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Es ist … (26/1)

Es scheitern Seelenkraft
und Einsichtswille,
das eigne Dasein tief:
im Kern exakt zu fassen.
Zumal man ahnt,
das liefe schief.
Ist’s doch nichts weiter mehr
als ein Sichselbstverpassen,
sich Oberflächlichkeiten
zu verprassen:
in Selbstverlusten
konsumtiver Pseudo-Fülle.

Schleichendes intellektuelles Versagen (26/2)

Hab ich vielleicht doch Schwierigkeiten,
noch ernsthaft irgendwas zu schaffen.
Wozu, so frag ich nämlich, sich noch weiten,
wenn alle nur noch nach Entlastung raffen:
Sich durch ihr Leben delirieren,
indem sie nur auf sich noch sehen,
und dabei oftmals selbst sich nur düpieren:
systemerwünscht sich um sich selbst nur drehen;
in Wirklichkeitsverlusten dann die Welt zu meiden.
Und was die ausmacht, ist leicht herzuzählen:
Nichts gibt’s mehr, was ein Sehnen in sich trüge,
sich anderem als Wohlstand abzuschälen
in diesem Kosmos ohne Geistgefüge,
was nicht auf Tausch abzielte, auf Genuss,
Kalkül und Neiderregen, Überragen,
auf Spaßramsch, Geltung, Zaster-Plus,
Verzicht zu denken und zu hinterfragen
komplexe Sachzusammenhänge …
Sind psychisch wir auch längst zu schwach,
uns auszudeuten unsre Lagen …
Nichts weiter mehr als hochsubtile Zwänge
als lustgetränktes Selbstentmächtigungsgemenge.

Nur ER (26/3)

Nur Gott kann uns vor uns bewahren.
Wir selbst nicht ansatzweise.
Wir sind nicht fähig, uns zu schaffen Gleise.
Doch Hyle*-Zufalls-Scharen.

Verwiesen drastisch auf Ideen,
auf Ideale … letztlich leere Worte:
Auf Scheinbegriffe und auf Sehnsuchtswehen.
Auf eine Hoffnung, die naiv verorte.

Indes: Man kann nicht glauben wollen.
Auch fehlen längst die Seelenschichten,
zu greifen, was es heißt zu sollen:
sich metaphysisch zu gewichten.

*Hyle, griech. (nach Aristoteles): Materie

Halt-, Sprach- und Sinnlosigkeit (26/4)

Immer dasselbe Geschehen:
Einzelne wollen oder können nicht mitmachen
und rebellieren deshalb
gegen die kommandierende Selbstliebe,
Halbbildung und emotionsbrünstige Rationalität
der selbstdistanzlos, oberflächenethisch, gesellschaftlich,
kratisch und ökonomisch gesteuerten
tranceerpichten Illusionsträger:
Mittelmäßige politische Funktionseliten
(oft geistig korrupt, sprachlich arm, narzisstisch, 
schauspielerisch, charakterlich unfest,
von sich selbst ergriffen und inkompetent) …
Macherdurchschnitt (kalkülverblendet, teils gar kriminell, 
unfähig, die nihilistischen Konsequenzen 
seines wirtschaftlich-technischen Tuns und Lassens vorauszusehen, 
jedenfalls getrieben von Pleonexie, Selbstüberschätzung, 
Ich- und Großmanns-Sucht, Arroganz und, 
da global abhängig und unterwandert durch Diktaturen,
ihn dauergängelnden Zweckoptimismus …

Eine ihrer selbst entmächtigte Masse von Anonymen
(die, Komplexitätswirren ausgeliefert, alltagsgedrückt
und orientierungslos, ein notwendig drastisch
ichsüchtiges, glücks- und lustzentriertes Leben
zu führen versuchen, reduziert auf den Status von Systemmonaden:
verdinglichten Verbrauchern und ihrer Wirklichkeit entfremdetern Konsumenten der Deutungs-,Unterhaltungs- und Psychenkonditionierungs-Industrie) …
Und eine kleine Zahl von pfäffischen Intellektuellen,
Gurus, Hypersensiblen, Gewissensgeleiteten, 
Weltenrettern, Tugendbewegten und Scheinsinn-Produzenten
(utopistisch-idealistisch, trivialmessianisch, humanitätstotalitär, 
erlösungsbrünstig, fundamentalagapistisch, verantwortungslos,
pseudobesorgt und leerformelorgiastisch) …
Halluzinierende. Auf allen Seiten.
Heteronom unaufhörlich in sich selbst zurückschwappend.
In richtungslose Seelenräume. Innenweltphantastisch. 
Verblendungskümmerlich.
Evolutionsdeterministisch ausweglos gegängelt.
Sich selbst und einander ewig fremd.

Ich bin einer von denen, die nicht mitmachen können.
Indes nicht weniger befangen, hilflos, 
ich- und selbsteng-arrogant ungerecht.
In mich selbst eingesperrt.
Elitärer Geistimpotenz, immerhin bewusst, frönend.
Anfällig so für Vorurteile, feinsinnige Hierarchien
und Verlungerungs-Indolenz … So wie wir alle.

Offen gestanden (26/5)

Ja. Ich denke an dich.
Mir ist völlig klar,
was ich versäume,
wenn du nicht da bist.
Andrerseits wiederum
bereue ich deine
Abwesenheit nicht.
Dann nämlich,
wenn es mir vorkommt,
es gebe Besseres
als Zweisamkeitsmärchen,
einsamkeitsgesteuerte
Verbraucherverlogenheit,
befriedigte Leibsucht
und sentimentales,
medienkonform leeres,
tief existenzfremdes Geschwätz.

In der Tiefe (26/6)

Es ist nicht leicht,
es zu erklären,
was ich da
aus der Tiefe hebe:
Ein Meer von Irrtum,
Trug und Mären …
Dass man
von Illusionen lebe …
Dass alles Dasein
sei banal und seicht …
Bewirke,
dass man sich entehre …
An Scheingebilden
und Entlastung klebe …
Naiver Daseinstraum
der sich als Selbstphantom
umschleicht.

Anonymer Prozess (26/7)

Ich kann mir Treue gar nicht leisten.
Noch nicht einmal zu mir.
Mir geht es dabei wie den allermeisten.
Ich muss flexibel sein, Gespür

für Marktansprüche haben und für Drill
von Wirtschaftszwängen und von Abstraktionsstrukturen,
muss, Seichtheit schluckend, halten still,
obgleich durchschauend die Polit-Auguren*.

Doch leb ich gut. Nicht dass ich litte!
Verfüge über jede Art doch von Entlastungs-Mohn.
Zumal auch permissiv sind Norm und Sitte.
Human selbst die Zerstörung der Person.

*Auguren lat.: Vogelschauer, Priester, Wahrsager

Existenzielle Nacktheit (26/8)

Nicht religiös und nicht politisch,
nicht ethisch je stringent gebunden,
sind wir verpflichtet Formeln und Verfahren.
Gesetzlichkeiten, durchweg analytisch.
Materiellem Zwangssein abgerungen.
Aus Not.
Uns, Halt entlaufen,
zu bewahren.

Frühe Kindheit (26/9)

Ach diese früh vertrauten Gassenschemen …
Zuweilen schießen ihre Bilder hoch.
Längst Namenlose. Ja schon damals Rand.
Ich seh sie stolpern noch, ich seh sie fallen.
Und manche höre ich noch heute grummeln,
wenn sie ihr Schicksal weggezecht sich hatten.
Verachtete, die kalte Gleichmut traf.
Und denen deshalb keine Tränen rannen.
Soziales Spülicht kann nicht offen weinen.
Gedenke ihrer, die verängstigt duldeten
Gemeinheit, Niedertracht, die eigne Nichtigkeit.
Gedenke ihrer als mir doch so Nahe.
Obwohl sich kaum je unsre Blicke trafen.
Weil Scham die Köpfe blicklos senkte.

Heimat (26/10)

Innenweltkonstrukt
auf Erträglichkeit hin
gefilterter Fiktionen.

Für Alexis de Tocqueville/Für Verehrte (26/11)

Nichts behütender,
einlullender,
selig machender
und kindlich entlastender
als diese einen seiner selbst
beraubende
servitude paisible
dans un univers
de sensations mystiques,
provoquées
par des expériences artificielles.

Übersetzung (ganz frei) aus dem Französischen: … 
friedliche Knechtschaft in einem Universum 
mystischer Empfindungen, hervorgerufen durch längst
technisch-künstlich gewirktes Erleben. 
Der Text Zeile 8 bis Ende ist von mir (Sa.)

Zwecklücke (26/12)

Ich weiß nicht,
was mir den Realitätssinn trübt,
die psychischen Kräfte raubt,
ganz banalen Anforderungen
noch zu genügen …
Weiß nicht,
was mich so leer,
ausgebrannt
und antriebslos macht.

Ich nehme an,
dass es auch damit zu tun hat,
dass es mir
intellektuell und emotional
einfach nicht mehr gelingt,
einen übergeordneten Gesamtzweck
meiner Existenz
geistig fraglos
zusammen zu phantasieren.

Scheitern des Geistes (26/13)

Am Ende bleibt nur die Gewalt,
das hässlich-kindische Vernichten.
Das liegt auch daran, dass ein jeder Halt
als Wertfiktion sich muss erdichten.
So niemals wahr sein kann,
muss sich nach Perspektiven richten.
Und die sind unvereinbar, affektiver Bann,
Identitäten formende Ich-Selbst-Gestalt.

Ganz anders Geist, der tapfer klar
versöhnte Zufall, Stoff und Deutungsschichten.
Indem er zeigte, dass, was durch die Psychen weht,
sich nur als Stoffverfügtheit deuten lässt.
Sei es auch Tiefenschrei, sei’s auch Gebet,
das sich aus Leere, Gram und Ängsten presst.
Indes als Daseinsqual dem Tier gewahr
als letzter Stoff entrungner Hoffnungsrest.

Der Geist allein doch zeigte, dass der Wert als Glaube
Brutalität und Unterscheidungszwang erst schafft.
Damit ein Wir sich Relevanz aufklaube,
es in Vollendung hebe, gebe ihm die Kraft,
dass es nicht selber seiner sich beraube.
Bewusst sich werdend, dass auf ewig klafft
hie Sein dort Sollen ihm, dem Lebensstaube,
als unaufhebbar stille Selbstgefangenschaft.

Feststellung III (26/14)

Vielschreiber, Dilettant und Epigone,
bin ich Subjekt aus zweiter Hand.
Mit Wir konformer Seelenzone -
für mich der einzig sichere Garant,

dass ich als zugehörig allen gleiche.
Mich auch als Bürger so empfehle
an Oben, Unten, Arme, Reiche
als angepasste Seele.

Tatsächlich hass ich
diese Geltungsschmiere
von Wohlstandsüberbietung
und dem Marktbefehl,
dass man sich täglich onaniere
aus Formel, Artefakt,
Geschwätz und Schund.

Tote Werte (26/15)

Das kann nicht gut gehn;
kann’s mitnichten.
Das träumen nur
die Tugendschlichten.
Indem sie tote Werte schichten,
die, weltfremd,
vor sich selbst vergehn,
weil immer sich
zur Illusion verdichten.

