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Prosafetzen (80) (21/1)

Niemandem sollte ich
mich zumuten:
Zersetzungsträger,
Verfalls-Biont,
Ichsuchtsöldner
und Gramspezialist.
Als welche ich
stündlich lebe.
Unwiderruflich.
Euch andern darin
so exemplarisch
haltlos verschwistert.

Meiner archetypischen Blonden aus Königsberg, 
einem untergegangenen Deutschland/Für Dizlo (21/2)2

Ich stehe am Fenster.
In der Nacht.
Ein dichter Schnee fällt.
Ich warte auf dich.
Weil der Schnee fällt.
Aber du kommst nicht.
Du kannst auch gar nicht kommen.
Du bist ja schon lange tot.
Trotzdem stehe ich weiter am Fenster.
Und starre, das Mondlicht gewährt’s,
in den dichten Schnee.
Und warte auf dich.

Indes warum,
wenn du doch längst
da draußen liegst?
Gliederlos ascheschwarz.

Um jener stillen
Vollendung willen.
der meiner frühen Kindertage,
wieder und wieder
erfühlbar mir,
denk ich an dich,
die Tote da draußen:

Magisch mir diese
erfüllend ...
zart im Gestöber
der rieselnden Flocken:
weltlos,
wirfern,
ichleer,
wieder bergend mich
in weißem
Sehnsuchts-Totenland.

Immer werde ich so warten
auf dich nachtschwarz-archetypische
Flocken-Fee,
aus Königsberg in Ostpreußen.
Auf dass du mir
jene Vollendung noch mal bringest,
du meiner Sehnsucht Trägerin,
der nach nichtender Stille …
Erlösung von mir zu gewinnen
und all meinen
rüden Verfallsagonien.

Packende Rhetorik (21/3)

Was war ich nicht schon um die froh!
Sie dient primär mir als soziale Waffe,
als Distanzierungsmittel und Respektdepot.
Auf dass ich mich der Welt entraffe.
Vermöchte manches gar nicht ohne sie:
Sei’s andere in Bann zu schlagen,
sei’s sie zu treiben in manch Aporie*,
sei’s sie auch über sich hinauszutragen.

Das alles tu ich, mich zu schützen:
Schauspielerei zu meiden, Lügen, Blenden,
Funktionseliten, Stars und Tugendspitzen …
Mich deren Trug nicht zu verschwenden.

*Aporie griech.: Ratlosigkeit, Verlegenheit

Eingeständnis V (21/4)

Nie habe ich vertraut auf intellektuelle
Prinzipien, wie den Satz von Kant,
nur die Vernunft sei reine Quelle
von Würde, Willensfreiheit, sei Garant
für unbedingtes Handeln von Personen.
Tatsächlich sind wir gar nicht frei:
Determinierte Hyle-Drohnen.
Im Kampf um Selbstwert, Lust und Wohlstandsbrei,
Prestige, Entlastung, Traumsud zweiter Hand.
Uns selbst und andern Instrumente,
getaucht in rationale Ignoranz.
Auf dass das Selbst sich dem Befehl hinspende,
sich zu erhöhene in geliehnem Glanz.
Wir feiern uns als Wertsubjekte,
als Gattungswesen hirnkomplex herausgehoben.
Uns Hybris-, Logos-Allmacht-, Endzweck-Sekte.
Um faktisch Ichsucht nur zu toben.

Bodenlos für sich stehen (21/5)

Ich wäge meine Angestellten-Leeren.
Obwohl das sinnlos ist. Ich weiß.
Denn sich in ihnen zu verzehren,
ergibt nicht einen festen Deutungskreis.
Nicht eine Ordnung, keinen Halt.
Indes den gibt’s wohl nirgendwo,
weil man sich stets an Illusionen krallt:
Behelfsausflüchte, meistens roh.
Weshalb ich mich für unfrei halte:
In jeder Hinsicht festgelegt:
Für eine Art Verschaltungs-Halde.
Als Organismus Zufallslos.
Von Stoff, Gesellschaft, Trieb und Traum bewegt
durch eine Welt von Trauer-Meeren.

Spätzeit-Mythe (21/6)

Schund liquidiert das Gerüst,
das mal trug,
in Zeitgeist negiert,
der Gehalt sich entschlug,
blieb nichts als die Mythe,
dass Wert sich noch lohne,
dass auch noch, wer Niete,
wer Abklatsch-Schablone,
Subjekt und Person sei,
nicht Trieb-Automat,
sei Selbst der Substanz-Drei
von Recht, Würde, Staat.

Monade (21/7)/Sonett

Man steht allein, schroff gegen sich und alle.
Ist jedenfalls ganz auf sich selbst gestellt.
Geht Deutung, sich und andern in die Falle.
Erfolg vor allem, Gelten, Sex und Geld.
Und weil man so viel auf sich selber hält,
bemerkt man nicht, dass man zuletzt Gelalle:
Prekärem Zeitgeistdruck anheim doch fällt …
Gesellschaftsdespotie und ihrer Kralle.

Ich hab das längst begriffen und vermeide,
mich nur nach Wohlstandsgrößen auszurichten.
Damit ich nicht nur durch Phantasmen gleite,
den Markt-Vollzügen feilen Psychen-Schichten:
Mich nur Erlösungstingeltangel weite,
Erlebnistaumel nur noch zu gewichten.

Was ich nicht will (21/8)/Sonett

Ich will das nicht. Ich will’s auf keinen Fall:
Mich dieser Wohlstandslethargie verschreiben.
Um so in eine Innenwelt zu treiben,
die nur noch Spiegel wäre, Form und Ball
der Inszenierung von Effektkrawall:
Totalerregung, um sich abzutreiben:
Den Massenlebenswerten aufzureiben …
Pleonexie verfallnem Zeitgeistdrall.
Und das bedeutet auch, dass ich verzichte
auf Sinnsuchtfron, Dazugehören, Horde.
Dass ich mich anders als gewohnt gewichte.

So etwa nicht besuche Traumweltorte,
damit nicht eines ihrer Glücksirrlichte
ins Netz mich treibe geistiger Aborte*.

*Abort: Fehlgeburt, Abtreibung

Ein Ausweg (21/9)

Schweigen.
Harren.
Zögern.
Besondern.
Ablassen.
Im Schlepptau
von Vergänglichkeit,
sich still und
strikt für sich
auf jenes Nichts hin
gelassen abtragen.
Und sei es nur,
um die kriecherischen
Nichtigkeiten
eines glücksfeindlichen
Kapitalismus
taumelnd vor Hellsicht
gegenhörig zu meiden.

SMS//Zufällig aus einer Papierhalde gezogen (21/10)

Schon morgens inzwischen
danken die Vollstunden ab.
Sich als identische verirrend
im Scheingleiten sich permanent
wiederholender Gegenwart.
Das ganze Leben tendiert längst
zu einer zeitlosen Schicksalslosigkeit
zwischen Lust, Leistung
und Entlastungsfatalismus.

Erwachen (21/11)

Wie oft entlarve ich Erinnerungen,
die gar nichts weiter sind
als Konstruktionen:
Ein nie Reales,
indes sehnsuchtstief Erwünschtes,
das ich mir eingeredet hatte

Wenn man erkennt,
dass man sich vorlog nur,
man könne,
was und wer man ist,
erweitern,
um dem zu entkommen,
was man
als unabänderliche Prägung weiß …
Dann wird auch das,
was immer schon
die vage Ahnung war, 
zuletzt gewiss:

Man ist für sich allein,
ist’s radikal,
ganz unbegreiflich
Du und sich,
ein eigener Bestand.
Derselbe. Fremd.
Fremd bis hin zum Grabesrand.

Auch eine Wahrheit (21/12)

Das empörungsaggressiv-fundamentalistische 
Bekunden von tabuisierender Kommandomoral
ist letztlich auch eine sublime Verschleierung 
von sachlicher Inkompetenz, politischer Hilflosigkeit 
und ideologischer Desorientierung.
Es ruiniert den Realitätssinn,
fördert intellektuelle und geistige Selbststrangulierung
und bringt unweigerlich überproportional viele 
Wirklichkeitsverweigerer: politisch Unfähige ans Ruder.

Reime (21/13)

Erzwinge mit Bedacht 
oft Reime.
Das fordert mich, 
hält letztlich mich stabil.
Es gaukelt Rundung vor.
Es weist 
auf Ordnungskeime.
Indes bewusst mir
als ein bloßes Spiel:
Entlastungskunst für mich,
der toter Geistmacht 
sich verschwor.

SMS//Zufällig aus einer Papierhalde gezogen (21/14)

Bedrückende Hellsicht, dieses Gedicht:
Dieser zwangsverwahrlosten Gesellschaft 
ablauschend,
was sie wohlstandsschauspielerisch
und Ideale hechelnd verdrängt:
Ihren manischen Wunsch, 
von sich selbst befreit,
ziellos entpflichtet zu werden.
Ihrer Grundlagen müde
und einsichtsfeige außerstande,
sich geistig noch zu behaupten.
Übersieht sie doch,
dass ihre Mitglieder vor lauter Genuss
und zerstörerischer Rationalität
glücksunfähig geworden sind …

Im Übrigen schon von Anfang an
sich selbst anheimgefallen,
sozusagen konstitutionell zwangskommandiert:
Bipede Werkzeug-Hersteller,
als solche, würden sie nicht ausgelöscht,
die Technik-Virtuosen der Zukunft.
Freilich als diese dann auch
drastisch auf Selbstzerstörung erpicht.

Hinüberdämmern I (21/15)

Die Lethe* wird sich selber trinken.
Mehr kann ich wirklich nicht verlangen,
wenn dann die Schatten und die Hellen sinken;
verzehrt sich hat auch alles Bangen.
Dann werd ich Weitres nicht mehr merken.
Ich werde aus der Zeit mich lösen,
zu toter Stofflichkeit mich zu verzwergen.
Materiellen Größen.
Nichts wird da auferstehen, niemand strafen.
Nichts bleiben, was sich weiter trüge.
Es gibt ihn nicht, der Jenseits-Hafen.
Wie’s keine Schuld gibt, Freiheit oder Siege.
Wer will das Ganze denn bewerten?
Wer kann’s als Lust, als Ratio oder Traum begreifen?
Nunmehr ein Ort von psychisch Ausgezehrten,
die Dingsucht müsssen sich verschleifen.

