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Unvereinbare Seinsweisen (32/1)
Wenn du nicht witzig bist und Nettigkeiten streust
vor diese hochsensiblen Egoisten,
nicht mimst als Gleicher dich doch unter Gleichen,
du ihre Mittelmäßigkeit und Hybris scheust,
weil du durchschaust das Inszenierte,
dass sie sich selbst, weil seelisch tot, ausweichen,
erfasst das Aufgesetzte und Verlogene,
das Kalkulierte und Verzogene ...
du ihre Tugendphrasen auch nicht wiederkäust,
gar ihnen sagst, sie seien Marktstatisten,
dann offen zeigst, dass du sie tief verachtest,
weil fad sie seien und gewissenlos blasiert,
noch arroganter als du eh schon dachtest,
dann wirst du aggressiv gemieden,
störst du doch Stumpfsinn und Narzissten-Schwall,
entblößt die Fakten-Flüchtigkeit von Nieten.
Entgrenzungsgier und Innenweltzerfall.
ZINSJA (77)/Zurückweisung (32/2)
Ich bin nicht interessiert an Ihnen.
Zumal mir selber doch genug.
Ich will nicht Ihren Ich-Beständen dienen.
Zu misstrauisch. Zu kühl. Und auch zu klug.
Was könnten Sie mir geben denn an Glücken?
Die ließen mich gewiss doch ziemlich kalt.
Ich will mich nicht mit Du bedrücken.
Weil’s nicht mehr taugt als Halt.
Die Liebe? Nur ein Korb von Illusionen.
Event, Romantik. Selbstreklamedreist.
Sentimental mag man ihr fronen,
damit da keine Einsicht reißt:
Die in die Tiefe dieser Existenz.
Denn die ist ohne Wert und Sinn,
ist Phrasen-, Lust-, Konsum-Potenz.
Entlastung ohne Selbst-Gewinn.
Heutige Gesellschaft (32/3)
Sie gibt sich nur noch mit sich selber ab.
Mit Zahlen, Werten und Verbraucherlüsten.
So ist sie permanent auf Trab,
sich widersprüchlich aufzurüsten:
Die Werte werden mehr und mehr gebrochen.
Auch weil die Zahlen steigen:
Da wird Erlösungsrausch versprochen,
Verwahrlosungsentkräftung sich zu neigen.
Das Schicksal aller Dekadenten:
Sie können sich nicht gegen sich mehr wenden.
Freiheit (32/4)
Freiheit? Wunderbarer Wahn.
Niemand, der sie hätte.
Jeder zerrt auf eigner Bahn
immer nur an seiner Kette.
Bis zu seinem Ende hin.
In sich selbst gefangen.
Zufallszwangslauf ab Beginn:
Ichsucht, Amoral,
verdrängtes Bangen.
Unfrei ist das ganze Leben.
Freiheit tranceverfügte Illusion.
Weltgesteuert muss man streben.
Ausgeliefert ihrer Fron*.
Enttarnungen (32/5)
Enttarne mir doch immer mehr
gedeutete Erinnerungen:
Sie täuschen: Euphemismen* der
alltäglich rohen Niederungen
des Menschseins, das sich doch nur misst
nach Trieb- und Ratio-Wucherungen.
So liest man’s, wenn man redlich ist.
Am Ende liest man noch sein Lesen:
Dass oft Betrug es war, Verdrängen, Lügen.
Die Helfershelfer sind gewesen,
um wunschgemäß sich selbst zu fügen.
In andern unerkannt misslungen.
Fiktionen-X als Trance sich hehr.
*Euphemismus: „Hüllwort“; z. B. statt „sterben“ „verscheiden"
Erinnerungen an Ernesto "Che" Guevara (32/6)
Revolution und Tugendideale
Voilà des radikalen Intellektuellen
politisch-ethische Erkennungs-Male.
Meist endend in Geheimdienstzellen.
Ihn trieb der Wachtraum von gerechten
Verhältnissen der Solidarität.
Die es dann irgendwann auch mit sich brächten,
Pleonexie zu meiden, Hunger und Gebet.
Der Neue Mensch sollte das leisten.
Doch wer der wäre, hab ich nie begriffen.
Ich glaubte an den alten, stets entgleisten.
Und der ist Niedertracht verschliffen.
Psychenböden (32/7)/Sonett
Ich werde sie für nichts geschrieben haben.
All die Sonette, die ich noch mal sichte.
Sind sie primär doch kühle Selbstgerichte,
die rücksichtslos an unsren Kernen schaben.
Und offen legen mir dann solche Gaben,
die sich verstecken in der Seele Dichte,
weil sie auch noch das amoralisch Schlichte
versiert doch können leicht ins Helle graben.
Für nichts? Was rede ich da! Sie zu schaffen
als dichterische Selbstenträtselungen,
gewährte Einsicht mir durch Geisteswaffen
in sapienstypisch dunkle Niederungen.
Die, blind vor Ratio-Hybris, deuten Affen
als Würdeträger sich zuletzt gelungen.
Privilegierter Ausweg (32/8)
Über einen Kamm gescherte,
alle wir, Sozialmonaden.
Trotz Genuss von Gram beschwerte
Sucher ohne Daseins-Faden.
Wühler in diffusen Träumen.
Dort ihr Wesen zu erhaschen …
rational sich so versäumen …
unterworfen Werttrugmaschen.
Bleibt nur, ohne Zweck zu leben,
geistig mithin auszurichten.
Gibt es doch nichts zu erstreben,
was Gehalte würde schichten …
würde man nicht müssen fassen
auch als Selbstaufgabeposse:
Immer wieder sich verprassen
tauschsakraler Tugendgosse.
Wahrheitsgemäß II (32/9)
Ich brauche keine Machttrug-Tiefen.
Und keine Tugendoberflächen.
Was also soll ich, sag, mit dir besprechen,
doch ausgeliefert Marktzwangoffensiven;
perfidem Zeitgeist ausgeronnen.
Dem platten Sosein, das nichts taugt,
wiewohl man gierig an ihm saugt
durch Dauerproduktion von Waren-Wonnen.
Ich warne dich vor mir. Du machtest keinen Stich.
Ich risse dich in alltagsferne Sphären,
in diesen geistig dich dann zu belehren,
dass wir nichts weiter sind
als jenes Soseins Spielball-Ich.
ZINSJA (109) (32/10)
Halt ist nirgends.
Es sei denn,
man hat das Glück,
die paar Illusionen,
an denen man ihn festmacht,
nicht zu durchschauen.
Ich hatte
dieses Glück nicht.
Depersonalisierungszwänge (32/11)/Sonett
Zerstört sind alle Selbstverständlichkeiten
in dieser Tauschfarce ohne Hochkultur.
Die Einzelnen sind auf sich selbst verwiesen,
sich Wertverfallsentschämung anzupassen.
Und völlig außerstande, sich zu leiten,
gar zu erwehren dieser Psychenschur.
Zumal sie sollen grenzenlos genießen,
ihr Dasein, Lust verschrieben, zu verprassen.
Das ist das Ende aller Psychen-Halte.
Der Ausverkauf auch aller Selbstbestände.
Auf dass systemkonform man sich entfalte,
sich selbst verwahrlosungserpicht so schände …
Als ruinös anom gewissenskalte
Verbraucher kalkulierter Rausch-Momente.
Gegen die Freiheit des Willens (32/12)
Wir können deshalb schon nicht frei entscheiden,
weil wir doch nur in groben Zügen ahnen
das Selbst- und Welt-Geschehen, deren Bahnen
sich heutzutage so komplex verzahnen,
dass wir sie faktisch anonym erleiden.
Sie gar nicht fassen können, sondern gleiten
entlang nur einer der diffusen Seiten,
die sich uns bietet, uns ihr anzuahnen.
All unser subjektives Tun und Lassen
ist fremdgesteuert durch Globalgeschehen.
Das längst sich selber ist nicht mehr zu fassen.
Das heißt, dass wir an Wahngebilden drehen,
wenn wir uns Selbstbestimmungstraum verprassen.
Was freilich tröstet, lässt’s doch Sinn aufwehen.
Bald hinter mich gebracht (32/13)
Was will ich mehr?
Fast hab ich’s überstanden
dies Waren- und
dies Daten-Meer.
Von Machern
und von Spekulanten,
von Macht-Schauspielern
und gelenkten Massen,
von Seelen-Dealern
und von Tugendblassen …
Und die paar Jahre,
die mir übrig bleiben.
die werd ich
auch noch überstehen.
Bevor die nach mir
ins Fiasko treiben
und haltlos
vor die Hunde gehen.
Politische Illusionsträger (32/14)
Doch Gramhort eines Ich-Verlieses,
meist Niedertracht und Korruption gelungen:
Dem Hang des Durchschnitts,
sich zu überschätzen …
Macht, Ehrgeiz,Hybris und Verblendungsraffen
sich plattnarzisstisch einzuweben,
erscheint’s mir angebracht,
zu sagen dieses:
Man ist nun mal sich selbst gedungen,
verheddert sich in eignen Psychen-Krätzen,
maßt sich nur an,
sich selber frei zu schaffen …
Ein Kreatürchen eben.
Und zwar ziemlich mieses.
Wie es gewöhnlich um uns steht (32/15)
Ich mache mir da gar nichts vor.
Das Beste bleibt auf Rand verwiesen.
Herrscht doch der ichgeplagte eitle Tor,
den andre Toren mit nach oben stießen.
Geriert sich Durchschnitt als Elite.
Von seinem blassen Selbst geschunden.
Es ist die Eitelkeit der Niete.
Schaumschlägerei und Ehrgeizzwang entbunden.
Der Drangsal dumpfer Kernbefehle:
Zu gelten, auszustechen und zu überragen.
Halluzinierend, dass man so sich wähle
und fähig sei, sich als Person zu wagen.
Monomanie der geistig Armen (32/16)/Sonett
Zu glauben, dass es auch um mich hier ginge,
das wäre kindisch und naiv gedacht.
Zumal ich bin in eine Welt verbracht,
die kaum noch regeln kann die großen Dinge.
Als ob sie müde einem Traum nachhinge,
von dem sie ahnt, er wird verglimmen sacht,
schon weil man übersah der Fakten Tracht,
verlor sich selbst in einer Tugendschlinge.
