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Schlichtes Gedicht (28/1)/Für Arthur Schopenhauer/
Für Verehrte
In andrer Augen scheinbar was zu gelten,
na ja, das ist mir schon egal.
Ich lebe nicht in Schein-: Prestigekultwelten.
Indes auf Faktenhalden, eher schal.
Mir geht’s nicht darum, was man gilt und hat;
mir geht es darum, was man ist.
Und immer will ich sehn das ganze Blatt.
Auch Täuschung, Selbstverrat, Versagen, Frist.
Kurzum ich will den Kern erfassen.
Und bin dabei schon recht weit vorgedrungen:
D. h. ich weiß, wir lieben Luxus, Lust und volle Kassen.
Genetisch selber uns gedungen.
Menschen-Los (28/2)
Für uns ist alles nur Fiktion,
ist Träumerei,
phantasmagorisch flüchtig,
wenn es um Sinn und Halt
und Zwecke geht.
Wir scheitern unbedingt,
sind Stoffdurstfron,
nach Deutung
und Erlösung süchtig.
Bewusstseinsknechtung,
die sich selbst verweht.
Selbstvergewisserungen 3 (28/3)
Nach all den Jahrzehnten
sehe ich,
deutlich wie nie,
dass schon im Anfang
das Scheitern bereit lag,
schon in der frühen Kindheit
alles auf Rand wies,
Alleinsein
und das Fingieren
von Entlastungssurrogaten.
Nicht,
dass man es
selber wollte.
Nicht, dass es
von irgendjemandem
so gewollt worden wäre.
Traumwandlerisch gleichsam
gleitet man,
als ob da
eine Notwendigkeit
diktiere,
vorbei an Du und Wir,
um sich am Ende
in all den selbst-
wie außengewirkten
Wahnverknüpfungen
einer von niemand
schuldhaft
zu verantwortenden Existenz
noch einmal
kraft- und alternativlos
selbst
zu versäumen.
Gleichungs- und Verfahrens-Virtuosen (28/4)
Von Seins-Gefechten handeln doch die meisten
der hier versammelten Gedichte;
heißt davon, dass wir uns entgleisten.
Das mussten, auf uns selbst doch zwangserpichte
Vollender radikaler Rationalität.
Die zwang und zwingt, was ist:
und so uns selbst zugleich auch umzuschaffen.
Und nun, so scheint‘s mir, ist’s zu spät
für uns so analytisch hochbegabte Affen.
Ich muss gestehen, dass ich niemals Hoffnung hegte,
wir könnten je uns selbst entrinnen.
Doch Stoffgebilde; und als solche festgelegte,
die Daseinszwänge solcher fort zu spinnen.
Auch dann noch, wenn wir ahnen, was wir tun:
Weshalb wir doch auch Ideale schaffen:
Uns zu betrügen, uns entlastungsopportun
in Trost- und Rausch-Schimären zu vergaffen.
Eine durchdachte Sicht auf die Rock-Musik (28/5)
Ohne diese allgemeine Primitivisierung durch die kapitalistische Wohllebensreligion:
Daueremotionalisierenden Schundkonsum, puritanische Deerotisierungsgeilheit unterleibsdiktatorischen Pan-Narzissmus, geldwirtschaftlich gewirkte Blasiertheit
und diese unermüdlich wiederholten Strategien umnachtender Entfesselungszwänge, die jede Art radikaler Anpassung als Depersonalisierungslust nach sich zieht, wäre die Okkupation der Innenweltbestände
durch Rock-Musik in allen ihren Ausprägungen, gar nicht zu verwirklichen gewesen. Da inszenieren sich Universalinfantile, plärren ihre Aufreizungs-Kakophonien,
unterstützt von aufpeitschender Licht- und Sound-Technik, in die Behelfsseelen magisch Desorientierter,
liefern zugleich die Verdummmungsfeelings erregender Verknechtungsgeborgenheit (to be free, wild, lewd, cool and sexy) und führen so dem Markt die Bedarfs-Iche zu,
die er auf ideale Verbraucher reduziert hat …Weshalb ich diese Drangsalmaschinerie als wesentliche Systemstabilisierungsmacht aus politisch-ökonomischer Sicht tatsächlich klugerweise akzeptieren sollte, passt sie die Fans und Konsumenten an die permanent labilen Verhältnisse doch an, okkupiert die rauschaffinen Psychen, macht sie begriffsarm, stimmungsfad und kaltsentimental unkritisch naiv: Als affekttotalitäre umfassend ausbeutbar.
*Vgl. Benjamin R. Barber, Consumed!. Verlag C. H. Beck, München 2007, Seite 23: "An den Hochschulen und anderswo wird das alles vermarktende Ethos der Infantilisierung gefördert - und fördert seinerseits eine politische Ideologie der Privatisierung, die öffentliche Güter der Erwachsenenwelt wie kritisches Denken und staatsbürgerliches Engagement (einst die vorrangigen Ziele der der höheren Bildung) entlegitimiert - zugunsten privater Vorlieben und des narzisstischen persönlichen Vorteils."
S. 30: "Wie erfolgreich die Verdummung durch die Popkultur war ..."
Ebda: "Beim Film wird der Einfluss der Infantilisierung noch deutlicher ..."
Krank (28/6)
Bloß eine lächerliche Grippe.
Ein Virus, so ein Winzling nur.
Und schon ist’s aus
mit Wohlbefinden, Kraft und Geist.
Versagen greift, dies Stoffgerippe,
das man als Abbild Gottes preist,
zerfällt zu strauchelnder Natur,
wird fleischgeplagtes Kartenhaus.
Erfährt sich drastisch
als verdeckte Hippe*,
die sich sofort als dauerscharf erweist
im Wüten dieser Leib-Tortur.
*Hippe: Sense, sichelförmiges Messer
Wochenendaussichten (28/7)
Freitagnachmittag: Die Dienstschlussfreuden
sickern tiefer ins Bewusstsein als zuvor.
Fast 60 Stunden liegen vor mir, zu vergeuden
mich diesen Spaß-Events im großen Chor
der Wochenendentlastungsschübe:
Der Traumweltmache und Vergnügungsrunden.
Tatsächlich wirken diese Fremdantriebe:
Man ist sich sozusagen aus sich selbst gewunden.
Man fühlt sich fit, ist optimistisch, gut gelaunt,
will was erleben, gängig sich vergnügen …
Man lässt sich lüstern reizen von Effekt und Sound
zu rauschhaft inszenierten Lebenslügen.
die man erlebt dann als Erlösungs-Beuten,
Verdrängt, dass Umsatz man und Selbstbetrugsbedarf vergor.
Sehr spät I (28/8)/Für U. F.
Du, mein Sinnmysterium
triebsakraler Lethe-Reiche,
machtest dieses Leid mir stumm,
stoffverströmt in Trancebereiche.
Es geht abwärts. Ich verfalle …
Dank noch mal für jene Stunden,
leibekstatisch war’n sie alle,
Körpersucht verbunden.
Werden niemals wieder werden.
Seelenschatz nur noch für mich:
Drangsal-Sehnsucht mich zu erden.
Noch wenn’s dunkelt einst im Ich.
Ich-Verzichte (28/9)
Ich-Verzichte? - Jeder lacht,
zeigt ein müdes Lächeln mir:
Wie kann man auf all die Pracht
nicht sich stürzen, wund vor Gier?
Die fast alle können kosten:
Sex und Urlaub, Drogen, Spaß,
Gleichgesinnten zuzuprosten,
ohne Mitte, ohne Maß.
Sich ergattern Geld und Posten,
immer schwenkend volles Glas,
Glücke jagend, Geltung, Macht?
Eigentlich will ich nur melden,
dass ich gutes Leben hatte,
wenn ich - und das war nicht selten -
hoch mir legte dieses Daseins Latte,
aufging etwa Einsichtstiefen,
sprachlich hochkomplexer Kunst.
Selbst mich los war, meine Schiefen,
brauchte keine fremde Gunst.
Keine Anerkennungslügen,
keine Ratio-Abstraktionen.
Von mir frei, mich einzufügen.
metaphysisch toten Zonen.
Richtungslos (28/10)
Ich wollte einfach eine Richtung finden
in dieser richtungslosen Zeit.
Mich nicht begnügen mit Erlebnisfinten,
Behelfsbegehren, Shows und coolem Schneid.
Mit aufgeschwatzten Surrogaten,
Beziehungstremor* und geborgten
sei’s Emotionen, sei’s narzissmusfaden
Zynismen, die mich flach umsorgten.
Gefunden hab ich freilich keine.
Es gibt sie nämlich nicht.
Denn wo Betrug regieren, Show und Scheine
da gibt’s kein Sinngewicht.
Man feiert sich um Kopf und Kragen.
Von Stumpfsinn übergossen.
Von fadem Nichtbesagen,
dem Idiotismus dieser Welt verflossen.
*tremor lat.: Zittern Beben, Schrecken
Sehr Spät II (28/11)/Für U. F.
Da sind die Schmerzen,
die mich plagen.
Die Einsichtsschweren (mehr denn je).
Das frühe Existenzverzagen:
Verfügt in Russlands Schnee.
Dann dieses Faszinosum auch,
der Geist:
Durchschaut schon längst
als Illusion.
Auch das etwas, was mich zerreißt …
Wer dient schon
obsoleter Einsichtsfron?
Und dann noch diese große Liebe,
die ich verbarg dir,
weil ich wusste,
dass sie uns beide sich zerriebe …
sind wir doch Zeitgeistdruckverluste.
*
Aphrodisisch* mir Elysium*:
Drangekstase: Hyle-Messe*.
Nachmittags-Delirium
asozialer* Feinst-Exzesse.
*aphrodisch griech: Die Göttin des Geschlechtsverkehrs - Aphrodite - betreffend
*Elysium griech.: Aufenthaltsort der Seligen
*Hyle griech.: Materie, Stoff
*asozial: Erotik ist asozial, muss es sein, da als "Sakral"-Geschehen dem Alltag nicht zu integrieren (anders Sex): Sex kann man kaufen, er ist primär Triebabfuhr, also biologische Macht. Dagegen Erotik: Diese kann man nicht kaufen, sie ist nicht primär Triebabfuhr, sondern "Körpervergeistigung", genau genommen der einzige Zugang zu einem Du, der nicht primär Ichsucht entspring, sondern (beidseitig) persönlichkeitsgegründete "geistige Nähe" meint: Als "beseelte Anerkennung", also: eine religiöse Erfahrung (als Gebet im Du-Rausch - ohne alle Nebenabsichten: Es ist Selbstaufgabe beider als gleichsam metaphysisch fundiertes Sichselbstsein im andern). Indes: Dass eine solche Erfahrung sehr, sehr selten ist, ergibt sich unmittelbar aus dem Gesagten selbst.
