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Radikales Alleinsein (20/1)

Man schwappt an andern nur vorüber,
berührt sie nie in ihrem Sein.
Doch weiter nichts als nur ein Schieber
von Einsamkeit und Schein.
Zu sagen dies,
sei doch ein Frevel!
Sei nichts
als subjektive Härte,
kalt, zynisch,
krank und inhuman!
So letztlich nichts
als Psychopathen-Wahn …

Indes mitnichten. Es ist Redlichkeit,
ist souveräner Mut,
Man ist tatsächlich Ich-Einheit
doch nur als Traum …
den andern Beutegut.

Ein weiteres Gedicht zur Erinnerung
an meine Eltern (20/2)

Wie habt ihr all das nur geschafft:
Die Plackerei, den Krieg,
die Psychen-Wehen;
wo nahmt ihr her die ganze Kraft,
das alles durchzustehen?
Wohl weil ihr so gewohnt es wart,
euch täglich
eurem Los zu stellen;
auf eine duldend-stille,
resignierte Art,‘
euch auszublenden
eure Daseinsdellen.

Ich hab’s mir
von euch abgeschaut,
dass man muss an sich halten
alle Stunden;
ganz ohne Selbstmitleid
und ohne Klagelaut …
sich selbst zu heilen
noch die tiefsten Wunden.

Auch weil ein Leben lang
allein man ist,
auf niemand letztlich
zählen kann,
ist Daseinsspielball, Trauerfrist,
sich selbst gar
fremder Seelen-Bann.

ZINSJA (108) (20/3)

Hast keinen Grund, dich zu beklagen.
Dir ging es immer gut.
Warst jeden Augenblick getragen
von deiner Gier nach Warenflut.
Nach Illusionen, Phrasen, Sehnsuchtsschüben,
nach Mediensog ins Ungefähre.
Mystifizierung auch von Trieben,
von allem, was da mehre
die Chance, sich lustvoll zu erleben.
Egal, wie seicht und wie banal.

Man will sich ja als Selbstwertträger weben.
Genauer: Muss es. Subjektiv. Sozial.
Ich freilich war dem früh entzogen.
Beileibe nicht indes aus freiem Willen.
Nie war ich dieser Welt gewogen:
Sei's Zeitgeist-, Aufstiegs-:Wohlstands-Drogen.
Und musste so mich niemals drillen,
um zugehörig selbst mich aufzugeben:
zu schicken mich in Schein, 
in Selbstverlust und Zahl.

ZINSJA (112) (20/4)

Affekte, wie meine,
mystisch geronnnen,
verweigern sich Welt:
Synthetischen Wonnen
steriler Magie.
Die chronisch zerfällt
in Taumeleffekte,
Erlebniszufuhren
und technisch geweckte,
sich leiblich entfesselnde
Lustzufuhr-Mengen …
Affekte, wie meine,
entlarven dies Lärmen:
Sie fühlen die Steine
im rauschhaften Geifern ...
Sie fühlen die Ichsucht,
das Täuschen, das Härmen.

Ausgesetzt (20/5)

Aufrichtig, sage ich mir,
sollte ich schon sein,
mich nicht kindisch anreichern
mit Gehalten und Eigenschaften,
die mich nicht ausmachen,
sollte vor allem meine schwankenden
Innenweltanwandlungen
für mich behalten,
nicht mit ihnen heimsuchen
andere Menschen;
noch weniger mit dem,
was ich für die Wirklichkeit halte,
eine Wertperspektive doch stets,
niemals nur Tatsachenzusammenhang.

Vor allem sollte ich mich nicht
realitätsflüchtig hingeben
sei’s metaphysischen,
sei’s ideologischen,
sei’s geistigen,
sei’s kulturellen
Entlastungsphantasmagorien.

Und doch tue ich all das,
selten genug mir freilich bewusst;
tu’s in jedem Augenblick.
Schießen doch auch
in jedem Augenblick
alle die genetischen
(zufallssubjektiven),
die Herkunftsvoraussetzungen,
sozialen und gesellschaftlichen,
Erfahrungen,
Festlegungen,
Vorurteile,
Trancesteuerungen,
Sehnsuchtsphantome
und Entlastungszwänge,
unbegreiflich und unentwirrbar,
als das in mir zusammen:
als kaum ausdeutbares
Ich-Leib-Konglomerat,
was ich mir selbst
und allen anderen dann,
vollständig heteronom,
als dieser Mensch zu sein
und auch zu scheinen habe.
Mag ich auch noch so
knechtstypisch hilflos
mich dagegen auflehnen.