Nach Feierabend: Flucht in blaue Gottesstillen (26/16)/Sonett

Es steht noch einer an; noch ein Termin.
Nach ihm kann ich den Arbeitstag beenden,
an dem die Sommerhimmel Bläuen spenden,
bis meine Seelenwirren sterben hin.
In jenen darf ich nämlich eilen fort
aus Diesseitsperspektiven, mich zu wenden,
bis mir der Tag und seine Lasten schwänden
in jener Gottesstillen ohne Ort.

Um dann von Krüppelbirkentrost zu träumen,
von fleckig-weißem Stamm und grünen Zweigen
und jenen faszinierend weiten Räumen,
in die dann Kindssehnsüchte werden steigen
im Wissen: Unten gibt es nur Versäumen
und unabwendbar ruinöse Neigen.

Momentglücke statt Lebensfreude (26/17)

Ich mag es drehn und wenden,
wie auch immer:
So was wie Lebensfreude 
gibt’s kaum mehr.
Schon weil die Welt uns heimsucht
noch im eignen Zimmer,
uns ängstigt und macht ichverrucht.
Auf dass man werde ihre Beute …
Verliere sich an  sie
als Konkurrenz-Geflimmer,
an sie als 
Schlachtfeld einer Tränen-Meute,
an sie als 
kriegsverseuchtes Trauermeer,
in das sie hilflos selbst sich hetzt.

So dass auch Glücke immer kürzer werden
und immer mehr nur noch Momente füllen:
Soll heißen: drastisch selber sich gefährden,
weil höchstens noch Monadenlüste stillen. 

Verlorene Grundlagen aller Formen von 
Verantwortungsfähigkeit- und: -bereitschaft (26/18)

Moral hat der,
der selbst sich zwingt,
sich Einsichtsmacht
nur unterstellt;
wohl wissend,
dass nur dann
er sich gelingt,
wenn ihn Verzicht
von Überheblichkeit 
abhält;
wenn seine Selbstansprüche
diese sind:
Dass Selbstvergottung 
ihn nicht mache blind,
er nicht entfremde
seiner sich - 
wie ein Narziss,
der sich als Kultstartölpel …
als Unvernunft und 
Machtsuchttaumel spinnt.

Indes: Wer wollte noch dergleichen hören?
Intuitiv doch spürend: Nun, das kann ich nicht.
Weil er doch mit sich selbst muss sich betören,
ermangelnd mahnender Gewissensschicht.
Denn die, die würde permanent nur stören,
verweisend gnadenlos auf einen Zeitgeist-Wicht,
systementwöhnt längst jeder Geistesschicht,
sich hinzugeben anonymen Spätzeit-Leeren.

Erinnerungen an eine Kleinstadt (26/19)

Trostlose Regentage.
Wie jene damals in Bad Schweigenhain.
Ziellos warf ich mich umher,
ließ mich treiben,
apathisch vor Einsamkeit
und Entfremdungskälte.
Damals in jener
herzverseuchten Kleinstadt,
durchweicht zumal auch
von Haltlosigkeit, Schwermut
und aggressivem Daseinsekel.

Dreierlei (26/20)

Ich käme mir unredlich und ichhörig vor,
bei für Null-Magien, Halluzinationen und Lallstrudel
sowieso anfälligen Personen 2. Hand
noch Emotionsblasen zu provozieren,
indem ich z. B. durch Wort-Geraune,
Andeutungs-Mystik und mediales Zungenreden
affekthungrige Innenwelten mit Bewusstsein 
herabsetzendem Stilllegungszauber betörte.
Denn dreierlei steht mir fest:
Die Nichtexistenz Gottes,
die uns gegenüber
vollständige Indifferenz des Universums
und die notwendige Armseligkeit
dieser einer radikalen Pleonexie unterstellten,
neuronal mit sich selbst geschlagenen Primatenart.

Aus: Haintortrancen* (26/21)

Nach all den Jahrzehnten 
sehe ich - deutlicher wie nie -,
dass schon im Anfang
das Scheitern bereit lag:
schon in der frühen Kindheit 
auf Rand wies, Alleinsein 
und das Fingieren von 
Entlastungs-Surrogaten …
Nicht, dass man es so 
gewollt hätte; nicht dass es 
von irgendjemandem 
so gewollt worden wäre.
Traumwandlerisch gleichsam 
gleitet man, als ob da 
ein Schicksalsschlag diktiere,
vorbei an Du und Wir …
Um sich am Ende in all den
selbst- wie außengewirkten 
Bewussstseinsverknüpfungen
einer von niemand schuldhaft 
zu verantwortenden Existenz
noch einmal kraft- und alternativlos …
verlassenheitseinsichtig: notwendig 
selbst zu versäumen.

Gewalt, Nihilismus und Seligkeit (26/22)

Was soll wohl dieses Dasein? Sag’s mir doch.
Ich weiß da wirklich klare Antwort kaum.
Ist’s Eskapismus, aus auf Dauergier,
zu engen Einsicht und Bewusstseinstiefe?
Damit uns nicht betrübend quäle,
dass es ein Alptraum könnte sein?
Ein kambrischer* Biontensprung
aus Zufallsketten brünftig explodiert?
Komplex aus Urknallindolenz,
ein Zwang, Entwicklungssucht verführt?
Zu phantasieren sich zuletzt gar Geisteskehren,
die’s gar nicht geben kann, ist man doch Ding?
Als Ding allein, gleich jedem Du,
das fremd und stumm bleibt, unerreichbar fern,
Gewaltverhältnis zu sich selbst doch auch.
Ist ja Gewalt Primärmacht dieses Werks,
das nie von uns, von gar nichts handelt.
Doch augenblicklich überschön uns packt,
uns tief beglückt: ekstatisch hingerissen,
vergehen lässt in stoffgefällig,
in drangverliebter Seligkeit,
uns alles Leid, Vergeblichkeit,
uns selbst gar sehnsuchtskryptisch nichtend,
entsiechungsträumerisch vollendungsschier.

*Kambrium: Zeitspanne der Erdgeschichte, 
ca. 541 bis 485 Millionen Jahre vor unserer Zeit.
Im Kambrium erfolgte eine explosionsartige 
Zunahme von Lebensformen

Faktengetreu (26/23)

Für mich
bis zum Ende
ein Stich
in Gelände
von Leere,
und Nein:
Soziale Galeere,
vergebliches Sein.

SMS (70)//Zufällig aus einer Papierhalde gezogen (26/24)

Für mich ist es nun einmal so:
Ich muss auf Schöpferisches zählen:
Auf Geistgebilde wie Gedichte.
Weil die nur mich mit mir vereinen.
Weil weder Freizeit noch Büro noch Du
mir Existenzgehalte können schälen,
mir böten irgendwelche Seins-Gewichte,
mich zu entziehen diesem Menschen-Zoo,
in dem es nicht grad ehrenhaft geht zu.
Der vielmehr offenkundig Niedrigkeit
lässt als soziales Gut erscheinen,
belohnt nicht Großgesinnte, sondern Wichte,
bejubelt Phrasenbrei als Geistes-Clou.

SMS (71) Endstadium/Zufällig aus einer Papierhalde gezogen (26/25)

Gegen Ende jetzt - auch infolge von tiefer Einsicht,
in Tugend-Arroganz, Verblendung und Hybris,
in politische Mittelmäßigkeit
als  selbstbrünstige Parteien-Überheblichkeit -
überrenne ich, völlig desillusioniert,
zumal bestätigt, was angeht mein Menschenbild,
nunmehr auch mich selbst:
Frieden zu finden, Schutz auch
vor Charakterlosigkeit, Gewissenstod
und einem Menschentypus,
dessen ichsüchtige Erbärmlichkeit
ihn, so hoffe ich, in die eigenen Fallen,
diese unfehlbaren, wird laufen lassen.

SMS (72)/Zufällig aus einer Papierhalde gezogen (26/26)

Lieber dem Schicksal
von explodierenden
Sternen nachhängen
als tagtäglich
dem Verfall zusehen,
der diese despotische
Selbstbeweihräucherung,
wie es sein muss,
allmählich ruiniert.
Mit einer Folgerichtigkeit,
die jener
in nichts nachsteht,
die eine Sonne
zur Entartung zwingt.

Und es gibt keinen Weg
der herausführte
aus dieser ratio-sapienten 
Verkennungssehnsucht.

SMS (73)/Zwischen Regalen und einer Schlange an der Kasse/Zufällig aus einer Papierhalde gezogen (26/27)

Morosität. Hektik. Launenverhaftung. Stumpfsinn.
Die Inhalte von Einkaufstaschen ertastende
virtuelle Feindseligkeit.
Sie nestelt, blickdumpf unzufrieden,
Waren aus dem Einkaufswagen auf das Laufband.
Die Smarten zahlen, objektiv bankenhörig, bargeldlos,
subjektiv sichtlich dankbar für diese Erleichterung.
PIN-Nummer-Identität.
Die Blicke aller wenden sich ab,
diese letzte Form von wenigstens formeller Selbstheit,
nicht durch aufdringliche Neugier zu entweihen.

Aufklärungssubjektivismus, der hier seiner Freiheit
frönen darf: Vernunftflach ichhypertropher Selbstgängelung.
Da lebt sich, glücklos,
die juristisch konzedierte Persönlichkeit aus:
Der formelle Würdeträger,
der um die Regale streicht auf der Suche nach Erlösung.
Vor allem wohl von sich selbst.

Indolent-narzisstische Ichschwäche.
Blickabschätzigkeit visueller Streifung der Nachbarmonade.
Konsumkapitalistische Abrichtungen reflexhaft vollziehend.
Kundenmetaphysisches Gehabe
drastischer Verdinglichungsvereinsamung.

Ausdruckslosigkeit.
Erschlaffungsgier.
Langeweile und affektive Verarmung
stürzen von den Gesichtern.
Kants Person reduziert zu dem,
womit sich ihre Karikatur hier versorgt.
Signifikante Hektik von Konsumversehrten.
Als flöhen sie vor sich selbst.
Das ist genau der Fall.

Wolken von Seichtheit ziehen durch die Gänge.
Man lungert in psychischer Austrocknung.
Coole Regungen zeigen an,
dass man sich in sich selbst verkrochen hat.
Ohne dass man würde anzugeben wissen,
was das heißt: Treib-Ich-Totalitarismus?

Kreatürlichkeitsernst einer Konsumkaserne.
Dümpelnd-schläfernder Fun-Stalinismus.
Bräsiges Unterwürfigkeitsauftrumpfen.
Belämmerungsvollzüge formell autonomer,
kaltherziger und mühelos austauschbarer
Binnenmarkt-Vollzugsschatten.

Ich frage mich oft, 
ob diese gerade erwanderten Warengebirge
in diesem Konsumenten-Dom 
definitiver Beglückungsangebote
z. B. die spontane Phantasietätigkeit deklassieren;
und ob sie in einem substanziellen Zusammenhang stehen
mit dieser existenziellen Verzwergungshermetik,
die von allem abströmt, was diese Individuen ausmacht:
Narzisstisch inszenierte Veräußerlichungssucht
scheinbar seelisch toter Selbstexponierungsneurotiker:
Gekünstelte Bewegungen,
Aufmerksamkeit erheischende Kleidung,
Satzkrüppelblasiertheit,
blicklich und gestisch auftrumpfende Bedeutungsleere.