Weisen existenziellen Entlastungshandelns/(28/12)/Sonett
Ach dieses indolente sich Verträumen:
begrifflos stumm von Reiz zu Reiz getragen,
sich inszenierungslüstern zu versagen
die Last der Einsicht, dass man sich versäumen,
verkaufen muss, sich nicht mal auf kann bäumen:
Gelernter Konsument von marktgewirkten Sagen …
Man dürfe selbst sich sein, man dürfe wagen
Glück, Freiheit, Tugend, Selbstwertüberschäumen.
Doch das ist Geistverrat, nicht zu vermeiden:
Wir alle müssen dieses Leben führen.
Ist es doch das von Trance und Selbstvergessen,
sodass an Fakten wir erst gar nicht leiden.
Vielmehr uns Lebenslügen inszenieren,
weil längst von Einsichtsängsten tief besessen.
Eine Lebenserfahrung (28/13)
Das eigne Dasein ist Sozialkonstrukt,
Ergebnis so von Zeitgeistzwängen.
Und man ist klug, wenn man sich diesen duckt,
zumal entkommt nicht ihren Fängen.
Man ginge, frei von ihnen, auch zugrunde.
Weil asozial man würde streben:
Man wäre dann nicht Psychen-Kunde,
nicht Warenglück ergeben.
Wär zumal Neidern ausgesetzt,
gemieden und verhasst.
Weil Geistesdasein andere verletzt,
sie zeigend sich als Daseinslast.
Als ausgeliefert objektiven Mächten;
genauer: den globalen.
Die psychisch die Person verzechten,
uns formten längst als deren leere Schalen.
Daseinsspäter Bewusstseinshusch (28/14)
Der Zeit höre ich zu:
Der trippelnden Monotonie
des Uhrzeigergeräusches.
Überströmt von Melancholie,
Seelenschwere und Existenzekel …
Zufallserinnerungen
suchen mich heim:
Mein Gehirn zeigt
Gesichtsbilder mir,
Körpersilhouetten,
ruft herauf mir
die Laute von Namen auch.
So fremd. So fern. So deutungslos.
Mein eignes Spät zuletzt:
Der schleichend stille Leibverfall
fährt mitleidlos mich an.
Bitterer Augenblick/Für homo sapiens bambergensis (28/15)
Dein junger Körper, dies makellose Gebilde
erotischer Verwirrungsmächtigkeit,
tritt auf mich zu mit verdeckt-lüsternem Anmutslocken.
Ein Wunderwerk sich selbst organisierender Materie.
Ach du Feine, du Augenblicksgöttliche …
Eines Wachgespinstes Leibmagie
in später Nacht von einer tiefen Sehnsucht
mir lichtklar zugewürfelt.
Trauer macht es, Scham, Bedrückungslast.
Müsste ich ihm doch auch eingestehen,
ein bitterer Augenblick wär's,
altersschwach und einsichtshypertroph geistdeformiert,
ihm jene Glücke nicht mehr schenken zu können,
die er einst hemmungslos genoss
an jenen verantwortungslos-asozial tiefen,
längst für immer verschwundenen
so daseinstiefen Freitagnachmittagen.
Selbsterniedrigung und Erlösungs-Kopulieren/Für Chrisbe (28/16)
Obwohl als Mensch du nicht viel taugtest
- ich-, genuss-, prestige- und luxussüchtig -
denke ich jetzt, nach deinem Tod,
doch öfter an dich, als ich es tun zu müssen
mir zuvor würde eingestanden haben,
damals, als du mich hast fallen:
im Stich gelassen hast.
Verschwiegen sei der Grund
erbärmlicher Niedrigkeit.
Indes sehnsuchtskommandiert
immer häufiger triebtrunken verwirrt
von den Erinnerungen an jene Entlastungsglücke:
zitternde Glieder
belämmernde Geborgenheitsnischen -
Welt distanzierend,
Sinnlosigkeitsanwandlungen
und all die bedrückenden Einsichten,
die mich heimzusuchen,
ich nicht hindern kann -,
in ihnen orgiastisch erlöst dann.
Radikal kommandierend.
Wie damals,
sexdrastisch auch danach lechzend
für ein paar Stunden zu entrinnen
alltäglich spürbarer, definitiver
Vergeblichkeitsverfallenheit.
Über mich Außenseiter (Trias C) (28/17)
Biosoziale Monade,
Marktverfügungsmasse
und mir selbst und andern Mittel,
bedeute ich gar nichts.
Ich hatte nur das Glück,
in einer Zeit des Friedens
und materiellen Wohlstands
mich, solange ich als Kunde,
Arbeitnehmer und Steuerzahler
meinen Pflichtteil
zu dieser Gesellschaft beitrug,
privat nach Belieben
absitzen zu dürfen …
geistmonoman
inmitten global entfesselter
Dinghörigkeit.
Unbehelligt vor allem
von anderen:
Ihren Einfällen,
ihrer Erlebnissucht,
ihrer Selbst-Verfallenheit
und ihres sie lückenlos
steuernden Tauschzwangs
- dessen Faszination,
Ablenkungs- und Entlastungspotenz
ich als erstrebenswerte Zwecke
durchaus nachvollziehen kann -
Geistmonoman? Ja.
Für faktisch nichts
und wieder nichts.
Trotzdem: Mehr kann man,
im wachen Bewusstsein
unserer Anfälligkeit
für Unstete,
Irrationalität,
Selbstverlustträge
und bestrickende Barbareien,
realistischerweise auch nicht
erwarten oder gar verlangen,
wenn’s darum geht,
Welt, Wir, Du und sich selbst
klugerweise zuweilen
völlig zu meiden.
Der ‚Neue Mensch’ des Kapitalismus (28/18)/Sonett
Dem Wohlstandstaumel kann ich nicht entgehen:
Der dionysischen Entfremdungskrake.
Fakt ist, dass man global sich schönt die Lage,
um sie mit Optimismus zu versehen.
Sei unsre Welt zentral doch Zielgeschehen,
das eine Antwort gäbe auf die Frage:
Was soll er sein, der Mensch? Nun: Nie mehr Plage …
frei soll er sein von allen Daseinswehen.
Das wäre dann das kulturelle Ende:
Vor allem das der kantischen Person …
Die letzte Stufe jener langen Wende
zu einem Diesseits ohne Religion,
zu einem Dasein ohne Sinngelände,
Verstand verfügt; heißt: rationalem Mohn.
Ausnahmslos/Mich selbst eingeschlossen (28/19)
So wie eure Gier, euer Stumpfsinn,
eure spaßhungrige Indolenz
und empfindsame Selbstaufgabe
euch schleichend überwältigen,
so mich, gewaltträchtig, mein Ekel
vor diesem Evolutionsausschuss
kindisch-ichsüchigen Kreaturen-Gesindels,
das wir doch alle, ausnahmslos, sind.
Unfrei. Uns selbst nicht gewachsen.
Schuldlos uns Deutung, Zweck
Gehalt und Sinn vorgaukelnd.
Zuweilen intolerant und tugendwirr
fundamentalistisch (28/20)
Was soll ich geben auf die Intellektuellen?
Ich meine manche dieser lauten heutigen.
Die hybrisarrogant sich selbst darstellen,
als Schlag von toleranzdünnhäutigen
Verfechtern eines Menschenbilds an sich:
Verfügend über ein paar hundert Worte.
Kein Wunder, dass dann ihr verwirrtes kleines Ich,
sich auch mal aggressiv verorte.
Sich mal auf Unbegriffnes auch berufe
(Gesinnung zählt, nicht scharfe Analyse)
und als zu strafen den einstufe,
der inkorrekt „humanity“ vermiese.
Weil eben nicht ein Zeichen nur will setzen,
vielmehr versucht, Komplexität zu greifen.
Was jenen freilich gilt als Hetzen,
zumal Politmoral sie keifen:
Teil einer Zeitgeistzwangs-Inquisition,
die sich erfrecht, was sie nicht kann:
Zu scheiden Wirklichkeit von Ethikmohn
und Geistfinesse von Phrasenbann.
Diese Daseinswunde (28/21)
Der Herbstwind treibt
die Blätter durch die Straßen.
Wie uns die Zeit
durch Tag und Stunde.
Uns zu erhaschen
Daseinsbasen,
mit Hilfe ihrer auszuheilen
die Wirren mancher
Schicksalsschläge:
In Träumen etwa
zu verweilen,
dass man,
erlebnisselig träge,
entränne dieser Daseinswunde,
weil in den Armen
des Vergessens läge,
verschont von sich,
Verfall und
Menetekel-Zeilen*.
*Menetekel: Unheildrohendes Zeichen; s. AT, Daniel 5, 25
Toleranz, Macht und Gewalt (28/22)/Sonett
Idealismus rationaler Toleranz,
will mich belehren, dass nur diese uns erhöhe,
zu guten Menschen mache, gleichsam Akzeptanz
in jeder Hinsicht schaffe, die selbst Macht verstehe.
Die doch ansonsten sehe nur auf ihren Glanz,
gerissen, taktisch klug und lockend hintergehe.
Denn wer berührt sie habe, wolle sie dann ganz.
Indes ich glaube nicht an Toleranz und Güte,
an Gleichheit, Freiheit, Tugend … Aber an Gewalt.
Dass sie es sei, die uns vor uns zuletzt behüte.
Ja an der Wurzel stehe unsrer Seins-Gestalt,
die sich, behaupte ich, als Ich-Drangsal uns schmiede,
nur ihren Vorteil sehe; klar, gewissenskalt.
Stoffverflachen (28/23)/Sonett
Verleugnet hab ich meine Herkunft nie.
Schon um nicht meine Wurzeln zu vergessen.
Die mich doch prägten bis ins Wesens-Wie,
mein Was verrieten noch in Tränennässen.
Was war’s denn? Welttheateramnesie*
am Schreibtisch, im Vollzug sozialer Messen,
mich durchzutäuschen (auch per Banausie)
durch diese artfatalen Ich-Tristessen.
Ich hab mir vorgemacht, was vorzumachen;
sei’s anderen, sei’s mir, sei’s sogar Du.
Grad weil ich wusste, wir sind faktisch Sachen.
Und die, die fragen ganz umsonst: Wozu?
Dem Tod verfügt, im Leben ohne Wachen.
Ob oben oder unten: Stoffverflachen.
*Amnesie griech.lat.: Erinnerungslosigkeit
Selbsteinwand/Für U.F. (28/24)
Ich habe es
zuweilen selber satt,
so negativ
die Welt zu sehen.