Zumal man Mühe hat, komplex zu denken,
sich lieber einlässt auf Moralgefüge,
um sich gesinnungshehr bequem zu lenken.
So ignorierend, dass man sich belüge,
um nicht zu sehen, dass man an den Tränken
der Barbarei kennt keine Tugendsiege.
Freizeitbefehle (32/17)
Vergnügen, Sex und Alkohol.
Erregungsdrastisch und vollzugsformal.
Nach Zeitgeistzwängen inszeniertes Wohl:
Entfesselungswirrsal.
Erfahrungsarm erlebnisintensiv
nur wiederholtes Gleiches,
das drastisch oberflächentief
Kommandokult ist eines Lustpflicht-Reiches.
Und das ist sinnlos; muss es sein.
Da nippt ein Ich an provozierten Glücken.
Auf sich zurückgeworfen, ganz allein,
entlastungsdumpf sich zu berücken.
Lückengedicht (32/18)
Obwohl du sollst nur eine Lücke füllen,
will ich mich auch um dich bemühen.
Auch du sollst künden von den Stillen,
die mein Bewusstsein stets durchziehen,
mir Kunde geben von dem Weltgeschehen,
von dem auch ich ein Knecht doch bin:
Doch seine Kerne drastischer kann sehen:
Dass es sich dreht Verderben nun wohl hin.
Auch Opfer freilich von Bedarfsfiktionen:
Stets doppeldeutig-bodenlosen Werten.
Um Selbstbetrug und Ideal zu fronen
mit lügenträchtigen Polit-Gebärden.
Nun: Ideale zwecks Entlastung brauchen wir.
Doch sie zu leben, sind wir außerstande.
Schon weil uns treibt die Selbstsucht-Gier …
Sind wir doch weiter nichts als Stoffgebannte
Starsystematische Substanzlosigkeit (32/19)
Intellektuell dumpf, narzisstisch,
technodionysisch, behelfslüstern:
Entlastungshungriges Ausleben
eines Kommando-Hedonismus.
Effektsucht-Idolatrie
mittels selbstwahndrastischer
Stakkato-Motorik und
reißerisch tobender Bedeutungsstarre.
Hans Castorps Humanitäts-Utopie (32/20)/Für Thomas Mann
(„Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken“, Thomas Mann, Der Zauberberg, S. 679, Fischer-Verlag, 8. Auflage 2010)
Nicht einer könnte davon leben:
von Güte, Liebe und von Menschlichkeit.
Es ist uns nun mal keine Existenz gegeben,
die wäre ohne Hass, Gewalt und Widerstreit.
Humanität? Ein Traumgefüge,
weil wir an sich zu ihr nicht fähig sind,
verwiesen lebenslang auf Trug und Lüge,
auf tröstenden Moral-Absinth.
Notwendig müssen wir zerbrechen
grad an uns selbst: Dem Ratio-Affen.
Orgiastisch willenlos uns Stoff verfügt verzechen,
von Zufallslaunen so geschaffen:
Dass letztlich wir nur sind Verhärmungsblässen,
Natur entlaufen, Untergang geweiht.
Bedürfnisradikal uns dirigierte Angst-Ivressen*
und Leib-Gebresten-Scheit.
*ivresse franz.: Trunkenheit, Rausch, Begeisterung
Bedenklicher Ratschlag (32/21)
Im Kampf um’s gute Leben, kleine Leute,
wird man euch, fürchte ich, bald deklassieren.
Die Armutsgrenze werdet ihr berühren
und, wenn ihr Pech habt und ich’s richtig deute,
auch streichen um die Innenstadtgebäude,
um ein paar Euro bettelnd zu kassieren.
zumeist euch auch in Alkohol verlieren …
Zählt nicht auf Rücksicht, Mitleid: ihr seid Beute.
Ich stehe, Teil von euch, auf eurer Seite.
Obwohl wir nichts mehr uns zu sagen haben.
Dennoch mein Rat - prekär; wir wissen’s beide:
Lasst euch nicht einfach passiv untergraben:
Schafft euch die Freiheit dieser innren Weite:
Dass Not-Gewalt kann schaffen Daseins-Waben.
Resigniertes Aufbegehren (32/22)
Ich will mich freilich nicht zufriedengeben
mit Surrogaten, die der Markt mir produziert:
Mit Waren, Lüsten, Kicks und Psychen-Beben,
in denen man sich als Verbraucher dann verliert.
Nach Sinn indes muss ich gewiss nicht fragen
(denn einen solchen gibt es nicht).
Ich muss aus eigner Kraft mich durch dies Leben führen.
Und das, das hat nun mal kein metaphysisches Gewicht.
Ist nichts als hedonistischer Vollzug.
Als Sog von konsumtiven Kult-Belämmerungen.
Ist ökonomisch grundgelegter Selbstbetrug,
mir anempfohlen von Millionen Zungen.
So bin ich letztlich hilflos angewiesen
allein auf folgenlose Geistestätigkeiten:
Die freilich helfen mir, mit allem abzuschließen,
so dass ich mich nicht nur als Umsatzgröße muss erleiden.
Hoffnung des Alternden (32/23)
Seit einigen Jahren schon
registriere ich
die sich mehrenden
Symptome
meines physischen
Niedergangs,
kindisch mich
zugleich
an die Hoffnung
klammernd,
der geistige
werde nicht
entsprechend
folgen.
lallungsverfeigt (32/24)
pseudogeläutert
verkehrungsstur
so friedliebend
wie zündwegsam
deutschpfäffig
neben aller
realitätssinn-
verweigerung
phrasenberlinerisch
die anbiederung,
spracharm tölpend
am Hindukusch.
Sehnsuchtssterben/Für homo sapiens bambergensis (32/25)
Und bis zum Ende werd ich manchmal gehen
zum alten Parkplatz, nah der matten Neonlampe.
Wiewohl versoffen, krank: Gekrösepampe*.
Ein Wrack, das träumt, dein Staubgedicht noch mal zu sehen.
Dich selbst, dich ferner Tage Haltversprechen:
Das eines Traumes Singsangtiefenlied.
Die Schönheit deines Körpers mir zu brechen
aus was nur meine Sehnsucht sieht.
Trotz längst verschwommener Erinnerungen.
Wohl wissend, dass ich phantasiere
Schimären, der Vergänglichkeit entrungen,
auf dass es meine dünne Seele rühre ...
Ich rufe so herauf dein Angesicht,
noch jung und zart und makellos.
All das bezeugt mir jenes fade Neonlicht,
von deinem Glanz betört, mir gaukelnd Daseinsfloß.
Gefühlsromantizismus und Verklärungskinderei?
Gebrochner Popanz eines schon Senilen?
Mag durchaus sein. Doch auch ein Schrei
nach Sinn in deinen Leib-Asylen.
*Gekröse: In meinen Gedichten immer: Ein Stück Fleisch
SMS (41)//Zufällig aus einer Papierhalde gezogen (32/26)
Die Trauer-Moiren zerlosen
zuletzt nun auch
die platonische Metaphysik,
überdrüssig
der Idee des Guten
und ihrer evolutionär
zuschande gedeichselten
Folgenlosigkeit.
SMS (40)//Zufällig aus einer Papierhalde gezogen (32/27)
Erfahre ihn doch alle Tage,
diesen Kult der Selbstdarsteller.
Ohne Rücksicht auf die Lage.
Selbst sich schmeichelnd immer greller.
Demokraten sich zwar nennen,
freilich eher Selbstwertjäger,
die sich ichschwach überrennen:
Kaum doch kluge Wortschaumschläger.
Volksherrschaft? - Zielt auf Elite:
Maß und Mitte, Ernst, Askese*.
Weitsicht, die sich strikt verbiete
jede Utopisten-These*.
Wisse um Pleonexie*,
die des Menschen Kern ausmacht.
Kenne auch das innre Vieh,
auf Gewalt aus, Lüste, Pracht …
Sein als Nihilismus-Despotie*.
Lasse es bei Lebenslügen:
Freiheit, Würde, Glück und Sinn.
Worte, deren Trost mag biegen
auf ein bessres Leben hin.
*Askese: Vor allem Selbstdistanz
*Beispiel: Marxens Gesellschaft der nichtentfremdeten Menschen, die als solche „gut“ seien (also solidarisch, human, selbstlos usw.) und von sich aus immer das sittliche Richtige täten
*Pleonexie: griech.: Nach Gehlen, völlig korrekt, das Ineinanderlaufen von Ich-, Hab-, Macht- und Genuss-Sucht.
*Nihilismus-Despotie: Gemeint ist unser Dasein, objektiv/naturalistisch: ohne Lebenslügen, Beschönigungen, Traumtänzerei und Illusionen welchen Inhalts auch immer betrachtet.
SMS (43)/Selbstobjektivierung/
Zufällig aus einer Papierhalde gezogen (32/28)
Ich sammle alle meine Leeren,
die außen wie die innen,
um täuschungsvirtuos sie umzuschwören
zum Kehricht von Gewinnen.
Ich mach’s gerade wie die andern:
Mach Sinn, Gelingen und Erfolg mir vor,
um aus Bedrückungs-Faktenlagen auszuwandern.
Bis an das Leichenhallen-Tor.
Und weiß auch: Würd ich’s anders machen,
es auch nichts ändern würde:
Anthropomorphe Sache unter Sachen,
Bedürfnisbüttel ohne Wert und Hirte.
SMS (38)/Zufällig aus einer Papierhalde gezogen (32/29)
Eine Herde Entenschnabelsaurier
hat sich zu mir geflüchtet,
mich ängstlich beschwörend,
den Gaspreis zu drücken.
Der aber denkt nicht dran,
den Weg über Spanien zu nehmen.
SMS (34)/Zufällig aus einer Papierhalde gezogen (32/30)
Entwahnungsverzärtelt.
Orgiastik
schlürfende Nachhut.
Hemmungsumäugt
vor Argwohn,
begriffslastig auch
voraussehend
die ins Leere laufende
Kindlichkeit
wohlstandsfrenetisch diktierter
Entlastungs-
Resignation.
