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Kollektiv gebauter Käfig (23/1)
Als Arbeitnehmer bin ich pflichtgemäß aktiv
in einem Kosmos ingeniöser Apparate.
Ich denke und verfahre effektiv,
zu halten meine Leistungsrate.
Und die, die muss ich rücksichtslos erhöhen.
Warum, das weiß ich ganz genau:
Wie könnte ich denn anders widerstehen
dem Druck des Marktes und dem Fortschritts-Bau?
Die alles unter ihre Knute zwingen,
Gehirne lenken, Anspruch, Wollen und Affekt.
Wie soll man sich da noch gelingen,
gezwungen, dass man sich erwünscht bezweckt?
Wenn nur Effekte zählen, Quantenplus,
der Zwang, sich so zu adaptieren,
dass man in Selbstaufgabe oft sich winden muss,
muss man sich menschlich wohl zuletzt verlieren.
Daseinsprivileg (23/2)
Rund 21.500 Tage habe ich bereits hinter mir.
Und ich wüsste nur wenige,
an denen Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit,
Bedrückung und Trauer
nicht auch in die Schranken gewiesen worden wären
durch irgendein unscheinbares Glück,
das mir zufällig begegnete.
Gerade mir,
dem Träger eines Daseinsprivilegs,
das es mir erlaubt,
mag ich auch nur das sanfte Wehen
eines Sommerwindes spüren,
mich leichthin dann
aus allen meinen Seelenwirren herauszuwinden.
Unberührbar geworden der Welt und mir selbst.
Heimgekehrt in des göttlichen Stoffes
geborgenheitsmystische Sinnträchtigkeit.
Kommende historische Umwälzungen (23/3)/Sonett
Ich weiß es wohl, in welcher Welt ich lebe.
Und lebe daher ohne Illusionen.
Kann sie doch nicht mit Sinn mich noch belohnen,
doch mehr und mehr in hochprekärer Schwebe
als antidemokratisches Gewebe,
entflechtend sich in leeren Seelenzonen
von sich in ihm entfremdeten Millionen.
Das merkt man kaum; und doch ist’s gang und gäbe.
Resignation spricht da. Nicht Schadenfreude.
Denn Schadenfreude kann nicht geistig tragen,
durchschaute nicht die Indolenz der Leute,
drauf angewiesen, lustvoll sich zu plagen
als in sich selbst verirrte Spaßkult-Beute:
Sich als Effektsucht treibend in Versagen.
Leichte Variante: Kommende historische Umwälzungen: KI (23/4)/Sonett
Ich weiß es wohl, in welcher Welt ich lebe.
Und lebe daher ohne Illusionen.
Kann sie doch nicht mit Sinn mich noch belohnen,
Gefüge technischer Kommandostäbe.
Die dieses demokratische Gewebe
zerreißen werden als verfügt den Zonen
von Digitaldiktaten (Ratio-Mohnen),
so dass zerbreche jede Psychen-Strebe.
Resignation spricht da. Nicht Schadenfreude.
Für eine solche ist kein Grund vorhanden:
Hier geht’s um permanenten Zwang für Leute,
die werden müssen Machtkontrolle tragen,
sich mehrender Beobachtung zur Beute,
um sich am Ende dann von selbst zu jagen.
Spät abends* (23/5)
Ein Abend, wie du ihn gerne hast:
Spät. Bei einem Wein, mit einer Selbstgedrehten.
So ganz allein, befreit von jener Last,
Sinn und Verwirklichung dir einzureden.
Dir ist nicht nach Zerstreuung oder Spaß,
wie sie die Medien sehen und verbreiten.
Obgleich auch diese sind Erfüllung und ein Maß
im sanften Strom der kommandierten Nichtigkeiten.
Was willst du mehr, du bist für dich,
brauchst niemand, dir Alleinsein zu vertuschen.
Weißt nur zu gut: Hier machst du keinen Stich,
wo Perversion und Wahn durch alle Stunden huschen.
Die große Stille darfst du so erlauschen,
dich in sie fallen lassen, um es zu verträumen,
dass durch Vergeblichkeit wir rauschen
und wenn uns deutend, selber uns versäumen.
*Das Gedicht „Spätabends“ ist eines meiner ältesten
es entstand in den frühen 1980er Jahren
Stadtmitteeindrücke (23/6)
Fremdheit, Einfalt, Niedergang,
Stumpfsinn auch und Geistarmut
sind’s, die oftmals ich verspüre,
schlendre ich durch Einkaufsstraßen …
Anonymen Abgesang,
spottend diesem hohen Gut:
Einheit, die noch mit sich führe
kulturelle Selbstwertbasen.
Hingeopfert deutscher Sucht,
tugendeitel sich zu schaden,
kostend dann Entfremdungs-Wucht:
groß scheint, die sich aufzuladen.
Meinetwegen könnt ihr fahren
an die Wand; an was auch immer:
selbsthasssiech euch zu bewahren
in Gesinnungsstuss-Geflimmer.
*
Tugendmasochistisch faktenfeige,
das ist typisch deutschdebil;
fordernd, dass man gern sich neige
vor Gesinnungszwangs-Gefühl.
Sich auf diese Art zu heben
in des Guten Eitelkeiten;
dieses also anzustreben,
grade auch durch Fakten-Meiden.
*
Ach! Ihr Unterdrückten alle,
macht euch auf in dieses Land,
lasst es laufen in die Falle
einer Würde, fremd noch Kant.
Fakt ist, dass wir euch sehr brauchen,
um uns sittlich zu erlösen:
Hochgesinnung einzutauchen,
sind wir doch das Volk des Bösen
Ideologie (23/7)
Emotionen-Wolke.
Selbstversicherungs-Hülle.
Halt-Drang-Bresche:
Ideologie.
Gegen Wirklichkeit
und Realität
monoman abgedichtet,
ignorieren die in ihren
begriffsgestützten Floskeln,
feinsinnigen Vorurteilen
und anmaßenden
Selbst-Verweigerungs-Phantasmen
eingesponnenen Ideenjünger
die störrische Apathie,
Erlösungs-Inbrunst,
rohe Kreatürlichkeit
und duldende Weisheit
der von ihnen heimgesuchten,
glorifizierten wie instrumentalisierten
Zielmassen.
Unbelehrbar und stumpfsinnig
sich der Einsicht verweigernd,
dass, wer -
die empirischen Gegebenheiten
luzide und faktengetreu
in Rechnung stellend -
gegen die Verhältnisse
und ihre Widersprüche steht,
unweigerlich allein ist,
allein auf sich gestellt bleibt.
Weil er eben auch begreift,
dass es nicht die geringste
Möglichkeit gibt,
an Indolenz,
Pleonexie,
Angst,
Perfidie
und evolutionär verfügter
Selbstgefangenschaft
des durchschnittlichen Menschen
was auch immer
auch nur ansatzweise
ändern zu können.
Realistisch betrachtet (23/8)
Ekel, Verbitterung, Wut
und Zerstörungslust
vernünftigerweise
auf sich beruhend lassend -
schössen sie doch,
empörungsidealistisch umgesetzt,
folgenlos ins Leere -
muss ich eingestehen,
dass der Konsumkapitalismus
die Massen fasziniert,
beseelt, trägt, ja gar erlöst.
Und so denn sie
auch noch dahin bringen wird,
erlebnishungrig augenblicksstrack,
fatalistisch hinzunehmen,
von ihm irgendwann
sogar um sich selbst
gebracht werden zu müssen.
Absichtslos. Systembedingt.
Illusionslos II (23/9)
Gedichte sind, wie ähnlich Reden,
doch auch soziale Angriffswaffen.
Wie könnte es auch anders sein
bei einem agonalen Affen,
der sich ergötzt, wenn andre schrein
- zumal so findig ist im Leid-Erschaffen -,
beurteilt sich und Artgenossen
nach Eigennutz, Verwertbarkeit und Schein,
dem noch sein lautes, Wir verfügtes Flöten
lockt Selbst- und Geltungs-Fetzen aus den Gossen.
Letzte Sünde (23/10)
Hast allenfalls noch Kundenstatus.
Verwerter bist du, Produzent,
dem Markt beflissener Agent
qua homo sapiens excitatus*.
Mehr bist du nicht. Doch reicht dir das,
solange dich sein Güteroutput schmückt.
Dir das erwünschte Ich auch glückt.
Indem du imitierst das Promi-Maß.
Nicht dass ich dich nicht auch verstünde:
Wer schwämme gegen diesen Wohlstands-Strom?
Der doch viel tiefer reicht als Staat und Dom.
Zudem kennt nur noch eine Sünde:
Dich abzusetzen in Verzichten,
um auf dir selber zu beharren.
Denn das, das machte dich dir selbst zum Narren.
Und würde psychisch dich zugrunde richten.
*homo excitatus lat.: der erregte Mensch
Dorthin. Nach Hause (23/11)
Inmitten der
Absurditäten des Alltags:
Ein Gedicht.
Auch,
um mich hinwegzutragen
über jene,
mich selbst,
Kollegen und Kunden …
Weit hinaus
über Broterwerbshandeln,
Identitätsbehauptung
und die subtilen
Vereinnahmungen
durch trivialkulturelle
Verschundungs-Zumutungen …
Wer weiß,
wohin.
Jedenfalls in eine Leere
völlig andrer Art
als jene,
die dem kapitalistischen
Alltagshandeln
zugrunde liegt:
Für Minuten
verfeinernd,
erlösend
von sich selbst;
und so denn
geistig ichfern
vollendend.
Starrsinnig (23/12)
Mir wäre es gleich,
Epigone geheißen zu werden,
krankhafte Randfigur,
gar panobsolet,
einsichtsarm,
bezugs- und
bedeutungslos.
