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Seite 40. Die Seite enthält 66 Gedichte

(D) Der kulturelle Niedergang der BRD*/Der Verfall der deutschen Sprache

Gründe für den Verfall der deutschen Sprache

(1) Der Mensch der Überflussgesellschaften begreift sich primär als Körper (in Konkurrenz zu anderen Körpern), nicht als Geist-, Intellekt- und Moral-Wesen, also nicht als Person. Er ringt mit anderen nicht um geistige Exzellenz,  sondern um körperliche Vorzüge und konkurrenzfähigere Klugheitsstrategien, ringt mit anderen um Sexualpartner, gesellschaftliche Stellungen, Anerkennung (Prestige) und Bewunderung, berufliche Positionen usw.

(2) Der heutige Mensch ist sich selbst Kapital in den genannten Hinsichten; dessen Wert zu vermehren, er sich ständig bemüht (muss es auch in der Regel)

(3) Der heutige Mensch will sein Leben erleben (Gerhard Schulze), es aber nicht erfahren (soll heißen: unmittelbar genießen, aber nicht distanziert möglichst scharf (genau und also faktenkonform) erkennen

(4) Der heutige Mensch ist immer häufiger v. a. ein narzisstischer Existenzschauspieler, der nur sich selbst, nicht aber der Gesellschaft verpflichtet ist; es geht diesem Menschen nur um sich selbst

(5) Der heutige Mensch erlebt sich als Ware (er hat sich selbst verdinglicht zu optimier- und manipulierbarer Körperlichkeit), als Macht-, Markt- und Genuss-Potenz, Tauschobjekt, Zeitgeistfetisch usw.

(6) Der heutige Mensch ist ein auf sich selbst zurückgeworfener (verlassenheitsgefährdeter), in einer nihilistischen Welt existierender, verdrängungsintensiv sich selbst und seine objektive Lage vermeidender Markt-Spielball

(7) Der heutige Mensch ist hyperemotional; dabei geht es ihm um massiv ihn ergreifende und durchflutende Erregungszustände, die ich als Formen auch eines geistigen Selbstverlustes glaube deuten zu sollen; soll heißen: seelische Verarmung, die sich als „motorisch tobende Wortlosigkeit“ vollzieht. Es sei so ausgedrückt: Alle feineren Formen, insbesondere auch die geistig-erotischen, der Lebensfreude verschwinden immer mehr, soll auch heißen: Die Individuen unterliegen/sind disponiert zu einer permanenten, sich motorisch - kaum sprachlich (es sei denn in Form von Erregungs-Lauten: wow! fuck! usw.- sich manifestierenden Erregungszufuhr als Mittel einer Art von vereinheitlichter (auch: Verbrauch anregender) Emotionenbewirtschaftung, um sich von sich selbst als potentiell daseinsinkompetenten, gleichgeschalteten und wirklichkeitsflüchtigen Daseinsdesorientierten abzulenken

Indes: Soll, kann, muss, darf, will ich die Menschen bildungsarmer Sprachlosigkeit zeihen? Nein; darf ich und will ich nicht, schon weil ich mich, täte ich es, dann vor mir selbst lächerlich machte. Denn: In dieser heutigen, sozusagen klein gewordenen Welt verfügt keiner mehr über sich. Selbstbestimmungsfähigkeit in einer Welt wie der heutigen: einer globalen, nicht guten, aber auch nicht schlechten, sondern schlicht dauergefährdeten Welt pleonexiehöriger Wohlstands-Marionetten, kann es nicht geben; schon gar nicht, wenn man weiß, dass wir alle vollständig außengelenkt existieren

(8) Und: Wir sind alle ein rationales (Verstandes-) “Exemplar“ einer in mehreren Hinsichten sich selbst gefährdenden Art (homo sapiens); sie gefährdet sich

(a) ökologisch

(b) als transzendenzlose (metaphysisch enteignete: gott- und also: sinnlose)

(c) als kulturell-geistig arme

(d) als gesellschaftlich-sozial sich anomisierende/auflösende 

(e) politisch wirklichkeitsverlustige

(f) technologisch sich selbst entmächtigende (KI)

(g) existenziell überhaupt als regressive (besonders: reflexionsregressive) Gesellschaft gewissermaßen - und zwar notwendig 

(h) „autokatastrophal“ - n i c h t weil wir „böse“ (das ist ein theologischer Begriff, der den Menschen im Verhältnis zu Gott, seinem biblischen Schöpfer, beurteilt; nicht aber beurteilt den Menschen im Verhältnis zu sich selbst als zufällig entstandenem Atom-Konglomerat, fußend auf materiellen „Monaden“: Quarks und Elektronen, im Rahmen einer terrestrischen biologischen Evolution) wären, nein, deswegen: weil wir psychoethisch (seelisch-moralisch-geistig) nicht fähig sind, die Folgen unserer eigenen Rationalität zu meistern, Herren sein könnten/dürften unserer triebhaften Weltentbergungs-Sucht (naturwissenschaftlich-experimentell geleistet) und unserer technischen Verfahrensvirtuosität, deren Ergebnisse uns - nunmehr zu digitalen Knechten zu machen drohen.

(9) Dazu nun folgende Ausführungen: Spiegel-Artikel 40/2012: „Das Niveau sinkt“. Ein Interview mit dem Altphilologen Gerhard Wolf von der Universität Bayreuth, der (etwa 70) Professoren zur Studierfähigkeit ihrer Studenten befragte - und vernichtende Urteile bekam. Alle Hervorhebungen von mir, Sa. Ich zitiere eine Stelle aus dem Interview:

Wolf: „Die Defizite liegen vor allem in der Sprach-, Lese- und Schreibkompetenz, das haben alle Kollegen genannt. Damit gemeint sind Rechtschreibung, Grammatik, Syntax, Interpunktion, der Umgang mit den Tempora und der Wortschatz. Beim Lesen erfassen viele die Aussage eines längeren Textes nicht. Beim Schreiben und Sprechen können viele Studenten ihre eigenen Gedanken und Argumente nicht richtig ausdrücken. Sie schreiben in Vorlesungen nicht einmal mehr mit“.

Spiegel: „Das hört sich dramatisch an.“

Wolf: „Moment, ich bin noch nicht fertig. Auch das Fachwissen geht zurück, und die Allgemeinbildung ist bei manchen Studenten erschreckend. Einige glauben, der Zweite Weltkrieg habe im 19. Jahrhundert stattgefunden …“

Wolf: „Das Niveau sinkt …“

Spiegel: „Angehende Lehrer sind doch wohl der deutschen Sprache mächtig?“

Wolf: „Nicht unbedingt, die Mängel fallen mir da ebenfalls auf. Und da sich im Laufe des Studiums nur leichte Verbesserungen einstellen, entlassen wir Lehrer, die bei ihren Schülern nach meiner Schätzung maximal die Hälfte aller Fehler noch erkennen können.“

Spiegel: „Was ist denn der Grund für den Kompetenzverlust?“

Wolf: „Das Phänomen ist relativ neu. Die Studenten kommunizieren auf eine Art, die dem sorgfältigen Lesen und Schreiben im Wege steht. Damit meine ich vor allem Kurznachrichten per SMS und Twitter. Die können sich kaum noch längere Zeit auf eine Sache konzentrieren. Ihr Manko ist ihnen zwar bewusst, trotzdem scheint sie unser Anspruch an Sorgfalt zu nerven …“

Wolf: „Natürlich habe ich auch Reaktionen von Kollegen aus anderen Fächern bekommen: Ingenieurstudenten können nicht mehr ohne Taschenrechner rechnen, Architekten können nicht mehr zeichnen, Mediziner können keinen Arztbericht mehr formulieren …“

Weitere Ergebnisse aus Professor Wolfs Umfrage:

„Eine wachsende Gruppe von Studierenden ist den Anforderungen des von ihnen gewählten Studiengangs intellektuell nicht mehr gewachsen.“

„Die mangelnde Studierfähigkeit zeigt sich vor allem in der stark unterentwickelten Fähigkeit, kompetent und souverän mit der (deutschen) Sprache umzugehen.“

„Konjunktive schwinden aus den schriftlichen Arbeiten ebenso wie zunehmend alle Zeitformen jenseits des Präsens.“

„Studierende wissen nicht mehr, dass es in der Bibel ein Altes und ein Neues Testament gibt.“

„Der aktive Wortschatz schrumpft auf wenige hundert Ausdrücke, die penetrant wiederholt werden."

„Das Wagnis, ein komplexes Satzbaugefüge zu bilden, endet regelmäßig in peinlichen Niederlagen.“

„Schriftliche Arbeiten sind oft von einer erschreckenden Schwäche gekennzeichnet, eigene Gedanken auszudrücken oder Argumente vorzubringen.“

„Verstehendes Lesen ist eine Kunst, die kaum eine/r unserer Erstsemester beherrscht.“

„In Geistes- und Kulturwissenschaften erscheinen Studierende, die kaum einen syntaktisch und grammatisch stabilen Satz produzieren können.“

„Studierenden ist oft nicht klar, dass sie, um einen Text zu verstehen, zusätzliche Quellen (z. B. ein Lexikon) heranziehen müssen.“

„Verheerende Auswirkungen schreibe ich dem zutiefst inhumanen und leistungsfeindlichen

Noten- und Tempo-Fetischismus unseres Schulsystems zu, das ihn mit dem systemimmanenten Ansatz kombiniert, harte Leistungsfächer bzw. anspruchsvolle Pädagogen durch weiche Fächer bzw. schwache Lehrer, die gute Noten vergeben, um sich zu schützen, zu ersetzen.“

(10) Zitate/Auswahl

Gerhard Schulze (1992): ‚Die Erlebnisgesellschaft’, S. 58 f

„Im Entscheidungssog der Möglichkeiten wird der Mensch immer wieder auf seinen Geschmack verwiesen. Vor dem Fernseher beim Einkaufsbummel, bei der Auswahl des Urlaubsziels, im Zeitschriftenladen usw. muss man sich danach richten, worauf man Lust hat, wonach sonst? Der Handelnde erfährt sich nicht als moralisches Wesen, als Kämpfer für ein weit entferntes Ziel, als Unterdrückter mit der Vision einer besseren Welt, als Überlebenskünstler, als Träger von Pflichten. Wissen, was man will, bedeutet wissen, was einem gefällt. „Erlebe dein Leben!“ ist der kategorische Imperativ unserer Zeit.“

Robert Bly, Amerikaner, schrieb 1996 in seinem Buch: ‚Die kindliche Gesellschaft - Über die Weigerung, erwachsen zu werden’, S. 77:

„Das Individuum, das sich von der Anstrengung der Kultur verabschiedet, erhält dafür die Erlaubnis zum Narzissmus, Freiheit vom alten Unbehagen und eine Freikarte für das große Illusionstheater, in dem Phantasien aller Art auf dem Programm stehen. Man könnte auch sagen, dass der träge, lüsterne Teil der Seele die Erlaubnis erhält, zu tun, was ihm beliebt. Tausende anderer Halberwachsene in anderen Ländern werden das Verhalten eines solchen Menschen decken, so wie eine Truppe jeden Soldaten beim Rückzug deckt.“

Und S. 228 heißt es:

„Wir stehen heute alle vor dem Scherbenhaufen einer Schriftkultur, wir schauen auf die Ruinen von Bildung und Erziehung, auf die Trümmer der Familienordnung und des Kinderschutzes … Wir ertrinken in einer Flut von Informationen. Wir leben mit apathischen, mutlosen Jugendlichen, die keine Hoffnung kennen. Wirkliche Arbeit verschwindet allmählich, und wir konstatieren eine zunehmende Infantilisierung von Männern und Frauen.“

Norbert Bolz (Das konsumistische Manifest, 2002)

„Pleasure ist die Welt des begeisterten Kunden.“ „Markenprodukte besetzen Ideen, um sie schließlich zu ersetzen.“ „Es geht ( ... ) um Entertainment, Genuss, Lust.“ „ ...Deshalb kann nur noch das Neue (oder eben: die Neue) für wesentlich gehalten werden. Sein ist Erregtsein.“

Hans Ebeling (2002): ‚Denksturz der Moderne’, S. 28: „An die Stelle der Selbstbestimmung ist das Programm der angeleiteten Verwahrlosung getreten.“ Präziser kann man es nicht sagen (Sa.)