SMS (32/31)/Warum ich den Kapitalismus so bitter nötig habe/
Zufällig aus einer Papierhalde gezogen
Er mag anleiten zu geistiger Verwahrlosung,
zu einer emotional prägenden,
technokratisch-effektzentrischen Rationalität,
infantiler Dauererregtheit, affektiver Ausdünnung und
bombastischer Selbst-Elitisierung entpflichtungshungriger:
narzisstischer Abklatsch-Subjekte.
Er mag so die Menschen zwingen,
ihre objektive Bedeutungslosigkeit, Gewöhnlichkeit,
Desorientierung, Indolenz und fortschreitende innere Verarmung
durch marktgeformte Inszenierungen
banal-hedonistisch zu überspielen.
So ist er doch zugleich das einzige Wirtschaftssystem,
geeignet, Massenwohlstand* hervorzubringen.
Und der ist nicht nur die Klammer der Gesellschaft,
nicht nur der Garant für Frieden,
Rechtlichkeit und Demokratie, sondern auch für Glück,
Halt, Erfüllung und Sinn für Menschen, die,
würden sie dieser Illusionen beraubt,
nach und nach innerlich zusammenbrächen,
sittlich völlig zerfielen und dann einer Irrationalität frönten,
die sich auf Dauer ohne Barbarei kaum vorstellen lässt.
Und das sind die Gründe, warum ich immer wieder
auf ihn zurückkomme: Ihn, der mich trägt, versorgt
und mich meinen Einfällen und Absonderlichkeiten
ungestraft nachgehen lässt;
und der, solange er die von ihm mitproduzierten
infantil-hedonistischen Entlastungsmittel liefert,
die innerlich marodierenden Subjekte
halbwegs im Zaum zu halten in der Lage zu sein scheint.
Und auch insbesondere mich vor allen Verwerfungen
ökonomischer, politischer und rechtlicher Art
bewahren dürfte.
Das heißt, ich habe ihn,
meinen psychoethisch und geistig so destruktiven Gegner,
deprimierend bitter nötig, bin zumal in jeder Hinsicht
auf ihn angewiesen, mich wie auch immer
- dank seiner - ihm entziehen zu dürfen.
*Den freilich auch China, alle westlichen Werte ablehnend, habituell hervorzubringen in der Lage zu sein scheint. Und wenn ja, dann frage ich mich, ob dieser Erfolg des chinesischen Systems es nicht auf Dauer, zunächst untergründig, destabilisieren könnte.
SMS//Zufällig aus einer Papierhalde gezogen/
Soziale Ansteckungsgefahr (32/32)
Immer hocke ich allein hier rum.
Die ganzen Jahre schon.
Wirklich allein.
Manchmal macht’s mir sogar was aus.
Aber wenn ich mir vorstelle,
jemand wäre um mich herum,
dann ziehe ich es doch eindeutig vor,
für mich zu bleiben.
Ist ein Du doch Plage heute,
Langeweile,
statistische Monade,
bestenfalls Genuss-Ding,
Feind aber in jedem Fall
- wenn auch ungewollt -
als Überträger
des verhassten Allgemeinen,
als unberechenbares Opfer
seiner Außenlenkung:
eben der Ansprüche
des konsumkapitalistischen Universums,
die unzurechnungsfähig,
infantil, roh, ungezogen,
gierhörig und perfide machen.
Ich z. B. (32/33)
Rollenträger, Verbraucher,
Ich- und Selbstkonsument,
verhaftet dieser sanften Marktknechtschaft,
die mich steuert, enträtselt
und dann entlässt in ein kleines
unüberbietbar vereinzelungsträchtiges
Glücksgehechel.
Geschützt immerhin
vor der Brutalität des Menschen,
die doch sofort ausbricht,
wenn das Konstrukt aus gedankenlosen
hypermoralischen Selbst-Zueignungen,
somatischen Surrogaten
und materiellen Verschleierungs-Chancen
sinnmorsch zusammenbricht.
Daseins-Steuerung (32/34)
Wenn man alle diese einem tagtäglich
in seiner Ausgesetztheit
widerfahrenden Überwältigungen
wegnimmt:
Entmächtigungen, die einen zuweilen
nutzen- und spaß-radikal
von einem selbst abziehen:
Berufliche Belange,
mediale Verführungen,
Infantilisierungs-Knuten …
kurzum: die endlos durchexerzierte
konsumkapitalistische Dressur
(bis in die Geschlechtsfunktionen hinein) …
Dann begreift man,
in welch bedrückendem Ausmaß man
gehandhabt, missbraucht, ausgebeutet, betrogen
und entmündigt wird.
Aber auch,
wie willfährig und unterwerfungsbereit
man selber sich verhält
gegenüber dieser heimlich ersehnten Fadheit
einer absurd-angenehmen Daseins-Steuerung.
Ahnend zumal, dass man sich ohne sie
gar nicht mehr zurechtfände …
Selig vor Glück auch,
sich selbst in ihr los zu sein.
SMS (31)/
Zufällig aus einer Papierhalde gezogen (32/35)
Tarifexperten.
Selbst die
Glücksblasen
müssen es sein
heutzutage.
Schwartenledern zumal
vor Verwahrlosungs-Laune,
Entselbstungs-Trubel
und brosamenträger
Angebots-Lust.
SMS (27)/
Zufällig aus einer Papierhalde gezogen (32/36)
Mich selber
verdeutschend,
entmächtige ich
unwiderrruflich
Geist
und Verfeinerung.
Unschärfen grölend
ins Umgefrohte
geschichtsloser
Lachgas-Kirmes.
SMS (22)/
Zufällig aus einer Papierhalde gezogen (32/37)
Ich weiß nur,
die Stillen
rüsten zum Angriff.
Jetzt,
da genormte
Ekstasen
die Traum-Schnuller
verschmähen.
SMS (30)/
Zufällig aus einer Papierhalde gezogen (32/38)
Die Stunde schlingert
zusammenhangsmüde.
Noch Schlimmeres ahnend,
päpple ich sie
formell wieder auf,
Verzweckungs-Narkosen
an sie verfütternd.
SMS (16)/
Zufällig aus einer Papierhalde gezogen (32/39)
Die dunkelstimmigen
Zeitgeist-Sirenen
zersingen auch noch
die Rest-Psychen.
Empörungsokkult
sudeln sie nunmehr
spracharm dahin.
Engselbstlüstern
und sterilbrach.
Gewinnspiel (32/40)
Gewinnen Sie
den ultimativen Kick:
Eine computergesteuerte
sight seeing tour
durch den Vaginalkanal
einer prominenten
Porno-Queen.
Und hier Ihre Frage:
Wie viele Haare
enthält das Büschel,
das sich der Bundeskanzler
von Grau in Schwarz
tönen ließ?
Mehrdimensionale Unruhe (32/41)
So ein endlos sich schleppender Abend,
an dem man sich nicht gelingt.
Ständig wechselnd die ins Leibliche
übersetzten Ziellosigkeiten.
Mal läuft man im Zimmer rum,
mal döst man im Sessel
oder sichtet Innenwelt-Bilder-Ströme.
Mal legt man eine CD ein,
mal schaltet man den Fernseher an,
um hin und her zu zappen
zwischen euphemisierender Diskussionsrunde,
Interviews mit leptosomen* und
weiß beturnschuhten Sport-Größen
und Talkshow-Prominenz,
die sich sprachwirr ergeht in
emotionshypertropher Polit-Metaphysik.
Und bei all dem weiß man genau
(ich jedenfalls weiß es),
dass sich darin auch
die eigene Orientierungslosigkeit
und der bodenlose Stumpfsinn
der Konsumdiktaturen,
in drastisch zerrende Unruhe übersetzt,
psychophysisch offenbaren.
*leptosom: schmal, schlankwüchsig
Meine innere Leere (32/42)
Nicht dass sie niederdrückte,
schmerzte oder
intellektuell behinderte,
meine innere Leere.
Sie macht nur gleichgültig,
gefühllos und faktenluzide.
Und das ist ein Vorteil
in Zeiten zynischer Moral.
Einsamkeit ist sie gewiss,
existenzielle Einsamkeit:
Abseitigkeit. Aber auch Zuflucht:
Die Gesellschaft zerfällt.
Am Morgen des 29. August 2003;
ab ca. 7.45 Uhr (32/43)
Ich höre das Hämmern der Handwerker,
ich höre Autotüren zuschlagen,
Motoren surren,
das Holpern und Rumpeln der Lastwagenladungen;
ich höre Kindergeschrei und gedämpfte Stimmen.
Es ist kurz vor 8 Uhr morgens.
Antriebslos sitze ich vor meinem Computer.
Wenigstens ist das Fenster offen und lässt frische Luft hereinströmen.
Sie verdrängt den Wachs- und Reinigungsmittel-Geruch.
Der bevorstehende Tag macht mir Ekel.
Ich werde charakterlose Leute empfangen müssen,
korrupte Opportunisten und Schalschwätzer,
die sich gegenseitig decken,
um ihre Mittelmäßigkeit nicht allzu auffällig zu machen.
Aber es drückt auch die Sinnlosigkeit des verlotterten Wohllebens,
seine Verlogenheit, sein Leerlauf,
seine kommandierende Aufdringlichkeit und Gemeinheit,
sein passivistischer Selbst-Genuss-Zwang -
Gründe auch für die schale Bedeutungslosigkeit meiner Berufsarbeit,
lähmend,
Ekel erregend,
Gewaltphantasien provozierend.
In Kultur soll ich machen,
Wissen und Bildung soll ich vermitteln,
diese seien Grundlage kommunaler Daseinsvorsorge,
ich soll die Leute zur Urteilsfähigkeit erziehen,
sie in den Stand setzen lassen,
sich mit den gesellschaftlichen,
wirtschaftlichen und sozialen Zeitumständen,
auch den sittlichen,
vernünftig auseinanderzusetzen.
Im Konsumkapitalismus aber läuft all dies
zwangsläufig hinaus auf Verbalklamauk,
allenfalls momentan ergreifendes Verbraucher-Geraune,
inszenierte Folgenlosigkeit jedenfalls und unbemerkten Selbstbetrug.
Pleonexie,
Entschämung,
Erregungshunger
und Gewissensabbau
dominieren kategorisch die
Restseelen.
Es fehlt die faszinierende Magie des irrationalen Selbstanspruchs.
Es fehlt der Ernst gegenüber sich selbst.
