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Seite 30. Diese Seite enthält 86 Gedichte 

Zwischenbemerkung VIII (30/1)

Dass es oberflächlich sei,
irgendwie auch seelenkalt,
eine Medien-Litanei,
sorgend für ein wenig Halt,
Abwechslung, Entlastungsweisen,
das ist unbestritten klar.

Muss man sich doch stets beweisen,
dass man faktisch - offenbar -
führe ein gelungnes Leben,
voller Wohlstand, reich an Glück …

Um sich ja nicht zuzugeben:
Reiz-Kult auch und Trancen-Schlick.

Zwischenbemerkung IX: Das individuelle Los 
in späten Wohlstandsgesellschaften (30/2)

Sie zwingen einen,
vor sich selbst zu fliehen
in Ablenkungsmanöver aller Art.
In diesen dann 
sich selber zu verneinen,
narzisstisch, cool und smart.
Tatsächlich ist man sich 
nur noch geliehen;
vom Markt, 
dem Seelenproduzenten,
dem man ist restlos 
längst gediehen:
ja: abgerichtet, 
sich ihm zu verpfänden …
schon in der Wiege 
und noch eingesargt:
So lebenslang 
sich selbst benommen,
um ihm 
als subjektives Exemplar 
wie immer Tag und Nacht 
zu frommen.

Zwischenbemerkung X (30/3)

Jetzt ist Schluss!
Ich hab das alles satt.
Sei’s Machtsucht,
sei es Tugend-Stuss.
Das ist doch schäbig,
ehrlos, platt;
ja gar erbärmlich noch.

Weil’s keine Würde hat,
kein Ziel;
und ohne Zwecke ist …
Polit-Theater-Posse,
die Versagen hisst.

Zwischenbemerkung XI (30/4)

Wir alle sind Sozial-Monaden;
als diese in uns selbst gefangen,
sind uns entfremdet,
schroff auf uns zurückgeworfen.
Wir alle existieren ganz allein.
Sind stumme, subjektive Morphen
in einem inszenierten Spaßzwang-Sein,
das anonym uns formt und treibt.
In dessen Deutungslosigkeit wir waten
durch Lebenslügen, Emotionen, Schein …
Als Ich-Geplänkel, das sich selbst aufreibt,
indem es einzig dient System-Belangen;
zumal grad dazu doch perfekt geraten.

Zwischenbemerkung XII (30/5)

Mein Name tut hier nichts zu Sache.
Ich bin bestallter Phrasenlude
der Staatspartei für’s ewig Gute:
Das ist ja eine Phrasen-Lache.

Wiewohl ich andrerseits auch weiß:
Das Gute hätte seinen Preis:
Man müsste sich am Riemen reißen …
Man müsste von sich selbst absehen …
Um es allein - als Endziel - kreisen.

Sich also in Askese üben,
verzichten darauf, sich zu blähen
für irgendwelche Daseins-Grieben …

Es als Vollendung seiner selbst ausweisen,
als Gotteszweck zuletzt es preisen.
Zumal für Macht ist es Belieben.

So ist’s mit allen großen Zielen:
Man muss sich aus sich selbst rauswühlen:
Auf keinen Fall den Sieger spielen,
das As, den Zeitgeist-Kult-Debilen,
den Schwätzer, frönend seinen
Ich-Kalkülen.

Zwischenbemerkung XIII (30/6)

Dass je aus uns
was Großes würde,
das glaub ich nicht.
Im Gegenteil.
Wir sind uns ewig
selber Bürde,
sind Lebenslügen,
Schein und Ichsucht feil.
Und plappern deshalb
auch von Würde:
Weil Stoff wir sind,
uns niemals Heil.

Zwischenbemerkung XIV (30/7)

Ich will hier weg,
will fort von hier,
will Halt und Steg,
will Elixier*
von andrer Art
als Ichsucht-Kür,
will, kurz gesagt,
vollendungsschier,
was mich und Welt
(sich selbst vertan)
als Heilsversprechen
überragt.

*Elixier griech: Heil-, Zaubertrank

Zwischenbemerkung XV (30/8)

Ich wollte immer nur das Absolute,
weil alles andre kaum was taugt;
uns allenfalls mit Gram auslaugt:
Mit seiner stieren Daseinsknute.

Das Absolute? Das ist Geist:
Die wunderbarste Illusion.
Die grad als diese Wege weist
zu Selbstvollendung ohne Fron.

Sie sich erträumend in Gedichten:
Von aller Schwere dann befreit:
in einer tranceerlösungsschlichten
Zertrümmerung von Ich und Raum und Zeit.

Zwischenbemerkung XVI/
Für meine Katze (30/9)

Du, meine Mieze,
bist vollendet.
Du ruhst in dir
ein Leben lang.

Ein stolzes Tier,
das nie verschwendet
sich irgendeinem
Nichtbelang.

Zumal du herrschst
grad über mich,
beliebig lenkst
mich kleines Ich …

Für mich
ersehnter Daseins-Stich:
Kein Muss, kein Trieb;
noch irgend Zwang.

Zwischenbemerkung XVII (30/10)

Was Positives? Nun, das hab ich auch.
Ich muss nicht permanent von Atheismus reden,
von kaltem Psychen- und Gewissens-Hauch
und all den destruktiven Steten,
die dieses Dasein immer ärmer machen,
es einem regelrecht vergällen.
Indem sie’s kommandieren und verflachen,
entfremden Hybris schauernd seinen Geistesquellen.
Ich denke da etwa an Selbstdistanz,
an Faktensinn und Maß und Mitte,
Verstandesschärfe, Ichverzicht und Einsichtsglanz,
Verantwortung und Sachlichkeit geweihte Schritte.

Vorausahnung (30/11)

Was man erahnt,
das ist ein Niedergang,
ein Drangsalhecheln
in Verspaßungsgossen.
Von Individuen,
sich nicht mal selbst noch
von Belang.
Die sich als dauerinszenierte
nur erleben,
orientierungslos
sich selbst verschlossen.
Auch kaum noch psychisch
fähig sind,
nicht posenzynisch
falsch zu lächeln.
Verführter Medienabklatsch:
Selbst-Verdrängungszwang.
Wahrscheinlich spüren sie
die Zukunftswirren,
die Ausweglosigkeiten,
die sie selbst mit schufen.
Beendend ich gelenktes
Horden-Girren
in Aufschreiqualen,
die nach Rettung rufen.

Mein armes Land/Sonett (30/12)

Nicht zu versagen, das ist wirklich schwer geworden
in diesem Land der Jäger von Glückseligkeiten:
Erlebnissammler, Freizeitwirre, Urlaubsreife.
Man will sein Dasein lang und unbedingt genießen.
Und alle tanzen dabei nach derselben Pfeife.
Egal zu welchen Zeiten und an welchen Orten.
Man lässt sich unbedacht von Gängigkeiten leiten,
um sich den Kitzeln ihrer Glücke auszugießen.

Indes was heißt das denn genau: Nicht zu versagen?
Sich gegen sich, Gesellschaft und Funktionseliten,
den Zeitgeistdruck zu wappnen, auch um zu bedenken:
Dass es absurd ist, solchen Lüsten nachzujagen,
die nicht befriedigen, die psychisch nur ermüden,
weil nur auf Überfluss und Wiederholung lenken.

Variante, Zeilen 12 – 14:
Macht das denn Sinn, Entlastungschancen nachzujagen,
Berauschungsemotionen, die vor ihm behüten:
Dem Nihilismus, anonym uns dann zu lenken?

Keine Antwort (30/13)

Man kann des Lebens Wege sehen
sei’s wie man muss, sei’s soll, sei’s mag …
Sie werden manchmal sich indes ins Rätselhafte drehen,
nicht greifbar bis zum letzten Tag.

Wenn sie aus Wesensgründen tauchen:
Das, was wir in der Tiefe sind.
Uns einfach nur gebrauchen,
und treiben vorwärts. Unausdeutbar blind.

Warum war mir der Zufall so gewogen?
Hat Geist mich, Einsicht, Seelenkraft verfügt?
Mich dieser Farce des Marktes oft entzogen,
die viele knechtet und gewissenlos betrügt?

Hat nicht erlaubt mir nur, mich selbst zu tragen.
Auch alles, was mir widerfuhr:
An Niedertracht, an Ausbeutung, Brachialversagen
anom enthemmender Verwahrlosungskultur.

Vor Gott (30/14)

Leisten darf ich es mir nicht,
vor Dir gerade zu versagen.
Versänke ich doch tiefster Scham,
verlustig meiner Wesensschicht:
Ich müsste als Person mich wagen,
getaucht in Selbstverachtungsgram …
Indes soll mir das nicht geschehen,
mich Psychen-Tod nicht einzudrehen

Dann würde sich ein Unmensch blähen
in Niedrigkeit, Charakterhäme;
in Eitelkeit, in Mittelmaß:
ein Ich-Knecht ohne Geistgewicht …

Bist du so subjektiver Anspruch nur,
ein X, das objektiv nicht existiert,
so bist du dennoch mir Vollendungs-Spur,
die mich allein kann geistig tragen,
weil mich am tiefsten so denn auch berührt.