Man merkt es ihnen an:
Dieses emotionskomplexe Ineinanderlaufen
von Innenwelterregung und Warenmagie.
Ablesbar freilich schon an jeder Verpackung:
Sie verspricht mystisch Ultimatives:
Quasi-Paradiesisches, 
erlösende Großwirkung auf Körper, Seele, Intellekt:
Metaphysische Geborgenheit im absoluten Konsum.

Aber du tätest diesen Menschen doch Unrecht,
würdest du es ihnen,
doch biologisch, existenziell und sozial
gebeutelten Gewohnheitstäuschern,
hilflos ausgeliefert zumal an die Diktatur
des Ungefähren,
Hochabstrakten,
Wirklichkeitslosen,
Dauerpropagandistischen,
Bilderdiktatorischen
und Leeformelmagischen,
auch noch zurechnen …
Womöglich kulturell, politisch, ethisch
oder gar hyperidealistisch empört aufgewühlt:
Geistig verfeinerungsblass betroffen
und medienkonform entsetzt.
Eben: typisch intellektuellenonanistisch kritisch.

Indes du doch weißt:
Niemand mehr ist diesem komplexen Kosmos
naturwissenschaftlich-technischer Selbstentmächtigung
und wohllebenstyrannischer Vereinnahmung
in gleich welcher Hinsicht noch gewachsen.
Niemand mehr wäre gar noch fähig,
ihn zu begreifen,
so dass er sich in die Lage versetzt sähe,
ihn, sich selbst und seine Artgenossen
irgendwie noch zu meiden:
Sei’s metaphysisch,
sei’s geistig,
sei’s magisch,
sei’s trancegeborgen.

Differenz (26/28)

Nur ganz, ganz wenige Dinge,
Räume, Bewusstseinszustände
und gesellschaftliche Lagen
habe ich tatsächlich,
ohne mich selbst zu betrügen,
geliebt.
Gedichte z. B,
sonnenversengte Schrottplätze
(sie ermöglichen ungestörte Einsamkeit),
Hilfsarbeiter-Tätigkeiten
(man bleibt unbeachtet, zählt nicht,
darf an der übrigen Artgenossenschaft
ungetadelt vorbei leben),
Steine zumal,
die mich Apathie und Schweigen lehrten.
All das also,
was notorisch übersehen,
ja: gemieden wird,
von diesen auf sich selbst
gierigen Daseinsschauspielern,
die ich meine Mitmenschen
nennen muss.

Spätjahraufatmen (26/29)

Es heißt zuweilen, schwarzgallig
würden die Leute im Herbst,
begännen zu fürchten zumal schon
des Winters Gefahren …

Weicht doch im Herbst die Wärme des Sommers,
beginnen zu heulen die Winde, die kalten,
durchnässt der häufige Regen die Kleidung,
klatscht und peitscht gar manchmal bis auf die Haut,
steigen die Nebel, hemmend die Blicke,
schneidet und klirrt auch die Kälte …
schrumpfen die Seelen,
- zumal schon belastet
von Wirren, Problemen,
Kummer und Scheitern und Ängsten -,
wandern weiter ins Graue,
innen wie außen gewachsen.

Wie sehr bin ich dagegen erleichtert,
lebe geradezu auf doch im Herbst,
wenn endlich sich drängen Wolken und Schatten,
Feuchten und Kühlen, Wehen und Dunkel,
entrückend die Welt, Gesichter versteckend,
die drückende Schwere mürrischen Menschentums,
der lärmenden Tage verlogne Fassaden,
der Drangsal Versinken in gleißende Leere,
Enthemmungsvertrauern und ziellose Lust.

Weitere Andeutungen über mich selbst (26/30)

Das macht mir keiner so leicht nach;
so einfach nämlich ist das nicht,
wenn man ist menschlich tot, liegt faktisch brach
und das in jeder Seelenschicht.
Dann muss man sich zusammenreißen,
um nicht Gewaltlustdrangsal zu erliegen,
muss auf die Zähne beißen:
Asketisch dann sich selbst besiegen.

Muss unterdrücken Hass und Wut;
trotz Niedertracht von vielen Artgenossen;
wiewohl die weder böse sind noch gut,
Zufall und Schicksal ausgeflossen.
Und überhaupt gewöhnlich doch sich selbst entrafft.
Was hätt ich können andres glauben?
Kaum einer hat sie nämlich, diese Kraft,
sich nicht nur andern ab zu rauben;
sich vielmehr radikal auf sich zu stellen,
um so sein Dasein geistig zu gestalten:
Aus seinen eignen Quellen …
Sich trotz der Gossenprägung dann
im Lot zu halten.

Selbstzerstörungssucht und Hellsicht (26/31)

Zwei Tassen starken Kaffees hoben mich in den Tag.
30 bis 40 Zigaretten ließen mich in ihm beharren.
Mit zwei Flaschen Rotwein und geistig provozierten
Abwesenheiten beschloss ich ihn.

Ich begreife nicht, wie ich all dies
über Jahre hinweg überhaupt aushielt.
Widerständig zumal mir selbst:
Gewaltanwandlungen,
Willkür und Phantasielosigkeit,
Opportunismus und Verwahrlosung,
Charakterlosigkeit und Vorteilsnahme.
Widerständig auch
der zähen Banalität des Alltäglichen:
Der Seichtheit,
Ichsucht,
Geistlosigkeit
und verkümmerungssieche Indolenz der Artgenossen.
Und: Dieser in einer solchen Welt
fortschreitenden Innenweltzerfalls 
doch unvermeidlichen Unterforderung.

Daseinsbilanz (26/32)

Tagtäglich mir selbst, diesem Zufall, ausgesetzt.
Mir meiner selbst bewusst als Ich-Hermetik,
als Körperding doch Zeit, heißt Endlichkeit verfügt.
Auf Sprache, Intellekt und Zahl verwiesen,
Sozialmonade, hilflos Artgenossen dargeboten,
zumal durch Lagen stolpernd,
die sie blind heraufbeschwören;
mal die, mal die; nie rational vorauszusehen,
geschweige denn als Ganze zu erfassen.
Gelenkte Kreaturen doch wie ich:
Sich selbst doch nur gegeben;
freilich ohne Selbstmachtmittel.

Genetisch mir zumal diktiert.
Von Herkunftszwängen auch geschlagen,
Erfahrungswerten dann, die prägen.
Existenziell so immer ausgerichtet
auf Deuten hin, Vermuten, Vorurteile,
Phantasmen, Lügen, sich stabil zu halten,
die eigne Psyche mit Bedeutungsdung zu fluten.
Verzahnt geschichtlich-kulturellen Perspektiven:
Gegängelt so, getragen auch, von freilich
kaum begriffnen Werten, meint: Bedarfsfiktionen,
gefühlsbetört sich träumend durchzuschlagen.

So weder wesensgut noch auch im Kern moralisch,
schon gar nicht fähig zu Vernünftigkeit,
will dennoch ich zufrieden sein,
will meine Existenz nicht, ideell gestimmt, verfluchen
in einem plumpen Anfall fader Tugendwirrnis.
Will vielmehr sagen, dass es lohne sich
für derlei Einsichtsmacht sie, fasziniert,
in ihrer absoluten Nichtigkeit exakt zu greifen.

Vom Schluss her bedacht (26/33)

Ich denke vom Schluss her jetzt drüber nach;
darüber, was das Ganze sollte.
Liegen doch Sehnsucht und Hoffnung jetzt brach
und zeigt sich verfehlt das Gewollte.

Nichts sollte es. Es lief einfach so ab:
Relevanztraum unter Großen Stillen,
für den man sich halten musste auf Trab,
dienend tierischem Willen.

Man hielte das Ganze nie aus … luzide;
weil man sofort an seine Banalität,
seine Selbsttäuschungswucht und Leeren geriete …
Verzweiflung, die besser kommt möglichst spät.

Gegenvorschlag (26/34)

Die Bezeichnung ,Warenhöllen’,
Wortschöpfung eines Intellektuellen,
der mit dem Wort wohl seine entrüstungsgeflutete
Hilflosigkeit,
seinen Protest und seinen Ekel gegen
die seichte Borniertheit
der gängigen Bewusstseinsstandardisierung
per pharmazeutisch intensivierten Konsumismus,
Profanierungsgrölen, Affektausdünnung und Leerformelonanie 
zum Ausdruck bringen wollte.
Andererseits aber auch seine vielleicht grollträchtige,
verletzliche Ohnmacht gegenüber permanent
erfahrener Verweigerung von Anerkennung durch das 
seine narkotische Verwahrlosungsbanalität
zum seelischen Hintergrundrauschen aller kommandierende,
panisch egalisierende kapitalistisch
prototypische Quasisubjekt des medial
organisierten Tingeltangels qua Verkitschungsdiktatur 
und Sakralisierung auch noch der Kopulationswerkzeuge.

Dieser Begriff ‚Warenhöllen’ veranlasst nun
wiederum mich,
dem konsumkapitalistischen System
einmal aufrichtig zu danken dafür,
dass die Leute,
selbst nach mehr als 50 Jahren,
noch immer auf die Pauke hauen,
vögeln und sich vorvögeln lassen,
den Urlaub theologisieren,
protzige Autos kaufen,
nüchtern berechnend für ihren Geldbeutel kämpfen
und so die Belebung der Binnennachfrage
intensivieren können,
dass die Leute immer noch an den weltweit
schönsten Stränden sich räkeln dürfen,
um sich,
sozusagen passiv erregt
durch lüstern-diffuse Innenweltbeglückung,
vom hektischen Berufsalltag, Familienstress,
aber auch von sich selbst zu entlasten,
d. h. Eskapismus und termingerecht 
produzierten Seelenstoff schnüffeln können …,
dass die Leute immer noch
ihre messianischen Grundbedürfnisse
eher durch ein Popkonzert oder ein Fußballspiel
als in der Kirche,
oder gar in Seminaren zum Thema ‚Glaube und Sinn’
befriedigen wollen,
sehnsuchtsgemäß entlastet dann auch
durch sentimental-dionysisch packende,
träumerisch emotionalisierende Zirkusatmosphäre.
Oberflächendemokratisiert (und also vernunft- und wirklichkeitsflüchtig) 
bis in die Grundreflexe:
kindisch nach Seichtheit lüstern.