Es fehlt der Widerstand gegen totalitäre Vereinnahmung
und gegen Vermittelmäßigung,
er fehlt gegen die Tyrannei des Faden,
die Herrschaft von Phrase,
Propaganda und Leerformel.
Die Führungsschichten ergeben sich schleichend
immer mehr einer
subtilen Infantilisierung und Korrumpierung,
einer sie und ihre Klientel verwahrlosenden Hypermoral
Macht kreischender Leistungsvortäuschung,
hundertbödig pseudoklug und doch von erbärmlicher Simplizität.
Affekt-Diktaturen.
Hedonistischer Utilitarismus:
Nutzen oder Lustträchtigkeit.
Mittelos.
Perfektionierungs-Neurose:
Die aufwandslose,
die billige,
die all-zugängliche,
die egalitäre Herstellbarkeit
von Körper und Bewusstsein.
Vergegenständlichung,
Veraugenblicklichung,
Versachlichte Verkümmerung,
Entwirklichung,
Entborgenheit,
Entselbstung.
Wie gerne wäre ich ein anderer;
wie gerne auch ganz anderswo;
nicht so ein überwacher Wanderer,
der zudem weiß: Es geht nur so.
Der Umstand macht doch die Gefühle;
und das, was denkt, folgt stets nur nach;
man sucht sich ewig selbst nur im Gewühle;
und hat man sich, dann höchstens brach.
Man phantasiert sich eine Welt zusammen;
doch was man trifft, das sei dahingestellt.
Man ist das Werk von vielen Ammen,
nicht einer Wahrheit auch nur zugesellt.
Bis zum bitteren Ende (32/44)
Dass es nur geistig tiefe Glücke gäbe,
das stimmt mitnichten so.
Es gibt auch die: Erotisch-asoziale Leibgewebe.
Nie kalt und nie verbraucherroh.
Sie gleiten traumverhangen durch die Stunden.
Sind zügellose Fleischgebete.
An machtbefreite Gier gebunden,
in Gott verbracht von Tyche und von Lethe.
In diesem metaphysisch dann geborgen:
Erlösungsdrogen gleich.
Vollendung ohne Sorgen
in einem leibdiktierten Drangsal-Reich.
Ach hochbegabte Unscheinbare,
komm noch mal zu mir vor dem Ende.
Auf dass sich dann auf meiner schwarzen Bahre
ein Sehnsuchtskleinod deiner Mitte fände.
Für diese: … Meine mich lebenslang gehalten habenden Existenzpreziosen/
Ein schlichtes Gedichtchen (32/45)
Katzen, Wind, Gedichte, Gott, (O)
Geist und Eros, Einsicht und (U)
Sinn für Fakten - unbedingt -, (I)
machten mir erträglich Trott,
selbst den beispiellosen Schund,
wie er heute uns gelingt:
Seelisch-geistiges Schafott,
auf dem Würde sich tut kund,
ehe sie global versinkt,
als der Tugend Markt-Komplott,
leere Formel, wesenswund,
weil grad Sapiens sie nichts bringt;
ist er menschlich doch bankrott
treibt’s schon lange viel zu bunt,
freilich weil er mit sich ringt:
unfrei ist, nur Teilchen-Schrott,
kommt zu oft auch auf den Hund:
weil notwendig sich verschlingt.
OUI, OUI, OUI, OUI, OUI und OUI:
Ein sechsfaches Ja zu einer
immer fragwürdiger werdenden Welt.
oui franz.: Ja
Der desorientierte narzisstische Zeitgenosse (32/46)
Muss sich letztlich inszenieren,
Selbstwertreiz sich zu ergaukeln,
kann nicht kompensieren,
dass längst alle Halte schaukeln,
alle Werte mehr und mehr
geltungslos verblassen …
Unverbindlich, sinnlos, leer
weichen mussten marktstreng krassen
Formen von Beliebigkeiten:
Traummohn für Effektmonaden,
die subtil frigide gleiten
durch ein Meer von Deutungsschwaden.
Sich Phantasmen zu ergieren
Drogen aus Erlebnismassen …
Spaßtrost ohne Gegenwehr.
Was mein spätes Dasein in meinem
hybrisdekadenten Land betrifft (32/47)
Obschon nur atomares Stoffgefüge:
Determinismus, Zeit, Verfall.
Zumal nie ohne Lebenslüge:
Versagenszwang als Marktspielball …
darf ich mir dennoch ohne Täuschung sagen,
dass es insofern habe sich gelohnt,
als ich es durfte geistig tragen.
Und so von Welt blieb unberührt …
von Du, Gesellschaft, Medienplagen,
von Tugendarroganz verschont.
Durch Einsichtskraft und Faktensinn geführt,
die beide haben dies betont:
Dass unterwühlen typisch deutsche Plagen
dies autoabusive* Staats- und Rechts-Gefüge,
das sich in Selbsthassmasochismus
anonym verliert.
*autoabusiv: sich selbst missbrauchend
Behelfs-Null (32/48)
Wenn jene Sehnsuchtsfluten früher Tage
zuweilen leise noch mal gottwärts rauschen,
darf ich vergessen diese fade Lage:
muss nicht geplante Ich-Vollzüge tauschen,
mir Inhalt zu ergaukeln, der sie trage …
Darf ich verlassen dieses Gram-Gelage,
wo Krüppelseelchen zur Person sich bauschen,
sich zu verhehlen ihre Daseinsplage.
Indes mich jene an Gestade spülen,
in deren Sanden Gottes Spuren weisen
den Weg zu Geistgeborgenheitsasylen,
wo niemand muss sich als Gewinner preisen,
sich allen andern überlegen fühlen,
um als Behelfs-Null um sich selbst zu kreisen.
cloaca maxima (32/49)
Was soll ich denken, wollen,
fordern, wählen?
Es ist doch nichts mehr da,
auf was man setzen dürfte,
auf was man könnte
ohne Zögern zählen…
Das Ganze ist
Effekt-Blabla
und liegt in letzten Zügen.
Ist man doch selber
sich verschollen,
vergebliches Nachinhalthetzen,
orientierungsloses Nein wie Ja,
befohlenes Ergötzen …
Enthemmende cloaca maxima*.
*cloaca maxima: Teil des antiken Kanalsystems in Rom.
Mündung in den Tiber.
Verfügte Geist-Gravuren (32/50)
Asketisch-monoman
mich dieser Welt verweigert,
das hab ich in der Tat;
hab geistig-metaphysisch
mich gesteigert,
Subjekt-Synthese ohne Rat,
Sinn, Halt … Kurzum:
Bedeutungsspuren*.
Das muss so sein,
ist’s doch ein Seins-Diktat:
Sind’s doch
verfügte Geist-Gravuren*.
*Bedeutungsspuren, soll heißen: Ich, als Geistwesen,
spure mir selbst Bedeutungen zwecks Meisterung
meiner Existenz; das aber sind keine autonomen (freien) Akte.
*Verfügte Geist-Gravuren meint: Von „genetischer Gnade“
mir zufällig geschenkte Persönlichkeits-(Geist-) Merkmale,
die mich notwendig zu dem gemacht haben, was ich mir bin:
Transzendental (vor aller Erfahrung vorhergehende)
determinierte Synthesis von Kreatürlichkeit, Ich-Selbst
(s. Fremdwörterverzeichnis), Ratio, Vernunft und Geist,
gesellschaftlich und sozial dann „fein geschliffen“,
zum Tragen gekommen, wirkmächtig.
Mittelmaß-Galeere (32/51)
Was ich höre,
was ich sehe,
lausche ab auch Zeitgeistwogen,
ist,
was ich primär verstehe,
ein Sozialraum,
krass verlogen,
sich entfremdet,
tief gespalten,
nicht mal mehr
durch Spaß zu halten …
Eine psychische Misere,
ohne irgend Werte-Kitt:
Mammon-Traum
von Machern ohne Ehre …
Macher ingeniöser Leere …
Fake-Trust von Gewissenskalten …
Mittelmaß-Galeere.
Daseinswidersprüche(32/52)/Sonett
Noch mal: So was wie Schuld, das gibt es nicht.
Sind wir doch Stoffgefüge, außerstande,
uns selbst zu fassen, gar auch frei zu lenken …
Sind Perspektiven-Träumer, sinngebunden.
Das gilt auch für die rationale Schicht,
Pleonexie-Magd bis zum Grabesrande:
Im Dienst des Körpers muss sie sich verrenken
doch Kreatürlichkeit, prekär geschunden.
Indes uns manchmal Selbstansprüche treiben,
von Stolz getragen, diesem Geist-Affekt,
nicht immer Spielball, Knecht und Tier zu bleiben.
Um dann, von Selbstverachtungsscham geweckt,
uns fraglos eine Würde zuzuschreiben,
von Ich-Abstand als Geistesbann gedeckt.
Die gegenwärtige Gesellschaft III (32/53)
Verdummt werd ich, werd ausgebeutet und betrogen.
Man speist mich ab mit leerer Worte Phrasen;
Versprechen, die wohl gar nicht einzuhalten sind.
Kurzum: Ich bin wie alle auch Parteien-Beute.
Von wem? Sozialstaatsklerikern, Ideologen,
von Kirchen, die ins Horn der Nächstenliebe blasen,
mich arrogant belehrend wie ein kleines Kind …
Damit ich ihren Machtgelüsten mich vergeude.
Indes gewöhnt, wenn’s geht, auf mich allein zu zählen
- Gesellschaft, das ist Egoismus, Fronbelang …
ein Dauerringen ohne Sinnzusammenhang,
verurteilt dazu, irgendwann sich zu verfehlen -,
um einsichtsmächtig weniger mich abzuquälen
mit Kreatürlichkeit und irgend Hoffnungs-Drang.
Grundgefühl (32/54)
Irgendwie scheint alles brüchig,
ungreifbar und doppeldeutig;
alles Gelten abusiv*;
alles zumal schwerstanrüchig,
perspektivisch gegenfreudig:
nichtig exzessiv.
Mir z. B. kann’s passieren,
dass ich Innenwelten lese,
die sich wollen selbst zerfallen,
aufgelöst zu potenzieren
ihre Zweckramsch-Zwangsaskese
internalisierter* Krallen.