Denn dass auch sie
Vollendung hat,
dass sie kann Glücke
ohne Makel säen,
das machst schon du allein,
du bist sie ja:
Ein Leibsuchtgral,
so jenen magisch nah.
Die letzte Zuflucht (28/25)
Einsamkeit -
die letzte Zuflucht mir,
mich selber zu bewahren.
In einem Seelenraum,
von andern unerreicht,
mir deutungslos zu werden …
Mich selbst los
hinzugeben ihr,
der tiefen Stille
und raren
Seins-Verflüchtigung,
der alles, wirklich alles, weicht.
Mich meiner Nichtigkeit
bewusstlos dann
zu erden.
Was will ich mehr? - Ich durft’s erfassen (28/26)
Was will ich mehr?
Hab ich doch vieles
scharf begriffen:
So etwa auch doch
diese Mär:
Dass unser Dasein,
Sinn verschliffen,
ein Hort von Glücken,
ja manchmal gar
Vollendung wär.
Was doch nicht sein kann,
weil wir alle greifen
nach Ich-Erhöhung,
Traum und Lust,
weil die in große
Illusionen schleifen,
zu hintertreiben,
ganz bewusst,
dass dieses Dasein
selten ist,
was wir von ihm
ersehnen:
Ist es Alleinsein doch,
prekär,
Verlust und Frist:
Ein Organismus-Joch
und leeres Wähnen,
dass es geborgen sei,
vielleicht gar
Wiederkehr.
Hochstunden (28/27)
Das Buch Kohelet etwa
aus dem Althebräischen zu übersetzen,
schuf mir eine so tiefe Zufriedenheit
und - ich übertreibe nicht -
Welt enthebende Seelenruhe,
dass ich mit Bestimmtheit sagen darf,
damit Daseins-Hochstunden
verbracht haben zu dürfen,
die ich indes weder
nachvollziehbar begreifen,
noch begründen kann.
Immerhin: Es ist letztlich
eine metaphysische Faszination,
begleitet von geistiger Leidenschaft:
zum einen der Bewunderung dafür,
dass Kohelet gleich zu Anfang
unmissverständlich sagt,
dass alles null und nichtig,
nichts also als Windhauch sei
- ein Satz,
der mein eigenes Lebensgefühl
so exakt wiederzugeben geeignet ist -
und zum andern für die - für mich -
unüberbietbare Schönheit
der Quadratschrift,
die diese Stunden ausnahmslos bestimmten.
Und dass,
obwohl weder von einer Glaubenskrise,
noch von Existenzangst,
schon gar nicht
von der Bedrückungstrivialität
des zeitgenössischen Kundennihilismus
heimgesucht,
gerade ich,
dieser völlig nichtige Zufallswurf
einer sich selbst organisierenden
baryonischen Materie,
vom absolutem Hochsinn
jener Stunden getragen,
dann erahnen, ja:
bestimmt einsehen durfte,
dass Gott - der Dämon meiner Kindheit,
der, weder existierend
noch nicht existierend:
eben geistig wirkmächtig -,
immer noch in mir wohnt …
Dass IHN, diese substanzgeniale Fiktion
menschlicher Ursehnsucht,
mit dem „Bösen“
in dieser Welt zu belangen,
mir geradezu lächerlich
und arrogant erschiene,
denn dieses ist das Ergebnis
der Selbstentäußerung
des Homo sapiens,
dieses Großhirn-Virtuosen,
unfähig, nicht zu versagen,
sich nicht zu verkennen,
unfähig auch, zu begreifen,
dass er -
wenn auch unschuldig wesensvergoren -
in die von ihm (also: notwendig)
gelegten Fallen rennen musste:
Sesshaftigkeit, Gleichung, Verfahren,
Gottlosigkeit, Ungeborgenheit, Hybris,
Verblendung, Selbstglorifizierung,
Polittugend-Verkommenheit, Narzissmus …
Kurzum: seinen Intellekt-Nihilismus,
um nunmehr sich selbst heimzusuchen …
vielleicht bis zum bitteren Ende.
In der Tat … „hakōl hābel“*
*Ü.: Alles ist null und nichtig/ist Windhauch
Realitätssinn und Bedeutungswürfelei (28/28)/Sonett
Welch Privileg! - Ich konnte selbst mich meiden,
die Fakten nackt: ganz ungeschminkt so sehen:
Bis auf den Grund, wo sie diffus sich drehen,
und nach und nach zu Perspektiven weiten.
Dann, uns bedrängend, ins Bewusstsein gleiten,
uns, allbedürftig, aus der Bahn zu wehen.
Weil Wert und Stoff sich gegenüberstehen,
uns zwingen, ihren Widerspruch zu leiden.
Mich hat’s indes bewahrt vor Einschätzungen,
wie der, dass unser Dasein machbar sei;
dass wir uns menschlich würden sein gelungen,
wenn wir uns lobten nur als gut und frei;
nicht, Zeit und Rausch notwendig ausbedungen,
verlören in prekärer Würfelei.
Hilflos (28/29)
Wohl weiß ich
wie kindisch diese Hoffnung ist,
dass heben sich könne der Mensch
aus blinder Verworfenheit;
hilflos doch ausgeliefert
sich selbst, Wir und Vergeblichkeit …
stets außerstande,
sich selber zu retten
aus unverschuldeter Ich-Despotie,
Gesellschaftsdruck
und Ausdeutungsgefangenschaft.
Ungeschminkt/Für alle meine an sich selbst
völlig unschuldigen Artgenossen (28/30)
Wir ahnen, was es heut besagt: zu existieren:
Gefangen sein in sich, in Markt und Lagen.
Um so bewusstseinsarm sich zu verlieren
Gesamtumständen, die nicht tragen.
Die, unumkehrbar, werden stets subtiler,
uns (wehrlos) in sich aufzusaugen.
Uns, mammontheologisch immer infantiler,
auch psychisch auszulaugen.
Ein Los, dem kaum noch jemand kann entrinnen.
Um Mündigkeit und Halt betrogen,
kann er sich gängig nur noch so gewinnen:
Durch Inszenierung, Pop-Ekstatik, Sex und Drogen.
Monadenheere, wir, erpicht uns aufzugeben,
weil schicksalslos erlebnislüstern.
Bestimmt, sich Stumpfsinn auszuleben
und Ethikmohn zu flüstern.
Wir können uns nicht frei entscheiden,
schon gar nicht vor uns selber uns bewahren.
Wir werden immer an uns selber leiden:
In unsren eignen Abgrund fahren.
Nicht dass wir - noch mal - Schuld dran wären.
Uns fehlt doch jede Seelengröße.
Wir, die wir nicht mal um uns selbst uns scheren,
sind weder gut noch böse.
Erinnerungen (28/31)
Erinnerungen - ungeschönt?
Und also ganz genau genommen?
Nun ja bedrückend, deprimierend fad.
Und das gilt für die allermeisten.
So hab ich früh mich schon daran gewöhnt,
dass keiner kann sich je entkommen.
Meist gar nichts kann für was er tat.
Ein Fall der in sich selbst Verwaisten:
Ein mittelloser Spielball sich,
in dieses Sein geworfen ohne Chance.
Orientierungslos gelenktes Ich
und objektiver Lagen Ausschuss-Trance.
Geschichtlich privilegiert (28/32)
Was habe ich - historisch - es nicht gut getroffen!
Per Zufall eben. Nicht verdient.
Ich darf sogar noch auf ein Ende hoffen,
von objektivem Elend nicht vermint.
Doch dass dies kommen wird,
das ist wohl abgemacht.
Zumal es schon aus vielen Seelen girrt,
sich selber Gram und Last und Schlacht.
Auch zeigt es diese progressive
Verwahrlosung der Durchschnittsseelen.
Bemerkbar längst als stumpfsinnintensive
Behelfsmoral, sich inszeniert zu quälen.
Absage an das zeitgenössische Deutschland (28/33)
Was sich hier auftut, das ist nicht mein Land,
war’s - bin ich ehrlich - faktisch nie.
Lethargische Orgiastik zweiter Hand:
Effekt der Wohlstandsonanie.
Die’s treibt als Zahl und Macht bis heute.
Gemeint sind die Funktionseliten,
die, Gier, Narzissmus, Ethikschutt zur Beute,
sich längst von Wirklichkeiten haben dreist geschieden.
Indes die Leute haben kein Vertrauen,
versenken sich in Urlaub, Sport, Erleben.
Erlösungssüchtig dieser flauen
Ersatzwelt hingegeben.
Das will ich nicht, will mich nicht selbst verdummen
mit Phrasen, Lust und Geltungsdrogen.
Mir eine Existenz zu summen,
medialem Stumpfsinn infantil verbogen.
Was tatsächlich ist. Und dann der Nacht-Mar danach (28/34)
Ein trivialhedonistischer Nihilismus
geistig deklassierender Konsumschlaraffen:
Ein ökonomisch-metaphysischer Berauschungszwang
für gleichläufig Desorientierte.
Eine Spätzeitmonadenorgie, digital intensiviert,
sich inszenierend hin auf Untergang.
Realität, wie immer, spracharm abzuweisen,
weil nicht zu fassen mehr in diesem Hybris-Strom
von Tugendarroganz und Ehrgeizschäbigkeit.
Ernst kann ich das schon lange nicht mehr nehmen.
Wiewohl die Zwänge des Systems ich schon begreife:
Die Deklassierungsmacht medialer Alltagsniedrigkeit,
die Psychen-Hechel-Onanien kratisch* Unbegabter,
die All-Herrschaft der Siegermittelmäßigkeit,
die Panverdummung durch die Pop-Musik,
die der Bewusstseinstrübung durch Erlebnis-Hanf,
Orientierungslosigkeit und diese Sucht nach Surrogaten,
sich eine Welt zu schönen, die nicht greifbar ist,
die man nur feiern kann als plump geschönte …
Man kaut auf Eskapismus-Rinden,
wie immer einem auch geschehe.
Man ludert hilflos hin durch dieses Dickicht
von Waren, Wirklichkeitsersatz und daueroptimierter …
Nun: Selbstverdinglichungsmonomanie.
Wahrscheinlich wird’s auch etwa so dann laufen:
Per Technomystik digitale Regressionen
in angenehme Traumwelttraufen,
damit man automatisch sich dann straffe Mohnen,
zu unterspülen alle Hirnregionen,
bestialisierend so die letzten Haufen.
*kratisch griech.: (macht)politisch
Dank I (28/35)
Indes sollst auch du wissen, Deutschland,
dass ich dir danken werde bis zum Tod
für deine Sprache, meine Muttersprache.