Sinngeber Gott (30/15)

Er allein kann Sinn gewähren
als das Sein, das er uns ist:
kann uns vor uns selbst bewahren:
Analytisch uns entzogen.

Nicht als Hyle ist er greifbar,
nur als reines Geistgebilde,
All-Sein, weder falsch noch wahr.
Führer aller Psychen-Schilde.

Tiefste Sehnsucht aller Fähren
aus Gewalt, Versagen, List,
die geleiten uns in Sphären,
seiner Güte eingebogen.

Uns als Gram zu überwinden,
was uns tiefsten Sinn verheißt:
Nicht mehr Bestie, die entgleist,
selbst sich, Wir und Welt zu schinden.

Nicht mehr hündische Exzesse,
nicht mehr die Verwahrlosungen,
denen oft gilt unsre Messe,
Teilchenzwängen ausbedungen.

Das kann dieser Geist-Traum schenken,
den wir alle in uns tragen,
kann uns sanft so dorthin lenken,
wo wir nicht vor uns versagen.

Spröde Wahrheit (30/16)

Man findet - weltwach - keine Freude mehr,
weil faktisch alles ist Problem geworden.
Der Existenzvollzug, global komplex, ist leer
von Unschuld, Heiterkeit und unbedachten Worten.
Auch weil der Mensch an sich doch eine Würde habe,
es gelte so, ihn wertzuschätzen.
Und sei real er noch so plump, sei ohne Gabe,
mag geifern, protzen, sogar neidvoll hetzen …

Nun Würde muss sich jeder selber schaffen
(der Staat vermag für ihn das nicht).
Sich seiner Kreatürlichkeit entraffen:
Pleonexie … ja allem Ich-Gewicht.
Doch dieser Mensch ist ganz, ganz selten;
verhasst dem Mittelmaß und allen Wohlstands-Helden.

Was ich, wohlstandskritisch, will (30/17)

Will weder Ehre, Ruhm noch irgend Macht.
Nur Geld indes, dass es zum Leben reicht.
Will auch nicht Schein als Pseudopracht,
der wäre geistig mir zu seicht.
Ich will nicht, dass für dumm verkaufen
mich Klüngel, Gauner und Parteien,
die sich gewöhnlich in sich selbst verlaufen,
weil Phrasensud und Illusionen seihen.
Doch diese Welt, die unsre  will ich schon begreifen;
was sie im Kern ist, also letztlich substantiell:
Um vor mir selber nicht zu kneifen:
Dass Zeit ich bin, Verfall und Ohnmachts-Quell.

Dass das so ist, das hab ich rausgefunden,
weil lebenslang Realität verpflichtet.
Den Fakten also, die mir unumwunden
mein Dasein haben stets genau gelichtet:
Als Irrtum und Entlastungstruggebilde ….
als sprachlich konstruiertes Perspektivenfeld,
auf dem sich tummelt eine Wohlstands-Gilde,
die sich für frei und für moralisch hält;
für einsichtsfähig, um sich selbst zu steuern;
kurzum: für Meister*innen ihrer Existenz.
Indes ganz unbegabt, in ihren Oberflächenfeuern
schon zu erwittern ihre Trance-Essenz.

Sich selbst verwaist (30/18)/Sonett

Existenziell sind dann die Selbstverluste,
wenn man sich anonym abstrakt entgleitet.
Wie wir, die wir doch längst verloren haben
die sinntief schöpferischen Fundamente.

Indes die Ratio das bewirken musste,
die sich als Gleichung und Kalkül bescheidet.
Und so zerstört die kulturellen Gaben:
Verrohend alle seelischen Gelände.

Bewahren könnte uns da nur der Geist.
Sei’s vor uns selbst, sei’s unsern Drangsal-Werken.
Die, gierfundiert, uns lassen doch verzwergen:
Uns, hedonistisch spaßdebil entgleist,
in Öden drücken, die wir gar nicht merken:
Monaden, seelisch tot sich selbst verwaist.

Leere (30/19)

In und über mir schlagen, wieder einmal,
diese so rätselhaften Prägungen
der frühesten Lebensjahre zusammen,
der Jahre,
während der ich die unberührbare
Gleichgültigkeit dieses Daseins
förmlich anonym aufgesogen haben muss:
Die seiner stoffgebundenen Vollendung,
seiner Stille und unüberbietbaren Majestät,
Schuld, Ziel, Wert und Sinn
als unhaltbare Diesseits-Kindereien
ohnmächtiger Selbstsucht
gleichsam im Vorhinein spielerisch entlarvend.

Mähsätze, Wortschlämme, Befürchtungsschlendrian 
und Parteitagsmagien … Ein Gedicht für Aristophanes 
von Athen (30/20)

Den fortwährenden Politkeifereien kann man es abspüren,
den rücksichtslos ausgekosteten Bosheiten
der hasserfüllten Internetkobolde,
der perfiden Sanftheit der Tugendwächter*innen,
dem rechtgläubig kaderfeministischen Megären-Ehrgeiz
mit seiner Tugendposse radebrechender Demagöginnen …
überhaupt der allgemeinen Empörungslüsternheit,
Diffamierungssucht und aggressiven Gereiztheit;
sogar den verlogenen Wertschätzungsideologien
die tatsächlich alle als Vernunftträger, Würdeinstanz
und sakralisierungswürdige Subjektivitäten ausloben,
triefend vor Humanität, Selbstgerechtigkeit und Pfaffenarroganz …
Der entblößungsfaden Zuschaustellung von Gesinnungen,
subtilen Formen geistiger Korruption
und faktischer Verantwortungslosigkeit
als Weigerung, die Dinge realistisch zu sehen,
statt sie mit wertperspektivischen
Ansich-Primitivismen zu fluten
zeitgeistkonform moralhypertroph narzisstisch
und gaukeleieitel …
Vor allem auch an dem sicheren Gespür
der Diener des Augenblicks für das,
was der Zeitgeist von einem fordert
an undifferenzierten, gleichsam selbstverständlichen
- da müsse man gar nicht hinsehen -
Zurschaustellungsbekundungen
ideologisch-weltanschaulicher Art,
von Werten, Verhaltensweisen, Sympathien,
Zeichensetzungsinszenierungen …
Sogar noch den gutwillig-hilflosen
Weltverbesserungsinitiativen,
uns zu retten vor was immer.

Indes: W a s kann man all dem abspüren?

Dass wir wohl,
wie immer (es ist wesensbedingt),
nicht annähernd unserer selbst mächtig, verloren sind.
Politisch:
Demokratie und Rechtsstaat werden nicht zu halten sein.
Gesellschaftlich-sozial:
Jedwede Form von Solidarität wird schwinden:
Übrigbleiben (wenn überhaupt) werden
eine radikaldespotische Oligarchie von Hyperreichen
und ein Milliardenheer von Habenichsten
(anom-kriminell-lumpenproletarisch, pandeklassiert).
Kulturell:
Die Innenwelten werden zerfallen:
barbarisch-bestialisch sich ausrichten müssen;
hemmungslos, zynisch, nihilistisch …
Die Magdeburgisierung jener im globalen Ausmaß.
Ökologisch:
Die Folgen von Klimawandel, Naturzerstörung und Ressourcenverschwendung 
könnten an sich
(weil nicht zu bewältigen, schon gar nicht wirtschaftlich)
und sekundär (Hyper-Migration) zu
brutalstem Vernichtungsaktionismus,
zu Massakern,Ausrottungszügen
und grausamen Kriegen führen.
Ökonomisch:
Was womit für wen und warum in einem dauerprekären Gewaltzustand 
noch produzieren?
Existenziell:
Vielleicht die Selbstzerstörung der Art (homo sapiens).

                                 *

Sind solche Zeilen denn noch ein Gedicht?
Gewiss doch nicht. Indes was dann?
Ein Alptraum? Pathologische Vision?
Maligner Ängste Gram-Extrem?
Ich hoffe. Doch ich weiß es nicht.
Ich weiß nur sicher, dass er zu viel kann,
der Mensch, allein sich nur noch Schicksalsthron
in seinem pseudorationalen Trancesystem.

Er wird sich wohl nicht halten können:
Nicht fähig, selber sich zu steuern.
Ein Halbgott dann vielleicht, wenn da nicht spönnen
Bedürftigkeit und Zeit an seinen Psychen-Ungeheuern.
Warst mir nicht unlieb, Artgenosse.
Zumal ich immer wusste dich
als Spielball zwischen Hybris, Geist und Gosse …
Dir selber deutungsloses Zufalls-Ich.