*abusiv: missbräuchlich
*internalisieren: verinnerlichen
Geistige Weltflucht als Entlastungsdroge (32/55)
Dass ich spönne, sagen Sie?
Überkritisch asozial,
sei gar geistiges Verderben?
Zeigend unsre Phrenesie*,
diesen Bund von Leib und Zahl,
Sinnverlust und Seelenscherben
als Verknechtungs-Lust-Magie?
Schwerstnarzisstisch-agonal,
Sinn-Fiktionen uns zu färben?
Um es Ihnen anzudeuten:
Ich darf all dem mich entziehen:
Mich in Geistgefügen zu vergeuden,
was als Gnade mir verliehen,
mitgegeben ist von Seinszufällen:
Droge, Privileg, Entlastungsfülle,
mich nicht um mich selbst zu prellen
in den Gossen jener Gülle.
*Phrenesie: Wahnsinn
Jenseits der Farce
dieser unsolidarisch-gewissensarmen Gesellschaft (32/56)/Sonett
Mit der Gesellschaft hab ich abgeschlossen.
Um mir allein, nur noch für mich zu leben.
Der Grund? Sie ist mir fremde Selbstwertplage,
hysterisch-aggressives Dauerlärmen.
Die Menschen sind sich selber ausgegossen,
was sie ermuntert auch, sich zu erheben
zum höchsten Sein, das nichts mehr überrage,
an Tugend nicht und nicht Erlebnishärmen.
Und da ich nur noch ein paar Jahre habe,
will ich, dass das genau so weitergehe:
Ich Vorteil ziehe aus der höchsten Gabe …
Dem Einsichtsreich. Dass es mir Kräfte säe,
die mir gegeben seien bis zum Grabe:
Bis ich, erlöst, dann wieder Stoff verwehe.
Geist vs. Narzissmus (32/57)/Sonett
Bejaht hab ich mein Dasein nur des Geistes wegen,
dem ganz allein verdanke ich so was wie Halt.
Und der mir darum immer als das Höchste galt.
Zumal der Herkunft er stand radikal entgegen.
Und jetzt, im Alter, kann ich nur durch ihn abwägen,
was könne sein mir noch entlastende Gestalt,
mich zu bewahren davor, dass die Menschen kalt,
Entseelte wurden durch des Marktes Allgewalt.
Zumal ich weiß: Das Geistige ist folgenlos.
Grad dann, wenn sich Narzissmus zeigt als Barbarei,
die er im Wesen ist: An ihm ist gar nichts groß.
Er ist als reine Gaukelei gewissensfrei,
was ihn als selbstzerstörerischen Zwang legt bloß,
als wesensdorrend primitiven Ichaufschrei.
Die Verkümmerung der Volksherrschaft (32/58)/Sonett
Demokratie? Da diese Diktatur
der Waren, Formeln und der Gossenwerte,
der Lügereien unterm Tugendschwerte
des Phrasen-Ping-Pongs als Entlastungskur
auf emotionsgespickter Beutetour,
gespurt für sprachlich-geistig Ausgezehrte,
die erst das X und dann das Umgekehrte,
am Ende Z bejubeln … Von Natur!
Nicht darum geht’s, dass man sein Leben führe.
Auch nicht um Fakten mehr als Daseinsweichen,
auf dass man eine Wirklichkeit berühre,
sich selbst so nicht verliere nur an Zeichen
als Überbauprodukte einer Schmiere,
die Spaßdunstrelevanz sich muss ja eichen.
Prosafetzen (398) (32/59)
Wenn ich auch ein äußerlich ereignisloses Leben führe,
wenn ich auch, ganz auf mich allein gestellt,
weder auf Freunde noch Bekannte zählen kann,
wenn ich auch unfähig bin,
ein substanzielles Interesse
an gesellschaftlicher Normalität aufzubringen,
wenn ich auch,
es mag sich beziehen worauf immer,
nur geringes Vertrauen in meine Artgenossen setze,
wenn ich auch nicht dem flachschichtigen Optimismus
des spiel-, spaß- und phrasengelenkten Verbrauchertums fröne,
wenn ich auch auf Glaube, Liebe und Hoffnung,
wie überhaupt auf alle Ismen, nichts gebe,
wenn ich auch wegen meines ätzenden Intellektualismus
regelmäßig Neid, Ablehnung, manchmal gar Hass ausgesetzt bin,
so bin ich doch nicht den ethischen und ideologischen Idealen
der bürgerlichen Intellektuellen verfallen,
so bin ich doch nicht den Lockungen
der gängigen Wohlstands-Banausie auf den Leim gegangen,
so bin ich doch nicht den Phrasen und der Propaganda
von unfähigen, narzisstischen und
machtinbrünstig selbstverzückten Politikern
intellektuell und psychisch erlegen,
um mich am Ende selbst zu manipulieren …
bin ich doch klug genug gewesen,
meine ökonomische Abhängigkeit
von mancher provinzstädtischen Niete hinzunehmen
(auch, um meine Neigung zu Gewalt und Zerstörung
nicht zum Tragen kommen zu lassen,
also mich vor mir selbst zu schützen),
so habe ich mir doch Respekt, Distanz,
Anerkennung und sogar Bewunderung verschafft,
habe mich so vergleichsweise selten selbst verraten
und im Stich gelassen,
habe mich nicht vereinnahmen lassen
von Interessen-Cliquen, Parteien,
gewohnheitsbetroffenen Tugendsensiblen
und wohlmeinend naiven bürgerlichen Wertträgern,
habe, einen von mir selbst ungeliebten Beruf ausübend,
den gesellschaftlichen Anforderungen Genüge getan
und für mich selbst sorgen können,
so dass ich keinerlei Gründe sehe,
meine Erfahrungen zu verleugnen,
meine Einsichten zu unterdrücken,
meine Haltungen aufzugeben,
bloß um mir andere gewogener zu machen …
Vielmehr beharre ich darauf,
dass z. B. Pleonexie, Perfidie, Rohheit und Bestialität
fundamentale Tatsachen unserer Existenz sind,
darauf, dass zwanghaft und
gewohnheitsmäßig zu beschönigen,
zu verdrehen, zu verdrängen,
andere zu täuschen,
sich selbst zu betrügen und notorisch zu lügen
notwendige Voraussetzungen einigermaßen
gelingender Existenzbewältigung darstellen …
Bemerke ich wahrheitsgemäß auch dies,
dass ich, euch und mir selbst zum Trotz,
ein zeitweise herrliches,
ein geistig geradezu vollendetes Dasein
zu führen imstande war.
Momentaufnahme (32/60)
Alles wurde undurchsichtig,
hoch umstritten, ungreifbar,
scheint nur je nach Lage richtig:
Weder falsch noch wahr.
Keine Selbstverständlichkeiten
die noch wären auszumachen.
So dass sich die Psychen scheiden
in Erstarren und Verflachen.
Teils auch sich mal aufzulösen …
Fun world-Detektoren:
Asoziale Größen
auf Entschämung eingeschworen.
Prosafetzen (396) (32/61)
Na ja, ich hab die Leute
schon verstanden:
Man muss sich eben
anbequemen
auch manchmal
ziemlich scharfen Kanten,
um letztlich sich nicht
selbst zu lähmen:
Man muss da durch doch
alle Stunden,
durch dieses hochkomplexe
Marktgefüge.
Und manchmal heulen also
mit andern Hunden,
dass, was man braucht,
auch wirklich kriege.
Beobachtungen (32/62)
Die Träume sind schal.
Und die Glücke
sind’s auch: Erlebnisfanal,
sind's als Entlastungs-Hauch.
Das Dasein ist leer.
Und das ist es ganz.
Ist Fakten-Abwehr
als Selbst-Ignoranz …
Gekünstelt und seicht,
dass magisch es sei.
Auf Schübe geeicht
von Effekt-Gaukelei.
Heimweh nach Entwerdungsruhe (Trias C) (32/63)
So sehr ich auch
Sehnsucht nach dir habe -
Wärst du jetzt hier,
zerstörtest du mir
unweigerlich
diese scheue Freude,
die mir dieser stille
Sommermittag gewährt,
Wolken der frühesten
und Wolken der spätesten Tage
zusammenführend
unter der majestätischen
Indolenz blauer Vergänglichkeit.
Ratschlag II (32/64)
Lang hin! - ich will’s
dir dringend raten -
und nimm dir,
was dir zustehn soll.
Denn irgendwann
sticht auch für dich
der Spaten
ins Erdreich,
nichtend allen Groll,
des Daseins Gier,
des Daseins Bann
und schweigend auch
dich kleines Ich.
Ab hier Gedichte der Seite 69/alt
Für Mawi (32/65)
Ich hatte lange nicht an dich gedacht.
Die radikale Sehnsucht auch zu meiden
nach rauschbeseelter Körperpracht,
die alle Glücke mich ließ leiden.
Ich kam ja nie mehr von ihr los
von ihren tierischen Erlösungstränken,
die Sinn entbargen deinem Schoß,
sich als Moment-Delirium zu schenken.
Indes dein Tod lässt all das untergehen,
zwingt, zu vergessen deines Körpers Gleis
zu Stunden hin, die alle Daseins-Wehen
entwanden Zeit und Welt-Geheiß.
Ohne … (32/66)
Mir das Beste?
Worte fügen
in Gebilde,
die besagen:
Niemand schliffe
ihre Feste
die muss uns
und selbst sich tragen:
Gram-Ort
ohne Milde,
ohne Sinn
und ohne Hort:
ohne alle
Würde-Griffe.
Sogar Gott
ist fort.
Subtiler Vorteil (32/67)/Sonett
Es ist ein Faktum, dass ich unfrei bin:
Materie aus Quarks und Elektronen,
dass diese Existenz hat keinen Sinn …
Weil faktisch wir in Zufalls-Leeren wohnen,
determiniert, uns selbst nur zu belohnen.
Wir treiben sinnlos durch uns selbst dahin,
Pleonexie verfügt, uns Daseins-Spin* …
Verstandesknechte, die als Hirn sich fronen.
Indes mir all das schlug zum Vorteil aus:
Konditioniert, mich Geistmacht hinzugeben
in einem neuronalen Traumwelt-Haus,
in dem Verschaltungszwänge so mich weben,
aus Weltenwirren mich zu halten raus,
mir deren Leeren ins Gedicht zu heben.
