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Das Märchen von der Selbstbestimmung (04/1)

Konnte je ich selbst mich wählen:
Rational und autonom?
Ich - doch nur Sozialatom,
Genom-Zufall und Selbst-Verfehlen?

Muss ich mir nicht dies gestehen,
dass ich ausgeliefert bin
mir selbst doch schon als Trieb-Geschehen:
Welt verfügt als Markt-Gewinn?

Dass ich anerkennen muss,
mich, mich leiten Lebenslügen,
Gesellschaftszwang, Sozialverdruss,
psychisch mich zurecht zu biegen.

Niemand kann sich selbst bestimmen,
braucht indes als Illusion,
dass er frei sich würde krümmen
anonymer Daseins-Fron.

Alter (04/2)

Die Arzttermine häufen sich.
Warum, nun ja, ist völlig klar:
Verfall. Sei’s seelisch, körperlich;
verstärkend sich von Jahr zu Jahr.
Das ist nun mal der Lauf der Dinge:
Entkommen kann dem keiner.
Zu sein, dass meint ja, dass man ringe
mit diesem stillen All-Verneiner:
Tod genannt. Der auch erlöst,
ist man irgend antriebsleer;
einen in die Grab-Hut stößt,
nehmend fort dies Trauer-Meer.

Existentielle Perspektiven, Wirren und Tatsachen (04/3)

Kann mich wirklich nicht beklagen.
Nichts doch könnte besser sein:
Hab ich doch an allen Tagen
Überfluss an Spaß und Wein.

Habe teil an Volksherrschaft,
Freiheit, liberalem Recht
an der Würde Prägekraft ...
Kurz: Mit geht's nicht schlecht.

Weiß indes, dass schwach ich bin:
allbedürftig, triebgefangen.
Weiß auch um die Mär von Sinn;
dass mich heimlich die belangen:

Zeit, Verfall und Psychen-Räuden,
Missbrauch, Macht und Lebenslügen.
Die sich mir als Hilfen deuten,
um mich zu auch betrügen.

Freilich sei es auch betont,
dass es so sein muss:
Weil dem Leben innewohnt
Wahnbegehren bis zum Schluss.

Weil es, hat man's erst begriffen,
sich als Kindertraum erweist,
faktisch Scheitern ist verschliffen,
um Verrat und Raffgier kreist.

Allverlassenes Dasein (04/4)

Welt ist kaum noch klar zu greifen;
zu komplex und zu abstrakt.
Kollektiver Großhirn-Takt,
uns Geborgenheit zu schleifen:
metaphysisches Gewicht.
Kann doch Gott allein gewähren
Halt und Zweck: ein Sinngedicht …
flutend aus geheimen Sphären
unsre kalt gewordnen Seelen,
kalt, weil sie verdinglicht keifen:
Reize, Formeln, Mengen, Zahlen …
trüben ein Abstrakt-Gefügen,
brechend alle Geistesschalen,
spaßdebil sich zu versehren,
letztlich selbst sich zu bekriegen.

Redliches Leben (04/5)

Es besteht aus Selbstabstand,
aus Erkennen und Verzichten.
Geisteskräften und Verstand,
fähig, selbst sich zu entlarven:
Auszudeuten sich dies Rennen,
es sich, wie es ist, zu lichten:
Dass es leiten keine Harfen,
oft Gewalt, die man muss nennen:
Barbarei in Wahn-Gewand.
Diese Fakten muss man kennen,
wissen, dass sie uns gewichten,
wesenstypisch sind, so warfen
in was wir nicht können richten.

Begründete Daseinsfremdheit (04/6)

Was denn ist mit der gemeint?
Nun z. B. Artgenossen,
machtgetrieben einem Feind,
täuschend-lügnerisch verschlossen,
oft getrieben auch von Neid …
Zufall auch, den man beweint,
weil er Schmerz und Wirren sät,
macht sich in der Seele breit,
manchmal lange früh bis spät.
Ausgesetztheit überhaupt;
sich, den andern, Wir und Welt …
dass an Glück man doch nur glaubt,
weil es uns dies Dasein raubt
mittels Lügen, Ichsucht, Geld.

Ob man überwinden sie,
könne manchmal gar umgehen?
Nun, sie ist ein zähes Wie,
allerdings kein Zwangsgeschehen.
Folglich kann sie Glück zulassen;
großes, tiefes gar zuweilen.
Aber dieses scharf zu sehen,
ist den meisten nicht gegeben,
weil sie’s könnten gar nicht fassen,
weil sie selbst sich Misstraun säen,
weil sie’s könnten gar nicht teilen,
weil sie nur sich selbst anstreben …
so denn den Kairos* verpassen,
sinnlos so ihr Sein verprassen,
weil kein Glück sie darf ereilen.

*Kairos griech: der rechte Augenblick,
in dem es etwas zu ergreifen gilt; tut's man nicht, 
kommt nie mehr eine zweite Gelegenheit.

Erklärung (04/7)

Ob wer läse die Gedichte,
fasste auch als trauerschlichte
Zeugen einer Art*-Geschichte
hypertropher Großhirn-Zwänge,
leitend uns in Hybris-Fänge,
Gleichungs- und Verfahrens-Enge,
schicksalsdumpfe Macht-Gemenge,
Größenwahn, Gewaltgepränge…
weiß ich nicht, weiß nur, 
dass wir beugen
Zahl uns, Diesseits, Gier und Menge,
zu erleben uns als Wichte,
die als warenselig sich gemäße,
fronen der Verknechtungs-Strenge
rationaler Psychen-Dichte.

*Der Art homo sapiens

Heutiges Dasein (04/8)

Was sein Zweck sei? Da gibt’s viele:
Gott ist tot, das Diesseits alles:
Folglich ist ein Zweck-Gewühle
eines bloßen Ich-Einfalles.
Also Schein-Zweck, bin ich ehrlich,
Könnte doch nur Gott ihn schenken,
ihn mit Sinn und Halten tränken,
Seele, Geist und Sein zu lenken.

Doch wie’s abläuft, zeigt sich klarer:
Hirnzuchthaus, Verfahrenswelt,
Plus-Zins für die Trittbrettfahrer,
ihrer Selbstsucht ohne Leine,
ist’s ein Paradies für Gauner,
Trickser, Schwätzer, Werte-Rauner,
denen Lose günstig fallen,
weil sie wissen, sie zu krallen …
meistens mit Betrug und Geld.

Trotzdem spielte ich da mit,
spielte mit mein Leben lang.
Weil ich fasste anders Tritt …
Ohne großen Wohlstands-Drang,
Mir ging’s nie um Ehren-Schnitt,
nicht politischen Belang …
Darum nur, dass mich kein Zwang
hindere an Geistes-Schritt:
Toter Seelen Los zu stufen:
In Gedichte es zu kleiden:
So ein Maß hervorzurufen,
Selbststurz zu vermeiden.
Was nun also ist’s im Kern?
Ausdruck einer Gaukel-Wirre
für genormten Möchtegern,
dass sich der gewünscht verirre,
halte sich gar für den Herrn,
steuernd seinen Daseins-Stern.

Damit bin ich einverstanden,
auch weil’s manchen Vorteil bietet:
Fühlend Ecken nicht, nicht Kanten,
in sich selbst als Schein genietet.

In der Tat meint Dasein Traum
eines Schattens* eines Nichts;
den man wenn, indes nur kaum,
sieht im Werden des Gedichts.

*Eines Schattens Traum, das ist der Mensch (Pindar von Theben, Pythische Ode VIII, Vers 95f). So sehe auch ich, Sa., es.

Redliche Selbstausdeutung (04/9)

Ich mache mir keinerlei Illusionen:
Ich bin ein hilfloser Spielball
dieser von uns selbst heraufbeschworenen,
wohl nicht mehr steuerbaren Verhältnisse.
Bin ein radikal von deren Mächten abhängiger,
gesellschaftlich vereinzelter,
auf seine subjektiven Einfälle zurückgeworfener,
objektiv bedeutungsloser Ausdeuter
einer geistig toten, sinnentleerten,
substanzverdinglichten Existenz.
Dass die meisten das anders sehen,
überrascht mich nicht.
Ist sie als solche doch, faktenkonform geurteilt,
objektiv schiere Notwendigkeit,
längst darauf angewiesen, all das,
was jene Verhältnisse ausmacht,
also was uns verkleinert, unglücklich macht,
psychisch ruiniert,
vereinzelt, zu Lebenslügen
und Realitätsverweigerungen zwingt,
zu Selbstaufgabe, Selbstverrat und Eskapismus,
zu Drogenkonsum, Verdrängungen, Beschönigungen
und Selbsterniedrigungen,
mit allen uns zu Gebote stehenden Mitteln
weiter zu entfalten,
auszuweiten und zu optimieren:
Diesen Kortex-Hades kalkülklug-glücksunfähiger,
würdelos-narzisstischer Wohllebensschauspieler
geistig inhaltsloser Daseinsvollzüge.

Unausgegorene Überlegungen (04/10)

Was sollte ernsthaft ich bedeuten
den mir doch fremden andern Art- und Zeitgenossen?
Muss sich doch jeder für sich selbst vergeuden.
Zumal sich fügen allen Gossen.
Nur noch die Wohlstandsklammer hält zusammen.
Und nicht Vernunft; und nicht Kultur.
Ich nenne hier nur diese Ammen:
Geld, Habsucht und Genuss-Zufuhr.
Doch dass das gut gehn könne auf die Dauer,
das glaub ich eher nicht.
Es bröckelt längst doch schon die Große Mauer:
So hat der Staat verloren sein Gewicht.
Und Innenweltzerfall höhlt aus das Rechtsgefüge:
Entfesselt wachsen die Verwahrlosungen.
Und Kriminelle feiern Macht und Siege
mit ethischen Verlautbarungen.
Und so betrachtet, bin ich ziemlich froh,
dass viele Jahre mir nicht bleiben.
Die Zeiten werden nämlich roh,
wenn die Gesellschaft wird in Anarchiedruck treiben.
Vielleicht in einen Krieg gar aller gegen alle.
Geschieht’s, dann bricht sie durch die Barbarei.
Die fasziniert als Machtsuchtkralle:
Zu Folter, Hass und Rachsucht frei.

Zum Ende hin lauschend I (04/11)

Monotonien einer Nacht,
ins Endfeile kriechend.
In die Dunkelheit lauschend,
kann ich ahnen,
wie sie sanftkalt
mit Erlösung locken.

Geständnis I (04/12)

Die große logosblinde Daseinslotterie.
Was war sie mir von Anfang an so günstig!
Bewahrend mich vor marktverfügter Gängigkeit:
Den ständig hoch geschrienen Zeitgeistfallen.
Mir Kraft verleihend, früh mich einzusenken
in a priori folgenlose Geistesspiele.
Mich hinzugeben tiefer Einsamkeit,
Luzidität und kindlichen Phantasmen.
Verdienst war’s nicht. Es fiel mir einfach zu.
Prädestinierter Gnade ähnlich; genetischer wohl auch.
Wie sie nur Zufall eben schenken mag.
Ein Leben lang auch vor mir selbst gefeit,
auch wenn ich mal verlor, auch ausgebeutet wurde.
Mir ist zuletzt egal doch diese Welt,
die schofel ist, gemein und lustsiecharrogant
Ein Ort der Langeweile und der Surrogate …
Und hochsubtiler Dauer-Barbareien.