*Lethe griech.: Vergessen; in der Unterwelt Fluss des Vergessens

Leichte Variante: Hinüberdämmern II (21/16)

Die Lethe wird sich selber trinken.
Mehr könnte ich auch nicht verlangen,
wenn mir einst Ich und Leib entsinken
und sich verzehrt hat letztes Bangen.

Ich werde Weitres nicht mehr merken,
fängt doch der Rest schon an, sich aufzulösen,
um sich den Stoffen wieder einzubergen:
subatomaren Schößen.

Nichts wird da auferstehen, gar nichts strafen,
nichts bleiben, was sich weiter trüge.
Es gibt ihn nicht, den Jenseits-Hafen.
Wie’s keine Schuld gibt, Geltungswahrheit oder Siege.

Wer kann das Ganze denn bewerten?
Kann er’s doch rational nicht greifen.
Für Sinn muss er in Gott sich erden:
sich dem als ungreifbare Trance verschleifen.

Von innen geschoben (21/17)

Mir fehlt der Sinn für Zeitgeist-Überstiege.
Verpflichtet nur Realitäten.
Auf dass mich nicht noch mehr verbiege
der Seelenaussatz dieser Kunden-Späten.
Befehl wohl meiner zufallsstarren Gene.
Der mehr als alle Tugend motiviert.
Der mich auch kommandiert, zu beißen auf die Zähne,
weil dann sich manche Furcht verliert.
Ich bin nicht zart. Noch irritabel.
Ich glaube nicht an Wahr und Schön und Gut.
Uns schiebt zusammen diese Wohlstandsfabel.
Dies Toben ohne Einsichts-Glut.

Traumgespinst (21/18)/Sonett

Wer hätte nicht denn nötig seine Lebenslügen,
sich von sich abzulenken, seinen Daseinslagen,
sich Trost zu spenden, Ablenkung, auch zu vergessen,
dass er mitnichten könnte je selber wählen?
Besonders diesbezüglich muss sich selbst betrügen,
um nicht als Spielball um sich wissend zu verzagen.
Tatsächlich ist es kindisch und zumal vermessen,
auf irgend Selbstbestimmungsmacht naiv zu zählen.

Man ist nicht autonom; man kann’s einfach nicht sein;
ist man nichts weiter doch als nur ein Resultat:
Genetisch Zufall, weiter: herkunfts-, zeitgeprägt …
und lebenslang dann ausnahmslos mit sich allein.
Gesellschaft ausgesetzt, Bedarfsfiktionen*, Staat,
sodass er allenfalls als Traumgespinst sich trägt.

*Bedarfsfiktionen: Werte/Wertperspektiven

Wege systematischer Inanspruchnahme (21/19)

Faszinierend, wahrzunehmen,
wie Zeitgeistjargon, Reklame
und Unterhaltungsindustrie
die skandal-, sensations-
und effekthungrigen Tauschgleichen
faktisch permanent,
und zudem penetrant,
mit Unterleibsmystifizierungen heimsuchen.
Wahrscheinlich auch,
weil diese
solch starke Ablenkungen brauchen,
die sie - trotz gipfelorgiastischer Einsamkeit -
von erregender Kreatürlichkeit
phantasieren lässt:
Damit sie nicht ihre Abschiebung bemerken
ins existentielle Abseits:
in Alleinsein, Depersonalisierung,
Sprachlosigkeit und Entlastungsknechtschaft.

Alltagsaktivitäten (21/20)

Leisten,
planen,
kooperieren,
rivalisieren,
manipulieren,
täuschen,
lügen.
Reize entsorgen,
news aufsaugen,
Lüste recyclen,
Mängel verbergen,
Realitäten verdrängen,
Illusionen pflegen,
Selbstrelevanz mimen.
Niederlagen einstecken,
Aggressionen ersticken,
Anpassung vollziehen,
Masken austauschen,
Ängste unterdrücken,
Geilheit bremsen,
Anerkennungskämpfe führen.
Eskapismus frönen,
Pseudo-Geborgenheit erkaufen,
Trivial-Existenz glorifizieren,
relaxen,
genießen,
andere missbrauchen,
Prestigegewinn inszenieren.
Sich physisch erhalten,
psychisch betrügen,
die Welt vereinfachen,
vergessen und wegsehen,
Sinnlosigkeit ignorieren …
Und so sich 
immer weiter tragen.

Früheste Prägung (21/21)

Frühester Prägung währendem Nein verfallen,
schleife ich mir Stillen und Abstand ins Hirn,
aus verschonten Stunden der Kindheit 
welke Mohne entkernend.
Was sonst könnte ich auch den Leeren bieten,
die entfesselt über mich kommen,
wenn mein Selbst sich weitet, 
Nieten zu hetzen auf sich: Nieten, die es bewahren.
Die verhätscheln es muss und heimlich herzen,
saugt es sich Halte doch aus ihrer Treue.
Ohne die verloren längst es schon wäre,
längst schon verwaist sich.

SMS/Tatsachenbewusstsein bezüglich meiner selbst/
Zufällig aus einer Papierhalde gezogen (21/22)/
(Geschrieben am 16.7.2008 im ICE nach Stuttgart 
zwischen ca. 8.00 und 9.00 Uhr)

Getrieben - ausweglos heteronom:
vor allem biochemisch Zufalls-Knecht,
gesellschaftlich bedürftiges Atom,
steh ich im doppelten Gefecht:

Der Schlacht um Selbst-Maß, Sinn, Bestand …
Der Schlacht mit Artgenossen;
dabei stets Pseudo-Sieger, in sich selbst gebannt,
als Mitgestalter dieser Sprossen
zu spaßumtobten Späzeit-Dysbulien*:

Adiaphora als Massen-Götzen,
sich ichschwach zu entziehen
Bewusstseins-Taumel und sozialen Hetzen
um in Entfremdung dann vor sich fliehen.

*Dysbulie: krankhaft schwacher Wille; Unwilligkeit, gesund zu werden.

Gewalt der Einsicht (21/23)

Für mich dies alles. Nur für mich.
Ich wüsste niemand, ihm’s zu schenken.
Da lebt ein Körper und sein Ich,
die beide sich zu ihrem Vorteil lenken,
um durchzukommen möglichst ungeschoren.
Am Rande also und allein.
Zumal in was hineingeboren,
was nichts bedeuten kann, wo kein
Moralverhalten glaubhaft lohnt:
Gehalte zerrt aus Zellkernmächten
und Haben, Lust und Geltung sich betont …
Als ob die irgendeinen Inhalt brächten.

Erlebnisverbraucher (21/24)

In Stumpfsinn gekämmt,
phantasielos und fad.
Als Marktknecht enthemmt
zu stets gleicher Tat:
Zu mimen Person
als sich pflegender Kunde.
Mit Drittselbst - obschon
sich selbst eine Lunte …
Um nie zu begreifen:
Ihm fehlt eine Mitte.
Er muss sich verpfeifen
an Zeitgeistverschnitte.
Denn weigert er sich,
dann wird er gemieden
als lästiges Ich
unter Schaumschlägernieten.

Entwirklichungsgetrieben (21/25)

Die große Gleichgültigkeit 
zerwuchert meine Restseelenbestände.
Folgerichtig sammle ich die Tranceperlen
zerfallender Faktenreste ein.
Ein paar Ich-Stürze mehr und ich setze
dem gesamten Sein deren Messer 
an die wortstumme Kehle. 

SMS//Zufällig aus einer Papierhalde gezogen/
Nihilismus-Spielball (21/26)

Wen würden diese Zeilen nicht anöden;
zumal so fern doch aller Zuversicht?
Ich wollte nun mal Einsichts-Böden:
Ich wollte nichts als Fakten-Sicht.
Und die, die hat mich sehen lassen,
was besser sich mir wohl verborgen hätte:
Dass man sich nur noch kann verpassen,
dass einen nichts mehr vor dem Zugriff rette
von Staatsschauspielerei und Korruption,
von Wertverlusten und Verwahrlosungen,
Verbrechens- und Enthemmungsschüben …
Narzissmus-Barbarei und Technik-Fron …
In kommandierten Zukunfts-Trüben …
Dem homo sapiens-Schicksal als Objekt gelungen.

Lüste-Wüstenei (21/27)

Viel ist da nicht,
was Grund mir gäbe,
mir vorzugaukeln,
dass das alles sei:
Dies Dasein
unter Marktgewicht
und schaler
Medientyrannei …
Also ob man,
Ich-Kalkül,
nur noch erstrebe,
das, was es bietet:
Tauschkultsinn.
Und den erhasche,
wenn man sich erlebe.
Was sei an sich
der Hauptgewinn.
Effekt also als
Emotionen-Masche
verwertend sich
zu gehen hin,
Narziss und Kind
und Geltungsasche
abstrakter Lüste-Wüstenei.

Sportsendung (Fußball) (21/28)

Endlich etwas Wohlbehagen.
Schaue ich doch Sport.
Frei von Satz, Bedeutung, Wort.
Lastendem Besagen.
Selbst die Emotionen greifen,
reißen mich vom Sessel.
Spür ich doch den Hexenkessel
metaphysisch schweifen.
Spüre ein Entlastungsbeben:
Rausch im Kollektiv.
Was mich packt, ist schicksalstief:
Darf mich Horden gottnah weben.

Selbstverklärungs-Süchte (21/29)/Sonett

Ich kann das immer noch - noch ziemlich gut.
Das, was an sich ist, in Sonette zwingen:
Die Mär von Würde, Menschlichkeit, Gelingen …
Und dass man immer sein muss auf der Hut
vor sich, den andern, all den Illusionen,
die ihre Schleier über Fakten breiten,
aus deren Eigensinn nicht abzuleiten,
dass nur Kalkül und Gier und Kälte lohnen.

So steh ich im Sonett noch gegen mich.
Denn derlei Kreaturen sind mir feind.
Denn Kreatur meint: Sich versunknes Ich
als Seelenkrampf, der um Banales weint:
Subjektverklärungssüchte … unterm Strich:
Das, was der Geist als Selbstbetrug verneint.

SMS//Zufällig aus einer Papierhalde gezogen (21/30)

Fade Hemmungslosigkeit.
Faktisch überall.
Und auch die
gibt’s nur auf Pump …
Lustkrieg ohne Heiterkeit.
Das ist jetzt der Fall.
Eine Spaßkultonanie,
fad, verlogen,
laut und plump.