Selbstentlarvung III (30/21)

Wenn ich an das mich hielte,
was ich von uns weiß -

Dass wir nicht über uns verfügen können,
weil unvermeidlich in uns selbst zerrissen,
(schon leibbasal nur Widerspruch:
Zeit, Ausgesetztheit, Krankheit, Lustsuchtqual;
und noch als Geistesleidenschaft gezwungen,
zersetzungsradikal uns selber zu entbergen:
Der Großen Leere gegenüber machtlos stumm,
dem Rätsel unsrer selbst verfügt),
orientierungslos Fiktionen wertend,
ganz unfest Artgenossen ausgesetzt,
zuweilen knechtisch ihnen untertan,
Bedürfnisträger, die sich beugen müssen
den andern, die sie überragen wollen,
benutzen und - das ziemlich oft -
erniedrigen, weil sie das selbst erhebt …
Wir unfrei sind und immer ausgeliefert
Gegebenheiten: objektiven Lagen,
prekär auch dann noch, wenn stabil sie scheinen …
Gezwungen alle, uns hinwegzutäuschen,
dass subjektiv wir nichts bedeuten,
ein Zufallswurf des Stoffes sind,
vielleicht für Augenblicke metaphysisch,
erotisch oder schaffend-einsichtsvoll
in einer Trance von Sinn geborgen -,

ich wäre längst in Einsamkeit,
Verzweiflung, Indolenz und Zorn versunken,
der Wesensbarbarei zumal auch zugetan,
die uns doch alle ausmacht, faszinierend destruktiv,
erlösungsträchtig gar und in den Tod verliebt;
indes Gewohnheitstäuschern, die wir alle sind,
die meiste Zeit ganz tief verdrängt,
doch jederzeit, begehrt gar, abrufbar:
Wir sind sie nämlich substanziell …
Weit mehr als Güte, Mitleid und Agápe …
Als alles, was uns dienen mag als Großbetrug, 
uns vor uns selbst zu schützen,
dem autodestruktiven Intellekt-Titan.

Totalitäre Welt (30/22)

Wie gerne würde ich
mich auch mal träumen
den coolen Tag entlang und dann
durch heiße Nächte,
um mich in Gängig-Glücken
zwangsekstatisch zu versäumen …
Zu inszenieren dann,
wie alle diese Spaßgeflechte,
die eskapistisch sich entzücken,
Erlösungstaumeln hingegeben,
in kollektivem Rausch geborgen …
Die sich als Marktgefolge
relevant erleben …
Um zu vergessen
nicht nur ihre Sorgen,
nein dies auch,
dass sie einer Welt verschweben,
die faktisch alle zwingt,
sich ihr als surrealer:
totalitärer ausnahmslos zu schicken.

Die gegenwärtige Gesellschaft II (30/23)

Sie flutet einen innerlich,
sie tut das permanent,
löst einen in Reflexe auf:
In marktverfügtes Ich.
Von dem sie die Person abtrennt,
auf dass es inszeniere sich,
so dass es sich verkennt:
Als unfrei bloßes Leib-Ansich,
das zeitgeistsiech sich überrennt.

Metaphysische Enteignung (30/24)

Was kann ein Einzelner denn noch bedeuten
in einer technisch optimierten Welt?
Er wird sich selbst ausbeuten,
damit er ihr verfällt …

Imaginären Träumereien:
Belämmerungen, Drogen, Lüsten.
Sich vor sich selbst zu feien
und gängig dann zu brüsten.

Es sei ihm, frei doch, selber überlassen,
sich, da Verreizungsterror eingeschworen,
dem Marktdruck hörig zu verprassen …
orientierungslos verloren.

Das merkt er nicht, Effekt gelungen.
Er, der erlöste Konsument,
sich als Vernunft, Person und Selbst entrungen.
So dass, Objekt, er sich als Ding verkennt.

Bekenntnis (30/25)/Sonett

Worum es immer geht, das kann man wissen;
Auch wissen, dass es sich nicht ändern lässt:
Man ist, man muss es, stets nur sich beflissen.
Und das steht ohne Wenn und Aber fest.
Man tut’s sein Leben lang, man tut’s verbissen,
vom eignen Wesen doch dazu gepresst;
das will vollenden sich, das will sich hissen,
sich selbst das größte und das höchste Fest.

Weshalb ich insgeheim mich selbst verachte:
Mit Geist ist dabei gar nichts auszurichten:
Der ist Fiktion, die ich zurecht mir machte,
weil mich als Seelenkrüppel musste lichten.
Der jenen All-Kampf doch verlöre … sachte
sich müsste als zu schwach für ihn gewichten.

Subjektive Wahrheit (30/26)

Für mich bist faktisch du
nur ein Stück Dreck.
Obwohl nicht deiner mächtig.
Ein widerliches Daseins-Leck.
Kalt, roh und niederträchtig.
Und du hör zu,
ich meine das nicht böse.
Ich stelle es nur fest.
Es ist, als ob sich
eine Gleichung löse.
So klar ist das. Der Rest?
Ich kann dir da
nichts Sichres raten.
Es sei denn,
selbst dich zu entsorgen:
Dir abzuschneiden deinen Faden.
Dir Atropos* zu sein
schon morgen.

*Atropos griech. Mythologie. Die älteste der drei Moiren (Schicksalsgöttinnen). Ihr Aufgabe war es, den Lebensfaden zu zerschneiden, der von ihrer Schwester Klotho gesponnen (Herstellung des Lebensfadens) und von ihrer Schwester Lachesis bemessen (Länge des Lebensfadens)

Ich-Verlies (30/27)

Nein. Sinn macht’s nicht.
Auch nicht im Rausch.
Da Drang es ist,
sich zu ergieren.
Sei’s im Gedicht,
sei’s einem Körpertausch.
Sei es diffus
sozialen Lagen.
Egal.
Man muss sich da
verlieren.
In sich allein
Gesellschaftswicht.
Verfügt der Zahl,
der Zeitgeist-Sicht,
abstraktem Sein …
Dem Null-Besagen.
Gelenktem Plausch
an toten Tagen.

Homo sapiens (30/28)/Sonett

Dass was an uns, dem homo sapiens, läge,
nun ja, das glaube ich doch eher nicht.
Gewohnheitstäuscher doch und geistig träge,
sich selbst zu rücken in das hellste Licht.
Auch zu verhehlen sich sein Grundgepräge:
Die rational zerstörerische Schicht,
substanzbarbarisch ohne Jenseits-Hege.
Auf Macht, Effekt, Gewalt und Lust erpicht.

Mit Selbsterhöhungssucht und Ich geschlagen,
an Illusion und an Effekt gebunden,
muss zumal diese Fakten er auch tragen:
Dem Tod verfügt zu sein und Daseinswunden,
wie der, dass vor sich selbst er muss versagen:
Als Körper von Verfall und Trieb geschunden.

Geistiger Rettungsversuch (30/29)/Sonett

Was können kümmern mich die Alltagssorgen,
die Daseinsleere und die Eitelkeiten,
die Inhalt, Wirklichkeit und Würde meiden,
um sich entlastenden Betrug zu borgen,
sich durchzulügen bis zum nächsten Morgen,
sein Ich verdunkelnd und Gegebenheiten,
die unbegriffen in die Seele schneiden,
so Selbstbetrugsmagie sich zu entkorken.

Versuche ich doch geistig mich zu retten
aus inszenierten Halt- und Sinn-Gefügen,
die an Entlastungsillusionen ketten,
auf dass sie diesen Niedergang verschwiegen,
in dem sich doch Erlebniskiffer betten,
sich spracharm Scheinmoral und Schund zu biegen.

Selbst I (30/30)

So ausweglos: Das Selbst. Ein Gitter,
in dem es stets nur an sich selber schlägt.
Genetisch und sozial bedingter Zwitter,
der sprachlich doppelt untergeht.
Weil, sich erfassend, zeigt auf Wir:
Kultur-, Evolutions-Geschichte.
Indes Formalbegriff ist jetzt und hier.
Perspektivierend Wertgewichte.
Rein subjektiv ist das Genom.
Ein Würfelwurf von blind formalen
Vermischungen im Zufallsstrom
der Unterschiede - seinszentralen.
Die Genbefehle weltwärts führen
zu Ich (dem Körper), Wir und Du.
Um sich, versprachlicht, zu verlieren
als Selbstspur: Traum in Broca*-Nu.

*Broca-System: In der seitlich vorderen linken 
Gehirnhälfte: Motorisches Sprachzentrum, 
das Sprache hervorbringt (Kodierung), 
entdeckt von dem Franzosen Paul Broca (1824 – 1880)

Prosafetzen (408) (30/31)

Ein so vertraut
wie fremder Sommerabend.
Mein hypertrophes Feingefühl
kriecht leerelüstern jetzt
durch seine Stillen.
Ihn bald als inhaltslos
sich selbst begrabend:
Zwar wunderbares Existenz-Asyl,
doch nicht geeignet.
meinem destruktiven Willen
zu bieten irgend hohes Ziel …
Sich immer nur an seinem
Nihilismus labend:
Vergeistigt - krank -
sich doch in dem nur habend.

Prosafetzen (406) (30/32)

Mein Wesen ist baryonische Materie,
Kernmacht der Gleichgültigkeit
und des zeitgewaltigen Zerfalls.
Und von ihr allein bin ich ein Teil,
vollständig sie selbst,
immanent ihrem majestätischen Prachtlauf
in eine Quasi-Ewigkeit.
Eine Hyle-Morphe,
in der sie sich zu Bewusstsein organisierte,
zu diesem Ich,
das dieses Körpers hinweisender Name ist.
Hyperkomplex und vollständig
determiniert zugleich,
Ursachenstrom um Ursachenstrom
sei es nutzend,
sei’s erduldend,
sei’s verkennend,
sei’s entbehrend;
Biologie auch noch
in der sublimsten geistigen Verfeinerung,
in der zärtlichsten Manifestation des Erotischen,
betäubt und berauscht von der
unbegreiflichen Seligkeit,
in dieser allherrlichen Sinnlosigkeit
sich selbst noch im Unscheinbarsten
kosmisch belohnt zu gewahren.