*Logos griech Geist, Vernunft, Sprache usw.
*a priori hier: von vornherein

Lebensunterhalt (04/13)

Ich hab mein Geld verdienen müssen
in einem winzigen Büro.
Aus Selbstsucht taktisch Schein beflissen …
Das war nun einmal so.
Nicht schmerzlich.
Doch auch nicht bedeutend -
Es ging um meinen Lebensunterhalt.
Den Arbeitgeber und mich selbst ausbeutend,
gab ich dem bisschen Trug Gestalt:
Moral und Bildung, kulturellem Stuss.
Von mir als daseinszentrisch angepriesen,
erfüllte ich, dafür bezahlt, mein Mindest-Muss
auf bürgerlichen Traumspielwiesen.
Als ob mit jenen doch vereinbar seien,
Pleonexie, Medial- und Zeitgeist-Diktatur,
des Tugendmarkts lancierte Kindereien …
Betroffenheitskonsum auch nur.
Doch, wie gesagt, mir ging’s ums Geld.
Empfänglich war ich nie für Ideale.
Von denen keines dem Begriff standhält,
der auf die Kerne zielt und nicht die Schale.
Der das, was ist, sagt's ohne Illusionen.
An Tiefen nagt und nicht Sozialschablonen.

Guter Tag I (04/14)

Ich kann mich heute nicht beklagen.
Hab ich doch reichlich Zeit und Muße.
Zumal mein Anzug zeigt nicht eine Fluse.
Wie könnten besser sein die Lagen?

Selbst andere sind leidlich auszuhalten.
So auch Routine. Sogar Telefongespräche.
Selbst wenn jetzt Hektik oder Streit ausbräche,
ich könnte friedlich sie gestalten.

Es gibt so Tage, die mit nichts bedrücken.
Man bringt Verständnis auf und bleibt gelassen.
Nimmt hin die Schwätzer wie die Blassen.
Gewinnt selbst Abstand zu den eignen Tücken.

Variante: Guter Tag II (04/15)/Sonett

Ich kann mich heute wirklich nicht beklagen.
Ich bin gut drauf und habe reichlich Muße.
Zumal mein Anzug zeigt nicht eine Fluse.
Wie könnten da noch besser sein die Lagen?
Auch mag an mir die Krittelsucht nicht nagen,
die so oft macht, dass ich auf nichts mehr fuße,
sozial zerfalle, geistig zynisch Buße
der Leere tue, mich verroht zu tragen.

Doch heute kann mich faktisch nichts bedrücken.
Selbst vor Begriffssucht bleibe ich gelassen.
Gewann gar Abstand zu den eignen Lücken,
bereit, mich selber mal im Kern zu fassen:
Dass es verwehrt mir ist, mir selbst zu glücken,
weil Sinn und Halt schon werdend mir verblassen.

Simple Wahrheiten (04/16)

Wir gehen alle um.
Das ist nun einmal so.
Und wissen alle drum.
Indes nicht wie,
nicht wann, nicht wo.
Dass Zeit und Los es ist.
Das weiß man auch.
Dass selbst Sekundenfrist
birgt in sich Scheitern.
So wie Begriffe,
die erweitern,
verweisen uns
auf des Alleinseins Hauch.
Dass man als Sollen lebt,
verschwankend Wertfiktionen.
Sich so nie selber hebt,
weil doch auf Wir verwiesen:
Mit ihm zu fronen
Machtspielmiesen.
Fremd bleibt das Du.
Ein Trugbild doch.
Das man sich
faktisch selbst entwarf:
Gefühlsgemodelt
sich als Selbstbedarf,
als einer Sehnsucht,
eines Haltes Ich.
In ihm verfehlend dann,
wie sonst, Wozu.

Eher schlecht (04/17)

Ich weiß nur zu genau,
wie’s läuft:
Es läuft meist eher schlecht:
Man protzt und rafft,
man lügt und säuft,
sucht Deckung im Gefecht,
das jeder kämpft.
Es ist verfügt.
Verfügt vom Kern,
der blind betrügt.

Resignative Verwahrlosung (04/18)

Dass diese Welt wird untergehen,
das ist mir relativ gewiss.
Indes trotzdem dann für sie einzustehen,
fehlt mir der letzte Biss.
Im Grunde ist sie mir egal.
Ich denke immer nur an mich.
Und diesbezüglich gibt es keine Wahl.
Muss man primär doch sorgen nur für sich.
Ich bin nicht schuld dran. Bin nur, was ich bin:
Und habe euch und mich verstanden:
In einem Dasein ohne Sinn,
kommt man sich sittlich leicht abhanden.

Zeitgeistmohngeschwafel (04/19)/Sonett 

Und auch an diesem Abend tiefer Stille
bin ich, dank radikaler Einsamkeit,
zufrieden, ihn für mich nur zu erleben,
befreit von aller Du-Last: Gier-Geschwafel.
Ich sage nicht, das sei mein freier Wille.
Doch ist es besser ohne Fremdgeleit,
mich meinen Einsichtsmühen hinzugeben …
statt Phrasen einer Artgenossen-Tafel.

Zumal ich war mein Leben lang für mich,
von früh auf dran gewöhnt, allein zu bleiben.
Was mir dann zur Gewohnheit ist geworden:
Mich selbst nur dann zu haben eigentlich,
wenn keine Weltanschauungsmären treiben,
ihr Deutungsmurren weicht vor Einsichts-Porten.

Das Zeitgeistunbewusste (04/20)

Was hab ich nicht schon alles mitgemacht:
Sei es Charakterlosigkeit, sei’s Selbstruin,
Verrat auch, kalte Niedertracht.
Berechnung, die als Gut erschien.
Indes gewundert hat’s mich selten.
So ist der Mensch nun mal:
Will vieles haben, alles gelten,
Pleonexie verfügt, heißt: Lust und Macht und Zahl.
So kam es, wie es kommen musste:
Ich blieb für mich. Allein.
Betrachtete das Zeitgeistunbewusste:
In dem sich’s spiegelt, jenes Knechtsdasein.

Spekulationen (04/21)

Ob es gelingen kann, sich abzufinden
mit einem Dasein ohne Sinn und Zwecke,
auf Lust und Nützlichkeit nur ausgelegt,
erregungskindisch wohlstandsknechtisch primitiv …
mit einem Dasein, fake-narzisstisch inszeniert
als Allverlassenheit, Vereinzelung und Deutungsleere?
Ich weiß es nicht,
doch könnte ich es durchaus denken mir
als eine digitale Diktatur:
KI-totalitäre Dauertyrannei …
Obgleich es wohl ganz anders kommen wird …
Als nackte Barbarei und Seelenöden-Schlächterei:
Globalkrieg aller gegen alle …
Und der dann bis zum bittren Ende:
Dem dieser doch so hochbegabten letzten Art.

Toren-Schicksal (04/22)

Ist man jeder Einsicht bar,
bleibt die Tugend nur.
Die bestimmt dann, was sei wahr,
wird Gewissensschnur:
Wehe dem, der widerspricht,
wagt es, selbst zu denken.
Den wird treffen jener Sicht,
die man darf nicht kränken.
Nun denn: Wirklichkeitsverluste
sind das Los des Toren.
Lieber knabbert der die Kruste
als den Leid-Kern anzubohren.

Adiaphora-Welt (04/23)

Dem Kollektivgebaren grenzenloser Mammongier,
den atheistischen Ergebnissen
mathematisch-experimenteller Naturwissenschaft 
und den Vereinnahmungskniffen
digitaler Hochleistungstechnologie entsprechen,
abstraktexakt,
die juristische Fiktion einer Essenzwürde
des Menschen an sich
und die Aufklärungstugenden
von Gleichheit, Toleranz und Vernünftigkeit,
die sich in einer auf Dauer gestellten Wohllebensorgie
nur subjektivistisch, das heißt:
narzisstisch-identitätsdestruktiv realisieren lassen:
Als Zeitgeistbesagungslosigkeiten im Dienste
eines massiven Wirklichkeitsverlustes.
Und das bedeutet:
Ich, als Pleonexie höriger Organismus, bin gemeint:
die aus jeder Selbstverpflichtung entlassene Umsatzpotenz:
das überbeglückte Selbstding
in seiner schrankenlosen Verbraucherfreiheit,
sich selbst
zu verkaufen,
zu verwahrlosen,
gehen zu lassen,
sich aufzugeben,
zu verraten und demoralisieren zu dürfen
als hedonistisch-irrational infantilisiertes,
hyperempfindliches Sakralisierungs-Objekt des Marktes:
Der optimierungs- und perfektionslüsterne Erlebnisbüttel,
orientierungslos entlassen in die anonyme Leere
der nihilistischen Konsumdiktaturen …
ein totalitär entmündigter Jongleur von Phrasen-
und Selbstwert-Belanglosigkeiten,
geistig und sittlich entmächtigt …
gefühlssimpel vagabundierend durch eine
sich idolsüchtig selbst mystifizierende,
immer schneller zerfallende Adiaphora-Welt.

Stückwerk (04/24)

Stückwerk wird’s gewesen sein.
Anderes war ausgeschlossen.
Lebt man doch in sich allein,
Perspektiven eingegossen.
Durch geplante Langeweile,
Selbstzerfall und Niedergänge,
kalkulierte Pseudo-Heile …
Psychen-, Geist-, Gewissens-Enge.
Immerhin: Ich hab’s begriffen
- glaube ich; doch stimmt das auch? -:
Tranceentlastungsformeln kiffen,
a priori Schall und Rauch.

Existenzunterholz (04/25)/Sonett

Ob sich das Dasein unbedingt noch lohne,
das sei dahingestellt; ist schwer zu sagen.
Fakt ist, man ist verfügt globalen Lagen:
Sozialatom, Verbraucher, Spielball ohne
Vernunft und Mündigkeit und Würde-Krone.
Muss sich allein durch Abstraktionen tragen,
die man als digitaler Knecht muss wagen,
nicht ansatzweise wissend, wem man frone.

Man kann sein Leben selber nicht mehr führen.
Ist ausgesetzt selbst anonymen Mächten.
Kann keine Wirklichkeit mehr auch berühren,
zerbröselt zwischen Schein und Wortgefechten.
Man ahnt nur noch in Perspektiven-Schlieren,
dass wir uns halt- und gottlos längst verzechten.

