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Ohne Schönfärberei (24/1)

Mal ungeschminkt gesagt. Ganz offen:
Wir fronen einer Technodiktatur
als Wirklichkeits-: Identitäts-Fraktur.
Was auch doch heißt, es gibt nicht viel zu hoffen,
dass immer das so weiter gehe:
Dass Wohlstand süße uns die Daseins-Tücken:
Dass wir uns würden eher glücken,
weil uns das Sein als Freudekonzentrat geschehe.

Das Ganze scheint dem Untergang geweiht;
reißt sich wohl selber ins Verderben.
Weil’s schafft aus sich heraus dies neue Leid:
Dass wir statt Fakten nur noch Kunstwelt-Scherben 
als Selbstverluste greifen in Verfahrens-Lagen.

Doch wär das kein moralisches Versagen.
Viel eher Schicksalsrationalität.
Wir sind gemacht, uns über uns hinauszutragen:
Sind jener hilflos hingesät.

Sturheit, destruktive II (24/2)/Sonett

Ich bleib dabei: Ich will mich selbst gestalten;
zumindest geistig; andres zählt mir kaum.
Wahrscheinlich weil ich weiß, es bleibt ein Traum,
gesellschaftlich sich als Person zu halten:
Das ist unmöglich in so einer kalten
Erlebniswelt, die letztlich nichts als Schaum:
Betrug sein muss in einem Formel-Raum,
in dem sich jeder wälzt auf Kunstwelt-Halden.

Doch diese Sturheit läuft doch auch ins Leere:
Dass ich gestalten könne mich, ist Lüge.
Das heißt ich leugne meine Ich-Misere,
weil sonst ich schlicht nicht mehr die Kurve kriege,
verliere meine Selbstachtung, zerstöre
den Glauben, dass ich geistig mir genüge.

Gesellschaftlich ohnmächtiger Spielball (24/3)

Als Bürger ständig angegangen
von Propaganda, Finten, Tricksereien,
medial von undurchsichtigen Global-Belangen,
gehöre ich zu den Lakaien,
die in sich nicht mehr ruhen können;
doch dauernd heimgesucht von Emotionen,
die ihnen nicht mal eine Pause gönnen,
sich selbst gehörend einzuwohnen.

Man will nach Strich und Faden aus mich beuten;
verleitet mich, verkauft mich auch für dumm,
will mir sogar mein Selbst ausdeuten,
damit ich bleibe einsichtsstumm.
Und bin ich ehrlich: Ich hab’s satt,
Gewissenlosen Mammonquell zu sein.
Und denke oft: Wer da noch Hoffnung hat,
ist schlicht ein Opfer von gezieltem Schein.

Zeitlose Stunde/Für niemanden im Besonderen (24/4)

Leicht, wie sich Lider senken,
ritzt uns die Stunde.
Und du,
du hebst sie hinaus aus der Zeit.
Und schläfst dann bei mir im Gedicht.

So meiden wir
aller Bedrückungen Runde:
Es ist deiner Häute Magie,
die sie bricht
und richten auch mir sie zugrunde …

Sich meiner Sehnsucht
als Heimstatt zu schenken.

Nebenbei bemerkt III (24/5)

Sinnkahl trickreich - irgendwie;
Hochamt von Gebarme
simpler Hülsenwort-Magie:
Clownerie im Phrasenschwarme.
Hör dir mal die Macher an:
Mittelmaß-Narzissten.
Multideutig Frau wie Mann:
Leerwort-Spezialisten.
Wo indes soll das noch enden?
Nun: Im Chaos. So sieht‘s aus.
Müssen die sich doch verschwenden:
Diener von Applaus.

Radikale Wahrheit (24/6)/Für Demokrit von Abdera*/Für Verehrte

Entkommen wird man sich
als Dranggefüge nicht.
Sich selbst als dieses nur gegeben.
Kann’s indes sein,
dass man erkennt sich im Gedicht,
in deutendem Bestreben?
Indem man Geist versucht zu fassen,
des Daseins Rätsel aufzulösen;
sich selbst ausdeutend,
nicht nur zu verblassen
zu atomaren Größen?

Nun ja. Nur diese sind real. Nichts weiter.
Und auch der Geist ruht ihnen auf.
Auch ihm sind Stoffe die komplexe Leiter
zu Sein, Funktion, Vollzug und Richtungslauf.
Selbst im Gedicht vollzieht man daher Hyle-Lose.
Genetisch höchstens Individuum.
Ist so nichts weiter als nur bloße
Fiktion von Freiheit. Deutungsstumm.

*Demokrit von Abdera, griech. Philosoph,
Begründer (zusammen mit Leukipp?) des Atomismus,
ca. 460 - 370 v. Chr.

Menschlichkeit (24/7)

Für mich war alles zweiter Hand.
In meinem ganzen Leben war das so.
Ob Körper, Seelen oder Tugend-Tand.
Nicht selten schmerzlich roh.

Ich hab mich damit abgefunden.
Doch selbst mir Beute-Exemplar.
Tief innen übersät mit vieler Stunden
Verletzungsspuren, jeder Richtung bar.

Und daraus habe ich den Schluss gezogen,
dass Menschlichkeit nur eine Phrase ist.
Doch die hab ich mir hingebogen
als Selbstbetrugsentlastungslist.

Die man doch braucht als Lebenslüge.
Man hielte sonst es gar nicht aus,
dies kümmerliche Gramgefüge
von Daseinsbrüchen als verwelkter Strauß.

Viel lieber (24/8)

Diese mich so drastisch
ermüdenden Ansprüche
der Artgenossen.
Diese tyrannische
Kreatürlichkeit,
die wir alle doch
so ausweglos sind.
Heute Abend etwa
wird meine Geliebte
mich besuchen.
Sie wird mir auch,
orgasmusgierig,
ihren Körper überlassen,
dieses von Lustnischen
übersäte Stoffgebilde …
begehrenswert, kommandierend,
bannend und reizprall.
Und er wird mich verführen, 
dieser Körper, so wie immer.
Unfehlbar.
ich werde ihm
keinen Widerstand
entgegensetzen können,
werde ihn,
ihm verfallen,
konsumieren wollen.

Obwohl ich doch eigentlich
viel lieber für mich wäre.
Viel lieber,
meinen Stillen verschrieben,
in die Dunkelheit hinausstarrte,
um mich,
dem asozial murmelnden Stumpfsinn
meiner Nachtsehnsucht
fühllos zur Beute,
dem tonlosen Plätschern der Zeit,
dufern entzückt,
todessüchtig zu überlassen.

Geistspuren (24/9)

Ich wüsste nichts,
was nicht versunken,
anheimgefallen wäre
seiner Nichtigkeit …

Ob Lust, Erfolg,
ob Macht, ob Ehre.
Was immer sonst
sei drangsaltrunken.

Verkommen Schicksal,
Zufall oder Zeit …
Mag sein noch Rest-Qual
eines Spätgedichts.

Der Verfall der Innenwelten (24/10)

Dass da noch irgendwas Bedeutung hätte,
erstrebenswert, erfüllend, sinnhaft wäre,
in diesem Dasein der geplanten Selbstverzichte:
Nichts weiter mehr als nur Erlebniskette:
Gefühlsramsch ohne Seelenschwere,
auf dass man sich nicht selbst gewichte,
verfügt doch letztlich einer Leere,
der niemand mehr entrinnen kann:
Ein außenprovozierter Daseinsbann,
der nunmehr wohl zu Ende geht …,

das zu behaupten fiele mir nicht ein.
Zumal ein Menschentyp da vor mir steht,
der, wohlstandshörig, ist allein,
ist asozial, narzisstisch sich verweht,
ausdeutend so sich selbst als Schein.

Ihm fehlt die Kraft zumal,
sich selbst zu transzendieren;
doch ganz basal
sich selbst benommenes Lavieren.

Die Bonner Republik (24/11)

Ich hab die Bonner Republik geliebt,
die DM, die doch letztlich für sie stand.
Ich liebte dieses tauschbesessne Land,
wo alle gierten marktstramm ungetrübt.
Ich wusste, dass man oben rafft und schiebt,
dass man da Macht missbraucht, hält auf die Hand
und sich so rechtlich oft bewegt am Rand
und jenseits seiner noch sich Ehre siebt.

Mir war seit Jugendtagen freilich klar:
Wenn man’s genau nimmt, hat man schon verloren.
Es braucht nun einmal - nicht nur im Talar -
viel Illusionen, Lügen, Tugend-Foren,
um Fakten auszublenden; das ist klar.
Sind wir doch alle uns als Trance verschworen.

Im Büro (24/12)/Sonett

Fast rein mechanisch spule ich mich ab
und wiederhole Tag für Tag das Gleiche:
Zunächst am Morgen die gewohnte Fahrt
bürowärts vor PC und Telefon.
Dort herrscht mal Sachlichkeit, mal öder Trab.
Oft geht’s nur darum, dass man steuernd eiche
das Umgangsklima auf entspannt und smart:
Dann spiele die Vernunft ich in Person.