Vergeblicher Wunsch/Für … (20/6)

Riefst du mich doch
noch einmal an.
Dass wir uns
noch mal wiedersähen,
um klaglos jenen
Sehnsuchtsbann
längst toter Träume
noch einmal hilflos
vor uns hinzusäen.

Geist (20/7)

Dieser stofffundierte Geist,
ist längst 
rational zerbrochen,
verloren ist er,
ist verwaist.
ward technologisch
ausgestochen.
Als Sapiens-Hybris
ist er still entgleist:
hat elitär sich,
Tod geweiht,
in Fakten-Halden
tief verkrochen.

SMS//Zufällig aus einer Papierhalde gezogen (20/8)

Die Selbsttraumberückten
treiben das Glück ab.
Artefaktiell ruiniert
als Personen.
Gramleer versimpelt 
für immer.

Schreibtischdösen (20/9)

Zwanzig Minuten vielleicht,
während der ich
nicht so recht arbeitsfähig bin,
müde,
ein wenig erholungsbedürftig auch,
weil ich einfach zu viel zu erledigen habe.
Routineaufgaben indes,
die mir an sich doch lieb sind,
weil ich mich in sie fallen lassen kann,
mich so völlig von mir selbst
und meinen Gemütsschwankungen zu lösen.
Am liebsten würde ich schlafen.
Wozu freilich das kleine Büro
keine bequeme Möglichkeit bietet.
Immerhin bin ich nicht ansatzweise bedrückt,
frei doch von privaten Sorgen,
überhaupt von existenziellen Verwerfungen.
Vielmehr auf eine sehr angenehme Art antriebslos,
gleichgültig und unbekümmert.
Ein wenig glücklich auch
über den bestandenen Büroalltag.
Zumal mir in diesem angenehmen
vor Mich-hin-Dösen
dreierlei wieder einmal deutlich wird:

Erstens,
dass ich ein recht schlichter und naiver Mensch bin,
einer,
der dem Zeitgeist misstraut
und mit Geringem sich schon zufrieden gibt.
Objektiv eine Sozialmonade,
die sich jetzt in einen ungestörten Abend
hinein phantasiert und hofft,
dass sie weltfrei,
einsam und wunschlos bleiben wird.
Vielleicht geadelt
durch ein Zwiegespräch mit Gott.

Zweitens,
dass ich der historischen Gnade teilhaftig wurde,
nach dem 2. Weltkrieg geboren worden zu sein,
hinein in eine sehr bald ‚
von materiellem Überfluss geprägte Gesellschaft
- spaßtotalitär (substanzhedonistisch)
entschämungssüchtig (verkümmerungsnarzisstisch) -,
eine solche, die mir sogar die Freiheit lässt,
mich von den von ihr hochgehaltenen Werten
- in der Regel rein ökonomisch-technisch bezogene 
Apologien utilitaristischer Ichsuchtstrategien
zeitgeistvermittelter Autonomiewirren,
die einzig dazu dienen,
die konsumtive Fitness prestige- und erlebnissüchtiger
gelernter Verbraucher zu maximieren -
zu distanzieren.

Drittens,
dass dieser Welt, wie ich sie kannte und schätzte,
kein Bestand gegönnt sein wird
(sie muss sich, technisch,
aber nicht existenziell steuerbar,
selbst auflösen),
dass sie wahrscheinlich gar sukzessiv global
wieder zurückfallen wird in Barbarei.
Sodass sogar der Bestand unserer Art
bedroht sein könnte.
Was alles aber mich nicht zu rühren vermag,
weiß ich uns doch notwendig
schundnihilistisch-deterministisch
radikaler Mittelmäßigkeit verfügt.

Gedankengrätsche (20/10)

Formel hier,
dort Emotion.
Wiewohl doch
untergründig streng verbunden:
Die Formel schafft
das ganze Wir,
die Emotion den Einzelkunden.
Die beide sich am Markt erleben.
Als Gleiche,
die nicht gleich sein wollen.
Und dennoch zwangsnarzisstisch beben
vor ganz dem selben Sollen:
Sich auf die Träume einzulassen,
die als die Träume aller gelten:
Sich spaßentfesselt dann zu fassen
in marktgenormten Innenwelten.