Innenweltzersetzung II (04/26)

Formel- und
verfahrensgesichert
korrumpiert
dieser technisch gestützte
Verflachungsklamauk
auch noch die letzten Reste
personal fundierter
Selbst-Abständigkeit.
Ekstatisch entmündigt,
verfallen die rauschlüsternen
Spätzeitsubjekte
rockmusikalisch gesteuerter
Entfesselungsknechtschaft:
triebsiech,
kommandogeil,
effekthörig …
in Stumpfsinntrance sich selber los.

Entlastungsbedürftig seiner selbst entmächtigt (04/27)/Sonett

Woran nur könnte man sich denn noch halten,
da alle Selbstverständlichkeiten wichen,
Subjekte durch des Zeitgeists Öden kriechen,
sich zu verdingen nihilistisch kalten
und spaßbrachialen Selbstgenussgewalten …
in aggressiver Anomie zu siechen,
die Kernzwang ist von marktdressierten Psychen,
nicht fähig mehr, sich selber zu gestalten?

An gar nichts mehr. Man ging sich selbst verloren.
Muss so trivialekstatisch sich vergeuden
- als sei zum Ramschweltbüttel man geboren -:
sich als Erlebnissammler selbst ausbeuten,
ergeben Kapital und Tugendforen,
die als Sakral-Lustpfleger einen deuten.

Was Freiheit sei (04/28)

Machtausübung über sich,
Selbstzwang und Askese.
Überschreitung jenes Ich,
das, obwohl nicht gut, nicht böse,
neigt zu Hybris, Völlerei,
plump-banaler Selbstverklärung …
Das meint Freiheit: Dass man sei
mehr als atomarer Schwung,
mehr als Spaß- und Lust-Fanal,
Nutzen-, Geld- und Sach-Kalkül …
Kernverpflichtet Geist als Gral:
Nicht berührt von diesem Spiel
selbst sich frönender Monaden,
daseinstragisch doch verfügt,
sich so permanent zu schaden,
dass, wenn dieses Streben siegt,
Geist allein noch retten mag
sie vor ihrer Ich-Drangsal:
Geist - nicht Selbstmacht-Träumerei.

Würfelei 04/29)

Ohne Zweifel bin ich,
was mein Wesen anbelangt,
ein gesegneter Mensch.
Ein Liebling
baryonischen* Stumpfsinns
und genetischer Blindheit.
Beiden,
gleich mehrfach bevorzugt,
wortvirtuos und geistgeborgen,
zufallsbegünstigt
aus der Verfügung entronnen.

*Baryonische Materie ist hier gemeint; die Materie,
aus der wir lückenlos bestehen

Asozialität, Abseitigkeit, Adipositas (04/30)/Sonett

Gedenke dankbar all der Niederlagen,
des Spotts, der Häme und Zurücksetzungen …
dass manche Kinderschar auf meine Kosten
versuchte, johlend sich zu profilieren.
So war’s tatsächlich in den frühen Tagen,
da ich in jeder Hinsicht war gezwungen,
auch noch dem Dörflerabschaum zuzuprosten,
um menschlich mich nicht völlig zu verlieren.

Was heißt dann dankbar? Das muss ich erklären:
Ich hätt’s wohl nie geschafft, mich zu befreien
aus meinen Außenseiterpositionen,
wenn jene Leute nicht gewesen wären.
Die mich belehrten, niemals zu verzeihen
und abzuschwören allen Wertfiktionen.

Diktierte Selbstfindung (04/31)

Auf dieser Top-Gewerbeleistungsschau
wird mir der Auftrag der Gesellschaft klar:
Quadrieren Sie sich im Kotau
vor Ihrem inneren Basar.
Ergraben Sie die Emotionen
demonstrativen Selbstkonsums.
Das wird Sie reich belohnen
als Träger-Ich existenziellen Booms.
So gilt es, sich zu optimieren
und zur Persönlichkeit zu reifen
als Körperkorrektur durch Operieren,
in fremden Blicken sich dann selbsterhöht zu greifen
als Zeitgeist kompatibles Element
- aseptisch, seicht, narzisstisch sich versunken -
Das willig sich dann Marktbefehl verbrennt,
von dessen Prägung in sich selbst gewunken.

Existenzielle Grundgegebenheiten (04/32)/Sonett

Na ja, ich kann für mich allein nur reden.
Und ob ich richtig liege, wer will’s wissen?
Wir alle sind dem eignen Ich beflissen
und ziehen nur die uns genehmen Fäden.
Auch weil verdammt, uns selbst nur anzubeten,
uns selber nur zu lieben und zu küssen.
Verfall Geweihte, die das tun doch müssen,
nicht zu ersticken an den Daseinsgräten.

Indes wer will bewusst sich all das machen,
sich rational in seinem Sosein greifen:
Dass niemand da ist, über ihn zu wachen;
dass er aus Zwang muss vor sich selber kneifen.
Zu jeder Stunde Spielball doch von Sachen,
die ihn in Scheitern, Trug und Traumrausch schleifen.  

(VIII) Dorf, Kindheit, Herkunft

Gottesackererinnerungen (04/33)

Oft laufe ich die Gräberreihen ab.
Zu lesen Namen, Daten und „in Gott“.
In dem die Toten ruhten. So die Steine.
Dem sei wie immer auch.
Doch manches Bild formt sich mir dann
von jemand, den ich ganz gut kannte.
Und der mir Trost war in so mancher Stunde:
Er hatte mir ein liebes Wort gefunden.
Von wieder andern weiß ich noch das schlimme Los.
Sei’s Krankheit, Kriminalität, sei’s Schande.
Oft Alkohol. Zuweilen Selbstmord auch,
weil etwa eine Liebe in Verzweiflung trieb.
Auch sie doch Zeugen, dass es Lotterie,
Gewalt oft ist, dies Dasein, das wir fristen.
Von wenigen gemeistert. Vielen Scheitern,
enttäuschte Hoffnung, stille Bitterkeit.

Für meinen Vater - Eine trostlos deprimierende 
und gerade deshalb gütegetränkte Erinnerung (04/34)

Die herbe Reval ohne Filter,
ein Röhrchen Dolviran,
ein Viertel Rotwein und Erinnerungen
an schöne Stunden an der Lahn.
Das alles half dann in der Regel,
das Schlimmste zu verhindern:
half Angst, den Gräuelwahn zu lindern,
die immer wieder fielen ihn doch an.

Von meinem Vater ist die Rede,
der jahrelang
durchs weite Russland zog.
Und dort auch blieb,
da seelisch schon verstorben,
als er noch Floskeln
heim nach Deutschland log.

Nebelverhangen (04/35)

Ach diese milchig weißen Nebel,
die unvergleichlich sanft und unhörbar
sich, urvertraut mir, durch die Straßen wälzen,
erinnern mich an dich,
du schäbig-miese Pseudo-Heimat,
an deine Mauern, deine Psychen-Kälten,
an die mir zugeteilten Einsamkeiten,
mir radikal bedeutend eine Ausgeschlossenheit,
die nie mehr weichen sollte, es nicht konnte,
verinnerlicht von mir, sie scheinbar zu ertragen.
Doch trugen sie auch bei, zu überlassen mich
der Kraft des Geistigen, die vieles heilt:
Die eine Macht verleiht, auch Nebel zu durchdringen
und kleiner Seelen schlichtes Unvermögen,
sich selber aufzubrechen, zu begreifen
als Existenzgewebe, wabernd so dahin,
wie jene Nebel, die es nicht erlauben,
die Welt in ihrer Elendsschärfe klar zu sehen.

Dem Wind vorgetragen (04/36)

Gedenke meiner, Wind,
wenn du einst
die Körner meiner Asche
über die todkranke Erde
treiben wirst,
fühllos diese wie jene …
Gedenke dann dessen,
der dich so geliebt hat,
dich jähen Gespielen
seiner trostlosen Kindertage.

Daseinsgefangenschaft (04/37)

Von Kindheit an innerer Leere,
Halt- und Orientierungslosigkeit,
Angst und Gleichgültigkeit
und dem kommandierenden Grundgefühl
unüberbrückbaren Alleinseins unterworfen,
weiß ich
- drastisch angewiesen auf die Waffe
eines scharfen Verstandes,
auf irritabelsten Feinsinn
und krankhaftes Misstrauen,
auf Eingebungsvirtuosität
und die unbedingte Fähigkeit,
mir selbst realistische Einschätzungen
gewährleisten zu können -
um die engen Grenzen
menschlicher Möglichkeiten
gleich welcher Art …
intellektueller, geistiger,
ethischer, politischer … -
weiß ich
um die wesensträge
Pleonexie und Irrationalität,
Apathie und infantile
sei’s metaphysische,
sei’s ideologische,
sei’s tröstend emotionalisierende
und ritualisierende
Bedürftigkeit nach radikal
simplifizierenden Entlastungsschimären
meiner so vielen,
verängstigt-orientierungslosen Artgenossen.
Die auch deshalb unfähig sind
zu einer geistigen Verantwortung für sich selbst,
unfähig oder unwillig zu Begriff,
Selbstdistanz, existentieller Souveränität
und Wirklichkeitserfassung.
Unfähig, wie ich selbst auch.
Nur dass ich’s weiß.
Nur dass ich die Kraft habe,
mir schonungslos einzugestehen,
wer, was und wie ich kerntief bin:
Zeit, Angst, Verworfenheit …
Heteronome und durch und durch
bedeutungslose Materiemorphe.

Ratschlag I (04/38)

Ein Schatten
drängt sich mir auf.
Einer der Frühe.
Ich lenke ihn um
in sich selbst.
Ratend ihm,
was ihn wirft,
zu vernichten.

Dorfschatten: nu-sublim -
1950er Jahre/Für A. P. (04/39)

Der toten Heimat Zustands-Schwere,
dem Stumpfsinn ihrer Trauer abzufühlen,
der Seelen- und Gesichter-Leere
und den bedrückend kühlen
Verbraucher-Einsamkeiten von Touristen,
Erlebnis-Zufuhr sich zu gönnen.
Gelernte Kaufrausch-Aktivisten,
die auch noch dann nur selber sich zerrönnen,
wenn meine Schwermut in die Gassen weinte,
dass du mir fehlst seit siebzig Jahren.
Als uns ein Augenblick vereinte,
so tief, sich kommandierend zu bewahren
als Sehnsuchtsscham in einem Treueschwur,
der wortlos war und markerschütternd,
kaum leises Handberühren nur,
im Traumsog des Kairos verzitternd.

