geltenden liberalen Rechts, dem Schutz vor staatlicher Willkür, Verfolgung usw. usw., Gegebenheiten, die den großen Vorzug der Demokratie gegenüber Diktaturen ausmachen, Gegebenheiten, die aber doch auch aufgeweicht werden können durch das, was oben erwähnt wurde: durch eine progressive Anomisierung der individuellen Innenwelten: also durch Ich-Entfesselungs-Orgien, Narzissmus, kulturell-sittlich-geistigen All-Verfall, Verwahrlosungsseligkeit, Selbstdeklassierungsverhalten usw. usw.
-------------------------Ende der Anm.

Auswurf, Niedrigkeit und vollendete Rachsucht 
(45/1)

Da war Gewalt, da war Verrat,
Da war’n Charakterlosigkeit und Lügen.
Da war die asoziale Saat,
nie zu Verlässlichkeit zu fügen.

Hätt ich dagegen opponieren sollen,
mich in Entrüstungswut ergehen,
wenn da sich zeigt nur leeres Wollen
als Selbstverlustgeschehen?

Ich setzte Geist dagegen: Einsichtsdichte.
Die fähig ist, solch einem Sklaven von Natur
sich aufzuzeigen als ganz schlichte
Vergeltung fordernde Tortur.

Dabei der tiefen Weisheit eingedenk:
Dass Strafe das Bewusstsein braucht:
Als das begreifende Gelenk,
durch das die Rachsucht in Vollendung taucht.

ZINSJA (154) (45/2)

In mir
zieht sich
die Materie
von sich
selber ab:
trunken
vor Sehnsucht
nach geistigem
Urgrund.

ZINSJA (155) (45/3)

Mein ganzes,
so sinnloses
wie monomanes
Streben,
ist nichts weiter
als ein von mir
hilflos inszenierter,
völlig vergeblicher
Geistaufschrei
gegen ein sich selbst
völlig wehrloses,
so auf Lebenslügen
und Entlastungsgetue
verwiesenes
Menschentum.
Weder ethisch
noch rational
sich auch nur
ansatzweise
frei verfügt.

ZINSJA (175) (45/4)

Und dieses komplizierte Körperding,
molekularer Macht Magie,
so fad wie unentrinnbar fordernd,
geht Stunden ein des Selbstentzuges
im Überschreiten der Alltäglichkeit,
an jener Fremdheit rüttelnd
zwischen Ich und Ich,
Erregungswogen aufzuhelfen
zu resigniert sakraler Euphorie.

Unabänderlich so II (45/5)

Das Dasein heute? Frei gesagt: Banalität.
Termin, Erfolg und Anerkennungssporen,
Entspannung, Bild, Erlebnis und Gerät.
Auf dass man sich als Ich von Coolness deute.
Beglückt, bespaßt und dabei ungeschoren
Gefühlskonsum sich kauft auf regulierten Bahnen.
Standardisierend subjektives Planen
von Augenblicken aus dem Wiederholungskreis
von Marktnarkosen: Sinn zum Schleuderpreis.

Ersatzgedicht (45/6)

Gestrichen hab ich eins 
an dieser Stelle
in dem die Rede war von 
Einsichtsgnade;
auch Daseinsglück, fundiert in Geist.
Jedoch ist klar inzwischen,
was das heißt: 
Dass ich nur Ärger auf mir lade,
weil frei so lege manche Delle
im Kerne unseres Gesellschafts-Seins:
So eine Selbstverramschungs-Welle,
die stört die Sachlichkeit als Handlungs-Quelle,
so dass wir tragen längst auch
manche Narren-Schelle,
da sich zu schnell so neigt 
des Landes Daseinshaltgefälle.
Und übrig bleibt nur ein Spaß-Brigade.
Und das, das find ich nun mal schade.

Durchhalten (45/7)

Sogar die Trauer kam abhanden.
Nichts ist mehr da,
was menschlich fraglos wäre.
Gefühle etwa,
die an andre banden
und mir verklärten diese neuronale Schwere,
sind längst Zynismen doch gewichen:
Blasiertheit, schaffend mir Distanz.
Auch, um nicht noch mal 
vor Gespött zu kriechen
und Rohheit pöbelnden Bestands.
Ich wüsste nicht, was, so gesehen,
für mich noch irgend zählen könnte.
Dies triviale, schale Spätgeschehen
ist nichts, das irgend Zweck,
gar Sinn noch gönnte.
So werde ich versuchen mich zu halten,
Entlastungs-Einsamkeit verwoben,
um zu vermeiden dieses Durchschnitts-Walten,
sich Deklassierungs-Glücken auszutoben.

An (nicht: Für) Cobu (45/8)

Der Hass muss irgendwann ein Ende haben;
und eben das gilt auch vom Neid.
Doch wem, wie dir, da fehlen alle Gaben,
erfriere langsam erst in Daseinsleid
und werde dann als Stein begraben …
Als Stein, der ihn als Dreck ausschreit,
von dem er ewig soll dann Leeren schaben.

Ich Glückspilz (45/9)

Man ist sich immer selbst auch aufgegeben;
zumal nur selbst sich von Belang.
Obwohl was andres lenkt das eigne Leben:
Das steuert der Gesellschaftszwang.