Arnold Gehlen, Moral und Hypermoral, Frankfurt am Main, 1973, Kapitel 12. Über Sprachlosigkeit und Lüge, S. 177ff

„Wir leben aus objektiven Gründen in einem Zustand der Sprachverarmung, die differenzierte Gedankengänge seltener macht … Damit steigt die Neigung zu moralisierenden Argumenten, um den Verständigungsprozess abzukürzen.“ Weiter Gehlen: „Diese Verarmung der Sprache erfolgte aus mehreren Gründen: Die Massenbildung bewirkt selbst schon eine Simplifizierung des Denkens, die Massenmedien arbeiten in dieselbe Richtung, und die Politik setzt oft ganze Bedeutungsfelder unter Druck. In dieser Hinsicht gibt es heute Beutebegriffe wie „Diskussion“, „Demokratisierung“ oder „autoritär“, die sofort jeden Sachwiderspruch zum Schweigen bringen.“

Georg Steiner, zitiert bei Gehlen, S. 177, führt aus, dass der heutige Autor (Steiners Beitrag stammt aus dem Jahr 1962) dazu neige, viel weniger und einfachere Worte zu verwenden, denn zum einen habe die Massenkultur die Fähigkeit des Lesens und Schreibens verwässert, zum andern habe sich die Anzahl der Realitäten drastisch verringert“ (Man brauche also, so verstehe ich, Sa., das, eben deshalb, weil die Welt sozusagen faktenärmer geworden sei, viel weniger Worte). „Und überhaupt stehe dem Halbgebildeten der Zugang zu wirtschaftlicher und politischer Macht offen, was ebenfalls zu einer „drastischen Minderung des Reichtums und der Würde des sprachlichen Ausdrucks“ geführt habe.

Heute, in 2024, haben wir freilich Zustände, die mich veranlassen, folgende, vielleicht für manche anstößige Behauptung aufzustellen, nämlich die, dass, um es drastisch auszudrücken, das Bewusstsein einer wachsenden Anzahl von Menschen

(a) zwischen medial verordnetem Stumpfsinn

(b) Flachschichtigkeits-Emotionalismus

(c) neurotischer Hypersensibilität gegenüber bloßen Worten

(d) dem gebetsmühlenartigen Wiederholen von ideologisierten (politisierten) Schlüssel-Tugendbegriffen und blauäugig-christlichen Beschwichtigungs-Leerformeln

(e) von Reklame-, Polit- und Schund-Medien-Sprech

(f) von Anglizismen primitivpsychischer Einheitskonditionierung (Beispiel: „fuck“), um auf diese Weise wenigstens formal erregungsdrastische innere Resonanz-Leeren - Marktabrichtungsverkümmerungen - lautlich zu unterscheiden und zu katalogisieren)

(g) Verbraucher-Idiosynkrasien (Überempfindlichkeiten) und - folglich -

(h) einer vollendeten Geist-Atrophie („Schwund“) faktendeutungsimpotent gleichsam in sich selbst verbannt, hin- und herschwappt; immer mehr auf entlastende Erlebnis-Magie verwiesen als auf auch sprachlich fordernde Realitätsbewältigungsaufmerksamkeit und Gedankenschärfe; die schwinden rapide. Feststeht indes: Das Geistige als Erkenntnisdrang ist per se asketisch: ablehnungsträchtig, skeptisch, resistent gegenüber den Belämmerungs-Finessen konsumdiktatorischer Daseinsprägungen; es muss - seinem Wesen nach - setzen auf Selbstmächtigkeit (Selbstbewahrung), Fakten-Entlarvung (Ziel: ein adäquates Selbst- und Welt-Verständnis); es zwingt seinen Träger zu Sachlichkeit, Redlichkeit, Wahrhaftigkeit, hält ihn an, verpflichtet ihn zu Bildungswilligkeit, persönlicher Reife, Lebensernst usw. usw. … das Geistige  ist also angesichts der kollektiv grassierenden 

(i) Pleonexie: Ich-, Hab, Macht- und Genuss-Sucht

(j) angesichts des allseits herrschenden Narzissmus (s . o. (D) (3), Anm.*)

(k) als Gegenmacht zu Zeitgeist-Kategorien wie Atheismus, Materialismus, Eudämonismus/ Hedonismus, Infantilismus, Nihilismus … nichts weiter mehr als eine Art „bizarre“ Persönlichkeits-Marotte, die für die allermeisten Menschen irrelevant ist, jedenfalls weltfremd-folgenlos, für alles heutige Geschehen bedeutungslos und tatsächlich so gut wie verschwunden: Die Menschen fühlen/sehen keinen Grund (sie hören auch von keinem; ja: eine mögliche Sehnsucht danach wird ihnen spaßentfesselungssubtil ausgetrieben), mehr aus sich zu machen, als leibdrangzentrierte Erlebnis-Jäger - und ich kann ihnen das nicht verdenken: Das Geistige marginalisiert, macht einsam, erregt Misstrauen, wirft einen auf sich selbst zurück, schmerzt gar zuweilen: Durchschaut es doch mühelos alle Formen der psychoethischen Verwahrlosung, der Verantwortungslosigkeit, der geistigen wie faktischen Korruption, der Dekadenz, der Auto-Deklassierung, der Selbst-Verheiligung, des primitiv-machtstrategischen Selbstbeweihräucherungs-Gehabes, weil alle diese Phänomene (und weitere fragwürdige, die hier nicht genannt werden) in der heutigen Überflussgesellschaft weit verbreitet sind, zumal in dieser einen idealen Nährboden haben.

Zu den Ausführungen bei Gehlen noch dies:
die Verarmung der Sprache ist in einer mehr und mehr atheistisch-materialistisch-hedonistisch ausgerichteten Wohlstandsgesellschaft zunächst deswegen nicht zu vermeiden, weil die wirtschaftlich-technischen Bedingungen (etwa: progressiv vollzugsrationale Gewinnsteigerung, Digitalisierung, KI), Ziele und Zwecke dieser Gesellschaft (Sinngebung und Diesseits-Erlösung durch Erlebnis(-) Genuss-Konsum) automatisch den Abbau fein ausdifferenzierter Seelenschichten begünstigen, also: nach sich ziehen müssen, um sie dann immer mehr zu vergröbern - bis sie sich auflösen: Eine rein diesseitig ausgerichtete Wohllebens-Existenz muss mit geistiger Verarmung, Verrohung und Verkümmerung notwendig bezahlt werden; und zwar deshalb, weil sie, diese Wohllebens-Existenz - das scheint nur paradox zu sein, ist es aber nicht - ohne diese drei genannten Vorgänge der geistigen Verarmung, Verrohung und Verkümmerung gar nicht gemeistert werden könnte; eine rein diesseitig orientierte Wohllebens-Existenz zerstört das Sein des Menschen als geistarchaisch-irrationales: metaphysisches Wesen, d. h. als Geborgenheits- und Sinn-Sehnsucht in sich tragendes, auch selbstzurücknahmefähiges Wesen: Der heutige Mensch ist sich: m u s s sich - unumkehrbar - zum ersten Mal genau das sein (als genau das erfahren), was er, der Mensch, an sich schon immer war: Ein zufällig in eine völlig sinnlose Welt „geworfenes“, selbstbehausungsunfähiges Materie-Tier (vgl. (A)). Und eben genau dies weiß er jetzt, verdrängt es, völlig außerstande, es zu ertragen: Zeit, Körper, Ding, Systemdrangsal, Nichtigkeitsbüttel, Markt-Lakai und Verlassenheits-Monade zu sein, die sich an sich selbst vorbei schweigen muss … Weshalb er sich: Kreatur-Drangsal, in ständig sich wiederholende Erlebnis-Räusche wirft/werfen muss: in leibekstatisch provozierte Sprachlosigkeit: außengesteuert von sich abgelenkt in die Nebel konsumdiktatorischer Erlebnisschwaden gehüllt

Es sollte (bei Gehlen, s .o.) - die heutigen Bedingungen präzisierend heißen: „Die Massenbildung“ - unter den heutigen Voraussetzungen rationaler All-Entlarvung und nihilistisch forcierter Enthemmungsbedürftigkeit! - „bewirkt … eine Simplifizierung des Denkens …“, und die Massenmedien müssen „in dieselbe Richtung“ arbeiten, eben weil die Welt nunmehr lückenlos und vollständig das ist, was sie unter den angegebenen Bedingungen wurde: Eine Welt toter Fetische, verdorrter Seelen und tugendfanatisch verlogener Weltverbesserungs-Phantasien: Ding-, Körper-, Waren-, Verfahrens-, Gleichungs- und Erlebnis: Entlastungs-Welt …“

Um freilich meine Bemerkungen zum Thema „Kultur-, Geist- und Sprach-Verfall“ nicht allzu sehr auszudehnen, empfehle ich die aufmerksame Lektüre des 12. Kapitels von Gehlens Buch „Moral und Hypermoral“, wo sich nach meiner Meinung manches findet, was genau zu überdenken sich allemal noch immer lohnt. So etwa diese Feststellungen (S. 178: 
(a) bis (c); und S. 182 (d)):

(a) Die Herstellung des Bewusstseins mittels technischer Apparaturen (nach Frank Benseler); ich denke da sofort an KI

(b) Gehlens Wahrnehmung einer geradezu zeitungshaften „Bewusstseinsstruktur“ (heute: einer digital geschaffenen Emotions-Wortlaute-Struktur)

(c) Der Verdacht Gehlens, dass die Phrase bis in die Organisationszentren des Bewusstseins zurückschlage, und dass man ungestempelte (meint: zeitgeistkonform ideologisch nicht „autorisierte“) Einsichten und Wertungen in das herrschende, verständliche Vokabular nicht mehr einbringen könne (so wie ich meine Gedichte in diesem nicht mehr verorten kann: sie sind, der herrschenden Wort-Sensibilitäts-Tugend widersprechend, weitgehend unverständlich)

(d) Zumal der Staat aus objektiven Gründen mit der Gesellschaft zusammen rinne, auf bestimmte, im Wesentlichen wirtschaftliche und soziale Aufgaben hin zweckrationalisiert sei, also auch verzichte auf den moralischen Schutz der Staatsbürgern voreinander, und gegenüber der Gesinnungs-Unterwanderung wehrlos werde, die er bei Mächten wie Kirche, Presse und Rundfunkanstalten selber privilegiert habe. Folglich entfielen allein schon von dieser Seite des Staates her die Gegengehalte, „die eine Gesellschaft verhindern könnten, das entgegen gesetzte Extrem zu erleiden, nämlich die volle Aggressivität der guten Sache.“ (die heute jeder kennt; vor allem auch als narzisstische Rücksichtslosigkeit und reflexionsarmen Phrasen-Stolz)

(11) itere Bemerkungen betreffend einige Grundlagen des Verfalls der deutschen Sprache

(a) Grundlage: Geistige Öde. Irgendwo habe ich gelesen, dass die Verderbnis der Sprache die Verderbnis des Menschen sei. Der, der das sagte, wusste ganz genau, wovon er redet: So ist es nämlich. Was aber bedeutet es unmittelbar für die Individuen überhaupt, wenn ihnen die sprachlichen Kompetenzen immer weiter abhandenkommen? Sie erleiden

(b) Selbst-Macht-Verluste (ein Verlust etwa von Existenzsteuerungs-Macht, die, verstärken sich Erkenntnis-, Deutungs- und Orientierungs-Schwäche schleichend immer mehr, dem entsprechend verloren geht; also es kommt zu massiven Selbst-, Welt und Wirklichkeits-Verlusten; und also auch zu Identitäts-Verlusten: man wird so entsprechend empfänglich für alle Arten von depersonalisierender Außen-Lenkung (Zentralbegriff in David Riesmans Buch: Die einsame Masse von 1953). Es handelt sich um eine geistige und kulturelle Entmächtigung, im Gefolge derer sie, die betroffenen Individuen, immer mehr einer ihnen letztlich schädlichen (mögen sie diese auch als lustvoll erleben) Zeitgeisthörigkeit verfallen (müssen); also auch einer sie fortschreitend gängelnden Marktknechtschaft

(c) Man wird sich, intellektuell-geistig-sprachlich geschwächt, mehr und mehr auf fremde Interpretationen der gesellschaftlichen Wirklichkeit - etwa auf mediale und politische - verwiesen sehen; das ist dann das Ende des von Kant als Aufklärungsziel propagierten „sapere aude“: „Wage es, zu wissen; denke selbst nach!“ usw.)