Eine Lehre fürs ganze Leben (04/40)

Ich war Müllabfuhrgebühreneintreiber,
Molkereikuli, Gasuhrenableser
und Straßenbaumalocher.
Ich war Zimmereigehilfe, Gelegenheitskoch
und Lagerarbeiter.
Sei’s dass ich als solcher lederne Häute
über einen Holzbock warf,
sei’s Schuhkartons auspackte
und in einem Regal verstaute.
Ich habe Teppiche, Medikamente
und Lebensmittel ausgefahren.
Ich habe Betonböden von Balkonen aufgehackt,
damit man sie mit einem neuen
Glattstrich versehen könne.
Um ein paar Mark zu verdienen.
Warum auch sonst?
Und nicht, dass es mir geschadet hätte.
Nein: Nie wieder war ich so frei wie damals:
Ein Unbeachteter all denen,
die stolz ihre privilegierte Stellung herauskehrten.
Und gelernt hab ich auch was:
Nämlich was ein soziales Nichts sei,
das man noch verachtet,
wenn man ihm leutselig ein Trinkgeld
in die Hand drückt.
Aber auch dies: Dass mich nie
ein Intellektueller davon überzeugen würde,
dass - etwa - der Mensch gut sei,
nach Gerechtigkeit, Solidarität
und Humanität strebe …
überhaupt ein moralisches Wesen sei.
Das sind eitel versimpelnde Ideologeme,
zahmrhetorisch geeignete Groß-Phantasmen,
sich Phrasen gaukelnd eine Jüngerschaft
und täppische Bewunderer zu schaffen.

Dorfschatten/Für K. I. (04/41)

Wer erinnerte sich noch an K. I.,
dies stille Mädchen?
Es ging an Krebs zugrunde,
kaum mal sechzehn Jahre alt.
Ich erinnere mich gut an es:
Wollte noch sein Dasein kosten,
dieses prall zu Ende leben.
Wenn’s ihm schon die Krankheit raubte.
Ließ sich gehen, ließ sich treiben,
Sex- und Suff-Lust hingegeben:
Gierroh vor Verzweiflungslast.
Angstgetrieben sich verrohend.

Konnte ich ihm das verdenken?
Sicher nicht. Zumal ich lernte,
dass, wer vor den Tod hintritt,
wahllos noch genommen werden,
Gram und Trauer dunkeln will,
bis ihn hole jener.

Dorfschatten/Für F. U. (04/42)

Deine Augen verrieten dich mir:
Manchmal lag Verzweiflung in ihnen,
manchmal Hilflosigkeit,
manchmal diese mir nur allzu vertraute
archaische Angst
vor diesem fühllos faden Menschentum.
Immer aber jene
still aufreibende Resignation,
der man auch noch
in scheinbar glücklichen Momenten
ausweglos unterliegt,
wissend um ihre Täuschungskraft.
Du ahntest wohl, dass du, daseinsunfähig,
keinerlei Widerstandskraft
würdest aufbringen können
gegen deine dich unaufhaltsam zerstörende,
tief bedrückende Melancholie.
Dass man dich,
den dauerbetrunkenen Obdachlosen,
dann eines Tages tot in einem Park auffand,
das hat mich nicht sonderlich überrascht,
als ich es erfuhr.
Ich habe dich gern gehabt, Fritz,
musstest du doch etwas begriffen haben,
was nur die feineren Naturen
zu erfassen fähig sind:
Die kommandierende Nichtigkeit,
Kälte und Rohheit der menschlichen Existenz.

Wind der Frühe (04/43)

Wenn er über das Land wehte,
den Sand des Feldweges aufwirbelte,
durch die Ähren der Kornfelder fuhr,
die Äste der Obstbäume hin und her bog,
pfiff, wehklagte, aufheulte, der Wind,
dann ließ auch ich mich
fortziehen von ihm,
weit weg in ein Traumland,
meiner Sehnsucht gewogen,
meiner Angst eine Grenze,
meiner Weltflucht ein Hort.
Zumal er mit sich führte
die Glockenklänge der Dorfkirche,
die seine unberechenbare Wendigkeit,
akustisch weggefangen hatte,
um sie hinauf zu tragen
in den weiten Himmel,
in jenes Traumland auch,
wo ich zitternd hoffte,
dass der Daimon käme,
mich mitzunehmen,
weit hinaus über diese öde,
kalte und unselige Menschenwelt.
Von der ich längst
zu viel begriffen hatte,
als dass ich sie noch
ohne Verzauberungsschübe
und metaphysische Illusionen
hätte ertragen können.

SMS (64)/Phantasmagorie II (04/44)

Irgendwoher,
mir vertraut
seit frühesten Tagen,
vernehme ich
das Wispern Gottes
im Schrei seiner Schwester:
Der
in uns und als wir
immer
ins Ungefähre 
kreißenden,
bewusstlosen,
sich selbst
organisierenden Materie.

*SMS = Stadtmauersteine (oder andere 
zusammengesetzte Substantive wie etwa 
Seicht-Magie-Sause), mit denen ich mich 
als Kind oft unterhielt.

Dorfschatten/An R. E. (04/45)

Du warst ein ziemlich
kaltes Luder.
Und eine gute Mimin
warst du auch.
Gedenke deiner,
weil ich von dir lernte,
wie dumm man ist,
wenn man ein Luder liebt,
naiv und arglos
sich ihm anvertraut.

Indes man lernt zuletzt am besten
von den Gemeinen und den Kalten
wie selbstzerstörerisch
kann sein Vertrauen.

Dorfschatten/Für A. P. (04/46)

Du lebst nicht mehr.
Ich hörte es.
Du, ferner Kindheit
Zartgebet.
Ich hielt dich einst
an Dämmertagen
so scheu beglückt
an meiner Hand.
Und schick dir nun
ins nasse Grab
das Menschlichste,
was ich noch habe:
Ein letztes Tränenpaar
aus meinen kalten,
so weltschroff spöttisch
mitleidlosen Augen.

Für Reesi -Meine erste Katze in den frühen 1950er Jahren (04/47)

Dass du mir erlaubtest,
deine neugeborenen Kinder sanft zu berühren,
dass du mir, Reesi,
ein gleichsam zwischenartliches Vertrauen entgegenbrachtest,
indem du schnurrend in meinen Kinderarmen einschliefst,
wenn wach,
deine Pfoten abwechselnd auf meine Brust drücktest,
nie dich vor mir erschrecktest,
auch dann nicht,
wenn ich, kindlich-linkisch, mich zu hastig bewegte.
Das alles, Reesi,
habe ich bis heute nicht vergessen,
sehe dich noch deutlich vor mir,
rotweiße Felidin,
möchte dich,
hilflos vor Sehnsucht nach dir greifend,
aus dem Nichts rauben,
auf dass du mir wieder Gefährtin seiest alle Tage.
So dass mir diese wieder ein kleines,
unüberbietbares Glück schenkten.
Durch dich, Reesi,
du liebe Geberin kreatürlicher Zartheit
und seit Jahrzehnten
Mithüterin meiner geistigen Existenz.

Bilanzgedicht (19)/An die toten Eltern (04/48)

So ungreifbar, so fremd geworden.
Falls je Vertrautheit war.
Sie war ja nicht. Nicht mal in Worten.
Nicht einmal mittelbar.
Ich reiße euch aus Hass und Schweigen.
Das kann so ein Gedicht.
Nur ihm ist diese Kraft zu eigen,
nicht anzurufen ein Gericht …
sich selbst durch Sand und Nichts zu tragen,
verwandelnd Wut und Leere,
Versöhnung aus dem Grund zu nagen,
vorbei an seelischer Misere.

Erinnerung an meinen Vater (04/49)

Die meisten zählen nichts.
Ein Grundfaktum.
Nur Auswurf eines Stoffgerichts,
entzweckungslüstern stumm.
Die bleiben auf der Strecke,
herumgestoßen ausgebeutet,
sind Abschaum unten.
Oben Machtspielzwecke.
In Gossendreck gedeutet.

Mein Vater kommt mir in den Sinn.
Der war so einer:
Stob tief verachtet hin.
Zerfiel als Wert-
und Halt-Verneiner.

Für meinen Vater (04/50)

An dich denke ich, Vater,
haltlos von Schweigen
und Hilflosigkeit
hin und her geworfen
angesichts deines
armseligen Lebens,
angesichts von Verhältnissen,
mit denen du
nicht fertig werden konntest,
vor denen du
versagen musstest:
Armut,
soziale Deklassierung,
Orientierungslosigkeit,
Krieg, Gefangenschaft …
So tagtäglich
dem Hochmut und der Verachtung
derer ausgesetzt,
die rücksichtslos
über dich verfügten:
Großbauern,
Bürger,
Despoten,
Lagerwachen,
Vorgesetzte,
Manager,
Aktionäre.

       *

Ich werde immer wieder an dich denken,
weil du doch in mir fortlebst noch.
Als Seelenbrösel, die mich lenken
auf dieses surreale Joch.
Dass es sich immer als Gewalt auch zeige,
als Scheitern und Entlastungsposse,
sich Hass, Verblendung, Machtsucht neige …
Gewirre einer Tranceweltgosse.
All das war deine Existenz,
die mich das alles gründlich lehrte.
Das Dasein muss so sein: Betrugs-Potenz
als unlesbare Fährte.

Einsamkeit (04/51)

Die Menschen leiden schwer an ihr.
Sie sucht sie heim in ihrem Wesen.
Sie sehnen sich nach einem fremden Ich,
sie brauchen dringend auch das Wir.

Mir ist sie eher Schutz gewesen.
Ein Schutz vor Häme und vor Niedertracht.
Weshalb ich lernte, anders sie zu lesen:
Als einen Zustand eigner Macht.

Befreiend mich von Artgenossen,
war sie nur selten eine Last.
Hat sie mich doch geschützt und abgeschlossen,
geschenkt mir stille Rast.

Inzwischen ist sie mir weit lieber
als mancher Austausch mit Gesellschaftsgrößen:
Vermitteln die mir doch das Zeitgeistfieber,
das einen Oberflächlichkeit will lösen.

Meiner Großmutter Margarethe S. zugeeignet (04/52)

Ich habe sie nicht gekannt,
diese Großmutter;
weiß nur,
dass sie 13 Kinder zur Welt brachte;
dass ihr Mann regelmäßig
das Haushaltsgeld versoff
und sie oft nicht wusste,
wie sie all die hungrigen Mäuler
würde stopfen können.
Auf der einzigen Photographie,
die ich von ihr besitze,
erkenne ich ein breites,
massiges und
starkknochiges Gesicht,
ein trauerübersätes,
beherrscht von einem Ausdruck
resignierter Hilflosigkeit,
zugleich gekennzeichnet aber auch
von widerspenstigem Trotz,
rohem Lebensmut
und einer kargen,
unsentimentalen,
fast kalten Härte.

Weiß ansonsten nicht so recht,
was ich sagen soll
zu diesem Leben voller Entbehrung,
Aufopferung,
Verachtung und
verfügter Unbarmherzigkeit.
Es wäre auch sinnlos,
eitel zumal,
ergäbe ich mich angesichts ihrer Misere
irgendwelchen Sentimentalitäten,
Betroffenheitsritualen
und Mitleidsbezeigungen.
Hätte sie sowieso nicht verstanden,
diese Großmutter,
mir wohl wenigstens darin wesensverwandt,
dass auch für mich solche Gemütsergüsse
letztlich von Haltlosigkeit,
Mitgefühls-Hybris,
Unverständnis
und würdeloser Verlogenheit zeugen.