Prosafetzen (405) (30/33)

Was ist man doch für ein armer Gesellschaftsknecht,
permanent auf diesen Jetzt-Druck hin verwiesen
medial gepuschter Surrogate:
Waren,
Propaganda,
Sex,
Technikknuten,
Bilderterror und
uniformen Glücksbetrug für ethisch exaltierte,
empörungsbeflissene Allverwerter gelernter Ichsucht
ohne Selbstbestimmungsmacht.

Eigensinn (Trias A) (30/34)

Ich bin - ich weiß es - obsolet.
Warum? Nun, ich bin Geist verpflichtet.
Und der, der macht, dass man im Abseits steht,
sich auf sich selbst nur richtet.

Ich mach es trotzdem. Weil ich muss.
Und sei’s nur, um mich selbst zu achten,
mir mehr zu sein als schaler Schluss
aus Geltungs- und aus Leistungsschlachten.

Wie sie die Markt-Konformen fechten.
Sie tun’s mit Inbrunst. Rigoros.
Längst doch geworden zu verfügten Knechten
mit nicht mehr individuellem Los.

Werturteile (Trias A) (30/35)

Es war nie groß, doch immerhin,
es gab Momente, wert das Ganze,
das sonst Vollzug nur und Bestandsgewinn,
Befehl war, dass man sich umtanze,
sich Mittelpunkt und letzter Zweck
sich höchstes Gut und Sinn und Gottheit sei -
tatsächlich doch ein ziemlich blasser Fleck
auf diesem destruktiven Einerlei.

Der Schmerz der Einsicht, der war’s wert,
das Dichten war es, das befreite,
dass man als Körperding sich nur erleide,
so Wir und Markt und Du verzehrt.

Lotterie (30/36)

Dass sich manche leicht gelingen.
Andre an sich selber scheitern.
Dritte sich verschreiben Dingen,
die sie hetzen auf den Leitern
sei’s nach unten, sei’s nach oben
auf sozial gespurten Bahnen -
Zweckegefüge, angeschoben
von Verflechtung, nur zu ahnen:
Herkunft, Werte, Zufall; Gene.
Und was sonst noch mag uns formen:
Einsamkeit und Daseinsträne,
Krankheit, Scham und Druck von Normen …
Habe ich nicht ansatzweise
- wie denn auch? - begriffen.
Jedem ist nur seine Reise
vorgespurt und eingeschliffen.

Habe ich herausgefunden,
was, warum mich hat getragen
stumm vorbei an Gram und Lunten,
gab mir Kraft, zurückzuschlagen
all der Gossen Trauerrunden
von Verrat, Betrug, Versagen?
Nein. Da warf sich Lotterie.
Unergründlich. Nie gerecht.
Blinde, die mit sich nur zecht:
Rausch, Misere, Kult, Manie.

Vom Ende des Geistes (30/37)

Was ist noch da vom Geist, dem ich verpflichtet
und unlösbar verbunden mich erfahre?
Der mir die Wirklichkeit als sein Werk lichtet:
Als Wertgefüge, das allein bewahre
vor einem Fakten-Chaos, das sich selber nichtet.
Indem selbst Psychen es noch macht zur Ware
und sich allein als Sollens-Grund gewichtet.

Doch nichts mehr seit der smarte Mensch sich brüstet,
die Leitinstanz zu sein für alles Gelten.
Indem er technisch Hochabstraktes listet
in anonym entzweckten Metawelten.
Den Psychen dann als Leitstern eingenistet,
zu inszenieren sich als austauschbare Ichsucht-Helden.

Prosafetzen (404) (30/38)

Dass ich gemein bin manchmal,
zynisch, voller Niedertracht,
das leugne ich mitnichten.
Sag auch nicht dies,
ich sei’s durch andere
- Gesellschaft, Eltern,
sonst wen auch - geworden.
Ich bin’s und muss es sein
bis hin zum Ende.
Wann ich mich werde lösen dürfen
von dieser hirnverseucht
dem Untergang geweihten,
so kindlich trotzig trivialen
Entfremdungsorgie, treffend uns ins Mark.

Meinem naiv tugendgläubigen Land (30/39)

Was soll ich halten
von diesem gegenwärtigen Deutschland,
dem Land, das doch auch meines war,
indes mir fremd geworden ist,
so unaufhebbar fremd,
das sich so radikal verändert,
sich, scheint es, gar schon aufgegeben hat,
sich zu ergeben phrasenprimitiver Lethargie …
Empörungslüsternheit und Selbsthasslust.

Was also, wenn ich’s kalt betrachte,
mein Deutschland, läge noch an dir?
Du längst totalitärer Ichsucht doch verbrachte
Gewaltruine eines toten Wir?

Du Land des Tugendmasochismus,
der deine Selbstzerstörungssucht beflügelt,
politisch impotent dich macht und psychenwirr …
Du Land der Spaßanbeter, die sich gönnen
Erlebniszufuhr als Bewusstseinsmohn:
Ersatzgehalte, um sich abzulenken
von allem, was die eigne Ichsucht störte …
Du Land der Toleranzschamanen,
sublimdumpf frönend Wortgeklingel:
So dieser blinden Euphorie:
Der Mensch an sich
sei frei, vernünftig, gleich und gut,
sei deshalb zu verheiligen
als Würdeträger, ganz egal,
was faktisch er: empirisch sei …
Du Land der kulturellen Auszehrung,
der aggressiven Weltanschauungsjünger,
massiven Wirklichkeitsverlusten doch verfallen,
die in der Tat anstatt auf Werte
auf Sinnschutt nur noch reagieren,
auf Wort-Konstrukte statt Substanztatsachen,
Gesinnungsdespotismus streng ergeben:
Sei’s Powerfrauenstumpfsinn, sei es auch
frech dilettierender Verwahrlosungsschauspielerei.

Das freilich eitel sich geriert als Weltgeistbote,
Rousseausche Menschen mitzuschaffen.
Die guten ohne Selbstsucht-Lote:
Der neuen Wertgemeinschaft Geisteswaffen.
Die sich erfahren werden statt nur zu erleben.
Als freie Bürger, mündig, edel, würdevoll.
Sich über sich hinaus zu heben,
wie es der Neue Mensch doch soll.

Du Land auch einer abgehobnen,
Vertrauen ruinierenden Parteienclique:
Oligarchie rhetorisch fader Wortstaubtrickser.
Gestützt indes von infantilen,
medial verführten Sensationen-Jägern,
gar nicht mehr fähig, selber sich,
nicht emotionsbrachmagisch zu erfassen.
Wohllebensdumpf doch hilflos ausgeliefert
messianisch-dionysischer Behelfs-Ivresse*.

Indes, mein Land, muss ich dir sagen,
dass du entgegen gehst global perfider Barbarei,
Gewalt, Verzweiflung, Ausweglosigkeiten,
prekärem Dasein immer zugemessen:
Dank objektiv nicht änderbarer Lagen,
trotz Beten, kollektivem Qualaufschrei,
wirst dann auch du brutal durch jene gleiten.
Als Kinderei begreifen deine Tugendmessen …
Wie willst du dich, mein Deutschland,
dann noch selber tragen?

*ivresse franz.: Trunkenheit

Des Fachmenschen Großtat (30/40)

Verzeihen Sie, wenn ich es unverblümt,
doch mit recht klaren Worten sage:
Hier tobt die Große Mammon-Sause,
des Fachmenschs Großtat, die bescherte
mit ihrem Wohlstand auch den langen Frieden.
Und eben deshalb will ich sie auch loben:
Sie sei von mir als gute Zeit gerühmt.

Dass sie sich nun zu Grabe trage,
weil auch auf ihrem Grund Verderben hause,
das ändert nichts daran, dass sie mich lehrte,
gerade dadurch, dass ich sie gemieden,
mich habe über sie hinaus gehoben.
Sie ließ es zu. Sie ließ mich machen.

Und hat nicht alles irgendwann ein Ende?
Banale Frage. Kindisch irgendwie.
Ich will mich deshalb drauf beschränken,
sie nur zu preisen, statt zu schelten.
Ich wäre ohne sie beschränkt geblieben,
was Einsicht anbelangt und Lebenschancen:
Ein Schatten unten. Ohne Stimme.

Da legte was mich in die eignen Hände.
Indes die Basis dafür legte sie:
Jobs, Studium, Geld, mich selbst zu lenken
vorbei an Haben, Lust und Gelten:
Da hat mich etwas von ihr weggetrieben.
Auch weil sie propagierte solche Trancen
wie Selbstbestimmung, die als Freiheit glimme …
Sich lustsiech abzusetzen von den Sachen.