(d) d. h. aber auch, dass man einer Art Wirklichkeitsschwund sich ausgesetzt findet, zumal die Gesellschaft als kapitalistisch-technisch-naturwissenschaftlich getragene und verwurzelte für die Individuen tatsächlich immer mehr zu einem Monadenzwangsgefüge individueller Verlassenheit: zur Verdinglichungs-Traumtänzerei als technologisch hergestellte Vollzugsfiktion wird: Konditionierungsmaschinerie für Sozial-Monaden auf eine Art von „Fun-Stalinismus“ hin*

Anm.*: Ich gehe davon aus, dass der Mensch seine geistigen (sprachlichen) Fähigkeiten weiter einbüßen wird: er wird sich z. B. „erntfesselungsträumerisch-gefühlsprimitiv“ wappnen müssen dagegen, dass er (Stichwort: KI) nicht mehr wird wissen können, was wirklich, was unwirklich, was Traum, was Trug, was Wahrheit, was Lüge ist, was gilt, gelten sollte und was nicht; zumal er sie ansatzweise schon deswegen einbüßen musste, weil er kein metaphysisches Wesen mehr ist: Er hat Gott getötet (wie Friedrich Nietzsche sagte); hat er; und mit Gott die eigene geistige Essenz. Der Glaubensverlust bedeutet selbst schon „Verdiesseitungszwang und -drangsal“, also: Die Banalisierung der menschlichen Existenz: Der metaphysisch unbehauste (Georg Lukács) Mensch, der Wohllebens-Heide, muss sprachlich-geistig (im weitesten Sinne des Wortes), versagen/verkommen/sich verlieren; muss es, weil er als diese um seine materielle Existenz kämpfende Ich-Selbst-Einheit, alle große Sehnsucht (die ist metaphysisch fundiert), allen Antrieb zur Selbsttranszendenz, alle Selbstachtung auch, jedweden Antrieb, am Ende mehr aus sich zu machen als einen sich selbst beweihräuchernden Erlebnis-Verbraucher, notwendig verliert.

--------------------------Ende der Anm.*

(e) Grundlage: Phantasielosigkeit: Der von der Reklame abgerichtete Kunde strebt nach spaßgeladenen konsumtiven Erlebnis-Vollzügen: Nach Effekten, Reizen, Emotionen vor allem, nicht aber nach Begriffen zu Erfahrungen, zur Existenz-Aufklärung, nicht nach Selbst-

und Weltverständnis: Phantasielosigkeit ist ein Bastard gängiger Pleonexie (Ich-, Hab-, Macht- und Genuss-Sucht), das Resultat einer Gier auf sich selbst)

(f)Grundlage: Narzissmus (s. dazu S.39). Dieser erfordert nicht differenziertes Sprechen über empirische: tatsächliche, reale Gegebenheiten, sondern Selbstinzenierungsverflachungsgeschwätz und -geraune, um sich als wichtiges Individuum in Szene zu setzen, andere zu beeindrucken, sich also interessant zu machen, gar sich selbst zu mystifizieren usw., um die Leute um den Finger zu wickeln, sie sich geneigt zu machen, um sie auszubeuten (machtstrategisch politisch, wirtschaftlich, sexuell usw.), nicht aber zu informieren, aufzuklären, zu bilden usw.)

(g) Grundlage: Emotionalisierung. Die provoziert das „Kippen in die Sprachlosigkeit“; überhaupt: Emotionen verlangen nicht nach intellektueller Differenziertheit, sondern nach expressiv geladener Körperaktivität: Singen und Tanzen, Schreien, Toben, Betasten, Erregungszustände gleich welcher Art. Differenziertes Sprechen freilich fordert körperliche wie geistig-seelische Konzentration, fordert Distanz zu sich als Begehrlichkeits-Befangenheit, zu sich als Trieb-Drangsal und zu sich als Subjekt seelischer Verflachung. Das übermäßige Verlangen nach expressiver Körperaktivität verweist oft darauf, dass den entsprechend sich verhaltenden Individuen das Belebende im Gemüt („Geist“ nach Kant) tatsächlich abgeht. Emotionalisierung der Individuen, die diese geneigt machen, sich den Verspaßungsorgien des Systems (etwa der Rock-/Pop-Musik) bedenkenlos zu überlassen. Emotionalisierung verstärkt nämlich entscheidend das sich Hingeben an Hedonismus, Infantilismus und Materialismus; und: die Neigung zu gängigem Narzissmus (als Authentizitäts-Inszenierungs-Magie all-desorientierter Ich-Schwacher). Weiter muss man so etwas wie fortschreitende sittliche Unreife in Rechnung (diese liegt im Wesen des Infantilismus) stellen, die freilich oft einhergeht mit Tugendfundamentalismen, primitivisierenden Weltanschauungs-Sottisen und Laisser-faire-Ideologemen, die ganz eng zusammenhängen mit der Korrumpierung und Lächerlichmachung von Reife, Ernst und überhaupt jeder Form von Konsum-Verzicht.

M. a. W.: Der spracharm-geistlos-narzisstisch sich grandios inszenierende, auf Erregungszufuhr und Emotionenbewirtschaftung angewiesene Mensch musste unter diesen Umständen Standard werden; und er wurde es, wurde es als Schund-Virtuose.

(h) Grundlage: Entweltlichung/Realitätsverluste. Diese ergeben sich schon aus der Tatsache, dass wir alle uns in „abstrakt-technisch-apparativ-erfahrungsmindernden oder affektentfesselnden oder verlockungsträchtigen Lebenswelten bewegen (müssen) - Beispiele: alle Arten von Kunstwelten wie etwa die Großstadt, das Büro, eine Bar, ein Pop-Konzert, Bahn- und Flughäfen, Sportarenen usw. usw. - kurzum: an und in künstlichen Orten als unnatürlich rational „dauerentwirklichten“ Örtlichkeiten, im Rahmen derer eine gewisse geistig-seelische Verarmung und Verflachung nicht zu vermeiden sein dürften, weil sie als „Monadenmassierungs-Orte“ zu verstehen sind: Als Orte einer Art Selbst-Entfremdungs- und Entfesselungs-Schauspielerei emotional identisch ausgerichteter Erwartungshaltungen

Weitere Anmerkungen: Paul Watzlawick sagt ganz richtig, man könne nicht nicht kommunizieren; das heißt aber nicht, dass man sich lückenlos selbst verstehen (tatsächlich konstruiert man sich mit Hilfe der Sprache) und überhaupt mitteilen könne; ich bleibe bei Georg Trakls gelegentlich geäußerter Meinung, dass man sich eben letztlich n i c h t mitteilen könne (so wenig, wie man ein Du verstehen kann). Dann stellt sich freilich die Frage, warum ich überhaupt Gedichte schreibe, wenn ich denn tatsächlich glaube, ich könne mich nicht mitteilen.

Nun:

(a) Um mich selbst zu bewahren (vor der mich ohne Unterlass heimsuchenden und auch übermächtigenden Überflussgesellschaft, in der ich mich zurechtfinden wollen muss: das ist ein evolutionsbiologischer Imperativ

(b) Um mich, mich selbst sprachlich entbergend, als möglichen Bedeutungszusammenhang muttersprachlicher Magie(!) zu schaffen - und zwar in ein Gedicht hinein

(c) um so auch mich winziges Teilchen baryonischer Materie aus seiner objektiven All-Nichtigkeit zur Selbstanschauung seiner als bewusstlos-stumm-zufälliges Ergebnis materieller Selbstorganisation zu Geist: Sein in Sprach-Magie zu gewahren; zuletzt

(d) um für ein paar Minuten oder auch Stunden den Pan-Nihilismus alles Seins zu meiden, zu vergessen, auszuformulieren, zu entschärfen usw. Was will ich mehr? Überrenne ich doch so scheinbar meine unaufhebbare Gebundenheit an jene Materialität (s. S. 39), um in der Fiktionalität des Geistigen (meiner Muttersprache) für ein paar Momente auch einer Sehnsucht gewahr zu werden, die naturalistisch gewiss zu erklären (Geist ist ein Nebenprodukt der Gehirnentwicklung), aber nur existenziell-irrational-menschlich zu begreifen ist: Ich meine die Sehnsucht des Geistigen nach sich selbst als Hyle-Transzendenz (Stoffüberschreitung) und die nach Vollendung: nach Gott, den ich - diese geniale Quelle tragender Irrationalität und Weltüberscheitungssehnsucht - aus der Kindheit ins Erwachsenenalter mitnehmen durfte -, auf dass ich ihn, mit ihm seelentief vertraut, nie mehr verlieren werde)

(e) Um mich, Gedichte machend, in die Lage zu versetzen, die Grundlagen, Objektivationsweisen, Ziele, Zwecke, Selbsttäuschungen, Bedarfsfiktionen: Werte, Illusionen usw. der Gesellschaft, in der ich lebe, zu begreifen (soweit dies eben überhaupt möglich ist) und also „geistig einzufangen“ - die heutige Gesellschaft, die sich nach und nach wohl selbst entgleiten wird, wie ich es angesichts der Entwicklungen der letzten ca. drei Jahrzehnte vermuten muss -, das muss ich versuchen und muss ich aushalten, denn diese Gesellschaft ist/wurde (ich muss es so sagen, denn es wird immer schlimmer) signifikant (s. S. 39):

(i) unmenschlich: gierig und flachschichtig

(ii) amoralisch, tugendhypertroph und feige

(iii) korrupt und verantwortungslos

(iv) verachtungswürdig verlogen

(v) unfrei (ihre, der Individuen dieser Gesellschaft, Freiheits-Ansprüche und Träumereien sind ausnahmslos Entlastungs-Fiktionen für Erlebnisbetörte)

(vi) trance-, drogen- und entwirklichungssüchtig

(vii) intolerant: wir sind unfähig zu Toleranz, weil wir, Toleranz einfordernd, intolerant werden müssen, denn: wir können, wie gesagt, weder nicht nicht wollen, noch nicht nicht werten. Es gibt also allenfalls tugendzwanghaft gewünschte, machstrategisch propagierte, als unbedingt an den Tag zu legende geglaubte oder Selbstbeweihräucherungs-Toleranz*

Anm.* Nur das Geistige allein bedarf keiner Toleranzforderungen, denn es kennt weder Rassen noch ethnische Gruppen, weder Adel noch Niedrigkeit, weder Pleonexie noch Narzissmus, weder Neid noch Gier, weder Machtsucht, noch Hass, noch Gewalt, weder Lüge noch Selbsttäuschung, weder Realitätsverweigerung noch Bereichs-Glorifizierung … Es ist aus sich heraus, als solches, asketisch-elitär ersehnte Vollendungs-Exzellenz; und wenn es sich als sich selbst in einem anderen Menschen erkennt/begegnet, dann glaubt es, von sich selbst trunken fasziniert, sogar an die Illusionen, die es, vollendungshungrig, sich von sich selbst macht (etwa die, irgendeine gesellschaftliche Relevanz zu besitzen)

Illusionen? Gewiss. Denn: Das Geistige ist nicht nur rational; nicht einmal vorrangig Intelligenz. Das Geistige ist vielmehr vor allem eine affektiv-irrationale: auch weltverachtend-metaphysische Sehnsucht, ist eben in der Tat auch eine Affekt-Kategorie, die das Sublimste und das Brutalste umfasst, was sich in der Tiefe menschlicher Widersprüchlichkeit als sich Sich-selbst-Ausgesetztsein finden mag: Hass, radikale Ablehnung, Verachtung, Inhumanität, Grausamkeit usw. usw.: Geist, das muss ich eingestehen, ist in einem etwas gleichsam Heiliges, sprachsublimes Künstlertum, radikaler Elitarismus und: Affekt-Primitivismus.

----------------------------Ende der Anm.*

Lob der Einsamkeit (40/1)

Ach du, geliebte Einsamkeit.
Wovor hast du mich nicht doch schon bewahrt!
Vor Langeweile, Du-Getue, Neid …
Was hast du mir nicht alles schon erspart!

So werd ich immer dich vorziehen
der Inszenierungssucht von Artgenossen,
die ihnen Zeitgeisthörigkeit hat leicht verliehen:
vergöttern sie doch deren Gossen.

Tatsächlich will ich nur für mich noch sein.
An stillen Abenden, dem Rausch ergeben.
Ersehnend mir in deren dunklem Hain,
dass ende all dies leere Streben.