Solange ich nur meide
markthalluzinativ
abgerichtete Innenwelt,
Agápe*-Intellektualismus,
Medialverdummung
und dauerethisierender Politik
kratische Ohnmacht
und Verantwortungslosigkeit.*
*Variante:
„und ohnmächtige Wirklichkeitsflucht.“
*Agápe: Geistig-seelische Liebe (a) die der Mensch
Gott entgegenbringt und (b) umgekehrt Gott den Menschen
Dahinleben (23/13)
Die Gleichgültigkeit der Welt.
Die Fremdheit des Du.
Die Irrationalität des Wir.
Die Ordnungsstete der Zeit.
Die Flüchtigkeit des Glücks.
Die Ungreifbarkeit seiner selbst.
Der Angst und der Einsamkeit Stille.
Die Güte des Fallens in traumlosen Schlaf.
Das Schweigen von Sinn.
Das Bewusstsein des Todes.
Die Spur von Vergessen,
sich löschend im Nichts.
Ohne Einheit I (23/14)
Versammle meine Stillen alle
und schreite ab die Einsamkeiten.
Damit in ihnen die Person nachhalle,
die mir die Lagen unterbreiten.
Die ich ertragen muss und mir geloben
als das, was meine Existenz ausmacht,
in Frühen an den Rand geschoben
durch jene anonyme Macht
genetisch-kultureller Gliederungen,
die niemanden aus sich entlassen.
Sozial bin ich mir so misslungen.
In Selbst nicht, Du nicht, keinem Wir zu fassen.
ἐν ἀρχή (griech.: am, im Anfang) (23/15)
Ich trink und trinke. Bloß: Auf was?
Ich weiß es nicht. Ich weiß es wirklich nicht.
Wahrscheinlich doch auf jenes Stoffausmaß
von Formel, Artefakt und Wertgericht,
von Hirngewalt, Ich, Haltfiktionen,
die, obschon durchschaut, man stündlich braucht,
nicht zu betreten jene Einsichtszonen,
wo nur das Hyle-Spiel* Befehle haucht.
Kapitalismus ist so auch doch nur
objektivierter Strebensdrang
materieller Diktatur
und perspektivisch täuschendem Belang.
*Das vor ca. 13,82 Milliarden begann - als sog. Urknall -,die physikalischen Monaden (Einheiten ohne Teile) Quarks und Elektronen bereits enthaltend, also die Teilchen, aus denen später die baryonische Materie entstehen sollte, die uns durch und durch ausmacht
Gleichgültigkeit II (23/16)
Ich sitze rum.
Bin völlig leer.
Nichts als Gesumm
wellt um mich her.
Von Autos, Schlagern,
Alltagsschicht -
Mich umzulagern
taugt es nicht.
Trifft auf Moment,
da gar nichts zählt,
mich, abgetrennt,
nichts freut,
nichts quält.
Ein sinnloses 10 hoch 100-Jahre*-Spiel (23/17)
Was liegt an mir,
an den Gedichten,
ja überhaupt an dieser Welt?
Geht’s da um Zwecke,
Ziele, gar um Sinn?
Um's rational,
um's kosmisch wahr
zu richten:
Um gar nichts geht’s.
Das alles
treibt nur so dahin,
bedeutet nichts,
ist ohne Gottes-Zelt.
Ist nichts als
Energie- und
Teilchen-Strecke.
*Das ist eine 1 mit hundert Nullen; allerspätestens dann werden alle kosmischen Strukturen (auch die größten schwarzen Löcher) zerfallen sein; und bleiben wird ein physiskalisches Vakuum ... Und dann?
Im Nachhinein (23/18)
Heute vor 15 Jahren
starb meine Mutter.
Viel war’s ja nicht,
was uns verband.
Geistig eigentlich
gar nichts.
Zählt das freilich?
Nein.
Denn sie hat
nie versagt,
nie versäumt zu tun,
was sie konnte.
Und selbst wenn nicht,
würde ich heute dennoch
ihr ein „Danke!“
nachflüstern,
eingedenk ihrer
verzweifelten Tapferkeit.
Mammon-Despotie (23/19)
Ihr Gott kennt Quantum nur, Kalkül und Tausch,
ist auf dies plane Diesseits angewiesen.
Weshalb notwendig er die Innenwelten,
Natur und Geist, am Ende selber sich
verrotten lassen muss und dann zerfallen.
Da tobt ein hypertropher Drangsal-Rausch,
der sich muss pseudorational ergießen
in Zeit und Stoff, Blasiertheit und in Gelten.
Um sich zu formen ein abstraktes Ich,
das Einheits-Ich von Niemand und von allen.
Bedrückt’s mich? Nein. Da tobt ein Affenplausch
von Wurzellosen, die an Grenzen stießen.
Und doch als Herrentiere sich als Helden
sakralisieren trotz Neuronen-Strich,
auf dem sie hilflos tingelnd ihre Öden lallen.
Psychen-Verkümmerung (23/20)
Vereinzelung, Kalkül und Kälte.
Ein Schicksal dieser Technophilen.
Als ob man so nur als authentisch gälte,
dass man gewänne sich aus Zahlenspielen:
Aus Zeitgeist, Markttrance, Apparaten.
Geformt durch Ritualstrukturen
des Werdens seiner aus Computerdaten
als Selbstaufgabe auf abstrakten Spuren.
Harmonisierungszwänge, die ganz unbemerkt
den idealen Menschen schaffen:
Ein Wesen, abgerichtet und verzwergt:
Den austauschbaren Überaffen.
Flucht vor sich selbst (23/21)
Wer wollte denn noch vor sich selbst bestehen?
Begriffe gar, was hieße das?
Zumal sich selbst doch Inszenierungs-Spaß;
auch, um sich selber zu umgehen,
sich manche Fakten zu verschleiern …
Wer wäre indes nicht auf Lebenslügen angewiesen,
verstrickt in diese, sich dann selbst zu feiern,
um nicht ein Dasein abzubüßen,
das, Dekadenz und Amoral verschoben,
dient faktisch fremden Interessen,
für deren Zwecke Einsichtslosigkeit verwoben
und lustgefärbten Selbstverlust-Exzessen.
Selbst-Verzwergung (23/22)
Was lebt man noch,
genau betrachtet?
Ein Dasein, das,
auch Phrasen-Joch,
sich, weil sich unverfügt,
doch selbst verachtet?
Ein Dasein,
das, verdrängend, lügt,
sich vor sich selber
zu verbergen,
sich panisch
immer mehr verliert
in lüsternem
sich selbst Verzwergen.
Was ich bin I (23/23)
Muss keine Weltanschauung beten.
Nicht Stars, nicht Sieger, noch auch Macht anstaunen.
Mir weder Sinn noch Wertbehelfe flöten,
humanitär zu raunen.
Nicht dass ich deshalb frei schon wäre.
Ich bin nicht dumpf genug, mir vorzumachen,
es gäbe mehr als diese Leere …
Autonomie gar in des Stoffes Rachen.
Ich sehe realistisch, was ich bin:
Objekt der Wirtschaft, hilflos ihr zur Beute:
Bedürfnisquantum zwecks Gewinn
in immergleichem Heute.
Ich soll mich durch Erleben toben.
Als wäre das nicht zugleich Selbstaufgabe,
in Warennihilismus aufgehoben,
mich steuerndem Gehabe.
Dilemmata (23/24)
Was denn, bitte, soll ich sagen?
Und vor allem auch: Zu wem?
Dass wir Wirklichkeit zerschlagen
und ersetzen durch System?
Daten, Mengen, leere Worte.
Hilflos trudelnd in den Fängen
technisch uns diktierter Horte.
Effizienzen, die bedrängen,
kreatürlich uns zu biegen
noch in geistigen Belangen.
Ausgeliefert Pyrrhus-Siegen*,
ökonomisch kernbefangen.
Bis dann an schon späten Tagen
Kunstgeschöpfe uns sich fügen?
*Pyrrhus-Sieg: Pyrrhos I., König der Molosser (319 – 272 v. Chr.). Nach seinem Sieg über die Römer bei Asculum 279 v. Chr. soll Pyrrhos - aufgrund der erlittenen eigenen Verluste - gesagt haben: „Noch so ein Sieg - und wir sind verloren.“
Ein herrlicher Tag (23/25)
Acht Sätze aus dem Alten Testament übersetzt.
Etwa zwanzig Odyssee-Verse nach metrischen Vorgaben des homerischen Hexameters mit Punkten versehen (die sechs Hebungen anzuzeigen),
einige Gedichte in eine Computerdatei getippt.
Keine Nachrichten gehört.
Nicht ferngesehen.
Kein Telefonat geführt.
Mich überhaupt
von allem ferngehalten,
was mich hätte stören, erbosen,
aggressiv machen oder auffordern können,
etwa schuldbewusst und schamerfüllt
all derer zu gedenken,
die in Armut, Elend und Hoffnungslosigkeit leben,
darben, ja vegetieren müssen.
Und dies auch meinetwegen,
der ich,
wirtschaftlich, gesellschaftlich und sozial privilegiert,
in einem reichen Land lebe,
das doch auch auf Kosten jener Benachteiligten
seinen Wohlstand geschaffen habe.
Indes nichts dergleichen.
Ich war völlig allein.
Und allein schon deswegen
war es ein herrlicher Tag.
Mehr gibt es nämlich nicht:
Geistige Herausforderungen
in Stille und Einsamkeit
geschwätzesfern zu bestehen.
Frei zu sein
von den Kreaturen-Primitivismen
dieser sich selbst
entmächtigenden Wohlstandsdiktatur.
Die Tage mit dir/Für homo sapiens bambergensis (23/26)
Diese Tage mit dir
werden für immer
geschwisterlos bleiben:
Magisch für sich stehen.
Tage erotischer Revolten
gegen Alltags-Seichtheit,
Kohlenstoff-Despotie
und Verbraucher-Bitterkeit.