Die korrumpierte Demokratie (30/41)/Sonett

In einer Welt abstrakter Wertbezüge
und ethisch grundgelegter Aggressionen,
muss man Gesinnungshörigkeit betonen,
zumal auch Fakten gelten dann als Lüge.
Dann wird’s notwendig, dass man sich verbiege,
vertrete stramm des Zeitgeists Illusionen …
Und sei’s auch nur, sich, ichschwach, zu belohnen
mit Zugehörigkeit zur Tugend-Riege.

Ist irgend Wirklichkeit doch längst verschwunden:
Es fehlen alle Selbstverständlichkeiten.
Man fühlt sich frei, an gar nichts mehr gebunden,
lässt sich von Stimmungspropaganda leiten.
So seiner Selbstverfügungskraft entwunden:
Auch um als Seelenkrüppel sich zu meiden.

Resignationskorrupt (30/42)

Es ist sehr schwierig,
all das zu verstehen:
Dass untergangs-,
gar nihilismusgierig,
wir phrasenarrogant
auf Wegen gehen,
die könnten
ins Fiasko führen,
in Tyrannei gar,
etwa Kriegsanlässe.
Um jede Hemmung
dann auch zu verlieren,
uns zu berauschen
durch Gewaltexzesse.
Weshalb ich mich
zuweilen frage:
Warum soll’s uns denn
weiter geben,
wenn wir, uns selbst doch
autodestruktive Plage,
aus Wesenszwang
vernichten alles Leben?

Apokalyptisches Szenario/NEXBISO:
Nüchterne Existenzbilanz in Sonetten (30/43)/Sonett

Mich macht die Einsicht in die Lagen müde.
Die Lagen, wie sie objektiv bestehen.
Kann ich doch überscharf die Öden sehen
systemverrohter Psychen ohne Güte.
Nicht dass um Macht es ginge und Gebiete,
um Ausbeutung, Rassismus, Kriegsgeschehen,
um Zukunftsbilder der globalen Wehen.

Es geht um später Zeiten welkste Blüte
vor Überlebenskämpfen ohne Morgen,
um den Verzweiflungszug in toten Räumen

als Weitertorkeln durch verweste Sorgen,
darum, den Untergang sich umzuträumen,
um noch mal Hoffnungstrost sich auszuborgen,
bevor ihn Dürre, Flut und Staub umsäumen.

Vorsatz/Für die Königsbergerin (30/44)

Dein Grab sollte ich
mal wieder besuchen.
Da draußen
auf dem kleinen Friedhof,
wo auch diese Bank steht
unter den scheuen Laubbäumen.
Auf der zu sitzen und
deiner zu gedenken,
mich freilich in Trauer, Sehnsucht
und diese hilflose Ohnmacht
ihrer Vergeblichkeit reißen wird.
Werden mich dann doch
die widersprüchlichsten Erinnerungen
an dich heimsuchen:
Fremde Vertrautheit,
fleischkommandierte Rücksichtslosigkeit
und eigensinnige Naivität … 
Und dieses kindische Hadern
mit der Tatsache,
dass du, doch noch so jung, sterben musstest …
Strohblonde Schneefee
feinsinnigster Leibpracht,
Gott ergebener Duldsamkeit
und geiststiller Menschlichkeit.

Späte Erinnerung an Mawi (30/45)

Was hab ich nicht,
naiv, sentimental, haltsüchtig,
gehofft auf dich,
du wunderschön zartes,
charakterlich so festes Kleinod
und naturprivilegiertes Leibgefüge:
erotisch geniale Laune des Stoffes …
Mir ein Halbgottwerk,
ästhetisch makellos vollendet.
Das meine Ichsucht trieb,
sich kindisch zu erträumen,
tatsächlich infantil verworren,
dass meine große Liebe du,
du meines Daseins Zweck und Sinn,
gar Gral mir würdest werden können …
Nicht umzustoßen
von welch Seinsharm immer.

Ich träumte das, sentimental gepackt
von Ignoranz, Borniertheit auch,
ein Tor, der sich gern treiben ließ
durch diese Zitterfluten von Umarmungsweichen,
hinein in tiefe Wesensseufzer
im Dunkel jener Sommernächte …

Drastisch verstrickt dabei
in das lockende Versprechen
immerwährenden Glücks …
Durch dieses sich dann auch
vor Niedertracht,
Seelenkälte,
Verworrenheit
und Versagenslust
sicher zu bewahren.
Indes nicht vorbereitet darauf
- es, bin ich ehrlich, nicht wahrnehmen wollend -,
dass, orgiastisch erfüllt,
eine dies zugleich als sündhaft erleiden könnte.
Hilf- und mittellos
sich selbst und ihren metaphysischen Zwängen
dabei ausgeliefert …
Eine herrliche Frau,
Leibparadies …
Indes gottwirr sich selbst entfremdet.

Folgen progressiver Realitätsverluste (30/46)

Tatsachen, scheint es, gibt’s kaum mehr.
Nur Perspektiven, Wort-Konstrukte noch und Daten.
Und Emotionen, inszeniert und inhaltsleer,
Vereinzelung begrifflos auszubaden.

Sich selber autonome Abstraktionen,
sind so die Individuen besessen
- als gleiche Medien- Markt- und Spaß-Schablonen -,
sich rauschverworren zu vergessen.

Auf kindlich simplen Zeitgeistspuren,
sich zu verheimlichen, was ist:
Dass sie als nachgeordnete Systemblessuren
Bedeutungslosigkeit doch längst schon küsst.

Zumal vor Würde, Freiheit, Toleranz
- nicht lehrbar, schicksalselitär, sehr selten -
sehr viele dastehn ohne Glanz.
Fixiert auf Haben, Schein, Geschwätz und Gelten.

USA I: Zerfall eines Landes (30/47)/Sonett 
Am Beispiel eines Mannes, der als Präsident der USA 
zugleich als Symptom und Verhängnisgefährdung 
exemplarisch für diese steht

Wenn er politisch dächte, würde er
sich nicht verhalten, wie er’s faktisch tut.
Er weiß wohl nicht, was wäre für ihn gut.
Gebrochner Mensch und geistig völlig leer,
träumt er sich ein in ein Phantasmen-Meer.
Und trifft damit exakt der Wähler Wut:
Wie er, Getriebne einer Mammon-Glut,
Pleonexie versklavtes Kunden-Heer.
Der Mann ist Beispiel für ein krankes Land.
Zerrieben von den eignen Groß-Visionen:
Ein inszenierter Messianismus-Tand.
Infantilismus, Akultur, Ikonen
(die Schundwelt-Antipoden von Personen).
Und das Geschwätz vom einigenden Band.

Geständnis IV/Für Mawi (30/48)

Du, meiner faden Tage Augenweide,
ich muss dir nunmehr doch gestehen,
dass ich, ein Leibwrack, mir entgleite
in aller Tiere Schicksal: Alterswehen.
Nach unten geht’s nun, nicht nach vorne.
Das muss man erst mal akzeptieren können,
dies Zeichen einer Schicksalsnorne:
Zeigt’s doch das Ende an von meinem Rennen.

Indes mein Geist, noch immer ungetrübt,
sich wach erinnert all der Freuden,
die du mir schenktest, allgeübt,
dies Dasein manchmal mir als Sinn zu häuten.

Was meine Gedichte sagen oder sind II (30/49)/Sonett

In einem Land, das, geistig ohne Boden,
ein Mammon-Reich ist, wirr und unzufrieden;
dem nicht mal Selbstachtung ist noch beschieden,
weil es erhöhn sich will mit Tugend-Noten,
indes sich selbst muss als Verfall ausloten,
beherrscht von Dilettanten, würfelnd Nieten …
Von Leerformel-Sirenen, die nichts bieten,
sind faktenresistente Phrasen-Boten.

Und somit sind sie nichts als Spielereien,
all die Gedichte, die ich jemals schrieb.
Mir auferlegt von einem Geistantrieb,
- längst obsoleter Schatten leerer Reihen -
der trotz ganz später Zeit mir Leitstern blieb:
Mich völlig Nutzlosem erlöst zu weihen.

Gelernte Knechte (30/50)

Worum’s geht,
ist schwer zu sagen.
Kann’s doch nicht mehr
um was gehen.
Auch nicht Nihilismus-Spaß,
der in Selbstaufgabe weht …
wirbt für inszenierte Glücke,
die nur Augenblicke taugen,
stimmungssiech sich zu vergessen,
infantil sich auszulaugen.
Ohne Mitte, ohne Maß.
Daseinsgierig zu verwehen
Lüsten, die nicht tragen.
Nirgends mehr ein Geisteshebel,
umzulegen manchmal noch.
Zu begreifen dieses Joch,
dass wir sind gelernte Knechte:
Sinnlos wirre Ratio-Tücke,
Abklatsch
stummer Mammon-Messen.