Und nicht nur dieser. Auch die Lotterie
der Gene und der Herkunftsklasse.
Kurzum: Man hat sich nur als Schicksals-Wie, 
inmitten einer Artgenossen-Masse.

Und ich, ich habe so viel Glück gehabt:
Mir fielen zu die besten Lose:
Ein Sinn für Fakten, der sich überlappt 
mit einem Nihilismus ohne Tugend-Pose.

Und die, die zeigen aller Dinge Kerne
und aller Psychen Wesensgrund.
Befahlen, dass ich ihre Wahrheit lerne:
Dass alles Sein ist traumweltwund.

                         *

Es kann sich keiner nämlich greifen.
Auch geistig nicht. Nur sprachlich träumen.
Man phantasiert sich durch Neuronen-Schleifen.
Sich so dann selbstfremd zu versäumen.

Das Ich ist immer hilflos überlassen
sich selbst als Zufalls-Marionette.
Es prägen die, die unfrei sich verprassen 
stets kollektiver Lebenslügen-Kette.

Vernünftig sei der Mensch, moralisch auch, gar gut?
Geraune Intellektueller. Lügen.
Real ist doch nur diese Vierfachglut
von Machtsucht, Trieb, Gewalt und Selbstbetrug-Gefügen.

                                *

Doch dafür würde ich’s noch einmal machen:
Des Daseins Tiefen radikal zu denken.
Mich hinzugeben an was sind die Sachen
und geistig (trancefrei)  mich zu lenken.

Als Staubform selber zu begegnen mir:
Bedürftig, sterblich, metaphysisch ohne Lot.
Notwendig Knecht irrationalem Wir:
Dem Durchschnitt ohne Seelenboot.

Um endlich heimwärts aufzubrechen
zum Gral des Stoffes, dem genialen Nichts.
Um mich in ihm dann rauschhaft zu verzechen
im Gotterschauen des Gedichts.

Tacheles (45/10)

Ich hätte ganz gut
können drauf verzichten 
auf dieses Dasein heute.
Ist es doch 
künstlich provozierte Daseins-Glut
als permanente Selbstausbeute,
sich die als Glück
und Halt zu dichten
in einem Marktgeschehen,
das auf Gier aufruht
und Sinn ersetzt 
durch Seelen-Räude. 

Entronnen (45/11)

Was habe ich nicht alles schon gemacht,
versäumt, verloren, manchmal auch falsch eingeschätzt.
In dieser Tauschmisere genverfügter Niedertracht.
Von Angst und Gier, Moral und Ramsch gehetzt.
Von Ich-Gefangnen ohne Selbstansprüche,
die eine eigne Daseins-Trance sich bauen,
sei’s Macht-, Gewinn-, sei’s auch Verbraucher-Schliche,
sich als der Menschheit Endzweck anzuschauen.
Ich wusste immerhin mich ihm zu fügen,
dem miesen Hybris-Tingeltangel.
Ein Werk des Mittelmaßes, das sich muss belügen.
Grad jetzt in diesem Spätzeitpfusch-Gerangel.
Wie mir’s gelang, mich halbwegs rauszuhalten
aus den Erlebnis-, Glückszwang-: den Sapienten-Öden,
mich psychisch davon abzuspalten,
trotzdem ich ausgesetzt war einer steten
subtilen Propagandadiktatur,
mich zeitgeistdeklassiert mir selber zu entzweien,
berauscht zu dulden diese Waren-Schur,
marionettenhaft mich diesem Schein-Kult einzureihen?
Mir selbst ein Rätsel, mögen es begründen:
Realitätssinn, Nihilismus*, Selbstdistanz.
Und Sachlichkeit, die hilft, sich nicht zu schinden
mit dieser Ichsucht-Tragik ohne jede Relevanz.

*Dieser Nihilismus ist auch eine Form der Erwartungslosigkeit;
und als diese eine Quelle, sich dieser Wohlstands-Orgie verweigern 
zu können; tatsächlich bietet diese weniger tatsächlich weniger Lebensglück, 
als vielmehr dessen mannigfaltige Perversionen.

Mag wohl so sein (45/12)

Wenn du schon musst mich ständig fragen,
was dieses Ganze hier denn solle.
Nun dann, dann sage ich dir dies:
Dass Tag und Nacht es ist Bedürfen,
ist Zeitfluss, Zufall und Vergeblichkeit,
ein Artgenossenjoch und die Notwendigkeit,
sich von sich selbst und all dem zu entlasten.
Dass man sich lebenslang ist selber ausgesetzt.
Dass ohne Gott man ist. Und ohne Sinn.
Dass, will man es nicht dümmlich-krud verfluchen,
es illusionslos sich betrachten muss,
sich stützen können muss auf Einsichtsweite,
die man sich selber nicht gewähren kann:
Weil die ist Zufalls-Gnade, Gen-Geschenk,
das ganz allein kann einem offenbaren:
Wir sind nicht fähig, selber uns zu meistern;
sind nicht verworfen so, nein: selbstohnmächtig.

Daseinskehre (45/13)

Das, was ich denke, hoffe, sehne, fühle,
ist diesen Schnäppchenjägern doch egal.
Die wissen nicht um ihre Seelenkühle.
Auch darum nicht, dass ohne Wahl
und ohne Chance wir sind, uns zu bewahren
vor Rationalität und vor Verfahrens-Einerlei,
die werden machen uns zu willenlosen Scharen,
geprägt von Abstraktionen-Sklaverei.