Dass die oben zwar
inzwischen geistig impotent,
rhetorisch unbegabt,
teils korrupt,
teils charakterlos und,
trotz unermüdlicher Bekundung
menschheitsumspannender Großmoral,
zwar oft entweder bereicherungsdreist 
oder selbstglorifizierungsdurstig sind
(systemimmanente, zeitgeisttypisch provozierte
- unvermeidliche - Phänomene),
was aber nichts ändert an ihrer grundsätzlich
wohlmeinenden Biederkeit,
an ihrer jovial-harmlosen Staats-,
Demokratie-Treue und Verfassungsgläubigkeit;
und schon gar nichts daran,
dass sie keine Umstürzler, Ausbeuter,
absichtlich Verantwortungslose,
asoziale Mammonschergen oder gar Verbrecher sind.
Sondern eben bemühtes, kratisch harmloses,
naives Mittelmaß, dem es,
via Wohlstand schaffenden ökonomischen Erfolgen,
durchaus gelang, den eigentlichen Garanten von Frieden
(sozialem wie tugendverwirrtem),
nämlich materiellen Überfluss auf eine historisch
bespiellose Höhe zu treiben …
Möglicherweise auch deshalb,
weil sie nur simple Parataxen,
weder des Imperfekts noch des Genetivs
noch der Konjunktive bedürfend,
in die Mikrofone stottern:
Intellektuelle Biederkeit
(die für Heutige so überzeugend ist,
diesen gar als Zeichen von Besonnenheit gilt),
statt faszinierende Redegewalt
(die zumal lächerlich, neurotisch und völlig unzeitgemäß,
allenfalls noch als Mega-Event empfunden würde:
Die Leute erleben doch nur noch,
konsumieren das Erlebte,
erfahren und verstehen es aber nicht mehr).

Und zwar will ich deshalb den Demiurgen
des konsumkapitalistischen Systems einmal
aufrichtig danken,
weil genau es (und kein anderes würde das leisten)
mir erlaubt,
inmitten dieser hedonistischen Schlaraffen
ein von ihren Jux-Massen unbeachtetes,
jenseits der abhängigen Beschäftigung sogar
stundenweise geistig gelingendes,
jedenfalls still abseitiges Leben zu führen,
rechtsstaatlich-demokratisch immer noch geschützt;
und so vorerst nicht dem potentiell feindseligen,
zuweilen geradezu aggressionserfüllten,
Zugriff landläufiger Entgleisungen ausgesetzt,
wie etwa Neid, Wut und Hass auf alles Künstlerische,
hochkulturell Verfeinerte, Sprachmächtige,
Feinironische und scharfsinnig Sublime.

Ich also bin für Warenhöllen,
für biedere Gewerkschaftsweisheit,
für die Befriedigung infantiler Bedürftigkeiten,
für die medial verbreitete Selbstglorifizierung gleicher,
cool-narzisstischer Monaden,
für die Herrschaft sich selbst reproduzierender Fadheit,
für hinterhältige Beglückungseffekte und Kicherjahrmärkte.
Ich bin, kurzum, für trancestier verinnerlichte Dauerkirmes.

Ohne dass ich deshalb das Bedürfnis verspürte,
irgendjemandes Wahl hochmütig zu kritisieren:
vernunftorthodox weltfremd zu bejammern,
teilnehmen zu wollen
an diesem kapitalistisch-naturwissenschaftlich-technisch
aus konstitutioneller Notwendigkeit heraus gestampften 
utilitaristischen Paradies,
an seiner nicht nur verlogenen,
sondern ansatzweise in der Tat verwirklichten Humanität,
mag diese auch partiell darauf beruhen,
dass die Menschen ihre Pleonexie ausleben
und ihre politischen Repräsentanten saugen dürfen
an ihrer vermuteten gesinnungsethischen,
gar historischen Relevanz.

Denn Menschlichkeit ist,
schlimm, es begriffen zu haben,
ausnahmslos gebunden an sozial weit 
und dicht gestreute Wohllebenschancen,
einhergehend mit auf Dauer gestellten spannungs-,
zerstreuungs- und spaß-orgiastischen
Belanglosigkeitsberückungen 
und einer Magie- und Mystifizierungsmächtigkeit,
die, allpräsent,
in den Psychen raunt und lockt und sehnt und lechzt
noch in den trivialsten Alltagssituationen:
Sensationsmedial innenweltgerodetes
Erregungszufuhrflüstern,
dem radikale Wahrheiten, Ernst, Begriffsschärfe
und Realitätssinn letztlich abträglich wären.

Warenhöllen?
Ja.
Statt intellektuelles Schürfen
in den Abgründen unseres Daseins:
Dort hausen nämlich Pleonexie,
Barbarei, Selbstzerstörungszwang und Sinnlosigkeit.
Und: Unschuld.
Die des Zusammenspiels von Zufall und Notwendigkeit.
Die der Illusion eines freien Willens.

Klugheit II (26/35)/Sonett

Mein Leben lang bin ich am Rand geblieben.
Aus manchem Zwang heraus dorthin verbracht.
Die in der Mitte freilich warn getrieben,
sich aufzuopfern ihrer Wohlstandsschlacht.
Und so denn haben sie sich aufgerieben
für Ziele, die uns weist die Ich-Andacht:
Sich möglichst hoch nach oben hin zu schieben.
Dass man genießen könne Ruf und Pracht.

Doch bin ich ehrlich, muss ich eingestehen:
Ich war als Außenseiter froh darum,
dass jene Menschen wollten sich versehen
mit was doch trägt ein Individuum:
Erfolg, um an der Spitze mitzugehen.
Sich legten so denn auch für mich sich krumm.

Selbstkorrektur angesichts wahrscheinlicher Zukunft (26/36)

1

Es ist nicht schwer vorauszusehen:
Soziale Unterschiede nehmen wieder zu.
Für viele wird es ums Bestehen gehen,
den Lebensunterhalt (in diesem Meer von Schmu).
Nicht mehr die Selbstsucht von Verwöhnten,
die nur auf ihren Vorteil sahen,
sich selbst missbrauchend jener Knechtschaft frönten,
die Durchschnitt gilt als tiefstes sich Bejahen:
Die Suggestion der Massenlebenswerte,
Pleonexie (evolutionsverfügt):
Erlaubt sie jenem doch die sittliche Gebärde,
da der sich faktisch nur als Körper konsumiert.

2

Die besten Jahre sind nunmehr vorüber
(die besten nach Geschäftsverstand);
zu Ende geht das Dauerfieber.
Und fehlen wird der Traumweltlieferant.

Als Ausweg bliebe, was ich heiße
Verzichtsvision: Sich selber umzuschaffen,
dass man nicht nur auf Ichbeschränktheit weise,
auf Kreatürlichkeit: Auf Triebdrangsale würde gaffen.

Indes der Geist, Verbrauchers Antipode,
ist nichts, was sich erwerben ließe.
Zielt nie auf Quantität und Hode,
nicht Macht, nicht Optimierungsexpertise.

Ist er doch selten, oftmals überzart.
Was zwingt, ihn drastisch abzulehnen.
Man ist nun mal doch eher Barbarei gepaart,
muss faktentreu so Grobes sich ersehnen.

3

Ich höre auf zu träumen. Wie naiv
ist jener idealkrank richtige Gedanke.
Nein. Ungehemmt wird’s sein. Brutal. Wie’s immer lief.
Das wirkt die artspezifische Ananke.

18. August 2002/Für homo sapiens bambergensis (26/37)

Ich habe deinen Körper so geliebt.
Das mag wohl kindisch sein (und ist es auch).
Und dennoch war dies Leibgebet mit dir
von Zwiespalt frei wie von Getriebenheit.
Es war herausgenommen aus dem Lauf
von Alltagspflichten und Verantwortung:
Orgiastik-Nu lasziver Transzendenz
des Tagbewusstseins, gar des Selbstgefüges.

Ich weiß, wir werden uns nie wieder sehn.
Du fürchtest dieses Außenseitertum in mir.
Kalkül trieb dich zu Sicherheit:
Zu Kind, Beruf, zu gängigen Vollzügen.
Sozialem Zwang sich auszuliefern, weil
von Leidenschaft man doch,
ich weiß, nicht leben kann …
Verzicht auf sie erst garantiert die Selbstbehauptung.

Ich liebe deinen Körper immer noch.
Und sei das noch so weltfremd. Sei’s.
Wenn auch von seinem Rauschsog gar nichts blieb
als dieser Scheme in Erinnerungen,
ins Hirn gebrannt als blau gekreuztes Jetzt.
In dem sogar die Einsamkeit verschwamm,
die man doch ist, Ekstase-Taumel-Trance:
Aus tiefster Daseinslust, da doch Atom, vertrieben.

Erotischer Eskapismus/Für niemand im Besonderen (26/38)

Um deines
erlösungsträchtigen
Körpers willen,
hat sich das
Alles hier gelohnt.
So will es
gedeutet wissen
meine verdrehungsvirtuose
Phantasie,
ausgepicht genug,
ihren Illusionen
die Herrschaft
über Realität
und Wirklichkeit
fraglos
einzuräumen.
Zumal nur
die Lüge allein,
vor Fakten,
Du und Ich
bewahrend,
den Traum von Glück
durchs Leben trägt.

Verstecktes Fürsichsein (26/39)

Sein Dasein isoliert verbringen,
wer könnte das, wer strebte das gar an?
Auf Dauer kann sich niemand so gelingen,
verliefe sich in Wahn.

Verlöre nach und nach, was menschlich macht:
Persönlichkeit durch Anerkennungszeichen;
er würde um sich selbst gebracht,
denn Selbst ist, was auch andre eichen.

                              *

Indes wer einsam ist, der wird es bleiben.
Zumal die Einsamkeit die Blicke schult
für dieses anspruchslose Treiben
von Ichverlust - vom Markt gespult.

Es ist die Tyrannei der Mitte,
kapitalistisch angeschönt,
ein Nieten-Ablauf nach gelenktem Schritte,
wo sich, wer Selbst sagt, unbemerkt verhöhnt.

                              *

Alleinsein ist in solchen Zeiten,
was einen Rest von Selbst bewahrt:
Die Chance, sich Hörigkeiten abzuschneiden.
Und Niederlagen der sublimsten Art.

                            *

Dies Paradies ist eures. Meines nicht.
Ich gönne dennoch euch die Große Sause,
dies Los für euer Ichgewicht
surrogativer Flause.

Was auch schon wieder weicht dem alten Hang:
Pleonexie, Betrug und Rohheit oben.
Wo nur das Ich noch hat Belang.
Von unten stündlich angeschoben.

Was mir noch zählen kann (26/40)

Mir selber nur kann ich noch zählen,
auf mich allein gerichtet.
Ich muss als Kern mich wählen
in einer Welt, die doch vernichtet,

was seelisch trüge, schüfe Halte.
Das alles ist verloren.
Stürzt in der Formeln kalte
Entsinnlichung, Effektmanie verschworen.

Ob nihilistische Entfesselungen,
ob Leeren, Brüche, Seelenbarbareien.
Ob Wasserhöllen, Wüstenlungen,
das daueranonyme Schreien …

Ins Nichts will ich dann eingegangen sein,
das soll zersetzt mich haben.
Entronnen Ich und Mein und Dein.
Bewusstlos Stoffheimat begraben.