Geeignet, mich ein Leben lang zu führen:
Sei’s hin zu Gott, dem Seelenabsoluten,
sei es ins Labyrinth der Homo-Barbarei,
sei es ins Sehnsuchtsmurmeln der Materie,
die sich in ihr als Geistgrund darf begreifen …
Sei’s in Gedichten, die von Glücken wissen,
die nah heran an Selbstentwirrung reichen,
dies Dasein zu enträtseln als geniale Nichtigkeit.
Gedicht über sapiente Ausweglosigkeiten (28/36)
Eine Parteienoligarchie,
ethisch angekränkelt und realitätsflüchtig,
schläfert die Kundenhirne ein …
opportunistisch,
werthehr,
verantwortungslos.
Und die neurotischen Opfer von Pleonexie,
kaltschnäuzigem Narzissmus,
sie zollen Beifall,
bildungsarm,
beten die Medienmär her von Würde und Vernunft.
Frenetisch verhalten und hoffnungslos gutgläubig,
geben sie‘s auf zu opponieren …
sich ihren Kindereien,
Erlebnisbelämmerungen und Eskapismen wieder hingebend.
Paradigmata existenzieller Ausweglosigkeit.
Die einen wie die anderen:
Büttel a priori definitiv
systemimmanenter Selbstzerstörungskräfte …
wachsend,
sich selbst multiplizierend,
von faszinierender Untergangsträchtigkeit.
Kultur (28/37)/Sonett
Kultur? Was würde heute nicht Kultur genannt?
Vom Schlagerfestival bis zum Behelfsvoodoo,
Obszönitätensprech und Tugendindustrie.
Kurz: Jeder Schwachsinn, der in irgendeiner Form
die kleinen Geister und die toten Seelen bannt
mit einem inszenierungsprimitiven Clou,
der, sprachlich halbsatzsimpel, ohne Was und Wie
erfüllt die zwangsegalitäre Zeitgeistnorm.
Kultur ist Hochkultur. Heißt: Geisteselitär.
Distanz zu sich zu wahren, diesem Rätselknoten.
Als Würde und Person Pleonexie-Abwehr.
Sich Pflicht und Selbstenträtselung: Vernunft zu loten,
dem Sinn für Wirklichkeit primär in diesem Meer
von Barbarei. Dem Schicksal von uns Stoffheloten*.
*Heloten: Staatssklaven im antiken Sparta
Kulturbarbarei (28/38)/Schlichtes Sonett
Kultur als Medienalltagsschwall ermangelt
verflachungssiech des Wertes überhaupt.
Meint oft nichts mehr, als dass sie tingeltangelt
(oft ist auch andres gar nicht mehr erlaubt).
Es geht darum, dass man durch Schund sich hangelt:
Zu adorieren jeden Geck, der glaubt,
dass er am tiefsten im Prestigeteich angelt.
Substanzbestandes doch akut beraubt.
Sex, drugs and rock’n roll als Psychen-Kur,
sich als Berauschungskunde zu erweisen,
sich selber aufzugeben, um dann nur
gefühlszerlumpt sich selig zu entgleisen,
erlösungsdumpf zu stöhnen bei der Schur
durch Halbgottpöbel aus erlauchten Kreisen.
So für mich (28/39)
Immer hab ich’s so gesehen:
Unbedingt zu wappnen mich,
diesem Zeitgeist zu entgehen,
der doch primitiv frivol,
unverschämt, im Grunde triste,
ist so deprimierend hohl;
der zumal ein Hinweis ist
auf die ruderlose Welt,
die sich zeigt als Gramgeschwür,
das am Ende uns wohl fällt.
Wissen freilich kann man’s nicht.
Würde dran verzweifeln auch.
Hybris-Knecht als Triebgefüge,
der sind wir auf jeden Fall.
Zeit verfügt und Phrasenhauch,
Zwängen, mancher Lebenslüge,
Traum und Leere,
Schein und Rausch.
Nunmehr dieser Geldgaleere …
Selbst sich Ding und Tausch.
Einzigartigkeit (28/40)
Wenn ich nächtens in die Stille,
diese schattendunkle lausche,
grüble, ob da irgend Fülle
meinen Daseinskreisen rausche,
wird mir deutlich: Sicher nicht.
In bin selbst mir eingeschlossen.
Stoff-Gebilde Schicht für Schicht,
Zufall ausgeflossen.
Bis zum Ende ganz allein,
mir und andern deutungslos,
werde ich Monade sein:
Weh aus der Atome Schoß.
Ungeschminkte Klarstellung (28/41)
Was redest du
von Glück und Sinn?
Verzeih!
Du delirierst profan.
Bedeutungslos
geht alles hin:
berechnet
gossenmonoman.
Geistig ortlos (28/42)
In dieser Welt der psychisch Armen,
von Machtsucht dominiert und Ehrgeizräuschen,
Geschwafel, Zahl, Entschämung, Gier,
von Gaunerei, Narzissmus, Traumweltfarmen,
von Werten, die sich selbst vortäuschen,
von Machern inszeniertem Markt-Plaisir,
wird’s immer schwerer, sich zu halten
an Wertvorgaben, sich zu retten
in subjektiv gewirktes sich Gestalten,
weil man sich nirgends mehr
kann geistig betten.
Ideologischer Selbstbetrug (28/43)
Dann diese Hybris
sich entlaufner Runden:
Ein Trance-Gespinst von Toleranz,
von Würde, Gleichheit,
von Vernunft und Frieden,
von einem Dasein ohne Wunden,
von tiefer Glücke Dauerglanz,
dem Neuen Menschen einst beschieden.
Welch Kindertraum!
Welch stiere Eitelkeit!
Und welche Tugendarroganz!
Sind wir doch selber uns
notwendig Lunten
und Barbarei zuletzt
auch unser Wertgeleit.
Gott V (28/44)
Sprachgewoge und Neuronen-Spiel.
Endsehnsucht und Geistheimat.
Seelen Grund, Gehalt und Ziel,
Sinngefüge, Weisheitssaat.
Trug dich immer als Schimäre
mit mir hin, wo immer.
Warst mir doch die Große Kehre,
warst mir Hoffnungsschimmer.
Ohne dich kann’s Heil nicht geben,
weder Zweck noch innre Größe.
Du allein verleihst dem Leben,
mehr zu sein als nur Gekröse*:
Stoffgefüge, atomar.
Hyle-Husch, Geworfenheit,
Gramsog, aller Deutung bar,
Selbstverlust, Versagen, Zeit.
Solltest du nicht existieren,
wie ich es doch glauben muss,
wirst du geistig dennoch führen
mich bis hin zum Schluss.
*Gekröse: „Innerei“ (besonders vom Rind).
Ich benutze das Wort für „Ein Stück Fleisch“
Gott II (28/45)
Bist du nicht ein Geistrinnsal,
Trostspuk einer Seelenstille,
Sprache mystisch immanent?
Sehnsucht nach dem Absoluten,
Loslösung von Drangsal-Schwingen,
rationalem sich Entgleiten?
Heimzukehren in die Große Fülle,
für die jeder letztlich brennt:
In ihr frei von allen Knuten:
Raum und Zeit und Stoff und Zahl.
Nicht gebunden an die kruden
Weisen von Gelingen;
an der Werte Grund-Seichtheiten,
faktenflüchtig zu versehren
den, der nur prekär sich kennt,
diesem Bettel ganz vergoren,
willenlos in ihm verloren:
Glücklos faden Daseinsschweren.
Der Unterschied (28/46)/Sonett
Dazugehört? Na ja, das hab ich nie.
Ich hätte mich auch sehr verstellen müssen.
Schon weil ich tief verachte diese Gruppen,
die sich berufen fühlen, Welt zu meistern:
Staat. Wirtschaft. Das soziale Was und Wie.
Indes nicht Einsicht haben noch Gewissen,
sich allzu oft als arrogant entpuppen,
narzisstisch sich nur für sich selbst begeistern.
Nicht dass ich einen Deut begabter wäre,
vernünftiger und klüger, auch gar frei.
Der Punkt ist der, dass ich als kalte Zähre
des Stoffs mich weiß, als seine Spielerei.
Zerrieben zwischen Sinnsucht, Drang und Leere
und metaphysisch totem Einerlei.
Das Gedicht II (28/47)/Sonett
Wenn’s aufschießt, nun dann meistens unerwartet.
In irgendeiner Flucht von Geistmomenten.
Ganz ungeplant, man kann es nicht erzwingen.
Es scheint, als würde Sprache einen greifen:
Neuronenzufall dunkel abgekartet.
In zwei, drei Zeilen dann zunächst zu enden,
die meistens überhaupt nicht gut gelingen.
Als wollten einen sie nur spielend streifen.
Was mag da freilich alles mit eingehen
an Schicksal: Subjektiven Daseinswirren,
sozialen Wunden, feigen Selbstaufgaben,
an Dingen, die für Niederlagen stehen,
in Seelentiefen aber weiter girren …
Sich im Gedicht dann selbstverklärt zu haben.
Doppelter Abschied (28/48)
Was immer du mir sagen willst,
sag’s jetzt; und sag es offen.
Du weißt, was du mir bist und gilst.
Ich freilich leben kann auch ohne Hoffen.
Mir nie auch Illusionen machte,
dass du mir bleiben würdest bis zum Ende.
Und selbst schon daran dachte,
dass ich mich ohne dich mal fände.
Du bist begehrenswert, gebildet, wunderschön.
Erträumst dir deshalb schon ein bessres Los.
Hör zu: Du musst nicht zu mir stehn.
Zumal ich kalt bin: mir scheint nichts mehr groß.
Gewissensbisse musst du auch nicht haben.
Werd ich doch heimgehn, heim zu mir.
Verzehren mich den eignen Gaben:
Mich auszudeuten geist- und faktenschier.
In dieser Zeit des Selbstverrats,
der Marktverfügtheit und Verdinglichung,
der Inszenierung seiner ohne Skrupel,
der Ehrgeizdrangsal ohne Geistesmittel,
des faden Hedonismus einer Promi-Plebs,
der Unterdrückung des Erotischen,
das Großen Stumpfsinns von der Stange,
der inneren Verarmung und bejohlten Leeren …
ist’s wohl auch besser so, dass ich mich wende
ihr diesmal ohne Rücksicht zu,
sie zu entlarven als schon sehr, sehr späte,
in sich zerfließende Monadenhektik,
politisch ruinös und rechtlich deklassierend.
Bestandsaufnahme III (28/49)/Sonett
Ich? Marktspielball, der immerhin begriff,
die Mechanismen dieser Diktatur
der Negation von Selbstzweck und Kultur.