Wie’s nunmehr um uns steht I 21/31)

Umlärmter Niedergang, der psychisch schleicht,
Erlebnisdröhnung mystisch immanent,
und als Konsumandacht das Selbst aufweicht
und Kindlichkeit in Hirne brennt.
Um ihr als hergestellter Trivialekstase
die gleichen Emotionen auszurichten
zu einem Sog globaler Perfektionskultblase,
sich wohlstandshörig umzuschichten
zu wesenloser Subjektivität.
Die, haltlos, Leeren zelebriert.
So eskapistisch sich
zu einem Hauch von Ich auflädt
und sich, in Einheitsspaß befreit, verliert.
Ein Gaukelspiel genormter Posse.
Wir sind dabei die Herren wie die Knechte.
Und klammern uns an diese Formelgosse.
Obwohl sie führt ins letzte der Gefechte,
in dem der Niedergang in Barbarei umschlägt,
Gewalt allein sich dann in alle Stunden trägt.

Doch niemand ist das anzulasten.
Niemand hat’s gewollt.
Die Gehirne nämlich tasten,
autonom dem Ich entrollt,
sich der Hyle einzubiegen,
unfrei intellektversessen,
sich den Stoff abstrakt zu fügen:
Nihilistisch tristen Blässen.

Prosafetzen (35) (21/32)

So wie eure Gier, euer Stumpfsinn,
eure spaßhungrige Indolenz
und empfindsame Selbstaufgabe
euch schleichend überwältigen,
so mich, gewaltträchtig, mein Ekel
vor diesem Evolutionsausschuss
kindisch-aggressiven Kreaturen-Gesindels,
das wir alle doch, ausnahmslos, sind.

SMS/Zufällig aus einer Papierhalde gezogen (21/33)

Wäre ich nicht
so krankhaft luzide,
eine Art selbstzerstörerische
Bewusstseinsinstanz,
ich überlöge mühelos
auch noch
meine sonstigen Fragwürdigkeiten.
Verzichte aber darauf,
um mich nicht,
mir wissentlich etwas über mich
selbst vormachend,
hybrisdebil* selbst
aus der Daseinsbahn zu werfen.
Vor allem auch,
um deren Hauptlinie:
die metaphysisch-imaginäre,
nicht zu verfehlen,
sei sie auch noch so
gottverlassen.

*hybrisdebil hier: hochmutverdummt, - belämmert

Prosafetzen (38) (21/34)

Nichts und niemand kommt
gegen meine Gleichgültigkeit auf.
Am allerwenigsten ich selbst*,
in ihr doch allein mir,
kerntief erfühlt und bedacht,
enträtselt begegnend.

*Dann die Variante:
„verliebt doch
in ihre Verrohungs-
Potenzen.“

Behelfs-Kopulieren. Sex-Geraune (21/35)

Instrumentalisierte* Unterleibsmetaphysik:
Verbraucherreligion.
Enigmatisch*-dionysische Magie
für psychisch und intellektuell
in Tauschhörigkeit und
Pan-Utilitarismus Herabgedrückte.
Mythisierte* der magisch-ekstatische Kapitalismus
freilich nicht die Zonen
rauschhafter Ichauflösung,
gelänge es ihm weit weniger,
die desorientierten Individuen
effekthörig in den Käfigen
technisch generierter Unfreiheit
qua existenzieller Daseinsintensitätsverluste:
Substanzbanaler Marktbefehlsvollzüge
selbstaufgabewillig zu kasernieren.

*instrumentell: als Mittel dienend
*enigmatisch: rätselhaft
*mythisieren, hier: irrational packend erdichten
*ekstatisch: rauschhaft

Bilderarchiv (21/36)

Einer dieser vergeblichkeitsekstatischen
Frühsommerabende.
Schon warm genug,
mich, sentimentalitätslüstern, aufzuwühlen,
photographisch scharfe Bilder
aus der Kindheit zu erinnern:
Von Häusern, Höfen, Kirchen,
dem Friedhof auch des nächsten Dorfes,
2 km weit Richtung Pfälzer Wald,
in zwerghafter Verlassenheit
auf einem Bergrücken gelegen,
wo ich oft auf einer alten Bank saß
und viel zu früh existenzluzide hin spähte
über die sonnendurchflutete Weite der Rheinebene.
Oder vom gemächlich dahinrollenden
Ochsenkarren ‚Galopps’,
so der Spitzname von L. M.,
der mir nie ein Lachen schuldig blieb,
dieser schlicht liebenswürdige Kleinbauer.
Oder vom blechern-ruckhaft ratternden Lanz
des stets launisch-aggressiven G.
Oder eben auch von Annis
langsamen Gesichtsbewegungen,
warm vor Stumpfsinn
und ohne jede Falschheit
zwischen Trauer, Staunen 
und schwerfälliger Melancholie
sich traumstumm
erdwärts verlierend.

Späte Erinnerung an Chrisbe (21/37)

Gedenke deiner,
weil schon Schatten fallen,
ich immer mehr dem Altersgram vergehe.
Gedenke jener gotterfüllten Stunden,
die uns verrauschten,
ausgesetzt nicht einer
der doch so zahlreich tiefen Daseinswunden …
Ach jene Stunden: Ein Ekstase-Wallen …
Als ob dein Leib, dies Rauschgefüge,
mit seiner stoffgenialen Eros-Macht
sie mir als Sinn-Gruß bis ins Heute drehe …
Gedenke deiner ohne Lebenslüge,
einst Kreaturen-Glück verbracht,
in dem sich Sinn und Halt:
Vollendungsillusionen tauschten.

Eine triste Lagebeschreibung (21/38)

So fertig bin ich und so deprimiert,
bin nicht mal mehr erotisch anzusprechen.
Die Tage sind mir kaum noch durchzuhalten
und an den Abenden herrscht Selbstverfehlen.

Ja, schlimmer noch, es ist die bloße Leere,
die über Blätter, Couch und Notebook kriecht.
Sogar Gedichte wollen nicht gelingen.
Doch geistig-intellektuelle Surrogate,
die kompensieren können Aggressionen,
Hilflosigkeit und Außenseiter-Nöte.

Das ganze Dasein ist mir so verleidet,
erscheint mir zudem völlig aussichtslos.
Ich mag mich probeweise wo auch immer,
zu Frau, Beruf, Erfolg und Kunst hinwenden -
Es hilft nichts. Nutzlos wär’s, ich fühl‘s,
mich hinzugeben Menschen, Zielen, Zwecken.

Mich widert zumal dieser Durchschnitt an,
ob nun der oben, ob der in der Mitte -
er war und ist mir stets ein Dorn im Auge.

Der Grad an Einsamkeit ist schon stupend,
ich existiere faktisch isoliert,
verliere mehr und mehr zudem Vertrauen,
genauer: Die gesund-naive Kraft,
noch etwas ohne Misstraun wertzuschätzen.
Sei es Gesellschaft, sei es Einzelmensch.
Indes ich wiederhole mich, will doch nur sagen,
dass ich mich, ist so, mich verloren habe.

Zumal auch überzeugt,
die Zukunft wird prekäre sein,
So schau ich zu nur noch dem allen.
Zuweilen … immer öfter todvernarrt.

Was ich schätze (21/39)

Was ich schätze - über alles -,
das ist schnell gesagt:
Güte, Ehrfurcht, Scham und Geist,
Achtung vor was überragt
uns, den Affen, der entgleist,
immer nach sich selbst nur fragt …
Eben diesen Selbstanspruch,
über sich hinaus zu streben.
Ohne Täuschung, ohne Bruch
Herr von Einsicht sein zu sollen.
Einsicht in die eigne Lage
- dass man die muss redlich wollen -,
ihren Nihilismus wage:
Scheitern könne dieses Leben.
Kulturell sich längst verwaist.

SMS//Zufällig aus einer Papierhalde gezogen (21/40)

Im gesellschaftlichen Zeichenkosmos
lese ich
die programmierten Emotionsschemen-Pläne aus.
Lachgasumtost,
in sinnresistenter Besagungslosigkeit.
Da hilft es mir auch nicht,
wenn ich sie mir entbergungslüstern
mittels Gedichten 
ins Bewusstsein hebe.

Schieres Gram-Gehabe (21/41)

Wissend, dass wir werden sterben,
wieder fallen in das Nichts,
schneiden uns Bewusstseins-Scherben
lastenden Gewichts:

Wir, Materie entsprungen,,
keines Gottes Meisterwerke,
sind nur totem Stoff gelungen:
Atomaren Zufalls Zwerge.

So verwiesen auf Fiktionen:
Dass Gehalt das Ganze habe,
würde sinngetränkt sich lohnen -
nicht sei nichts als Gram-Gehabe.

Prosafetzen (5) (21/42)

Schlafen, um redlich zu sein,
würde ich ja schon mit dir.
Doch hemmt es mich zuletzt,
wenn ich dran denke,
dass Weiteres von mir
du sicherlich erwarten würdest.
Sei’s Anerkennung,
sei es Zuwendung,
sei’s Liebe gar,
die’s gar nicht geben kann
in einer Welt der Gleichung,
der Effektverfahren,
der außenvermittelten Identitäten
als Warenabklatschphänomene.
Wäre all jenes von mir
doch gar nicht zu leisten,
ohne zu lügen und ohne
wortreich zu delirieren ...

freilich dies auch um - s. o. - scheinbar
glaubhafte Ausreden mir zurechtzulegen.

ZINSJA (152) (21/43)

Alles,
aber auch alles,
profanieren
und besudeln
die Konsumdiktaturen:
Gott,
Würde,
Eros,
Heiterkeit,
Freude und Ehrfurcht sogar.
So zerstörungssüchtig,
primitiv und grobschlächtig
sind sie im Kern.
Indes mir das niemand glaubt.

Obwohl ich gerade diesbezüglich
mich nicht einer Lüge
schuldig machen möchte ...
Das wäre erbärmlich,
wiese mich mir selbst
als Geist-Verräter aus.

ZINSJA (153) 21/44)

Wenn überhaupt etwas trägt,
dann sind es Illusionen und Selbstbetrug …
Als magisch-irrationale Anreicherungen
von Welt, Wir und Du;
und seiner selbst vor allem
mit unausdeutbaren
Verzauberungszuschreibungen.
An sich selbst und jenen
ohne Einsicht vorbeizuschrammen,
denn eine solche ließe erschauern,
erfüllte für immer mit Ekel, Trübsal
und lähmender Melancholie.