Abrechnung (26/41)

Ach diese hochabstrakten Techniköden!
Wie soll ich meistern die?
Mit Drogen, Sex, mit Ich-Gebeten,
mit Pop-Musik-Magie?
Soll täglich ich die Sau raus lassen,
dabei den Stall vergessen?
Mich Zeitgeistramschgeschwätz anpassen
und machtstier schalen Propaganda-Messen?
Realitätsverweigerungen,
so wie sie längst doch gängig sind?
Mir dann als Vollidiot perfekt gelungen
und tugendwirres Kind?
Zumal ich unstet existiere,
die Welt als solche nicht begreife.
Wie’s aussieht eine Ratio-Schmiere
in hochsubtiler Endlosschleife
kapitalistischer Entfesselungen:
Dich zu vollenden braucht’s nur einen Klick!
Nun ja, ich muss wohl in mich gehen,
all diese Truggebilde zu entlarven,
sie geistig radikal zu sehen
als Mammon- und Erlebnis-Harfen,
die inszenierte Wonnen bieten
mit 2%-Orgasmus-Spanne
für systematisch deklassierte Nieten
der Marke ‚Volle Kanne’.
Und zöge ich die mir vertraute Karte
des Markt-Zynismus ohne Illusionen,
dann müsste reden ich auf eine harte
Enthüllungsart, die niemand schonen,
entschuldigend verstehen würde.
Uns alle zeigte als korrupte Kleine,
auf Ich-Erhöhung aus und Myrte,
Verräter aller Hohen Seine.
Erbärmlich, ehr- und rückgratlos,
empörungslüstern wohlstandsklammer Dreck.
Erbärmlich. Phrasenhörig groß.
Ein hilflos dirigierter Daseinsfleck.

Sonett 50 vom 14.12.2003 (26/42)

Es ging hoch her, ging gegen Bourgeoisie,
Establishment genannt; abstrakt auch: Klasse.
Man wollte unten die befreien: Masse,
politisch sie erheben - irgendwie.
Man plagte sich mit Mehrwerttheorie,
‚Das Kapital’ lag neben Bett und Tasse,
damit man, aufgeklärt, das Wahre fasse,
so jeden Einwand zwinge in die Knie.

Emanzipieren? Massen? Wie denn das?
Ich habe nie begriffen: Doch wofür?
Die Massen wollten Sicherheit und Spaß,
sozialen Aufstieg, Urlaub, mehr Plaisir …
Sie wollten das, was allen muss sein Maß:
Sich möglichst zu behaupten … jetzt und hier! 

                                   *

Mein Leben lang hab zu den Massen ich gestanden; 
der intellektuelle Priester war mir stets suspekt;
weil Ideale er, das heißt, etwas bezweckt
was jede Lebenswirklichkeit macht schnell zuschanden.
Weshalb sie bilden revolutionäre Banden,
die dann, von Hass und von Zerstörungswut erweckt,
bald wüten, von Parteien-Despotie gedeckt …
in deren Dienst gestellt als Straßen-Mob-Briganten.

Die Massen stehen derlei Idealen fern.
Sie wissen ganz genau, dass Ideale lügen,
sind weiter nichts als Illusionen ohne Kern,
von denen allenfalls sich lassen Träumer trügen,
die, weltfremd, greifen müssen nach dem hellsten Stern:
Um sich als Weltgeist-Kenner eitel zu genügen.

Prosafetzen (137) (26/43)

Trotz randverarmtem Außenseitertum:
Es wird wohl, dieses Leben meine ich -
doch auch eurer Selbstsucht, Wohlstandshörigkeit,
Aufstiegsträumerei und Arbeitskraft dankbar geschuldet -
am Ende eher Gelingen für mich gewesen sein:
Indem ich euch und eure Lebensziele,
von mir verständig, gar wohlwollend durchschaut,
werde weit öfter überwunden haben
als mir selbst ichschwach zum Opfer gefallen sein.

Nachtgeschenk (26/44)

In Augenblicken, wie jetzt diesen,
in stiller Nacht, allein,
mich zu entreißen meinen Selbstverliesen,
das ist das tiefstes Sein.

Vermag dann, frei von Kreaturen-Zwängen,
genau zu sehen meine Lage:
Dass, aufgelöst in Datenmengen,
ich als Person nichts mehr besage.

Ja mehr noch, dass als Individuum,
ich gar nicht mehr recht zählen kann.
Nur Spielball bin: bedeutungsstumm
verfügt mich formendem Gesellschaftsbann.

(26/45)/Sonett (11)

Gewissensarm belehrend, voll blasierter Kälte,
Rechthaberei, weil linkisch auch sich selbst verfallen,
als Blasen-Wesen sachunkundig auf dem Felde
der Selbstwahrnehmung von gelernten Markt-Vasallen…
agieren sie, als ob ihr Urteil fraglos gälte,
entspränge einem einsichtsklaren Welt-Nachhallen,
sei gar systemkonform exaktes Grundgemälde,
devot als solches hinzunehmen dann von allen.

Sich selbst Beweihräuchernde, maßlos penetrant,
auch weil nur machtbesessner Selbstgenießer-Stand*,
und so von Wirklichkeitsverlusten schwerstgelähmt …
Auch Ruhmsucht, Ich-Drang-Rausch und Hochmut ausgebrannt,
so in sich selbst durch Faktenblindheitsdruck gelähmt …
verfehlen sie Gesellschaft, Wählerschaft und Land.

*Fachmenschen ohne Geist und Genussmenschen ohne Herz.“ (F. Nietzsche?/M. Weber)

Unvermeidliches Trauerspiel (26/46)/Sonett (12)

Was sich da abspielt, ist für uns ein Trauerspiel.
Es konnte freilich letztlich nur ein solches werden:
Man kann sich des Systembetrugs nicht mehr entwöhnen:
Denn seine Wirksamkeit ist künstlich inszenierte.

Wie also könnte sich da Geistanspruch noch erden,
der sich doch selbst nur haben kann als Wahrheitsziel:
Als die Instanz, allein von Sachlichkeit geführte,
als Kernbefehl, sich Faktenlagen nie zu schönen.

Weshalb das Wort vom Trauerspiel nicht so recht passt,
ist’s letztlich doch deterministisches Geschehen:
Evolutionszufall, vor dem die Mär vom Selbst verblasst.

Fakt ist, dass, unfrei, wir von Nichts zu Nichts verwehen,
befreit für immer dann von der prekären Last,
heteronomem* Leib einst wieder einzugehen.

*heteronom: unfrei, fremdbestimmt

Das Geschenk des Realitätssinnes (26/47)/Sonett (13)

Ein Außenseiter war ich, war’s von vornherein;
und wusste, dass ich es nicht würde ändern können.
Weil: Man entkommt sich nicht, ist zumal ganz allein,
ein Leben lang verfügt doch diesem Drangsal-Rennen.
Kein Wunder, dass man’s meistens nicht genau will kennen,
weil’s sinnlos ist, verdrängte, oft ganz simple Pein;
auch heimlich bitter-infantil gequältes Flennen.
Indes: Wofür? - Für ein substanz-absurdes Sein.

Ich glaube schon, dass ich’s recht gut begriffen habe:
dies Dasein, heutzutage meistens Phrasen-Finte
in einer marktdiktierten Emotionen-Wabe.

Meint: einer Welt, geprägt von Digital-Gebinde,
das man berauscht mit Werbung und mit Fun-Gehabe,
auf dass in dieser Sause es versklavt verschwinde.

Die ideologische Mär von der Freiheit* (26/48)/Sonett (14)

Das, was man psychoethisch sollte sein,
wird einem in der Regel nicht gelingen,
weil Spaß-Terror und Propaganda zwingen,
dass man sich nicht mehr auf sich selbst lässt ein.
Doch grade die sind Zeitgeist-Widerschein:
Autonomie-Zerstörer, die verfingen:
Man müsse nicht mehr um die Freiheit** ringen:
Sie sei systemgegeben - gar allein.

Indes verkam die Freiheit zum Gerede,
weil doch ersetzt durch Außensteuerungen:
Erlebnis-Kult als Quelle von Gefühlen,
die sanft verfügen der Verbraucher-Lethe***,
dass man allein in Lust sich sei gelungen …
beschützt von Markt-, Polit- und Medien-Mühlen.

*Freiheit. Die sich, trotz der eindeutigen Ergebnisse der neurobiologischen Forschung, als ideologische hartnäckig (als Entlastungsleerformel) durchhält; insbesondere aber auch als politisches Versprechen: Was freilich Sinn macht, denn die rechtsstaatlich verstandene Freiheit ist keine ethische, sondern eine Freiheit als Nicht-Verbot.

**Freiheit. Die, wäre sie überhaupt möglich, unbedingt rückgebunden wäre an Selbstzwang: Selbstüberwindung. Freiheit ist notwendigerweise immer auch eine solche als Überwindung und Distanzierung seiner als Bedarfs- und Trieb-Wesen.

***Lethe, griech.: Vergessen. Später: Ein Ort des Vergessens in der Unterwelt. Im Buch 6 von Vergils Aeneis trinken die Seelen, die gerade reinkarniert (wieder mit Leibern und Bewusstsein versehen/ausgestattet) werden, das Wasser der Lethe, um ihre frühere Existenz zu vergessen.
In der heutigen Zeit könnte man die Lethe begreifen als eine Art Freizeit-Traum-Ekstasen schenkenden/ermöglichenden Zustand realitätsflüchtiger Entlastungs-Narkose, die den Individuen Belämmerungs- und Vergessensräusche provoziert, indem sie diese sich in die panhedonistisch aufpeitschenden Asyle verknechtender Verantwortungslosigkeit begeben lässt, um sich, auch drogengestützt, ihrer Orientierungs-, Hilf- und Sinnlosigkeits- Anwandlungen zu entledigen … durch Selbst-Auslöschung: Kollektiv-Umnachtung und Verwahrlosungs-Orgiastik … heutzutage für viele - und immer mehr - Menschen die intensivsten Formen von so was wie Glück, das als Freude von immer mehr Individuen nicht mehr gefunden werden kann:
Glück ist heteronom-physisch-sexuell, Freude autonom-geistig-erotisch …
Die Seelen - notwendig: niemand trägt daran Schuld - verkümmern, die Sprache wird primitiv, die Individuen regredieren zu allein gelassenen System-Monaden, die ethischen Widerstandskräfte gegen die Selbstverdinglichung und Selbstentfremdung brechen weg, der Mammon wird zum Haupttrost einer im Grunde armselig-sensationslüsternen, hysterischen, feindselig-aggressiven, zwangslüsternen, zumal narzisstisch-dumpfen und sich mehr und mehr einem bloßen Stumpfsinn ergebenden, zumal vulgär-atheistischen Existenz …

Tiefenwirren deutscher Innerlichkeit/Andeutungen (26/49)/Sonett (15)

Was soll ich - hilflos - denken oder gar noch sagen?
Ich meine angesichts diverser Stümpereien
der Machtbetörten - oft nur bloße Ich-Lakaien -,
dabei, die Volksherrschaft vielleicht ins Grab zu tragen.

So nicht sich scheren um den tiefen Ernst der Lagen ...
vielleicht zu schwach, sich selber sich nicht zu verzeihen,
weil man doch erst muss von sich selber sich befreien,
die egophile Anomie* so zu zerschlagen,
um dann, pragamatisch handelnd, Sachlichkeit zu wagen.

Indes ist's Brauch, auch andre Völker zu belehren
mit typisch deutschen Tugend- und Gesinnungs-Schlieren.
Mit Hilfe derer dann die Fakten zu verkehren,
um dann, weil die so ihre Prägekraft verlieren,
im Ideal-Rausch rücksichtslos sie zu negieren.