Klar ist: Das schafft mir meine Subsistenz:
soziale Sicherheit und guten Schlaf.
Auch etwas Anerkennung, diesen Kitt,
der Innenwelten flutet mit Essenz.
Und dass mich stört da mancher Paragraph:
Das trage ich aus Ichsucht einfach mit.

Deutschland (vor 2004) (24/13)/Sonett

Von innen raus bin ich so deprimierend müde.
Kein Wunder, denn es widert mich so vieles an
in diesem Deutschland, das, scheint’s, perspektivenlos
in seiner Selbstgefälligkeit beharren will.
Als ob sein Taumeln ihm allein Entlastung biete!
Nun ja, ich frage mich, was dieses Land noch kann.
Man riecht den Niedergang - er liegt ja förmlich bloß -
und auch die Impotenz in Zwecken, die so still
moralische Verwirrung schafft - des Landes Erbe.
Jedoch ich zweifle, dass es all das drängend spürt:
Erpicht wie’s ist auf Freizeit, Urlaub und das derbe
Vergnügungspotential, das es ins Träumen führt.
Das Land entgleitet mir und zwischen uns wächst Fremde.
Mir ist, als ob ich eine tote Mutter kämmte.

Erinnerungen an eine Tote/
Für die Königsbergerin (24/14)

Das hab ich nur für dich gemacht.
Wenngleich auch da galt: do ut des.
Du hast mich mir mal nah gebracht
in einem Rausch versöhnten Schnees,
in kindischem vor trübem Morgengrauen.

Indes es blieb nicht bei dem einen.
Du wolltest Gegenleeren aus mir bauen.
Als hätte ich mich können selbst verneinen.
So sinnlos alles. Fort. Du bist nicht mehr.

Und doch: In seltnen Augenblicken
seh ich dein Bild in jenem Lethe-Meer
mir als ein Schneerausch in Bedauern glücken.

Allerweltswahrheit (24/15)

Haste was, dann biste was,
giltste was, dann darfste was;
so war’s immer, wie man hört.
Einer säuft aus einem Fass,
während andre Durst zerstört.
Gründe? Nun die bleiben blass.
Is halt so. Auch weil’s betört:
Affen Selbstwertgeltung mehrt.

Unwiederbringlich II/
Für die Königsbergerin (24/16)

Dass du da draußen
auf dem Friedhof liegst
als feuchte Asche,
die indes nicht friert,
das ist absurd,
zutiefst absurd,
du wunderschön
gewesnes Körperding,
das nächtens
durch den kalten Schnee
mir Paradiese schleppte
vors frigide Ich.

Selbstabstellen (24/17)

Ich saufe mich
aus diesem Schund heraus.
Ich brauche das,
um psychisch zu bestehen.
Denn permanent gibt es
medial Applaus
für’s Mittelmaß
und sein absurdes Krähen
in seine Kunstwelt
ohne Wirklichkeitssubstanz,
die es fixiert
auf seinen Starkulthöhen.
Wo es sich onaniert
als Sinnpopanz
und feiern lässt
als kundiges Verstehen.

Allein I (24/18)

Ich bin allein.
Ich war das immer.
Wahrscheinlich auch,
weil ich verstand,
dass anders doch
es kann nicht sein:
Man ist sich
- unbegriffen -
fremder Schimmer,
den Lagen drastisch,
niemals sich zu Hand …
Behelfs-Sinn scharrend
aus gekauftem Schein …
Und überhaupt
sozial verschliffen.

Ein alter Mann (24/19)

Ich habe mir einen Leberkäswecken gekauft.
Ich habe mich auf eine Holzbank gesetzt.
Ich sitze oft auf dieser Großkaufhausbank.
Ich beobachte die Leute, die vorübergehen.
Alle hasten achtlos hektisch an mir vorüber.
Von ihrer kleinen Welt in Beschlag genommen.
Ich spüre indes die Morosität mancher dieser Leute,
ihren Stumpfsinn, ihre innere Armut,
ihre selbstische Orientierungslosigkeit.
Ich fühle, dass sie unglücklich sind; lieblos auch.
Getrieben von einer befehlenden Ichsucht,
die sie keineswegs als außenprovozierte begreifen.
Ihrer ansichtig, läuft es mir kalt den Rücken runter:
Hollywoodisierte Innenwelten. Die von Fans eben,
den Imitatoren fremden Scheins.
Manchmal beschleicht mich die Ahnung, dass sie
die technologisch ihrer selbst benommenen Verfügungsmassen der Zukunft vorwegnehmen, 
unfähig, ihre Unterdrückten-Situation zu begreifen:
Selbstwertarme, Daueranome, Desorientierte,
Ohnmacht verfügte, Perspektivenlose; sozial gemaßregelte eben ...

Ich hoffe, ich phantasiere, erliege nur der Angstvision
eines alten, an die soziale Peripherie gedrängten Mannes, den, faktisch überflüssig geworden, Untergangsalpträume und senile Phantasmen heimsuchen, sei’s weil er einsam ist, sei’s weil er aus einer Welt kommt, die längst unterging, sei’s weil er seine Todesangst hilflos-böswillig objektiviert.

Notwendigkeit (24/20)

Schicksalsleere Lotterie:
Diese Farce, die Dasein heißt.
Zwischen Immer, Jetzt und Nie,
bis die Leere schmerzlich beißt.

Keiner sei getadelt drum,
greift er doch nicht, was ihn narrt.
Willenlos erträgt er stumm,
was ihn hilflos sich verscharrt.

Zeilen tränenloser Trauer,
Einsichtsfron, die deprimiert.
Um mich nur Monadenmauer,
einer Ich-Trance aufgeführt.

Trostfeuchten (24/21)

Schon wieder kamst du
um Liebe zu betteln.
Monoman erpicht
auf orgiastische
Selbstbestätigung einer
willenlos zu sich selbst
verdammten Marktmonade.
Derweil ich dich
auf die Kissen werfe,
Trostfeuchten
dir auszulutschen
und Samenabfuhren
in dir zu vollziehen,
nur um für ein paar Augenblicke
mir selber zu entrinnen.

Die große Fadheit (24/22)

Läge ich jetzt bei dir,
schösse eben
gedoppelte Einsamkeit
durch unsre infantilen
Schnäppchenjägerspielereien.
In unseren gierträchtigen 
Körpern wühlend,
wüssten wir beide doch
ganz genau,
dass auch orgiastisch
wir uns weit verfehlten,
der Großen Fadheit
hilflos ausgeliefert.

Selbstgefällige Faktenverkennung (24/23)/Sonett

Mein Dasein? Objektiv bedeutungslos.
Das muss so sein; und so sei’s abgetan.
Es gilt: In dieser Zeit ist gar nichts groß,
verfallen Reflexionsarmut und Wahn,
der sich als Wirklichkeitsverlust stellt bloß:
Erregungshysterie, die, allprofan,
auf Hedonismus abhebt: Spaß und Schoß.
Sich selbst negierend; ohne Halt und Bahn.

Tatsächlich sind das die Gegebenheiten.
In Deutschland exemplarisch zu besehen:
dem Land der Würde und der Tugendweiten:
Wo man erlebnisinfantil sich drehen,
indes politisch auch will ethisch weiten:
Erlösungsbrünstig will sich selbst begehen.

Gedicht/Für Chrisbe (24/24)/Sonett

Ich habe Stillen so geliebt. Ihr Wie.
War froh, die andern alle los zu sein.
Die doch nur Last sind, meistens auch gemein
und ohne diese Seelengröße, die
man haben muss, um diese Agonie
der Existenz als krudes Leih-Dasein
sich als Gehalt zu modeln im Verein
mit Menschen von verarmter Phantasie.

In deinem Körper war mir das egal.
Dies Stück Materie ließ alle Zweifel ruhn,
bot Rausch-Vergessen und war das Fanal,
mich willenlos durch Selbstbetrug zu trinken,
um dann, geruchsbetäubtes Stoffzwang-Mal,
luziden Stillen trancestumm zuzuwinken.

Prosafetzen (391) (24/25)

Aus dem graudunklen Abendregen heraus
drängen sich,
nur von meiner phantastischen
Sentimentalität aufrechterhalten,
die bewusstlosen Schatten derer,
die einmal geliebt zu haben
ich mir einrede,
wabern durch mich hindurch,
wieder in die Unräume,
die sie zeitlos einnahmen,
bevor sie der Zufall,
Fremdheit flaggend,
lallend mir
vor die Augen spülte.

Dorfschatten: Prosafetzen (390)/
Anlässlich einer Erinnerung an H. D. (24/26)

Der Dichter und Theatermacher Brecht soll ja,
habe ich gelesen,
an die Notwendigkeit
der sozialistischen Revolution,
die sanfte Gewalt der Vernunft
und das sichere Heraufkommen
einer neuen Zeit geglaubt haben.