Zuhause. In der Heimat (30/51)

Wie gerne würde ich
nach Hause gehen.
Allein ich weiß nicht,
wo das ist.
Ist es der Ort,
wo ich einst hörte
schon ganz früh morgens
Hähne krähen?
Ist es ein Kindertraum,
in den sich Stillen säen,
zu übertönen Hass,
Gewalt und Schmähen?
Sind es die Winde,
die in Fernen wehen,
um irgendwann sich
neuen Welten einzudrehen?
Ist‘s gar Gott selbst,
uns noch mal zu erhöhen,
dass wir vergäßen wieder,
dass wir Stoffgeschehen,
sind ohne Mitte, Sinn,
wir Leeren mähen …
Auf immer Heimatlose,
die umsonst drum flehen,
noch mal
zu spüren seine Nähen,
bevor wir fällen uns
als Seins-Versehen?

Ist schwer zu sagen.
Antwort gibt s nicht.
Wir müssen alle
heimatlos uns tragen.
Daheim noch allenfalls,
wo scheinbar nun
gerade alles bald 
zusammenbricht.

Der zu verdeckende Kern (30/52)

Das, was man am meisten sucht,
nun, das gibt es nicht:
Sinn, ein Dasein nicht verrucht,
ohne destruktive Schicht.
Es ist leere Träumerei,
sich ein solches auszumalen,
das, vernünftig, gut und frei,
nicht sei Kern in diesen Schalen:
Einsamkeit. Ein Leben lang,
Selbstverlustgefüge.
Drangsal-Spielball,
nur sich selbst Belang.
Wertkommando ohne Haltbezüge.
Grundprekär sich ausgesetzter Zwang.
Aller Barbareien Wiege.

Geistiger Ekel vor manchen oben (30/53)

Wie hab ich doch dies alles satt:
Dies Menschentum, ganz ohne Größe;
sein seelenarmes Scheingewissen,
sein Phrasendasein ohne Heiterkeit.

Dies Menschentum, das nie sich selber hat,
sich selber Last ist - weder gut noch böse,
nur machtsuchtdumpf beflissen
narzisstisch flachem Kunden-Neid.

Das ohne Ehrfurcht ist und ohne Scham,
nichts weiter kennt als Show und Leere:
erpicht auf Selbstdarstellungsposen,
weil unbelebt im Kerngemüt.

Vollzieht nur wortverdeckten Kram
und seines flachen Daseins Grundmisere,
doch abgestellt auf bloßen
Effekt, der ohne jeden Inhalt glüht.

Globalschicksal II (Trias A) (30/54)

Da schwappt was über meine Wege.
Ich ahne, was; und dass ich machtlos bin.
Wie krumm ich mich auch immer lege -
Es packt mich doch in seinem Sinn.
Macht so mir klar das Ausweglose,
das immer enger sich doch schnürt
ins ungewollte, uns zu große
Globalschicksal, das Halt negiert.

Ich ahne, dass wir ins Verderben lungern.
Berauscht nur Wohlstand hingegeben.
Die einen werden folglich hungern.
Die andern fliehen, Kampf und Scheitern weben.

Unselig und orientierungslos (30/55)

Dass man auf niemand kann hier zählen,
das ist mir schon seit meiner Kindheit klar.
Ichsiech ist sie, diese Menschen-Schar
von Subjekten, die sich haltlos schälen
aus Gefühlen, immer öfter Drogen,
ausgebildet als Erlebniskunden ..
seelenlos anonymisierend Wunden,
Markt, Spaßandacht, so Gier verbogen.

Die sie als Person dann leicht zerreißen,
hilflos, leer und ganz verzweifelt machen,
drängen endlich auf längst toten Gleisen,
sich als Schicksals-Gleiche zu verflachen.

Kulturlatrine (30/56)

Die stillen Nächte habe ich geliebt.
Die rabenschwarzen Nächte.
Die Nächte, die die Welt umstellen
mit märchenhaften Schatten.
So ihre krasse Hässlichkeit verbergen.
Denn dann sind Machermätzchen ausgesiebt.
Die Ignoranz auch aller Phrasenmächte.
Man fühlt sich fernab von den Quellen
des Menschentums der geistig matten
Kulturlatrine, steuernd in Verzwergen.

Hier Gedichte von Seite 70 alt einfügen

Immer häufigere Anwandlung (30/57)

Es ist sehr spät,
ist’s jedenfalls für mich.
Mir hilft nichts mehr.
Auch kein Gebet.
Ich will und kann
nicht mehr,
bin krank und schwach,
mir Alterslast,
von der der Tod,
ganz allein der doch,
kann mich noch befreien.
Zumal auch holte dann 
aus diesem Meer
von Schmerz, von Unflat,
Trivialität …
von Menschentum
das niemals sich gerät,
kann heutzutage 
nur noch rational:
sich selbstzerstörerisch
gedeihen.

Prosafetzen (253) (30/58)

Hingeworfen,
diese Zeilen.
Indes wirklichkeitsträchtig
bis in die Kerne
der Grundkategorien:
Brot,
Sex,
Prestige,
Traum,
Sorge,
Lebenslügen,
Zeit …
Verfehlen,
Scheitern,
Verfall.

Prosafetzen (285) (30/59)

Geistig mir selbst begegnend,
mache ich zugleich
ein Heer von Fremden aus,
Spalier stehend
in meinen Seelentiefen …
Von Anfang an
anonym synthetisierend,
was sich als
unteilbare Person,
als dieses besondere Selbst,
mir Halt gebend,
vorgaukeln will.

Prosafetzen (295) (30/60)

Linkisch unbedacht mich
den Zeitgeistverlockungen
überlassend,
zettle ich mich selbst an,
betört von so viel
inszenierungsträchtiger
Außensteuerung,
verführerisch
mich umschmeichelnd
mit allerlei
Glückseligkeitsversprechen …
Um dann schnell zu begreifen,
dass ich diesen würde
ausweichen müssen,
um mich drastisch
vor ihnen zu schützen …
zu wehren gegen
diese subtilen Arten und Weisen,
sich selbst zu verlieren,
ideologisch indoktriniert
und heruntergebracht zu werden
auf die Seelen-Stufe
eines sich selbst
abhanden gekommenen
Umnachtungs-Knechtstums.

Trost (30/61)

Was kann man, alter Mensch,
denn noch erwarten,
von sich, den andern,
der Gesellschaft auch?
Doch längst Verfall
und Todeshauch
in diesem
wohlstandskranken Garten
der Selbstverluste und
der Mammon-Zwänge.

Nun ja: Von sich
gewiss doch dies:
Erleichterung und Trost
und Zuversicht,
dass man im Nichts
muss nicht mehr weinen:
Der Tod wird haben
umgedreht den Spieß:
Befreit wird sein von sich
der Leib, das Ich
verschwunden dann
aus des Bewusstseins
Sinn-Verlies,
so nicht mehr
kämpfen müssen,
lügen oder scheinen.

Trauerzüge (30/62)

Tage des Schweigens,
des Verfalls, der Angst
und der Gefangenschaft
in stummer Mittellosigkeit,
vergisst man nie.
Spürt ihre Würgelasten
wohl gleich schwer
bis zum letzten Atemzug.

Doch ihrer Leeren kundig,
Einsamkeiten, Seelenlasten,
die lebenslang man mit sich trägt,
gelingt es einem doch zuweilen,
sie sich in ein Gedicht zu bannen,
zu überstrahlen geistig so,
verklärend ihre Trauerzüge
zu monotonem Gottbegehen.

Die deutsche Sprache (30/63)/Sonett

Es ist die Sprache, die mir Heimat schuf
als Halt-Gefüge aus der Worte Kranz,
bedeutungstief als Laut, Begriff und Ruf …
Die deutsche Sprache: Geist- und Seins-Abglanz.
Sie lenkt. Sie zeigt, was gibt und vorenthält;
sie macht das Weinen einzig und den Trost,
den Hass, die Liebe und das Bild der Welt,
prägt das Verhängnis, schicksalshaft erlost.

Verkommenheit verramscht, siecht sie dahin;
indes für viele auch wohl längst zu schwer,
auch weil doch fehlt jedweder Fakten-Sinn.
Die Seelen sind da ausgedünnt, ja: leer;
begreifen nicht, was hieße Selbstgewinn …
Verroht verfallen coolem Stumpfsinn-Flair.

Vermutungen (30/64)

Ich dichte monoman mich aus Gegebenheiten,
die längst, ich weiß es, mich so knebeln,
dass ihnen zu entrinnen nicht mehr möglich ist.
Da sind die kollektiven Wirklichkeitsverluste
der Massen wie auch der Funktionseliten,
die - ich vermute das - auch an sich selber leiden.
Und deshalb rasseln mit recht stumpfen Tugendsäbeln,
sich irgendwie zu zimmern ein Fiktionsgerüst.
Auf dem verdrängen sich dann lässt
dies allen doch schon längst Bewusste:
Dass wir, allein uns selbst nur ausgesetzt,
sind sehr wahrscheinlich Untergang beschieden.

Begriffen II (30/65)/Sonett

Gedenke manchmal jener fernen Tage
erotisch kommandierter Leibeinheiten,
zu provozieren jenes Lustgelage,
sich als Person in schaler Welt zu meiden.
Und diesen Nihilismus (Ratio-Krake),
der macht, dass man sich von sich selbst abscheiden,
ja: inszenieren muss, dass man ertrage
existenzielle wie mentale Pleiten.