Tatsächlich lebe ich in einer Welt,
die, tugendnihilistisch an sich selbst verloren,
im Kern schon auseinanderfällt.
Die einem Menschentypus ist verschworen,
der, Intellekt verfallen, seinen Untergang beschwört,
und das nicht mehr begreifen kann:
Es fehlen Scham ihm, Ehrfurcht und was sonst betört:
die Tiefenschichten, aus auf Gottes-Bann.

So kann ich selber immerhin begreifen,
warum nur Einsamkeit und Leere
und deren Alpgesichte mich verschleifen
den Widersprüchen unsrer Daseinskehre.

Privilegiert (45/14)

Abstraktheitszuwachs anonym von außen
schafft die Versimpelungen innen.
Wo hochkomplex verfügte Psychen-Zwänge hausen,
dem Ich Entwirklichungsverödung einzuspinnen.
Den späten Menschen sich zu schaffen,
ihn seiner selbst sich zu entfremden.
Auf dass beglückt er sei, nur noch sich selber anzugaffen
als außenprovoziert dem Markt Enthemmten.

Indes: Was klage an ich diese Gleichungswüstenei,
da ich doch einsichtsreich kann ihr entrinnen,
privilegiert von Gottestrance, mich drangsalfrei
auf das Entstofflichte: Gedichte darf besinnen?

Eindrücke zum Ende hin (45/15)

Die Zeit vergeht mir immer schneller.
Auch schlaf ich nicht mehr viel.
Die Kräfte schwinden. Greller
kommt mir auch vor dies fade Ratio-Spiel.

Zu spät indes, mich noch zu ändern.
Längst bin ich festgelegt:
Ein später Schatten an sozialen Rändern,
den’s schon ins Krumen-Dunkel trägt.

Das macht mir dieses Leben leichter.
Grad weil ich habe nicht mehr lange.
Begreife auch, es wird noch sehr viel seichter:
Erlebnis-Perversionslust von der Stange.

Zwischenbilanz (45/16)

Seit nunmehr 22 Jahren
geh ich hier aus und ein.
Befolge Regeln und Verfahren,
verpflichtet sogar Schein.
Als registrierte Nummer;
doch das ist mir egal.
Mein Rücken wird schon krummer,
macht deshalb manche Qual.
Verbinde keine Ziele
mit Inhalt und Belang,
durchlaufe eine Mühle
von Wiederholungszwang.
Ich bin nicht unzufrieden
(wär ich’s, wär’s nicht gut),
ertrage Stuss und Nieten
nach Vorschrift und Statut.
Ich muss mich strikt begnügen,
verdien doch hier mein Geld:
Ein Quäntchen Selbstverfügen,
Bedarfsdeckung, die hält.
Das Meiste ist Routine,
was ich hier stündlich tu;
gewohnt vertraute Schiene,
längst ausgetretner Schuh.
Selbst vorgesetzte Schwätzer
erdulde ich recht leicht,
seh sie als Übersetzer
des Zeitgeists, flach und seicht.
Hab zudem auch begriffen:
Auf mich kommt’s gar nicht an.
Das hat mich soweit abgeschliffen,
dass ich als Vorgang leben kann.

Stundenfüller (45/17)

Wieder mal mitten in der Nacht.
Wieder mal in der Verlegenheit,
die Zeit der Schlaflosigkeit
überbrücken zu müssen.
Und was wäre da besser geeignet
als ein paar vor die Trägheit der Stunden
hingeworfene belanglose Zeilen,
eben das, ungefähr, zu erfassen,
was ist: Ein Kampf mit der Physis,
den man unweigerlich verlieren muss.

Aussichten (45/18)

Viel gebe ich ja nicht auf die
sei’s bürgerlich-demokratischen,
sei’s marxistischen,
sei’s oligarchischen,
sei’s metaphysischen,
sei’s diktatorischen,
sei’s mit welcher auch immer
primitivisierenden Phantastik
lockenden Entlastungs-Strategien.
Zumal ich weiß
- es kann nicht anders sein -,
dass wir, 
notorisch zweck- und sinnbedürftig,
unfest und Verfall verfügt,
irgendwann definitiv
an irgendeiner von ihnen,
perversionslüstern sie verabsolutierend,
zugrunde gehen werden.

Anonyme Steuerungsmächte (45/19)

Viel war es nicht. Und konnte es nicht sein.
Was ich erfuhr, erlebte, phantasierte.
Das Leben, das ich führte,
war nämlich unbedeutend: Schein.

Ein anonymer Kampf mit Ich-Monaden.
Die das Abstrakte nicht begriffen,
das sie als Technikwelt-Soldaten
längst ihrem Fühlen hatten eingeschliffen.

Das ist es ja: Man hängt am Tropf von Mächten,
die, einem völlig unbekannt,
benutzen, auch für sie zu fechten.
Am Ende auch noch gegen sich gewandt.

Gedenken (45/20)

Gedenke wieder mal all der Fragmente,
die mich zusammensetzen. Groß an Zahl.
Um dann, wie immer hin zum Ende,
zu werden gramsentimental.

Erkannte ich doch all die Wände,
die mich umgaben lebenslang.
Im Zeilensog verfasst drei kleiner Bände,
von Trauer handelnd, Fremdheit und von Zwang.