Exzessprimitive Gesellschaft (21/45)

Geistig korrupte Sieger (Mittelmaßriegen),
nicht einmal ökonomisch rational genug,
den Staub en gros zu kaufen,
in den sich zu werfen sie sich aus machtkalkulatorischen
Tugend-Gründen permanent bemüßigt fühlen …
Dauerergriffen. Dauerempört. Dauerplappernd.
Indes der Mensch ist nun mal eigensinnig,
aber gut und frei und vernünftig ist er nicht.
Weil er’s nicht kann:
Der sein Leben verschludernde,
weil es nur erlebende, aber nicht erfahrende,
schon gar nicht begreifende Verbraucher
(schon weil ihm die psychische Kraft fehlt,
auf Realitätsverweigerung verzichten zu können),
sähe der sich als das, was er ist,
er versänke, obwohl und weil entschämt,
geradezu weinerlich hilflos in sich selbst:
prestigetrunken narzisstisch und angewiesen
auf daseinsformale, ins Absurde laufende Spätzeitrituale.
Und dann puritanisierende Kreisklassenpowerfrauen,
sozusagen die Chariten*
eines fundamentalistischen Feminismus
mit Kita-Ethik-Metaphysik als Bollwerk gegen
Macho-Machiavellismus,
charakterlich beängstigend gefestigt
und vor allem frei von den Sottisen
der besternungsunterwürfigen Umfeldmännchen …
Da spürt man - auch - mal wieder
die triebfaszinäre Macht der bijoux indiscrets* …
Mein Gott, was bin ich dagegen doch eine Null:
Verantwortungslos auf Begriffsschärfe drängend,
ein gewisses Maß an Selbstachtungsbasis,
Wirklichkeitssinn
und faktenkonforme Selbsteinschätzung … 
ökonomisch ein Ding, existenziell ohnmächtig,
politisch ein Spielball und geistig verabseitigt,
ausgeliefert zumal
einer ihrer selbst nicht mehr mächtigen,
eitelkeitssüchtig-pathologisch
sich zerstörenden Globalwelt …
orgiastisch behelfsdemokratisch
und wertinfantil rechtsstaatsideologisch
am Tropf eines gottlosen Nihilismus nuckelnd.

*Chariten: griech.: Göttinnen der Anmut
*bijoux indiscrets franz.: indiskrete, aufdringliche Kleinode/Juwele; nach Denis Diderot: weibliche Geschlechtsteile

Prosafetzen (287) (21/46)

Ein paar beschönigte Erinnerungen
an ein paar Augenblicke und Gesichter,
von vornherein bloßer Wesenstrübsal abgepresst,
nur einmal wenigstens ein Du zu treffen
in diesem Wirrwarr von Verfehlungszwang
und ohnmächtiger Selbstinszenierung
dauerdeklassierter Entmündigungsinfantiler …
So ging es hin: Ein Trümmerfeld von Trancen,
sich selbst leichthin entlarvend als Behelfsmagie
in dieser krankhaft sich selbst belügenden Welt
von Selbst-, Gelingens-, Sinn-, Lust-
und Medien-Mythen.

Prosafetzen (?) (21/47)

Ein Medienproletariat,
hemmungslos seine
Sprachlosigkeit und
Desorientierung kommunizierend,
bespringt unbelehrbar
die zeitgeistmythologischen
Selbstbeweihräucherungsleerformeln,
trunken von seiner
geistigen Dauerenteignung
und affekthysterischen
Seelenarmut, Indolenz,
Gewissensatrophie*
und Verwahrlosungssehnsucht.

*Atrophie griech.: Auszehrung, Organschwund

Untergangsgesellschaft (21/48)

Täglich werde ich,
manchmal verbunden mit subtil versteckten
Wertungen und Drohungen,
aufgefordert,
mich politisch
(demokratisch-freiheitlich, rechtsstaatlich liberal),
weltanschaulich
(tolerant, egalitär, antirassistisch, friedfertig usw.)
ethisch (vernünftig, gerecht, human, würdezentrisch, auf Menschenrechte pochend)
und kulturell (die entsprechende gesellschaftliche Vielfalt lobend und preisend,
ohne, elitärer Versuchung unterliegend,
Unterschiede zu setzen oder gar zu diskriminieren)
unbedingt,
den Wertpräferenzen
eines logosverkümmerten Intellektualismus entsprechend,
korrekt zu verhalten.
Offen gestanden,
freue ich mich insgeheim zuweilen diebisch
über diese Verlautbarungen,
bestätigen sie mir doch,
dass diese Gesellschaft
humorfern,
unironisch,
geistlos,
schundsüchtig anmaßend,
narzisstisch aufgeblasen,
substanztotalitär ist
und immer mehr gesinnungsfundamentalistisch wird
(es geht wohl um eine
- durch eine vom Weltgeist und der Vorsehung
bestellte Sekte von Taliban*innen zu erlösende -
psychisch in sich selbst gefangene
Schwerstbeladenengemeinschaft).
Sind sie doch - vor allem - auch ein Hinweis darauf,
dass wir in einer aggressiv-entheiterten,
neurotisch tugendterroristischen
Verfalls- und Untergangsgesellschaft leben.
Wahrscheinlich dumpf erahnend,
was auf uns zukommen wird:
Barbarei und Bestialität …
Also das Übliche.
Und vor allem,
dass wir gegen die werden nichts ausrichten können:
Dekadent,
moralwirr,
faktenresistent und
letztlich gewissenlos und
radikal wohllebensneurotisch dehumanisiert.

SMS/Indes: Wem ging’s denn nah? 
Zufällig aus einer Papierhalde gezogen (21/49)

Es ist ne Illusion,
man könne
illusionslos leben.
Man braucht
als Lebenslügen sie:
hat Illusionen
nötiger denn je:
Man lebt doch längst,
sich selbst zum Hohne,
muss täglich gar
sich selbst aufgeben:
Als Medien-, Markt-
und Waren-Klon.
Und tut man’s nicht,
wird man sich selbst
zum Weh:
Wird Einsamkeit,
an Dingen kleben,
die bilden eine
Sonderzone
von Einsicht, Geist
und stillem Leid:
Weil hier
kein Platz mehr ist
für sie,
in diesem Reich
perfider Harmonie. 

Banalophilie (meint: Entlastungsdrastisch
provozierte „Verflachungsbetörung“) (21/50)

Banalophile sind wir faktisch alle.
Weil das System uns braucht als Infantile,
zerstreuungseskapistisch stolpernd in die Falle
erlebnisintensiver Mühle.
Und die, die muss sich immer schneller drehen,
die Kunden von der Einsicht abzuhalten,
dass sie umsonst um Glücke flehen,
sich nur noch einer Kraft gestalten:
Der, die sie sanft und freundlich lässt gewähren,
sich Surrogaten aufzureiben.
Um sich, sich selber hörig, endlich zu verzehren
in unterwürfig würdelosem Treiben.

Blind steuernde Trivialwelt I/Engselbst (21/51)

Man handelt, unfrei, doch ins Folgenlose.
Und weiß das auch besonders dann,
wenn man sich Geist verpflichtet hat statt Pose:
Sich ihm verweigern kann, dem Großen Man …
Erlebnishorten, Surrogat-Gefühlen,
dem kommandierenden Gerede
der Hochkorrupten und der Infantilen,
sich selbst belämmernd in der Wohlstands-Lethe:
Der Despotie des Mittelmaßes,
die alles tilgt, was sich ihr widersetzt,
damit der Zwang des kollektiven Grases
empfängliche Affekte letzt:
Personen deklassiert zu Marktstatisten
des anspruchslosesten Vollzugs
von Biederorgien, inszeniert auf Pisten
narzisstisch-rohen Selbstvollzugs.

Dem Geist verpflichtet? Was heißt Geist?
Realitätssinn, Einsicht in das Was:
Dass jeder Ismus auf Verbrechen weist,
kein Wille frei ist, Sex und Fraß,
die Sucht nach Anerkennung, Überragen,
Besitz, Bedeutungsgier zu Täuschung zwingen,
zu Wertphantasmen, die entlastend tragen
durch dieses wesenlose Ringen
um ökonomische Adiaphora,
substanzlos doch im Überfluss,
der sie verkommen lässt zu Trallala
und dieses Trallala sodann zum Muss.

Auch das kann nur der Geist begreifen:
Dass uns Notwendigkeit aufzwingt
der Faktenräusche ungezieltes Schleifen.
Das auch als solches nur gelingt.
Dass wir uns gehen müssen in die eigne Falle,
ganz außerstande, uns durch uns zu bergen.
Dass unsre Ethik ist nur Traumweltkralle
von Trieb und Barbarei gelenkten Zwergen.
Hilflosigkeit, Bedürfnis, Schein gedungen,
der Unvernunft und Nihilismus-Schüben,
sind wir zu Destruktion gezwungen,
Realitätsverlust als Trance verschrieben.

Blind steuernde Trivialwelt II/Erfahrungsarmut (21/52)

Was hätte ich denn schon erfahren?
Nicht viel. Zumal ich meistens musste
mich stumm erleben als Normalgebaren:
Mir kernlos schwebend als der Lagen Kruste.
So will’s nun mal der Herr der Seelenwinter.
Der Markt, der lehrt, doch alles mitzunehmen.
So wie es tun verzogne Kinder:
entfesselt, ohne sich zu schämen.
Life ist Vollzug, Effekt, Erledigungen:
Die Wiederholung eines Immergleichen -
Nur noch als Kunde scheint man sich gelungen.
Beglückt gelenkt von Tinnef*-Reichen.

*Tinnef jiddisch: Schund

Blind steuernde Trivialwelt III/Ohnmacht (21/53)

Ganz Produkt und doch auch Ich
(Körper, Selbst, Sozialmonade),
bin ich ja unweigerlich.
Bin es auch im höchsten Grade.
Dialog und Einsamkeit.
Ich als Heteronomie.
Stets mir selbst nur das Geleit.
Nicht als Inhalt, nur als Wie.
Zeit und Wertzwang, Abstraktion
(nichts, was höbe, nichts, was trüge),
Büttel von Bedürfnis-Fron:
Sinnsucht, Leibdrang, Traumgefüge.
Völlig hilflos, ein Vollzug
hochkomplexer Zufallszwänge.
Virtuos der Selbstbetrug,
dass ich mir durch mich gelänge.
Keinem, der auf Einsicht setzt
(setzen muss, da wirkt kein Wollen),
bleibt verborgen es zuletzt,
dass ihn Fakten überrollen,
die in keiner Absicht lagen
(keiner guten, keiner bösen).
Dann befehlend weiter tragen
durch dies Chaos ohne Wesen.