Doch immerhin: Ich habe es begriffen,
dass Selbstbestimmung unter Lustbefehlen
zu Lügen führen muss und Zwangstäuschungen.
Ist man doch einer Dekadenz verschliffen,
die runter bringt die sinnlädierten Seelen.
Von Hedonismus bilderreich gedungen.

Pessimismus (30/66)

Nach mir die Sintflut
und das Großgezeter,
die drückenden Erbärmlichkeiten,
die Konsequenzen auch von Art-Diktaten.

Wie sind nun mal nicht gut
und Opfer steter
abstrakt verborgener Verwickeltheiten …
barbarischen und ratiofaden.

Was sollen da die Tugendlitaneien,
die Wirklichkeitsverluste und
die Impotenz in Sachen Macht?

Zumal wenn auch die Gurus schreien,
der Mensch sei fein und seelenwund ...
Indes doch Barbarei und Gram entfacht.

Dankbarkeit II (30/67)/Sonett

Der Zufall hat mich wirklich reich beschenkt.
Mich etwa ausgestattet mit der Gabe,
das, was als höchstes Gut gilt, nicht zu brauchen:
Erfolg und Macht und Schein und Geltungslügen.
Mich hat was anderes: der Drang gelenkt,
mich nicht zu klauben aus Konsumgehabe
und nicht als inszenierte Null zu hauchen,
mich Tugenddung und Zeitgeist zu verbiegen.

Im Gegenteil. Ich durfte mich gewahren
als Umsatzgröße, Stimmvieh, Stoffgefüge,
zu optimieren mich und zu genießen
als Abstraktions-Atom im Strom der Waren
als asozial berauschte Lebenslüge,
auf Emotionen-Ramsch und Trug verwiesen.

Gedichte in unseligen Zeiten (30/68)/Sonett 1

Wozu Gedichte noch in diesen Zeiten
moralfanatischer Bewusstseinslagen?
Die doch die Fähigkeit zu hinterfragen,
was ihre sprachverarmten Träger leiten,
ja zwingen mag, sich selber zu entgleiten,
zuletzt zu affektiv gesteuert vagen
Empfindlichkeiten ohne Kernbesagen
herunterbrachten … Trancen sich zu weiten.

Mich selber los zu sein und so zu retten
in Einsicht, Sprachmagie und Sinnbezüge:
Zu klauben mich aus meinen Selbstbeständen.
Weil ledig dann der konsumtiven Ketten
und ihrer sinnlos übervollen Krüge …
Und wissend, dass nur Geistmacht kennt Vollenden.

Gedichte in unseligen Zeiten (30/69)/Sonett 2

Wozu Gedichte noch in diesen Zeiten
die sich in Nihilismus längst verlieren?
Und deshalb Wohlstandsdrogen variieren,
sich zu verhehlen all die Daseinspleiten,
die sich ganz tief in die Person einschneiden.
Sie hedonistisch cool mit Spaß zu schmieren,
auf dass sie setze auf die Kultallüren,
sich marktkonform verdinglicht zu entgleiten.

Um ihrer Geistmacht mich zu überlassen,
die hilft, mich realistisch zu verorten.
Dass ich gefangen bin in Großprozessen,
die man als Kreaturenzwang kann fassen:
Bedürfniskommandiert und fremd den Worten,
die gottverlassen metaphysisch messen.

Gedichte in unseligen Zeiten (30/70)/Sonett 3

Wozu Gedichte noch in diesen Zeiten,
die doch an Fortschrittsmythen sich verloren.
Entlastung saugen sich aus Wohlstands-Poren,
sich zu verhehlen, dass sie nicht mehr leiten
sich selbst … Ihr Schicksal können nicht mehr meiden:
Verfügt zu sein dann digitalen Foren,
um, deren Algorithmenzwang vergoren,
sich letztlich von sich selber abzuschneiden.

Nur noch Gedichte können es bezeugen,
dass Menschsein mehr sein muss als durch Verfahren
und Gleichungsexzellenz sich zu beweisen:
Dass man sich Selbstverzicht und Maß muss beugen,
um sich als Daseinshoheit zu bewahren:
nicht infantilorgiastisch zu entgleisen.

Die Liebe (30/71)

Die Liebe meine doch, sich selber wagen,
das Risiko, sich selber zu verlieren.
So werde man für sich nach Liebe jagen,
real indes nach Traumgebilde-Schlieren?

Doch hat man sie, wem soll man sie dann geben,
wenn alle doch nur auf sich selber pochen?
Die Ich-Verzückten, die nach Freiheit streben,
erlebnishörig zeitgeiststumm in sich verkrochen?

Kann sie als Eros glücken, nur gelungen
als geistig-asoziale ohne Ziele?
Prekär zerbrechlich Alltag abgerungen
und seiner fad verlognen Wohlstands-Mühle?

So wäre Illusion sie und Schimäre
für Körper, drastisch nur von Lust getrieben? -
Sich eine Nacht lang die Verlogenheits-Misere,
das Leben als Berauschungsmohn zu sieben?

Was heißt schon Liebe, diese leere Kinderei?
Sie bleibt für mich der Selbstsucht hochsubtile
Zerbrechlichkeit als jener stumme Schrei
der Daseins-Einsamkeit ganz stummer Kühle.

Seiner selbst sich entfremdetes Körperding (30/72)

Es hat doch
keine Worte mehr,
dies Körperding,
um sich als Du
noch mitzuteilen.
Erscheint so seelenlos
wie ungreifbar,
erscheint so
dumpf und leer.
Als ob es zwanghaft
müsse stylen
und inszenieren sich
nach Star-Vorgaben:
Um überhaupt etwas
zu sein.

Es kann sich, scheint es,
nur als Abklatsch haben.
Medial gegängelt,
selbstarm, allgemein.
Was sich da hingibt,
ist Schablone,
die zeitgeisthörig stumm
sich mir,
sich selbst entzieht,
dass sie belohne
die Ich-Fiktion
vor der sie kniet.

Die Kandidaten (30/73)

Was ich da höre, sind drei menschlich Arme.
Repräsentanten eines Hochkulturverlustes,
politisch unbegabte Durchschnittsseelen
die jene kulturelle Leere nutzen,
sich dilettantisch selbstvergessen
und tugendhypertroph zu inszenieren.

Effeminierter Büttenredner ohne Charisma,
das ist der eine, kratisch impotent, 
weltoffen-wertverwirrter Kümmerer,
gewissenswirr ins Blaue grinsend,
ein karnevalsjovialer Wolkenläufer.
Polit-Traumtänzer ohne Machtgespür.

Der andre Unschuldslamm, das kratisch sanft,
den Kompetenten mimt und All-Besorgten.
Ein Diener seiner Mittelmäßigkeit,
allwendig flachselbstlistig zynisch.
Indes Politprofi, der weiß,
dass Show ins Amt führt. Wahrheit nicht.

Und eine Ich-Magd reinen Machtehrgeiziges,
die selbstbestandslos ihr Persönchen kost,
ein kaltes, ethisch dauergeiferndes,
des Weltgewissens freilich hehrste Stimme …
Gelispelt aus der Herrschsucht Tiefen,
polit-messianisch skrupellos verdeckt.

Gedicht für Deutschland
(Variante zu ‚Die Kandidaten’) (30/74)

Effeminierter Sinntraumtänzer,
der eine, unfassbar,
sei’s inhaltlich, sei’s als Person:
Leidlicher Büttenredner allenfalls,
politisch-machtstrategisch
völlig unbegabt.

Der andre ohne Leidenschaft,
unfehlbar so rhetorisch dorrend;
ein Virtuose der Besagungslosigkeit,
ein strammer Diener der Partei,
der sich da anempfiehlt,
grad weil von Scheitern doch geprägt.

Dann diese Ehrgeizwunde,
die mit dem haltlos kalten Seelchen.
Vor Selbstbestandsarmut
das X begeifernd
totalitärer Tugendfrömmelei.
Politmessianisch machtstier
weltgewissenstrunken fad.

*

Drei geistig Arme treten auf da,
sich bekämpfend.
Es geht um Selbstwert auch,
von keinem jemals zu erringen.
Auch nicht durch Macht,
um die sie daseinsblass sich balgen.
Mit Illusionen strafend
jedes ihrer Worte.
Ideologisch und gesinnungsradikal …
Ein deutsches Lehrstück
zeitgeistdumpfer Seelenbrachen.

*

Was bist du doch, mein Deutschland,
tief gesunken;
hast gar dich selbst verloren,
aufgegeben
an primitive Pseudo-Intellektuelle:
narzisstische Politphantasten.
Die arrogant und dummfrech
sich ergehen
in Rechtsbruch, Korruption
und Ethikschmu.
Zu feige noch,
sich selber unverhüllt zu sehen:
Dies Trug-Gemurmel
leerer Dauernichtigkeit.

Selbstinfragestellung (30/75)/Sonett

Vielleicht indes mag ich mich gründlich irren.
Zumal ich mich ja selber manchmal frage:
Sind da am Werke objektive Zwänge:
Historisch unvermeidlich letztes Zucken?
Und also mehr als nur Versagenswirren …
So dass sie kippen muss, die späte Lage,
notwendig führen wird in Niedergänge …
uns etwa wird die Ratiofalle schlucken?