Von Sehnsuchtsleeren, Scheitern und Verfehlen,
von Einsamkeiten, niemals überwunden.
Von keinem Du je fortzustehlen.
Egal aus welchen Stunden.

Für einen Weberknecht in meinem Wohnzimmer (45/21)

Musst dich nicht sorgen, lieber Schneider.
Musst keine Miete zahlen.
Spinn deine Netzkunstwerke ruhig weiter
nah dieser Wand, der kahlen.
Indes was müsstest du denn fressen,
du kleines Spinnentier?
Will ich dich doch behalten hier,
in diesem Raum dir einen Ort zumessen.
Ich denke Pflanzenteile. Werd’s erkunden.
Vielleicht ja bleibst du dann.
Zu zweit uns zu vertreiben manche Stunden.
Ein jeder folgend seinem Bann.

Meinem Vater (45/22)

Niemanden kümmerte es,
dass er dahinsiechte,
eine Selbstzerstörung auf Raten vollzog,
von Jahr zu Jahr hinfälliger,
eigensinniger und wortkarger wurde.
Zerrüttet von Alkohol,
beruflicher Erfolglosigkeit,
einer zerbrochenen Ehe
und dem ausnahmslosen Misslingen
eines von Anfang an
zum Scheitern verurteilten
armseligen Daseins.

Aber selbst wenn es jemanden gekümmert hätte,
wären der körperliche Zusammenbruch
und die drastisch um sich greifende,
offenbar Trostquellen schaffende Todessehnsucht
nicht mehr aufzuhalten gewesen.
War doch die schon krankhafte Gleichgültigkeit
sich selbst gegenüber
längst durch schleichende Verkümmerung
und dann fortschreitende Auflösung
der psychisch widerständigen Antriebe
unwiderruflich geworden.

Substanziell determinierend
erwiesen sich in dieser stillen Flucht
aus den gängigen Daseinszusammenhängen
nicht nur die niedrige Herkunft,
der belastende väterliche Alkoholismus,
Armut, Verachtung, soziale Randständigkeit,
die dauerprekäre familiäre Situation,
Berufslosigkeit und geringe Bildung,
sondern vor allem der rücksichtslose Vernichtungskrieg,
mündend in eine fünfjährige Gefangenschaft
in einem sibirischen Arbeitslager.

Er war ein schwacher,
ein zerbrechlicher Mensch,
leicht beeinflussbar und vertrauensselig,
scheint aus Angst,
Selbstbetrugsbedarf und innerer Not
an die Lauterkeit menschlicher Absichten
förmlich unbedingt geglaubt zu haben,
ständig der Gesellschaft anderer bedürftig.
Dabei fast schon verachtungswürdig
in seinem Hinwegsehen über
Charakterlosigkeit, Grundhäme
und rücksichtslose Ausbeutung
seiner störrischen Gutmütigkeit
durch die Habgier manch eines der fühllosen,
im Suff ihm zuprostenden Unterschichtenkumpane.
Bedauernswert in seiner Weichheit,
seinem kindlichen Starrsinn,
seiner haltlosen Rechthaberei
und rachsüchtigen Streitsucht,
ohne dass man ihn dafür hätte
auch nur ansatzweise zur Rechenschaft ziehen können.
Unüberlegt gefühlshörig,
freigiebig, vorurteilslos und mitleidsfähig …
Unbürgerlich, wie er war.

Dass ich nichts gebe
auf das Märchen vom Vaterland,
die trügerisch gehaltlose Bindung
an Volk, Kultur, Geschichte und Tradition,
nichts unversucht lassen möchte,
all diese Lügen, leeren Behelfskniffe
und Entlastungsfloskeln
still zu verlästern und zu verhöhnen
und endlich zu entlarven -
um sie,
weil sie doch auch in mir wabern,
restlos zu zertrümmern - 
dass sich mir nichts klärt
außer nackte Sinnlosigkeit,
brutale Niedertracht
und ein wesenhaft kommandierendes
Mehr-und-immer-mehr-haben-Wollen
als Boden einer verwahrlost-schäbigen
Daseinsschmiere,
das hat mich sein Beispiel,
mir bis in die Kerne geschlagen,
unwiderruflich gelehrt.
Aber auch
- bis hin zum Verwerfen jeglicher,
Selbst wie Nicht-Ich
notwendig verfehlender Überzeugung -
gefeit gegen jede Art
von träumerisch lockender,
idealistisch-utopistischer 
Wirklichkeitsauslegung.

Systemsprengende Unschuld (45/23)

Mich würde niemand überzeugen,
dass es noch Daseinsschwere gebe.
Da überall doch diese Fratzen äugen:
Agenten der Kommandostäbe
des Bunds von Wissenschaften, Technik, Kapital.
Die alles Dasein profanieren
und a priori kappen jedes Ideal.
Es anverwandelnd sich dann zu verführen.
Sie sind nur schwer zu greifen diese Mächte
subtilster Destruktionsgewalten.
Die bis in tiefste Psychen-Schächte
Person und Ding als sich identisch spalten.
Nur darf man keine Absicht unterstellen.
Es ist ein Menschheitsschicksal, was sich da vollzieht:
Dass wir uns müssen selber fällen.
Gehirn verfallen. Destruktionshybrid.