Blind steuernde Trivialwelt IV/
Vollendungsirrational (21/54)

Sei’s mystisch tief gebannt in Gottestrance,
sich selber los, die Welt, die anderen,
entronnen so der eignen Niedrigkeit,
zumal hinausgetragen über Drangsal-Wogen,
dem Herkunftsdruck entlaufen, Barbarei und Genen,
selbst Großhirntücken radikal entrückt …

Sei’s auch gewahr, dass man sich selber Falle,
prekär sich unverfügt ist, Illusion
von Einheit, Halt, Vernunft und Ich,
Bewusstsein, das nicht Stoffkomplex nur sei,
Subjekt von Endlichkeit, Verfall und Deutungsleere,
auf allen andern ruhend, Staat, Gesellschaft und
sozialer Fügung, Prägung, Ratio-Ferne …

Sei’s dass gespiegelt im Gedicht,
sich finden mag ein Anhaltspunkt,
dem Kollektivgebilde Sprache abgerungen,
der einen glauben machen mag,
man habe faktisch sich entwunden
der Fremdheit dieser ungreifbaren Welt …
So Wir und Du und Selbst zumal entzogen,
die Perspektiven sind in Augenblicken,
die man sich selber schuf,
sie, Trug verwiesen, so zu deuten,
als ob real sie wären,
Orientierung, Halt und Sinn-Sog zu gewinnen.

Zeitgeistzügel (Trias B, 25) (21/55)

Weltfremder Feind der Zeitgeistzügel
greife ich, der Epigone*, zurück
auf vormoderne seelische Gehalte
metaphysisch geprägten Halluzinierens.

Nur um zu meiden Innenweltlenkung,
kapitalistisch gemodelte Emotionalität:
Erlebnisspuren speichernde Substanzlosigkeit
kommunikationsflockig zerstobener
und längst zum Abklatsch gewordener
wohllebenslüstern gedungener Subjektivität.

Die, marktdevot sich entsagend,
verhehlt sich, ein Beispiel zu sein
technisch zerschlagener Intimität.

*Epigone: Unbedeutender Nachfolger bedeutender Vorgänger; 
dann: Nachahmer ohne Schöpferkraft

Lakaien-Körper-Festival (21/56)/Sonett

Ein Kult-Primitivismus ohnegleichen:
Reklame-Leiber, die sich inszenieren;
sich nicht verhalten, vielmehr das aufführen,
was ihnen gilt als angesagtes Zeichen.

Die kleinen Seelen ihm gemäß zu eichen,
damit nicht ganz sie sich in Nichts verlieren;
denn schließlich geht man auch als Flair hausieren;
z. B. das der Schönen und der Reichen.

Welch ein Verknechtungs-Trivial-Gehabe
von seelenlosen Zeitgeist-Medien-Puppen,
die fast roboterhaft-gemütlos streben

ihr Leib-Gefüge als spezielle Gabe
von dazu, scheint es, vorbestimmten Truppen
in ein Vollendungs-Schmierenstück zu heben!

Würdelos hechelnd (Trias B, 29) (21/57)

Selbstverwertungslocken der Marktbefehle
liefert uns unweigerlich rohstem Glück,
digitaler Sekundär-Wirklichkeit: Knästen
hirnlichen Zwangs aus.

Niemand kann entgehen dem Los der Sachen,
selber Mittel sich und Gewerk befangner
Gleichungs-Meister. Ziel zu sein dem Errechnen
drastischen Leerlaufs.

Lieber lebe ich einsichtsvoll jener stillen
Ohnmacht unverschuldete Absurdität,
permanent vergeblich um Selbstbedeutung
würdelos hechelnd.

Leichte Variante: Würdelos hechelnd (21/58)

Das Selbstverwertungslocken angesichts von Waren,
Körpern und Entlastungschancen,
liefert uns unweigerlich auch
digitaler Sekundär-Wirklichkeit,
social media-Knästen aus:
Kultpsychischen Belämmerungsorgasmen.
Kann doch niemand entgehen
den Glücksversprechen der Sachen,
der Untergangsseligkeit in fremden Körpern
und dem sanften Vergessen seiner selbst.
Sich selber zumal Zweck und Mittel zugleich.
So verdrängungslüstern darauf angewiesen,
sich anderen Zielen zu kalkulieren
als denen drastisch vergeblichen
Leerlaufs in Realitätssinn,
Einsichtstrübsal und Außenseiterhellsicht.
Und dennoch lebe ich lieber diesen dreien,
der Ohnmacht des unverschuldeten
Absurditätenvollzuges gewärtig,
der vergeblich um Sinn,
Selbstwertgral und Bedeutungsfülle
sinnsüchtig hechelnden Spätzeitsubjekte.
Von denen ich freilich auch eines bin.
Nur dass ich’s weiß.
Nur dass ich’s ertragen kann.
Nur dass ich’s fügen darf
in geistige Gebilde.

Unbehelligt würfeln (Trias B, 28) (21/59)

Nur Durchschnitt, kleiner Mann, der, Gewinnsucht
verraten, wohlstandshörig stupider Gier
erstickt, sein Ich bläht, fronend Formel,
Phrase und schleichenden Selbstverzichten.

Doch nicht entrinnen kann er gezielten
und steten Schlägen hirnlicher Abrichtung
durch Bild, Effekt und Internet-Maß,
Geilheit befohlen, Geld und Kinderspielen.

Indes will ich zufrieden sein, sein Recht
ihm zukommen lassen. Sorgt er doch dafür,
dass ich, unbehelligt von ihm, würfeln darf
um die Leeren der Welt und der Verse.

Selbstwertbegehren unter kapitalistisch 
prägenden Daseinsbedingungen (21/60)

Wenn man noch etwas machen will aus seinem Leben,
muss man das alleine tun, aus eigener Kraft.
Im Stich gelassen von Kultur, Staat und Institutionen,
muss man es tun jenseits der marktgenerierten Disziplinierungen
von Psyche, Intellekt, Gewissen und Deutungsmacht,
die doch täglich abgerichtet werden
auf die alleinige Sinnstiftungskompetenz
des Wohlleben generierenden Kapitalismus,
der zumal, davon gehe ich aus, schleichend untergeht,
die von ihm geformten Individuen mitreißend
in eine Orgie hilfloser Verwahrlosung ….

Schon auf ein Du sich einzulassen im Rahmen
dieses Stumpfsinn und Entlastungsberauschung
dauerproduzierenden Medial-Dschungel-Surrealismus
setzt einen in der Regel selbstzerstörerischer Normalität aus, 
die als intellektuelle Nivellierung -
z. B. einer feindlichen Haltung gegenüber dem Geistigen, 
dem ideologischen Erpressen von demokratischen Pseudowerten
wie etwa Gleichheit, Toleranz und Freiheit,
Anpassung an eudämonistisch-hedonistische Erlebnisabläufe
und dem Zwang zur Finalisierung des Trivialen überhaupt -
einen perfide zu vereinnahmen sucht,
auf dass man sich den sozial erwünschten
Gefühls- und Emotions-Käfigen willenlos einpferche.

Und man entkommt dem nicht,
wenn man nicht das seltene Glück hat,
die Seelenkräfte in sich zu spüren,
die einen wenigstens ansatzweise befähigen,
jene schwer greifbare Berauschungsdeklassierung
dunkel als Selbstverlustgefahr zu erahnen
und dann immer deutlicher als diese zu begreifen.

Selbsttäuschungslakaien (21/61)

Wer kann sich denn noch diese Einsicht leisten,
dass wir ein Dasein als Verfügte fristen?
Verfügt uns selbst, den rational entgleisten
Effekt-Ich-Schauern, die sich brüsten,
sie seien von Natur aus Geisteswesen,
begabt, zum Selbstzweck sich zu machen:
Als personale Selbstdistanzsynthesen,
als diese Würdeträger, heißt: nicht Sachen.
Als stoffbedürftig doch drauf angewiesen,
uns über uns hinwegzutäuschen,
bleibt indes nur, uns selber blendend zu zerfließen
im Wortgeklingel von Bedeutungsräuschen.

Frage an das bedürfnislose Absolute: 
An Gott* (21/62)/Sonett

Das wollte ich schon immer dich mal offen fragen:
Warum du, doch vollkommen und bedürfnislos,
zumal allwissend und ein absoluter Geist,
uns dennoch schufst, doch Wesen voller Widersprüche?
Die wir doch sind - von Selbstsucht und Gewalt getragen,
zugleich verblendet, amoralisch, dubios,
ein Wesen, dessen Streben um es selbst nur kreist,
ist hybriskrank auch ausgelegt auf Daseins-Brüche.
Indes ein absoluter Geist in sich nur ruht,
gar kein Bedürfnis kennen kann nach was auch immer;
auch weiß, dass, was er schüfe, unvollkommen wäre …
Warum also hast du, was war vollendet gut,
durch unsre Existenz gestürzt in Leid und - schlimmer -
erlaubt so auch, dass dieser Affe dich entehre? 

*Sich in sich selbst entweltlichungsselig vertaumelnde Hinweise:

(1) Hätte, wie in der Bibel beschrieben, ein absoluter Geist (Gott) diese Welt geschaffen, dann bliebe, weil dieser Gott als allmächtig, allwissend, allseiend (vollkommen), allgütig und der Materie vor und übergeordnet dargestellt wird, die Frage, was dieses vollkommene, also auch bedürfnislose, in sich selbst ruhende Wesen Gott veranlasst haben könnte, eine Welt und zumal ein Wesen in dieser Welt zu schaffen, nämlich den Menschen, der die Vollendung seines, Gottes, Geistseins in Frage stellen würde … Kurzum: Was veranlasste Gott, außer sich, also: jenseits seiner als makellose geistige Vollendung, eine materielle also: hinfällige Welt und ein in keiner Hinsicht gutes, widersprüchliches, seiner selbst nicht mächtiges, zumal gewalttätiges, bedürftiges und triebhaftes Wesen zu schaffen, obwohl er, Gott, noch einmal, ein Bedürfnis danach nicht gehabt haben kann, denn: das geistige Absolute („Losgelöste“) kann kein Bedürfnis kennen (nicht mal nach sich selbst, denn erst dies macht seine Vollendung makellos) …

(2) Sicherlich nicht, weil er sich gelangweilt hätte (was seinem Wesen widerspräche). Also aus Liebe? Aber ein absolutes Geistwesen (das sich nicht einmal selber liebt, weil, täte es das, dies sein perfektes In-sich-selbst-Ruhen negierte) kennt dergleichen Anwandlung, Bedürfnis, Neigung, Antrieb usw. nicht. Oder weil er sich einsam fühlte? Wiederum: Das geistig Vollendete ist affekt-, bedürfnis-, trieb- und drang-frei: Es bedarf nicht einmal seiner selbst.