Leibgeniale geborgene Tage.
Vollendungshungrig noch
in olfaktorisch provozierter
Entgrenzungs-Besessenheit.
Substanzbasal:
Entrissen profanierender
Tausch-, Nutzen-
und Berechnungs-Rohheit.
Morgen (23/27)
Morgen wird alles anders.
Morgen sprenge ich alle Hüllen.
Morgen gehe ich auf mich selbst zu.
Morgen nehme ich Abschied von mir.
Mich selbst zu gewinnen
in dunkelster Worte Entfremdungs-Magie.
Ein ganzes Leben (23/28)
Wenn ich es objektiv gewichte,
dann war es Aufstieg und Betrug.
Dann war es Wohlstandsgier als Massenzug
der Despotie, dass man sich selbst ausrichte
zugunsten einer Mittelmäßigkeit,
geprägt von Waren-, Lust- und Ramsch-Tiraden
und jener so apathisch faden
Genusssucht in Zerrissenheit.
Ein Gleichungs-All für Infantile,
Korrupte mit Moral-Inbrunst,
Gedankenarme im medialen Dunst
standardisierter Regressions-Asyle.
Ich akzeptiere dennoch dieses Los.
Ist doch sein Terror viel subtiler,
vor allem menschlicher als der der Spieler,
die Wert, Idee und Ideal macht groß.
Eskapismus*-Sucht/Für Mokre (23/29)
Obwohl erschöpft,
will ich doch noch nicht
schlafen gehen -
Deiner Entfesselung
kultkopulativer
Brachial-Leiblichkeit
imaginär noch einmal
entgrenzungsverzückt
zu vertorkeln.
*Eskapismus: Flucht vor der Wirklichkeit, den Anforderungen
des alltäglichen Lebens und vor sich selbst als ihr Dasein
sachlich-wirtschaftlich-realistisch bewältigen müssender
Arbeits-, Pflicht-, Verantwortungs- und Willens-Macht.
Fleischrad-Solipsismus*/Für Vioe (23/30)
Immerhin zwei Stunden Trance
entrissen wir,
von Pheromonen auch übermächtigt,
der Späte des mondtrunknen Abends.
Schon vom ersten Augenblick an
rücksichtslos belehrt,
wie stoffgefällig es ist,
somatisch sich
einander zu verschwenden.
Hilflos freilich verfallen
dieser kommandierenden
Ich-Transzendenz
in gegenseitiges Zwangs-Verfehlen.
*Solipsismus: s.Solipsismus s. Fremdwörterverzeichnis; hier: das völlige Allein-, Fürsich- und auf sich selbst nur Bezogensein einer individuellen Leib-Ich-Einheit
Naiver Wunsch (23/31)
Wenn es ein Drüben gäbe
- es gibt aber keins,
kann keins geben
für ewigkeitshungrige,
haltlos sich lobende,
überwältigungslüsterne,
selbstsuchtkranke
Neuronen-Büttel -,
ich wünschte es mir so:
Als Einheit von Stille,
innerer Ordnung,
Eros, Anmut und Geist.
Provozierte Ekstase (23/32)
Selbst die Geilheit ist zum sozialen Diktat geworden,
ihr vom Zeitgeist kommandierter Vollzug, pflichtgemäß erledigt, qua hormonelle Eingliederungshilfe zwecks durchschnittskonformem Dazugehören.
Der Reklamemacher nutzt sie als Aufmerksamkeits-Peitsche und Absatz fördernde Enthemmungsstrategie,
der Krankenkassenvorstand als Einspar-Potential.
Und die Sinn-Industrie dazu, ihre notorische Erfolglosigkeit zu kaschieren.
Speziell für Ich-Verbraucher scheint sie die ekstatische Variante der Selbstwertsteigerung zu sein. Dem sei, wie auch immer: Die Zwerg-Lobbyisten des hurrahörigen Gesamtzusammenhangs vögeln immer mit.
Der Einsamkeit Früchte (23/33)
Ich weiß nicht,
was ich sagen soll.
Zumal es sinnlos wäre,
was zu sagen.
Ganz aussichtslos
die Geisteslagen -
Die Leute sind erlebnistoll.
Ich habe mich
auf mich zurückgezogen.
Aus Unverständnis und
aus Langeweile.
Schrieb deshalb auch
so manche Zeile.
Das hat mich nicht verbogen.
Und denke dabei
schon ans Sterben.
Und dass es manches mir
wird wohl ersparen:
Den Kampf etwa
enthemmter Scharen
um unsrer Spaßsucht
winzig kleine Scherben.
5. Querstraße, 1955 (23/34)
Die Belanglosigkeits-Murmeln
trudeln sinnleer
durch die 5. Querstraße.
Du glaubst das nicht?
Es ist aber so.
Neulich sah ich sie,
nach 50 Jahren,
immer noch auf
denselben Spuren rollen.
Gegenschwindlig
und klaglos
sich um sich selber drehend.
Zufällig mitgekriegt (23/35)
Emma Watson, die Feministin und
Kämpferin für Frauenrechte,
hat ihre Brüste ablichten lassen.
Das habe ich im Fernsehen
gehört und gesehen.
Wow! Cool!
Doch Tittenshow und Feminismus,
das nun freilich gehe nicht,
versichern ihre orthodoxen Schwestern.
Und hacken hämisch auf sie ein.
Das wundert mich freilich,
sind gerade Frauen doch
mit Frauen immer solidarisch.
Was Frauen und Männer eint (23/36)
Von beiden halte ich nicht viel.
Besetzt sie Machtgier doch und oft auch Seelenkälte.
Maßlose Eitelkeit, berechnende Moral.
Verschlagenheit und Rachsucht auch.
Zumal prekär ja ist dies Daseinsspiel.
Sind sie doch fleischliche Gemälde
der Quantität, der Hinterlist und Zahl:
Der Oberflächlichkeit gemeinster Hauch.
Zuletzt: Sie sind im Kern verlogen.
ermangeln zumal Seelengröße,
von Neid getrieben und Gewohnheitslügen,
nur selten fähig, zu verzeihen.
Nun ja. Wir alle sind Gewalt verbogen.
Sind ohne Mitte, zentrisch doch nur Ich-Getöse.
Was doch nichts andres meint als sich verbiegen:
Zum eignen Vorteil sich dem Ganzen einzureihen.
Wer glaubte, dass ich mich da selbst raus nähme,
der irrte sich, der hätte nichts begriffen.
Bin ich doch auch gezwungen, dass ich anbequeme
mich unsern schoflen* Affenkniffen.
Nur dass ich weiß, mich rauszuhalten.
An Stillen, Einsamkeit und Geist gebunden.
Mich nicht als Kreatur nur zu gestalten.
Entronnen mir. Nicht von mir selbst auch noch geschunden.
*schofel hebr.-jiddisch: gemein
Ataraxia*/(23/37)/Für Epikur von Athen (341 – 271 v. Chr.)/
Für Verehrte
Befinde selbst: Ich sei mir Scheinproblem.
Und treffe damit wohl die Fakten.
Das macht mich fähig, dem System
mich zu entziehen: seiner abgeschmackten
Vereinnahmung noch schärfer zu entgehen:
Erregungs-Zufuhr und gewieften Krähen.
Mir zuzueignen dieses andre Mem*:
Zurückzunehmen mich, mich selbst zu takten.
Asketisch mir, nicht Du und Wir,
nicht Welt und Macht und Schein gelungen.
*Ataraxie griech.: Unverwirrtheit, Seelenruhe, Gleichmut
*Mem: Melodie, Gedanke, Schlagwort, Kleidermoden usw. usw., die von Menschen imitiert, übernommen werden, indem sie von Gehirn zu Gehirn überspringen, also wahrgenommen und dann übernommen werden. Siehe. Richard Dawkins, Das egoistische Gen, 1994, S. 309
Die Misere der Autodestruktion (23/38)
Wenn ich doch nur fähig wäre,
selbst mir manchmal zu entrinnen,
um nicht ständig nachzusinnen
über diese Art-Misere,
dass wir mehr und mehr uns schaden,
nicht nur können, sondern müssen,
weil nicht wollen dem entraten:
Fortschrittsdestruktivem Wissen,
uns mit Wohlstand zu versehen.
So uns nun zum Hauptfeind wurden:
durch uns selber einst dann zu vergehen ...
unsere Verstandes-Ausgeburten.
Man muss nur an Waffen denken,
die bezeugen, was ich sage hier:
Geeigennet, uns ins Grab zu senken:
Machtplump aus doch auf Vernichtungs-Gier.
Heteronomie* (23/39)
Was ich fühle,
was ich hoffe,
was ich denke,
was ich will,
geht zurück
auf dumpfe Stoffe
und auf
normativen Drill.
Geht zurück
auf das Soziale,
Anerkennung,
Macht und Trieb,
ungestört
sich auszuleben,
fraglos glaubend
dem Gerüchte,
dass man selbst
sich dabei lenke,
dass man, frei,
sein Wesen lichte,
wähle selber auch
sein Glück.
Sich als Herr
und Einsicht habe.
Derlei Trugmacht
muss man weben,
dass man nicht
die Fakten sichte:
Knecht zu sein
und Zwangsverschweben
traumdiffuser
leerer Wabe.
*Heteronomie griech.: Fremdbestimmtheit/Unfreiheit.
Gegensatz: Autonomie
Scheinbares Paradox (23/40)
Je angestrengter
und aufmerksamer
ich mich
auf meine Existenz
konzentriere,
desto fremder
und ungreifbarer
wird sie mir ...
Desto mehr
begreife ich sie
als letztlich
selbst mir
unverfügte.
Dankbarkeit, Pessimismus und Selbstbegrenzung (23/41)
Mir war es eigentlich immer klar, dass meine Lebenszeit in die besten Jahrzehnte der deutschen Geschichte gefallen sein wird. Der ich sechs Jahre nach dem 2. Weltkrieg geboren wurde und sicherlich irgendwann in den 2030ern spätestens sterben werde.