Selbstaufbau (45/24)

Bürogeschwätz und Fahrigkeit.
Und das schon über Stunden.
Zwar tue ich mir selbst nicht leid.
Doch jetzt ist Schluss
mit dreisten Kunden,
Geschäftigkeit und Eros-Keimen.
Jetzt werde ich,
mir selber abgeschunden,
mich weltfrei
zu mir selbst aufmachen:
Um zu vergehen meiner Geistheimat,
erschaffend mich
aus Wort und Reimen.

Nachtphantasie/Für Mokre (45/25)

Lange hab ich wach gelegen.
Dabei grad an dich gedacht,
Geträumt, dass ich berührte sacht
dein Lippenfeld, dir Räusche zu erzeugen.

Die ich so gerne dir doch schüfe.
Auf dass dir Augenblicke Glücks aufschössen:
Des Leibes ephemere Messen.
Vollendungszittern schauernd dich durchliefe.

Solch Glücke adeln dann die Stunde,
die, frei von Alltagsmaßen,
mag dir dann raunen numinose Kunde
vom Gral erotischer Ekstasen.

Über mich selbst V (45/26)

Das große Pathos liegt mir nicht;
noch das sublime Zartgefühl.
Bin ich doch seelisch schlicht.
Und grüble viel zu viel.

Hinzu kommt, ich bin ziemlich kühl.
Und das stößt andere zurück.
Gewöhnlich ist das heimlich auch mein Ziel:
Entrinnen Du-Last, Schwafelei und Tick.

Von wem auch immer. So auch etwa Frauen.
Mir gilt, dass sie der Vorsatz treibe,
mich ihren Plänen einzubauen.
auf dass ich willig diesen auf mich reibe.

Dagegen denke ich an dreierlei:
An Du- und Wir-Distanz in Seelenstillen.
An letzte Jahre ohne Kundenkinderei.
Und Abende, vertan für späte Einsichtsfüllen.

Versagenshilflosigkeit (45/27)

Ich kriege so gut wie gar nichts hin.
Brennt mich doch eine aggressive Innenwelt-Flaute
auf der Asche aufgestauter, zielloser Wut aus.
Gerichtet gegen den Vielfachzerfall der Gesellschaft
in der ich, nichts als Widersprüchen verstrickt, vegetiere.
Als hätte ich mich selber satt,
existierte ich, völlig zerrissen, 
mir dreifach - mindestens:
Gespalten in ein rein sprachlich gewobenes Selbst
der Weltübersteigung im Machen von Gedichten,
in ein misstrauisch fremde Iche auslotendes Selbst
im Rahmen dieses gesellschaftlichen Geltungsjochs
und zugleich in ein kreatürlich-privatistisches Selbst
folgenloser Freizeit-Halluzinationen -
Alle drei ontologisch-existenziell-sozial ineinander laufend
etwa in der nihilistisch-kreatürlichen Übermächtigung
und Ausbeutung von Gelegenheits-Körpern.
Ichschwach trostbedürftig, narzisstisch selbstverächtlich
und jenes Geist-Ideal schäbig-verräterisch im Stich lassend.
Unentschuldbar versagenshilflos.

Danksagung II (45/28)

Sozial bin ich ein Durchschnitts-Angestellter.
Für mich also ist diese Welt gemacht:
Das Laisser-faire verlogner Glücke.
Als Sex, als Shopping, Unterhaltungsmarathon …
als Urlaub, kurz: Erlebniszufuhr überhaupt.

Indes: Verschont blieb ich von schlechten Zeiten,
von Krieg, von Arbeitslosigkeit, von hoher Inflation.
Von der Verführung durch politmessianische,
ideologisch-utopistische Phantasmen.
Indes auch von den eignen dunklen Seiten,
die man ja hat, notwendig in sich findet,
wenn man hinabtaucht in die tiefsten Seelenschichten.

Seit fünf Jahrzehnten nunmehr ohne Sorgen lebend,
muss ich, es ist nun Zeit, mal Danke sagen.
Obwohl wir alles tun, das wieder zu verspielen,
was wir, Verzichte leistend, uns erhalten sollten.
Indes wohl gar nicht fähig, es zu tun:
Uns fehlt die Macht, uns fehlt der Wahrheitswille,
die Reife der Bevölkerung,
die, zukunftsindolent, doch auf den Augenblick nur schaut.
Konsumaskese als bedrückend doch erlebte,
so gar nicht fähig, dieser sich zu stellen.
Zumal doch wissend auch ums wirtschaftliche Risiko,
gesellschaftlich-politisch gar nicht abzuschätzen.

Nun also Dank für allzeit abrufbaren Spaß,
vor allem die Verwahrlosungsgelegenheiten
im Dienst von Fortschritt und von Wohlstandssteigerung.
Als Selbstaufgabepotential doch unentbehrlich.
Dank auch für Unterhaltung, die als Trost-Verdummen
und Nihilismus-Surrogat perfekt sich eignet.
Dank für politisch-ethische Parolen
von Freiheit, Mündigkeit, Vernunft und Würde.
Auszeichnend alle, freilich nicht empirisch.
Dank für die Volksherrschaft, das liberale Recht,
den Tugendeigensinn entgegen allen Fakten.
Zusammenfassend also Dank für dieses Wunder,
das dieser Staat doch ist, trotz seiner Illusionen,
er könne allein dadurch schon sich selbst erhalten,
dass seine Wirtschaft weiter Reichtum schaffe:
Gelegenheiten also für die Ichbetonten,
sich eskapistisch-dionysisch hinzugeben
an Traum und Rausch*: Erlösungsrandalieren …