Mir, einem halbgebildeten Kleinbürger
mit freilich erfahrungsgewieftem Realitätssinn,
ist es indes völlig unbegreiflich,
wie ein Intellektueller
an dergleichen Einbildungen
glauben kann;
mir, der ich mich doch nie
irgendwelchen Illusionen hingab,
was den historischen Adressaten
jener Emotionswolken betraf:
das Proletariat:

Dessen empirische Repräsentanten wollten,
dass ihre Nachkommen
ein besseres Leben hätten:
Nicht so viel schuften müssten,
sich in die Lage versetzt fänden,
sich ein besseres,
wirtschaftlich abgesichertes,
Dasein aufzubauen,
ohne all die bourgeoisen Aspirationen
vernunftidealistischer Intellektuellenarroganz,
Kulturdünkel, Selbstglorifizierungsanwandlungen
und Tugendidealen,
an die der Prolet, und das mit Recht,
nie zu glauben vermochte:
Seine Lebenserfahrungen
ziehen diese nämlich allzu oft der Lüge.

Bei der Gelegenheit mache ich
diese sentimental bedauernde,
naive Anmerkung :
Es ist für die gegenwärtige Gesellschaft
nicht gut,
dass das sogenannte Proletariat historisch verschwand
(ich weiß es sehr wohl: verschwinden musste)
denn seine Besten wussten noch,
was Ehre bedeutet,
Mindestanstand,
was Sache: Realität ist,
worum’s - immer - geht:
Jedenfalls nicht um linkisch-primitives Tugend-Unmaß,
nicht um inquisitorischen Bephrasungsterror,
nicht um die zwangsegalitär-abstrakte Würde des Menschen,
sondern: Um die dauermühsame Eingrenzung
der uns doch wesenstypischen Pleonexie,
der zu entgehen der Bourgeois übrigens
am allerwenigsten fähig war.

Na ja, ich will sie mir durchgehen lassen,
diese widerspruchsvolle Bemerkung;
zumal sie doch auch
mit einer traurigen Erinnerung verbunden ist,
einer lieben Erinnerung an H. D.,
der ein feiner, zurückhaltender, angenehmer
und sehr verlässlicher Mensch war.
Eben sozusagen ein Edel-Prolet.

Vom Schicksal verfügt (24/27)

Nichts,
was man hätte
mir schon anempfohlen,
mich körperlich zu optimieren.
Medikamente, Kuren,
Wunderwaren …
Behandlungsstrategien,
mir zu holen so
mehr Lebensglück,
mehr Lust
und mehr Zufriedenheit.
Selbst Therapien
gegen Seelenfrieren.
Doch all das bleibe mir
als Tand gestohlen.
Gibt’s doch nur eine Weise,
sich zu übersteigen
zu Glücken hin,
die niemals sich verlieren.
Weil sie rein geistig sind,
heißt: Schlechthin elitär.
So nichts zu schaffen haben
mit den hohlen
Versuchen zu verführen
zu technischen
Effektverfahren,
die lindern könnten
unser eitles Leid.
Das ist doch
marktlancierte Mär.
Den Kunden-Nihilismus,
der sich geldwert lohnt,
durch Werbung
ganz gezielt zu schüren.

Meiner Strophen Wie und Was (24/28)

Dass etwas bliebe,
glaub ich kaum.
Zu nüchtern sind sie,
schonungslos
und unverblümt.
Von meinen Strophen
red ich,
ohne Rührung
deutend Faktenraum.
Dabei nicht eine,
die was immer
rühmt:
Nicht Zeitgeist,
Kapital nicht,
nicht mal Tugend:
Verfallssymptome,
Arroganz und Hype;
ein spätglobaler Schaum,
Versagen ...
so wie es Frevelmut
und Macht geziemt.

Lebensklug (24/29)

Von Träumerei zu Träumerei …
Von Illusion zu Illusion …
Von Kick zu Kick …
Von Lust zu Lust …
Verdrängt man sich
im Werden schon
- sich high dann durchzuschlängeln
Zug um Zug -
dies spaßtotalitäre Einerlei,
das man goutiert als Zeitgeist-Klon:
Man nimmt sich
von sich selbst zurück,
lässt sich von Medien,
Waren und Effekten gängeln,
erlebnissüchtig sich
in Rausch zu betten,
versenkend sich
in Emotionen-Mohn …
Um sich an diese Welt
zu ketten:
An ihr Erlösungs-Einerlei
als Diesseits-Paradies
als Halt- und Zweck-
und Sinn-Verlies …
Sie ist das Dunkel,
ist das Licht,
sie ist das Wahre,
der Bezug
als Gleichungs- und
Verfahrens-Spuk …
sie ganz allein schafft
Körperseelenzufluchts-Stätten,
ist so das Heil
- ein andres gibt es nicht -
für einen, der, Erlebnis-Wicht,
dann ahnen mag,
dass es sei lebensklug,
sich hinzugeben ihr
als aller Fakten Stoff-Gewicht:
kommandorational und wesensschlicht …
als allgleich kalkulierter
stiller Schrei.

ER I (24/30)

Ob‘s ihn gebe oder nicht,
ist nicht mehr die Frage.
Gott ist tiefste Geistessicht
auf sonst deutungslose Lage:
zwecklos, Leid, bedürfnisschlicht.

Heute ist die Frage die:
könnten wir in ihm
noch leben,
gläubig seinem Licht
ergeben,
sind wir ohne Glaube doch:
Tiere,
die nach Diesseits streben,
allergeben dessen Joch …
Ohne irgend Seelen-Licht.

Dass wir’s könnten,
glaub ich nicht;
könnten’s nicht mal
wollen wollen.
Rationale ohne Sollen,
ohne jede Geistesschicht.
Leibpagan* sich untertan
und narzisstisch infantil.
Fasziniert von unsrer Bahn;
Mittel unsrem Großhirn-Spiel,
diesem Homo sapiens-Wahn:
wir bestimmten Sinn und Ziel,
seien mehr als Zufalls-Tollen,
kommandiert von Trieb und Zahl.

*pagan = heidnisch

Kapitalismus (24/31)

Die friedliche Variante
der schleichenden
Selbstzerstörung:
Durch die Überspezialisierung
was analytische und technische
Rationalität anbelangt.
Körperhörig,
genusstrunken,
phantasielos
Ein Mittelkosmos
ohne geistige Zwecke.

Bombastik der Adiaphora.
Animismus der Ware.
Metaphysik
der Anschubglücke.
Geplante Unzufriedenheit.
Gleichmacherische Trivialsprache.
Angenehm.
Kindisch.
Verantwortungslos.

               *

Ohne ihn freilich
wäre ich wahrscheinlich
Hilfsarbeiter 
in irgendeinem Unternehmen
in Frankenthal oder Ludwigshafen …
besäße ich keine 
nennenswerte Bildung,
söffe und grölte ich,
biederte mich anderen an,
unterwürfe mich ihnen -
notgedrungen …
Lebte dahin als verachteter
Unterschichten-Dumpfling,
wenn auch nicht,
Krankheiten hilflos ausgesetzt,
allzu lange.

                  *

Wir mögen uns abzwingen,
was auch immer -
und sei’s ein Diesseits-Paradies -
Büßen werden wir es müssen:
Uns selbst ausgeliefert:
unserer existenziellen
Wesens-Widersprüchlichkeit,
und unserer Materie-Verhaftetheit.

Geständnis II (24/32)

Hätte gern mich aufgeopfert
einer Daseins-Großaufgabe;
eingebracht mit allen Kräften:
ethischen und geistigen.

Faktentreu dabei geblieben,
Lasten anderer erwägend,
die zumal gekannt ich hätte,
schicksalshaft damit verbunden.

Hat indes nicht sollen sein.
Passt so nicht zum Selbst von heute.
Das entpflichtungslüstern ist,
ichschwach und gewissensarm.

Ein typisches Geistmenschenvorurteil (24/33)

Vereinzelung, Kalkül und Kälte.
Ein Schicksal dieser Technophilen.
Als ob man dann nur als authentisch gälte,
wenn man gewänne sich aus Zahlenspielen:
Aus Zeitgeist, Markttrance, Apparaten.
Geformt durch Ritualstrukturen
des Werdens seiner aus Computerdaten
als Selbstaufgabe in abstrakten Spuren ….

Doch das, das ist ein schlimmes Vorurteil. 
Das sollte offen ich als dies bekennen.
Wir können gar nicht anders: Technik feil
in dem uns auferlegten Großhirn-Rennen,
vor Jahrmillionen doch schon - anfangs - weil
biped* uns durften von Naturmacht trennen.

*biped: Auf zwei Beinen: aufrecht gehend, so dass die 
Hände befreit sind von Fortbewegungsaufgaben

Unterleibstheologie/Für Homo sapiens bambergensis (24/34)

Ich komme nicht
um dich herum.
Und weiß auch nicht,
warum ich's sollte.
Bist du mir doch
basales Gnadentum:
Momente-Transzendenz -
Genuss entrollte.