Vergebliche Sehnsucht II (40/2)/Sonett

Es fehlt die metaphysische Magie:
Das Feingewebe Gottesleidenschaft.
Fort ist das kulturelle Was und Wie,
das aus den Zwängen kalter Einsicht rafft,
dass Sinn und Halt gab’s freilich faktisch nie:
Nur Macht und Habsucht fanden Seelen-Haft,
zu zwingen uns in Angst und Perfidie,
Vernichtungslust und Hass-Komplizenschaft.

Vielleicht ja wird’s zu einer Wiederkehr
der tiefsten aller Hirn-Fiktionen kommen:
Dass einst die Menschen, wieder gottesschwer,
von seiner tiefen Heilungskraft benommen,
noch mal erahnen seines Geistes Meer …
Von Stoff-Verfallenheit dann nicht beklommen.

*Perfidie: Hinterlist, Falschheit

Ein Gedicht machen/Variante I (40/3)

Was wäre tiefer denn als ein Gedicht zu machen?
Gewiss nicht übermächtigen durch Inszenieren.
Schon gar nicht dieses marktbefohlene Verflachen
in Zeitgeisttrancen: Pseudosinn sich zu verlieren.
Nichts ist beglückender. Was immer es auch sei.
Denn wer Gedichte macht, formt kalte Seelen-Trümmer
von diesem all-verflochtnen Wohlstands-Einerlei,
verfügt etwa durch Kunstrausch: Rock-Musik-Gewimmer,
dem Hochamt aller Primitivisierungs -Zwänge.
Es ist der Geist - nur er -, der diese Farce legt bloß,
am Rand hin vegetierend fernab aller Ränge,
befreit von sich verfallenem Verbraucherlos.
So nie devoter Diener dieser Weltflucht-Schmieren.

Tugendkalte-Dekadenz (40/4)

Deutschland, Deutschland, horch! Das war’s
mit Seelenkälte und Gewissenlosigkeit.
Jetzt müssen schließen alle Puffs und Bars,
verglimmen alle Joints … Die Zeit 
schreit auf aus Angst vorm Untergang:
Du hast dich, geistlos, völlig übernommen
mit dekadenzfundiertem Tugend-Überschwang …
im Schein von Würde zu verkommen.
Dein Masochismus ließ dich pflegen
sei es Gesinnungs-Idiotie
von Hybris-Zwergen, die Phantasmen hegen:
als Exzellenz sich haben freilich nie.Al
lein: Du hast sie nicht, die kulturellen Kerne,
die dir erlaubten, selber dich zu meiden:
Du stehst dir selbst am meisten ferne,
so phrasenselig selbst dir zu entgleiten.

Zeuge deutschen Niedergangs (40/5)

Dass ich in einer Zeit des Rechtsstaats-Verfalls,
der fortschreitenden Innenwelt-Chaotisierung,
der verlorenen Daseins-Freuden
und der zerbrochenen Seelen-Halte lebe,
lebe zumal in einer hysterischen Zeit 
narzisstischer Selbstbestandsloser,
verdorrter Psychen und
gesinnungslinkischer Selbstverlust-Opfer,
das weiß ich sehr wohl, weiß es genau,
auch grobschlächtig und scharfsinnig genug,
ihre existenziellen Finten und Schliche
- hedonistische Wohllebens-Verdinglichungen -
aus ihren wesenstiefen Verrohungsverliesen zu locken,
um sie - es ist nicht schwer  - auszudeuten
als ganz späte, wenn auch hilflose Versuche,
sich die eigene Nichtigkeit zu verbergen;
die Nichtigkeit eines Mammon-Potentials,
einer geistig toten Erlebnis-Monade,
einer enttierungsrigoros stramm auf Linie
getrimmten Reklame-Leiblichkeit
in einer ichsüchtig-korrupten Gossenwelt
menschlicher Armselig- und Hilflosigkeit:
Metaphysischer Heimatlosigkeit,
untergegangener Aufklärungs-Erwartungen,
gesinnungsethischer Leerformel-Magie,
eingepfercht den immer enger werdenden
Psychenscharten totaler Verlassenheit.

Entlastungs-Büttel (40/6)

Heimgesucht in jeder Stunde
von gesellschaftlichen Lasten,
nicht Person mehr, nur noch Kunde,
seine Existenz zu tasten
als perfides Ich-Kalkül,
exemplarisch eingezwungen
Medien-Hysterien mit dem Ziel,
dass man sei als Knecht gelungen …
Konfrontiert mit Tugendschemen,
Populismus, Trug und Amoral,
muss man Schein sich anbequemen:
Spaßentlastung, Trance und Zahl.

Noch einmal zu grundlegenden Defiziten
einer sich selbst ruinierenden Gesellschaft (40/7)

Da fehlt die seelische Finesse,
es fehlen Geist,
Charakter, Anstand, Würde,
der Wille auch,
sich selbst zu meistern;
Macht fehlt zumal,
sich selbt zu übernehmen.
Man will sich eher doch
als Seins-Abszess,
als daseinshilflos,permanent sich Bürde,
als Tingeltangel-Ich
sich zu begeistern:
als Nihilismus feiles
Sich-Entschämen,
das knechtisch in sich selber kreist.

Kollektiver Wirklichkeitsverlust (40/8)

Dazu gehören? Hier? Indes: Wozu?
Das hieße doch, sich selbst verfehlen,
das hieße dienen Wir und Du,
vor allem: all-durchschauten Marktbefehlen. 

Kurzum: Ich bleibe hier allein für mich;
in meinen Einsamkeiten.
Zumal doch nur noch Pseudo-Ich,
gepfercht in kollektive Trance- Einheiten …

Auf Deklassierungs-Fun verwiesen,
auf Reiz, Effektschaumschlägerei und Sensationen,
um mich allein am Ende zu genießen:
mit Kunden-Manna zu belohnen …
als Glück, Erfolg und Überragen,
als Macht, Prestige und Lust.
Die freilich sämtlich nur noch scheinbar tragen,
entborgen kollektivem Wirklichkeitsverlust.

                             *

Doch niemandem sei‘s vorgehalten,
wenn er auf Rausch und Eskapismus setzt;
ist es doch schwer, sich menschlich zu gestalten,
von sich, von Du und Wir und Welt gehetzt.

Zumal er das ist, was er sein ja muss;
ist er doch ausnahmslos determiniert:
Atomgefüge-Spielball bis zum Schluss,
als welcher er ein Leben lang nach sich nur giert.

Sowird man jedem wünschen, dass er’s schaffe,
sich halbwegs elendsfrei hier durchzubeißen:
Dass er zuweilen sich ein Glück erraffe,
das ihm mag Sinn und Halt ausweisen.

Leib-Ekstase/Sonett (40/9)

Man mag es drehn und wenden, wie man will:
Man kann’s nicht fassen; allenfalls es deuten:
Es bleibt verschlossen: sinnlos stumm und still;andeutend nur, man solle es vergeuden:
Es nehmen hin als Nihilismus-Drill
in allen Niederlagen, allen Freuden;
um irgendwie zu meistern all den Müll
von Phrasen, Lebenslügen, Schund-Ausbeuten.

Indes mag’s auch mal eine Stunde geben,
die bis zum Grab hin man dann nicht vergisst:
Weil sie ein Ende setzte allem Streben,
war Augenblicks-Genuss: Vollendungs-Frist.
Um leibentfesselt so in Rausch zu heben,
als sei der Gottes-Güte abgeküsst. 

Weigerung (40/10)

Ich will mich selbst nicht
nach dem Markttakt flöten.
Ich will das nicht;
auf keinen Fall.
Will auch nicht bloß
Fiktionen löten,
will keinen Anerkennungsplunder.
Schon gar nicht platte Emotionen,
so silly trash-Gefühle …
Schon gar nicht schlucken
Machtrausch-Stuss …
Will überhaupt nicht Zeitgeist-Drill:
Erleben nur noch Warenwunder,
dann: jagen nach Millionen.
Ich will nicht ständig
Zirkus-Spiele …
Ich will mich selbst: 
Wie ich sein muss.

Ohne Titel (40/11)

Was meint Geschichtsfortschritt,
was Freiheit, Wahrheit*, Toleranz?
Humanität gar, Geist, Vernunft und Güte?
Nun: Bloßer Worte Tranceverschnitt,
sich zu verhehlen, dass in der Substanz
notwendig tiefster Nihilismus wüte;
dass keiner war je, der sich nicht entglitt:
Beürfnis-, Trieb-, Verfalls-Brisanz …
Verlassenheit verglühte.

*Wahrheit: nicht rational-analytisch-mathematisch-logische ist gemeint, sondern: weltanschaulich-existenziell-ethisch-metaphysische (die man freilich für eine solche nur hält).

Sapiens-Schicksal (40/12)

Verschwand doch eine Wirklichkeit,
sodass nur blieb ein Faktenmeer;
von allen Sinnzusammenhängen leer;
als Innenweltgeleit.

Um so sich selbst dann aufzugeben,
verzweifelt hoffnungslos geworden,
sich nihilistisch zu verschweben
in allgelenkten Mammon-Horden.

Das Ende? Eher kulturell bedingt
als ökologisch, technisch oder formelhaft.
Weil ohne Wirklichkeit kein Sinn gelingt.
So Anomie und Todessehnsucht schafft.

Anm. *: Diesem Gedicht liegt die Unterscheidung von Realität (= Faktenmeer) und Wirklichkeit (meint: einen kulturellen - metaphysischen, ideellen, traditionsgewachsenen, Selbstverständlichkeiten, die zu hinterfragen niemand sich gedrängt fühlt, bietenden – Überbau) zugrunde. Und eben genau der letztere fehlt den gegenwärtigen Überflussgesellschaften; und das ist eigentliche Grund, warum sie zu zerfallen drohen; à la longue auch die nicht-demokratischen)

Gedicht 2 (40/13) 

Entfesselung, verfügt durch Marktvorgaben;
wie etwa der, sich wahllos auszuleben,
sich einzufühlen allen Illusionen,
die von sich selbst ablenken: einer Umsatzgröße …

Sich Hedonismus-Spuren einzugraben,
sich ja nichts an Berauschung zu vergeben:
sich setzen auf gebotne Wohlstands Kronen:
vollziehend konsumtive Selbst-Synthese.

Was zählte da ein unbedingter Wert,
ein innerer, mit keinem zu vergleichen*,
wenn das Diktat des Stoffs in einem gärt?

Wenn man gelockt wird von Substanz-Ekstase,
entlastend bis in tiefste Wesensschichten,
weil in ihr los ist sich als Daseinsfron:

Als Druck und Zwang gesellschaftlicher Maße,
Monade von Verlassenheits-Verzichten …
Verrauschend doch in Lust und Körper-Mohn.

*Würde - nach Kant

Mammon-Heiden (40/14)/Sonett

Ist jede Wirklichkeit doch längst verschwunden;
und mit ihr alle Selbstverständlichkeiten.
Es glimmen nur noch Nihilismus-Lunten,
Verbraucherkörper in Fiktion zu leiten.
Auf dass sie Selbstverfügungsmacht entgleiten,
in Traumwelt-Emotionen schierer Kunden,
sich als Effekt-Phantastik zu erleiden
auf immer gleichen vorgegebenen Runden.

Gesäumt von Würde-Mären, die erhöhen,
sakralisieren wollen alle Gleichen:
Die Mammon-Heiden, von sich selbst getrieben,
die sich Erfolg und Ich-Geltung erflehen,
vor allem dies: den Gipfel zu erreichen,
sich selber auszuleben nach Belieben.

Nach und für Immanuel Kant (40/15)

Wenn der Wohlstand Selbstzweck wird,
dann ist Würde ausgeschlossen.
Weil dann bloße Ichsucht girrt,
wird als Heilszustand genossen;
wird als höchstes Gut verehrt,
als Erlösungszustand und
Lustmacht, die Vernunft zerstört …
Würde raubt so allen Grund. 

Synthesis II (40/16)

In einem Sumpf von Korruption,
von Lebenslügen, Wesensfeigheit, Perfidie,
werd ich geworfen hin und her,
unfreier Teil doch dieser Selbstverfehlungs-Barbarei.

Das macht mich todessüchtig, weil ist Dauer-Fron
in wirklichkeitsvergessener Magie
als Spaßgefängnis, Selbstaufgabezwangs-Auszehr:
Als Sinnbetrug in absolutem Einerlei.