Die Psychen zu Bewusstseinsmärkten schliff,
auf Show sie drillte, Coolness, Trug und Kniff,
zu inszenieren sich als Spaßtortur,
gewissenlos, entmündigt … Knechtsfigur
auf einem berstend richtungslosen Schiff.
Indes die meisten sich an Phrasen laben,
an zeitgeistprimitiven Ich-Missionen:
Erlebnisonanie, Prestige und Haben.
Sich zum Systemabklatsch von selbst schon klonen:
Sich technisch asozialisiert zu schaben
aus sie entmündigenden Ramschversionen.
Selbstbewahrungsunfähig (28/50)/Sonett
Ich bin Verfechter einer Allerweltsweisheit,
die einfach ist und eigentlich nur sagt: Verzichte
auf Sinngehalte raunender Verlautbarungen,
die Weltanschauungslupen, nicht Begriffe sind.
Zwar brauchen alle wir ein Lebenslügen-Kleid,
wie Würde (Nachklang metaphysischer Gerüchte),
weil wir, aus der Natur Diktat herausgesprungen,
auf Ratio nur gestellt doch wurden - seelisch blind.
Wir sind dabei, uns aller Halte zu begeben,
uns vor uns selbst, wenn auch nur mühsam, zu bewahren.
Verbrauchsfanatisch gott- und pflichtlos zu verschweben
Autonomiephantasmen: Hybris-Kerngebaren.
So nihilistisch-hedonistisch zu erstreben,
nur noch in eigne Höllen - technische - zu fahren.
Der ideale Kunde (28/51)/Sonett
Gekauften Emotionen hingegeben,
sich, seiner selbst entfremdet, anzupassen,
gelenkt von digitalen Schundabrissen,
das ist das Los des idealen Kunden.
Der, ichfatal, sich nicht mal darf vergeben,
dass er sich dabei muss als Ding verprassen:
Er hat von seines Daseins Grund kein Wissen,
sich nur medial noch: inszeniert verbunden.
Indes: Wie anders könnte er ertragen
der Ratio liederliche Glücksversprechen,
die spracharm tugendwirren Staatsschauspieler,
der Massen Selbstverlust in Traumgelagen …
dass kultbarbarisch wir uns selbst verzechen:
Biped bedingt, Bedarfsfiktionen-Dealer?
Erklärung anlässlich der neuerlichen Sonette-Herstellung in den letzten Wochen (28/52)
Man meint, ich suchte einfach Worte aus,
um sie bewusst in eine Form zu gießen.
Tatsächlich flicht die Sprache autonom den Strauß,
als der dann jene zum Gedicht ausfließen.
Gepflückt aus unbekannten Selbst-Gehalten
des Mittlers, der sie überträgt
in Geistgebilde, aus ihm hoch gelallten,
primär nicht rational geprägt.
Man lese aufmerksam nur die Sonette,
enthüllend, dass man sich betrüge,
doch nur Verblendung, Hybris sei und tote Wette,
sich selbst doch ausgesetzt als ein Verfallsgefüge.
Weltanschauungsfetzen/3 Sonette (28/53)//(28/54)//(28/55)
Kaum werde ich mich überzeugen lassen,
dass wir der Endzweck einer Schöpfung seien,
sei's eines Gotteswillens, sei’s der Hyle,
die selbst sich autonom organisiert.
Komplexgebilde atomarer Massen,
sind wir des Zufalls ungeplante Reihen,
die, Resultat ganz früher Teilchenspiele,
stets dichter wurden, intellektgeführt.
Indes muss ich es freilich anerkennen:
Mit uns schuf sich Materie als Geist:
Die feinste Macht in diesem toten Rennen,
um die sie als ihr Selbstbewusstsein kreist …
Für einen kulturellen Traum zu brennen
von der Vollendung, die doch Geist verheißt.
2
Doch glaub ich nicht, dass wir uns halten werden,
da unausweichlich autodestruktiv.
Zumal doch rückgebunden ans Basale:
Bedürfnisdrangsal und Sozialgefühle,
an Sinnfiktionen, die allein uns erden,
an Geltungssucht, an Macht … und ganz massiv
an selbstgewirkte simple Täuschungs-Male,
verhehlend Einsamkeit und Daseinskühle.
Wenn überhaupt was durch dies Leben trägt,
dann nur Realitätsverweigerungen:
Was ist, auf keinen Fall zu hinterfragen.
Weil psychisch-geistig-menschlich es enthegt:
Vertraut gemacht mit allen Niederungen,
uns Großhirnbüttel sittlich muss zerschlagen.
3
Nicht mal sich selbst mehr kann man noch erfahren
(schon gar nicht solipsistisch weltvergessen),
weil, eingebettet in die Zeitgeistfluten,
man inszenierte Reize konsumiert.
Sind doch die Individuen längst Waren,
verfügt systemnotwendigen Exzessen,
in Augenblicken, allenfalls Minuten,
aus Scham, Verzicht und Wert und Selbst geführt.
Rein ökonomisch nur Konsumpotenz,
nichts weiter als Gewinnerwartungsmittel,
Kalkülstatistisch ohne Exzellenz:
Ein geistlos dauerinfantiler Büttel
rein utilitaristischer Frequenz.
Human und ethisch ohne Daseinstitel.
Strauchelndes Deutschland (28/56)/Sonett
Von tugendaggressiven Dilettanten,
von Halbgebildeten und Staubverehrern,
wird dieses Deutschland schleichend ruiniert.
Indes sich selbst hat kulturell verloren.
Ein Land doch deklassierter Markttrabanten,
von Leerformel- und von Prestigeverzehrern,
von denen viele, als Person negiert,
sich haben sprachverarmt selbst abgeschworen.
Du bist für Zukunft, Deutschland, nicht gerüstet.
Mit solchen Massen und Funktionseliten,
wirst du dir schwer tun, jene zu bestehen.
Wer sich nur mit Moral durchlügt und brüstet,
kann keiner Barbarei Paroli bieten,
wird weichen müssen ihren Spätzeitwehen.
Selbsterfahrung (28/57)
Man ist sein Leben lang
mit sich allein.
Man ist es bis
zu seinem Ende.
Verhehlend sich,
das ist das wahre Sein:
ist Einsamkeit
in pseudo-rational-
medialem Trance-Gelände,
ist Perspektive,
Waren-Schein ...
Ist Lebenslügen-Zwang,
Verdrängungs-Leid ...
Auch dass man Leere,
Selbstverlust
und sich als Ding ausblende,
auf sich beharre
als ein freies Ich.
Dank an die Tyche (28/58)
Ach Tyche, du! Mir so vertraute Tyche,
mir ausnahmslos, mir lebenslang doch zugetan.
Mir das, was Leere war und Einsamkeit,
Verzweiflung, Niedrigkeit, Versagen,
durch Faktensinn in Einsichtskraft zu wandeln …
Gar Geisteswehr, dies Dasein mir zu buchstabieren
als Unschuld, Kindsversagen, Irrtum nur,
als Stoffdrang- und als Illusionen-Spiel,
Neuronen-Farce und Barbareigewoge.
Mich zu begaben gar,
all dieses Glück zu ahnen;
ich meine dieses kleiner Seelenfreuden,
das wesenszart auch noch in Gossen blüht,
nie welkend, drastisch freilich stets versäumt
von lustgeblendet eitlen Rauschtranceträgern.
Dankbarkeit I (28/59)
Mein Gott, was hab ich Glück gehabt!
Gar nicht zu fassen, schau genau ich hin:
Nach 45 erst geboren,
hineingewachsen dann in eine Marktschlaraffe,
rechtsstaatlich-demokratisch dauersicher,
ich meine, unbehelligt selbst mir überlassen,
von Würde gar gehegt und einer Marktwirtschaft,
die als soziale nicht Geschwätz bloß war.
Die’s mir, historisch einzig, doch erlaubte,
mein Leben mir gemäß dann zu erfüllen,
das, ob’s auch Abschaum manchmal kreuzte,
zu einem so ganz seltnen wurde:
Frei von Bedrückung, wie sie vorher war:
Durch Kriege, Krisen, Daseinstragik,
durch Diktatorengrößenwahn: Vernichtungssausen.
Der Homo-Existenz doch immanent …
Ein Leben, Geist und Einsichtskraft gewidmet,
getragen faktisch auch von allen,
von allen hingenommen, respektiert
und zugelassen über 5 Jahrzehnte …
ein deutsches Leben, Deutschen nur verdankt.
Gelungnes Leben, das sich nunmehr langsam neigt:
Verfall greift’s an: Der Zahn der Zeit.
Indes auch heimgesucht von mancher Ahnung wird,
dass nicht mehr es zu führen wäre
in einer Zukunft, die indes beschwiegen sei,
als dieses innerlich so selten reiche.
Richtigstellung (28/60)/Sonett
Gewissenlosigkeit und Seelenkälte,
Entschämungslust und Ehrfurchtslosigkeit,
Narzissmus als subtile Selbsthassweise,
sich mit genehmem Selbstbild zu beschenken …
Das sind des Durchschnitts subjektive Zelte,
auch zu verbergen Machtsucht, Ehrgeiz, Neid,
nicht nur der zockend asozialen Kreise …
Auch jener Staatsschauspieler, die sie lenken.
Wiewohl wir andern sind da auch nicht besser.
Wir stünden auch doch gern im Rampenlicht,
um uns in diesem marktfromm gehn zu lassen
als sich verkennende Verfallsgradmesser …
Elite ist, wer leistet Selbstverzicht,
sich nicht als Zeitgeistnull muss Markt verprassen.
Gesellschaftsgefährdende Wirklichkeitsverluste und
Anomisierungsprozesse (28/61)
Die Verwendung von Entrüstungs-, Empörungs- und Betroffenheitsadjektiven hat sprunghaft zugenommen.
Das Phänomen ist Teil einer Gesinnungs-, Emotionalisierungs- und Selbstreklame-Strategie geworden; nicht nur im politischen Diskurs. Die betroffenheitshysterisierten Leerformelvirtuosen sind allgegenwärtig: in Parteien, in Universitäten, in Talkshows, in Nachrichtensendungen, in Teilen der Presse, in der Öffentlichkeit ... mit ihren Tugendmahnungen, Irritationen, Betroffenheitsbedrückungen abhebend auf moralische Selbstwerterhöhung und machtstrategisch nützliche Selbstbweihräucherungen. Andrerseits nahmen sittliche Verwahrlosung, geistige Verkommmenheit, Betrügereien, Tricksertum und Vergaunerung in ebenfalls signifikanter Weise zu ... sind im gesellschaftlichen Alltag gleichsam zur Normalität geworden. Wobei Gewissenlosigkeit und die einheitsmotorisch-hedonistisch entfesselte Ablenkung von narzisstischer Erbärmlichkeit sehr treffend den biederen Verfallszustand einer Gesellschaft widerspiegeln, die verlogen, haltlos, intellektuell verkümmert, ohne Einheit, inhuman, oberflächlich, seelenkalt, schundlüstern und neurotisch ist: ihrer selbst nicht mehr mächtig, darauf angewiesen, sich ihre Niederträchtigkeit als Systemfarce gegenseitig reflexionsarm, verdächtigungserpicht und wortempfindlich-werthörig zu verbergen.