Nicht, dass ich das irgend erklärbar verdient hätte.
Aber es ist doch ein Grundfaktum meiner Existenz.
Und getragen wurde sie von einem demokratischen Rechtsstaat, stupenden wirtschaftlichen Erfolgen
und dem pragmatischen Realitätssinn der Politik und der Bevölkerung, die beide, unausgesprochen, wussten um die Befriedungspotenz eines auf Dauer gestellten stupenden Wohlstandsniveaus … Ohne dessen psychisch zersetzende Sprengkraft schon fürchten zu müssen.
Alles in allem muss ich es so sehen, denn mir ist durchaus bewusst, dass ich das, was ich
- insbesondere auch im Hinblick auf meine Herkunft -
als Individuum aus mir zu machen in der Lage war,
in erster Linie dieser deutschen Nachkriegsgesellschaft
zu verdanken habe.
Und dafür bin ich ihr sehr dankbar. Wär’s anders,
wäre ich verachtungswürdig. Und so, weil eben dankbar, sage ich denn auch ohne Bitterkeit oder gar Hass, dass ich - im Bewusstsein, dass sich diese Phänomene
nicht mehr werden aus der Welt schaffen lassen -
werde hinzunehmen haben, was aus dieser deutschen Gesellschaft - noch einmal: Ich meine notwendig - geworden ist: Einmal abgesehen von der medialen Verreizungs-Theologie, Trivialideologisierung und dauerpräsenten Emotions-Orgiastik, der politischen Impotenz, Ignoranz und Selbstglorifizierung auf der Basis eines weltfremden Macht-Narzissmus, der geistigen Korruption, der Wirklichkeitsverkennung
und des Tugendnihilismus, abgesehen aber auch von der konsumtiven Barbarei, der allgegenwärtigen Mediokrität der subjektiven Innenweltverfassungen,
der fortschreitenden Verpöbelung, des geistigen All-Verfalls und der Diktatur der ideologisch unscharf-primitiven Halbbildung … werde ich definitiv akzeptieren müssen, dass diese Gesellschaft immer schneller zerfallen wird, nicht die Zukunft haben kann, die ihr verantwortungslose Funktions-Eliten zuweilen noch vorgaukeln zu müssen meinen:
Als Wohlstandsschlaraffe wird sie sich nicht halten können: Klimawandel, Ressourcenschwund, Verödung, Verwüstung, Überschwemmungen und Migrationsströme werden - zusammen mit machiavellistischer Machthandhabung weltweit -, unweigerlich in eine Barbarei führen, die niemand wird aufhalten können:
Vielleicht gar in einen Seelen-Krieg aller gegen alle.
Vernunft, Würde, Humanität und Menschenrechte
werden sich jedenfalls als die Illusionen erweisen,
die sie immer schon waren. Der demokratische Rechtsstaat wird hinweggefegt werden. Schon weil auf Seiten des aggressiv infantilisierten und hilflos verwahrlosten Souveräns die Voraussetzungen nicht mehr gegeben sein werden, jenen zu stützen:
Dieser Souverän wird sich als der erweisen, der er an sich immer schon war: Als unfähig, die Freiheiten, die er sich selbst zugestand, begreifen, schätzen und bewahren zu können. Im Kern seines Wesens faktisch unabänderlich asozial, weil durch und durch heteronom, geistfremd, immer irgendeinem prekären Sollen hörig,
auf Illusionen und Lebenslügen angewiesen, existenziell allein auf sich gestellt, um seinen Tod wissend, angstbesetzt, weil weltfremd.
Und heute - ungefähr 300 000 Jahre nach Entstehung seiner Art (homo sapiens) auf dem afrikanischen Kontinent - sich seinem eigenen neuronalen Imperialismus verfügt vorfindet, der ihn selbst wohl transzendieren wird: Technisch übermächtigen und überbieten wird diesen sich selbst ausgelieferten,
so seiner selbst entfremdeten und Halt entborgenen,
von Gott, einem Zweck und Ziel und jedwedem Sinn verlassenen, naturfremden Superprimaten: Weder Halbgott noch nur Tier. Sondern ausweglos kreatürlich-wertbefangen gesteuerter Intellekt. Rationalitäts-Opfer seiner selbst. Irgendwann in den kommenden 200 Jahren.
Indes hoffe ich, mich in dem radikalen Nihilismus
meiner Weltsicht verlaufen zu haben, hoffe ich,
dass ich mich, von meinem geistigen Sophismus
boshaft fasziniert heimgesucht, irre. Zumal ich Grunde habe, Deutschland alles Gute zu wünschen, selbst doch jahrzehntelang privilegiert, mich einer Existenzform verschreiben zu dürfen, der geistigen, deren Einsichtsreichtum und Weltdistanzierungsmächtigkeit
auf immer geeignet sein wird, diesem armseligen Dasein manchmal, sich selber los, eine stille, gleichsam metaphysisch geadelte Vollendung abzugewinnen.
Nachthellsicht (23/42)
Daraus, dass ich nicht schlafen kann,
lässt sich nicht schon wieder ein Gedicht machen.
Dafür ist das Thema einfach zu begrenzt.
Von der Müdigkeit wäre wieder einmal die Rede,
davon, dass man am folgenden Tag
seine Arbeit nicht gemacht bekommt,
gerädert ist, unfähig, sich zu konzentrieren,
und sich auch intellektuell wie sittlich herabgesetzt fühlt.
Aber auch davon,
dass man in diesen Stunden erzwungener Wachheit
bestürzend deutlich erkennt,
dass man definitiv allein,
ausweglos der Zeit und der schleichenden Verknechtung
durch psychophysische Abläufe hilflos unterworfen ist.
Tragende Kleinigkeiten (23/43)/Für Epikur von Athen
(341- 271 v. Chr.)/Für Verehrte
Auch so kann man leben:
Ohne Sex.
Ohne Bekannte.
Ohne Freunde.
Überhaupt ohne jedwede Erfüllung,
die der hedonistisch-übersoziale Zeitgeist
nicht müde wird,
den Menschen als höchstes Gut
und Vollendungsdelirieren,
sozusagen als Sinn-Orgasmus
anzuempfehlen.
Man kann nun mal das Allein- und Fürsich-Sein
angenehmer finden
als das von Propaganda- und Reklame-Sprüchen
durchsetzte Gewäsch von Repräsentanten
der Funktionseliten,
der Lachgas-Schickeria
und der Unterhaltungs-Industrie.
Ersatzweise mag man sich an Kleinigkeiten freuen,
zum Beispiel daran,
dass die Heizung funktioniert,
der Wasserhahn nicht tropft
und die Uhren verlässlich
die regelmäßige Gleichgültigkeit
von was auch immer bezeugen.
Tatsächlich nämlich
braucht man wirklich nicht mehr
als Nahrung, Wärme und Schlaf.
Am Ende wahrscheinlich
wesentlich zufriedener als all jene Jäger
nach konsumtiven Glücken,
die, weil gleichsam hektisch,
ichlüstern und hysterisch von allen getrieben,
doch letztlich so indirekt nur bezeugen,
dass man die allprägenden Grundwerte,
Abläufe, Endzwecke und Brachialzwänge
der kapitalistischen Gesellschaft
und die Wesenswirren aller menschlichen Existenz
nicht begriffen hat:
Verdrängung von Daseinsleere,
Zufallsverfügtheit,
Vergänglichkeit und
ständig vergeblich nagendes
Selbst-Entlastungs- und Sinn-Begehren.
Absurd (23/44)
Ich erwarte überhaupt nichts mehr.
Über stille Abende
gehen meine Wünsche nicht mehr hinaus.
Solange ich gesund bleibe,
die Uhr ticken höre,
fähig bin,
den Kuli zu führen,
will ich es
gut sein lassen.
Es ist absurd,
nach Glücken zu jagen,
die es gar nicht
geben kann.
Der Kapitalismus jedenfalls
muss alle die abschaffen,
die antikonsumtiv
sich auswirkten,
wachstums- und also
wohlstandshemmend.
Das heißt alle,
die den Namen Glück
verdienen.
Weil sie mehr sind
als Augenblicks-Enthemmungen,
zumal hedonistisch intendiert,
reklamehörig imitiert
und selbstwertsüchtig inszeniert.
Ichlädierte (23/45)
Da will man ewig
überrunden.
Obwohl man ahnt,
es winkt kein Sieg.
Das ist das Los
der ichlädierten Kunden:
Sie müssen mimen sich
als Zweck und Überstieg.
Flüchtige Sehnsucht (23/46)
13.27 Uhr ab Stuttgart Hbf.
mit dem ICE 576 auf Gleis 7
nach Hamburg-Altona.
Wie gerne wäre ich
eingestiegen!
Obwohl ich sicher wusste
dass auch um 18.34 Uhr
(Ankunft des Zuges
im Hamburger Hbf.)
die Welt mir trivial und schäbig,
despotisch und langweilig
erscheinen würde.
Was sie tatsächlich ist.
Wiewohl notwendiger-
und unschuldigerweise.
Geistesparadox (23/47)
Vorwürfe kann ich niemandem machen.
Nur mir selbst. Auch harte.
Das ist das Los dessen,
der sein Dasein auf Geist abstellt.
Denn dieser fordert
unbedingte Gefolgschaft
von dem, der ihm dient.
SMS (65)//Zufällig aus einer
Papierhalde gezogen (23/48)
Verkitschungsoffensiven.
Enthemmungskakophonien.
Die motorische Zirkusnummer
als narzisstische Selbstverramschung.
Selbst die Staatsdiener
üben sich in zeitgeistgehörnter
Erregungsmotorik.
Längst Beute egalitär
gesinnungsethischer
Polittugendonanie.