SMS (68)/Zufällig aus einer Papierhalde gezogen (24/35)

Erlebt, erfahren und erlitten.
Eines Lebens Resultat:
Ich-Verlust und Spaß inmitten
einer - rational und fad -
übermächtigenden Welt
ohne Maße, ohne Mitten,
ohne Halte, ohne Naht.
Abgestellt auf Drogen, Waren,
Selbstkonsum und Geld -
Stoffzufall,
nicht Geistestat,
gleichungsknechtisch
sich entglitten.

Selbstzerstörungsperspektiven (24/36)/Sonett/
Für Arnold Gehlen/Für Verehrte

Uns können doch nur Perspektiven tragen:
So etwa religiöse Illusionen;
indes auch weltanschaulich-kulturelle.
Zumal doch Fakten jedes Sinns entbehren:
Sie bleiben stumm vor allen jenen Fragen,
was hier mag Zweck ergeben, was sich lohnen
in dieser Kunstwelt als Verfahrenszelle,
dabei, uns nihilistisch zu verzehren …
Auf Technik angewiesen, umzuschaffen
all die uns bergenden Gegebenheiten,
auf die wir wären psychisch angewiesen,
uns nicht in Abstraktionsgewalt zu raffen,
in der uns selber dann auch zu entgleiten,
indem wir ratiodestruktiv formal zerfließen.

SMS (65) Begrifflos orgiastisches Existenzschauspielertum
(24/37) Zufällig aus einer Papierhalde gezogen 

Mediale Verkitschungs-Offensiven.
Enthemmungskakophonien*: popdionysische.
Rauschbegehrliche Körperlichkeit
tobt sich sollgeil erregungsempfänglich aus
im aufpeitschenden Sound
einer genau geplanten Kollektiv-Orgiastik:
Eine verzückungsprall-phantasielose Zirkusnummer
als aggressiv-erotische Selbstentfesselungsmotorik.

*Kakophonie: Missklang

SMS (66) Redliche Auskunft (24/38)
Zufällig aus einer Papierhalde gezogen 

Auch ich kann dir
nichts andres sagen.
Es ist so wie es ist:
Man muss alleine
meistern seine Lagen,
zumal alleine
sie auch tragen.
Obwohl man sie
sich hat nicht ausgesucht -
man kann ja nicht
sein Schicksal wählen.
Man ist zu diesem
sei’s verflucht,
sei es bestimmt,
es hinzunehmen.
Mag’s einen ehren
oder quälen,
man muss, noch mal,
sich ihm verzehren,
zumindest sich
ihm anbequemen:
Bis vor des Todes
Ich-Erlösungs-Leeren.

Innere Haltung (24/39)

Wenn schon meine
Innenweltstabilität kollabiert,
dann soll wenigstens
meine Krawatte sitzen.

Darauf lege ich Wert.

Paradoxerweise,
weil ich mir im Klaren
darüber bin,
dass alle wertorientierten
inneren Haltungen
gar nicht mehr durchhaltbar sind.
Kalkülen, Reizen, Effekten
gewichen.
Es ist einfach kein Staat mehr
mit ihnen zu machen:
Hält man an ihnen fest,
gerät man unausweichlich
gesellschaftlich ins Hintertreffen.
Nichts mehr gilt nämlich,
es sei denn
abstrakt, ideologisch, politisch:
Als Täuschungsreklame.

Der Mensch (24/40)

Dass er gut sei,
ist gelogen;
dass er schlecht sei,
freilich auch.
Lebenslang doch
eingebogen
undeutbarem Daseins-Hauch.
Machend, dass er
gar nicht weiß,
was ihm hier so widerfährt,
letztlich auch nicht,
wer er ist.
Nicht mal,
ob ihn schützt ein Wert;
oder blind ist
seine Frist.

Früher mal - und überhaupt (24/41)/Sonett

Man war noch nicht so von sich abgezogen;
auch weitaus anspruchsloser noch als heute.
Vor allem noch nicht stündlich Medien-Beute.
Und eben deshalb auch nicht so verbogen.
Verwechselte nicht Wirklichkeit mit Drogen.
Und glaubte noch, dass Denken was bedeute.
Und Dinge gab’s, die man zu tun sich scheute.
Weil Scham und Ehrfurcht noch an einem sogen.

Indes sind solche Menschen immer selten,
die fähig sind, sich selber zu begründen:
Die damals sprachen noch von Gott und Sünden;
Verbraucher heute, dass nur Lüsten gälten.

Die meisten müssen indirekt sich fassen:
Pleonexie sich hilflos überlassen.

Dorfschatten (24/42)/Für K. K.

Schon in der Kindheit
stand ich hier,
an dieser leicht erhöhten Stelle.
Drauf wartend,
dass vorbei du kämst,
weil dich zu sehen
doch so schönwirr war;
von kommandierender
Lebendigkeit zumal.
Indes du hast mich
nie beachtet,
liefst stolz und kalt
an mir vorüber,
bedeutend mir,
dass ich egal dir war.
Stand neulich wieder mal
an jener Stelle,
um deiner noch mal jetzt,
nach sechzig Jahren,
im Abstand sinnend
zu gedenken.
Obwohl du tot bist,
längst verschwandest
in den gerechten Sanden
auf dem Berg da oben.
Erfahrend,
dass es eine Sehnsucht gibt,
die wächst,
weil grade nicht gestillt,
Bedauern macht,
ein leises „Schade“ spricht …
Ob des Kairos*,
der damals unerkannt
verstrich.

*Kairos griech.: Das ist der Augenblick, 
der sich nur einmal bietet; versäumt man es, 
ihn zu ergreifen, kommt er nie wieder.

Seelenschichten. Innenwelten (24/43)

Indes es dorrten längst die Seelenschichten,
das tief Versäumte noch zu greifen
in trauerträgen schlichten
Verödungsweisen toter Tränenschleifen.
Da gehen Heere von Versäumtem um,
wenn ich gedenke jener Scharen
von Kindern, deren Schatten stumm
all ihre Bilder mir bewahren.
Ich glaube nicht, dass heute das noch möglich wäre:
sind doch die Innenwelten nu-fixiert,
sind Abklatsch einer Medienschwäre,
die macht, dass man sich selbst verliert,
die macht, dass all dies trostlos ferne
Versinken in Vergängnisspuren,
Erregungszwang verfügt, dann bis in seine Kerne
zum Mittel würde feiler Spaßtorturen.

Vorschein tiefen Selbstverlustes (24/44)

Wir sind uns selbst nicht mehr gewachsen.
Zumal, uns selbst entfremdet,
unsrer selbst benommen.
Weil auf Entlastungsrausch wir setzen,
Erlebnisfolgen hingegeben.
Konform gesteuert dann; gedankenlos.
Wir wollen uns und diese Welt vergessen.
Genauer: Müssen es inzwischen.
Uns unsern Seelenschnee so auch zu spuren,
nach Drang und Nützlichkeiten kalkulierend.
Für uns kann nur das Wie noch zählen,
die Existenz ergötzungsintensiv zu meistern.
So oft wie möglich. Völlig rücksichtslos.
Als ob wir ahnten all die Leeren,
die Nichtigkeiten, schleichenden Zerfall,
die diesem Wohlstandszirkus an doch haften.
Und doch es wissen ganz genau:
dass er allein uns kann erlösen,
er ganz allein; in uns erwünschter Weise:
Eudämonistisch-hedonistisch* inszeniert,
uns rauschzerrüttet zu vergessen.
Uns Hoffnungskrüppeln dunkler Ahnungsschemen,
uns Körpern, einsam und allein,
ekstatisch Trostvergnügen hingegeben,
so spaßblind spätes Pseudoglück erraffend.

*Eudämonistisch-hedonistisch, griech.: Auf Glück und Lust hin bezogen/ausgerichtet

Mal angenommen (24/45)

Stürbe ich in dieser Stunde …
nun, ich wär mich selber los,
ledig dieser Dauerwunde,
die nur Kinder plappern groß;
die doch nur Gemeinheit blutet,
Perfidie, Fiktionen, Gossen,
Psychen mit Verzweiflung flutet
und hasard* von Haussen.
In der Tat: Was ich verlöre,
sollte man verlieren wollen,
wäre man ein Mann von Ehre,
fügte man sich Geistessollen …

Doch man kriecht vor Niedrigkeiten,
Geltung, Stoff und Gier gelungen:
Sinnstuss in Entlastungsgleiten
Biobarbarei verzwungen.