Wenn man’s begriffen hat, dann ist man isoliert;
sei’s kulturell, sei’s psychisch, sei’s sozial.
Erfährt man doch ein Niedergangs-Geschehen
verblendungsdekadenter mainstream-Arroganz.

Bis man die Kraft hat, es ganz ungerührt,
als factum brutum: Hyle-Laune ohne Wahl: Determinismus-Krake es zu sehen …
Als Zufalls-Dasein ohne Geistsubstanz.

Das Ende der Person (40/17)/Sonett

Es ist die Zeit, in der sich leis verlieren
die stillen Freuden und die Heiterkeit,
Identitäten schwinden im Geleit
von Moden, Hysterien und Allüren,
sich selbst als gleiches Weder-Noch zu küren; entscheidend ist das Äußere: Das Kleid.
Das Selbst verschwand als Trance im Show-Geleit:
Der Körper will und muss sich selbst aufführen.

Wer wäre denn noch fähig, sich zu halten
an Selbstbestände, die die seinen wären?
Wer ist nicht dauernd tief in sich gespalten
in Medien-Abklatsch und Subtil-Gewalten,
die ihn mit Trug versehen und mit Mären,
gestuft nach Illusionskraft, Schein und Schwären?

Macht und Würde (40/18)

Macht ist die Droge kleiner Seelen,
die sich auf diese Weise Inhalt schaffen:
Als Ichsuchtsog sich aus sich selbst zu stehlen
im intriganten Kreis von Affen.

Macht, das ist Drangsal, Bürde, Last;
indes d a s Mittel auch, sich zu verhehlen,
dass sie zu Nichtigkeit ist kein Kontrast,
die doch so tief kann quälen.

Indes die Würde-Exzellenz ist selten*;
und sie allein macht zur Person*:
Zum Nicht-Ding; so allein kann gelten
als autonomer Selbstverfügungs-Lohn.
Ist doch die Würde Geistesmacht*,
die einen lässt sich selber* transzendieren
als Teil von dieser Sinnenwesen-Schlacht,
die freilich alle wir zuletzt verlieren.

*Anm.: Als überzeugter Inkompatibilist (der die Meinung vertritt, die Vorstellung der Freiheit des menschlichen Willens sei unhaltbar: sei unvereinbar mit dem alles beherrschenden natürlichen Determinismus) scheine ich mir zu widersprechen, wenn ich in dem obigen Gedicht die mit einem * versehenen Gedanken ausspreche. So etwa, dass die Würde Geistesmacht sei, die einen zur Person mache, befähige, sich einen selbst als Sinnenwesen zu transzendieren. Der Grund? Ich würde mir sehnlichst wünschen (von diesem Wunsch sind die Zeilen des Gedichts inspiriert), es gäbe eine Vereinbarkeit von Willensfreiheit und Determinismus … obwohl ich weiß, dass das eine völlige Illusion ist.

Realitätszersetzung (40/19)/Sonett

Wenn ich es distanziert und kalt betrachte,
auch von Beschönigungen Abstand nehme,
dann spüre ich die intellektuell bequeme,
durch technische Magie zumal entfachte Realitätszersetzung in verflachte,
Enthemmung hechelnde Gefühlsextreme -
Ein Kernzwang nihilistischer Systeme:
Dass man, vereinzelt, das System anschmachte.

Das ist das Schicksal von uns Zeitgenossen:
Dass psychisch wir, verkommen, sind frigide
und, leeren Sollens-Hülsen ausgeflossen,
dasselbe wollen ohne Unterschiede …
Uns zu verwandeln, Stumpfsinn eingeschlossen,
zu Reizverwertern ohne Selbstwertblüte.

Todessehnsucht II (40/20)

Dass die mich heimsucht
immer öfter,
das kann und will ich
gar nicht leugnen.
Noch kann’s mich wundern,
weil ich weiß,
in welcher Welt ich lebe,
wie, mit wem.
Da tobt ein aggressiver Klüngel,
ein seelenlos-banaler Haufen
von Ich-Maroden,
die, korrupt und schäbig,
von sich verlassen und
verwahrlosungserpicht,
sind schundfrigide, würdelos,
sind, glücklos dorrend,
aus sich selbst verstoßen,
narzisstisch hilflos
nur noch Scheinbelang.

Indes auch völlig schuldlos: 
Ausgeliefert Ratio-Zwang.
Und dessen Deklassierungs-Losen.
Die alle ihrer selbst benehmen:
Die Kleinen wie die Großen.
Und manche süchtig machen
nach den stummen Krumen,
wo keinen Stich mehr machen
jene Schemen,
sich dürfen Nichts: 
Erlösungs-Stille anbequemen.

In schnöder Welt anom sich selbst abhanden (40/21)

Man kann sich in sich selber nicht mehr bergen.
Weil man sich längst abhanden kam.
Wer müsste denn auch psychisch nicht verzwergen, 
doch ständig ausgesetzt Gesellschafts-Kram:
Reklame- und Parteien-Lügen,
den Zeitgeist-Propaganda-Tücken,
Hört auch von vielen krummen Machenschaften,
besonders solchen ohne Scham …
Gesindel oben, willig zu betrügen,
dann auszunutzen auch Gesetzeslücken.
So wie’s die Parasiten unten machen
- inzwischen mehr denn je -
die über Anstand, über alles lachen,

doch Schutz genießend durch die Würde-Fee.
Und dann ist man noch täglich konfrontiert
mit allerlei globalem Gram:
Mit Kriegen und Gewaltverbrechen,
mit Ausrottung und Fanatismus-Hass,
Narzissmus-Stumpfsinn, der sich inszeniert
als smarter Alleskönner, klug und weise,
als großer Sieger, allergrößtes As …
Tatsächlich ein Stück Hyle-Scheiße.
Wie diese ganze, so verkorkste Welt:
Man kann da nur noch seinen Vorteil jagen,
indem man sich an Spaßbetäubung hält,
an Coolness und Charakterlosigkeit als Zelt,
um in Verkümmerung dann (Seelentod),
in Selbstverlust und Gierknechtschaft sich einzugraben.

Dann … Am Ende (40/22)

Und wenn’s dann so weit ist,
werd ich -
falls geistig überhaupt noch wach -
werd jammern ich,
werd winseln gar;
verraten alles,
was ich je gewann
an Einsicht, Geisteszucht
und Seelenstärke.
Weil ich nicht werde
sterben wollen können,
weil mich dies Leben,
höhnisch radikal,
wird biologisch
an sich selber fesseln.

Obwohl es,
ganz genau genommen,
nur eine Nichtigkeit,
ein Gramgefüge,
oft Fron nur ist,
so sich kaum lohnt:
In keiner Stunde,
selbst der tiefsten nicht:
Von Eros, Geist
und Leibsucht-Trance
geadelt.

Präferenz (40/23)/Sonett

Mein Gott, wie einfach er gestrickt doch ist!
Der Mensch, dem’s primär doch um sich nur geht,
der Illusionen sich und Rausch eindreht,
um zu verhehlen sich: Er ist nur Frist,
ist Ichsucht, Leibdiktat und Phrasen-List …Verfallsgefüge, das in Traum verweht:
Ein Triebdruckwesen, das sich nie gesteht,
dass es nur Selbstbetrugs-Phantasmen hisst.

Doch habe ich ihn immer vorgezogen
dem arroganten Intellektuellen,
der idealbesessen ist: verlogen.
Ein Pfaffe, sinnend ideale Wellen,
der sich verliert in Utopismus-Wogen,
die schwappen dann bis in Geheimdienst-Zellen.

Alters-Lage (40/24)/Sonett

Längst gehn die Tage ohne Inhalt hin.
Ich bin allein und weiß, so wird es bleiben,
dass ich auch Medienstuss muss hin mich geben,
mir zu ergattern etwas Abwechslung. 
Wiewohl ich weiß, dass ich Lakai nur bin,
der sich durch Show und Schund soll hintertreiben,
um nicht so schwarz zu sehen dieses Leben:
Als Selbstverdummung mittels Phrasen-Dung.

Was es tatsächlich ist schon ziemlich lange:
Politshow, Lachgasorgie, Reize-Plunder:
Ein Emotionsgewirre von der Stange.
Kurzum: ein schlichtes Unterdrückungswunder,
auf dass ich mich in Spaß-Diktat verfange:
Infantilismusneigung gebe Zunder.

Das Materiegebilde Mensch in Überflussgesellschaften (40/25)

Ein Fleischgefüge, ein Bedürfnisdrang,
ein Dauer-Hecheln nach Fiktionen ...
emotionaler Überschwang,
sich rauschbegierig zu belohnen;
sich mehr und mehr zu schönen Faktenzwänge
durch Drogen-, Sex- und Selbst-Konsum,
auf dass man selbststumm sich gelänge
als individueller Gossen-Boom.

Das alles als Moment-Erleben,
sich seiner selbst benommen, Spaßzwang zu versinken:
orgiastisch-mystisch selbst sich zu verschweben,
um sich als Seelenwüste auszutrinken.

Ein Leben (40/26)/Sonett

Es war ein eher anspruchsloses Leben,
am Rande der Gesellschaft zugebracht;
ein geistiges, nicht konsumtives Streben,
auf Einsicht und auf Einsamkeit bedacht.
Nie gab ich viel auf diese Wohlstandsschlacht,
ihr hedonistisch fremdbestimmtes Beben
in Selbstverdinglichungs- und Lust-Andacht,
Entfremdungsrausch-Magie sich zu verweben.

Indes nur so dies Dasein kann gelingen,
dem geistige Entlastungsmittel fehlen,
mit Nichtigkeitserfahrungen zu ringen,
mit Selbstverlustgefühlen sich zu quälen.
Gar bis zu dieser Ahnung vorzudringen,
dass man als Markt-Lakai kann gar nichts zählen.

Alters-Resümee/Immanuel Kant zu Ehren (40/27)

Mir war das immer ziemlich klar:
Dass ich nur eine Umsatzgröße,
an sich ein Mammonbüttel war und bin …
Und objektiv nichts weiter faktisch.

Ein Kunde, seiner selbst benommen
als Würdeträger, Zweck an sich, Person …
den man belämmert, beutet aus
als Zweckabstraktum einer Rechtsfiktion.

Was führen muss zu einer Barbarei,
pleonexieerfüllt gewissenlos,
wenngleich nicht einer kollektiven,
getrieben kriegerisch vernichtungslüstern.

                     *

Indes die Nachkriegszwänge
waren nicht danach,
subtilem Geist die Zeit zu geben,
solch Menschenwesen zu entlarven.

Man brauchte eine Zweckmoral
für einen völlig neuen Staat:
den einer Volksherrschaft
mit Tugend-Exzellenz …

Als Schein von Antibarbarei,
dass aus den Seelen schwände
das Faszinosum der Amygdala
enthemmungstiefer Mord-Magie.

Andeutungen zu meiner Haltung zu meinem 
möglicherweise untergangssüchtigen Land (40/28)/Sonett

Was sollte, könnte ich von mir denn sagen?
Dass mir nichts liegt an Massenlebenswerten?
Dass ich nicht viel auf Staatsschauspieler gebe,
sie bloß als feiges Mittelmaß empfinde?
Das keine Mittel hat, sich selbst zu tragen,
ergeht in machtstrategischen Gebärden,
versichernd, dass dies brüchige Gewebe
von Wohlstand bleibe ewig Sinn-Gebinde.

Dass ich an dieses Deutschland nicht mehr glaube,
das, kulturell entkernt, sich hingibt Phrasen;
indes nicht fähig ist, sie auszudeuten …
Ein Land, erstickend unter einer Haube
von es zermürbenden Human-Ekstasen
orientierungsloser Würde-Meuten.

kairosintuitiv* (40/29)

In einer Welt von Trance-Schikanen
und rationaler Aggressivität,
zieht man, Subjektnorm, vorgegebne Bahnen,
von Selbstverlustgelegenheiten übersät.

Bewegt sich als sich seiner selbst benommen,
sodass man selber sich nie haben kann,
substanzverfügt dann anzukommen
in einer Psychen-Leere als Verspaßungs-Bann.

Weshalb zu glauben, man sei mehr
als nur materielle Ich-Einheit,
ist nur ein Hirnspiel - gegenhehr;
weil Selbstverfall und Dauereinsamkeit.