Was habe ich (auch dafür Dank, wem immer auch)
doch für ein Glück gehabt, dass jene Sause
doch kernhaft schon sich bildete,
im Werden war, als ich geboren wurde;
und noch mehr Glück,
dass sie dann immer weiter fortbestand;
das größte Glück indes wird dann mir widerfahren,
wenn ich einst gehen werde, lang bevor
der Bau der Selbstverweigerungen dann zerbricht
und alle Zufalls-Gnade enden wird …
Ich meine die, die Einzelnen sich schenkt, die,
ohne Absicht, sich in sie verlaufen haben.

Ich hab sehr wohl begriffen - und auch dafür Dank
(den größten, nebenbei bemerkt) -,
dass ich - nicht gängig mir verzwungen -
mich selber würde halten können nur,
wenn eure Welt mir dies erlaubte.
Und sie tat’s, tat’s indirekt:
Indem sie mich gewähren ließ,
den eignen Innenweltbefehlen zu genügen.
Auch dem, 
mich gegen ihre Selbstzerfleischungslust zu stellen.
Wiewohl ich wusste, dass vergeblich das doch wäre.
Allein ich musste auch für mich es tun …
mich selbst so zu bewahren, geistig zu gewinnen.

Das Ende der Person (45/29)

Wozu denn soll man sich noch selbst bestimmen?
Wenn man das überhaupt noch kann!
Man muss ja letztlich doch im Hauptstrom schwimmen.
Zwecks Ablenkung und Dauer-Fun.

Braucht man denn überhaupt noch Werte?
Wenn Reize uns doch dirigieren,
Reklame, Zeitgeist, Stargebärde,
um lustvoll diese dann zu imitieren?

Ist man doch letztlich allen gleich,
grad auf der Jagd nach Kick-Simplizität.
Zumal man fügt sich gerne diesem Reich
mit seinem Wohlstandszaubersinn-Gebet

von Formeln, Kapital, Verfahren.
Nach deren Wirken sich dann auszuleben.
Als Rauschgefüge unter Dünkel-Waren,
so als Person sich seiner zu begeben.

Gott VIII (45/30)

Wer wüsste diesen Gott denn noch zu fassen
mit seiner trivialisierten Kundenseele,
die, klein und eitel, hybrisflach sich doch ergeht
in diesseitsprallen Oberflächlichkeiten:
Paganem Ethisieren, Machtansprüchen,
messianisierender Polit-Agápe
und daseinsflüchtigen Adiáphora.
Den Zeitgeistwerten radikal verfallen,
glorifizierend sich, dies krude Ich,
das keine Mittel doch mehr hat, noch anzufühlen:
Sei’s tiefe Ehrfurcht, die zum Schweigen mahnt,
sei’s Geistesstille, gegenkreatürlich zart,
sei’s Sehnsuchtsrauschsog nach dem Absoluten,
das magisch-mystisch heim ruft uns zu sich:
Allein Geborgenheits-, Verheimatungs- und Sinn-Garant.
Zu überschreiten sich als Stoff- und Triebgefüge,
der stummen Leere zu entrinnen so,
die diese Ding- und Kunst-Welt-Diktatur
im Kern doch faktisch ist …
Ein nihilistisches sich selbst Verzehren
positivistischer* Erbärmlichkeit.
Aus der die Seele leis und leiser
vergeblich zu sich selbst aufschreit.

*pagan: heidnisch
*Agápe griech.: Gottes-, Menschliebe. Geistige Liebe. 
*Adiáphora griech.: Überflüssige Dinge, "Zeug" das niemand braucht
*Positivismus: Wissenschaft und Philosophie, die sich auf das Gegebene, Tatsächliche, Wirkliche usw. beschränkt, alle Metaphysik (das, was nach jenem Faktischen als physisch nicht Greifbares als nur geistig Greifbares: das Religiöse) als theoretisch nicht greifbar und prakisch nutzlos ablehnt (Auguste Comte, 1798 - 1857, französischer Denker)

Geltungsschwangerer Selbstbetrug (45/31)

Der inszenierungsneurotische Aufstand
gegen alle diese so tief beglückenden 
konsumkapitalistischen Nichtigkeiten
- aus diesen selbst hervorgetrieben,
sich aufrecht zu erhalten
bis zum Verzauberung schlürfenden
hoffnungs- und sehnsuchtslosen
psychischen Niedergang -
wird immer nur
eine magisch flachschichtige Teilhabe
an Selbst fingierender Tugendeitelkeit
sicht schauspielernder Ich-Überhöhung bleiben.

Mammondiktatur (45/32)

Man muss auf Illusionen setzen,
Verzweiflung zu entrinnen;
muss sich durch Scheinbelange hetzen,
um irgend Zweck sich auszuspinnen.
Den freilich es nicht geben kann
in dieser Mammondiktatur,
die alle zieht in ihren Lügen-Bann
als anonyme Psychen-Schur.

Menschlichkeit (62/3287)29

Ehrfurcht, Demut, Mitleid, Scham
sind der Menschlichkeit Garanten.
Sind’s allein und ausnahmslos,
sind’s als Kerne der Person,
sind’s als bloßes Zufalls-Sein,
aller Pseudo-Tugend bloß.