Erinnerung an stumme Liebenswürdigkeiten (04/53)/Sonett

Mehr gab es nicht als ein paar stumme Blicke,
die sich per Zufall manchmal mir gewährten.
momenthaft menschlich ohne dies Entwerten
wie es in Augen aufblitzt voller Tücke.
Die Trance verwoben, schenkten kleine Glücke,
die sich mir nie, trotz meiner Neugier, klärten,
so ganz naive, die sich schon entschwerten,
bevor sie trafen auf Normalgeschicke.

Wer die Erinnerung an solche Weisen
von stummer Sehnsucht hegt und ihrer Wende,
dem werden sie auch spät noch Sinn beweisen.
Der wird sie spüren als die Seelenbrände,
die aufrecht halten im absurden Kreisen
um die Miseren dieser Daseinsblende.

De mortuis nihil nisi bene? (04/54)
(Ü: Über die Toten nichts (sagen), es sei denn Gutes)

Die Reihe der Gräber ist lang geworden.
Fast alle, die hier liegen, kannte ich.
Zum Beispiel den hier, dem der Schnaps die Leber
und seine Rohheit selbst ihn mit zerfraß.
Und die: Was war die menschlich jämmerlich.
Gemeinheit geifernd, Gier und Niedrigkeit.
De mortuis nihil … Ja, gewiss.
Allein ich habe vieles nicht vergessen.
Und will auch nicht. Auch nicht verzeihen.
Nicht fähig, diesen Toten zu vergeben.
War’s doch nicht nötig, mir was anzutun,
was mich ins Mark traf. Unvergesslich bleibt.
Grad weil es keinen Grund gab zu erniedrigen.
Getriebene, ich weiß. Wahrscheinlich selber Opfer.
Auch das indes soll mir nicht Anlass sein,
den Hass zu zügeln. Er soll Einsicht schlagen.
Warum soll ich Gemeinheit überwinden,
die ihre, wie die meine auch?
Der Menschenliebe etwa zum Gefallen?
Wenn Rachsucht doch allein die wunde Psyche wärmt.
Und Güte sich als Dummheit stets erweist,
erweisen muss, weil doch die Tyche* selten sie verlost,
auch wenn wir manchmal sie so tief uns wünschen.

*Tyche griech: Zufall, Glück. Die Göttin derselben

So Dinge (04/55)

Es gibt so Dinge,
die man nie los wird.
Auch weil man sie
nicht greifen kann.
Weil dieser Wahn
von Daseinsgrund
in ihnen girrt:
Als selbstzerstörerisch
verfügter Seelen-Bann.



Weitere Gedichte der Seite (04):

Politisch Unbegabte und ein wohlstandsmagisch 
sich entlaufnes Volk (04/56)

Was heißt korrupt, charakterlos und intrigant?
Da sind die oben kaum, indes fatales Mittelmaß …
sind Zeitgeistopfer ohne Einsichtskraft,
grob, ungehobelt, linkisch, faktenfremd.

Zumal’s unmöglich ist, dass so ein Abstiegsland
- verfallen Innenweltverkehrung als Bedarfslachgas,
was enden muss in dekadenter Psychen-Haft -,
nicht wirklichkeitsverlustig selbst sich hemmt.

Ich fühle seit Jahrzehnten diese deutsche Idiotie,
dies, dass dies Volk so weit herunterkam,
sich selbst verlor in hedonistischer Magie
und schierem Selbstverleugnungstugendkram.

Eine Eilmeldung (04/57)

Heute, am Abend, las ich 
in heller Schrift auf einem roten Streifen,
exklusiv dafür vorgesehen, 
Eilmeldungen zu verbreiten,
dass eine Superintelligenz die Menschheit
vernichten könnte.
Ob eine extraterrestrische oder eine
von uns selbst geschaffene künstliche,
wurde nicht gesagt.
Na ja, es sei dem wie auch immer;
geschähe es, dann wären wir für alle Zeit
erlöst von unseren Fragwürdigkeiten
(Gewaltsucht, Barbarei, Brutalität usw.),
müssten dieses Dasein nicht mehr erleiden,
allerdings auch definitiv verlustig
seiner zweifellos wunderbaren Seiten 
(etwa Einsichtsmacht, Kunstschaffen,
erotisch Selbsttranszendenz und aller Formen 
tief tröstender Entlastungsgeschehnissen) …
Der Tod ist zumal auch keine Strafe,
sondern nur die bewusstlose Rückkehr
in die Materie, aus der wir hervorgingen;
also … 

Geist und … (04/58)

Es gibt nur eine Seinskraft,
die vollenden kann
uns letztlich doch 
erbärmliche Materie-Knechte.
Das ist der Geist 
als d e r Vollendungs-Bann,
zu tun das Menschliche 
und das Gerechte …
und so auch einzusehen,
dass nur Geist das schafft:
Sinn, Frieden, Vorteil …
a l l e Selbstvollendungsmächte. 

*

Natürlich weiß ich, 
dass das Illusionen sind;
und auch als solche
fortbestehen werden.
Wie könnte sich 
auch ändern so ein Hyle-Kind,
als solches gar nicht fähig, 
sich zu erden;
vielmehr geworfen,
zufallsdiktatorisch blind
in dieses 
undeutbare Labyrinth,
in dem es Artgenossen 
permanent gefährden. 

Warnung und Versöhnung (04/59)

Alternative wollen mir den Weingenuss beschränken.
mir was ich sein und tun darf schreiben vor.
Indes ich warne sie an dieser Stelle,
sich das noch einmal gut zu überlegen.
Denn tun’s sie, werde ich sie kerntief kränken:
werd ihr Programm als Traumweltmoor,
als weltfremd-pseudorational:
ideologisch seichtes Ideal,
Subjektivismustrance und Sandstaubquelle,
Propheten-Optimismus dann bedenken,
ihm nehmen allen Faktensegen,
ihn messend an den Seelenschrägen,
die unser Leben doch alleine lenken,
das weder Selbstmacht kennt noch freie Wahl,
ist weiter nichts als eitles Jammertal.

Es locke auch Emanzipation als Traum
von selbstbestimmter Daseinsweise …
was Freiheit heißt, kann nur sein Leerwortschaum,
wie immer dann auch ihre Formel heiße.

Und was Naturzerstörung anbelangt,
die werden wir wohl nicht mehr 
können scharf begrenzen.
Weil Krieg und Interessen hindern sehr:
Selbst- und Vernichtungs-Sucht 
auch wiegen viel zu schwer,
primär das Menschenkind 
zumal um Mammon zankt.

Ich kann nur noch mal vor mir warnen:
Ich täte auch den letzten Schritt …
Ich würde zeigen, dass ihr hehres Wollen
nur dieses Ziel hat: Ihren Machtantritt.
Ist Macht für sie, wie sonst, doch auch der Kitt,
zu propagieren irgend hehres Sollen,
um Privilegien dann, Diäten, Ruhm zu ernten,
die bisher jeden noch 
als Durchschnittsmaß entkernten. 

Jetzt trink ich eine Flasche Roten,
und die auch auf die Grünen,
die Lebenden, die Sterbenden, die Toten,
drum bittend, allen zu entsühnen:
Sie konnten, können nämlich nichts für sich.
Nie fähig, sich von sich nur einmal zu befreien. 

Das Ganze (04/60)

Drastisch geldgiertrivial,
Sensationslust-Hysterie,
wachsende Verwahrlosungen 
deklassierter Innenwelten …
zeitgeisthörig, spaßsakral,
eingestellt auf Star-Magie,
Leeren, Apathie gelungen,
Selbstverlust durch Gelten.

Nächtliche Existenz-Inventur (04/61)/Geschrieben 1. und 2. Mai 2003, Prosa S. 286ff 

Circa halb sieben Uhr stehe ich auf;
bis zwanzig Minuten nach sieben habe ich gefrühstückt,
geduscht und Zähne geputzt.
Die Tagesroutine beginnt etwa zwanzig Minuten später.

Ich befasse mich dann mit Gewinn- und Verlust-Zahlen,
achte auf Vorschriften und Gesetzesvorgaben,
durchdenke Verwaltungsabläufe,
entwerfe Programmpläne,
erstelle Prognosen,
formuliere Erwartungen und Bedenken , 
das folgende Geschäftsjahr betreffend.
Ich verfasse Briefe am PC,
bereite Sitzungen vor und lote aus,
was ich klugerweise verschweigen sollte.

Stunden später leiste ich Unterschriften,
berate Auskunftsbegehrende,
prüfe Bewerber, 
ob sie als Kursleiter 
- also z. B. Französischlehrer*innen - geeignet wären,
beruhige, manchmal sie auch eine wenig manipulierend,
unzufriedene Kunden (Kursteilnehmer*innen),
formuliere floskelhafte Verbindlichkeiten,
hauche Entschuldigungen,
treffe, wenn definitiv erforderlich, Kulanzregelungen,
um mich dann wieder der Daueraufgabe
möglicher Kostenersparnismaßnahmen zu widmen.

Ich bin, die Routine ermöglicht das, 
gewissermaßen ein Virtuose, 
was das gleichzeitige Erledigen von alltäglichen Zwängen,
das Lösen von Unwägbarkeiten,
das Beurteilen von  Kundenvorschlägen 
zur Verbesserungen der zeitlichen Kursabläufe und auch, 
was die - zum Glück seltenen - Vorschläge von solchen angeht,
die meinen, etwas besser beurteilen zu können 
als das angestellte Personal …

Tag für Tag,
Woche für Woche, 
Jahr für Jahr
vollziehe ich auf diese Weise
meine Angestellten-Existenz;
vierundzwanzig Jahre 
werde ich dann
kommenden September 
abgeleistet haben.

Immerhin habe ich nie nach ideologischen Rechtfertigungen,
einem Nutzen oder gar Sinn meiner alltäglichen Verrichtungen gefragt,
Verrichtungen, die sich – noch einmal - auf das Planen 
von Bildungsangeboten für Erwachsene beziehen.
Mir reichte als Motivation immer dies aus,
dass mein monatliches Gehalt mir meinen Lebensunterhalt sicherte.
Das war mir Ansporn und Begründung genug,
denn was ideologische Wunschträume,
was gesellschaftliche Ideale,
was gar die geistige Verfeinerung von lernwilligen Individuen betrifft,
dachte ich immer realitätskonform:  
Derlei Überlegungen und Ansprüche 
müssen in einer Wohlstandsgesellschaft,
der es primär - eigentlich nur noch - um die Optimierung 
von Haben, Gelten, Erleben und Lustmaximierungsverrichtungen geht,
definitiv illusorisch bleiben.