*Kairos (καιρός): Der günstige Augenblick, die günstige Gelegenheit …den, die man erkennen und dann ergreifen muss, weil zögert man, sodass der Kairos vorübereilt, man sich damit abfinden muss, dass er als dieser nie wieder kommt

Hoffnung delirierend (40/30)

Bald werd ich all das hier
vergessen dürfen:
Entfesselungen, Niederlagen,
Illusionsgefüge …
Indes auch Einsichtsschweren:
nihilismusträchtig …
Und diese Masken-Schemen,
der sich selbst am meisten
entfremdeten Erlebnis-Iche …

Vielleicht noch fähig,
jener zu gedenken:
der Zufallsglücke mancher Nachmittage,
auch der der Abende
und Wochenenden.
Verfallen Körpersüchten,
die nie trogen …
vergessen lassend
allen Fakten-Gram.

Was ich bin II (40/31)/Sonett

Für mich steht fest: Ich bin ein Nebenbei
der Hyle, die sich selbst organisiert.
Die keinen Augenblick lang Sinn berührt,
von Geist: Subjektphantastereien frei.

Ich bin ein Wimpernschlag, ganz einerlei,
der sich in Nu als dessen Nichts verliert;
als Körper doch auch auf Vernichtung stiert;
wohl ahnend, dass der Tod Erlösung sei.

Das ist auch so; doch man verhehlt es sich:
Tut groß mit Wohlleben, Erfolg und Macht,
heraus zukehrn vor andern sich als Ich,

das sich doch ausgesetzt ist: ist sich Nacht
als deutungsloser Nihilismus-Stich
und seines Hyle-Seins Substanz-Andacht. 

Todessüchtige All-Transzendenz (40/32)

Ein später Morgen steigt herauf
aus diesem hochkomplexen Spiel
von Werdens- und Vergehens-Zwängen.
Er bringt mich näher meinem Ende,
das mich erlösen wird aus diesem Kreis
von Scheitern, Schmerzen und Verlassenheit.
Um wieder einzugehen einem Nichts,
entronnen dann sei’s Welt, sei’s Wir,
sei’s Du und Ich, dem allen hier,
das sinnlos lockt: substanzprekär;
in dionysische Verkümmerungen
als Täuscher-Schemen fremder Iche.

Substanz-Entbergungen (40/33)

Verblendung, Hybris und die Sucht,
per Sprache selbst sich auszubooten,
vor etwas angstgefangen auf der Flucht,
das sachlich intellektuell sich auszuloten
den meisten nicht gegeben ist:
Ich meine diese Markt-Misere,
die Zweck und Halt und Wert auffrisst,
auf dass man zwanghaft sich verzehre,
Fiktionen bilde, die bewahren,
erlauben, sich hier durchzulügen,
gestützt auf Lust-Exzesse, Drogen, Waren,
sich einen Daseins-Sinn zurechtzubiegen …
Das ist uns Schicksal: Eines ohne Würde:
Materie-Monaden eben Wesens-Bürde.

                        *

So muss ich manchmal Fakten deuten,
ich kann nicht ewig mich betrügen;
zumal nicht Ideal und Trance aufsitzen;
will nicht an Götter mich vergeuden,
noch Selbst-Trug mir in tote Worte ritzen.
Zu trösten mich mit Scheinwelt-Siegen.

                          *

Indes es oberflächlich dennoch halten;
denn oberflächlich ist es alle Stunden,
in denen’s gilt, sich zu gestalten
als Prototyp des freien Kunden.
Des Kunden, der es aufrecht hält
dies Dauerglitzern leerer Glücksversprechen,
bis irgendwann dann deren Farce sich hellt,
und er dann muss sich als Phantom verzechen.

In der Nacht vom 2.1.26 zwischen 2 und 3 Uhr (40/34)

Arrogant, prinzipienlos,
kaum gebildet, mittelmäßig,
schwerstnarzisstisch machtbesessen,
phrasenhörig glaswortseicht:
plump-rhetorisch rigoros,
psychoethisch dumpf und bräsig,
zu verhehlen diese Blässen:
Dass man Eignung nicht erreicht.

So in etwa all die Nieten,
die politisch streng versagen,
haben nur Geschwätz zu bieten,
weil ganz hilflos vor den Lagen.
Deutschland stur ins Abseits tragen:
All-Verwahrlosung beschieden.

Kaum indes auch zu vermeiden,
weil an Würde-Siechtum leiden,
Geistes- und Vernunft-Verlusten
Staat und Recht, die längst verkrusten,
längst zerfallen, sich entgleiten,
Fanatismus weichen mussten,
Seelendürren und Verbrechen,
die sie nunmehr sich verzechen,
weiter dann sich auszubreiten.

Indes deutsche Tugendbolde,
suchtdebil, krank, faktenfremd,
fördern so anom entrollte
Dekadenz, von nichts gedämmt.
Niedergang scheint das gewollte
Nahziel, subjektiv enthemmt:
drogenpriesterlich verbrieft gesollte
Selbstvollendung, rauschenthemmt.

Spätnachmittags-Einsicht (40/35)

Das Sterben hat doch auch etwas zu bieten:
Bewusstsein geht - Die Leidens-Daseinsgrößen
entziehen endlich sich dem Dauer-Brüten,
ob man nicht doch sie könne irgend lösen.

Kann man nicht, weil Zeit, Gesellschaft, Wesen
- Irren, Täuschen, Ich-Verluste, Selbstausbeutung auch -
uns sind in keinem Augenblick sei’s soweit auszulesen,
dass nicht sie wären nur ein blasser Schicksals-Hauch …

wären mehr als nur naive Traumweltschlieren.
Sei’s von Glücken, Freuden, gar Vollendungsweisen …
Leben heißt nun mal, sich Illusionsgefügen zu verlieren,
um diese dann als höchste Güter sich zu preisen  

Verdinglichungsbegrenzungszwang (40/36)

Was hätte ich denn sonst
berühren sollen?
Da war doch gar nichts da!
Nur dieser Leib allein -
Und den, den hab ich 
wollen müssen:
Als All-Bedarf und Fleisch-Manna.

Auch mich von meiner
Selbstlast zu befreien:
Von jener Einsichtschwere
in jenes Leibes Seufzerreihen,
zu schöpfen Lethe-Trance:
Bewusstseins-Kehre.

Doch dauern konnte
diese Rettung nicht.
Ist Eros doch schon lange tot:
Den Seelen fehlt sein Geistgewicht.
Was Körpern nimmt
dann jenes Gottes-Lot.

Zustandsbeschreibung (40/37)

Werd physisch schwach und immer schwächer,
entsprechend psychisch antriebsloser;
und so denn müder auch, hier auszuharren
in diesem Käfig ich-prekärer Lebenslügen.

Indes: Wofür auch? Nun, bedenk ich’s recht,
so muss ich sagen, es ist würdelos,
ist eine Affen-Farce als Wert-Misere,
ist faktisch eine Mammon-Sause

begrifflos Trunkner von sich selbst;
ein glücklos-märchenhaftes Kultgehabe
sich selbst entfremdeter Gehirn-Monaden,
die, geistig hilflos, sich in Phrasen betten.

Tyche-Lieblin (40/38)

Hab immerhin von früh an schon gewusst
von meiner eignen absoluten Nichtigkeit;
zumal das Glück gehabt, zu vegetieren hin
in Einsamkeit, Verachtung, Dauerspott.
Das hat mich selbstsiech anspruchslos gemacht,
verfeinert faktensüchtig: leerformelimmun …
Hat schmerzlich-seelenkalt mich dies gelehrt:
Was Artgenossen sind, sein müssen:
Unschuldig Welt prekär verfügte Tiere,
Neuronen-Büttel eines Existenz-Alptraums,
den niemand jemals zu bestehen fähig ist
als kantische Person: als Zweck an sich.

Andeutungen über das Schreiben von Gedichten (40/39)

Monomanes Produzieren
geistgetränkter Nichtigkeiten,
um nicht ziellos hinzufrieren
haltlos ichprekärem Gleiten
in neurotisch-leeren Zwängen 
dieser kranken Reizgesellschaft,
tief verlognen Tugendfängen
kultureller Phrasenhaft …
Komödiantisch primitiv:
Hysterie und Lustzwang-Kerben
des Verbrauchers, der längst lief
aus dem Ruder ins Verderben.

Lob der Massen als Daseins-Helfer (40/40)

Menschen fühlen elitär.
Sie wollen stets Besondres sein.
Rennen allem hinterher,
wenn’s nur frommt dem Ichkult-Schein.
Sei es noch so kindsnaiv,
wenn es nur in etwas Glanz
und im Jubelkollektiv
bietet einem Ruhmpopanz.
Kriechen durch Entlastungsstollen,
kriechen durch Erbärmlichkeit.
Was auch immer sonst sie wollen,
immer fliehn sie Einsichtsleid.
Kleben an Erlebnisjoch,
infantiler Fun-Frequenz.

Gott sei Dank. Zum Glück mir doch.
Hält’s doch meine Existenz.
Macht so weiter! Mir zuliebe.
Darf ich doch mich dann verstecken,
fischen nur in meiner Trübe,
nur in meinem Sein verdrecken.
Euch verdanke ich so viel.
Auch die Kraft, für mich zu sein.
Zu bestehen dieses Spiel
ohne Selbstbetrug und Pein.
Glück ist nämlich das, nur das:
Sich nicht buchstabieren müssen
Faktenflimmern ohne Was,
ein korruptes Selbst zu küssen.

Aristoteles: „ἡ εὐδαιμονία τῶν αὐταρκῶν ἔστι“. 
In der Tat. Ü: „Das Glück gehört denen, die sich selbst genügen.“

Erwiderung (40/41)

Sie sind so negativ, 
so unzufrieden,
Wahrscheinlich 
sind Sie 
psychisch krank,
bedürfen 
einer Therapie! …

Ich glaube nicht,
ich bin nur geistaktiv,
d. h. ich sehe 
alle unsre Nieten;
und weiß um unsern
Zauber-Trank:
Sich selbst ausschlürfen,
diese Lotterie,
sich zu belügen,
sie sei Schicht für Schicht
das höchste Gut,
das uns beschieden,
sei Daseinsglut,
der Gott einsank.

Außenseiter (40/42)/Sonett

Versuchte zu erfassen das, was ist,
nicht mich zu trösten mit was sollte sein.
Und das Ergebnis, wenn korrekt man’s misst?
Pleonexie-Rausch, Barbarei und Schein.

Wohl auch ein Grund, warum ich stets allein,
ein Außenseiter war, der freilich pisst
auf Wohlstands-Gängigkeiten, weil er kein
Gewinner sein will, der sich selbst abküsst.

Ich weiß es wohl, sie können nie ertragen
die Wahrheit objektiv-prekärer Lagen,
die Menschen, die sich Illusionen dichten,
weil harte Fakten sie zugrunde richten.
Wiewohl auch Wohlstand geistig muss zerschlagen:
Uns lösen auf die personalen Schichten.

Außenseiter-Konzessionen (40/43)/Sonett

Ich sähe alles viel zu negativ,
nur Niedergang, doch etwas Gutes kaum;
und leugnete, dass diese Welt ein Traum,
das Beste sei als Wohlstandskollektiv.
Das doch mitnichten aus dem Ruder lief,
Erfolge biete und für alle Raum,
die Zukunft zu gestalten als den Baum,
von dem dann alle pflückten. Hoffnungstief.

Indes ich will auch niemandem zerstören,
sein Trostgefüge schöner Lebenslügen;
ihn gar ermutigen, darauf zu schwören,
dass gut daran er tut, sich zu betrügen …
Denn lässt man sich von Faktenmacht betören,
kann man sich Scheinphantastik und mehr fügen.

Vollendungsfetzen (40/44)

Im Türrahmen sitzt die Felidin*,
eine rätselhafte Aura wachen Gleichmuts verbreitend.
Zuweilen kneift sie,
scheinbar schläfrig,
ein wenig die Augen zusammen.
Manchmal zu mir her,
manchmal,
so scheint es,
durch mich hindurch spähend.
Während ihre hochleistungsfähigen Ohren
sich ungezielt in den Raum trichtern.

Auch die Bücher in den dunkelbraunen Holzregalen
lassen mich gleichgültig.
Interesselos gleitet mein Blick über sie hin.
Warum auch sollten sie mein Interesse wecken?
Hält mich doch jenes
mir so eigentümliche Grundgefühl
universaler Sinnlosigkeit gefangen,
das nicht quält,
das nur lähmt,
das keine Trauer macht,
indes mich auf seltsame Weise mit der Welt
und mir selbst versöhnt:
Reiner Indolenz versunken.