Nicht Vernunft. Zielt auf Begriff,
intellektuelle Größe.
Nicht geeignet, dass sie löse,
unsern Homo-Wesens-Schliff:
Dass der Mensch nach sich muss gieren,
seinen Vorteil maximieren,
mag er dabei auch vertieren:
Sachlichkeit und Sinn verlieren.

Meine Gedichte (45/33)

Sie sind Frontalangriffe auf was faktisch ist.
Ich führe sie an allen Fronten.
Gestützt auf geistig-intellektuelle Sonden.
Als Selbst. Nicht als Sozial-Statist.
Als solcher würde ich doch scheitern,
verfallen Machtbetrug und Phrase.
Sozial, das meint doch diese Normenblase,
sich Illusionen zu erweitern:
Dass es noch Zukunft zu gestalten gäbe,
noch Würde, Freiheit, Wohlstand zu gewinnen.
Das träumen viele, die, von Sinnen,
psychisch zu schwach sind, das Gewebe
des Destruktionszwangs zu erahnen,
dem Ratio-Wuchern, unserm, inhärent.
Das ohne Ausweg traumlos effizient
wird unsren Untergang wohl bahnen.

Und dass ins Abseits ich dabei geriete,
das war mir klar von vornherein:
Als Schreiber von Gedichten ist man vielen Niete,
die fördern das uns evolutionär verfügte Nein …
Ganz ihrem Kern verhaftet: Pleonexie.
Und tiefster Angst vorm Nichtmehrsein.

in ihrer Weisheit wohl beschlossen:
Den Guten Steuergeldgeschenke, 
indes den Deutschen Großstadt-Gossen.

Ich (45/34)

Um mich geht’s nicht.
Das steht mir fest.
Ich bin soziales Einerlei.
Ein einsam-stiller 
Geist-Aufschrei,
ganz ohne irgend 
Seins-Gewicht.
Bin, marginal verortet, 
Rest.
Kurzum: systemverfügter 
Digitalwelt-Wicht,
Objekt von Markt 
und Macht-Lakai.

Die Grund Voraussetzung menschlicher Würde 
(45/35)

Fußt auf Konsum-Askese, diese Würde,
schließt jede Sucht so nach sich selber aus;
so auch denn die nach Haben und nach Macht.
Soll heißen, wer nach Wohlstand strebt
als Seinszweck, Halt und Lebenssinn,
nach Lustausbeute und Erlebnishäufung,
nach Gelten und nach Überragen …
kann keine Würde haben, weil doch Kreatur,
als solche biologisches Diktat, sich Triebzwang
und Bedürftigkeit: determinierter Daseinslauf.
Man kann nur selbst sie sich verschaffen*,
sich selbst bestimmend gegen sich
als Tier, Pleonexie, Sozial-Monade …
falls überhaupt man annimmt, man sei frei.

*So, korrekt, Niklas Luhmann

Ich selbst (45/36)

Immer in mir selbst gelebt,
nachgehangen Eingebungen,
Daseinsleeren, Stumpfsinn auch.
Fakten, Du und Wir zu meiden.

Soweit nur nach Welt gestrebt,
dass ich, Drangsal, sei gelungen
als Sozialding, Quantum, Bauch.
Klüglich kalkuliert bescheiden.

Meisternd so Verstrickungszwänge,
Anspruchshybris, Normenzonen,
Triebkandaren … Gier-Gemenge:
Sich vermeintlich zu belohnen.

Weltarm fasziniert verfallen 
Gott-Ekstasen, Einsicht, Geist.
So entronnen feinsten Krallen,
um die nihilistisch kreist

dieses Intellekt-Gehäuse
sich entlaufener Monaden.
Stoffliche Neuronen-Sträuße
wertabstrakt verhängter Taten.

Fremder Benn/Für Gottfried Benn I (45/37)

Er destillierte Sinnsuchtschemen sich aus Sätzen.
Allein auch die verbargen sich.
Zerfielen ihm, statistisch Fetzen,
vor Macht und Trieb und Ich.

Und metaphysisch war sein Traum des Blaus.
Ein Formkristall, geschichtlich nie zu finden:
Die Ausdruckswelt, des Geistes Haus,
von Substantiven nur zu gründen.

Ein Mystiker der Worte. Kein Barbar.
Ein großer Mensch gebrauchter Kälten.
Der stumm am Sein litt, leer sich war.
Den Heimattrancen fällten.

Für Gottfried Benn II (45/38)

Noch Halt und Sinn, beteuert vor Phantomen,
entlastungslaue aus Affekt,
entbarg er geistig Zeilendomen.
Nur sie doch seien seinsgedeckt.

Im Selbstgespräch ein Wispern aller andern,
ihr Siechtum stur im Leopardenbiss.
Kein Niedergang mehr abzuwandern,
der nicht auch ihrer wäre: Ohnmachts-Riss.

Begreife, was ihn in die Worte trieb,
die Körpertyrannei, die Faktenfremden,
der asoziale Dauerhieb,
Bewusstseinsleeren, die sich selbst durchkämmten.

Nach was, bleibt unklar. Ich vermute Gott.
Der dirigierte ihm Zertrümmerungen
in die Gedichte, sein Schafott.
Auf dem er litt, sich metaphysisch dann gelungen.