*Egophile = Egozentrische Anomie (griech.: Gesetzlosigkeit)
Ein Grundproblem der deutschen Gegenwarts-Gesellschaft/hier einige Stichworte:
(a) Auto-Monadisierung (Zwanghafter Rückzug auf sich selbst aufgrund des systeminduzierten Innenweltzerfalls); also: Rückzug auf nur eigene, in der Regel hedonistische oder Weltflucht ermöglichende Interessen: „Erlebnishorten“ als Dauer-Belämmerung
(b) Selbstverdinglichung (man macht sich selbst zur Sache, zum Mittel seiner selbst; Zweck: Autokonsum/Selbstkonsum)
(c) Soziale Gleichgültigkeit
(d) Noch mal: Erlebnissucht, auch aufgrund massiver Desorientierung, Haltlosigkeit und, vor allem, des anonym grassierenden Nihilismus, Atheismus, Materialismus, Infantilismus, Eudämonismus und frenetisierenden Aktionismus („Leib-Wow!“) durch Reklame, Sport, Pop-Musik usw.
(e) „Oben“ (nicht durchgängig, aber sich immer häufiger zeigend/bemerkbar machend): Ideologen- und Mittelmaß-Arroganz, Missachtung des Mehrheits-Willens, linkisch-unverschämte Selbstbeweihräucherung, maßlose Selbstüberschätzung, lächerlich-pampig-clowneske Selbstdarstellung (bis hin zum Selbstverrat), Indolenz gegenüber Fakten bzw. Feigheit, diese wahrheitsgemäß zu benennen, mangelhaftes Deutsch, schwere Wirklichkeitsverluste, Machtsucht als pathologische, narzisstische oder effekt-weinerliche usw. usw.

Offen gesagt (26/50)/Sonett (16)

Ein Kosmos plattester Verbrauchs-Gehalte:
Ein Warenreich als Diesseits-Paradies,
getaucht in eine oberflächlich kalte
Verkümmerungs-Gesellschaft - exzessiv.
Klamauk und rechenhafte Herz-Basalte
in selbstsuchtkommandiertem Ich-Verlies.
Das heißt: Was immer sich auch hier gestalte,
dreht sich um Sex, um Macht, Prestige und Kies.

Indes ist unabänderlicher Lauf
von Zufall, Hirnzwang und Gelegenheit,
von mir zu nehmen ganz devot in Kauf:
Es gibt kein Dasein, das nicht wäre Leid,
ist es an sich doch All-Vergeblichkeit …
Entlastungstraumgebilde ohne Knauf.

Urerfahrungen (26/51)/Sonett (17)

Nicht ich war’s, der sich hätte zu sich selbst gemacht.
Im Gegenteil: Ich war mir selber vorgegeben.
Genetisch; auch zu einem reichen Geistesleben,
zumal von Einsamkeit geprägt und Krankheits-Macht.
So dass dem Tag ich vorziehn würde stets die Nacht,
war auch schon klar: entstellt wird man nach Schatten streben,
wird förmlich ängstlich fliehen aller Helle Pracht,
um im Verborgenen sich leise wegzuheben
von Kindern, die zuweilen roh und hämisch sind,
Erwachsenen, geübt in Bosheit und Verachten.
Sich beide gleichend darin, dass sie, herzensblind,
sich selber werden zu der Art von Daseinsschlachten,
die tief verbittern, weil sie niemand je gewinnt …
Indes mich Katzen bargen, Stillen, Gott und Wind.

In Zeiten wie diesen (26/52)/Sonett (18)

Es ist recht niederschmetternd, etwas zu erleiden,
wenn man ihm völlig hilflos ausgeliefert ist.
Wie ich schon lange diesen anspruchslosen Zeiten,
die ihre eigne Ohnmacht immer mehr auffrisst:
Da kommen Unbegabte hoch mit plumper List,
mit leeren Worten, Show-Moral, Charakterpleiten:
Entwirklichungs-Geschacher, das Fiktionen misst,
um zu vertun so alle guten Möglichkeiten.

Nun ja: Die Wählerschaft weiß auch nicht, was sie will.
Es sei denn Wohlstand, Sicherheit und Urlaubstage,
als höchstes Gut entfesselnden Erlebnis-Drill.
Inzwischen weiß man freilich um den Seelen-Müll,
sieht, dass Moral die Menschen doch nicht trage,
ahnt, dass was kommt, wird sein wahrscheinlich Niederlage.

Bemerkungen zum amerikanischen Traum (26/53)/Sonett (19)

Sich zu bereichern, um so gängig gut zu leben,
weil man sich Macht, Genuss und auch Prestige kann kaufen;
kurzum: die Werte, die man braucht, sich zu verhehlen,
dass man der Prototyp ist aller kleinen Seelen.
Die doch nur indirekt - durch Schein - sich können heben,
indem mit andern sie stets um die Wette raufen,
um Luxusgüter, die versteckten Selbstverfehlen,
um so sich aus Bedeutungslosigkeit zu stehlen.
Dass uns allein der Mammon könne Wert verleihen,
das müssen jene ohne Wenn und Aber glauben.
Zumal ja Luxus ihnen Presse-Zeilen bringt.
Die Wahrheit ist, dass man sich geistig muss gedeihen,
um diesem Dasein abzupflücken seine Trauben:
Indem man sich als Zeitgeistspielball niederringt.

Selbstverlust durch Macht (26/54)/Sonett (20)

Wer denn vermöchte es, sich selbst zu widerstehen?
Besonders dann, wenn Beifall, Macht und Schein verlocken;
wenn andrer Untertänigkeit sich selbst lässt sehen
als Übermenschen, dem gar läuten goldne Glocken.
Was zumal jene lässt vor ihm verzagt verstocken,
die, ihren Kopf gesenkt, auf leisen Sohlen gehen.
Weil sie nur Mittel sind: so was wie Schicksalsflocken,
die sich als solche ihm aus Furcht und Zwang hindrehen.

Doch Macht ist die subtilste Form von Sklaverei,
wenn haltlos ichberauscht man ihr zum Opfer fällt,
sich seiner selbst benommen wird ihr zum Lakai,
der dann an ihrer Doppeldeutigkeit zerschellt …
Verkennend, dass die Macht ist zugleich Selbstwertschrei,
man ihr so angehört als Knecht, den sie sich hält.

Entlastende Selbstentfesselungs-Umtriebe (26/55)/Sonett (21)

Es ist die Zeit der außenprovozierten Zwänge,
der Psychenbrüche und Bewussteinssteuerungen,
der aggressiven Einsamkeit und stummen Zungen …
die Zeit der anonymen Innenwelt-Gemenge:
Als ob man brunftstier nur noch um Entfesslung ränge,
bis man entlastungsgierig sich sei so gelungen,
dass man sich werfen dürfe in die Niederungen
der Selbstaufgabe-Orgien plumper Wahn-Gepränge.
Wobei die Körper takten sich nach Kult-Vorgaben:
Entwirklichungs-Befehlen, sich als Rausch zu glühen,
sich rücksichtslos nur noch als Trieb-Effekt zu haben,
um so als Zeitgeist-Unperson sich zu entrücken
in Spaß-Vollzügen, Drogen-Trance und Gossen-Waben
als Selbstentmächtigungs-: als kommandierte Tücken.

*
Geistknecht-Schicksal (26/56)/Sonett (22)

Ich schlage eine anonyme Schlacht
als Geistknechtselbst doch gegen alle die,
die unterworfen sind der Despotie
der Staats-, der Börsen- und Konzerne-Macht.
Ich wehre mich, dass man mir unbedacht
als Mammon-Schicksal schafft dies Was und Wie: 
Als währende Effekte-Banausie,
zumal auch staatsgelenkter Niedertracht.

Ein Massenschicksal; und zuletzt auch meins:
Zurück gedrängt auf meine Ich-Bestände,
führ ich ein Leben dirigierten Seins
in Geist enthobnem seelischen Gelände,
Bedürfnis-, Körper-Ding bis hin zum Ende …
Als Randerscheinung rationalen Scheins.

(26/57)/Sonett (23)

Doch sind wir letztlich völlig außerstande
- sei’s kollektiv, sei’s auch nur subjektiv -;
uns vor uns selber geistig zu bewahren,
doch primär Ratio- und nicht Geistes-Wesen.
Zumal zu Gott auch kappten alle Bande,
um selber uns zu sein ein Korrektiv.
Was illusorisch ist: Wir sind Barbaren.
So angewiesen auf Gewalt-Synthesen.
Dass gegen uns wir hätten irgend Pflichten,
das muss ich - redlich - radikal verneinen:
Wir wollen immer andre überragen:
Uns selber als Elite uns erdichten:
Zumal wir alle sind verdammt zum Scheinen …
Doch nicht mal fähig, selber uns zu tragen.

Tacheles* II (26/58)/Sonett (24)

Ich frage mich, wie kann man so tief sinken,
sich so besudeln, gar sich selbst verraten;
sich ständig in Narzissmus-Hype zu baden,
um überall mit Kompetenz zu blinken …
als Koryphäe sich auch zuzuwinken,
obwohl man längst verlor doch jeden Faden,
sich ständig schönen muss die eignen Taten …
und trotzdem putzen möchte alle Klinken?

Doch kann dergleichen wirklich überraschen
in diesem Land der Schwätzer und der Plumpen,
der Gauner, die sich füllen alle Taschen ...
Wo selbst der Tugendbold sich nicht lässt lumpen,
indem er trickst mit allen Phrasen-Maschen …
Wo alle schlürfen aus porösen Humpen?

*hebr./jiddisch: hier: Frei herausgesagt, unumwunden ehrlich

Intellektuelle (26/59)/Sonett (25)

Nie habe ich verstanden Intellektuelle,
die Ideal, Gesinnung und Moral hochhalten,
den Menschen vorzugaukeln eine Wesens-Helle,
die, umgesetzt, sozial sie würde nicht mehr spalten.
Wenn sie's nur niederrissen, das Sozial-Gefälle,
um Gleichheit und Gerechtigkeit so zu entfalten,
dass Solidarität würde Gesellschafts-Welle:
Demokratie und Rechtsstaat würden faktisch walten.

Dass all dies möglich wäre, lüde ein zum Schwur,
das glaub ich nicht: Der Mensch hat nie genug Moral:
Ihm ist der Mitmensch eher Mittel und Tortur.
Sich selbst ist er nicht selten bloße Ich-Drangsal,
oft gar perfide, schuldlos: Seelenschmerzen-Tour,
korrupt und widersprüchlich: Knecht von Geld und Zahl.

(1)
Demokratie!? (26/60)/Sonett (26)

Ich werd für dumm verkauft, zumal betrogen;
man lügt mir unverfroren ins Gesicht;
versucht, mir das und jenes anzudrehen,
mich gar gesinnungseitel zu erpressen;
werd finanziell zumal auch ausgesogen,
auf dass erstrahle deutsches Tugendlicht;
soll gar als gut und weltoffen mich sehen …
Obwohl absurd sind unsre Selbstlob-Messen.

Demokratie sei doch human und hehr:
Sie sei des Wohlstands Exzellenz-Grundlage.
So sagten’s neulich drei Nobelpreisträger …
Gestützt auf dieses Ich-Anbeter-Heer
gelernter Kunden unter Lustzwang-Plage
als Machtwerkzeug für Privilegien-Jäger?