Scheinbar triebfrei ergibt sich auch
der Körper einer in der Wärme des Zimmers 
nur sich selbst erstrebenden Müdigkeit.
Froh und erleichtert bin ich nunmehr,
seiner lastenden Bedürftigkeit und Hinfälligkeit
für ein Weilchen entkommen zu sein.

Auch die geistigen Anwandlungen
durchschauen sich
als bloße Phantasiegebilde
metaphysisch geschaffener Phantastik;
seien sie nun
ethischer,
existenzieller
oder kultureller Art.
Eine Einsicht,
die mich wegzerrt
in das träge Anfühlen
einer ausweglosen Vergeblichkeit.

Was für ein großer Augenblick,
der sich hier verschwendet!
Das Schweigen
aller Sinngebungsverlockungen,
Normierungszwänge
und Bedeutungsbezüge.
Der Geist entlarvt
als Schaffensinstanz sprachfiktionaler Inhalte:
Drangsal.
Gleich darin
jener kommandierenden Leiblichkeit,
hier und jetzt
schläfriger Selbstaufgabe überlassen,
frei von Sehnsucht,
Begehren und verdrängten Verfallsbezeigungen.

Allentlastendes Ich-Zerfließen
in leerer Zeit:
Bewusstseinsstill,
selbstmystisch
mir traumnah entronnen.
Der Felidin, so scheint’s,
darin so tief verwandt.

*Feliden: Katzenartige

Enthüllungen und Unbegreiflichkeiten (40/45)

Ich wollte nie dazugehören.
Zumal verhaftet den Affekten
der Nachkriegsunterschicht der BRD:
Ein Kenner der Proletenseele.

Ich wollte nie ein Teil sein jenes Klerus,
der pseudolinke Phrasen raunte,
indem er vor sich selbst sich niederwarf:
Club intellektueller Sollensdeuter.

Ich wollte nie gemein mich machen
mit einer Politik als Showgeschäft,
wie’s jene Tugend-Weisen der Parteien
so apolitisch impotent nun äffen.

Ich habe nie verstanden jene Macher,
die sich banalnarzisstisch ruinieren,
sich pathologisch ihrer Lenkungsmacht,
weil selbst nur Durchschnitt, doch begeben.

Wer bringt herab schon seine Privilegien,
wenn’s doch nur heute gälte, Gier zu zügeln,
damit man morgen ihr noch frönen könne?
Das frag ich mich. Indes vergeblich doch.

Ich hab mich eingerichtet an den Rändern,
ein Nischenvirtuose, mir allein genug;
und anspruchslos, weil nicht so dumm,
an konsumtives Glück zu glauben.

Behelfsverhalten ist es. Nun ich weiß es doch.
Tatsächlich ist man Gleichungsbüttel,
muss Artefakten-Paradies sich fügen
und technologischer Entmündigung.

Indes ich werd es wohl noch schaffen,
bevor mich jene Stumpfsinnmächte
endgültig ihrem Ramschdiktat verfügen …
ins Grab zu sinken, in Erlösungsnichts.

Deutschland/Meinem so ambivalenten und 
selbstschädigungslüstern Tugend ergebenem Land
(40/46)

Was soll ich wünschen einem Land,
kulturell banalisiert,
einem Land der Konstrukteure
subjektiver Wirklichkeiten?

Geistig Arme zweiter Hand,
radikal egalisiert.
Ohne Würde, ohne Ehre,
so sich selber müssen meiden?

Zwangsneurotisch hochsensibel
gegenüber bloßen Worten,
deutend eine Ethik-Fibel,
prägend nach Phantasmen-Sorten.

                     

Land du der Beliebigkeiten,
lügend dir in jede Tasche,
um dir so nicht zu entgleiten …
Eine Kindermasche.

Tolerant auch gegenüber
a priori immer Guten:
Ob Gesindel, Luden, Schieber …
Deine Güte wird sie fluten.

War indes schon immer so.
Kannst dich selbst doch nur ertragen,
gierend nach Phantasmen-Zoo.
Letztlich um dich selbst zu jagen.

*

Einheit nur als Wohlstandsklause,
in den letzten 70 Jahren.
Glück zerstörende Narzissten-Sause:
pseudofrei sich zu gebaren.

Losgelöst von Leistung, Pflicht,
Disziplin und Faktenzwängen,
strebst du nun nach dieser Sicht:
Niemals mehr dich einzuengen.

Wozu Arbeit? Anstrengungen?
Lieber Asozialität.
Ist sich doch grad der gelungen,
dem ein Amt Respekt hinsät.

*

Nun, du wirst es nie verstehen:
Ist doch deine Zeit vorbei.
Wirst, Partei-Lakai, dich drehen
Drachen-Polizei.

Die dir, von KI gestützt,
sagen wird: Tu das, lass das.
Weil es, glaub’s uns, dir doch nützt:
Beug dich uns globalem As.

Dekadent, wie du es bist:
hilflos psychisch doch verfallen,
masochistisch tugendtriste
bist du Opfer eigner Krallen.

*

Falls sie aber andres zeigen,
diese Tyche-Würfel da,
wünsche ich dir, dich zu neigen
vor dir selbst, dir selbst nur nah.

Um dann von dir weg zu drängen
all die hehren Illusionen,
die an Wirklichkeitsverluste hängen,
so sich selber klonen.

Mag ja sein, du kannst bewahren
vor dir selbst dich unbedingt:
Deinem rätselhaft so wenig klaren
Selbsthassdrang-Instinkt

Kurze Wiederbegegnung mit Kant
und Schopenhauer (40/47)

Aus dem Nichts gekommen,
werd ich zu diesem auch wieder vergehen.
Ich: Doch nur Konstrukt der Hyle.
Unfähig, mich zur Person zu machen,
zur Nicht-Sache, also: Zum Zweck-an-sich:
Noumenon* und Würdetraum.

Ein Drang gewiss, auch ziellos dumpf.
Sei es sozial, sei’s sexuell.
Ein Ablaufknecht am Gängelband
von neuronal geschaffnen Zufallslagen.

Ein Leib, der sich erfährt als Wille,
der sinnlos sich Gestalten schafft,
der tobt durch Gier und deren Fülle,
bis sie verfallen ohne Daseinskraft.

Und doch auch mächtig, sich zu sein:
Gedichte schreibend kommandieren
die Große Leere hin zu Sinn und Rausch.
Mich selbst so, weltverlassen, dann zu ehren.

*Noumenon: Bei Platon: Das mit dem Geiste zu Erkennende im Gegensatz zu dem, was man mit den Augen erfasst. Bei Kant: Noumena = die gedachten Gegenstände möglicher Erfahrung (Wörterbuch der philosophische Begriffe, Meiner-Verlag 500, S. 462); hier: Würdeträger

Politepiphanie* (40/48)

Ein Kreisklassen-Messias
stand ihnen auf,
ein Mr. 100%,
ein Leerformelheiland,
ein Massenseelenflüsterer.
Zumal gerade als ehemaliger
Alkoholiker und Schulabbrecher
versehen mit ergreifender
Redner-Weihe.

Ikone deutschen Mittelmaßes,
politisch infantil
naiv und ungebildet,
gefühlsergriffen und
Begriff entfremdet
auf Parataxen,
Tränenworte angewiesen:
geistarmen
Dauerethisierens
Pfaffenrabulistik.

Den eignen Idealen
nicht gewachsen,
ergeht sich Funktionärskalkül
in weiterer Zerstörung dessen,
was mal gedacht war
für die kleinen Leute:
als letztlich aufgeklärte
Volksherrschaft,
Dogmatik sich verlierend
kratisch Impotenter.

*Epiphanie: Erscheinung einer Gottheit

Selbstentlarvung IV (40/49)

An dieser Wohlstands-Religion hab ich vorbei gelebt.
Soweit es eben ging.
Nach Selbstverrandung habe ich gestrebt,
um nicht zu werden mir zum Ding:
Zur Unperson*, heißt: hedonistisch flach,
ein Zeitgeistdeklassierter dann vor Ratio-Minen.
Und das heißt: viel zu einsichtsschwach ...
Mir selbst als Lebenslügensammler so zu dienen.

Ich habe mich aus vielem rausgedrängt,
in Einsamkeit gezwungen.
Und die, die hat mich psychisch umgelenkt:
Ich bin in ihr zu mir als Zeitgeistbüttel durchgedrungen.

Jedoch zu manchen Grundeinsichten auch.
So etwa der, dass wir uns selber ausgeliefert sind;
dass uns vonnöten ist der Illusionen Hauch,
doch bis zum Ende viel zu oft ein Kind.

Weshalb ich unbedingt verzichte
auf alle Weltverbesserungen,
wie sie die Intellektuellen aus sich malen.
Fakt ist:
Wir machen niemals selbst doch unsere Geschichte,
sind, Ideal verwoben, Scheitern stets gedungen ...
Müssen für Hybris und Verblendung
höchste Preise zahlen:
Sei's den der Barbarei, sei's den der Seelenqualen,
sei's den der Allbefreiung in der Erde Schatten-Dichte.

*Nach Kant ist eine Person ein moralisches Selbst, welches niemals Sache: Ware, Ding, Geldwert-Äquivalent usw., also käuflich sein kann, sondern: sich selbst - durch Selbstbestimmung gemäß dem kategorischen Imperativ: nur die Maxime (= subjektiver Handlungsgrundsatz) zu wählen/gewählt zu haben, die als allgemeines Gesetz (für alle annehmbarer Handlungsgrundsatz) würde gelten können, da widerspruchsfrei verallgemeinerbar - als Würdeträger qualifiziert hat, d. h. Nicht-Sinnenwesen; "Sinnenwesen" heute meint: gelernter Verbraucher zu sein: Pleonexie (Ich-, Hab-, Macht- und Genuss-Sucht) verfallener, narzisstisch-rechenhafter Selbstsucht-Büttel, der er aber - aus heutiger Sicht einer erstrebenswerten Existenz - sein muss, um den materiellen Wohlstand der Gesellschaft durch sein Verhalten und Handeln wenigstens mit aufrecht zu erhalten, besser noch: zu mehren. Der heutige, materialistisch-eudämonistisch-hedonistisch getriebene Erlebnissammler wäre nach Kant keine Person: Das Sinnenwesen ist für ihn ethisch "impotent".
Das ist heute ein Grundproblem: Wir müssen als Gesellschaft den materiellen Wohlstand und die mit ihm einhergehenden Daseinsvollzüge und 
-ausrichtungen, die ihn doch erst ermöglichen, unbedingt erhalten, denn: Sänke er substantiell ab, wäre das wohl auch - zumindest längerfristig - das Ende von Demokratie und Rechtsstaat. Indes ruiniert derselbe Wohlstand unweigerlich die psychoethisch-geistigen Kräfte der Individuen: diese werden durch ihn z. B. - tendenziell zumindest und dann schleichend immer mehr und radikaler - eben Pleonexie-Knechte: ichschwach, verwahrlosungsanfällig, entfesselungsdebil, belämmerungsnarzisstisch, charakterlich unfest, selbstsüchtig, asozial, desorientiert, kulturell hilflos usw. usw.

Feststellung (40/50)

Und was für ein banales Leben:
Prozente, Quanten, Derivate …
Ein inszeniertes Kleben
an Haben- und an Geltungs-Rate.
An Lust und Nutzen für Banditen
und sich verplanende Monaden,
die, ohne Stolz und ohne Mitten,
erbetteln positive Daten:
Der Markt wird Sinn-Sog allgemein.
Als Glaube an die Gosse,
will Hüter und Erlöser sein
für geistig deklassierte Trosse.

Das zu sich selbst verdammte X (40/51)

Als Kaufkraftquantum,
bestimmt zu Einsamkeit und Selbstkonsum,
weiß ich schon lange mich als Mittel
(Objekt, Ding, Sache usw.)
des Eigentümer-, Manager- und Investoren-Kapitals,
das sich als freier Würdeträger selbst verdummen darf,
von Toleranz, Vernunft und Menschenrechten schwafelnd.

Doch mache ich als Deutscher mir da keine Illusionen,
gewöhnt an dogmenpenetrante Artgenossende
- oder so: Artgenoss(en)*innen? -
die, offensichtlich von sich selber auserwählt,
die Weltgeistbotschaft permanent vernehmen,
von dem, was gut sei, schön und wahr …
Gesellschaftsparadiese hehrsten Menschentums
zu errichten.