Für Gottfried Benn III (45/39)

Erotisch umgefärbte Transzendenz.
Das Absolute war ihm Satzmontage.
5 Mark, wenn’s hochkommt, dafür Gage.
Voilà die Lage Gottfried Benns.

Die Praxis lief kaum wegen Salvarsan*.
Dann Depression und Wirklichkeitsverkümmern.
Aus diesen Scherben Wehmutsflimmern:
Der Gegenstoß in Trance und Ahn.

Melancholie. Und dazu Machtverkennen.
Die Wehrmacht rettet vor SS.
Der Staat baut Waffen, Bahnen und Antennen.
Ein Vers? Ist Macht Regress.

Das hätten, Benn, Sie wissen müssen.
Zumal das Wort war Ihnen numinose* Tat.
Der man, substanzgepackt, ist hingerissen,
bestrickt von Geistesdestillat.

*Salvarsan: Medikament gegen Geschlechtskrankheiten
*Das Numinose: Göttliche Macht, die Vertrauen und Schauer erweckt

Gleichheit (45/40)

Ich halte Gleichheit ja
für eine Lebenslüge,
insofern jeder doch
will andre überragen,
will sie verdrängen,
über sie erringen
die schönsten Siege ...
In Selbstverzückungswahn
sich so zu tragen.

Das gilt besonders
für die Wohlstandsfrommen,
die krass narzisstisch sind:
Es also nötig haben,
sich selbst
als überlegen darzustellen,
um sich am Schein dann
an sich selbst zu laben.

Und daran zeigt sich,
dass sie,
andern gleich,
sind, gängig hilflos,
ein sich unverfügtes Ich ...
Sich unterscheidend nie
im faktischen Vergleich,
der alle stellt
als exemplarisch bloß.

Was einen prägen und ausmachen dürfte (45/41)

Chronische Bedürftigkeit -
mannigfaltige Formen
des gesellschaftlichen Selbstbetrugs,
der systemimmanenten Täuschung,
der umsatzlüstern bedingten
hinterhältigen Irreführung -
die Erfahrung zumal
definitiver Begrenztheit:
physischer, psychischer,
geistiger, intellektueller …
Der dauernde Zwang,
sich, um sich überhaupt
ertragen zu können,
notdürftig selbst auszulegen,
soll auch heißen:
zu verhehlen,
zu verleugnen,
zu vergessen …
Und Zeit.
Alles das -
und manches mehr -
dürfte einen ausmachen,
in jeder Lage
sich einem aufdrängen
als einem hilflos
sich doppelt und dreifach
vermittelnden
Selbstzwang-Entwurf,
agierend in einem
pannihilistischen
Einsamkeits- und
Selbstentfremdungs-Gefüge.

Dorfschatten (45/42)

Dutzende sind mir vertraut;
tief vertraut bis heute.
Manche lange tot.
Höre sie - ob leis, ob laut -,
manche waren Suff zur Beute,
manche beugte Seelennot.

Viele haben mich versehrt,
ohne es zu wissen;
ich indes, ich hab’s gefühlt,
dass es triebhaft sie entschwert,
ihre Mütchen hat gekühlt -
Hilflos unsrer Welt beflissen.

Konnte bald sie unschwer deuten,
musste ich mich doch erwehren
ihrer schuldlos tiefen Häme.
Wurden so mir Einsichtsbeuten,
konnten so mich Dasein lehren:
Dass es, Zwang sich, tief beschäme.

Und auch dies verdank ich ihnen:
Dass wir machen nicht viel her:
Drang sind, weder gut noch böse
auf uns unbekannten Schienen,
leitend uns durch Ungefähr
ohne Sinn und ohne Größe.

Ausbruch (45/43)

Unaufhebbare Indifferenz,
getaucht in innere Leere,
treibt auch die letzte Exzellenz
in eine asoziale Grund-Misere.

Die bin ich wesenhaft.
In meinen tiefsten Schichten.
Wo Amoral und rationale Kraft
auch Würde als Schimäre richten.

Wo die soziale Despotie,
ihr Ethik-Schleim nicht greifen.
Vernunft sich scheiden, Selbst und Vieh.
Zerstörungslüste reifen.

Daseinsmüde (45/44)

Ich war mein ganzes Leben lang
gleichsam erschöpfungsdrastisch müde.
Auch deshalb, weil nicht ein Belang
sich nicht als Gegen-Güte,
als Ichsuchtsog erwiesen hätte.
Sich einzig selber Sieg und Grund.
Sich Deutung, Halt und Traum zu borgen
aus gängigem Entfaltungsschund.
Sich triebhaft über sich hinwegzutäuschen.
In Wir gefangen und in Selbstwerträuschen.

Gaia* (45/45)

Alte Gaia, ruhtest weise
um der Spindel Haft,
seinsverahnt demiurgenweise
hielt die Dike* deine Kraft.

Schöpfererde in der Mitte
einer Sphärenfracht.
Sinngeborgne Gotteshütte.
Ewig-statisch deine Pracht.

Heute nur vermüllte Halde,
nichts als tote Masse.
Opfer eines Großhirnwucherns,
das zurück du nehmen wirst.

*Gaia griech.: Erde
*Dike griech.: Göttin der Gerechtigkeit
 

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