Und angesichts der Fragwürdigkeit eines kapitalistisch 
getragenen und gelenkten Daseins (ich persönlich halte ein solches 
eigentlich für geistig destruktiv, ja, für autodestruktiv, 
weil es nach und nach alle die Eigenschaften
konsumtiv-hedonistisch erzwungen „erodieren“ lässt,
die es zum eigenen Erhalt braucht: Selbstbeherrschung, 
Leistungswille, Verantwortungsgefühl, Seriosität, 
Wirklichkeitssinn/Sachlichkeit, faktenkonforme Urteilskraft, 
Freiheit von Hybris, Narzissmus und neurotischen Selbstdarstellungsgelüsten, 
infantiler Selbstüberschätzung, Korruptionsanfälligkeit usw. usw. …
anderen ist das völlig egal: sie wollen ihr Leben genießen;
möglichst intensiv … und das habe ich nicht zu kritisieren,
zumal sie es ja, systemkonform sich verhaltend, auch sollen …
und ich selbst daraus indirekt persönlich Vorteile ziehe: 
Dieses System trägt mich mit, lässt mich in Ruhe:
schreibt mir nicht vor, was ich zu tun oder zu lassen - 
oder gar zu denken und ideologisch zu vertreten - hätte; 
kurzum: ich habe keinen Grund, 
mich über meine individuelle Lage zu beschweren, 
unzufrieden zu sein mit den Zeitumständen, 
mich gar in irgendeiner Hinsicht 
ausgebeutet, zurückgesetzt oder gar betrogen zu fühlen …

obwohl ich ein banales Leben führe -
Eine von Routinen eingefasste, unaufgeregt dahin gleitende
Angestellten-Vita ist es, ohne irgendwelche Höhe- oder Tief-Punkte;
oft geradezu öde und langweilig, jedenfalls bedeutungslos,
restlos eingelassen konsumkapitalistischer Substanzlosigkeit
von Selbstentfesselungslüsternheit (z. B. durch Rockmusik),
ununterbrochener emotionaler Abrichtung überhaupt,
Dauervereinnahmung (etwa durch Reklame),
medialer Bewusstseinssteuerung und 
personal aushöhlender Verknechtung durch die allgegenwärtige,
sich immer weiter perfektionierende Diktatur 
eines gleichsam quasi-numinosen Marktgeschehens -
 will ich es nicht ändern.

Alle diese westlichen Auflösungen und Niedergänge
z. B. metaphysischer Heilslehren,
pseudoreligiös-prophetischer Polit-Ideale,
Ideologien und Weltanschauungen überhaupt,
alle die subjektiven Vollendungs- und Selbstverwirklichungs-Phantasmagorien,
die anpassenden und systemgefügig machenden Triebentfesselungen,
die totalitärutilitaristische Verbrauchermoral,
all die Entlastungshektiken via Pleonexie-Intensivierung,
Tauschlust steigernde Psychengehalte und fortwährenden Erlebniskonsum,
selbst die Liebe, sogar Gott und Lebenssinn,
metaphysisch-ideologisch-wesensmenschliche Geborgenheiten
sind mir gleichgültig (ich halte sie für durchweg illusorisch,
d. h. ich vertrete eine Art Pan-Nihilismus,
von früh an förmlich in denselben hineingetrieben).

Als das Beste gilt mir, keine Schmerzen zu erleiden
(und wenn doch, dann lieber seelische als körperliche,
die ich doch geistig nicht bekämpfen kann),
mich nicht scheren zu müssen um all die menschlichen Illusionen,
Emotionsblässen und intellektuellen Seichtheiten,
mich befreien zu können von all diesen kindischen
Halt-, Ordnungs- und Orientierungs-Konstrukten,
welche einen, spürt man sie in sich auf, 
vor einem selbst doch so unsäglich lächerlich machen,
zuweilen gar herabwürdigen,
weil einen als existenziell hilflos 
und kreatürlich gefangen erweisen. 

Dazu nun noch (am 9.6.26) dieses Gedicht
MGU/Prosa (108) (04/62)

Nein, ich verzweifle nicht;
nichts kann mir anhaben
die allen Lebenssinn nehmende
Nichtexistenz Gottes,
nichts die völlige Gleichgültigkeit 
des mich zufällig hervorgebracht
habenden Weltalls.

Nur ein qualvolles Sterben könnte das,
wenn die Schmerzen dann 
noch einmal die hilflos 
leidende Tierheit aufzeigen,
dauerausgesetzt der großen 
Indolenz der Materie.

Und nichts zeigt deutlicher 
die fundamentale Hilflosigkeit 
des technisch einseitig überentwickelten 
menschlichen Bewusstseins:
Es konnte nichts ändern daran,
dass ich lebenslang delirierend weste
als Ich-, Du- und Wir-Gespinst,
in vielfach deutbaren Perspektiven 
gefangen.

Assoziationen (04/63), geschrieben 1.6.2003, Prosa S. 309 

Geplante Wesenlosigkeit.
Ununterbrochene Beglückungszufuhr …
Die Tyrannei des Immergleichen.

Existenz punktuellen Ichs.
Ob nun Job, Sex, Event;
oder angelernte Emotionen.

Man schafft nicht den Abstand 
zu den fort und fort gezündeten
Inbeschlagnahmungsturbulenzen.

Nicht mal Trauer kommt auf,
Verzweiflung oder
sonst wie genuine Berührtheit.

Nur strukturlose Stille.
Somatische Quiddität. 
Sterile Indolenz.

Irgendwann (04/64), geschrieben 27.8.2003, Prosa S. 310 

Der grauweiße Schirm,
der blinkende Cursor,
die handbequeme Maus,
das wandernde Absatzzeichen,
Zahlen, Symbole, Anzeigen, Befehle.
Das ist die Realität,
in der man täglich acht
oder mehr Stunden hinbringt.

Der Apparat herrscht vollkommen.
Wollte man sich ihm 
dauerhaft verweigern, entzöge man sich 
zugleich die Subsistenz-Mittel.
Also beugt man sich,
überlässt sich der bequemen
und hilfreichen Diktatur 
dieses technischen Meisterwerkes. 

Man weiß indes, dass man lediglich
ein allgemeines Schicksal teilt:
das einer quasi-triebhaft 
neuronal geschaffenen Abhängigkeit,
der niemand mehr 
zu entkommen vermag.

Immerhin gewinnt man 
eine Vorstellung davon,
dass eines nicht allzu fernen Tages
die technische Schöpfung 
einer pan-artefaktiellen Welt 
den Individuen nicht nur 
jede Entscheidung über ihr
äußeres Leben abnehmen,
sondern ihnen auch jedes Gefühl
von Spontaneität,
selbst das irrationaler Anwandlungen,
so vorherbestimmen wird so,
dass sie Freiheit und Knechtschaft 
nicht einmal mehr basisemotional
werden unterscheiden können.

Kapitalismus (04/65), geschrieben 16.9.2003, Prosa S. 317 

Unkritisierbar,
weil das Durchschnittsgenom 
in Gesellschaft objektiviert
unverzerrt 
repräsentierend.
Heißt eben,
dass er deswegen so 
erfolgreich ist, 
weil er den Menschen so nimmt
wie dieser nun einmal ist:
Ich-, hab-, macht- und genusssüchtig.
Das Problem - ich sagte es bereits -:
Die damit unweigerlich verbundene
Verkommenheits-, Verwahrlosungs-
und Selbstentmächtigungs-Sucht.

Grundtatsachen (04/66), geschrieben vor 2001, Prosa, S. 319

Zellengebilde: 
Ich.
Trugbild auf Abruf:
Selbst.
Verführungsmonade:
Du.
Gesellschaftszwang:
Wir.

Finale (04/67), geschrieben 25.2.2009, Reimgedichte S. 578

Steh nunmehr im Finale.
Diesmal gegen mich.
Es geht um keine Schale,
es geht um Zeit und Ich.
Es geht - mit andern Worten -
um’s aschengraue Ende.
Um also das,
das niemand meiden kann:
Das hin zu
grauen Krumenpforten
auf irdenem Gelände,
wo alles bricht, 
auch der Bewusstseins-Bann.

Daseins-Fragen - Und Vermutungen (04/68), geschrieben 13.4.2009, Reimgedichte S. 662

Was es bedeute? Was es sei?
Ich weiß es wirklich nicht.
Und bin ich ehrlich, ist’s mir einerlei,
ich brächte vor nur eine Sicht,

wie du und wie die andern auch:
Von uns ist nichts genau zu fassen.
Was ist, geht auf in Perspektiven-Rauch
aus uns nicht einsehbaren Gassen.

Es scheint Bedürfnis, Schmerz und Zeit.
Erfahrung zeigt’s in etwa so:
Als Allkampf gegen Pein, um Lust und Sicherheit
und Geld und Macht in diesem Täuscher-Zoo.
 
Anderssein (04/69), geschrieben 22.6.2003), Reimgedichte S. 671

Mein Ehrgeiz ist nicht allzu groß;

gering entsprechend ist die Ehre,
recht klein die Zahlen des Gehaltskontos.

Woraus ich ziehen müsste diese Lehre:
Es andern gleichzutun, mich anzupassen,
mir möglichst viele zu verpflichten,

von Einsicht und Kritik zu lassen
und überhaupt mein Dasein zu gewichten
nach Nutzen und nach Sympathie.

Nach Mitte, Gängigkeit, Vereinen, Clubs,
auch Kumpanei mit jenen Trupps
parteipolitisch hehrer Machtmagie.

Ich hab indes mich für den Geist entschieden,
denn der allein schafft Einsichtstiefe.
Der Rest wär Kungelei mir: Die um Nieten,
um Wertgespinste,  also: Wesensschiefe.

Gegenkurs (04/70), geschrieben 15.5.2009), Reimgedichte S. 715

Was Bessres als Alleinsein gibt es nicht,
zieht doch Gesellschaft in Bereiche,
die ich als würde- und als geistlos eiche,
verglichen mit dem Schaffen am Gedicht.

Das über Lüste hebt wie Niederlagen,
kapitalistisch-fade Langeweile,
Reklame und erkünstelt geile 
Belämmerungen, die nicht tragen.

Das heißt doch aber, sich zu retten 
vor jeder marktinternen Despotie 
als konsumtiv entzücktem Halali 
um sich an Geist und nicht an Stuss zu ketten. 

Identität (04/71), geschrieben 9.5.2009, Reimgedichte S. 714

Identität? Was heißt das letztlich denn genau?
Ob’s eine geben kann, nun, das bezweifle ich:
Die Einheit der Person ist Wertbewusstseins-Bau,
indes tatsächlich man, betrachtet unterm Strich

ist Spielball widersprüchlich-hochkomplexer Lagen;
sei’s subjektiver wie auch objektiver Wechselfälle.
Und muss schon deshalb der Gewissheit doch entsagen,
man sei sich selbst verfügt in jener Zufallswellen.

Man wird wohl eher doch ein Widerspruch sich sein,
zumindest, wenn die Sache redlich man bedenkt.
Dann greift man nämlich dies, dass die Person ist kein
Beharren, das bewusst sich, autonom und immer lenkt.
 