Selbstbewahrungszwänge (20/11)

Diese erbärmlich verdrängte Gram- und Trauer-Sudelei.
Noch erbärmlicher ihre Mystifizierung 
als erlösungsträchtige Selbstoptimierungs-Ideologie.
Bin ich denn eine Stoffmaschine?
Ein Träger von Zeitgeist-Pathologien?
Ein schaumschlägerischer Prestigejäger?
Ein intellekthöriger Technologiebüttel?
Aber sicher. Unausweichlich.
Wie sollte ich all das nicht sein?
Fremd, weltos, leer und einsamkeitssüchtig:
An den Rand geschwiegen in mich selbst gedrängt,
wenn ich nur auf mich allein pochte: Geist.
Das heißt Anti-Pleonexie,
begriffene Heteronomie,
desillusionierende Einsichtsdrastik,
radikaler Realitätssinn …
Gottunmittelbarkeit in diesem metaphysisch toten,
paneitel nichtigen Selbstentmächtigungszuchthaus.

Eingebungen fragwürdiger Intensität/Für Dizlo (20/12)

Wärst du jetzt hier,
ich tränke dich aus,
söge mich in dein Wesen,
deine sylphenhafte*
Geistleiblichkeit…
So trosttief,
so wehmutsträchtig,
so melancholisch,
so weltüberschreitend,
so kommandierend
gegenprofan,
so zart auch
sich zurücknehmend
in wunderbar
täuschende Augenblicke,
dass man erlösungserpicht
sich hingeben muss
dieser Ahnung
von Friedfertigkeit
und zarter
Entzeitlichung.

*Sylphe = junges, zartes, weibliches Wesen

Widerspruchsgefangenschaft (20/13)

Es war immer alles da.
Widerspruchsgefangenschaft
war es faktisch ausnahmslos.
Geistigkeit und Pöbelgosse.
Ekel, Gier und Körperdurst.
Selbsterhöhung, Hassanfälle.
Negationsverachtungsdrang.
Stolz dann bis zur Selbstvergottung.
Indolenz und Tiefst-Passion.
Würde und Verdinglichung.
Kreatürlichkeit, Askese.
Grausamkeit und Zartgefühl.
Vorurteil und Sachlichkeit,
Bosheit und Gerechtigkeit,
Kälte und Erniedrigung,
scharfe Sicht des Objektiven.
Es war immer alles da.
Dass ich’s trug, das ist ein Wunder.
Andrerseits doch Selbstanspruch,
Pflicht und Wille zur Person.
Die zu werden Dummheit ist.
Schwäche letztlich. Einsichtsmakel.
Macht befriedigt, Lust und Haben:
Sklavenwerte ganz und gar.

Nichtungsnymphe. Du. Sinnhäutige (20/14)

Ich küsse
deine Zerbrechlichkeit.
Von Wange zu Schamhaar,
von Schamhaar zu Fuß.
Ihr murmelnd,
wie erdhaft dein Körper
mich zwingt,
von Pore zu Pore,
hinauf und hinab,
entfesselungszart
Gebarme des Mangels
erotisch zu nichten,
dich Sinnleib
mir zu bewahren. 

*Nymphe = weibliche Naturgottheit des griech. Volksglaubens; Braut, Jungfrau. 

Dauerkonditionierung (20/15)

Schon wieder lockt, rund um die Uhr ist es so,
das endlose Wechselbad von Verlautbarungen,
Staatsschauspielerei, Reklamepropaganda,
Vereinnahmungsschleimerei, Bilderdiktatur
und permanenten Reizattacken (z. B. derer,
die, sich augenfällig spreizend, selbst inszenieren,
um Prestige zu gewinnen (das Gaukelspiel der
Nimbus-Durstigen, die sonst nichts haben,
um sich anderen interessant zu machen).
Kaum dass man noch Gelegenheit findet,
zu sich selbst zu kommen, förmlich gezwungen
zu Tugendernst, Innenweltaufruhr und Empörungshysterie.
Eigentlich kann man dem allen gar nicht mehr ausweichen.
Es sei denn, man reißt sich mit Gewalt davon weg.
Um dann die Erfahrung radikalen Alleinseins zu machen.
Denn: Wer zu sein, meint heute vor allem Dazugehören.
Über ein pseudoinformiertes Gebrauchsselbst zu verfügen, 
einsichtslos all den Mächten verfügt,
die einem was verkaufen wollen: Urlaub, Waren, Lust, 
Drogen, Ich-Optimierungsstrategien und Ersatz-Zwecke.