SMS (66)/Zufällig aus einer
Papierhalde gezogen (23/49)
Ich wühle immer öfter mich aus mir heraus.
Ich tu es geistig oder mittels Drogen.
Zumal ich hier war nie so recht zuhaus,
der Wohlstandsmystik nur aus Faktensinn gewogen.
Doch nunmehr ausgerichtet auf das letzte Nein,
erwarte ich den Trost der späten Stillen,
um dann zu gehen dieser schwarzen Erde ein:
Dies Bagno los und seinen Scheinwelt-Willen.
SMS (67)/Gewappnet trauern/
Zufällig aus einer Papierhalde
gezogen (23/50)
Ich habe immer
es gewusst:
Es hat dies Dasein
keinen Sinn.
Ich ließ mir's dennoch
nicht vergällen -
ließ mir verleiden so
nicht eine Lust:
Und ging mir oft
als ihr Beschenkter hin.
Zumal sie auch benahm
mir alles Trauern,
für das, beschied sie mir,
noch Zeit doch wäre:
Als Augenblicke
in dem stummen Kauern
vorm allerletzten Hier:
Dem physisch-geistigen,
dem Allverlust.
SMS (68)//Zufällig aus einer Papierhalde gezogen (23/51)
Worte, Versfragmente, Halbsätze werfe ich,
auch die Welt von mir fern zu halten,
auch mich als Leibdrangsal zu übersteigen,
auch freilich mir meine Artgenossen vergessen zu machen, gehetzt und gleichgültig in Einem
auf das von Kritzeleien schon längst übersäte Papier.
Gesteuert indes auch, ich kann es mir nicht verhehlen,
von jener mir von Anfang an so seltsam urvertrauten Stille, die mich bei meinem Tun jetzt heimlich,
aber bestimmt auch auf sich selbst verweist:
jene Grabesstille, in der ich dann auch von mir selbst befreit sein werde.
SMS (69) spezial/Kapitalismus//Zufällig
aus einer Papierhalde gezogen (23/52)
Er hat aus Armut, Untertänigkeit gerissen,
aus metaphysischen Geborgenheiten,
entfesselnd rationales und Verfahrens-Wissen,
beendend so manch Körperleiden …
Hat nach und nach
ein Massen-Wohlstands-Reich geschaffen,
das einen neuen Menschen sich erzog
mit seinen Waren-, Freizeit-, Spaß-Schlaraffen,
was ihn, verdinglicht, in Gewissensarmut bog,
ihn machte zum entseelten Heiden:
narzisstisch nur sich selbst beflissen;
kurzum: zum sich abstrakt entglittnen,
zum phantasierend lebensfremden Affen …
*
Des Kapitals geniales Meisterstück,
indem’s den Menschen gar nicht anders wollte
- nicht, dass er etwas Ideales sollte -
als wie er eben faktisch ist:
Als Stoffeinheit, die süchtig ist
nach sich, nach Luxus, Selbsterhöhung, Glück,
nach Macht, Genuss, zu lassen andere zurück …
zumal sie’s Ende kennt doch ihrer Frist,
die Macht des Zufalls, diese allprekäre,
ein Leben lang muss sein sich selber Fähre …
gelenkt von Zweckfreiheit benommnem Blick.
Glücke des Augenblicks/
Für niemand im Besonderen (23/53)
Es ist der Augenblick, der zählt.
Und über hin hinaus zählt faktisch nichts.
Wenn es um Glücke geht, aus ihm geschält:
Um solche leiblichen Gewichts.
Die nur in ihm, in ihm allein aufscheinen
und werdend schon vergehen.
Und niemand kann sie je verneinen,
da sie als Selbstverlust geschehen.
Und die mit dir, die werden das bezeugen
bis in die letzten Daseinstage:
Bis dann auch sie der Tod wird beugen
als letzte Schweren auf der Lebenswaage.
Ich-Gral (23/54)
Was soll ich denn von mir berichten,
bekennen, kryptisch lallend von mir geben?
Zumal mich objektive Mächte doch gewichten
als dumpfes, Trieb verfügtes Streben.
Nach Lust und Geld, nach Anerkennung und Bedeuten:
Nach einem Dasein ohne Fragezeichen.
Sich oberflächlich zu vergeuden.
Worin wir alle uns doch gleichen.
Die sich der Markt als Helfershelfer schuf.
Sich selbst als Ich-Gral zu entfalten
durch tiefsten Kreaturen-Ruf,
sich ichverzückt zu weihen Seelenhalden.
Der Gedichte Tiefenintentionen (23/55)
Um mich geht’s nicht.
Und kann es auch nicht gehen.
Was sich da äußert im Gedicht,
ist eines Außenseiters Spähen
auf hochkomplexe Trivialitäten,
auf Zwang und Selbsterniedrigungen.
Versteckt in nihilistischen Gebeten
morbid-perfider Täuscherzungen.
Das spricht aus allen seinen Zeilen,
versteckt sich noch in Einzel-Worten.
Ein unverfälschtes Bild zu feilen
noch aus subtilsten Sorten
des Scheiterns ohne jede Schuld:
Wir sind uns nämlich unverfügt,
vollziehen einen Deutungs-Kult,
der, tröstend uns,
uns um uns selbst betrügt.
Genetische Verfügung? (23/56)
Immer hab ich mich verweigert,
bin für mich allein geblieben.
Einer, der sich geistig steigert.
Gegenwelt verschrieben:
Einsicht, Fakten oder Wahrheitsspuren,
realistisch sich zu greifen.
Nicht sich blindlings zu verhuren
an des Zeitgeists mieses Keifen
vor verlognen Tugendwelten:
Hochabstrakter Korruption
intriganter Niedertracht,
flimmernd von der Seichten Thron
in geschichtlich späte Nacht.
Momentaufnahme am 14.11.2021 (23/57)
Verwahrlosungsjovial.
Verleugnend manche Fakten.
Rhetorisch trivial.
Gezwungen, nur sich selbst zu takten.
Verantwortungs- und tatenlos.
Inkompetent zumal.
Jeder nur ein Gernegroß.
Erpicht auf seine Wahl.
Geeignet auch nicht ansatzweise,
dem Amtseid zu genügen:
Des Mittelmaßes Kreise
der Phrasen und der Lügen.
So Spiegelbild des Ganzen,
dem Niedergang gewogen.
Das leisten hier die Tugend-Schranzen
narzisstisch weltfremd sich verbogen.
Täuschende Oberflächen (23/58)
Die Dinge sind ja oft nicht das,
was sie für uns zu sein doch scheinen.
Und wüssten wir
um ihr auch krudes Was,
wir würden noch viel öfter weinen.
Insofern ist es nicht sehr klug,
die Dinge stets zu hinterfragen,
zumal, wer scharf sie sieht,
entdeckt auch viel Betrug
besonders in prekären Lagen.
Vor allem macht es Sinn,
sich niemals aufzuzeigen,
was jedem Ding zugrunde liegt:
Ein monotoner Reigen,
der radikal uns Tod und Grab verfügt.
Normalverhalten (23/59)
Was war und sein wird?
Nun wer weiß das schon?
Man weiß doch nicht einmal, was ist.
Man schleicht den Fakten doch davon.
Man phantasiert, man quatscht und irrt.
Man lässt sich gehen, kopuliert und frisst.
Und legt sich aus dann als Medial-Fiktion.
Homo sapiens - auf der Zielgeraden (23/60)/Sonett
Das Individuum? Sich selbst nur Relevanz.
Es ist als Kaufkraftgröße dem System ein Ding,
das sich, vom Markt gesteuert, in sich selbst verfing:
sich als Person zu haben in gekauftem Glanz.
Das ist das Endergebnis rationalen Banns.
Evolutionsverfügt: Los einem Sonderling,
den Zufall zu sich selbst entließ aus jenem Ring
natürlicher Gefangenschaft und Ignoranz*.
Er kann sich durch sich selbst vermittelt nur noch haben,
um so, sich selber ausgesetzt, sich zu verfehlen …
als Opfer seiner intellektuellen Gaben,
die nun, auf ihrem Gipfelpunkt, ihm dies befehlen:
Sich zu ergeben technischen Erlösungs-Waben,
subtil entmündigt nicht mehr mit sich selbst zu quälen.
*"Schicksal" der Tiere: Auswegloser Naturbann, dem wir - "biped-hyperhirnig-genial-händisch": technisch - entronnen sind ... um uns selbst in die rationale Falle zu laufen (uns zu "Techno-Knechten" zu machen?).
Also: Naturbann (Tiere) vs. Natur umschaffender
(sie zerstörender?) Ratiobann (Mensch) ...
Mit dem Ergebnis einer technologischen
Selbstentmächtigung (Verknechtung) des Menschen
durch sich selbst?
Weisen autodestruktiver Selbstentmächtigung (23/61)
Die Welt sei schlecht.
Das hör ich immer wieder;
sei tief verstrickt
in Kriege und Gewalt,
sei inhuman, sei ungerecht,
sei längst sich doch missglückt;
ermangle aller Geistesgüter,
die böten Halt,
gewährten Selbstbewahrung …
Gewährten letztlich Zweck und Sinn.
Das ist korrekt.
Sie macht sich zwanghaft nieder …
Geht sich in Ratio-Fallen hin:
Von Gleichungs- und
Verfahrens-Zwängen sich verdeckt …
Und diesem
Perspektiven-Deutungs-Schund.
Vor allem freilich metaphysisch
ohne Hüter.
So oder so … (23/62)
Dass lächerlich es ist,
das weiß ich wohl;
in solcher Zeit
sich Einsicht aufzureiben.
Meint’s doch:
Im eignen Selbstkosmos verbleiben;
ein wenig weltfremd,
stur und ohne Pol.