Auto-Analyse (04/72), geschrieben 11.6.2009, Reimgedichte S. 748

Ich muss mich selbst ins Auge fassen;
so radikal wie andre auch:
Die von Affekten aufgepeitschten Massen
durch Führer, Pop-Stars, Sportler, Guru-Hauch..
Ich muss erstellen eigne Expertise,
aus der Distanz die Fakten sehen:
Die engen Grenzen, Masken, Miese,
weil mich die andern um mich selber drehen,
mich unfrei machen, hasserfüllt und ohne 
ein Gran von Rührung angesichts 
der Willkür, Selbstsucht und der Mohne 
halluzinierten Ich-Gewichts.

                       *
Betrug nicht, Traum nicht, sondern was ich bin,
soll sich direkt mir offenbaren:
Nun, jeder ist sich selber Daseins-Sinn,
Pleonexie-Befehl als Kerngebaren;
darin ganz gleich den andern Artgenossen:
Wir alle wollen andre überrunden,
das ist genetisch uns doch eingegossen;
und niemand kann dagegen sich verwahren.
Wir sind primär nun einmal Selbstsuchtwunden,
die Macht erstreben, Geltung, Lust, Gewinn …
Sich haben so auch gegen sich verschworen,
sich gehend lebenslang als Ich-Knecht hin.

Ein Menschenbild (04/73), geschrieben 11.6.2026

Mein Menschenbild ist für uns nicht gerade schmeichelhaft.
Indes es haben andere mir früh fast täglich aufgezwungen.
Doch war mir damals schon gegeben diese wundersame Kraft,
zu fühlen, dass sie selbst sich waren nicht gelungen.

War’n vielmehr - nun - sich selbst dabei Marionetten,
was mir erlaubte, immer klarer dies zu fassen:
Dass wir sind alle - alle! - unsre eignen Ketten,
in denen wir als frei: verantwortungsbegabt verblassen.

Wir sind nicht frei, nicht gut; auch keine Würdeträger.
Und folglich ohne jede eigne Daseinsschuld.
Sind vielmehr völlig willenlose Stoffableger …
sich eitler Hybriszwang in unsrem blinden Ratio-Kult.

Schäbige Tage (04/74), geschrieben am 3.9.2003, Prosagedichte S. 311

Es gibt Tage, 
die sind noch schäbiger
als die gewöhnlichen;
z. B. die Tage,
an denen man begreift,
wie trivial und wesenlos 
die kapitalistische 
Exstenz ist.
Am schlimmsten freilich 
sind die Tage, 
an denen man 
- über jenes hinaus - 
auch noch begreift,
dass es gar nicht 
anders sein kann,
nicht eine Alternative 
zur Marktgesellschaft gibt 
(sie ist dem Menschen
wesenskonform) …
Es sei denn, man wollte -
verantwortungslos,
weil ideell - auch aus
Gründen der Selbstbeweihräucherung -
vom Sozialismus,
seiner Gerechtigkeit
und seiner Erlösungspotenz
träumend:
der Sozialismus ist indes
nichts weiter als eine 
Intellektuellenschimäre …  
und angetrieben vom Hass
auf diesen 
verwahrlosungsträchtigen Nihilismus
der Wohlstandsgesellschaften  -
alles bloß noch 
unerträglicher machen.

Wir Heutige - In sich selbst hilflos gefangene Daseinsschauspieler, 
geschrieben/phantasiert am 13.6.2026/Sonett (04/75)

Gefühlen und Affekten lebenslang verzwungen,
ist’s schwer für uns, uns vor uns selber zu bewahren,
doch täglich schierer Zwangsausblendungssucht gedungen,
damit wir uns als Ich-Schauspieler nicht erfahren.
Oft sind wir so als Halbwahrheit uns nur gelungen …
Ein uns durch Bipedie ermöglichtes Gebaren, 
gehirnentwicklungsträchtig dann uns ausbedungen 
als Überlebensstrategie sozialer Scharen.

Auf diese Weise sind notwendig wir geworden 
- und zwar primär, weil über Sprache wir verfügen -,
ein Glied von wertbedürftigen Verblendungs-Horden,
das nicht verzichten kann darauf, sich zu verbiegen:
Sich selbst zu täuschen, heute: spaßsiech zu verorten,
um Leere, Sinnverlust, Alleinsein zu besiegen.

Müde (04/76), geschrieben 2008, Prosagedichte S. 49

Ich will 
jetzt endlich 
schlafen gehen.
Passiert eh 
nichts mehr.

Morgen kommt
das Gestern wieder;
die Tage sind 
völlig identisch.

Zu hassen gibt es nichts.
Zu lieben gibt es nichts.
Zu sagen gibt es nichts.
Zu verschweigen gibt es nichts,

Längst bin ich auch
mir selbst abhanden 
gekommen …
im Vollzug meiner selbst
als Diener 
der alltäglichen beruflichen
Herausforderungen,
des Meisterung 
sozialer Kontakte
- beruflicher wie privater;
der üblichen 
Zwänge und Gewohnheiten
wie Einkaufen, Sport machen
und der Förderung der all dem 
als gesellschaftliches Ziel dienenden
konsumistisch-hedonistischen
subjektiv entfesselungsbeglückenden 
Wohlstandsorgie 
psychoethischer Verwahrlosung 
und geistiger Substanzlosigkeit.

Bekenntnis eines geistgesteuerten Egoisten (04/77), Prosagedichte S. 53/Änderung vom 14.6.2026

Ich lebe in Sicherheit vor staatlicher Willkür, bin materiell ausreichend abgesichert,
darf auf ein leidliches Funktionieren des Rechtsstaats zählen: mein Meinung sagen,
meine weltanschaulichen Überzeugungen und Illusionen zum Besten geben
und meine subjektiven Daseins-Präferenzen und auch Flausen ausleben,
wie etwa meinen völligen Rückzug aus der Gesellschaft in eine geistige Einsamkeit,
um Gedichte hervorzubringen und mich zu schützen vor den Gefahren 
dieser Gesellschaft, ist man ihr sozusagen wohllebenshörig auf Dauer ausgeliefert,
Gefahren wie etwa: Subtile Außenlenkung, Zeitgeisthörigkeit, Selbststeuerungsverlust
Ich bejahe daher die vorherrschenden politischen, ökonomischen, gesellschaftlichen,
sozialen und pseudokulturellen Verhältnisse, eben weil ich an all dem nicht teilhaben muss:
Ich fühle mich von den konsumkapitalistischen Verhältnissen also nicht unterdrückt
und stehe auch dann noch zu seiner formalen Demokratie, obwohl die Gefahr besteht,
dass sich die von ihm dominierte Gesellschaft hin zu einer Art Verpöbelungslüsternheit 
entwickeln könnte mit auch politisch-rechtlichen Konsequenzen. Ich bekenne mich daher auch zur Fiktion einer multioptionalen Gesellschaft - Ausdruck eines ideologischen 
Subjektivismus, den ich so auslege: Der Kapitalismus nimmt den Menschen so wie er ist:
Er ist ein Pleonexie-Knecht, die allermeisten Menschen sind Pleonexie-Knechte und 
unterscheiden sich also diesbezüglich nicht; sie, die Menschen unterscheiden sich aber - doch genetisch-herkunftlich bedingt - darin, dass sie, obwohl an der Wurzel gleich seiend: 
Pleonexie-Spielbälle, sehr verschiedene Vorstellungen davon haben müssen (man kann sich sich selbst nicht aussuchen, ist unabänderlich lebenslang an sich selbst gekettet), was für sie
ein gelingendes Leben wäre … Und diesbezüglich liegen  die Vorstellungen der Menschen doch weit auseinander, sind ihre Wünsche und Träume sehr verschieden, je nach ihren individuellen Möglichkeiten; und das eine recht triviale Einsicht: Man kann sie schon früh 
auf der Straße erwerben und leicht begreifen.

                           *

Ich spreche aus mich für, ich akzeptiere, 
ich anerkenne, wende mich nicht gegen?
Ja, wie denn nicht,  wenn dieses Leben heute 
ein seinem Ich doch längst entglittnes ist:
Entwendet wurde ihm, es sich zu formen
als selbstentfremdungslüsterne Genussmonade,
die bis ins Mark sich als konformer Kunde hisst,  
damit es ständig nach Entlastung giere,
sich selbst nur gaffe an auf allen Wegen,
um so zu machen sich zur austauschbaren Beute,
als die es nicht sich selber dann vermisst
und willig folgt nur noch den Zeitgeistnormen.

Also weiter: Ich akzeptiere die Perfidie, Schauspielerei, Phrasenmythologie und auch die nicht selten zu beobachtende Charakterlosigkeit der Kleinhändler mit dem Grundgut ‚Macht’, angetrieben von dem menschlichen Wesenszwang, nach dieser zu streben; obwohl diese oft nur die (Schein-)Wahl zwischen Vergehen, Versagen und intellektueller Korruption zulässt (diese Korruption ist das kleinere Übel; indes Vergehen und Versagen im Extremfall zu Kriegen führen können). Überhaupt: Macht hat nur der, der fähig ist, sie, die Macht, über sich selbst – und zwar radikal – auszuüben; weswegen er freilich nicht frei ist, sondern nur eben machtbegabt, weil die Macht nicht ihn hat (gängelt), sondern er sie rational-interesse- und faktenkonform besonnen auszuüben vermag (ob immer so, sei dahingestellt). 
Überhaupt - ich wiederhole mich jetzt nur - anerkenne ich das Streben nach Macht,
Ehre, Reichtum, Genuss und Selbstwertsteigerung als pleonexieimmanente Fundamental-antriebe des Wollens und Handelns durchschnittlicher Menschen: Sie sind unfähig zu welcher Form von Autonomie auch immer - nicht weil sie schwach, schlecht, übelwollend, korrupt, 
charakterlos usw. wären, sondern deshalb, weil ein freier Wille uns nicht gegeben ist:
Wir sind seelenlose Materiegebilde und als diese gehirngesteuert determinierte Marionetten.
Und eben dies den Menschen vorzuwerfen, erscheint mir als unangebracht, ja: lächerlich.
Ich selbst z. B. anerkenne für mich jene Tatsache als unumstößlich: Ich bin, wie andere Menschen auch, sozusagen ein Büttel meiner mir genetischherkunftlich zu gewürfelten
Entwicklungsmöglichkeiten.