*System-Abwehr: Gedichte, die in je verschiedener Hinsicht meine starke Bedenken gegen die bestehende Gesellschaft zum Gegenstand haben
*spin engl. Trudeln; physikalisch: schnelle Drehung
Diese Mühle (32/68)/Sonett
Im Grunde ist mir diese Welt egal,
nicht ansatzweise ihrer selber mächtig.
Gefühle-Spiel, als solches amygdal*.
Auch hasserfüllt so, gierig traumweltträchtig.
Da müh’n sich Affen, recht gewissensschmächtig
um Überragen, Ruhm, die höchste Zahl …
Um einen Tugend- und Gewinner-Gral,
sich selbst dann zu erscheinen groß und prächtig.
Indes ich selber kann auf Geist nur setzen;
das heißt, mir sind verwehrt die Wesens-Ziele:
Wie Mammon-, Lust- und Machtsucht-Hetzen.
Mir bleibt die Einsicht nur in diese Mühle
von Dekadenz, Pleonexie und Fetzen
der Unschuld neuronaler Zwangs-Gewühle.
*amygdal: Die Amygdala (griech.: ἀμυγδάλη = Mandelkern) betreffend.
Amygdala (Corpus amygdaloideum)/Sehr kurze Hinweise:
(1) Die Amygdala ist Teil des limbischen Systems
(2) Aus 13 Einzelkernen bestehend
(3) Fundamental für unseren „Emotionshaushalt“
(4) Stichworte: Erregungen, Affekte, Gefühle, Stimmungen - negativ (etwa Angst) oder positiv (etwa Lust).
Wen's interessiert: Gerhard Roth, Fühlen, Denken, Handeln, suhrkamp taschenbuch wissenschaft, 1678, S. 256 -284
Alternativlos (32/69)/System-Abwehr (3)/Sonett
Was sollte ich denn an Erwartung haben?
Die, gegengängig, wäre ohne Ziel.
In diesem Trauerloch, so knechtssubtil,
in dem man muss sich an Konsumschund laben,
Erlebnisjäger sein, sich Reize schaben
aus diesem Illusionsgefüge-Spiel,
das streng gefügig macht, ja oft: debil.
Zu unterwerfen sich den Marktvorgaben.
Obwohl das stimmt, muss ich auch dies gestehen,
dass man dem allem sich kann nicht entziehen;
muss doch das Wohlstands-Karussell sich drehen:
Denn nicht nur psychisch ist man ihm gediehen,
nein, nein: man würde lauter Scherben sehen,
wenn‘s unternähme man, aus ihm zu fliehen.
Resümee nach etwa 30 Jahren (32/70)/Systemabwehr (4)/Sonett
Dass eine Sehnsucht ich nach irgendwas noch hätte,
das kann ich wirklich nicht mehr redlich von mir sagen.
Was hätte diese spaßverhärmte Dünkel-Stätte
mir denn zu bieten außer Leerformel-Gelagen
und tugendklerikal neurotisch stumpfsinnnette
Polit-Sottisen, die nur Wert-Schimären jagen;
und dies vorbei am Wählerwillen um die Wette.
Weil man korrupt ist geistig: mit sich selbst geschlagen.
Ich will nur einzig dies noch: will beizeiten sterben.
Bevor noch mehr zerfallen Recht, Moral und Staat.
Die nämlich taumeln schnurstracks jetzt schon ins Verderben:
Verhunzt doch von Charakterlosen im Format
von Schwätzern, die sich nur noch selbst umwerben:
gewissenlos, narzisstisch, faktenblind und fad.
Monomanes Ich/Systemabwehr (5) (32/71)
Ach die Nähe,
gar die Liebe …
das ist nichts für mich.
Da ich sehe
ihre Trübe,
schattenkundig doch
an sich.
Seh nun mal den Selbstbetrug,
sind wir uns doch fremd.
Bleiben es: Phantasmen-Flug,
der sich selbst durchkämmt.
Der sich Illusionen baut.
Als Entlastungsschein.
Delirierend Glück aus Haut.
Doch man bleibt allein.
Bleibt es, ist es lebenslang.
Redet nur mit sich;
Hyle-, Hirn- und Gene-Zwang:
Monomanes Ich.
Von der Dialektik der Ideale (32/72)/Systemabwehr (6)
Hab lebenslang versucht,
mich fernzuhalten
von dieser Leerwort-Diktatur
der ideell Befangnen:
Der arroganten Tugend-Knechte
- oft reflexionsarm, würde-
und gewissenlos human verrucht -
Die als Propheten wollen
höchster Güter walten,
von denen niemand freilich
etwas wissen kann.
Erweisen faktenblind sich so
als Wert-Tortur:
Zerrüttend jedes Augenmaß,
entlarvend letztlich jeden Wert
als sei’s Entlastungs-
sei es Illusionen-Bann …
die Ideale selbst
als potentielle Barbarei-Gewalten.
Mammon-Tränen (32/73)/Systemabwehr (7)
Ein Reize-Greifer,
der einst Seele hieß:
Entlastungs-Eifer
in dem Markt-Verlies,
das happy macht
durch Wow-Gefühle
in seiner späten Schlacht:
Ein Dekadenter Endzeit-Spiel.
Die sich nach Untergang
als Rettung sehnen …
Doch faktisch ohne Selbstbelang
als ungeweinte Mammon-Tränen.
Das Glück der Einsicht (32/74)/System-Abwehr (8)
Dass Glück ich hatte, das steht fest.
Ich habe nämlich nie an Sinn geglaubt,
an Gott, an Güte, Würde und Vernunft.
Genauso wenig auch an all den Wahn
von Daseinsmärchen, dass die Welt
doch gut sein können müsse - kann sie nicht.
Wir sind ihr nun mal Katastrophe.
Wenn ich auch eingestehe, dass wir’s müssen:
Für uns heißt überleben doch: zerstören.
Und all das hab ich lebenslang bedacht,
im Kessel meiner Einsamkeit entziffert
als unausweichliches Gesamtschicksal.
Einsichts-Macht (32/75)/System-Abwehr (9)
Was aus dem Menschen werden wird
- ich meine: werden muss -,
ist nichts, was mich verängstigt, gar verwirrt;
auch wenn ich ahne,
dass er Sehnsucht hat nach Schluss.
Nicht weil er grausam wäre, böse gar per se.
Ach was! Er ist sein eigner Spielball nur,
verfügt Pleonexie und Seelenschnee:
Heteronomer Ich-Tortur.
Und weil ich’s weiß, ist’s mir gegeben,
mich abzufinden mit der eignen Nichtigkeit,
mit diesem sinnlos-unbedarften Leben
in einer schäbig-inhumanen Zeit.
Glücke (32/76)/System-Abwehr (10)
Glücke? Meistens nur noch Markt-Komplott!
Doch manche liegen auf den Straßen rum;
wärn nicht narzisstisch: trügerischer Schrott.
Wie ihn uns andreht jenes Schwätzertum,
das sie nur kennt als coole Markt-Zirrhosen,
als fake: als Star- und Prominenten-Stuss,
als Hedonismus-Ramsch in Traumwelt-Dosen,
den jeder - andres gibt’s nicht - löffeln muss.
Nun ja, die Glücke sind geworden selten
(subtile gar schon längst verschwunden).
Nur dieses blieb: Erlebnis-Glück von Kunden -
als Selbstsucht-Jagd durch biedre Daseins-Kälten.
Warum … (32/77)/System-Abwehr (11)
Warum ich zynisch bin,
ganz unromantische Gefühle hege,
nicht an die Liebe glaube,
auch nicht an Moral?
Weil das - ganz schlicht -
macht keinen Sinn in einer Welt
erzwungner Selbstsucht-Pflege,
vertrackt subtiler Psychen-Staupe
als hochabstraktes
Lust-Bestrafungs-Ritual …
In einer Welt,
sich selbst abhanden,
sei’s nun gesellschaftlich, politisch,
sei’s kulturell, sei es sozial,
wo sich grandios-narzisstisch Dilettanten
ergattern jedes
läppisch-schlichte Ohnmachts-Mal …
In einer Welt, die schleichend niedergeht,
sich selbst was vormacht, faktenblind
sich selber hilflos gegenübersteht,
sich, geistig mittellos,
wohl unumkehrbar selbst zerrinnt …
Teilchen-Fluch (32/78)
Die Glocken läuten:
still wird diese Welten-Halde.
Durchstreift sie dieser
Gott jetzt doch,
trägt Trost-Gran in sie,
frei von Last,
von Gramgefügen auch.
Um sie sich
gütig auszudeuten,
damit sie sich erhalte,
sich werde heilen
von dem Menschen-Joch,
das sie verprasst …
für Macht und Spaß und Bauch.
Prosafetzen (229) (32/79)
Für die Liebe - sie gelte, als was immer -
reicht meine gesellschaftliche Stellung nicht,
ist zumal mein Gehalt zu gering,
wäre die Tatsache, dass ich nicht in Urlaub fahren will,
ein viel zu großes Hindernis,
schürte meine Weigerung, über Emanzipation zu reden,
kaum zu lösende Konflikte …
Vor allem aber reicht meine Einsicht aus,
mich nicht betören zu lassen von eben dieser Liebe -
Heutzutage, da sich die Seelenregungen
nur noch um individuelle Wohllebensbegehrungen drehen,
ist sie doch nichts weiter mehr
als sentimental-konsumtives Erleben
einer romantischen Gefühlsqualität
oder eben eine Form subjektiver Selbsterhöhung im Du …
Oder, im Einzelfall, eine Grundlage der Hoffnung,
einen Lebenssinn in ihr, der Liebe, zu finden.
Oder auch eine Existenzentlastungs-Chance in einer
zunehmend unübersichtlicher und
bedrohlicher werdenden Welt.
USA VII (32/80)/Sonett
Amerika, du hast dich selbst verlassen.
Verlierst in Selbsttrug dich und Lebenslügen.
Du, Disneyland akultureller Riegen,
die trash sich, Hollywood und Geld verprassen.
Oligarchie der superreichen Blassen,
banaler Menschen, die das Land verbiegen,
musste die Vorbilds-Mär dir doch versiegen …
Demokratie? Wo wäre die zu fassen?