Indes es andre richtig machen,
indem sie sich
zu Sachen reduzieren,
sich passen so dem Weltlauf an,
sich hinzugeben Dauer-Fun:
Orgasmen, Drogen,
Urlaub, Gieren …
Von Zeitgeistträumen aufgesogen:
geborgen in des Kunden Bann.
Wofür denn Einsicht, wofür Geist?
Doch völlig wert- und folgenlos
in einer Welt, die sich längst selbst entgleist,
die immer mehr liegt Elend bloß.
Frage. Und Antworten (23/63)
Was hieße denn
‚sich übernehmen’ auch? …
In letzter Konsequenz,
sich eingestehen,
dass man nichts weiter ist
als Zufallshauch,
ein Stoffgefüge,
Einsamkeit zu leben,
Bedarfsding,
Lagen ausgesetzt,
die Hybris
und Verblendung weben:
verworren, dunkel
von Gewalt verletzt,
sodass der Selbstverblendung
es bedarf,
entlastungslüstern überscharf
dem Rätsel Dasein zu verwehen …
In Deutungslosigkeiten,
sich zu lügen:
in Sinn-Konstrukte,
die nie tragen,
nur Abstraktionen
in Verwirrung fügen,
sich Zweck- und Halt-Phantome
zu erjagen.
Letzten November in einem Café (23/64)
Ich habe Glück, man lässt jetzt Oldies laufen.
Gelegenheit, sich aus Verstand zu kippen
und in Gefühlchen quasi abzusaufen.
Sentimental erinnernd ein paar Lippen,
die diese Nebelstunde noch mal taufen
auf warme Reste von getauschten Kippen …
in jener Kindheit, auch novemberträchtig;
am Anfang freilich noch der Tränen mächtig.
Gefühls-Messianismus und
Sentimentalitäten-Konsum (23/65)
Das ist doch alles
nicht mehr ernst zu nehmen.
Verspottet jede Faktenlage.
Kann sich zumal auch nicht
dazu bequemen,
sich offen zu gestehen,
dass selbst es auch schon
längst ihn trage:
den faulen Keim
des Niedergangs in sich.
Doch es gelingt nicht mehr,
das zu begreifen.
Da tobt sich aus ein Kinder-Ich,
das trotzen will
und Freiheit keifen.
Das, sprachverarmt,
sich selbst verlor,
Realitäten weltblind ignoriert.
Da tönt ein Infantilen-Chor,
nur noch reklame-
und affekt-versiert,
gefühlsmessianisches Ansich.
Das feiert sich als Weltgewissen
in Tugendheiligkeit;
als Wertgerede,
Ideal zu küssen.
Als wüchse,
statt allein das Leid,
auch Hoffnung noch
für diese Daseinsöde.
(23/66)
Indes man darf auf keinen Fall vergessen
die ichschwachblind geprägten Innenwelten;
die kruden Selbstentfesselungsanfälle;
die Sucht nach Unernst und nach Show-Gehabe.
Zumal, rhetorisch arm, sie Phrasen pressen,
um ihre Geistesarmut abzugelten
durch eine leere Propaganda-Welle,
als Mär von ewig sichrer Wohlstands-Wabe.
Der Zeitgeist? Nun: ist autodestruktiv,
hat eine aggressive Furcht vor Fakten,
verteidigt alle die Verknechtungs-Öden,
in die man, Kunde, freiheitsgierig lief,
um sich nach Zwangsvorgaben high zu takten,
als ob die nicht nur Selbstverluste böten.
(23/67)
Was sich hier anbahnt, ist ein schleichender Verfall
von Freiheit, Selbstverpflichtung und Gerechtigkeit …
kurzum: von Rechtsstaat und von Volksherrschaft zuletzt:
Reflex auf kommandierenden Narzissmus-Drall.
Der provoziert, sich zu ergehn in Formel-Schwall,
auch weil man nicht erkennt die Fallen dieser Zeit:
Erlebnissucht, die in ein Trance-Bedürfnis hetzt;
und zwar notwendig … dürrer Seelen Widerhall.
Wie kann man da noch irgend Hoffnung für sich hegen,
dass grade dieses Deutschland eine Zukunft habe,
sich von den eignen Blößen könne noch erholen:
Wie Selbsthass, Feigheit, Dekadenz, Entpflichtungs-Trägen,
Parteien-Ohnmacht: Staatsversagen anbefohlen …
bevor es Selbstentmächtigung in sich begrabe?
Der Mensch ist fort II (23/68)/Sonett
Das kann man als Politschauspiel vergessen:
Die Tugend als mediale Hysterie.
Betreuungsstadel für das Wahlstimmvieh,
das freilich darauf ist nicht grad versessen.
Ja, selbst die Mimen können’s nicht ermessen.
Beschwörer doch narzisstischer Magie,
beliebig wechselnd ihre Strategie
im Dienst von bloßen Machtsuchtinteressen.
Der Mensch ist fort, ist nur noch Körperware,
die ihre Deklassierung muss verdrängen.
Sich überlassend der Konsumkandare,
sich zum Bedürfnisbüttel zu verengen.
Auf dass man in Reklamehimmel fahre,
um einzugehen Markt- und Gleichungs-Mengen.
Wesensmängel (23/69)/Sonett
Tatsächlich habe alle Hoffnung ich verloren,
was Sachlichkeit angeht, Vernunft und Einsichts-Macht.
Ist uns doch dieses Dasein nur noch Wohlstands-Schlacht:
Ein Selbst-Erhöhungszwang, uns Menschen angeboren.
Der macht, dass sich in Dauer-Kinderei verbohren,
in Geistentmächtigung als Rausch und Spaß-Andacht
hilflose Menschen, flüchtend sich in Waren-Pracht,
apathisch-traumweltlüstern selbst sich nur verschworen.
Demokratie und Rechtsstaat gehen wohl zu Ende,
zumal schon immer elitäre Geist-Vorhaben,
die nichts vermögen gegen unsre Grundbestände:
Die analytisch-technischen Verstandes-Gaben,
Pleonexie, zuletzt der Sprache Deutungs-Spende:
An Groß-Fiktionen sich: Entlastungs-Trance zu laben.
Überfluss und Psychen-Kälte (23/70)/Sonett
Der Mensch wird immer mehr substanzwertlos,
will andre überragen, gar verachten.
Er braucht das, um sich selber was zu sein:
Grad weil die Fakten ihn was andres lehren.
So hält er Haben hoch, Macht, Geltung, Schoß,
muss drastisch nach Prestigegehabe trachten,
zumal in jedem Augenblick allein:
Orientierungslos vor Deutungs-Leeren.
Doch will ich gerne auch mich wiederholen:
Schuld, Freiheit, Würde kann es gar nicht geben.
Sind wir doch nur Materie-Gebilde,
verfügt, in Widersprüchen uns zu polen,
uns zu verhehlen, dass wir sinnlos streben …
Doch ohne Gott, Moralkraft, Wesens-Milde.
Verbraucher (23/71)/Sonett
Es brechen an des Westens letzte Jahre;
die tief verinnerlichter Daseinszwänge:
Man tobt sich aus als Freizeit-Konsument,
verdinglichungsbeseelt entpflichtungsmild.
Man kalkuliert sich selber schon als Ware,
erlebt sich als ein Gleicher einer Menge,
die nur noch für Erlebnis-Trancen brennt,
da man in diesen sich vollendet gilt.
Indes gerade dann sich selbst abhanden,
da permanent von außen doch gesteuert,
benommen so der eignen Urteilskraft:
Man fühlt entlastet sich in Spaßwelt-Quanten,
zumal der Zeitgeist einem auch beteuert,
dass die nur böten einem Selbstwert-Haft.
Politische Implikationen des gängigen
Wohlstands-Rausches (23/72)/Sonett
Der Wohlstandsrausch wird letztlich selbst sich ruinieren:
nämlich die psychoethisch-geistig-kulturellen
Bestandsgrundlagen noch intakter Volksherrschaft,
die sich als Kunden-Paradies nicht halten kann:
System von Marktmonaden, die auf sich nur stieren,
verfügen sich an schiere Hedonismus-Quellen:
Gediegner Selbstverfügung Unterdrückungs-Kraft,
die längst schon führt Bewusstseins-Prägungs-Zwänge an.
Indes die kratisch* kaum begabten Staats-Eliten
Demokratieverlust durch Geistesniedergänge
gar nicht begreifen, da gewissensarm zu schal.
So gar nichts bieten als banale Tugend-Mythen,
sich Chancen zu erhaschen für ihr Machtgemenge;
heißt: Ihr Gehabe wird einst enden ohne Wahl.
*kratisch hier: politisch
Ideale und Existenz-Faktizität (23/73)/Sonett
Nun ja: Man hängt an seinen großen Idealen.
Hat man primär sie durchaus selber nötig doch,
sich unsres Daseins Faktenwirren zu entziehen,
die man nicht sehen will, weil könnte nicht ertragen.
Sie lassen hoffen uns, zu lösen unsre Qualen,
zu meiden letztlich aller Kreaturen Joch,
dass sie nicht Gott, ausschließlich Stoff nur sind gediehen,
ihm wieder hinzusinken einst an späten Tagen.
Wir waren immer - und wir werden sie auch bleiben -
des Stoffes Laune, seine Zufalls-Übertiere,
uns objektivem Nihilismus aufzureiben:
Brutalität, Gewalt, Husch einer Sehnsuchts-Schliere,
der auch, wie jene, muss uns in Versagen treiben,
nur dass er sanft mit Lebenslügen uns verführe.
Die gesellschaftliche Irrelevanz des Geistigen (23/74)/Sonett
Die geistige und die gesellschaftliche Welt
sind völlig fremd sich, können nicht vermittelt werden.
Die geistige, die will sich metaphysisch erden,
indes die andere bestimmen Macht und Geld,
durch die allein sie faktisch sich zusammenhält:
Zumal sie radikal bestimmt auch alles Werten,
definitiv legt fest die relevanten Fährten:
Wer es nach oben schafft und wer in sich verfällt.