*hasard franz.: Zufall

Kindheitsglücke (24/46)

Ein paar glücksträchtige Augenblicke,
mir unvergessen gebliebene,
habe ich rüber gerettet aus jener untergegangenen Ich-Stufe.
Unverblasst haften sie im Gedächtnis als kindliche Bilder,
Stimmungen und Befangenheiten.
Seelenkraftgeflutet wie damals.
Unvermindert.
Mir in ihrer zärtlich fremden Schärfe zugänglich,
als seien sie reine Gegenwart.
Etwa jene Welle blau überströmter Geborgenheit
auf den grauen Sanden des Feldes.
Geborgenheiten,
die Rohheit und Stumpfsinn vergessen ließen,
diese Schlüsselqualitäten durchschnittlichen Menschentums.
Naturgeistern lauschte ich,
wie sie mir hervorzubrechen schienen
aus der geräuschtrunken geheimnisvollen,
seit Äonen* still sich aufführenden Symphonie
der bewusstlos sich selbst feiernden Materie,
gleichgültig aus sich selbst in sich selbst gebannt,
sich selbst feiernd im Tier und der Pflanze, 
in allen ihren Erscheinungen überhaupt,
nicht freilich dem von ihr ausgezeichneten Sinnflüchtling,
in dem sie sich ihrer selbst gewahr wurde:
Dem Menschen.
Lauschte besonders
den geheimen Zeichen des Absoluten*,
von dem gehalten und durchströmt,
ich völlig gleichgültig wurde,
sogar mir selbst,
fortgerissen in eine Mystik
gottgewollter Unberührbarkeit.

*Äon, griech.: Weltalter, Ewigkeit
*Hier: Gott, Absolut: losgelöst

SMS/Nachsicht/Zufällig aus einer Papierhalde gezogen (24/47)

Nicht, dass ich es nicht verstünde,
dass wir glauben, frei zu sein:
Selbstbestimmt in jeder Weise;
dass sich jeder fraglos künde
als der Wähler seiner Kreise,
Herr auch über jeden Schein.

Ich versteh's nur allzu gut.
Freilich auch, dass wir das brauchen:
Radikale Ichsucht-Glut,
die durch dieses Sein will tauchen,
unberührt von Fakten-Brut
will Vollendungs-Glücke hauchen.

Freilich: Niemand war je frei.
Das war niemand je gegeben.
Selbst wer Macht hat, ist nur Schrei,
will nur ichgetrieben streben
weg von sich als Nebenbei
des Diktats mit Namen Leben.

Weihnachten (24/48)

Nichts als Kommerz, Stress und Tränenkurbel.
Widerliche Sentimentalität auch, US-trivial unterlegt.
Der Kern des Festes heute?
Nun es hat keinen mehr.
Gelegenheit bietet es freilich zu opulentem Mahl,
das hälfe, Gemütsseichten,
Langeweile und Unflat aufrührende Zwistigkeiten
im Kreis der Familie erfolgreich zu unterdrücken …
meinte sinngemäß eine versöhnlich eingestellte Zeitgenossin 
angesichts einer lärmenden Rotte
Glühwein nippender Krippenbesucher.
Ich meinerseits bin einfach froh,
dass der Umsatz boomt,
weil mir das indirekt zugute kommt:
Ist es doch eine florierende Wirtschaft,
die mein aus Steuermitteln finanziertes Auskommen,
das Gehalt eines Angestellten in einem Kulturbetrieb,
sichern hilft.
Zufrieden bin ich zumal,
dass ein paar freie Tage für mich anstehen,
Tage, die mir den Rückzug
auf mich selbst ermöglichen werden.
Kümmern mich doch nicht
die saisonalen Verlogenheiten jener Emotionskonsumenten.
Am allerwenigsten allerdings der Geburtstag
eines revolutionären Utopisten.

Gedanken anlässlich einer Erkrankung (24/49)

Ich kriege faktisch gar nichts mehr zustande.
Stumpf vegetierend zwischen Sessel, Tisch und Bett,
fixiere ich nur hier die Heizungskante.
Doch ihre Wärme macht kein Frösteln wett.
Wohl Opfer einer Virusplage
- die gehe schon seit Wochen hier herum -,
verteilend eine winzig kleine Krake,
die mich vielleicht sogar macht stumm.
Geschähe dies, wär’s Resultat der Lotterie,
als die doch abläuft unser aller Leben.
Bezüglich Was, bezüglich Wie.
Dem Faktum muss man sich ergeben.
Es mag sogar zuletzt entlasten.
Weil sie gerecht ist. Sogar absolut.
Und konnte bisher tragen man geloste Lasten,
mag man sich sagen: Sei’s! Es wär dann eben gut.

Erleichterung (24/50)

Ach hätte, hätt ich damals doch …
Das sagt und denkt man sich so oft.
Und immer ist es dann zu spät.
Man überlegt, wägt ab, man hofft,
misstraut der Sehnsucht freilich (die verrät).
Man schweigt, man tut nichts, kurz: Man zaudert,
um endlich - irgendwann - zu reagieren.
Man trifft sich einmal, raucht und plaudert …
Gerade das erträgt man noch …
Viel leichter dann das sich Verlieren.
Kann man dem Treffen doch recht gut ablesen:
Da wäre gar nichts rausgekommen.
Es wäre sicher falsch gewesen,
sich irgendwie zu engagieren.

Sapienten-Muss (24/51)

Ob an uns was immer läge,
wir zuletzt so überstiegen
unser Dasein hin auf Ziele?
Lebenslang an Stoff gebunden,
Zeit und Lagen ausgesetzt.
Ohne Wahl und ohne Wege,
die nicht säumten krude Lügen.
Endend oft in leerem Spiele,
leitend uns in Trauerstunden,
von Verzweiflungsdruck gehetzt.
Die in schwere Zweifel stürzen,
ob man’s weiter tragen solle,
könne oder auch nur wolle.
Lässt sich doch heraus nichts kürzen,
was verwiese uns auf Sinn …
Nicht kann so an uns was liegen.
Was auch immer es denn wäre.
Müssen uns Fiktionen biegen,
schaffen uns Entlastungs-Märe.
Gehen Intellekt-Staub hin.

Gefangenschaften (24/52)

Nach Realitätsflucht ist mir,
danach, mich abzusetzen
aus dieser lückenlosen Abfolge
kommandierender Banalitäten
massendespotischer Traumwelten,
wie sie etwa die Reklame produziert,
Unterhaltungsindustrie und Sport.
Auch um mich einzulullen,
genauer: davon abzuhalten,
den marktdominierten Umständen,
Lagen, Seelenzuständen und
Bewusstseinseinschränkungen
Einsicht abzugewinnen
statt nur halluzinationsträchtigen Bilderterror,
der zur Nachahmung
und Identifikation verführen soll.
Allein, wer entkäme schon
diesen allgegenwärtigen Mächten?
Zumal doch deren Zugriffsgewalt
längst reproduziert wird
in den eigenen psychischen Manifestationen
von Denken, Wollen und Fühlen.
Ich freilich schon. Indes nur,
weil ich Kunst mache,
mich darin selbst zu vergessen,
weil dies Glück bedeutet:
Entlastung von sich selbst als Verbraucherkreatur.
Vor allem auch,
mich geistig zurückzugewinnen mit Hilfe der Sprache.
Erlaubt die es mir doch,
bis in die eigenen Kerne vorzudringen,
diese aufzudecken und unverstellt zu betrachten:
Durch und durch widersprüchliche und
hochkomplexe Innenweltschwaden
wohl substantiell determinierter Tiefenprägungen.
Bis hin vor die Zugriffsgewalt Gottes,
dem ich nicht zu entrinnen vermag
- und das auch nicht will -
hält der doch die Hauptanhöhen
meiner dieser technischen Kunstwelt
so feindlich gesonnenen Seele.

Variante: Gefangenschaften (24/53)

Nach Realitätsflucht ist mir jetzt zumute:
Mich abzusetzen von dieser lückenlosen Abfolge
Bespaßung kommandierender Banalitäten,
mediendespotischer Traumweltwogen,
semantischer Simplifizierungspropaganda
und halluzinationsträchtigen Bilderterrors.
Verbraucherillusion indes ist das:
Wer entkäme schon jenen Mächten,
deren Zugriffsgewalt
doch längst reproduziert wird
in den eigenen psychischen Manifestationen
von Denken, Wollen, Fühlen,
Sehnen, Hoffen und Planen?
Niemand vermöchte das noch.
Er wage es auch nicht.
So wie ich zuweilen.
Völlig auf mich selbst
zurückgeworfen dann.
Faktisch geistverwahrlost asozial.

Faktensicherung (24/54)

Vollständig heteronom,
exzentrisch-biochemisch Zufallsknecht,
gesellschaftlich Atom
in einem doppelten Gefecht:
Der Schlacht um Einheit, Sinn, Bestand.
Und dann der Schlacht mit Artgenossen.
Stets Pseudo-Sieger, in sich selbst verrannt
als Mitgestalter dieser Gossen
umtobter Dysbulien*:
Adiaphora* als Massengötzen,
sich ichschwach zu entziehen
Bewusstseinstrübung durch Erlebnisfetzen.