(3) Die Antwort: Gott existiert nicht, kann es nicht. Allein die Materie ist: existiert, ist das einzige reale Sein; ein geistiges gibt es nicht. Es sei denn so etwas wie den menschlichen Geist, der ein Nebenprodukt der Gehirnentwicklung ist.

(4) Wenn aber Gott nicht existiert, dann ist auch unser menschliches Sein sinnlos, denn: wir sind zwar in der Lage, Sinn-Phantasmen sprachlich zu produzieren (ethische, politische: ideologische, ideelle usw.), aber nicht ansatzweise fähig, sie zu leben: Wir sind darauf angewiesen, zu glauben, dass unsere Existenz einen Sinn habe, was aber nichts weiter ist, als ein Entlastungs-Phantasma (oder auch: eine Lebenslüge).

(5) Menschlich gibt es allenfalls die subjektive oder auch kollektive Fiktion, dass es auch etwas Geistiges, Übergeordnetes (übergeordnet unserem Bedürfnis-, Trieb-, Zeit- und Verfalls-Wesen) gäbe, der freilich - außer, dass sie uns ruhig stellen, trösten und stabilisieren mag - tatsächlich nichts, aber gar nichts entspricht. 

(6) Gott existiere nicht? Doch. Er existiert: In mir als Kindheits-Erbe, als irrationale seelische Ergriffenheit, als metaphysische Sakral-Disposition, mir eingewoben, eingegeben, vermittelt, geschenkt von Erscheinungen wie rauschenden Winden, wunderweißen Schneeflächen, grauglatten Sandflächen, tiefen Stillen, monoton-dunkel tönenden Kirchenglocken (Totenglocken), Friedhöfen, vertrauten Tieren, bergender Einsamkeit usw., gegen die mein intellektueller Nihilismus und Atheismus nichts vermögen. Gott, das ist für mich die menschenleere Mannigfaltigkeit der Materie als Acker, Feld, Weg, Pflanze, Tier, Naturerscheinung, als Steinhaufen, Himmelsweite, Wald, Sommernacht, Sternenhimmel usw. … Gott ist dabei keine Person, keine überirdische Macht, kein Geistwesen, keine materielle Erscheinung, sondern: Ein innerlich flutender Zustand irrationaler Ergriffenheit, Demut, Sehnsucht, Selbstzurücknahme, einer trauerlosen Ferne von allem Menschlichen und Menschengemachten … kurzum: Gott, das ist der Gefährte absoluter Ruhe, der erlösenden Flüchtigkeit alles dauerprekär Humanen, der Geber und Bewahrer eines einer Deutung nie bedürfenden Seelenfriedens: Unverletzliche Quasi-Todesgeborgenheit: Metaphysische Exzellenz zarter Unberührbarkeit durch menschliche Welt.

Tagelied (21/63)

Sei ruhig, bleibe einfach liegen.
Mein Mann fährt grade draußen vor.
Er wird gleich um die Ecke biegen,
schließt nur noch das Garagentor.

Ich sag ihm, dass du bei mir lagst
die ganze Nacht bis in die Frühe -
Nun Liebster, wenn du dich nun fragst …
Doch lass es, mach dir keine Mühe.

Wieso mich das gelassen lässt,
so magst du so viel von uns wissen
- hab keine Angst, wirst nicht erpresst -:
Mein Mann, der übersieht‘s beflissen.

Der hat ja selber andre Frauen …
Zusammenschweißt uns nur das Geld:
wir wollen uns den Wohlstand nicht verbauen.
Begreifst du? - Die Fassade hält.

Er wird dich sicher nett begrüßen,
nicht angehn dich mit Ach und Weh -
Und dann mit dir den Tag begießen.
Geh runter, mach schon den Kaffee!

Ich hüpf noch kurz mal in die Dusche
und zieh mich auch inzwischen an,
trag Rouge auf, etwas Wimperntusche …
Ach ja: Und Dank auch für den Fun!

Meinem herunterkommenden Deutschland (21/64)

Was nur ist aus dir geworden,
mein Deutschland,
dir, dem Land der Trickser, Täuscher, Kleingauner;
der Tugendbewegten, Seelenstripper und
Work-Life-Balance-Kalkulatoren?
Dem Land auch vieler, die gern anders wären:
smart, tough, cool, wow-motorisch
oberflächendifferenziert und bodylotion-exzellent,
deutsche Daseinsvollendungs-Phantome,
ausgewürgt von deutscher Verflachungs-
und Scheinwelt-Anfälligkeit …

Dir, dem Land, das seine Sprache verkommen lässt,
seine große Kultur, dem Land,
das seine Mentalitätsgefüge,
die es nach dem 2. Weltkrieg wieder aufblühen ließen,
aufgegeben hat zugunsten eines primitiven
emotionsagapistisch-globalistischen Seelsorger-Syndroms,
naturrechtlich-würdeergriffen unterfüttert …

Dir, dem Land des Gesinnungsfeminismus,
der seine Neurosen und Narzissmus-Wunden
austobt auf deine Kosten -
linkisch, geistig ungewandt, ungelenk, steif
und gewissensarm engstirnig,
manchmal geradezu charakterlos ,
jedenfalls unpragmatisch radikal…

Dir, dem Land der grandiosen ideologischen Unterwürfigkeit
und ethisch wirren Sakralisierungsmetaphysik,
das sich zuweilen - so scheint es - lieber aufgäbe:
selbstbetrugslüstern, reflexionsarm, politmessianisch,
dies eher, als dass es bereit wäre, für sich selbst,
sich dabei aus politischer Klugheit selbst priorisierend,
den Fakten verpflichtet Sorge zu tragen …
tatsächlich aber feige ist und realitätsblind moralverkniffen?
Aber das ist ja auch deutsch:
Im gierig gesuchten Verkommen,
im schicksalsschweren Untergang,
im Extremistischen sein exklusives Glück zu finden:
Blieb also dies eines faszinierend
selbsthassträchtigen Wohlstandsdrogenrausches …

Dir, dem Land zumal, dessen Funktionseliten -
auch pseudofürsorglich
aus machtstrategischen Überlegungen heraus:
Wie beeindrucke und verführe ich
wahlberechtigte Kinder? -
schlechterdings unfähig geworden sind,
einfache Lebenstatsachen zu würdigen,
so Vertrauen zerstören,
sich in albern-arrogante
oder schlechterdings riskante
Abhängigkeiten begeben,
Leerformeln wiederkäuend und dabei die Schalmei
ganz unbegründeter Zuversicht blasend …

Dir, dem Land
der allverbreiteten politischen Inkompetenz,
die, kratisch-begrifflich-armselig sich bezeigend,
den Staat schwächt, lächerlich macht,
am Ende vielleicht gar ruiniert,
eine Inkompetenz, die sich,
als Schlüssel-Eigenschaft von Selbstbestandslosen,
würdescheel geißelt mit einem Pseudo-Humanismus
der Wirklichkeitsverluste,
sozialklerikalem Purismus
und weltanschaulichen Fiktionen und Phantasmen
- oft dabei die Perspektiven wechselnd je nach Machtinteresse - …

Dir, dem Land geheiligter Erlebnisreligiosität,
die längst in eine kollektive Dekadenz,
Glücksunfähigkeit, Seelen-Öde
und mannigfaltige Formen plumpen Selbstverzehrs -
entzückungsstumm aggressiv angebetet
und dumpf, matt und schundverwöhnt vollzogen -
freizeitumhechelt überging …

Dir, dem Land, dem ich inzwischen
jedwede Würde (jedweden Stolz),
jedweden Realitätssinn, Maß und Mitte,
Selbstdistanzfähigkeit und Wahrhaftigkeitswilligkeit absprechen möchte,
so hilflos entmutigt, resigniert, kleinmütig und verzagt,
wie du es doch geworden bist,
hündisch devot, leerformelsüchtig,
verscherbelt von einer Parteienoligarchie ichtrunken
unmäßiger Gesinnung,
ohne politische Mindestfähigkeiten:
Anti-Narzissmus und das feine Gespür 
für die staatsruinöse Dekadenz-, Irrationalitäts-
und Nihilismus-Trächtigkeit der
heutigen Konsumdiktaturen …

Und noch was, mein Deutschland,
solltest du beachten: Dass nämlich die Hunde,
vor die zu gehen du schon auf dem Weg bist,
dich weder anwinseln noch anknurren könnten;
vielleicht weil erschnüffelnd, dass du, selbst ihnen,
nichts mehr würdest zu bieten haben.

Reiß dich also zusammen, mein geliebtes Land,
lege dich aus, rücksichtslos ehrlich,
ohne Tugend- und Selbstbetrugs-Sentimentalität,
ohne weltanschaulich-utopisch-brachialjuvenile Ideale 
und ohne irgend Anfälle deines
mystischen Selbstglorifizierungsinfantilismus.

Offen eingestanden (21/65)

Was ich denke, was ich fühle,
gebe ich wie folgt hier an:
Spott-Verlangen gegen Wahn,
Pan-Verachtung: kernsubtile.
Die sich freilich einzig richten
gegen die Funktions-Eliten,
die sich Tugendbrei erdichten,
geistig tot und faktenfremd
nur noch selber sich gewichten,
zeitgeistpathologisch sich enthemmt.
So das Land herunterbringen,
hybris-und verblendungslüstern
lassen's in die Arme sinken
solcher, die von Ordnung flüstern,
auszuräumen die Probleme,
schaffend Hass, Gewalt und Häme.

Des ganzen Lebens Widersprüche (21/66)/Sonett (1)

Es hat's trotz allem gut mit mir gemeint,
dies oft so hämisch plumpe, kalte Leben.
Obwohl bedrückend, sollte es mir geben
die Kraft, die seine Widersprüche eint:
So etwa den, dass man vergeblich weint,
wenn es sich zeigt als eher hartes Weben,
das Glück nur lässt im Traum von andern beben,
so macht, dass man sich selbst als Pech aufscheint.

Indes mich hat es überreich bedacht:
Sein Scheingefüge hat mich nie bezwungen.
Ich durfte ungerührt als Wahn es greifen,
weil ich mir geistig war primär gelungen …
War so bewusst mir seiner Täuschungs-Macht:
Dass es auch Lügen braucht, um Glück zu streifen.