Aufruf (20/16)

Der sterile Dauerstuss des Konsumkapitalismus:
Abstrakta innenweltautotaktisch verarbeiten,
stumpfsinnsmart schauspielern, Moralreize aufblasen,
protzen und kopulieren und sich selbst glorifizieren,
unbegriffene Geschehnisse abhaken
und Anerkennungsquanten erjagen:
Prestigedrogen für Realitäts- und Selbstflüchtige.

Solltet ihr dennoch den Drang nach Einsicht verspüren,
dann macht euch gefasst darauf,
die Verwahrlosungsträchtigkeit eures Alltags zu erkennen.
Zugleich aber auch,
dass ihr diese hedo-utilitaristische Profan-Farce
nicht mehr ändern könnt.
Um euch dann vielleicht,
hilflos euch selbst ausgeliefert,
eurer euch kommandierenden Weltgefangenschaft,
eines schleichenden Untergangs gewärtig, zu stellen.

Widerspruch (20/17)

Was für ein quälender Widerspruch!
Allbedenklichkeit zum einen.
Zum andern dann
- und das macht einen scharfen Bruch -
kann ich die Faktenlagen nicht verneinen:
Die, dass ich selbst mich nur bewahren kann,
wenn Märkte weltweit funktionieren,
Gewinn erzielend, wirken jenen Bann,
der Kunden bringt zum Dauer-Delirieren:
Dass Kaufen Glück sei, Freiheit Urlaub machen,
zumal Erlösung spaßtraumhörig sich erbeten …
Sich selber auszutrinken in Verfahrens-Lethen
auf diesem lecken Spätzeit-Nachen.

SMS//Zufällig aus einer Papierhalde gezogen (20/18)

Trotz Leerformel-Falls:
Die letzte Variante des Geiststerbens
kräht noch immer
Vernunft berührenden
Kernwiderstand.
Und das gerade in Deutschland,
dem Land
der exzessiv-verlogenen
und zugleich masochistisch-aggressiven
Tugendwirren.

Ausflucht (20/19)

„Ich weiß nicht, was ich reden soll.
Was diskutieren. Und wofür.
Ist das Café doch dafür viel zu voll.
Auch zieht es durch die Tür.
Das ist kein angenehmer Platz,
um sich intimer auszutauschen.
Hier geht doch unter jeder zweite Satz.
Man kann hier allenfalls
belanglos plauschen.“

Tatsächlich kam mir das zustatten.
Stand’s mir seit Tagen doch schon fest,
dass wir rein gar nichts uns zu sagen hatten.
Uns fremd auch noch als zeitkonformer Rest.

Augenblicksaufnahme I (20/20)

Ein Schnelldurchlauf durch Trivialitäten,
durch Emotionen per Effekt.
Ansonsten Stechen-Hauen-Treten,
ideologisch überdeckt
von Ethik-Kommissionen und Geschwätz
- appellativem Druck von Prominenten -.
Man schwemmt die Kundenhirne in ein Netz
von ideellen Dividenden.
Selbst der Verwahrlosung glänzt auf Moral.
Das hilft, Verstand zu unterdrücken
und dieses antimetaphysische Spital
als Waren-Paradies aus jedem Blick zu pflücken.

Indes ich weiß,
es könnte gar nicht besser sein.
Tatsächlich grenzt es an ein Wunder.
Wenn man in Rechnung stellt
dass noch das ärmste Schwein,
darf Selbstwert fischen
aus gesolltem Plunder.

Augenblicksaufnahme II (20/21)

Mein Profanierungstrieb ist kaum zu zähmen,
anarchisch seine Lust, das Ding,
das Du … die Welt als ganze anzuhämen
als plutokratisches Sing-Sing.
Als Phrasengosse folgend Starkult-Maß,
das ichverliebt sein Szepter schwingt,
sich vollsaugt mit Medial-Lachgas
und angenehmer Despotie verdingt.
Das alles runterreißt in seine Sphären
von Emotionsentfesselung und Sex,
um sich sich selbst so magisch zu gewähren
als prototypischer Momentreflex.

Leichte Variante:
Augenblicksaufnahme (20/22)

Mein Profanierungstrieb ist kaum zu zähmen,
anarchisch meine Lust,
die Welt als ganze anzuhämen
als plutokratisches Sing-Sing:
Als Phrasenkosmos, als Entrückungs-Maß,
das allen in die Seelchen singt,
sich vollzusaugen mit Medial-Lachgas,
um, angenehmer Despotie verdingt,
zu weiten sich grad diese Sphären
von Hully Gully, Unfreiheit und Sex,
in diesen magisch sich dann zu verzehren
als Markt-Spielball ... als Trieb-Komplex.