*
Die Innenwelten müssen doch zerfallen:
Ihr Selbst verlieren sich in Traumweltwogen.
Muss es doch Markt und Zeitgeist zu Gefallen
sich Kern sein: unterdrückt verbogen.
Es fehlen deshalb auch die Geistesmittel,
sich selbstabständig zu begreifen
als umsatzfördernder Erlebnisbüttel,
den Spaß und Zeitgeistmacht zurecht sich schleifen.
Ihn machen ängstlich und verworren:
Orientierungslos in einer Welt,
die ihn lässt als Person verdorren:
sich ihn als Leibknecht hält.
Wir müssen wohl uns Schöpfer sein (28/62)/Sonett
Die meisten würden ziemlich scharf mir widersprechen,
wenn sie von meinen Zweifeln und Bedenken wüssten:
Was unsre Spezies angeht, ihrer Art und Weise,
ihr Lebensziel allein in Wohlstand zu erblicken.
Na ja, ich fürchte, dass wir könnten uns verzechen,
wir immer mehr dann, immer öfter fragen müssten,
wohin denn letztlich gehen solle unsre Reise:
In eine Welt, die könnte uns einst nicht mehr glücken?
Derlei Bedenken geben indes nicht viel her.
Darf mir’s egal doch sein, was wir an Zukunft haben:
Dies wägend, mach ich mir nur selbst das Leben schwer.
Zumal’s so scheint, als müssten wir uns untergraben,
grad weil wir uns doch übertreffen mehr und mehr:
Determiniert durch unsre rationalen Gaben.
Der alte Mann II (28/63)
Der alte Mann ist nicht mehr da.
Ich meine jenen von der Haltestelle.
Er hat wohl hinter sich die kleine Menschen-Hölle
von hektischem Verwahrlosungs-Blabla.
Er wird mir fehlen, denn ich mochte ihn.
Er war so was wie eine Seins-Konstante
wie’s mir im Lauf der Zeiten schien,
die, winkend mir, nur Lächeln kannte.
Und sicher wird kein andrer kommen,
mir jenen langsam zu ersetzen.
Und das, das macht mich traurig und beklommen.
Jetzt werd auch ich hier nur vorbei noch hetzen.
Altersbedrückungen (28/64)
Er könne ohne Aufsicht nicht mehr leben,
riskiere sofort umzufallen,
wenn auf er stehe ohne Halt zu haben.
Zerfalle, wisse das - und hege Selbstabschaffungs-Pläne,
noch meistens klar im Kopf trotz seines Alters.
So seine Frau am Telefon:
Ein Drama sei es, ihn so sehn zu müssen,
den Läufer, Radler, guten Sportler,
der er Jahrzehnte lang doch war.
Sie fühle sich nicht gut nach ihrem Schlaganfall,
liege am liebsten nur im Bett,
sich gehn zu lassen: so weiche allem aus,
was sie belaste;
zumal sie Schmerztabletten nehmen müsse,
die manche Nebenwirkung hätten,
so etwa die, dass sie ihr Übelkeit bereiteten.
Sie werde ihre Lebensfreude
nie mehr finden:
Sie merke immer mehr, dass schwach sie werde,
oft müde sei, schlecht schlafe, häufig deprimiert.
Und zudem werde sie auch immer wetterfühliger.
Das sei kein Leben mehr, sei eher Qual.
Am liebsten führe sie mal in die Schweiz,
dort was zu schlucken, was sie dann erlöste.
Ich habe nichts darauf gesagt,
weil man nicht trösten kann,
wenn man’s Gesagte kennt als wahr.
Ich kenne manche, die mit ihrem Zustand hadern,
recht deprimiert sind, antriebslos
und voller Trauer; weil sie wissen:
dass jener schlechter werden wird, nicht besser.
Sie siechen dann dahin, in ihrem Leid gefangen.
Und alle schweigend manchmal auch ans Ende denken.
Doch nicht aus Furcht nur, nein, besonders auch,
weil es von sich sie doch befreien würde …
Sich zweck-, halt- und sinnlos überantwortet (28/65)
Ich werde mal gewesen sein
als völlig unbedeutendes Bewusstseins-Körper-Ding,
im Kern für mich ein Leben lang allein:
ein X, das an Phantasmen hing:
An Existenzvollzügen, selbst sich zu bestehen
je nach den objektiven Lagen,
die man in Trance als Farcen muss begehen,
um nicht luzide zu versagen.
Es wäre schlimm, wenn es kein Ende gäbe:
Denn das allein ist schon ein Trost,
dass man nicht ewig als sein eigner Sklave lebe,
sich doch als solcher hingelost.
Die nicht mehr meisterbare Lage (28/66)/Sonett
Aus allen Halten schroff herausgerissen:
Aus Traditionen, Selbstverständlichkeiten,
dem Glauben auch an eines Gottes Walten,
zurückgeworfen so auf Stoff-Bestände*,
ist es kein Wunder, dass wir uns vermissen,
an Einsamkeit und Selbstverlusten leiden,
zumal verkümmern angesichts der kalten
entfesselungsbanalen Diesseits-Brände.
Das Glück ist fort, der Eros, Heiterkeit.
Im Grunde alles, uns noch zu bewahren
vor psychoethischer Verworrenheit,
Verwahrlosung und Dekadenz-Gebaren ...
Uns Ichsucht-Mob, der, ohne Sinn-Geleit,
sich mit verdrängten Leeren kann nur paaren.
*Stoffbestände: Körper, Waren, Geld, Dinge überhaupt
6 Sonette
(1)
Formal-Persönlichkeit (28/67)
Die Psyche als Funktion der Geldwirtschaft
bedarf der Chance, sich mystisch zu verklären
durch Kultprodukte, die den Selbstwert mehren
Was Überlegenheit nach unten schafft.
Vereinzelte durch jener Prägekraft,
gezwungen, den Systemzwang zu begehren,
versäumen wir uns selbst im Ungefähren
von Freiheitsdelirieren: Markt vergafft.
Und niemand kann sich dem Prozess entziehen.
Er wird als Selbstverständlichkeit erfahren.
Man merkt nicht, dass man ist sich nur geliehen.
Formalpersönlichkeit in Traumgebaren.
Nur so noch mag den Schmerz der Einsicht fliehen:
Dass man sich unverfügt nur kann bewahren.
(2)
Systemgewalten (28/68)
Mir geht es nicht um sachlich obsolete
Subjektphantasmen, die zu Hybris führen.
Dass wir für Freiheit würden alle frieren.
Als ob uns die, was wir begehren, böte:
Gepackt von Spannung, Spaß und Stargerede,
uns Marktkommandos willig zu verlieren.
und dabei permanent auch zu zensieren:
In Glück uns umzuträumen das Konkrete.
Was flüstern denn die kollektiven Takte,
Systemgewalten, die uns aus sich richten;
wie Gleichung, Technikfortschritt und das nackte,
entgleiste ökonomische Gewichten
im Zwangsrausch rationaler Großhirnakte?
Dass wir uns werden - schuldlos - wohl vernichten.
(3)
Scheinverfügungskompetenz (28/69)
Wir können uns doch gar nicht übernehmen.
Da chronisch ausgeliefert Perspektiven.
Und das bedeutet: Viel zu primitiven
Bedarfsfiktionen, es uns zu verbrämen,
dass wir, entlastungssüchtig, selbst uns lähmen,
ja müssen. Um komplexe Umstandsschiefen
(die stets uns doch aus Halt und Ruder liefen)
durch Scheinverfügungskompetenz zu zähmen.
Kann dann wer schuld sein? Hätte können tragen
Vernunft, die doch des Menschen Wesen bilde?
Es ist begreiflich, so naiv zu fragen.
Was gäbe sonst es denn, was uns verhüllte
Determinismus, Hirnsucht und Verzagen? -
Entborgen Gaias letheträger Milde.*
(4)
Behelfseindrücke (28/70)
So sei es angedeutet, unser Wesen:
Vor dem wir alle uns doch beugen müssen:
Da ist der Zwang, sein eignes Ich zu hissen.
Und trotzdem sich in andern stets zu lesen.
In deren Tun ein Selbstbild sich zu fräsen,
Betrug und Überhöhungssucht beflissen.
Zumal wir uns als Konkurrenten wissen,
Gewohnheitstäuscher und Sozialsynthesen.
Wir spüren, dass wir dieses Selbst nicht fassen.
Das unsre nicht. Nicht das der Artgenossen.
Verwiesen darauf, uns aus ahnungsblassen
Behelfseindrücken, von uns mitgegossen,
ein fremdes Ich uns wertend anzupassen,
uns immer fremd entzweit und stumm verschlossen.
(5)
Anonyme Gewaltspirale (28/71)
Warum denn immer mehr dasselbe denken,
das Gleiche wollen und identisch fühlen?
Das ist Ergebnis rationaler Kühlen,
die, Gleichungsmacht entströmt, die Psychen lenken.
Sie kommandierend an den Hauptgelenken:
Durch Dauerangebot von Spaß und Spielen,
Effektmagien und Routinemühlen
und dadurch, sie Erleben einzusenken.
Indes die Wirtschaft muss Verstand ausbeuten.
Muss sichern Urlaub, Wohlstand und Randale.
Denn wenn die Menschen diesen sich vergeuden,
zerschlagen sie auch nicht die dünne Schale
der Wertgefüge, die als Glück ausdeuten,
was substantiell doch ist Gewaltspirale.
(6)
Routine-Emotionen (28/72)
Warum denn immer mehr dasselbe denken,
das Gleiche wollen und identisch fühlen?
Das ist Ergebnis rationaler Kühlen,
die konsumtiv geprägte Psychen lenken
nach dem Gebot, sich selber zu beschenken.
Man nutzt das Angebot an Spaß und Spielen,
Effektmagien und Berauschungszielen …
Routine-Emotion sich einzusenken.
Nun: Wohlstandssicherung ist drauf verwiesen,
das Kindliche der Menschen auszubeuten.