*

(2) 
Demokratie als asketische Wesens-Überschreitung 
(26/61)/Sonett (27)

Demokratie? Die ist Elite-Sache,
basiert auf Fakten-Sinn und auf Askese,
auf Selbstaufopferungsbereitschaft gar,
auf Redlichkeit, Geist und Gewissensstärke.
Demokratie ist keine Phrasen-Lache,
fußt auf der Einsicht: Mensch und Seelengröße,
Ehrfurcht, ja Scham ergeben nie ein Paar …
Sind wir nichts weiter doch als Teilchen-Zwerge.

Und wenn? Wie soll sie so dann standhaft werden,
da Wohlstand sie doch unterspülen muss,
indem er zwingt, sich profaniert zu erden
in faktisch asozialem Selbst-Genuss.
Und der wird dann das Ganze stumm gefährden:
Als anonymer Existenz-Verdruss.

*

(3) 
Die sich an die Macht verlieren, so sich zu gewinnen glauben (26/62)/Sonett (28)

Demokratie wird immer Stückwerk bleiben:
Ein Machwerk ziemlich fauler Kompromisse,
Gesinnungs-Fratze biedrer Seelenrisse …
die fordern dann, sich Machtsucht zu verschreiben.
So dass so manche von uns ichschwach treiben
durch ihrer Mittelmäßigkeiten Bisse
und ihres Daseins rinnsalschwache Flüsse;
gezwungen so, Ersatz sich aufzureiben.

Und dann: Wer will schon über sich nachdenken?
Das wäre psychisch doch zumal riskant.
Er dürfte nämlich finden manche Senken.
So die, dass er sich selber hat verkannt,
zeigt Eigenschaften, die sehr tief ihn kränken:
Narzissmus-Wunden ohne Geist genannt.

*
(4)
Demokratische Selbstentmächtigungs-Amateure (26/63)/Sonett (29)

Oft sind es Demokraten, die sie runter bringen,
die Volksherrschaft, die sie mit leeren Formeln loben,
rhetorisch arm: geschwätzeskundig abgehoben
von Wirklichkeiten, die, komplex, zum Denken zwingen …
Die nur mal dilettantisch hin und her geschoben,
komplexer werden und dann gar nicht mehr gelingen,
um sich danach erneut nur wieder aufzuschwingen,
sich selbst zu feiern: Weise, die ein Chaos woben.

Es sind ja in der Tat nur ziemlich biedre Leute,
oft hochgekommen in den Klüngeln der Parteien,
die sich da selber machen zur Verachtungs-Beute,
indem sie gegenseitig sich blasiert bespeien -
und grade so sich zeigen als die Machtsucht-Räude
von geistig toten: ichverstrickten Daseins-Laien.

(5)
Demokratie-Verlust als Selbstverlust/Andeutungen (26/64)/Sonett (30)

Und nunmehr gilt es, deutlich klar zu machen:
Wenn wir die Volksherrschaft verlieren sollten,
dann würden wir den Höchstpreis müssen zahlen:
Verlust von Geist als Selbstbewahrungsmacht,
Alleinverfügung über Leib und Sachen,
der Freiheit ... ohne die wir alle grollten.
Wir würden müssen Fremder Lügen mahlen.
Vielleicht im Dunkel einer Zellen-Nacht.
Demokratie ist Selbstschutzgarantie,
ist es moralisch, rechtlich, kulturell,
Geschenk zu atmen ohne Nacken-Knie …
Erlaubt, sich selbst zu sein ein Werte-Quell,
zu übersteigen sich als Was und Wie …
Vollendungschance für Affen ohne Fell.

Selbstverlust und Entwirklichung (26/65)/Sonett* (31)

Es ist ein Ratio-Zwang, dem ich verschwebe
in dieser anonymen Diktatur
des Nihilismus planer Reizzufuhr,
zerstörend jede Form von Daseins-Strebe.
Was ich als zwingenden Prozess erlebe
vereinzelnder Entwirklichungs-Tortur:
Ich treibe hin auf einer Einheits-Spur
in bodenlosem Einsamkeits-Gewebe.

Indes: Wenn jene* gilt, gilt gar nichts mehr;
ist faktisch aufgehoben die Moral,
bleibt subjektiv abstrakt und geistig leer,
wird zur Funktion von Technik und von Zahl,
entfaltend aggressiven Ich-Verzehr:
Man wird als Markt-Reflex sich Knecht und Gral.

*meint: jene anonyme Diktatur/Zeile 2 und 3

*Sonett (26/66) steht n i c h t im Widerspruch zu Sonett (26/67)

Es gilt streng zu unterscheiden zwischen
(a) dem, was objektiv der Fall ist
(b) und der unvermeidlichen Überschreitung des Faktischen mittels Bedarfsfiktionen = Werten, Idealen, Wirklichkeitsinterpretationen, Lebensbewältigungs- und Überlebens-strategien, die "gehirnstrategisch" konzipiert werden und uns selbst als unser "freier Wille" erscheinen, tatsächlich aber der intellektuelle Ausdruck heteronomer (unfreier, fremdbestimmter) Fakten-Zwänge (die, drastisch bedrückend, Hoffnungen, Wünsche, Erwartungen, Illusionen, Träume, Faszinationen usw. aus sich hervor treiben, die sämtlich verfehlt werden müssen).

Es gilt nämlich ausnahmslos:
Der Mensch ist notwendig wert- und idealbedürftig, aber auch notwendig unfähig, Werte und Ideale in gesellschaftliche Wirklichkeit zu übersetzen - es sei denn mit "revolutionärer" Gewalt, die dann in Despotismus, Barbarei, Geheimdienstzellen usw. usw. enden m u s s.

Und was ist das "Ideal" der westlichen Demokratien? - Es ist ein nichtideelles, nicht hochmoralisches, schon gar nicht metaphysisches oder geistiges, nicht utopisches, nicht politisches, nicht kulturelles Ideal, nein: ein profanes, sich zusammensetzend aus Freiheit und Wohlstand (die sich freilich nur ideologisch, nie faktisch vereinbaren lassen - "Freiheit" als "Wohlstands-Tochter" meint immer: Subjektvistisches Laisser-faire mit dem Ziel, sich ungestört "ausleben" zu dürfen; insbesondere hedonistisch-eudämonistisch: "fun-hörig"; indes ist ein solches Sich-Ausleben keine Freiheit - die ohne Formen des Selbstzwanges: eines Selbstzwanges aus Einsicht(!), nicht als ein überhaupt mögliches freies Wollen(!) als Autonomie, Selbstbestimmung, Wahlfreiheit usw., eines vernünftigen Wesens, ein Wollen, das ist neurobiologisch-teilchenphysikalisch ein Grundfaktum unserer Existenz, nie frei sein kann - gar nicht denkbar ist). Und dieser Freiheit-Wohlstands-Komplex knüpft an an die menschliche Pleonexie, kann also allgemein akzeptiert, mit demokratischen Werten (die von jenem Wohlstand freilich auf Dauer - wiederum notwendig - ausgehöhlt und dann immer mehr verfehlt werden) in Einklang gebracht werden, ja: sogar als sinnträchtiger Lebenszweck- bzw. Vollzug propagiert, empfunden und fraglos verfolgt werden.
Der Kapitalismus (er sei dafür gelobt und gewürdigt!) schafft es - er allein! -, die menschliche Pleonexie* nicht nur perfekt zu bedienen und zu befriedigen, sondern sie darüber hinaus auch noch als (gar: grenzenlose!) Freiheit im Bewusstsein der Menschen (Verbraucher) zu verankern. Der Kapitalismus nimmt den Menschen so wie er ist - er ist Pleonexie* -, nicht wie er sein sollte (beziehungsweise an sich - angeblich - sein könnte: nämlich - nach vollständig überwundener Entfremdung - von Natur aus gut, gütig, solidarisch usw. und von Natur aus stets das moralisch Richtige tuend ... so sieht/nimmt ihn, den Menschen, Karl Marx - was eine Utopie ist); und mit diesem Pfund kann der Kapitalismus wuchern bis in die Zeiten, in denen es den "Lustpflegern" (Ausdruck von Gottfried Benn) dämmert, dass das Lebens- und Sinn-Ziel Fun/Laisser-faire-Freiheit als Konsum/ Wohlleben sie in Drogenabhängkeit, innere Leere, Wirklichkeits- und Selbst-Verluste, psychische Probleme, Einsamkeit, diffuse Hilflosigkeit, Verlassenheitsängste, Existenzschauspielerei usw. usw. treiben kann (ich, Sa., sage: muss).

In diesem Sinne ist - trotz aller Einwände - der Kapitalismus ein System der Menschlichkeit, denn er, das ist das Entscheidende, nimmt den Menschen wie er notwendig (der Mensch hat sich so nicht selbst gewollt: Er hat keine Schuld an sich) als gegebener, seinem Wesen nach, ist: ich-/selbstsüchtig, moralisch in der Regel nicht gut, potentielle Beute seiner Artgenossen (politisch, ökonomisch, sozial, sexuell usw.), oft Angst- und Hilflosigkeits-Träger, innerer Schwäche ausgeliefert, Desorientierung, Leitungsbedürftigkeit, allerlei Formen menschlicher Schäbigkeit ausgesetzt (z. B. Affekten wie Neid, Wut, Hass usw. usw.)

*Pleonexie, griech.: Ich-, Hab-, Macht- und Genuss-Sucht (so, korrekt, Arnold Gehlen) 

Dann aber bleibt am Ende nur ER (Gott). Indes: Man kann nicht glauben w o l l e n:

ER IV (26/68)/Sonett (32)

Entlastungsträumerische Geist-Schimäre,
menschlicher Rationalität entzogen.
Ein All-Sein fiktionaler Gottes-Drogen:
Uns Großhirn-Knechten eine Glaubens-Fähre.
Uns zu befreien von der Affen-Schwäre,
von der wir, Stoffsucht, werden aufgesogen:
Von Formeln, Technik und von Fortschritts-Wogen ...
Zumal getrieben von der Sapiens*-Märe.

Indes in IHM wir dürften überschreiten
uns selbst als lebenslange Zeit-Flüchtlinge,
als atomare Gier- und Machtdruck-Heiden ...
Entrückt uns selbst als Teil der andern Sachen.
So dass wir nicht uns würden selbst entgleiten ...
in Hybris- Schein- und in Verblendungs-Lachen.

*Homo sapiens ... Indes: vernünftig, gar weise zu sein 
(Weisheit: lat.: sapientia), kommt uns eher selten zu - wenn denn überhaupt.

Klarstellung IX (26/69)/Sonett (33)

Nicht dass ich damit Auszeichnung verbunden hätte,
das Geistige zum höchsten Gut mir zu erheben.
Zumal primär es ist genetisch vorgegeben:
Geschenk nur, Zufall, der erlaubt, dass man sich bette
in seiner Muttersprache als der Seelenstätte,
in der sich dann, Gedichte schaffend, abzuheben
von diesem kreatürlich-triebhaft dunklen Streben,
nichts weiter doch als fremdbestimmt-prekäre Wette.

Muss es doch sein ein Selbstentmächtigungsprozess,
Verblendungsdrangsal ausgesetzt in Triebdiktaten:
Ein lebenslanges sich Verfügen dem Exzess
von niemals auszudeutenden Bewustsseinsschwaden:
wie Gelten, Haben, Macht, sich Selbst als Kult-Ivresse,
verhehlend unsres Daseins kindische Tiraden.