Wo Gott, Familie Vaterland? - Die Halte,
die du als deine ausgabst, der ersehnten
Stadt jenes Hügels, in der Licht nur walte,
vom Herrn geworfene Vollendungsfalte.
Dir, zweites Israel. Wie sie’s sich wähnten
in Hoffnungsweiten, die die Seelen dehnten.
Offene Worte (32/81)/Für Max Weber/Für Verehrte
Agapeklerikal* grundgelegte Ideal-Anwandlungen;
auch die eigenen Neurosen zu objektivieren
in einer Art Polit-Tugend-Ersatzreligion:
Halbbegabte Intellektuelle: Faktenblinde,
verhehlen sich durch diese humanitär-ethische,
auch bei vielen anderen als selbstverständlich geltende
Entlastungs- und Selbstbelämmerungs-Haltung,
ihre für sie unüberwindbare Reflexionsarmut.
Alle Polit-Moral ist illusorisch: Fiktionen-Drangsal.
Es sei denn, die blanke Angst,
oder zwingendes Interesse verwiesen auf
gaukelhaft-unterwürfige Wertschauspielerei.
Der Mensch ist ein Hobbes**-Tier, Pleonexie-Spielball.
Ist ein Replikatoren***-Gefüge,
das sich Selbstzweck sein muss.
Überhaupt: Uns muss es nicht geben.
Und hat man den Mut,
seine Lebenslügen aus Stolz (a) ehrlich zu zerpflücken,
dann wird man aufhören, mit Ethik zu bramarbasieren.
Und überhaupt: Politisches Handeln ist Machthandeln,
nicht Missionsarbeit für narzisstische Weltgeist-Amazonen.
Es geht um handfeste Interessen, ökonomische Vorteile,
es geht um Überragen … Allerdings auch um Ausgleich,
gegenseitige Vorteile, es geht um Autarkie* (maximale),
um Vertrauen, gesellschaftlichen Zusammenhalt,
es geht um Selbstzurücknahme um einer Sache willen,
um Augenmaß, leidenschaftliche Selbstaufopferung: Geist.
*agapeklerikal: priesterlich auf Menschen- und Gottesliebe abhebend
**Thomas Hobbes, englischer Philosoph, 1588 – 1679, Hauptwerk: "Leviathan", das ist der Staat oder der „sterbliche Gott“, T. Hobbes, Leviathan, Hamburg, 1996, XL f.: (Übersetzung von Hermann Klenner).
*Leviatan, vgl. Hiob (AT), Hiobs Klage, Luther-Bibel, Stuttgart 1991, S. 524, 3,8: “Es sollen sie verfluchen, die einen Tag verfluchen können und die da kundig sind, den Leviatan* zu wecken“. D. i. ein Riesentier, nach Art des Krokodils“ … Hiob: 40,45: „Kannst du den Leviatan fangen mit der Angel und seine Zunge mit einer Fangschnur fassen …“ 41, 1: „Sieh, jede Hoffnung wird an ihm zuschanden; schon wenn einer ihn sieht, stürzt er zu Boden …“ „Auf Erden ist nicht seinesgleichen; er ist ein Geschöpf ohne Furcht.“
Leviatan ist also ein Seeungeheuer, das von niemandem zu bändigen ist.
Hobbes-Gedicht/Ein Gedicht von Thomas Hobbes
(Über das menschliche Dasein und das Wesen des Menschen).
Den englischen Text des Gedichtes habe ich nicht gefunden.
Ein Konkurrenzkampf ist’s,
Der keinen andren Ruhm,
Kein andres Ziel kennt als:
Sieger zu sein. Denn
Andre hinter sich zu lassen,
Das ist Stolz (a),
Sie ständig vor sich sehen,
Führt zu Unterwürfigkeit.
Gestoppt zu werden, das löst Hass aus,
Und umzukehren Reue.
Ermüden heißt verzweifeln,
Und hinzufallen heulen.
Besiegt zu werden - das ist Unglück.
Den Sturz des andern - höchste Freude.
Das Rennen aber aufzugeben, ist der Tod.
*Da haben wir ihn: Den von seiner Kreatürlichkeit radikal und ausweglos beherrschten und vollständig unterdrückten, hilflos sich selbst ausgelieferten, ichschwach erbärmlichen, von seiner eigenen Macht verknechteten Menschen, das Halbtier: sich selbst und den anderen eine Plage, eine Last, eine Schande, ein ständige Bedrückung.
Da haben wir auch sie: die emanzipationsklerikale Macht-Monomanie, die im Kern völlig unpolitisch ist: Ideologen-Missionarismus, substanzlinkisch, unerotisch und also glücksfeindlich.
***Replikatoren (vgl. Richard Dawkins, Der blinde Uhrmacher, München 1996, dtv, S. 153): „Was ist die lebenswichtige Zutat, die ein toter Planet wie die urzeitliche Erde haben muss, um schließlich lebendig zu werden wie unser Planet? … Es ist eine Eigenschaft, die Eigenschaft der Selbstreplikation. Das ist die grundlegende Zutat der kumulativen**** Selektion. Es müssen auf irgendeine Weise, als eine Folge der gewöhnlichen Gesetze der Physik, sich selbst kopierende Gebilde oder, wie ich sie nennen werde, Replikatoren entstehen. Im rezenten***** Leben wird diese Rolle fast ausschließlich von DNS-Molekülen übernommen, aber jedes Ding, das kopiert werden kann, könnte diesen Zweck erfüllen …“ „Replikation = Bildung einer exakten Kopie bes. von Genen oder Chromosomen durch Selbstverdopplung genetischen Materials“ (so Duden, Fremdwörterbuch)
****kumulativ = (an)häufend
*****rezent = gegenwärtig lebend
Stolz (a) (oben im Gedicht „Offene Worte/Für Max Weber", Zeile 15 und im Gedicht von T. Hobbes). Dazu Alexis de Tocqueville, 1805 - 1859, Nie habe ich - und werde es auch nicht - die folgenden Worte des von mir hoch verehrten Alexis de Tocqueville aus seinem Buch „De la Démocratie en Amérique“, 2 Bände, Paris 1981, Garnier-Flammarion, Band II, S. 304f) vergessen:
„Les moralistes se plaignent sans cesse que le vice favori de notre époque est l’orgueil. Cela est vrai dans un certain sense: il n’y a personne, en effet, qui ne croire valoir mieux que son voisin et qui consente à obéir à son supérieur; mais cela est très faux dans un autre; car ce même homme, qui ne peut supporter ni la subordination ni l’égalité, se méprise néanmoins lui-même à ce point qu’il ne se croit fait pour goûter des plaisirs vulgaires. Il s’arrête volontiers dans de médiocres désirs sans oser aborder les hautes entreprises: il les imagine à peine. Loin donc de croire, qu’il faille recommander à nos contemporains l’humilité, je voudrais qu’on s’efforçât de leur donner une idée plus vaste d’eux-mêmes et de leur espèce; l’humilité ne leur est point saine; ce qui leur manque le plus, à mon avis, c’est de l’orgueil. Je céderais volontier plusieurs de nos petites vertus pour ce vice.”
Ü/Sa.: “Die Moralisten beklagen sich beständig darüber, dass das am weitesten verbreitete und von den Menschen unserer Zeit am meisten goutierte Laster der Hochmut/ Stolz/die Überheblichkeit (b) sei. Das ist im gewissen Sinn richtig. Gibt es doch in der Tat niemanden, der nicht glaubte, besser zu sein als sein Nachbar; keinen auch, der sich damit abfände/damit einverstanden wäre, dem ihm Übergeordneten/Vorgesetzten zu gehorchen. Indes ist es andererseits sehr falsch; denn derselbe Mensch, der weder Unterordnung noch Gleichheit ertragen kann, verachtet mitnichten sich selbst in der Hinsicht/in dem Sinne, dass er glaubt, dafür gemacht zu sein, nur vulgäre Vergnügungen zu genießen: Er begnügt sich freiwillig mit mittelmäßigen Wünschen, ohne es zu wagen, bedeutende (nämlich: intellektuelle, sittliche und geistige) Vorhaben/Aufgaben/ Daseinsanforderungen/ Existenzvollzüge usw. anzugehen; er stellt sie sich nicht einmal nur vor/kaum vor.
Weit davon entfernt also, zu glauben, dass man unseren Zeitgenossen Demut anempfehlen sollte, möchte ich, dass man sich darum bemühe, ihnen eine höhere Vorstellung von sich selbst und ihrer Art zu vermitteln; die Demut ist ihnen kaum zuträglich. Was ihnen, nach meiner Meinung, am meisten fehlt, das ist Stolz. Ich jedenfalls würde für dieses Laster „Stolz“ gerne/ohne zu zögern dafür (für die Tugend des Stolzes) auf mehrere unserer kleinen Tugenden verzichten.“
(b) Freilich: Stolz und Hochmut/Überheblichkeit sind mitnichten dasselbe: Stolz ist ein Affekt, der einen zu Selbsttranszendenz (Selbstüberschreitung, -überwindung) anhält, um sich sei es moralisch zu bessern, sei es sich in Bezug auf sich selbst ehrlicher zu machen (sich selbst angemessener kennenzulernen, um sich nicht dabei erwischen zu müssen, dass man positive Eigenschaften bei sich gegeben glaubt, die man faktisch gar nicht hat, sei es „das Belebende im Gemüt“ (Kant; der meint mit diesem Belebenden „Geist“) überhaupt zu kultivieren, zu differenzieren, zu verfeinern, voranzutreiben. Stolz ist vor allem ein Affekt, der einen von etwas abhält, was einen in den eigenen(!) Augen erniedrigen, sittlich kleiner, gar verachtungswürdig, kindisch und pleonexiehörig machen würde. Stolz, das ist ein geistiger Antrieb, mehr aus sich zu machen, als man bisher war und ist, weil man weiß, dass man mehr sein k a n n (die Mittel dazu in sich vorfindend, nämlich die geistigen, von denen man zumindest ahnt, dass man sie werde zu gebrauchen wissen, um sich menschlich, kulturell und ethisch immer weiter über sich hinauszuheben). Stolz, das ist ein geistiger Imperativ, nämlich der, in jeder wünschbaren Hinsicht, z. B. sittlich, über sich hinauszuwachsen.