Sie dazu anzuhalten, zu zerfließen
in solchen Glücken und in solchen Freuden,
die sie als Daseinszwecke dann begrüßen
und sich als Gral der Höchsten Güter deuten.
Der Markt als Kirche* (28/73)
Was du bist, bleibt dir verborgen.
Was du willst, begreifst du nicht.
Auch der Urquell deiner Sorgen
ist entzogen deiner Sicht.
Er, so eng mit dir verbunden,
dass er Abstand dir verweigert.
Ablenkt dich von Psychen-Schrunden.
Grade so sie steigert.
Markt er, neue Kirche dir,
die dich frei macht von Geboten.
Dass dir Irrealität sei Zier.
Dir, dem Bit-Heloten*.
Prägt dir psychische Konturen,
die du als Thorá* erflehst.
Numinose Hirndressuren,
denen du vergehst.
Marktgeschehen als sakrales:
Gottesdienst und Seelenpflege.
Trance-Erleben eines Mahles
und Erlösungs-Hege.
*So schon Walter Benjamin, dessen Ausführungen ich
freilich nicht nachzuvollziehen vermochte
*Helot = Spartanischer Staatssklave
*Thora = die 5 Bücher Mose/"Lehre"
Unschuldige (28/74)
Und sollten wir tatsächlich uns vernichten*,
dann wär’s nicht Geistes-Sehnsucht, die uns zöge.
Uns müssen wir doch so gewichten:
Als Stoffsucht-Brüche ohne Gottes-Hege.
Und lernen: Jeder ist auf sich allein bezogen;
hat Angst um sich; die lässt ihn innehalten.
Orientierungslosigkeit dann heute eingebogen:
Systemgefangener auf Großhirn-Halden.
Und so denn muss sich jeder profanieren;
schon weil er Ziel-Ich ist von Dauerreizen.
Sich Trost-Schund klaubend aus Enthemmungsschwüren
und Kult-Ekstasen aus den Wohlstands-Beizen.
Wären ihm so ernstlich zuzumuten
Autonomie, Verantwortung, Vernunftgebaren?
Die strichen eher ihn als strenge Ruten …
Wie soll er da sich als Person bewahren?
Wir werden wenn, dann ungeplant zugrunde gehen:
Begriff- und schuldlos, ohne Wissen,
dass wir vor einem Abgrund stehen,
verwirrt und ahnungslos vor diesen hingerissen.
Tatsächlich ziehen wir notwendig eine Bahn,
die uns in ein Fiasko durch uns selbst wird leiten:
Wir laufen nämlich ab in einem Wesens-Wahn
von Rationalität, die jedes Ich lässt selber sich entgleiten.
*Autodestruktion/Selbstzerstörung des homo sapiens: Zur Zeit werden die diesbezüglichen Gefahren für uns im Zusammenhang mit der möglicherweise uns entgleitenden KI diskutiert. Jedenfalls: Die Gefahr, dass wir uns selbst auslöschen ist durch manche Umstände möglich: Atomkrieg, Seuchen, ökologische Katastrophen, usw. usw.
Niedergang (28/75)
Es kommt, wie’s scheint,
die 4. BRD*:
die wohlstandsarme,
ökonomisch abgehängte.
Nun ja: die dritte
war sich selber Feind,
gesinnungsdrastisches
Human-Gebarme,
von Tugend-Mimen*innen
an die Wand gelenkte,
megärendummfrech
Arroganz vereint.
Sehr allgemein gesprochen:
*Die 1. BRD: Nachkriegszeit/frühe 50er Jahre: Die BRD der – meiner - substantiell dörflich-proletarisch geprägten Kindheit
*Die 2. BRD: Die wohlstandsreiche, doch ideologisch von Intellektuellen (sog. 68er) bekämpfte (1960er, 1970er Jahre)
*Die 3. BRD: Ab 1989: Wiedervereinigung/offenkundiger Beginn sich massierender Hybris und Arroganz der politischen Funktionselite (auch ablesbar an dem instinktlosen Verhalten gegenüber der Bevölkerung der ehemaligen DDR, die auch Opfer westlicher Hybris und Verblendung wurde): Die Anliegen der Bevölkerung sind ihr zunehmend gleichgültig/Im Westen schleichend komplexer Mentalitätswandel (z. B: vom Primat der Leistung zum Primat des Freizeit-Spaßes, einhergehend mit der realitätsverlustigen Gesinnungsflutung des Politischen, was z. B. 2015 zu einem massiven Staatsversagen führte: Der moralischen (gesinnungsradiaklen) Gängelung geltenden Rechts, was einherging mit dem bereits erwähnten Staatsversagen (August 2015), dann: der Priorisierung des Sozialen gegenüber dem Wirtschaftlichen, der zunehmenden Wirklichkeitsverluste im Politischen bis hin zur Etablierung einer aristophanesk-ideologischen Polit-Tugend-Bewegung usw. usw.
*Die 4. BRD: Massives Versagen der wirtschaftlichen Funktionselite: Die Zusammenarbeit mit einer totalitären Staatspartei einhergehend mit dem Verzicht auf die eigene Autarkie/Unabhängigkeit … Eine Dummheit ohnegleichen; sie begann schon recht früh: ca. 1980er Jahre?
*Die 5. BRD: Dominanz des Rechtsradikalismus? - Tatsache ist, dass die demokratischen Parteien - ideologisch verblendet, plump, arrogant, tugendstolz, narzisstisch, geistlos, halbbegabt-wirklichkeitsverlustig, selbstbeweihräucherungsneurotisch, kurzum:
beschämend mittelmäßig, jenen förmlich mit „großgezogen“ haben … Ein massives politisches, ja: historisches Versagen! …
Einmal abgesehen von wieder erstarkendem, aber politisch absichtlich unterschätztem Linksradikalismus. Und: Einem signifikant zunehmenden Antisemitismus.
Macht des Gedichts (28/76)
Womöglich taugt es gar nicht viel,
behandelnd nichs als wirren Kram
wie etwa subjektiv bizarre Züge.
Und dennoch trägt es,
übertreffend weit,
was sonst so all die Stunden füllt.
Auch das, was vielen gilt
als höchstes Gut.
Setzt es die Kraft doch frei
des Überschreitens seiner,
ich meine seiner
als Bedürftigkeitsmonade,
um einen, geistgeführt
in Diesseits-Überschreiten,
einsichtig letztlich
zu sich selbst zu führen.
Die Form der Sauerei (28/77)
Am besten scheint,
man lässt sich
einfach treiben.
Besäuft sich,
vögelt, protzt
und frisst.
Dann nimmt man zwar
die Welt nur passiv hin;
und fragt auch nicht:
Was ist denn wahr?
Na ja, das macht auch
keinen Sinn.
So wie es steht,
ist alles einerlei:
Gewissen, Ehrfurcht, Scham
sind obsolet.
Was indes wechselt noch,
das ist die Form,
die Art der Sauerei.
Trennung und Abschied (28/78)
Wir wollen nun die Gläser heben.
Es ist, du willst es so, das letzte Mal.
Du träumst von einem selbstbestimmten Leben.
So lautet deine Wahl:
Du willst dich autonom entfalten,
dich leiten, formen, übernehmen …
Betört von dir und Suggestiv-Gewalten,
willst du Erfolg und Anerkennung
dir erstreben.
Viel Glück! Du magst erfolgreich weben,
das, was dir gilt als Daseins-Gral;
magst niemals müssen dir verbrämen,
dass Freiheit es nicht geben kann:
Autonomie ist Kapitalwelt-Märe,
ist marktdiktierter Zeitgeist-Bann,
als Selbstbestimmung Ideologen-Schwäre,
zu ködern alle dieses Spätzeit-Man*,
sich hinzugeben Inszenierungs-Fun,
sich zu verhehlen diese Schwere,
dass Selbstverfügung niemand ist gegeben:
Es kann sich niemand selbst gestalten,
weil müssen Habsucht-, Ich-, Genuss-
und Macht-Sucht walten.
*Das Man nach Martin Heidegger, s. Fremdwörterverzeichnis.
Zwangsgeschehen II (28/79)
Ich hab es nun mal so gesehen
- das heißt, ich musste es so sehn ...
genau genommen -,
dass es, medial vermittelt, tiefabsurdes,
ist Zeitgeist-Zwangs-Geschehen.
Das hilflos macht und ratlos und beklommen.
Man ist sich seiner selbst benommen,
muss sich um Waren, Reize und Effekte drehn,
so permanent sich an sich selbst vergehn ...
als sei man außer sich gekommen.
Muss eine hochabstrakte Welt bestehn,
die deutungsleer ist: anonym …
ihr spaßbelämmert zu verwehn.
Alterseingebungen (28/80)
Trost ist mir,
dass alles endlich,
sinnfrei schuldlos
Nichts versinkt;
letztlich ist auch
unverständlich:
Deutungsschatten
höchstens blinkt.
Gilt für mich auch:
Stoffgefüge ...
Werd verschwinden
ohne Spur.
Los mich selbst sein,
Weltbezüge ...
Auswurf doch
von Zufall nur.
Begriffsarm dahinsiechend (28/81)
Ich breche physisch
mehr und mehr
zusammen.
Zumal mich
drastich packt
auch Indolenz;
mir Greuel sind zumal
die Medien-Ammen,
die wollen mästen mich
mit Dekadenz:
mit Brot und Spielen,
Sex, Verbrechen,
zu dienen mir,
dem Grab-Gespielen,
als steuerndes
Verdummungszechen ...
Auf dass ich,
wortvergessen leer,
hinnähme all die
Spätzeit-Schrammen,
gar das Geschwätz
der Macht-Debilen ...
In späten Tagen
ohne Geistes-Wehr.
Warum nur wohl? (28/82)
Immer mehr
sind unzufrieden,
dauereinsam,
aggressiv,
fühlen sich
zurückgesetzt,
ungerecht
behandelt auch.
Gelten selber sich
als Nieten,
als Gedrückte ...
und zuletzt
unbeachtet
blinder Hauch ...
Irgendwann
dann sind's Berückte
von was Rachsucht
kann da bieten,
ihnen, doch so
tief verletzt.
Anmerkungen: Man legte die folgenden 11 Gedichte völlig falsch aus, verstünde man sie als versteckte Klagen, handeln sie doch offensichtlich von mich zuweilen sehr bedrückenden Gegebenheiten, Situationen und Erfahrungen; in der Tat ... Indes: Was in den Gedichten angedeutet wird, war zugleich eine letztlich mich zu mir selbst führende, unterschichtlich geprägte, an zumeist trostlosen Fakten, alltäglichen Widersprüchen und menschlicher Kälte und Gewissenlosigkeit sich "reibende" Lebensschule, die hätte als eben diese nicht besser sein können; ich darf es so sagen: "Zum Glück habe ich so viel Pech gehabt!"