*Dysbulie: krankhaft schwacher Wille
*Adiaphora: Dinge, die man nicht braucht, weil sie
völlig überflüssig sind

Vorausschauendes Verschweigen (24/55)

Nie habe ich dir gesagt,
dass du der einzige Mensch warst,
der mir je etwas bedeutet hat.
Jedenfalls dann,
wenn mich Melancholie,
Trauer, Leere und jene richtungslose
Sehnsucht heimsuchten,
eine andere Welt mir zu erphantasieren
in gegennihilistischem Suff.
Das habe ich dir nie gesagt:
Und zwar einzig aus der Furcht heraus,
dass dich mein dir als Gerede erscheinendes Geständnis
zu einer Verlegenheitsrohheit
hätte hinreißen können.
Wertlos, wie du dir selbst bist,
dich permanent zurücknehmend,
dich deiner gar schämend
und hilflos verachtend für Dinge,
die du, und das stimmt,
nie hättest tun dürfen.

Für den Wind II (24/56)

Er war meine tiefste Liebe.
Hat mich nie verlassen.
Hob mich aus Sozialgeschiebe,
raffte mich aus Wir-Gelassen.
Früh schon säuselnd, mich zu hüten,
Trauerstunden einzugehen,
dass sie weltarm mir verblühten.
Strauchelnd vor Verwehen.
Schob beiseite Schreibtischtrotte,
dass ich fort mich träume.
Hin zu jenem Kindheits-Gotte
Sinn verhangner Himmelsschäume.
Wenn dann die Notwendigkeiten
einst mir kommandieren,
mich dem Sterben zu bereiten,
soll’s in ihm mich dann entführen.

Mammonfunktionale Homo-Sause (24/57)/Sonett

Greift: Mammonfunktionale Homo-Sause
des Mehrens oben und des Mehrens unten.
Gemeinsam optimierten die die Lunten
im Gruftraum der globalen Wohlstandsklause.
Die schenke Glück und Frieden ohne Pause
als Kickerlebnispark gelernter Kunden.
Zerstreuungsgierig infantil gebunden,
dass Spaß auch metaphysisch sie behause.

Wir müssen jetzt schon um’s Gebäude bangen.
Denn immer tiefer werden seine Risse.
In sekundären Folgen längst gefangen,
verfolgt uns radikal das Ungewisse.
Aus dem wohl nicht mehr wir heraus gelangen.
Man sehe nur mal hinter die Kulisse.

Zeitvertreib (24/58)

Gedichte: Gottes letzte Kinder.
Bevor der Große Stumpfsinn greift,
um seinem Kitsch auch sie zu opfern.
Der Mensch als Technikarabeske
und jedenfalls gelenkter Sklave
in was er für Vollendung halten soll.
Das kann nur einer noch wie ich begreifen,
der, weil störrisch, alt und obsolet,
in eurer armen Pseudoseele liest,
dies Krüppelding in Zeilen fasst,
um spätklug kindlich Nichts zu spielen
im Tempel dort in Ephesos*.

*Heraklit, um 500 v. Chr., der Dunkle, griechischer Philosoph,
 stammte aus Ephesos. ἦθος ἀνθρώπῳ δαίμων = Des Menschen 
Charakter/Verhalten ist sein Schicksal.

Verlust (24/59)

Ich bin ein Stoffhirn,
wenn auch zeitgebunden.
Als dieses Ichknecht-
Intellekt- und Körper-Ding.
Ich habe Wert und Norm
aus mir geschunden
und atomar am Ende mich verzecht.
Zu X in einem Nihilismus-Ring.
Hab mich zum Geistknecht hoch gewunden.
Doch rational geschwächt:
Ward Sternestaub und Zeitgeflecht.
Mir selbst nunmehr verschwunden.

Ungefähr so (24/60)

Hier mein Persönlichkeitsprofil:
Soziophobie und Stumpfsinn
bis ins Mark.
Als Wirtschaftsfaktor
permanent labil.
Politisch dauerindolent.
Und psychisch viel zu karg.
Mir ist das alles hier zu viel.
Zumal's mein Hirn
bis an die Wurzel kennt ...
Es ist des Geistes
und der Lebensfreude:
es ist gelungnen Daseins Sarg.

Körperpuppe/Für Mawi (24/61)

Inmitten deiner
hinfälligen Körperpuppe:
Fleischvergängnis,
Vergeblichkeitshalde,
Entweltlichungsmagie
und Sinngekröse,
träumt sich
das Ursprungswort Gottes,
deutet sein Plan sich
noch einmal in
heilige Lebendigkeit.

Der Lauf der Innenwelten (24/62)

Wie kann man denn glauben,
menschlich etwas zu bedeuten
in diesem uns doch längst entglittnen
Zertrümmerungsvollzug
technisch-naturwissenschaftlicher Rationalität?
Die meistens tun’s.
Wohl weil sie nicht ertragen könnten,
sich wissentlich selbst das Nichts zu sein,
zu dem sie jener macht:
Zum Nichts vor Gleichungsorgien und Erregungsräuschen.
Heteronom bis ins intimste Sein,
Marionette, Spielball, Ich-Schimäre.
Subjekt, das, wüsste es um seine Lage:
die fadsten Knechtstums Selbsterleben,
sich, da ohne Ausweg,
noch mal flüchten müsste
in die Fänge der Mächte,
die es zum Ding, auch für sich selbst,
reduzieren müssen:
Zum geistlos flachen, seelenlosen,
frigide hörig kalkulierten …
zum trauerdorren, glücklos-dumpfen,
zum zweckfrei deutungslosen Mittel.

Schmierenstück, Spaß-Verlies, 
Ichsucht-Opfer, Teilchen-Schlick (24/63)

Kannst’s mir glauben:
Oft ist’s mies,
geradezu ein Schmierenstück,
was sich manche da erlauben:
Sie verprassen andrer Glück,
formen dieses Spaß-Verlies,
weil sie wollen aus es rauben.
Haben da nur sich im Blick:
Luxus, Macht sich aufzuklauben,
Geld und Schein … sie brauchen dies.
Und ich sag dir auch, warum:
Weil wir sind so: Ichsucht-Opfer,
prassendes Narzisstentum …
sich verfügte Sprücheklopfer,
ichgefesselt, Teilchen-Schlick,
gierig erntend saure Trauben.

Plädoyer für den Erhalt des Kapitalismus 
(24/64)/Sonett

Kapitalismus? - Spaß und Destruktivität.
Sei's ethisch, ökologisch, sei es kulturell.
Verheiligt Waren, Mengen, jeden Lustbetrag;
fördert Narzissmus, Arroganz und Show-Getue.
Höhlt psychisch aus, verspottet Ernst und Pietät;
und übertreibt gern, steht auf laut und wow und grell.
Macht alle gleich, zum gleichen Endverbraucher-Schlag,
der sich entfesseln muss, weil meiden jede Ruhe.

Und grade deshalb sollte er erhalten bleiben;
ihn abzuschaffen, wäre dumm und inhuman.
Ist er doch Resultat der Zwänge, die uns treiben:
Pleonexie* und jener Selbstvergottungs-Wahn,
dem wir uns alle müssen ausnahmslos verschreiben,
weil faktisch Zufalls-Spreu auf sinnentleerter Bahn.

*Pleonexie griech.: Ich-, Hab-, Macht- und Genuss-Sucht; so, korrekt, nach Arnold Gehlen)

Der idealtypische Intellektuelle (24/65)/Sonett

Durchbrechen könne man den Zwang von Fakten.
Sagt er. Moralisch-ideell besessen
von Utopismen und Begriffs-Ivressen,
die seine hochkomplexe Psyche packten.
Er könne lesen der Geschichte Akten.
Die zeugten von den menschlichen Exzessen.
Doch ihrem Ende auch in tiefen Messen,
die uns Vernunft und Güte würden takten.

Von der Vision weltlichen Heils ergriffen,
das uns in sittliche Vollendung hebe,
scheint er messianisch Höherem verschliffen …

Indes ich gar nichts auf uns Täuscher gebe,
die stoffgrobschlächtig und mit allen Kniffen.
notwendig sich zerstören Glück und Strebe.

Gleichgültigkeit gegenüber der Welt (24/66)

Keine Sehnsucht, keine Träne,
kein Bedauern, keine Reue.
Dass ich's einmal nur erwähne,
einmal in drei Strophen streue:

Mitleid ist mir kaum gegeben,
kein Organ für Menschlichkeit.
Viel zu tief sind da die Gräben,
angelegt in früher Zeit.

Ohne dass da Schuld vorwalte,
diese nämlich gibt es nicht.
Eure Welt ist eine kalte.
Ohne jedes Sinn-Gewicht.

Zufrieden (24/67)

Nichts zu erwähnen.
Der übliche Gang:
Weder Sorgen noch Sehnen
nach Überschwang …
Ein Tag von acht Stunden,
dann Abend-Einkauf.
So chronisch gebunden
an Ordnungs-Verlauf …
Alltäglichen Dingen
begriffswach gelingen …
Das macht dann zufrieden,
vergrößert Distanz
zu diesem hybriden
Gesellschafts-Popanz …
Der zwingt, sich zu steuern
durch Daseins-Substanz …
als Wohlstand erhaltender 
Waren-Abglanz.