Hochmut hingegen oder Überheblichkeit sind Eigenschaften, die sich der geistig mittellose, profan-banale Existenzschauspieler anmaßt: der Prestige-Gaukler, der andere einnehmen, förmlich übertölpeln will, auf dass sie ihm Eigenschaften, Fähigkeiten usw. zuschrieben/ zutrauten, die er faktisch gar nicht hat (und nie haben wird). Beispiel: Der Narziss.
Stolz als kultureller Imperativ: Das ist der Stolz, der einen daran hindert, durch sein Verhalten so tief zu sinken, dass man sich schämte, schämte zumal auch dafür, sich durch dieses Verhalten einem Selbstverrat und entsprechender Selbstverachtung ausgesetzt zu haben; freilich: wir leben heute in entschämten Gesellschaften; wohl vor allem deshalb, weil Scham eine konsumhemmende(!) Gewissensdisposition wäre: ein irrational-antihedonistischer(!) Imperativ.
Der unabänderliche Lauf der Dinge (32/82)
Natur fort, Gott, Person, Gewissen;
Zumal Gesellschaft, Recht und Staat zerfallen.
Indes die Menschen, Halt und Sinn entrissen,
sich an Bewusstseins-Dirigismus krallen.
Orientierungslos von Angst getrieben,
Verzweiflung und Vertrauensschwunden,
versinken sie in Wert-Belieben:
ins Schicksal phrasenkommandierter Kunden:
Medial gesteuerten, verfügt doch ungreifbaren,
technisch-abstrakten Weisen toter Sinnlichkeit,
erzwingend unfehlbar dann ein Gebaren,
despotisch-uniformer Macht geweiht*.
*Implizit will ich damit auch - alle Kritk an wem auch immer in Frage stellend/ja: tatsächlich zurücknehmen müssend - sagen, dass von einem subjektiven/individuellen sittlich-moralischen Versagen eigentlich (etwa die neurobiologischen Tatsachen in Rechnung stellend) keine Rede sein kann ... Gibt es doch weder eine Willens-Freiheit (Autonomie) noch also Selbstbestimmung noch Schuld noch also zurechenbare Verantwortung. Indes wir brauchen derlei Fiktionen, um psychoethisch-sozial-gesellschaftlich unser Leben meistern/deutungsfähig/Sinn delieriernd stabilisieren zu können, brauchen sie, um Gesellschaften überhaupt - wenigstens im allgemeinsten Sinne - steuern zu können (daran hindern zu können, in totalitäre Anomie zu versinken).
Zu vergleichen dazu ist, wäre das Gedicht "Wahrheitsgemäß" (unten auf dieser Seite Nr. 3686)
Untergang (32/83)
Sie lässt sich nicht mehr
in Gedichten greifen:
Als Rausch- und Wort-,
als Deutungs- und
als Geistes-Rätsel,
die Welt,
in der ich vegetiere:
global-abstrakt-formale
Mammon-Diktatur.
Muss jede Form
von Phantasie so schleifen,
zu steuern eine schiere
neurotisch-hedonistische Tortur …
Sie lässt sich nicht mehr
in Gedichten greifen:
nicht ideell,
nicht sittlich mehr,
schon gar nicht
metaphysisch noch:
Als Seelenabtreibungs-:
Als ein Entglückungs-Joch,
muss sie hysterisch
tugendmonoman,
als Einheits-Trübe,
Deklassierungs-Anomie …
Als Untergang sich keifen.
Glücke (32/84)/Sonett
Es gibt sie, diese wunderbaren Glücke:
Nur dass ich sie nicht grade oft benenne;
bewusst der Sprache mir und ihrer Tücke:
Dass eine Einsicht sie mir überrenne.
Und sich am Ende mit Begriffen schmücke:
Dass man sie nur als flüchtige gewänne,
als Stundenräusche einer Fakten-Lücke,
die nur als Schein von Daseinslasten trenne.
Indes nicht eines habe ich vergessen.
Es ist mir jedes noch als Bann präsent,
als der es Lügen strafte all die Messen
von Habsucht, die in Niedertracht ausbrennt,
sich zu erhöhen in Sozial-Exzessen,
wie man sie heute als Entlastung kennt.
Wintertag-Affekt-Wirbel (32/85)
Wintertag. Grau. Geheimnisvoll. Sinnstarr.
So wie damals, in der fernen Kindheit:
Der Schnee rieselt still und indolent
auf die Asphaltflächen herunter.
Gleichsam metaphysisch aufgeladen
mit der Monotonie eines seelisch
bergenden Immergleichen, welches trägt
in eine tröstend-beharrende Geborgenheit.
Dem Fall seiner dicht fallenden Flocken folgend,
gleite ich hinüber in jene verschwundene Welt,
deren märchenhafte Verzauberung*
noch einmal zutiefst dankbar zu spüren.
Auch um den vollendeten Nihilismus
dieses Alptraums aus Mammon-Fetischismus,
Tugendverlogenheit, Polit-Gefasel,
Reklame-Primitivismus, Realitätsverweigerung,
geistiger Armut, Charakterlosigkeit und
imperativem Hedonismus ein wenig zu vergessen …
Zu vergessen den menschlichen Abklatsch:
Entseelt, stumpfsinnig, gewissenlos, markthörig.
*Verzauberung: Diese wird uns in unserer modernen kapitalistisch-naturwissenschaftlich-technisch Welt vorenthalten; und dieses vollständige Fehlen von Verzauberung ist eine zentrale Quelle des Verdorrens der individuellen Innenwelten: Sie werden seelenkalt, gewissensarm, mitleidlos, narzisstisch, rücksichtslos, dünkelhaft unverschämt, sind ohne Ehrfurcht, Scham, Mitgefühl usw. usw.; kurzum: sie verkümmern.
Gedanken anlässlich der Corona-Pandemie im Jahr 2020 (32/86)
Wenn du tatsächlich draufgehn solltest,
nun ja, dann wär es eben so.
Weißt du genau doch, worum’s letztlich geht
in diesem hypercool
verwahrlosungsaffinen Wohlstandskosmos.
Um dich bestimmt nicht.
Nein. Um gar nichts geht`s,
wenn man es objektiv: naturalistisch kalt betrachtet.
Für uns geht’s, muss es, um die Wirtschaft nur,
um Technikfortschritt und die Wissenschaft …
Zuletzt ein Zuchthaus-Dasein ohne Inhalt schaffend:
Von Sehnsucht leer, von Geist, von allem Glanz,
der dieses Leben letztlich trägt und hebt:
Als metaphysisch-göttlich-infantile Unvernunft.
Und du, du weißt das, machst dir da nichts vor.
Weißt, dass du nichts hier zu verlieren hättest,
wenn dich das Virus packen sollte.
Indes vergiss nicht, wenn’s an Sterben geht,
dann gilt das alles nicht,
was dir ein Einsichts-Mut erwuchs.
Dann wirst verheult du nach dem Leben haschen,
um’s zu behalten, zu bewahren - unbedingt.
Sei es auch Farce nur noch:
Deterministisch-radikales Zufallswalten.
Genauer: Fades Nichtigkeits-Geschehen.
crapule* (32/87)
Ja sicher trinke ich zu viel.
Und werd auch deshalb
nicht mehr allzu lange leben.
Doch weiß ich:
Langes Leben ist kein Ziel
in einer Welt,
wo alle nach sich selber streben,
Monaden sind
in einem miesen Spiel,
das dekadent ist, kalt,
abstrakter Wohlstands-Deal,
narzisstisch sich debil zu heben
zur geistig toten:
exemplarischen crapule.
*crapule = franz.: Gesindel, Pöbel, Gesocks; auch: Schwelgerei, Völlerei;
crapuleux = ausschweifend, verkommen, entartet, liederlich
Immerhin (32/88)
Immerhin hab ich begriffen:
nicht kommt’s irgend auf mich an.
Mich entsprechend abgeschliffen,
dass ich halbwegs leben kann.
Bin ich deshalb unzufrieden:
fühle mich nicht gut?
Nein. Ich halte aus die Nieten
dieses Spaß-Kults ohne Glut.
Muss mich strikt ja auch begnügen,
mache ich doch hier mein Geld:
Grundlage von Selbstgenügen:
psychophysisch Daseins-Zelt.
Mir dem Individuum,
Kaufkraftträger und sonst nichts.
Geistig tot und menschlich stumm:
Maske eines Leichtgewichts.
Wär … (32/89)
Wär doch ganz schön,
wenn’s bald zu Ende ginge.
Tatsächlich
fühl ich manchmal so.
Dann wär ich alles los;
mich selber auch:
Verfall entronnen, Wert-Tarot
in eines Grabes Schoß.
Das Allerbeste freilich wäre,
in dieser Welt hier nie zu sein,
zerfließend sich als kalte Zähre …
ekstatisch kommandierter Pein.
Mitteilung (32/90)
Was immer halte man
von den Gedichten,
die ich geschrieben habe
(geschrieben hab ich
eine ganze Menge) …
Ob sie gefielen
oder Hass erregten …
das ist mir, bin ich ehrlich,
ganz egal.
Will ich durch sie doch nur
mich selber geistig lichten,
bewusst mir machen
meine Daseins-Zwänge
- auch die, die unbewusst
mein Sein bewegen und bewegten -
bevor ich gehe wieder:
lasse dieses Wunden-Mal.
Gedicht für homo sapiens bambergensis (32/91)/Sonett
Es gab auch Tränen, die sich in den Abend soffen.
Nicht weil ich traurig war. Nein. Umgekehrt.
Da hat mich Sehnsucht wieder mal verzehrt
nach deinem Körpergral. Ich sag’s ganz offen.
Und das, das hat mich dann im Mark getroffen.
Wie damals selbstzerstörerisch versehrt:
Von den Kommandos deines Fleischs betört.
Doch sei’s. Zu spät. Es gibt nichts mehr zu hoffen.
Ob du noch manchmal an mich denkst? Wer weiß?
Bestimmt indes hast du mich längst vergessen.
Gehst auf in deinem eignen Wirkungskreis.
Indes ich bleiben werde grundbesessen
vom Sinnschutt der erotischen Details,
der uns umfing im Trance-Sog unsrer Messen.