(21/67)/Sonett (2) 
Das Beste draus zu machen, das erfordert Geist.
Gewährt allein doch er die Kraft zum Selbstabstand.
Und folglich Fakten-Einsicht ohne Deutungs-Brand,
der meist gesinnungsperspektivisch Trug ausweist.
Weil aus auf Selbstbetrug, Entlastungszwang verschweißt.
Doch braucht es Ernst, Verantwortung - nicht: Ichsucht-Tand -,
dass man nicht werde von Narzissmus überrannt,
der immer nur die Ichsucht-Deklassierten speist.

Indes gewöhnlich i s t das Leben Ichsucht-Posse,
was auch besagen soll, man ist auf sich versessen:
auf Selbsterhöhung, Anerkennung, Sinn-Kolosse;
wie Aufstieg, Haben, Macht, kurz jedes Große Fressen,
auf dass erreiche man des Lebens höchste Sprosse … 
um die als sinnlos dann am Ende zu ermessen.

(21/68)/Sonett (3) 
Das Dasein heute ist Verbraucher-Los:
Konsum. Um von sich selber abzulenken.
Würden die Fakten doch nicht selten kränken:
Besagend, dass man Umsatzgröße bloß,
gelenktes Mittel ist in Marktes Schoß,
in diesem sich dann selber zu beschenken:
Mit Glücken aller Art sich so zu tränken,
dass man sich wähne auf erwünschtem Floß.

Das ist zwar eine Lebenslüge nur.
Doch würde ich das jederzeit verschweigen.
Denn die allein kann sein noch Daseinsschnur,
wie Redlichkeit und Sachlichkeit es zeigen:
Ist längst gezogen uns doch diese Spur:
Dass wir uns müssen unsrer Ratio neigen.

(21/69)/Sonett (4) 

Wir werden in die eignen Fallen laufen.
Doch ohne Halt und Selbstverständlichkeiten;
so feil dann unsren Nihilismusschlaufen
die wir als Dauerlast einst werden leiden:
Sei es als machtstier heimgesuchte Haufen,
sei es, dass wir in Anomie uns leiten,
sei’s dass wir werden müssen uns verkaufen
als Wesens-Söldner, die sich selbst entgleiten.

Ich kritisiere das indes mitnichten.
Schon weil's das Wohlstandsgrund-Niveau doch hebt,
mit dem gerade ich so gut doch fahre.
Ich muss die Dinge realistisch sichten:
Weiß, dass der Geist nicht nach dem Leben strebt …
dass seinen Träger-Leib nur Geld bewahre.

(21/70)/Sonett (5) 
Und selbstverständlich bin primär ich Körper:
Bedürfnisträgerzwang in allen Stunden.
So brennen ständig meine Stoffdingwunden,
mal kommandierend; manchmal etwas herber.
Und dann schreit immer mal des Eros Werber,
dass auch an diesen ich doch sei gebunden,
verpflichtet so, zu löschen all die Lunten,
um nicht zu leiden als der Lust Verderber.
Indes ich grad als Geistmensch anerkenne,
dass ich nichts weiter bin als Fleischgebilde.
Als solches als Bedürfnis-Träger brenne,
dem Leibzwang abzuringen etwas Milde.
Bevor ich mich dann wieder von ihm trenne,
zu meiden meines Tieres Fron-Gefilde.

Anwandlungen (21/71)

Dass es mit mir schon könnte 
bald zu Ende gehen,
das kann an manchen Tagen
ich recht deutlich spüren:
Wenn etwa Schmerz und Schwäche
meinen Körper übersäen
bis mir gar lästig werden
alle Lebensfragen.
Mich zugleich andrer Frevel 
auch verführen,
in meinem Ende 
ein Erlösungsgut zu sehen.

Und in der Tat:
Ich wüsste letztlich nichts,
was mit Bedauern ich verlöre:
Das Land nicht 
- längst Moral verbogen,
sich selber eine Phrasen-Schwäre,
als diese tief verlogen …
Auch sonst nichts, 
was noch wichtig wäre:
Auch nicht die Heimat
des Gedichts:
Dies Spielen mit des Geistes Saat - 
Ist mir doch eines 
- es war's immer - klar:
Der Tod nimmt fort 
uns alle Schwere:
Den Nihilismus dieser 
Spaß-Misere ...
und mit der 
alle Daseins-Leere …
Zumal auch dies,
dass je sie wiederkehre.

Bemerkungen zu Glück und Freude (21/72)

Ob Glück und Freude ganz dasselbe seien,
wenn Glück verstanden wird als doch rein konsumtives?
Das mögen viele nicht für wichtig halten,
zumal für sie doch gilt: Erlebe dich!*
Was letztlich heißen soll: Die Fakten-Alltags-Welt zu meiden,
sich eskapistisch ihr entziehen wollen,
um marktgemachten Psychen-Schemata zu folgen:
Gefühlen wie Verpflichtungslosigkeit, 
die "Seele baumeln lassen",
sich absoluter Freiheit hinzugeben,
kurzum: sich ohne Grenzen einfach auszuleben:
sich selbst dabei als Stimmungsträger mit zu konsumieren,
von Sorge, Stress und von Getriebenheit entlastet.

Ganz anders Freude: antidionysisch, reflektiert:
Sich ihrer selbst bewusst als Resultat
von Selbstabstand als Einsichtsweise,
die grade nicht nach konsumtiver Spaß-Versenkung giert:
nach Leichtlauf-Glücken marktkonformer Saat;
vielmehr ganz still und freundlich-resigniert zieht ihre Kreise,
weil sie begreift, dass Glück meint Weltverhaftungskreise:
Entlastungsmittel, Flüchtigkeit, Entfesselung, ein Surrogat,
in dem man seiner selbst benommen sich gelenkt verliert.

*Siehe dazu: Gerhard Schulze: 
Die Erlebnisgesellschaft
Campus-Verlag 1992, Seite 58ff, Abschnitt: Erlebe dein Leben

Außenstörung (21/73)

Mich plagt ne Schaffenskrise,
das steht fest.
Nichts krieg ich hin;
doch wenn, nur Stuss.
Die Gründe freilich
bleiben unpräzise:
Das Alter, Krankheit,
Ekel, sonst ein Muss?
Tastsächlich will ich nicht mehr,
ich hab satt
den Dauerfluss
von primitiven Phrasen,
die arrogant sind,
schlimmer: inhaltsleer,
die ich seit langem
schon ertragen muss:
Ideologen-Schwachsinn:
weltlos, faktenquer.

Erklärung (21/74)

Warum ich oft erklärend dichte,
hat seinen Grund in unsrer Welt:
Es ist die Welt der Diesseits-Richte*,
geprägt von Technik, Gleichung, Geld.
Da fehlen längst die Psychen-Schichten,
sei's über sich hinaus zu sehnen:
sei es, sich metaphysisch zu gewichten,
sei's mystisch der Natur sich anzulehnen.
Zumal die fort ist: Rohstofflager nur,
ist zugemüllt, verschmutzt, liegt gar im Sterben.
Man fühlt nur noch: Sie ist Tortur.
Und das muss auf uns selbst abfärben.
Und in der Tat: Uns fehlen Ehrfurcht, Scham,
die Demut fehlt uns, Seelengröße.
Uns treibt nur noch des Mammons Gram:
Pleonexie, Narzissmus, Stargetöse.
Wir sind nur noch Verbrauchersilhouetten,
sind alle gleich, sind gleiche Lust-Duckmäuser,
bestreiten nur noch Sklaventums-Stafetten,
sind unsrer Plattheit eigne Schleuser.

*Richte = Richtung

Radikal sich ausgeliefert (21/75)/Sonett 

Von Kindheit an hab ich’s recht gut verstanden.
Zumal’s nicht schwer war, es genau zu greifen:
Ich musste nur der Straßen Wahrheit streifen,
in der sich Tränen, Ekel und Versagen banden;
vermengt mit Sehnsuchtswirren, die umspannten
sei’s Geldgier, Geilheit, Überragens-Keifen,
sei’s auch dies krasse Vor-sich-selber-Kneifen,
um sich in Lebenslügen zu gewanden.

Weil man an sich ist ausnahmslos gebunden,
in keiner Stunde kann sich je entrinnen,
ein Knecht von Zwängen ist und Würfelei:
Sei’s ichbegnadet oder ichgeschunden,
sich zu verlieren oder zu gewinnen …
Als Leib-Diktat rein faktisch einerlei.

*

(21/76)
Obwohl nicht frei: nie fähig, selbst mich zu bestimmen
und völlig außerstande, biegsam mitzuhalten:
mich zeitgeisttypisch smart narzisstisch zu gestalten,
gesellschaftlich die höchsten Leitern zu erklimmen,
verspürte nie ich diesen Drang, mich selbst zu trimmen,
auf dass man anerkenne mich und auch mein Walten,
bewundre gar den Nachdruck meiner einsichtskalten
Entlarvungskräfte, die dies Dasein mir entkrümmen …
Als Hort von Einsamkeit, Versagen und Versäumen,
als einen Strauß rein objektiver Nichtigkeiten,
als einen Ort von Selbstbetrugs- und Lügen-Finten …

Um sie mit Gott am Feldwegrand dann fort zu träumen,
sie in Gedichte, Einsicht, Seelenkraft zu leiten …
So Zugriff ihnen und Gefolgschaft aufzukünden.

Politverquer - Es sinniert einer auf der Regierungsbank
(21/77) 

Ich hab versagt, weil ich vergessen wollte,
dass ich mit Absicht was vergessen habe.
Ich saß es aus, auf Macht versessen
Was kümmert mich auch das Gesollte?
Ein Coup, an dem ich freilich gern mich labe,
weil er beweist, dass ich ein Schlauer bin,
ein Fuchs, was anbelangt Cum In.
Hab ich auch sonst nicht die geringste Gabe,
mir Selbstwertfülle zuzumessen:
Muss daher sehen, dass die ab ich schabe
von meiner Fähigkeit, Begriffs-Finessen
mir aufzulösen in Rhetorik-Gülle,
die macht, dass ich mich selbst vergesse:
Als Daseinshusch besagungsloser Stille.“

Statusprobleme, Ich-Werte 
und die Gott-Heimat Gedichte (21/78)

In einer Welt der Kunden
und Erlebnissammler,
ist ein Gedicht nicht relevant.
Da zählen nur noch
Selbstwertrunden,
zu wirken möglichst
ichbrillant …
Ob man sich gut verkaufe
oder nicht;
was man bedeute
in der andern Sicht:
Sei nur soziale Beute:
ein kleiner oder großer Wicht.
Womöglich gar
ein Daseins-Gammler …
Vielleicht auch
ein sehr großes Licht:
betucht, beliebt
und allbekannt.
Ich bleib dem Geistigen:
Gedichten treu,
sie seien Gütesiegel
oder Spreu,
sie seien selbst
entweltlicht scheu:
Sie seien weder alt
noch neu …
Bin ich doch Scheingetue
tief abhold.