Das Geistige kann keine Relevanz mehr haben,
zumal’s den Konsumenten auch ein Rätsel ist.
5ie wollen sich an Ichsucht, Vorteil, Spaß-Mohn laben,
verlängern ihrer Freizeit-Süchte Zeitgeist-Frist,
verachtend Bildung, Einsicht, personale Gaben,
die ihnen deuten könnten ihres Rausch-Kults List.
Der Niedergang der Person* (23/75)/Sonett
Der Westen? Nun: Ist kulturelle Öde
depersonalisierter Konsumenten,
Erlebnis-Gilde, die sich selbst erhöhte,
um einst in Selbstverachtungszwang zu enden.
Als ob ihr Lebensstil noch Inhalt böte,
sich gegen Dekadenz-Vollzug zu wenden.
zu offenbaren sich die eignen Nöte,
die einen unbemerkt doch selber schänden.
Indes sie können sich nicht mehr gelingen,
verdammt dazu, sich selbst herabzusetzen,
weil sie mit Lust- und Trance-Gefügen ringen,
die in Entmächtigungen sie dann hetzen,
in diesen dann beseelt sich darzubringen
den Gurus, die sie mit Phantasmen letzen.
*Nach I. Kant: Das Sinnenwesen, heute: Kunde, Verbraucher, Lust-Pfleger (G. Benn) usw. genannt
Idealistische Ideologen und an Lebensfakten
gebundene Menschen (23/76)/Sonett
Nie habe ich verstanden Intellektuelle,
die Ideal, Gesinnung und Moral hochhalten.
Den Menschen vorzugaukeln eine Daseins-Helle,
die, umgesetzt, sozial sie würde nie mehr spalten,
weil überwunden hätte das Sozial-Gefälle;
um Gleichheit dann, Gerechtigkeit auch zu entfalten,
dass Solidarität würde Gesellschafts-Quelle:
Der Sozialismus der Entfremdungs-Freien walten.
Dass jene hin sich geben bloßen Illusionen,
liegt auf der Hand: Der Mensch ist Zwang, an sich zu denken.
Er weiß genau: Das Leben bietet keine Kronen,
wird ihn gewöhnlich eher nicht mit Glück beschenken;
ihn meistens auch mit Widersprüchen nicht verschonen.
Ihn gar in Trauer, Selbstverlust und Scheitern lenken.
Diese vorstehenden 8 Sonette versuchen, anzudeuten, nahe zu bringen, verständlich zu machen:
(1) Wohlstands-Erwerb, -Optimierung und -Genuss-Intensivierung vermögen keinen Daseinssinn zu garantieren (allenfalls eine konsumtiv fundierte Daseins-Intensivierung); im Gegenteil: Sie fördern ein Netz aus:
(a) sich schleichend intensivierender Pleonexie
(Ich-, Hab-, Macht- und Genuss-Sucht:
Gängigkeits-Materialismus. Pleonexie ist für uns wesenstypisch; wir entrinnen ihr nicht)
(b) wachsender Erlebnis-Lüsternheit
(c) zunehmender Unfähigkeit, Abstand zu sich selbst zu gewinnen (Folgen: Infantilismus, Emotionalismus, Subjektivismus)
(d) psychoethischer Korrumpierbarkeit (soll heißen:
Man will von all dem, was einem das "schöne = hedonistische Leben" vergällen könnte, nichts - oder nicht allzu viel - wissen
(e) und geistigem Zerfall (gekennzeichnet durch schleichenden Atheismus, politische Naivität, gesellschaftlich-soziale Gleichgültigkeit, Seelenkälte
und personalen Selbstverlust)
Bemerkung:
Ich erwarte freilich, dass das Wohlstands-Niveau in Zukunft global sinken wird; etwa weil
(f) die liberalen Demokratien nach und nach verschwinden werden (Despoten, totalitäre Parteien - "linke" und "rechte" - und Mammon-Oligarchen werden versuchen, sich an deren Stelle zu etablieren - vielleicht mit Erfolg); es werden also die westlichen Demokratien sog. Oligarchien weichen, die östlichen Diktaturen sich teils festigen, teils destabilisieren
(g) die ökologischen Probleme werden zunehmen
(h) militärische Bedrohungen entsprechende - sehr kostenintensive - Maßnahmen erfordern; wobei es sein kann, dass Kriege - selbst ein Weltkrieg - gar nicht werden vermieden werden können (etwa aus ökonomischen Gründen)
Psychoethische Verwerfungen werden - unten und oben - zunehmen, schon weil der Mittelstand erodieren wird.
Gehört man eher zu den gesellschaftlichen Verlierern, also zu denen, die es nicht - oder kaum - geschafft haben, mit Wohlstand gesegnet, ihr Leben zu gestalten: Ihren Eudämonismus und Hedonismus rücksichtslos auszukosten/zu genießen, wird man sich - und das eher mit Recht - fühlen als „Underdog“, „Verlierer“ usw., also als
(i) wertlos (unbedeutend)
(j) bedeutungslos
(k) vernachlässigt/übergangen
(l) betrogen
(m) ungerecht behandelt
(n) ausgebeutet
ohne noch eine politische Vertretung zu haben, die wenigstens so tut, als würde sie sich um einen kümmern
Während die, die zu den Privilegierten gehören werden - an gesellschaftlich-sozialen Fragen desinteressiert, denn: jeder sei selber seines Glückes = Wohlstands - Schmied - in Saus und Braus leben werden, alles dafür tuend, dass sie ihr Vermögen vervielfachen können, als Tycoons (s. USA) gelten dürfen, angehimmelt, bewundert, beneidet, eben weil sie werden vorleben können, was der Traum aller ist: Möglichst viel zu gelten, möglichst viel zu haben ... ohne etwas Besonderes zu sein: etwa eine einsichtsvirtuose Person. Wie gesagt: Ich rechne mit dem Niedergang der sog. Demokratie. Also: Ich glaube, dass der Westen - die USA und Europa - an ihren Wohllebens-Exzessen und deren Folgen (gesellschaftlichem Verfall) nach und nach zugrunde gehen werden. Ich rechne damit, dass China auf die Weltherrschaft abzielt, vermag aber nicht zu beurteilen, wie Russland zukünftig sich darstellen und agieren wird. Dass die gerade getätigten Äußerungen nicht gerade tiefsinnig-detailreich sind, gebe ich zu: Ich wollte mit ihnen nur eine allgemeine Orientierung, was die Aussagen/Inhalte meiner Gedichte anbelangt, geben: Meine pessimistische Sicht der Zukunft.
Gedicht über uns Heutige (23/77)/für den italienischen Philosophen Umberto Galimberti*
Immer mehr sind wir uns Mittel:
Selbstwertarme Konsumenten,
Technik-, Markt-Reklame-Büttel,
die sich selbst und andre schänden:
Sich in andern selbst erhöhen,
nutzen sie als Selbstwert-Quelle.
Blinde Opfer, Ich-Spielbälle,
die sich um ihr Zweit-Selbst drehen:
Marktvermittelt; allgleich; leer.
*Dieser sagt:
“Was in der Liebesbeziehung gesucht wird, ist nicht der andere, sondern die Selbstverwirklichung durch den anderen … Das Du wird zum Mittel für das Ich.“ So ist es.
Es folgen (in der Mehrzahl Sonette), die ursprünglich gedacht waren für die Seiten 39 – 47 (Seiten, die meine Weltanschauung enthalten).
Späte Formen menschlicher Selbstverstricktheit (23/78)/Sonett
Was sollte ich - und wen? - da kritisieren?
Die Menschen sind nun mal nicht rational.
Selbst wenn sie ein sich lassen auf die Zahl:
Sie müssen Illusionen sich verlieren.
Zumal auch längst entwöhnt zu reflektieren.
Das wäre für die meisten eine Qual.
Und Angstquell: Ist doch alle Einsicht schal,
muss ihrem Wesen nach an Scheitern rühren.
So spreche ich mich aus für Illusionen,
für Kindereien und Verdrängungsketten …
Für alles, was uns kann mit Spaß belohnen.
Denn auch die Einsicht wird uns nicht mehr retten.
Wir sind nicht fähig, geistig uns zu schonen.
Sind Schöpfer trauerdichter Daseins-Stätten.
Ich finde Worte (23/79)
Ich finde Worte
wofür immer.
Ich finde sie,
selbst nichts
zu sagen.
Sei’s, um zu leugnen,
es sei schwer,
sich ohne Lügen
selbst zu tragen.
Sei’s, um mir Halt
zu mimen
in intakten,
wenn auch
sehr späten
Geistes-Lagen.
Sei’s, wem auch immer
einzureden,
uns hielten mehr
als ein paar
Seelentrümmer,
dass wir nur müssten
aus uns selbst
raus treten,
zu sehen manchen Glücks
Verheißungsschimmer.
Innenwelt-Zersetzung 23/80)/Sonett
Erbärmlichkeit und Stumpfsinn zu vermeiden,
das ist nicht leicht in einer Welt der Daten,
der Zahlen, news und aufgeblasen faden
Verzückungschancen sinnverlassner Zeiten.
Man muss sich wappnen vor den Niedrigkeiten,
in die man ziemlich schnell doch kann geraten,
weil, ausgesetzt Entwirklichungs-Diktaten,
man, bodenlos, sich wird berauscht entgleiten.
Wir sind die Opfer einer hochsubtilen
Zersetzung wertgetränkter Innenwelten.
Verführt, uns sittlich selber zu verspielen
und zu verschreiben Posen, Spaß und Gelten.
Wir haben nichts mehr, das uns noch bezelten
und retten könnte vor Entseelungs-Kühlen.