Sozialzwerge-Schicksal (20/23)

Bin ausgewiesener Sozialartist,
bemüht, mir durchzuhelfen (je nach Ist).
Und trotzdem muss ich so viel schlucken,
mich (etwa) hohlen Phrasen ducken,
vertreten, was mir tief zuwider,
nur Schund ist (selbstverachtungsbitter).
Was soll ich machen als Gehaltsempfänger?
Das Beste scheint, ich bleib Verdränger:
Besonders davon, dass ich hilflos bin,
was Eigenständigkeit betrifft und Sinn.
Die erste gibt es nicht, ist Illusion.
Der zweite? Faktenleerer Daseins-Mohn.

Surrogate-Söldner (20/24)

Wir haben alle Sehnsucht nach Substanz.
Sei’s Wert, sei’s Glück,
sei’s sogar Nichtvergehen;
nach Ich-Vollendung, Sinn
und Selbstwertglanz.
Und nach geordnetem Geschehen;
nach Lust statt Schmerz,
auch Ruhm und Ehre,
Bewunderung in fremden Blicken.
Um abzufedern die Misere
der unwählbaren Tücken
wie Habsucht, Selbstverrat und Perfidie:
Strukturbegleiter dumpfer Großhirnzwänge.
Frontal gerichtet auf Magie
beseligender Trostgemenge.

Der Ideologe (20/25)

Vor dem muss man in Acht sich nehmen.
Weil der grundsätzlich immer phantasiert.
Den werden immer Ideale lähmen,
nach deren Umsetzung er giert.
So dass sie ihm weit mehr bedeuten
als faktische Gegebenheiten.
Erpicht allein, sich jenen zu vergeuden,
lässt er sich nie von Wirklichkeiten leiten.
Ihm ist das Schicksal anderer egal:
Totalitäre Tugend treibt ihn doch.
Die werde brechen Ichsucht, Gier und Zahl
und letztlich überwinden jedes Joch.
Zuletzt neurotisch von sich selbst besessen,
ist er bereit, die Wirklichkeit zu formen
nach seinen hohlen Phrasen-Messen …
Durch Krieg selbst und Geheimdienst-Normen.

Illusionslos I/Trias A 11 (20/26)

Hört auf damit,
ihr geht mir auf die Nerven!
Hört auf mit ‚Selbst’
und mit ‚Persönlichkeit’!
Das sind Gehalte,
die ihr doch verwerfen
und opfern würdet
Gier und Neid.
Da habt ihr doch
nicht Mut, den Willen zu:
Vernunft,
Begriffen,
Selbstdistanz ...
Und einem Tagtraum
von Wozu,
entzogen Waren,
Spaß und Firlefanz.

Gattungsgeschichtliche Möglichkeit? (20/27)

Von Jahrzehnt zu Jahrzehnt,
sich quasi automatisch optimierend,
schränkt der technische Fortschritt
die Daseins- und Entscheidungsspielräume
von Individuen immer mehr ein.
Eines fernen Tages
wird vielleicht das Savannenerbe in uns erwachen
und alle jene Fesseln
- wer weiß, ob es noch möglich sein wird -,
die psychische wie die physische Knebelung,
rücksichtslos abwerfen wollen.
Besoffen von barbarischem Vernichtungswüten:
jener todessüchtigen Melancholie,
die wider Verstand und Vernunft,
gott-, hege-, sinn-, und deutungslos
nur noch sich selbst zerstören will.

SMS//Zufällig aus einer Papierhalde gezogen (20/28)

Eine Nullrunde
nach der andern:
existenziell.
Selbst die
Verdrängungskapazitäten
gehen zur Neige.
Ausdifferenziert bis in die Quarks,
flaggt nunmehr auch
die Wirklichkeit aus.
Jetzt wird es Zeit,
uns endlich
einen schönen Tod zu bereiten.