Und das ist nicht übertrieben, nicht gelogen. Ohne diese Erfahrungen hätte ich wohl nie ein Gedicht geschrieben, hätte ich meine Existenz nicht primär auf das Geistige: den unbedingten Willen zu Sachlichkeit, Redlichkeit, Ideologie-, Ideal- und Tugend-Distanz, Wirklichkeits-Sinn usw. abgestellt ... auch mir selbst gegenüber, denn: Ein in seinen eigenen Lügen, Phantasmagorien, Scheinbezügen und Inszenierungen sich fundierendes Leben ist, für mich jedenfalls, sinnlos, weil nichts weiter als eine existenzielle Schimäre.
Frühes Kirchenglockenläuten (28/83)/Sonett
Die Winde waren’s, welche Töne schoben,
mal in die Fernen, mal die blauen Nähen;
es waren Kirchenglocken, die im Wehen
mich aus Verzweiflung und Zynismus hoben.
Es war kein schönes Leben; das war’s nicht.
Viel Zittern zwischen Angst und Alkohol.
Da war kein Halt, kein Zweck; das hat mich wohl
sozial entfremdet der normalen Sicht.
Mag die auch noch so schäbig sein und fad,
so lenkt sie wenigstens auf Ziele hin:
Realität, die große Formerin
von Selbst, Gesellschaft, Innenwelt und Staat.
Dem Läuten hänge ich noch immer nach,
lag doch in ihm der Diesseitsterror brach!
Katzen (28/84)/Sonett
Für mich sind Katzen ganz besondre Tiere.
Ums ohne Rührung und genau zu sagen:
Sie waren mir die magischen Kuriere
aus einer Sehnsuchtswelt, die weder Haken
noch Deklassierung kannte, Angstanfälle,
von Scheitern und Entkräftung aufgerührt.
Die Katzen wurden Du-Ersatz und Quelle
von Nähe, als Geborgenheit verspürt.
Sie halfen mir, die Kindheit zu bestehen:
Verachtung, Kälte, Rohheit, Häme, Spott
der Menschen, selbst erhöhend sich in Schmähen,
zumal wenn selbst sie waren Dreck - bankrott:
nichts weiter als genetisches Versehen:
gegen sich selbst gewendeter Komplott.
Bläuen (28/85)/Sonett
Es waren Ohnmacht, Stumpfsinn, Lethargie,
die eine ganze Kindheit täglich prägten,
Vertrauen, Lebensfreude weg mir fegten
und Mängel in die Seele brannten, die
man nicht mehr los wird, weil man selbst wird sie:
Sie bauten die Person auf und bewegten
das Innere bis in die abgelegten,
verdrängten Wesenskerne: Wahn und Vieh.
Und dennoch gab es Stunden, die entrissen
der Rohheit von verstockendem Verachten
zuweilen einen Rausch von kurzem Wissen:
Dass Ärmlichkeit sich löse im Betrachten,
sich stille das verkommene Gewissen,
wenn Bläuen bärsten Scham und Niedertrachten.
Am Rheinufer in Ludwigshafen (28/86)/Sonett
So einer dieser traurig schönen Nachmittage.
Ich lungere herum auf hitzebleichen Bänken
und atme Stadt. Die Minderwertigkeiten tränken
das Uferwasser, Schaum und Gischt und Schnakenplage.
Das Rheingeplätscher lindert meine Niederlage,
die, vordergründig aus Verschmähen und aus Kränken,
lässt Selbstmitleid sich in Gestank und Brühe senken -
Mich greift der lausige Verlust, an dem ich trage.
Und der wiegt schwerer als nur: „Dich will ich nicht sehen!“
Das Wort Verlust, das täuscht vielleicht; ich präzisiere:
Verlieren kann man gar nicht, was man doch nie hatte:
Dazugehören; ganz basal: nicht abseits stehen;
nicht immer abgekanzelt werden, weil man spüre,
man sei nichts weiter doch als Unterschichten-Ratte.
Ablehnungszwang (28/87)/Sonett
Von den Fiktionen habe ich gezehrt,
die ich geschickt zusammen phantasierte,
indem ich tat, als ob mich was berührte,
als ob die Fakten seien umgekehrt.
Und das, das hat sich mir als Trost bewährt,
zumal real nicht eben viel passierte.
Kein Tag, an dem ich nicht ins Leere stierte,
nicht hätte andre zwanghaft abgewehrt.
Weiß auch warum. Die Gründe sind bestimmt,
dass ich seit Kindheit nur im Abseits stehe.
mir eine Fremdheit wuchs, die immer glimmt,
als ob ein Seelenzunder sie versähe,
mit Nachdruck, gar Notwendigkeit, die trimmt,
dass andre mir sind immer Gegennähe.
Kindheitskneipe (28/88)/Sonett
Der Gästeraum war eingehüllt in Schwaden
vom Qualm der aufgerauchten Zigaretten.
Es roch nach Bier, nach Schweiß und heißen Fetten,
verglühten Kohlen und Gewürzzutaten.
Die einen lachten, andre warn beladen
von Alltagssorgen, dritte schlossen Wetten,
die knutschten, vierte, sehnten sich nach Betten,
die fünften spielten an den Automaten.
Gewohnt, allabendlich mich hier zu treffen,
fiel’s niemand ein, mich, Kind noch, heimzuschicken.
Noch nicht mal hinterm Ausschank alten Reffen*.
Warum nicht, brauchte keiner auszudrücken,
es sei denn, einer wollte nach es äffen:
den Säufer mimend mit zerschundnem Rücken.
*Reffen: hagere alte Frauen, zuweilen abweisend und unzufrieden
Kindheitskneipe/Variante zu (28/89)/Sonett
Im Gästeraum verteilten sich die Schwaden
vom Rauch der tabakstarken Zigaretten.
Nicht einer trug ein Hemd hier mit Manschetten,
man saß in Arbeitskleidung, grob geraten.
Es schrie, es grölte, lachte, war beladen
mit Alltagssorgen wie zerrissnen Ketten
von Zugmaschinen, Kugellagerstätten.
Man gab sich Hilfestellung durch Beraten.
Man hätte mich nach Hause schicken müssen,
denn, Kind noch, durfte ich da gar nicht bleiben,
wo die Besucher rohe Witze rissen
und auch die Frauen mochten’s scharf gern treiben.
Die Grund-Botschaft? Das Leben ist beschissen.
Und die ließ dann auf Bürgertraum mich pissen.
Zielsicher treffendes Lebensgefühl (28/90)/Sonett
Ich habe solche Sehnsucht nach zuhause.
Nach was genau, ist freilich schwer zu sagen.
Es könnten Katzen sein, mein Kinderwagen,
die Friedhofsstille, eine rohe Sause,
die in der hohlen Hand bespuckte Brause,
die Volksschullehrer, Pfälzer Schwartenmagen,
ein Dorfdepp, der in seiner Mittagspause
die Frauen neckt, die dunkle Kirchenklause.
Nicht dass ich sie verdrängte, jene Dinge,
die keine Sehnsucht machen können. Keine.
Die einen vielmehr würgen in der Schlinge
präzisen Seinsgefühls, das noch so feine
Erschütterungen wahrnimmt, dass man schwinge
an Du vorbei und sich in dem verneine.
Daseins-Zwang (28/91)
Ich muss mich in Gedichten klären.
Ich sage damit nicht: Ich will.
Als ob da Wahl und Freiheit wären,
als ob man sich, gesammelt still,
entschlösse, Ängste wegzuschieben,
Bedrückung, Leere, Apathie …
mit Zeilen, die zudem vertrieben
Orientierungslosigkeit und die
Verwerfungs-Male dieses Nepp-Daseins:
Erniedrigungen, Niederlagen,
sein Zufalls-Selbst im Bann des Widerscheins
von überindividuellen Lagen.
Ich kläre so nur noch ein nacktes Ich,
heteronom bis in die Grundsubstanz,
Monade andern und Monade sich:
Monade diesem Artefakten-Kranz.
Seinsrausch Gott (28/92)/Sonett
Du Spielgefährte hoher Kindertage,
du faszinierend überzartes Nichts,
Photonenmehrer eines blauen Lichts,
das blendend einschoss meiner tristen Lage,
mich hoch riss aus dem dörflichen Gelage
des wurzelhaft bekümmernden Gerichts
in Trost und Stillen deines All-Gewichts,
mich so enthob der kernverfügten Plage
tribaler Rohheit, die auf andrer Kosten
sich schadlos hielt für die Getriebenheiten
der Existenz-Kommandos Sex und Raffen,
besessen war von den Verhordungs-Posten,
die es zu steigern galt bis hin zu Pleiten
des Selbstbetrugs gewissenloser Affen.
Erklärung und Einsicht (28/93)
Was ich hier mache?
Nun: Mich selbst ausdeuten.
Weil ohne dies
ich fremd mir bliebe
und liefe also dann Gefahr,
mich selbst am Ende
auszubeuten,
verkennend mich als
Seins-Hauptsache …
Obwohl belämmert immerdar,
ein kleines Rädchen bloß
in dieser Waren-Blende
als Umsatzjäger-Phrasen-Los ….
Das bin ich: Ich,
mich zu vergeuden
an Markt und mich;
mit Haut und Haar.
Zufalls-Liebling (28/94)
Der blinden Tyche Liebling,
gebe ich mich unbekümmert
meinen geistigen Einfällen hin,
unberührt
von den Absurditäten
unserer Existenz,
die doch oft nichts weiter ist
als Entlastungs-Selbstbetrug ...
nehme ich tapfer
meine objektive Bedeutungslosigkeit hin,
einsichtig freilich,
was die unverschuldete,
indes notwendige Auto-Glorifizierung
meiner Artgenossen anbelangt:
Doch auch hilflos gebunden
an Drang, Fiktionen, Lebenslügen
und Verdrängungsvirtuosität,
diese unvermeidbaren,
oft so trostträchtigen Begleiter
menschlichen Daseins.
Größe/Trias A 82 (28/95)
Mir rammen sich die Späten
bis tief in die Substanz.
Ich werde trotzdem niemals beten,
ich werde zu mir stehen - ganz.
Zu meinen Leeren; dass nicht frei,
wer immer auch Bedeutung habe;
er doch getriebner Spielball sei,
sich aus Magie und aus Basaldrang grabe.
Ich sehe darin eine stille Größe:
Ganz illusionslos umzugehen,
fernab von Mittelmaß-Getöse
und seinen infantilen Wohlstands-Wehen.