Ich wende mich - weil etwa von intellektuell-geistiger Hybris verführt - nicht gegen die Pleonexie der sogenannten Massen (schon weil ich aus ihrer Mitte stamme und bis heute eine völlig irrationale Verbundenheit mit ihnen empfinde); und auch deswegen nicht, weil Wohlstand pazifiziert, meint: Wohlstand ist ein Garant für Frieden (wenngleich auch ein Garant für massive Realitätsverluste), er hemmt den Hass und den Neid auf vermeintliche Ausnahmen, wie etwa den ideologiefreien, existentiell souveränen und wertperspektivisch faktenorientierten Geistmenschen … ist ein Garant dafür, dass sich diese Ausnahmen  zurückziehen können in Nischen ungestörter geistiger Entfaltung, Selbständigkeit und Isolation. Kurzum: Die Wohlstandshysterie begünstigt indirekt meine eigenen Interessen:
Ideologie- und Ideal-Ablehnung (weil völlig illusorisch), Gesellschaftsmeidung (weil ich von deren, der Gesellschaft, sich immer mehr verlierendem moralischen Kompass unberührt bleiben will: Diese Entwicklung muss man hinnehmen, bekämpfen oder gar aufhalten kann man sie nicht) und: Selbstschutz; etwa vor der hysterischen Empörungssucht und weltanschaulich bedingten Verlogenheit von Parteien, Medien und sonstigen Quellen des permanenten Aufwühlens sensationsgieriger Innenwelten.   
Kurzum: Ich nehme die heutigen westlichen Gesellschaften als die, die sie nachweisbar sind, ohne der Illusion zu erliegen, man könne sie - was, verfiele man dieser Illusion, letztlich zu bewerkstelligen wäre - vor sich selbst bewahren; das kann man nicht: Die heutigen westlichen Gesellschaften sind Verfallsgesellschaften, die sich politisch, rechtlich, sozial, technisch-ökonomisch und vor allem kulturell selbst ruinieren werden - das ist ihnen sozusagen „in die Wiege gelegt“: als das Virus der Selbstverohnmächtigung und, daraus sich ergebend,
der radikalen Selbstabschaffung.

So bin ich denn auch für Trivial-Effekte, Verknechtungs-Euphorie, Körper-Verheiligung,
das Aufreizungs-Potential manipulierter Texte und Bilder, für Gefühle und Affekte steuernde Rock- und Pop-Musik, Schlagerkonsum und Regenbogenpresse … überhaupt für die Anhimmelung von Stars jeder Art, von Adelsfiguren zumal … kurzum für jede Form 
der Sentimentalisierung, Euphorisierung und Verspaßungszufuhr als flachpsychisch phantasieren lassende Teilhabe an der Exzellenz von Image- und Konsum-Virtuosen.
Ich bin für Drogen, Spannungszwang, event-Verkultung, expressive Desorientierungsabfuhr, für TV-Stuss und Sportreligion.

Ich bin für metaphysische Entlastungsfiktionen, für Reklame als Bewussteinsfragmentierung und Infantilisierungstyrannei. Ich bin fürs Behelfsvögeln und verflachende Pansexualisierung des Alltags, für Selbstverwirklichungsonanie, Freiheitsverramschung und Verrichtungs-Sklaverei. Bin für gelenkte Reizzufuhr zwecks Steuerung der Verbraucherseelen.
Und: Für Enttabuisierung, Skandalisierung, Empörungsaufstachelung und Hysterisierung.
Und dann bin ich für chronische Belämmerungs-Offensiven via Medien und 
vermittlungssubtil hervorgerufener Selbstentmächtigung, wobei ich vor allem an kindische Konsumenten denke, die dadurch ein wenig Halt finden dürften. Zusammenfassend: Ich bin für einen diktatorischen Hedonismus und zugleich für Brot und Spiele.

                            *

Wie soll man’s anders denn auch schaffen,
den ganzen Nihilismuszirkus zu ertragen?
Es sei denn dadurch, nur noch selbst sich zu erraffen,
um faktisch aller Einsicht zu entsagen,
die, gewönne man sie wodurch immer auch,
entbärge einem dann dies Ratio-Mammon-Loch
als Zwang zu Hybrisstumpfsinn und Versagen, 
streng unterworfen einem Lebenslügen-Joch,
das sinnlos ist, weil zentrisch Schall und Rauch. 

Weiter: Ich bin gegen halbgebildete, weltanschaulich primitivisierende Intellektuelle,
gegen Moral- und Ratio-Gläubige, gegen gewohnheitsmäßig betroffene Filigran-Sensible
und Verbalsubversive, gegen naive Idealisten, Unsinn redende Weltverbesserer.
Ich bin gegen machtgierige Schwachstrom-Amazonen und großkotzige Macher.
Ungehalten spreche ich mich aus gegen political correctness, gegen Pfaffen, Gurus,
Sektenverwirrte, Vorsehungsbeauftragte, gottestrunkene Wahrheitspächter und 
alle Arten von Beglückungsneurotikern, Psychenkontrolleure und Phantasielenker.
Und dann bin ich auch gegen Utopisten, Jenseitserweckte und Leerformelschieber.
Ich spreche mich ohne Wenn und Aber aus gegen die Lügen und den Missbrauch
betreffend Toleranz-, Gleichheits-, Freiheits- und Multikulti-Geschwafel, gegen jede Form der Pseudo-Ethik als machtstrategische kratische Vergewaltigung … protestiere gegen die Elitisierung und Absolutsetzung der Parteiengewöhnlichen,also der Durchschnittlichen und Gedankenlosen als nach oben gespülten geistig impotenten Verstandes- und Handlungs-Armen. Zuletzt - noch einmal -: Ich begrüße die die Innenwelten kasernierende Markthörigkeit, das tauschimmanente Zwangskonformieren zum standardisierten Selbstverzehrer … lobe alle kapitalistischen „Leute-wie-Du-und-Ich“- Ideologen.
Und warum? – Aus Egoismus … Um radikale Bestrebungen daran zu hindern, das Land schon in den kommenden drei Jahren in ein politisches Fiasko zu führen.

Indes: Nicht, dass ich glaubte, jetzt etwas gesellschaftlich Tragfähiges gesagt zu haben,
nicht dass mir nach narzisstischer Selbstbeweihräucherung, nicht dass mir nach 
irgendeiner lächerlichen Art von angemaßter Vollendung wäre, nicht dass ich 
gierig wäre Selbstbetrugsgutsein, nach Revolution, seelisch-moralischer Katharsis,
nach mich von mir selbst faszinierendem Selbsterhöhungsdrang.

Mir geht es lediglich um die wenn auch bereits jetzt schon sehr fragile Bewahrung von Recht und Freiheit, von Wohlleben und gängigem Pseudo-Individualismus in den kommenden drei bis acht Jahren bis zu meinem Tod (so schätze ich), eine Bewahrung, die mir jetzt im Jahr 2026 gerade noch - vielleicht naiverweise - als möglich erscheint, sodass sie mich, der ich mir das ichsüchtig-hoffnungsumflort immer wieder vorgaukle, trotz der freilich längst bröckelnden: unwiderruflich zerfallenden Herrschafts-, Gesellschafts-, Wirtschafts- Kulturverwahrlosungs-und depressiv-neurotischen Psychenverhältnisse meines Landes mich würden noch tragen - retten - können bis 2034 (ich gehe fest davon aus, dann spätestens sterben zu dürfen) … ich also würde gerade noch vermieden haben die dann unweigerlich folgenden deutschen - schwerwiegenden - Verwerfungen erleben zu müssen  … heißt auch: nicht noch die Erfahrung eines Krieges machen zu müssen. 

Also: Après moi le déluge! … Und wenn mich Kindheit, Herkunft, die  Konsumschlaraffe ab den 1950ern und ihre Auswüchse bereits ab den 1960er Jahren, vor allem dann die folgenden Jahrzehnte etwas schmerzhaft-eindringlich gelehrt haben, dann dies, dass man als faktisch bis in den Kern seiner Existenz vereinsamter Systemabklatsch in der Tat Me. Pompadour wird zustimmen wollen: „Nach mir die Sintflut!“

                   *

Was nicht bedeuten soll,
dass ich das wünschte 
für meine so geplagten,
hilflos selbstgefangnen
Artgenossen.
Das wäre schäbig,
wäre eines miesen
Dummkopfs Groll,
dem Geist sich, Einsicht,
Mitleid, Urteilkraft 
versagten. 
Ich deute an: Es ist
die Hoffnungslosigkeit,
die mich schon immer
hat mal heimgesucht:
Grund? Das von uns selbst
uns oft schon an getane Leid.
Und das, das wurde 
schleichend schlimmer
in dieser Waren-Kunstwelt-Sphäre,
die doch moralisch ist 
so tief verrucht …
Konglomerat von Ichsuchtschimmer,
von Hybris- und Narzissmus-Kult …
Zumal wir unfrei sind 
und ohne jede Schuld,
sind ohne Würde, Mitleid …
und oft auch ohne jede Ehre.

                            *

Ob eine Einheitswirklichkeit sich noch lässt fassen?
Ich glaube nicht. Verfiel sie doch in Perspektiven,
subjektivistisch-anonyme Marktzwang-Apokryphen,
in denen Ich, Person und Selbst doch unbemerkt verblassen.

Mit der KI wird jede Einheit auf sich lösen,
sodass Begriffe werden gar nichts mehr besagen.
Es werden fremdbeliebig alle objektiven Lagen,
besagungslos zumal auch alle Daseins-Größen.

Und das erfordert eine straffe Allmacht-Diktatur,
die das, was sein soll, gelten oder auch dann umgekehrt,
wird all-verbindlich dann brutal erzwingen müssen.
Und zwar als eine Jenachdem- und All-Präsenztortur,
um ihre Macht, sich selbst und Barbarei zu küssen.

Und was bedeutet das für homo sapiens dann zuletzt?
Das bisher Ausgeführte ist nicht zu verstehen!
Nun ja: Die Art wird an sich selbst zugrunde gehen.
Weil technisches Genie notwendig ins Verderben hetzt.

                               *

Was mag er letztlich wollen mir bedeuten,
dieser so sanft mich streifend laue Sommerwind.
Ich kenne ihn sehr gut, trug er doch’s Glockenläuten 
durch meine Seele, mir, dem noch ganz kleinen Kind.

Er wird mich - so wie damals - wollen trösten,
dass ich - ein Greis jetzt - werd bald sterben müssen.
In jener Kindheit machte er, dass auf sich lösten
der Kinder Spottsuchtfüllen in Verwehensküssen.
 
Wahrscheinlich will er mich noch mal an Gott erinnern,
- den ich als Geist-Fiktion so oft bezeichnet habe -
weil der mich hätte retten können aus den Trümmern
der Daseinsnichtigkeit und dieser Auflösung im Grabe.

Indes genügt mir, was mir immer wieder schenkte
der Wind, dem letztlich alle meine Liebe gilt,
weil er mich lebenslang durch seine Böen lenkte;
mir Heimat, Rauschgehege, Leidensabwehrschild. 

                      *

Wer hat schon Macht,
die nicht Verführung ihm auch wäre?
Ihn also irreleitete ganz sacht,
vielleicht sogar in eine Todeszähre.
So geht es allen Diktatoren.
Und so wird’s auch 
im Falle Chinas sein,
das letzte Weltenmacht sein wird.
Ein Reich, das jetzt schon hat sich 
an KI verloren,
in deren technischer Vollendung
ein Verderben girrt;
ich nenne es des Homo sapiens Fähre
in eine künstlich provozierte,
in eine intellektgewirkte Leere,
zu der auch der Verlust wohl führte:
Gott- und Natur-Verlassenheit …
als metaphysisch-geistiges,
verblendungsresistentes Seins-Geleit.


 

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