*hybrid griech: überheblich.

Realitätsüberschreitung (24/68)/Sonett

Als eitel, primitiv und daueröde
empfand ich immer diese Spaßzwang-Wogen,
Reklamesog und Wohlstandsdemagogen,
die Tyrannei der Einheitsgottheit Kröte.
Auf dass erregt man und begriffsfaul schnöde
den Lüsten lebe, nur auf sich bezogen.
Wiewohl grad das ist objektiv verlogen:
Folgt man doch hochsubtiler Zeitgeist-Lethe*.

Ganz anders will mir selber Welt aufscheinen,
wenn ich Sonette mache, frei von Zwängen,
mich aufzureiben Ich und Wir und Scheinen.
Dann bin entronnen ich sozialen Engen:
Narzissmus, Schäbigkeit, absurdem Meinen.
Darf geistig mich aus Faktenquanten sprengen.

Lethe, griech: Vergessen

Vom Verdorren der Seele (24/69)

Die Seele heute? Nun: bewertet Reize
und teilt Effekte ein in stark und schwach,
berechnet - weiter - potentielle Lüste
nach Dauer, Art, Genuss und Stärke.

Kurzum: In dieser Waren-Beize
kann sie nur geistlos sein und flach
ersinnen Selbstentfesselungs-Gerüste …
nicht Sinngeleit mehr sein für Geistes-Werke.

Weshalb ich sie jetzt Psyche nenne,
meint: marktkonditionierte Schein-Substanz,
auf dass die Gabe sie gewänne,
beliebig einzufühlen sich in Ich-Abglanz,

spontan zumal sich vor den Karren spänne
des Waren-Mystizismus als Sakral-Instanz
und so spontan all deren Trug berenne
als utilitaristische Prägnanz.

Noch besser sollte ich sie Einfaltshalde heißen,
auf der die Wohlstands-Illusionen liegen,
als gleichgeschalteter Monaden Kreisen
um kollektive Lebenslügen:

Dass Sinn sei, selbst sich zu verschleißen,
als Sache zu gebrauchen, zu verbiegen,
dem Selbstverlust-Befehl sich willig zu erweisen,
weil nur noch Mammon-Jünger könnten siegen.

Genauer betrachtet (24/70)

Das ist doch alles
ganz bedeutungslos.
Dass umgekehrt es sei,
das meint man nur.
Tatsächlich doch
getrieben bloß
von Trieb-Bedürfnis-
Gängelei.
Kurzum: Der ewig
gleichen Drang-Abfuhr.
Man dient dem Schoß,
dem Geld, sozialer
Artgenossen-Tyrannei; 
wiewohl man wähnt,
man sei doch frei.
Indes das ist man nicht,
ist Knecht sein Leben lang:
Als permanente
Selbsterhalt-Tortur …
als, zweitens, Zufalls-Einerlei
als Trance und Zwang.

Guter Tag (24/71)

Heute fühle ich mich wohl;
heute geht’s mir wirklich gut.
Fand schon einen Ruhe-Pol
in mir selbst als Hoffnungs-Glut.

Folglich werde ich versuchen,
möglichst ihm gerecht zu werden;
werde also nicht verfluchen,
was sich selber muss gefährden.

Werd so tun, als ob in Ordnung sei
diese selbst sich oft verhasste Welt.
Wegen uns doch Seinsaufschrei;
anstatt Gottes Friedens-Zelt.

Wünsch heut allen Selbst-Vergessen:
Befreit zu sein von sich als Last;
aller Trauer, allen Daseins-Blässen …
Nicht zu sein sich selbst verprasst.

Schlaflosigkeit, Unruhe, Bewusstseinstrübung 
und eine unabweisbare Ahnung (24/72)

Treibt mich nachts die Schlaflosigkeit aus dem Bett, fällt mir,
schlaftrunken, schmerzgepeinigt und konzentrationsunfähig,
kaum etwas ein, was am folgenden Morgen zu einem Gedicht 
gefügt werden könnte.
Immerhin aber höre ich dann das Ticken der Küchenuhr 
viel deutlicher als tagsüber, wenn der hereindringende Straßenlärm
alle Geräusche in der Wohnung dämpft;
nehme ich viel klarer auch diese unaufdringliche Stille wahr,
die mir, so will’s mir immer öfter scheinen,
nunmehr sanft aber bestimmt zu verstehen geben will,
sich mir in nicht allzu ferner Zukunft für immer entziehen zu müssen:
Zugunsten jener definitiven, jener Gegen- als Nichts-Stille,
die uns alle am Ende unserer selbst, gleichsam erbarmungsgütig, benimmt.

USA IX (24/73)/Sonett

Wenn ich, Amerika, dich still gefasst betrachte:
Die winners, heroes, tycoons … und auch die ganz unten:
Die mit den Drogen-, Armuts-, Straßen-, -Pöbel-Wunden,
dann kommt es vor, dass ich dich abgrundtief verachte:
Als Land, das sich narzisstisch-oberflächlich sachte
zerrüttet, weil vom Quantitäten-Rausch geschunden,
nicht der Zersetzungskraft von Hochmutslast gedachte?

Wird deine Mammon-Arroganz dich einst zerstören?
Die infantile Sucht nach Oberflächlichkeiten? 
Wirst du dich wollen gegen Niedergang noch wehren?
Bist denn noch fähig du, auch geistig dich zu weiten?
Auf dass dich Zar und Drache nicht einst doch verzehren.
Könnte die Weisheit von Matthäus* dich noch leiten?

*NT, Matthäus, 6,24: „Nemo potest duobus dominis servire aut enim unum odio habebit et alterum diliget aut unum sustinebit et alterum contemnet; non potestis deum servire et mammonae. “ (Übersetzung: Niemand kann zwei Herren dienen; denn entweder wird er den einen hassen und den andern lieben, oder er wird dem einen ergeben sein und den andern missachten; ihr könnt nicht Gott und dem Mammon dienen“(Ü: Hermann Menge)

Ein Intellekt-Gebilde: Das Sonett (24/74)

Es lässt sich nicht emotional erschließen.
Das heißt: Man kann den Inhalt nicht erleben.
Als Kick, als Spaß, als simples Spannungsbeben,
wenn man sich konsumistisch will zerfließen
in kundentypischem sich selbst Genießen.
Erlebniseskapistisch* Rausch ergeben,
sich von was Ichsucht stört, hinweg zu heben,
um Hedonismus-Rausch sich auszugießen.

Auch deshalb wollte ich Sonette machen,
um diesen Geistesausverkauf zu meiden,
den Druck, zum Standard-Ich mich zu verflachen
und intellektuell mir zu entgleiten.
Um gängelnder Beglückung abzulachen
Verrohungshämen dekadenter Zeiten.

*Eskapismus, lat.: Flucht vor der Wirklichkeit:
den alltäglichen Anforderungen des Lebens, 
in vergnügungspralle Traum- Scheinregionen

Lebenslügen (24/75)/Sonett

Man braucht sie doch, diese Entlastungs-Phrasen
wie etwa Würde, Freiheit oder Sinn.
Braucht überhaupt Fiktionen: Lebenslügen,
um dies prekäre Dasein auszuhalten.
Man braucht sie in fast allen Lebensphasen,
denn ohne Zweifel sind sie ein Gewinn,
weil sie’s erlauben, selbst sich zu betrügen
mit Hoffnungs-; Sehnsuchts- oder Traumgestalten.

Verdankt man ihnen doch, ihrer Magie,
dass man nicht allzu leicht entgleist,
weil überspielen kann, was man so heißt
Versagen, Irrtum, Trauer, Was und Wie,
um die tatsächlich lebenslang man kreist …
sich selber ausgesetzt als Agnosie.*

*Agnosie griech.: Unwissenheit

Irrational-unkontrolliert vorüberflutende 
Ursachensucht-Tirade (24/76)

Dass unentwegt ich selbst
an Staat und Recht
rummäkle,
nun ja, das stimmt,
ich kann’s nicht leugnen;
und dass das jemanden,
der’s liest, empören mag,
auch das verstehe ich,
kann’s nachvollziehen.
Und dass ein gutes Haar
ich lassen würde
an was immer,
ist sehr, sehr selten;
also auch der Fall.
Kurzum, ich muss
es eingestehen.

Indes warum nur, ja: Warum?
Was treibt mich da
in eine Krittel-Sucht,
die jedem auf die Nerven
gehen muss?

Ich weiß es nicht genau,
indes ich dies anführe:
Dass unsre Gottverlassenheit
uns fällen könnte;
zumal auch unsre Rationalität 
und technische Verfahrenskunst,
vor allem dann auch 
diese Dekadenz,
die uns der Lebens-Wirklichkeit
und unsrer selbst entfremdet,
uns endlich todessüchtig
machen könnte,
verkommen infantil
Gewalt und Barbarei 
gewogen.