Bis zum bitteren Ende (26/70)/Sonett (34)

Die subjektiven Innenwelten kollabieren:
zerfallen psychisch, ethisch, intellektuell,
verkommen offenkundig sprachlich-kulturell,
verführt, Erregungsdiktatur sich zu verlieren.
So dass sie nach Entlastungs-Emotionen gieren
und sich erfahren gleichsam mystisch-rituell …
Als Unpersonen: Star-Abklatsch und Umsatz-Quell,
was sie als zeitgeistcoole Selbsterhöhung spüren.

Die Wohlstands-Ideologie* muss darauf bauen,
dass ihr System die Menschen sich zu Knechten macht:
sie nie auf sich als kluge Einsichtsträger schauen,
sich vielmehr überlassen jener** Pseudo-Pracht***,
auf die als Sinn- und Glücks-Garantin sie vertrauen …
Doch von Natur aus schon bestimmt zur Daseins-Schlacht.

*Was mitnichten andeuten soll, ich wolle die bestehende demokratisch verfasste Wohlstandsgesellschaft abschaffen, um sie durch (was? - ich sehe keine ernst zu nehmende Alternative) zu ersetzen. Im Gegenteil: diese Gesellschaft sollte so lange aufrecht erhalten werden, so lange das noch (ökologisch, politisch, ethisch, wirtschaftlich und kulturell) möglich ist; denn: Es ist subjektiv immer noch einfacher zu ertragen (falls es überhaupt bemerkt wird), dass man sich selbst um seine Freiheit bringt - freilich eine vermeintliche: Der menschliche Wille ist nicht frei; so, korrekt, die Neurobiologie … Indes, ich leugne es nicht, dass die Illusion, frei zu sein, sehr wohl - als Entlastungs-Mär - helfen mag, sein Leben halbwegs erträglich zu meistern - als einzusehen, dass sie einem objektiv (politisch, sozial, ökonomisch, existenziell) benommen wird.

**jener = Wohlstands-Ideologie, die Haben und Gelten/Prestige/Anerkennung als Sinngebungsfaktoren propagieren muss, obwohl diese gerade umgekehrt notwendig in Atheismus, Nihilismus, Hedonismus, Materialismus und Infantilismus führen müssen, einhergehend mit einem weitgehenden sittlichen Verfall (Korruption, Ausbeutung, Verbrechertum usw. usw.)

***Pseudo-Pracht (rein konsumtive): die einer beliebigen, typisch westlichen Wohlstandgesellschaft. Eine solche wird sich als demokratische auf Dauer wohl nicht mehr halten lassen: Es werden den aus sich selbst entlassenen und zugleich auf sich selbst zurückgeworfenen, halbgebildeten, infantilen und ichsiechen, also tendenziell asozialen Individuen die einsichtsasketischen Selbstkräfte: Selbstzurücknahmefähigkeit, Sachlichkeit, Verantwortungsbereitschaft und -fähigkeit, kurzum: Wirklichkeitssinn und Fakten-Verständnis mehr oder weniger abgehen.
In diesem Zusammenhang nicht zu vergessen: Der wohl unaufhaltsame schleichende Verfall der Schlüssel-Institutionen: Staat, Recht, Ehe, Familie, Schule, Kirche usw.: Die sich ihrer eigenen Selbstzerstörungskräfte nicht bewusste Gesellschaft propagiert im Grunde das absolute Individuum (das sozusagen all-autonome "selbstbestimmungstotalitäre", das indes gesellschaftlich gar nicht überlebensfähig ist/wäre)

Ausnahmslose Heteronomie (26/71)Sonett (35)

Was habe ich aus Not doch schon gelogen!
So etwa, um vor andern mich zu schützen.
Mich immer wieder selbst auch mal verbogen;
sei’s meinem Ruf, sei’s auch nur Schein zu nützen.
Es ging um Abwehr fremder Psychen-Drogen
wie Anerkennung oder Selbstwertstützen:
Wie oft wird man von Lügen aufgesogen,
Polit-Gerede und von Elends-Skizzen.

Doch Würde, Selbstwert, Freiheit, Seelenweite,
die gibt’s nicht mehr: es fehlen Maß und Mitte.
Heißt: Jeder schaut, dass möglichst vorn er schreite,
er richte auf sich selbst all seine Schritte.
Dabei dem Zeitgeist leistend alle Eide;
auf dass er keine Selbsteinsicht erleide.

Bis 2049 Realität geworden? (26/72)/Sonett (36)

Sie wollen vorne sein; sie wollen‘s unbedingt:
wollen den ersten Platz* in dieser Welt einnehmen.
Vor allem auch den Westen unbedingt beschämen.
Sind überzeugt, dass ihnen das schon jetzt gelingt.
Und in der Tat: Der Stern des Westens sinkt.
Auch weil er Werte hochhält, die ihn drastisch lähmen,
in Dekadenz ihn treiben, Lebenslügen-Schemen,
die machen, dass - moralkorrupt - er dann ertrinkt.

Wenn eine wirtschaftlich solide Tyrannei
Demokratie angreifen und vernichten will
zumal wenn diese dekadent ist: pseudofrei,
zumal auch glaubt, dass sie der Hort von Würde sei,
dann wird sie untergehn, wird müssen sklavisch still
sich beugen müssen Drachen-Macht und Rache-Drill.

*Das will die Einheits-Partei Chinas … systemisch, wirtschaftlich, naturwissenschaftlich, technologisch, kulturell, sportlich usw. vorne sein. Ob’s gelingt, sei dahingestellt: Mit den traditionellen chinesischen Werten: ja; mit den immer mehr westlichen Werten der heutigen Generation der jungen Chinesen: eher nein: Der (freilich noch nicht vollendete) selbstbestimmungstotalitäre „Subjektivismus“ der Generation der jungen Chinesen ist offenkundig

Allgemeiner Niedergang. Schuldlos (26/73)/Sonett (37)

In einem umsatzheilig-trickreich infantilen,
erlebniszentrisch ausgelegten Traum-Gemenge
von Selbstbetrugs-, Entlastungs- und Empörungs-Spielen,
ersetzt man Fakten immer mehr durch Wortgepränge.

Und so tun’s die auch, die auf Macht und Ämter zielen:
Dass sie zu diesen nichts als ihr Gewissen dränge,
von Sachlichkeit getrieben und von Ehrgefühlen …
Und nicht, wie’s scheint, von Korruption und Schein-Gepränge.

Verantwortungsbereitschaft? Sie ist längst verfallen:
Das Ganze ist von Niedergangs-Geruch durchdrungen:
Hier wird um Tugend- und Polit-Magie gerungen.
Dort um die Kunden-Mystik schierer Markt-Vasallen.
Auf beiden Seiten Ich- und Mammon-Sucht gedungen.
Heißt: Schuldlos ausgeliefert seinen Wesens-Fallen.

Kapitalismus (26/74)/Sonett (38)

Man zehrt als Kunde permanent von Phrasen,
kennt kaum noch Fakten; schert sich nicht um tiefes Wissen.
Man ruht sich lieber aus auf seinen Wohlstandskissen
und überlässt sich Spaß als Emotionenblasen.
Es geht ums Existieren in den Freizeit-Phasen;
und die sind medienanalytisch scharf umrissen:
So wird man angeleitet, jederzeit beflissen
zu frönen Rauschkonsum als Selbstentfremdungs-Rasen.

Denn grad entmündigt lebt es sich doch weitaus besser:
Als Rock-Musik-, Reklame- und als Hype-Banause
in jener Hedonisten- und Entlastungs-Klause
des Kapitals und seiner Warenausstoß-Sause,
erlösend einen - noch durch Tee und Achselwässer -
auch davon, dass man sei im eignen Hirn zuhause.

Moraleitle deutsche Selbsthass-Arroganz (26/75)

Ohne Stolz und ohne Geist,
ohne Selbstdistanz und Würde,
faktenfeindlich sich entgleist,
ist man selbst sich nunmehr Hürde ...
Die historisch ja schon immer.
Wohlstandssiech jetzt, wertkorrupt,
tugendkrank sich selbst entlaufen,
hat man sich für sich entpuppt
als die Kraft, sich zu erlösen …
Stoßgebet von Phrasen-Haufen,
die entlastungssüchtig machen,
eitel, schwach, bedingungslos,
um in Ohnmacht zu verflachen,
Selbstausbeutung kostend aus,
lechzend nach dem Siegerstrauß
sprießend in den seichten Lachen
ethischer Verblendungsschimmer …
immer kränker, stummer, dümmer.
Das ist deutsche Seelen-Schicht:
Selbsthasslüstern-ideell,
zeigt sie trance-high dies Gesicht:
bodenlos, phantastisch-grell,
von sich weisend Wirklichkeiten,
da Moral allein sei groß.
Dekadenz sich so zu weiten,
nestelnd an des Guten Schlaufen …
So dass fremder Macht Gewicht
könnte einst sie nieder raufen:
zeigen sie als Wesens-Bürde …
dienend dann vielleicht dem Drachen.
Oder Russen-Psychen-Gaus.

Geistige Stundung (26/76)

Zufalls-Dasein zwischen Nichts und Nichts.
das wird’s sein gewesen;
Selbstkult eines Ich-Gewichts,
Weltzuständen abgelesen.
Trance und Leeren sich zu deuten;
stumpfer Psychen Drangsal-Wallen:
schierem selber sich Vergeuden
Ratio-, Trieb-, Bedürfnis-Kralle.

Dennoch kann’s in manchen Stunden
bis in seinen Kern gelingen:
Wenn man geistig sie darf stunden,
diese atomaren Zwingen:
Dieses Radikal-Geschehen
ohne Zwecke, Ziele, Sinn,
dem wir permanent verwehen
als verfallendes 'Ich bin'.*

*Variante der letzten Zeile: "Staubkommando gehend einsam hin“

Abwärts (26/77)

Dass es
abwärts geht
mit mir,
spüre ich
ja alle Tage:
geistig, physisch ...
wie auch immer.
Ich verfalle.
Ohne Frage.
Ausgeliefert
Tier-Gewimmer ...
Drang und Zufall
hin gesät.

Kern-Pessimismus (26/78)

Arroganz und Unvermögen,
kulturelle Ärmlichkeit,
Bildungs- und Charakter-Mängel,
sprachliche Verwahrlosung,
machtdiktiertes Schund-Gewissen,
Mimen einer Seicht-Komödie
als Parteienphrasenposse.

Hätte früher nie gedacht,
einmal so mich auszulassen;
es zu müssen, will ich sagen,
treffend in der Lagen Mitte,
hoffnungslos und seelenkalt.
Wünschend freilich diesem Volk,
diesem mit sich selbst geschlagnen,
einst zurückzufinden zu sich selbst ...

Falls es denn ein Selbst je hatte,
was ich doch bezweifeln möchte,
wertend seine Barbarei,
und dann seine Waren-Gier,
spürend seinen Selbsthass-Kult,
seine Tugend-Masochismus auch …
seine Ichsucht-Amoral:
Schäbig und charakterlos.

 

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