Denn wenn man
darauf sich versteht,
bleibt man vor allem
selbstwertscheu:
Macht seines Daseins
tiefsten Stich,
indem man trancestumm
Gott verweht,
der im Gedicht
noch Wache steht …
obwohl längst tot
längst nur noch
leeres Grab-Gesumm.

Weiteres zu "Existenzprobleme" (21/79)

Es gibt kein inneres Refugium mehr,
in das man könnte sich noch halbwegs retten,
um sich zu schützen etwa vor den Marktzugriffen:
Reklame-Tinnef* und Erregungszwängen.
Emotional erbeutet doch primär
von künstlich provozierten Psychen-Schliffen,
die einen stets in Zeitgeist-Illusionen betten
und jede Chance auf Wirklichkeit verdrängen.
Man ist tatsächlich radikal verlassen.
Und akzeptiert das, weil man deutlich fühlt:
Man würde - widerständig - sich ja auch verprassen
an was da pausenlos mit einem spielt.
Indes dem Geistigen sich hinzugeben,
birgt große psychoethische Gefahren:
Ein weltentlarvend radikales Innenleben,
das kaum Vernunft, Moral und Halt kann wahren.
Vielleicht in Nihilismus-Rausch sich gar verliert:
In Phantasien dann von rücksichtsloser Barbarei,
die es begrüßen mag, dass sukzessive man vertiert ....
gar von Vernichtungsorgien wutschrill animiert ...

*Tinnef jidd.: Schund

Der alte Mann I (21/80)

Lauf öfter hier vorbei
an dieser Haltestelle.
Und immer sitzt da
dieser stille alte Mann.
Der wartet, scheint's,
nur auf den Tod,
den Tod als den
Erlösungs-Weg
aus aller Daseinslast
und ihrem bittren Zwang ...
Nun endlich hin
zum letzten Steg,
zu lassen nach dem
hinter sich
Zeit, Ich, Verfall
und diese fade Hast.

Probleme der Machthaber (21/81)

Macht hat doch keiner,
den sie drangsaliert mit sich;
ihn seiner selbst beraubt
und ihn verknechtet ...
ihn heimsucht
als dann schwaches Ich.
Ihn kleiner macht
und immer kleiner;
ihn letztlich
gänzlich sich verführt ...
Bis er sich gottgleich glaubt -
und dann verrechnet.

Prototyp des verachtungswürdigen Amtsfrevlers 
(21/82)

So mancher oben
kann's halt nicht,
ist primitiv,
korrupt und faktenblind.
Von Dummheit, Arroganz,
Narzissmus angeschoben,
frönt er nur
lauem Phrasenwind ...
Charakterlos und
abgehoben ...
wie's alle
Selbstgefangnen sind.

Hoffnungslos (21/83)

Dass wir, Natur entlaufen, werden uns entrinnen:
Uns Gleichungs- und Verfahrensvirtuosen*,
die doch auch Wohlstand, Macht,
subtilste Waffen schaffen,
das glaub ich nicht; ich kann's nicht glauben.
Wir werden eher weiter sinnen
auf Überragen, Ruhm, ja: Weltherrschaft.
Und das heißt: selber uns nur kosen
und folglich gegenseitig Überlebenschancen rauben.
Das ist indes normal: Dass müssen wir.
Ist uns so was wie Schuld doch eher fremd.
Wir sind im Wesen Ohnmacht, Fehlen, Gier ...
sind geistig-ethisch letztlich ohne Kraft:
heteronome Selbstsucht-Haft.
So potentiell Vernichtungssucht enthemmt.
Kurzum: Wir werden irgendwann uns selbst zerstören.
Sei's ohne Absicht, sei's durch Zufall, sei's gezielt.
Das sagen uns die evolutionären Lehren,
dass, wer Natur verlor, nur mit sich selbst noch spielt,
anheim wird fallen seinem Nihilismus-Bann.

*Gleichungs- und Verfahrensvirtuosen: Naturwissenschaftler und Techniker. 
Bewunderungswürdige Geniale, die uns so viel Fortschritt beschert haben: Etwa die Abschaffung der körperlichen Plackerei auf den Feldern, in den Fabriken, der Armut in vielen Teilen der Welt, vieler Krankheiten, denen wir einst hilflos ausgesetzt waren (etwa der Tuberkulose) usw. usw. - indes hat dieser Fortschritt einen Haken: Er liefert uns uns selbst aus; und das ist kein Fortschritt, sondern womöglich eine Falle, denn: Unser Wille ist nicht frei** (wenn das auch viele Menschen - verständlicherweise - glauben) und wir sind (an der Wurzel Techniker) der Natur aus der Hut gesprungen, d. h. wir sind uns selbst ausgesetzt, einem Wesen, auf dessen Selbststeuerungsfähigkeit ich jedenfalls keinen Pfifferling gebe.

Der Tod (21/84)

Mit dem Leben zwangsverwoben,
ist der Tod uns tief vertraut:
Muss uns Körper sich erbeuten,
endend unsrer Iche Pein:
Ängste, Alter, Selbst-Gram, Schmerzen.
Zwischen uns und Nichts geschoben,
endet er, was Traum uns baut:
Fragen, Hoffen, Wünschen, Deuten,
zielend auf Entlastungs-Schein:
Nu-Phantasmen, Trostwunsch-Kerzen ...
Ist doch sinnleer alles Sein.

Nebelnacht-Gesicht (21/85)

Stille schwarzer Nebelnacht.
Ohnmacht: Selbstwertzwang verdeckend
einer unbegriffnen Schlacht,
Seelenschwund erweckend.
Sie erlaubt mir, scharf zu sehen,
die Enthemmungs-Geist-Miseren,
die sich als Magie begehen:
Kultrausch toter Zähren.
Und die Fäulnisspur im Ganzen
durch der Art Gesamtbestände,
sich als Niedergang zu tanzen
neuronaler Zeitenwende.

Selbstmachtverlustig (21/86)/Sonett

Dass es nicht leicht ist, dieses Leben heute,
liegt auf der Hand: Oft ist es Scheinhingabe.
Man ist nun mal - und dient - als Markt-Bann-Beute,
ob man nun wenig oder viel gar habe.

Dass man dabei an Sinn-Erfüllung schabe,
das glaub ich eher nicht, zumal die Leute
beweisen dies durch Aggressions-Gehabe …
Als ob man ihre Lage ehrlich deute.

Das alles muss man schon in Rechnung stellen,
wenn man - begründet - sich berechtigt glaubt,
sich dieses Urteil anmaßen zu dürfen:
Uns sind versiegt längst alle Selbstmacht-Quellen.
Was fraglos gälte, alles auch geraubt.
Um die Attrappen unsrer selbst zu schlürfen.

Für eine Tote. Für E. M. in dankbarer 
Erinnerung (21/87)

Grade habe ich's erfahren.
Überraschend war es nicht.
Dieser Schwund in letzten Jahren,
nahm dir des Bewusstseins Licht.
Sollte eigentlich was sagen;
doch mir fällt nichts Rechtes ein,
angemessen jenen Tagen,
nicht vertan schon stillem Nein.
Wär's auch hilflos vor dem Tod.
Grund für mich, dir nachzuschweigen:
Dank dir für dein Seelen-Brot,
deines Leibes Schicksals-Neigen;
Dank auch für manch andres noch ...
Könnte vieles noch benennen.
Sei's drum. Hast es hinter dir,
nicht allein dein eignes Joch,
auch dies ganze Zufalls-Rennen,
grabgeborgen asche-schier.

Spätzeit-Sonett (21/88)

Warum denn sollte ich noch weitermachen?
Für wen? Für was? Und dann auch: überhaupt?
In dieser Hysterie von ausweglosen,
gesamtgesellschaftlichen Niedergängen.
Da tobt ein progressives All-Verflachen,
das keine Sachlichkeit doch mehr erlaubt;
selbst die Verantwortung verkommt zu Posen:
narzissmusprimitiven Überschwängen.
Demokratie und Recht sind kaum gegeben,
Gesellschaft auch nicht - einheitslos zerfallen -;
und die Funktionseliten Macht verschworen:
Ideologen, die in Trancen schweben,
indem sie faktenfremde Phrasen lallen.
Das Ganze? Haltlos in sich selbst verloren.

Menschen (21/89)/Sonett

Die Unterschiede sind ganz oberflächlich.
Doch grade deshalb auch so heiß umkämpft.
Man ringt um seinen Selbstwert ja tatsächlich.
So gibt es nichts, was diesen Hunger dämpft,
zu übertreffen, sogar auszustechen -
beruflich etwa, auch intim privat.
Es geht noch nicht mal darum, sich zu rächen:
Man will gewinnen, muss das als Primat.

Ich mach mir oft den zweifelhaften Spaß,
herauszufinden - Ich bin Herrentier! -
wie weit man gehen muss für’s eigne Maß:
Nun bis zum Ende: Man ist Daseins-Gier.
Der es um alles geht, sei’s Wie, sei’s Was …
Quälte doch Scheitern sonst als Ich-Geschwür.

Existenzgegebenheiten (21/90)

Für uns alle viel zu kompliziert,
weil nicht möglich ohne Widersprüche,
dieses Dasein, scheinfundiert,
dass man's, träumt man,
meistern könne
ohne Selbsttrug, ohne Brüche.
Sich bewahren könne vor der Welt,
auch sich selbst sich zu gelingen
durch Phantasmen, Lust und Geld,
um die täglich wir doch ringen.
Müssen, weil uns sonst nichts hält.

Doch ich will es allen gönnen,
es von Herzen ihnen wünschen,
dass sie sich als Schein gewönnen,
Niedertracht zu übertünchen,
Schäbigkeit und Perfidie ...
Um nur diese hier zu nennen:
Grundbestände doch von Was und Wie ...,
die uns stündlich überrennen.
Daher auch die Hirn-Magie,
ichsuchtsiech sich zu verkennen.




 

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