Fest steht: Wir haben Gott und Sinn verloren.
Halt, Heiterkeit und alle Seelengröße.
Realitätssinn, Selbstdistanz und Stille.
Sind unzufrieden, aggressiv vergoren
nur Ramschkonsum noch, dass er uns erlöse …
als fade Anti-Nihilismus-Pille.

Diese, unsere künstliche Welt (30/76)

Sie ist unendlich kompliziert,
ist widersprüchlich, gierig, laut;
macht, dass an sie man sich verliert,
zumal als Quelle von Erfolgen auf sie baut.

Was bleibt auch übrig einem Einzelwesen,
wenn es sich nicht verheddern will
in ihren Wohlstands- und Polit-Synthesen?
Es muss vertrauen ihnen, halten still.

Weil längst doch völlig außerstande,
sie noch als Ordnungseinheit sich zu klären:
Tatsächlich hat sie weder Kern noch Kante …
ist nur noch Quell von Glücks- und Sinn-Schimären.

ZINSJA (18) Verödungsmagie (30/77)

Nichts, gar nichts
hat es auf sich 
grad mit mir.
Bin völlig wehrlos
gegen diese Maschinerie.
Muss zusehen ihr
und akzeptieren dies:
Dass sie Adiaphora*
nur wirft noch aus,
die spaßbasal sie eng
zusammenhalten.
Verödungsmagisch
sich zu kapern
die individuellen Innenwelten.
Und so auch meine,
wenn auch indirekt.

Adiaphora hier: Nichtigkeiten, Plunder usw.

Der Amtsinhaber (30/78)

Er schüttelt Hände, lacht,
macht Witze und
tut sich
als Sprücheklopfer kund -
Der smarte Amtsinhaber …
Darin Routinier,
zu reden viel,
doch nichts zu sagen.
Weshalb er immer wieder
auch entfacht
den Jubel aller,
die ihn sprechen hören.
Er hat’s verinnerlicht,
das Machtstrategen-Spiel:
Erwähnend etwa homo faber,
der Würde Kraft
und Hoffnungs-Licht,
das Jahrmarktsfest
als tollen Knaller,
dass in der Stadt
sich alle ehren,
weshalb sie Vielfalt atme,
sei auch allseits bunt -
Ein Vorbild sei,
bei Sonne, Regen,
Wind und Schnee.

Verborgene Existenz (30/79)

Zwar bin ich immer Atheist,
wenn mich ein Aufgeklärter fragt.
Indes mir Gott viel lieber ist,
wenn er als Dämon in mir tagt,
mir Sehnsucht macht nach Sinn und Zwecken,
nach Inhalt, der nicht konsumtiv,
nicht starrt vor Schnäppchenjägerflecken,
nicht cool ist und nicht marktlasziv.
Gemahnt an Ehrfurcht und an Scham,
entzaubernd Ich- und Gleichungs-Gram.

Ist er der Dämon doch, der hielt und trug,
der Dämon meiner Phantasie.
Der mir, noch Kind, schon jene Bresche schlug,
zu meistern Barbarei und Ich-Manie.

ZINSJA (44) Ein Seins-Wunder (30/80)

Ein Wunder, dass ich mein Leben
trotz Fremdheit, Verbitterung,
Alleinsein und Gleichgültigkeit,
bis ins Alter klaglos ertragen habe.
Freilich: Die Geistbegabung
hat mir dabei geholfen:
Radikal ideologiefrei,
sachorientiert und einsichtswillig,
ließ sie nie den geringsten Zweifel
an der absoluten Sinnlosigkeit
der menschlichen Existenz.

Aber wer wollte schon wissen,
dass es dieser Nihilismus ist,
der mir stets auch Anlass gab
zu tiefster Heiterkeit,
Zufriedenheit und Dankbarkeit dafür,
zwischen Nichts und Nichts
das Wesen zu sein,
in dem sich als Teilchen-Gebilde
die Selbst-Erkenntnis 
der es ausmachenden baryonischen Materie,
durch die Gehirnentwicklung
auch Geist-Instanz geworden zu sein,
über 13,82 Milliarden Jahre hin vollzog …
Als blindes Zufallsgeschehen,
aus dem auch ich hervorging
um für ein paar Jahrzehnte
Teil zu haben an ihm als einer
der Gedichte verfasst … im Bewusstsein
der absoluten Sinnlosigkeit seines Daseins.

Die nur noch halbbegabte politische Funktionselite/
6 Sonette

(1)
(30/81)

Wozu noch Würde in verlognen Zeiten,
sich flunkernd durch abstraktes Tugendwallen
mit Toleranz-, Respekt- und Freiheits-Fallen,
moralsophistisch eitel zu verbreiten?
Indes sie Fakten phrasenreich vermeiden,
die selbstlobwirren Macht- und Ich-Vasallen.
Die Wirklichkeitsverluste nur belallen.
Narzissten, die durch Geistesarmut gleiten.

Ich kann das, hilflos, nur zur Kenntnis nehmen,
wie sie sich spracharm selbst zugrunde richten:
Die Mittelmäßigen, die sich nicht schämen,
zu offenbaren ihre Tiefenschichten:
Als Sprücheklopfer noch sich selbst zu lähmen,
indem Vertrauen sie naiv vernichten.

(2) 
(30/82)

Man kann das, will man’s nur, ganz leicht erkennen,
dass da Substanzkorrupte frech agieren:
Bedeutungssucht und Ehrgeizzwang zu stillen:
Die Brunft bedeutungsloser Zeitgeistträger.
Ganz kleine Seelen, die in sich verbrennen
und folglich drängen, sich zu etablieren
als solche, die auch andere erfüllen.
Wie sie gesinnungskalte Phrasenjäger.

Dass es umsonst ist, wenn ich das verachte,
das muss mir niemand explizit erklären.
Ich spüre doch, dass da was bricht ganz sachte:
Zum Beispiel diese deutschen Wohlstandsmären,
die man sich hier als Höchstes Gut ausdachte,
indes Person sie, Glück und Halt auszehren.

(3) 
(30/83)

Ich glaube nicht, dass man sie tadeln kann:
Ist es sich selbst verfügter Durchschnitt doch.
Und der entrinnt nicht diesem Daseinsbann:
Totalitärem Ich- und Geltungs-Joch …
In diesem Fall, dass man sich nie gewann
als Geistesfülle, die aus Zufall kroch,
noch Realist, durchschauend endlich dann
den Selbstverrat in diesem Daseinsloch.

Ich selbst? Als Individuum ein Nichts,
bedeutungslos, ein selektives Maß
an Umsatz- und Bedürfnis-Kompetenz:
Vertreter ausbeutbaren Leichtgewichts,
der sich belämmern darf mit Marktlachgas:
Bejohlter Null- und Nichtigkeits-Valenz.

(4) 
(30/84)

Oligarchie von psychisch Impotenten,
die, von sich selbst ergriffen, kalt versagen,
Vertrauen ruinierend Selbstlob jagen
und Fakten je nach Machtvorteil sich wenden:
Mit Tugendgeifer selbst noch Wahrheit schänden.
So schleichend Staat und Recht zu Grabe tragen.
Zuletzt herunterbringen alle Lagen,
bis in Gewissenlosigkeit sie enden.

Indes: Wie könnte anders es denn sein?
Da werkeln ehrlos Selbstwert-Infantile,
die doch nur fühlen können sich allein.
Medial getrimmt auf Tricks und Brot und Spiele,
auf Inszenierungsschauspiel ohne ein
Gefühl dafür, dass Macht sie unterspüle.

(5)
(30/85)

Man hört das oft, sie führen’s gern im Munde:
Dass ihnen diese über alles gehe: 
Demokratie, von ihnen zu bewahren.
Denn dafür stünden alle sie entschlossen.
Das sagen sie in jeder Talk Show-Runde.
Auf dass man ihre Wichtigkeit verstehe:
Wir alle würden in die Hölle fahren,
wenn sie nicht wären. Klug wie unverdrossen.

Demokratie? Die scheint mir elitär.
Setzt sie Askese doch: Verzicht voraus.
Geist, Einsicht. Jede Art von Gegenwehr,
was Show angeht, Narzissmus, Saus und Braus.
Um nicht, durch Lust und Nihilismus leer,
zu werden Gosse eines Würde-Gaus.

(6) 
(30/86)

Wozu mich zieren in so öden Zeiten
moralisch garantierter Daseinsfallen?
Wie Wohlstand, Fortschritt (ingeniösen Krallen),
die drastisch zwingen, Menschlichkeit zu meiden.
Zumal die Leute von sich selbst abschneiden,
auf dass sie sich als tief Beglückte lallen …
Obwohl sind deklassierte Marktvasallen,
die sich erlebnisintensiv erleiden.

Ich kann das, hilflos, nur zur Kenntnis nehmen,
auch drum bemühen, all dem zu entrinnen:
Mich vor mir selbst nicht happy zu entschämen.
Muss ich mich doch durch dieses Dasein spinnen,
besonders zu entzaubern seine Schemen:
Die unfehlbaren Phrasentrödler*innen.

 

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