Indes ich, ekelhafter, alter weiser Mann,
zynismusgierig, radikal und roh,
als eingefleischt faschistoider Vorurteilsverbreiter
und Rassist,
doch wieder nur 
- da bin ich mit mir selbst geschlagen -
totalitäre Barbarei, Verteilungskämpfe und
entfesselnde Vernichtungsmystik nur erahnen kann …
Das, was wir sind: ein X,
per se nie mächtig seiner.

Das Ende der Konsumdiktaturen? (40/52)

Wie’s aussieht,
steuern die Konsumdiktaturen auf ihr Ende zu.
Wahrscheinlich noch dieses Jahrhundert.
Forciert zumal durch Klimawandel,
Naturzerstörung,
Ressourcenmangel und Artensterben.
Lebte ich dann noch,
weinte ich ihnen keine Träne nach.
Mir freilich im Klaren darüber,
dass dann global Barbarei,
Bestialität,
Grausamkeit,
Hass und Hilflosigkeit an der Tagesordnung sein könnten.
Auch,
weil jene längst alle inneren Halte
radikal zerstört haben werden:
Metaphysische,
ethische,
politische,
kulturelle,
geistige usw.
Was werden sie denn auch gewesen sein?
Mammon-Oligarchien von Psychopathen,
Dunkelpersonen und ihren staatlichen Helfershelfern
(demokratischen wie despotischen).

Allerdings muss ich auch eingestehen,
dass wir all das gar nicht
würden verhindert haben können:
Lebenslang Drangsalbeherrschte,
Seelenkrüppel und Gewissenslaue,
Evolutionsknechte,
sich selbst notwendig ausgeliefert.
Unabänderlich.
Das wird bis zuletzt das Schicksal 
dieser atomaren Stoffpuppen gewesen sein,
die wir doch sind:
Hochintelligente Diener
unserer kommandierenden Kreatürlichkeit.

Nach ca. 25 Jahren. Immer noch 
sinnsuchtmächtigfakteneffizient/Für Homo sapiens bambergensis (40/53)

Dein Bild hab ich mir angesehen.
Warum,
das weiß ich nicht.
Wahrscheinlich Sehnsucht zu vergehen,
erinnernd dieses Staubgedicht:
Dein Körperding,
dem giersiech nach ich weine …
Des Stoffzufalles Perfektion.
Die unvergessene,
die deine:
Erlösung, Lust und Mohn.
Für immer mir nunmehr versunken.
Sie wird mir niemals wieder doch gehören …
Gern hätte ich sie
noch mal ausgetrunken,
befreit von meinen Seelentrümmern,
von Geist und Einsichtsdiktatur.
Ihr stundenselig aufzuschimmern:
Vergessend Altern,
Sinnverlust und Uhr.

Prosafetzen (184) - Frage (40/54)

Wie soll ich mich noch selber
ernst denn nehmen,
wenn ich mein Leben nicht mehr habe
in der eignen Hand.
Bin ausgesetzt
Verwahrlosungs-Appellen,
dann Surrogaten
einer Pseudo-Wirklichkeit,
gar Traumwelt-Drogen
digitaler Bilder-Kirmes …
der anonymen Sucht,
sich selber aufzugeben …
an Hedonismus-Wogen
geistig zu zerschellen?

Meine Zeilen (40/55)

Ich muss mich jetzt wirklich ein wenig beeilen.
Es schwindet mir nämlich die Geisteskraft.
Ich will sie doch lesen noch mal, meine Zeilen,
bevor mich der Tod in die Erde rafft.
Um dort als Staub zu verweilen.
Indes die Zeilen im Feuer dann knistern.
Vielleicht auch durch einen Schredder laufen.
Und niemand wird sein, sie nachzuflüstern,
das Wesen der Zeit ihnen abzuraufen.

Die Große Gereiztheit III (40/56)

Das ganze Land brach infrastrukturell zusammen.
Man hat das scheinbar einfach ignoriert,
hat‘s schleifen lassen: Aus Selbstarmuts-:
Gesinnungs-Gründen auch …
An deutscher Tugend-Hybris ausgerichtet,
Gewissensnot mal wieder angedichtet …
Wiewohl man solch Gewissen gar nicht hat …
Ein Power-Frauen-Idiotismus-Strauch
massivster Dummheit streng verpflichtet …
Ein Staatsversagen, beispiellos,
ein psychoprimitives Unvermögen:
neurotisch ichversehrt gesinnungsarrogant …
Und aller Macht-Begabung kläglich bloß.

Das Märchen von der Selbstbestimmungsmacht (40/57)

Als ob man sicher über sich verfügte,
sich zuverlässig selbstfest hätte …
auch ganz klar wüsste, wer und was man ist …
Als ob nicht schon ein offnes Wort genügte,
nur ein Ereignis in der Kette,
zu offenbaren einem Trug und List:
All diese Lügen, die man sich so wob,
sich durchzumogeln durch dies Leben,
auch zu vergessen, dass es schäbig-grob,
prekär genug ist, sich zu weben
Phantasmen, Lügen, Illusionen,
sich sich* in ihnen zu vergeben,
so von sich selbst sich zu verschonen.

Muss jeder auch sich selbst erstreben,
er wird zugleich geschoben,
in Perspektiven sich zu kleben,
vor seinesgleichen dann sich auszuloben;
sozial verstrickt
sich doppelt unfrei zu verschweben.

„sich sich“ (Zeilen 11 und 12) sich sich sein Sosein, sich sich die eigene (einem selbst unverfügte) Personalität vergeben. Man vergibt sich sich selbst (der und der zu sein); er hat sich sich: diese Person zu sein (nicht: er hat e s sich vergeben; denn dann wird nur das Fehlverhalten vergeben, nicht das personale Sosein seiner, etwa, wenn man sagt; Ich habe es mir nie vergeben, mich wissentlich, um eines pekuniären Vorteils willen, verstellt, verraten, verkauft usw., mich also herabgewürdigt zu haben.

Entlastungsillusionen (40/58)

Entschieden habe ich mein Leben nicht.
Das zu behaupten, wäre unverfroren.
Bin ich doch durch und durch mir Sein und Sicht,
zufällig irgend Umstand ausgegoren.
Noch einmal: Es ist schlicht Fiktion,
sich als Person und frei zu denken.
Doch wen berührt, wen schert das schon,
wenn alle sich mit Illusionen tränken?

Vollendeter Nihilismus (40/59)

Gebrauche ich
den Ausdruck ‚Nihilismus',
dann um einen Sachverhalt,
nicht um eine allumfassende
Orientierungs-, Sinn- und Zwecklosigkeit,
nicht um die Unmöglichkeit
eines wie immer ersehnten Göttlichen,
nicht um eine zerbrochene Innerlichkeit,
nicht um Schwermut,
Ich-Last, Selbstzerfall
und existenzielle Mittellosigkeit
zu bezeichnen.
Mir nämlich ist die Pracht,
Majestät, Indolenz
und spielerische Bedeutungslosigkeit
dessen, was überhaupt ist,
die unüberbietbare
Makellosigkeit und Größe
meiner eigenen,
gerade in ihrer Belanglosigkeit
so faszinierenden Existenz
ein vollendeter Nihilismus.

Monologe vor Gott und dem Universum 1: 
Später begriffene Kindheitsphantasien (40/60)

Mein Kamerad im Teilchenspiel,
soll noch die alte Regel gelten?
Du spielst die Lücke und ich frage viel
nach dir, nach mir, nach Nie und Selten.

Falls ja, dann lass uns gleich beginnen,
die Kindheitsphantasien fortzusetzen.
Zumal mir Ding und Wort zerrinnen,
weil mich die müden Jahre hetzen.

Zu dir gewiss nicht: Du bist unfassbar,
Chimäre absoluter Gegen-Hyle.
Und dennoch bleibt es ewig wahr:
Nur du allein schüfst Sinn in dieser Mühle.

Monologe vor Gott und dem Universum 2:
Rettungsversuch (40/61)

Ich entlasse dich
aus affektiver Gefangenschaft.
Ich entlaste dich
von Planungs-, Schöpfungs- und Vorsehungs-Aufgaben.
Ich entbinde dich
von jeglicher Zuständigkeit und Verantwortung
für unser Handeln.
Ich rette dich
vor der Ansicht, du seist eine Person,
der Verstand und Wille zukäme.
Ich entledige dich
aller Eigenschaften, die wir aus Unwissen und Angst
für gotttypisch halten.
Ich verneine sogar,
dass dir eine uns bekannte Existenzform zukomme.

Ich gäbe so gern dich dir zurück.
Ich befreite dich so gern von uns.
Aus tiefster Dankbarkeit.

Monologe vor Gott und dem Universum 3 (40/62)

Ich weiß nichts
von einem transzendenten Grund meiner Existenz.
Ich kann freilich auch ohne letzte Gewissheiten
ganz gut leben.
Ich bin nicht erpicht auf eine ewige Fortdauer
meiner psychophysischen Individualität.
Ich glaube nicht,
dass mir irgendeine Bedeutung zukommt,
die über die hinaus läge,
die meine brachial egoistische Kreatürlichkeit
unersättlich für sich verlangt.
Ich finde es intellektuell armselig zu glauben,
man sei im Besitz von metaphysischen Wahrheiten.
Ich verabscheue den gottestrunkenen Menschen,
der seine Nichtigkeit zu überwinden sucht,
indem er ein ihm selbst unfassbares Absolutes
halluziniert und utilitaristisch missbraucht.
Ich bin eine aus baryonischer Materie
zusammengesetzte, seelenlose, biosoziale Monade
in einer sinnlosen Welt,
die sich im Wissen um ihre vollständige Irrelevanz
augenblicksweise trotzdem bemüht,
sich auf Geist hin zu übersteigen.

Doch das gelingt mir nie.
Auch nicht im Gedicht.
Immer doch auch Hyle-Vieh
ohne transzendentes Licht.

*transzendent: die Welt übersteigend

Monologe vor Gott und dem Universum 4: 
Lob des Irrationalen (40/63)

Mit Gut und Böse hast du nichts zu schaffen.
Die Gottheit kennte beide nicht.
Das sind Fiktionen für begrenzte Affen,
die Werte brauchen: Perspektivensicht.

Um Angst zu zähmen, Selbstschutz sich zu bauen,
denn sie sind richtungslos brutal.
Sie können nicht einmal sich selber trauen
und raunen deshalb schon von Zweck und Wahl.

Die sie nicht haben, denn sie sind nicht frei.
Obwohl sie daran glauben müssen.
Existenziell ist Wahrheit aber einerlei.
Was hält, sind Illusionen, niemals Wissen.

Ichwärts (40/64)

Inseln gleich
schwimmen grauweiße Wolken
unter einem ungewohnt
blauen Januarhimmel dahin,
meine kränklichen Späten
im Schlepptau;
doch intensiver als sonst
fremdelnd
vor meiner ichwärts
grätschenden Belanglosigkeit.

Wohlstandszäume (40/65)

Ich hätte nie gedacht,
dass es einmal dazu kommen würde,
dass ich genau dann,
wenn ich den Zeitgeist würde begriffen haben,
zugleich würde einsehen müssen,
dass es unvermeidlich ist,
für mich selbst wie für uns alle,
ihn ohne Ausflüchte, Beschönigungen,
ethische oder ideologische Bedenken zu stützen.
Jedenfalls solange er nicht unmittelbar
umzuschlagen droht
in die ihm zugrunde liegende Barbarei:
Solange er von Wohlstand gebändigt und gesteuert,
jene eskapistische Sentimentalität
permanent zu reproduzieren erlaubt,
welche emotional vollständig abgerichtete Sozialmonaden
existentiell und geistig
glückssiech lethargisiert.

Geifer des Grauhaarigen (40/66)

Grauhaarig ich, ein Obsoleter.
Doch klarsichtig und feinfühlig zugleich,
muss ich mich absetzen in entschädigende Phantasie,
in einen quasi absoluten Entwirklichungsraum,
der harsch negiert diese
chronischer Verwahrlosung ausgesetzte
Kalkül-Innerlichkeit:
Heteronom ist sie, weder gut noch böse,
geistfrei, seelen- und hilflos.
Ein Kosmos von Mittelseichten,
materiell-technisch eingeludert
gleichungsgestützter Kontingenz.

 

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