Versöhnung ohne Schein und Lüge (24/77)

Wenn man sich scheinbar grundlos selber hasst,
geht letztlich man am besten unter.
Wenn auch, das ist der Fall, für diesen Hass
man selber gar nichts, wirklich gar nichts kann.

Weil jedes, egal welches Menschen-Schicksal
uns ohne Gegenwehr, uns wehrlos doch erfasst,
bringt es uns ohne jeden Ausweg runter,
uns unterwerfend sich; dies ohne Unterlass.

Uns sucht nie heim der Freiheit Last
(von Freiheit reden, das ist Phrasen-Plunder).
Wir sind nicht frei, sind Zufall hin geprasst:
Ein Hyle-, Geist- und Zwangslauf-Wunder.

Weshalb ich niemand je verurteilt habe,
der sich, warum auch immer, in sich selbst verlief.
Weil ihm vielleicht auch fehlte diese eine Gabe:
Die Welt und sich zu sehen: sinnlos - abgrundtief.

Morgens um 8.30 Uhr im Bus Richtung Innenstadt (24/78)

Ohrstöpsel-Kopfhörer-Monaden.
Die Jungen. Schüler.
Sie reden nicht miteinander,
sie scheinen unzufrieden zumal;
ängstlich gar; abweisend
ist der Ausdruck ihrer Gesichter;
irgendwie stumpfsinnstarr.
Diese Gesichter scheinen mir
eine spezifische innere Leere
zu spiegeln: die des Hochmuts,
des Narzissmus, der Seelenkälte …
Egalisierte sind das, ‚
oberflächendifferenzierte*;
austauschbare und:
verlegenheitsgemeine ….
Feindseligkeit, Verachtung,
Fremdabwehr glaube ich
in ihren gleichsam toten Blicken
wahrnehmen zu sollen.

Wahrscheinlich aber
tue ich ihnen auch Unrecht.
Womöglich großes Unrecht.
Denn mir entgeht auch nicht
ihre tiefe existenzielle
Verunsicherung, die derer,
die die Gewissenlosigkeit,
Verdinglichungsgewalt,
warenmystische Seelenkälte,
Korrupt- und Verlogenheit:
die geistige Substanzlosigkeit
ihrer Hully-Gully-Gesellschaft
noch nicht erfühlen können:
Kindheitslose Jung-Verbraucher,
abgerichtet, dem System
begrifflos zu verfallen.

Oder: Sie müssen sich so inszenieren.
um sich zu bewahren vor all dem nur schwer
Ausdeutbaren, was über sie hinwegschwappt,
in sie einsickert, sie seltsam ungreifbar packt,
mitreißt, emotionalisiert, ihrer selbst entmächtigt:
Internet, social media, Smart Phone, Fernsehen,
Filme, Rock-Musik: Kunstweltprodukte …
Entfesselungs-Entlastung mit dem Ziel
systemträumerischer Verwahrlosungs-Erlösung.

*Amerikanisch: marginal differentiation; ins Deutsche - großartig - übersetzt von Frau Renate Rausch mit dem Begriff „Oberflächendifferenzierung“.
David Riesman: „Die einsame Masse“/The Lonely Crowd, ins Deutsche übersetzt erschienen bei Rowohlt im August 1958.

Ich-Despotie (24/79)

Wohl weiß ich
wie kindisch diese Hoffnung ist,
dass sich heben könne der Mensch
aus existenzieller Gebundenheit,
hilflos doch ausgeliefert
anonymer Vergeblichkeit ...
in jedem Augenblick außerstande,
sich selbst zu befreien
aus wesenstypischer Ich-Despotie.

Haltlosigkeit (24/80)

Festmachen,
ich meine geistig,
ethisch und kulturell,
kann man sich
nirgendwo mehr.
Wird man doch längst
lückenlos vereinnahmt
und gesteuert vom Markt,
der durch ihn
geprägten Zeitgeist-Diktatur
und einer Gesellschaft,
die als verfallende
zu bezeichnen,
man keine andere Wahl mehr hat.

Äußerliche Freiheit (24/81)

Nun, die gab’s. Unten. Ganz unten gab es sie.
Nur dass sie das Ergebnis der Gleichgültigkeit
und Nichtbeachtung meiner durch andere allein war:
Meiner: Gesellschaftlich bedeutungsloses Außenseitertum - 
Unterschichten-Existenz, Ausschließung und Einsamkeit - irrelevant doch für jene anderen.

Aber es gab sie, diese äußerliche Freiheit.

Und ich denke oft zurück an jene Jahre,
als mir, der Hilfskraft, die wichtigen Leute
aus Parteien, Kulturbürgertum, Geschäftswelt,
Kirche, Gewerkschaft und Sport,
so fern, so unverständlich und so fremd waren,
dass ihre später von mir erstaunt und unwillig
diagnostizierte geistige Dürftigkeit
mir damals nicht eine Minute trübte,
mit keiner sottise* mich anekelte,
mit keiner Plumpheit sich mir 
zu entlarven vermochte ...

*sottise, franz.: Dummheit, Flegelei, Grobheit

Entlastungsdespotie (24/82)

Mir selber geistig
lückenlos ausgesetzt,
bekämpfe ich,
so rastlos wie unerbittlich,
eure mich lockend
belagernde Entlastungsdespotie.

Inzwischen freilich
haarspalterisch geschickt genug,
mir wortklauberisch
vorgaukeln zu können,
ich würde noch nie
zu ihr übergelaufen sein.

Fremdgesteuerte Sozialschauspielerei (24/83)/
Sonett

Was mich so deprimiert, ist, dass ich spüre,
heteronom an fremder Macht zu kleben.
Und das, das kann nur eine Zeit eingeben,
die wirkt als permanente Ouvertüre
zum Zwang, dass man sich dauernd inszeniere,
um sich Gepflogenheiten einzuweben,
die stützen selbst berufliches Bestreben,
zumal auch dienen als Sozialscharniere.

Man kann sich kaum noch vor der Show bewahren.
Zumal bei vielen fehlt schon dieser Boden
der sittlich und vor allem psychisch klaren
und festen Anstands- und Verhaltens-Knoten.
Da greifen Selbstentmächtigungsverfahren
als strenger Ausdruck jener Zeitgeistmoden.

Abstraktionszwang (24/84)

Der Abstraktionszwang,
dem wir unterliegen,
dirigiert uns autonom.
Wird uns weiter sich verbiegen
zum ihm hörigen Atom …
Ohne Geist-Zusammenhang.

Sich uns technisch auszuschwemmen,
anonym auch zu missbrauchen,
psychisch uns zurecht sich kämmen,
bis wir ihm Gehorsam hauchen.
Alle Wirklichkeit wird schwinden,
verfahrensanalytisch ganz ersetzt.
Uns an sanften Terror binden,
der uns, all-gleich, dann ergötzt.

Ansinnen (24/85)/Sonett

Wenn man die eigne Kunst zwecks Ruhm verkaufen will,
dann muss man anderes als ich und anders schreiben.
Auf diesen Zeitgeist achten, seinen Waren-Drill,
der macht, dass immer mehr sich lieber Trance aufreiben.

Indes das liegt mir fern: Ich will für mich nur bleiben.
Für mich nur schaffen, abseits lebend, abendstill …
Auf keinen Fall sei’s Botschaft, sei’s Moral vertreiben;
und das gar öffentlich, soll heißen gängig schrill.

Komplexität will ich nur spiegeln in Sonetten,
global politische, soziale, subjektive.
Durch Einsicht lockern mir all die subtilen Ketten,
die unser Dasein prägen in der Wesens-Tiefe.
Es uns so immer schwerer machen, uns zu retten
in eine Zukunft ohne Barbarei-Motive.

Ein Alptraum (24/86)

Unbehauster Hylefetzen,
geistig-seelisch heimatlos,
Ichding, nur Bedürfnisträger,
Bankenknecht, Konsumpotenz,
Luststratege, mohntraumsüchtig,
Eskapismus, Tingeltangel,
Fatalismus, Lethargie
allverhaftet, lachgasfad,
spaßdebil und Rohheit feil,
stumpfsinnträchtig aggressiv
und behelfsnarzisstisch zahm.
Würdeloses Daueropfer
einer Selbstentmächtigungsneurose.

Was mich trug (24/87)

Das, was mich trug,
das wart nicht ihr.
Das war was andres,
war ein Flug 
aus Ich, aus Selbst,
aus Du und Wir 
in geistig tiefsten Atemzug.

Gemeint ist nicht 
der Gott der Juden;
auch nicht der Christen.
Noch Allah.

Nein. Des Gedichtes 
tiefste Zeilenrouten,
sich weltentlastet einzunisten
im Klang eines Vollendungs-Ja.


 

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