Die anonyme Misere (23/81)/Sonett
Vergänglichkeit, Vergeblichkeit und Scheitern
sind das, was oftmals aus uns macht im Ganzen;
sind gleichsam homotypische Instanzen,
uns doch geworden zu Gefühls-Begleitern.
Entlasten mag‘s, zu klettern auf den Leitern
sozialen Aufstiegs zu Erfolgsbilanzen,
weil dann als Sieger man sich darf umtanzen.
Obwohl’s nie reicht, sich so nur zu erweitern.
Man kann nur hoffen, dass man jene meide,
wodurch auch immer einem sei‘s gewährt;
so dass nicht dauernd man ihr Werk erleide,
wohl wissend, dass es in die Kerne fährt
und einen hilflos von sich selbst abscheide,
wenn dann sich einem dieses Dasein klärt.
Kapitalismus, Technik, Naturwissenschaften (23/82)/Sonett
Dass meines Daseins Souverän ich sei,
das anzunehmen wäre doch vermessen.
Vielmehr: Mein Dasein ist Organdrang, dessen
Bedeutung objektiv ist einerlei.
Ist es doch Spielball jener Großen Drei:
die’s Reiz, Objekt und Abstraktion einpressen.
Und als Begehr-Gewalten gar nicht messen,
ob ich ein Würdeträger sei und frei.
Allein: Es wäre ganz absurd zu glauben,
das wäre steuerbar durch uns zuletzt.
Nein. Unsre Ratio zwingt uns, uns zu rauben
- ob’s diese Welt nun schont, ob’s sie verletzt -,
was sich verwerten lässt als Fortschritts-Trauben …
Von Rücksichtslosigkeit und Macht gehetzt.
Das Glück (23/83)
Es liebt wohl die,
die es nicht zwingen.
Nicht mit ihm hadern,
ihm nur dankbar sind.
Die Zarten etwa
und die wissen
um seine Scheu
und Seltenheit.
Die leise sind,
wenn’s unverhofft
sich einer Stunde würfelt
und dann schenkt.
Und dann
genommen wird
wie es nur ihm,
nur ihm geziemt,
dem Wählerischen …
heißt: kyrenisch* heiter,
genauso leid- wie trauerlos.
Wenn es sich gibt,
Wenn es verweht.
*Kyrenisch: bezieht sich auf die Stadt Kyrene,
aus der Aristipp (der Schüler von Sokrates) stammte,
der die Lust als das höchste Gut ansah. Indes:
Lust geht zwar mit Glück einher, indes ist nicht jede Form von Glück entspringt der Lust. Aristipp war selbstmächtig genug, sich autonom (frei, nicht drastisch gierbefangen) gegenüber der Lust zu verhalten;
darauf zielen die letzten vier Zeilen des obigen Gedichts.
Alptraum-Szenario (23/84)
Sie können nicht mehr trösten: Späte Geist-Asyle.
Als Gottvertrauen und Naturgeborgenheit.
Und auch als selbstverständlich gilt so gut wie gar nichts mehr.
Man existiert zumal, gebunden ständig an Kalküle,
droht zu verlieren sich dann auch als Selbstwertkleid,
zumal verbracht in ein verführerisches Waren-Meer.
Das Haben anpreist, Lust und Emotions-Gewühle,
verspricht ein hedonistisch reines Spaß-Geleit:
Den Ich-Vollzug bar jeder Form von Gegenwehr.
Man ist als Kunde Teil ganz später Trugwelt-Spiele,
durch die man torkelt als geprägter Daseins-Scheit:
Monade ohne Wissen, diffus verängstigt, leer.
Was alles enden könnte gar in einer Blutrausch-Mühle:
In einer dann global brutalen dunklen Zeit
goutierter Grausamkeiten ohne Ziel-Umkehr.
Prosafetzen (379) (23/85)
Von Kindheit an nicht selten innerer Leere,
Halt- und Orientierungslosigkeit,
Angst und Gleichgültigkeit
und dem kommandierenden Grundgefühl
unüberbrückbaren Alleinseins unterworfen,
war ich dann lebenslang angewiesen
auf einen scharfen Verstand
als illusionslose Faktenausdeutung
und ein realistisches Menschenbild …
angewiesen - weiter - auf Feinsinn:
Das intuitive Erfassen der seelischen
Verfassung anderer, zumal
gesundes Misstrauen, Eingebungsvirtuosität
und wirklichkeitskonforme Einschätzungen
menschlicher Grenzen und Fähigkeiten,
schon allein um die wesensträge Pleonexie
und Irrationalität, Apathie und infantile
sei’s metaphysische,
sei’s ideologische,
sei’s emotional zwangshedonistische
und ritualisierende Bedürftigkeit
nach Illusionen meiner
durchschnittlichen Artgenossen
einschätzen zu können,
Mitmenschen, die kaum je auf die Idee verfielen,
geistige Verantwortung für sich selbst
zu übernehmen
(zumal oft gar nicht begriffen hätten,
was diese denn wäre, beinhaltete,
erforderte, nach sich zöge),
unfähig so zu Begriff,
Selbstdistanz und Schuld.
Erklärende Bemerkungen über das
Verfassen von Gedichten (23/86)
Nicht eins, das auszuführen
nicht gelohnt sich hätte.
Weil jedes war zugleich
mir doch auch Einsichtsstätte.
Erlaubend mir,
nicht nur an Welt zu rühren;
nein, auch dieselbe zu begreifen,
sie geistig-analytisch
mir zu buchstabieren.
Bis in die Kerne so
mich selbst zu streifen
als ihre rauschhaft-dionysische
Materie-Doublette:
Determiniertes Zufalls-Gieren:
mich apollinisch*
vor mich selbst zu schleifen,
um einzusehen,
dass notwendig ich
muss an Bedeutungslosigkeit
in Nichtsein mich verlieren.
*Soll heißen: Als determiniertes und endliches Zufalls-Gieren,
dem „Erkenne dich selbst!“ des Gottes von Delphi folgend
Fortschreitende Auflösungserscheinungen (23/87)
Fehlen Selbstverständlichkeiten,
dann auch die Moral,
die noch könnte pflichtnah leiten:
metaphysisch und sozial.
Dann zerfallen auch die Seelen,
Menschen werden selbstwertschwach:
müssen inszeniert sich quälen,
wie der Markt sie hält in Schach.
Korruption wird das Normale,
weil dann Typen Macht gewinnen:
charakterdürftig-geistlos-schale,
die auf Privilegien sinnen.
Letztlich fallen Volksherrschaft,
rechtlich bindende Strukturen,
schwindet jede Ordnungskraft,
blühen Diktaturen.
Mit Grund so nüchtern hoffnungslos (23/88)
Wenn mich der Gedanke
meines baldigen Endes heimsucht
- schließlich bin ich schon 74 Jahre alt -,
dann denke ich auch daran,
was mir alles erspart bleiben wird,
sollte ich denn bald sterben.
Vieles, nehme ich an,
was mir mein Dasein vergällen würde ...
Politischer Radikalismus,
psychoethische Verwahrlosungslüsternheit,
Armut, Korruption, Ausbeutung -
gesellschaftlicher Niedergang überhaupt ...
Lebe ich doch heute schon
in einer einheitslos-inhumanen,
zumal auch verlogenen,
substanzkorrupt-unglücklichen Gesellschaft
ihrer selbst nicht mehr mächtiger
Wirklichkeitsverweigerer.
Systemopfer (23/89)
Ich bin wie du
ein Kind der Zeit,
ihr so wie du
brachial verhaftet.
Wie du Monade
ohne Haltgeleit ...
Monade,
die das alles
nicht verkraftet.
Aus Resten zugefügt
Ampel an der Bushaltestelle (23/90)
Der Schnee umtaumelt Abgasdämpfe.
Die Haltestelle rostet fort.
Ein Obdachloser hustet Krämpfe.
Der Straßenkehrer schiebt Akkord.
Ich lass den vollen Bus passieren
und schau den weißen Flocken nach.
Kann’s sein, frag ich, dass Steine frieren?
Die Gehsteigflächen liegen brach.
Ein Mädchen streift die Neonleuchten.
Der Penner starrt sie bettelnd an.
Sie träumt wohl schon von wärmren Feuchten.
Der nächste Bus rollt ein laut Plan.
Ich lass den Wagen an und fahre.
Der Scheibenwischer klärt den Dunst.
Am Zebrastreifen turteln Paare.
Der Ampelbogen wirbt für Kunst.
Die hedoträumerisch verkannte Sause/Erinnerungen
an die 68er (23/91)/Sonett
Sie warn politisch emotionsbesoffen,
ihr Sinn für Wirklichkeit begriffsverstellt,
von nicht verstandnen Dingen tief betroffen -
und brauchten doch, wie andre, auch Geld.
Da war ein unbestimmt naives Hoffen
auf eine bessre und gerechte Welt:
Befriedigung sei jedem Drang dann offen,
da, menschlich gütig, jeder jeden hält.
Man kritisierte den Konsumterror,
den die Bevölkerung so herrlich fand,
und opponierte gegen Spießernormen.
Man tat sich straßenkämpferisch hervor
in einem vielfach dekadenten Land …
Und frönte showbeseelt Narzissmus-Formen.
Moral unter kapitalistischen Daseinsbedingungen (23/92)
Dass die Werte verfielen,
das kann man schon sagen.
Weil die Umstände spielen
mit den seelischen Lagen.
Und dass die einen lenken -
doch nicht eigner Entschluss -
Das kann man niemand verdenken,
weil’s jeder hinnehmen muss.
Und dass man Diffusem verfällt,
inszeniert als Gefühle,
so dass nicht mehr Wert einen hält,
nur noch die Freizeit-Mühle,
ist auch klar, ist konsequent,
weil Spaß ist dann Hauptziel,
setzend jedweden Trend,
sich selbst zu erleben als Daseinskalkül.