Kind des Olymps (20/29)

Seelisch zugrunde bin ich nicht gegangen.
Sei es an Stumpfsinn, Kälte oder auch Erniedrigungen.
Schon gar nicht an mir sonstwie auferlegtem Leid,
gar aller Wirren dunklem Was und Wie.
Mir standen zu Gebote jene Gaben,
die’s mir erlaubten, mich allein zu erden
als Außenseiter auf den kargen Feldern
von Einsamkeit, Begriff und Einsichtskraft.
Auf dass ich weiter ginge, traum- und trancegerichtet,
bewahrt vor Stocken, Stolpern und vor Fallen.
Und sehe ich das Ganze ratiokalt,
dann muss ich anerkennen, dass selbst jene Lasten,
die andre mir fast täglich auferlegten,
für mich tatsächlich Krücken wurden,
mich aufzuschleppen, stumm aus aller Apathie.
Zu diesem Geistesflug mich dann noch zu erheben
von Ironie und Heiterkeit,
von Ich-Abstand in Einsichtsweiten,
mir Gram und Nichtigkeit, mir Spott und Niedertracht,
mir all dies typisch Menschliche
im Abstand noch mal zu betrachten …
Es zu begreifen dann,
dass stoffverfügte Homo-Last:
Evolutionsmitgift es sei,
von der wir Affen halt nicht lassen können.

Vorüberstaksende junge Frau (20/30)

Welche Kälte! Welche Leere!
Welcher Ichsucht Eitelkeit!
Stumpfsinn einer Seelenschwere.
Zeitgeistnot-Bescheid.
Ohne Lächeln, unzufrieden.
Giernarzisstisch angeschoben.
Frei von Anmut Markt beschieden.
Abklatschhörig aufzutoben.
Augen, die doch tote waren.
Schnippischcool sich zu bekunden.
Blinzelnd aus der Neppkandare
unbegriffner Selbstwertschrunden.

Gedichte als Selbstschutz- und Einsichts-Horte (20/31)

Um die Gedichte geht’s als Ich-Schutzschilde.
Ob sie was taugen, das ist sekundär.
Trotz Hedonismus, Laisser-faire und Rechtstaatsmilde:
Das Wohlstandsdasein gibt für mich nichts her.
Mir kommt es seicht vor, vielfach auch nur als Betrug.
Weil’s viel verspricht, nicht fähig, es zu halten.
Effekt oft ist, Schauspielerei, Entzug.
Als Leichtlaufposse Kunden zu verwalten.
Empirisch bin ich chronisch Marktvasall.
Da kann ich mich nicht selber lenken.
Indes ganz gut in der Gedichte Geisteswall,
wo ich mich mir als Einsichtshort darf schenken.

Überlegungen zur ethischen Selbstgefälligkeit (20/32)

Wie naiv, auf Geist zu zählen!
Überholt und zu subtil
ökonomisierten Seelen,
rechenhaft und marktservil.

Geist meint, selbst sich überschreiten:
Ichsucht oder Neid etwa.
Zwingt auch, selber sich zu leiten,
aufmerksam den Fakten nah.
Daseinsleere hinzunehmen,
Welt Vergossung abzulauschen.
Niemals so sich selbst zu lähmen,
Tugendnieten zu verrauschen.

Psychisch bewahrende Einsichtnahme-Verweigerung (20/33)/Sonett

Da Einsichtnahme? Nun, das wäre obsolet,
zerstörte auch die permanente Feierlaune.
Reklameoptimistisch lauthals angeregt,
sich reizcool zu entlasten von den Alltagswunden.
Man tobt sich aus, vergisst sich, wie’s im Rausch so geht,
durchzittert selig sich in Emotionsgeraune,
zumal kommandolüstern man auf sich nur steht,
ist man dem Zeitgeistmuss doch längst im Kern verbunden.
Ist’s auch ein Offenbarungseid, ich kann’s begreifen.
Denn will man psychisch die Gesellschaft heil bestehen -
sich also schützen vor gewissen Zumutungen:
Verdinglichungsgeboten, Deklassierungsschleifen,
Orientierungslosigkeit und Sinnverwehen -.
gelingt das nur, Spaß und Belämmerung gedungen.

Nach fernsehtypischen Abendnachrichten
hingeworfen … (20/34)

Nachrichtlich überwältigt, sitze ich den Abend ab.
Stündlich versorgt mit Informationen
über das Weltgeschehen.
Das bedrückende, verängstigende, brutale.
Oftmals von mir gar nicht ausdeutbare,
weil es naturgemäß für mich dabei nur um Bilder
und gefilterte Nachrichten aus zweiter Hand geht.
Irgendwie scheint es aber auch dazu zu dienen,
mir eine Art Elendskonsum zu ermöglichen,
der mich für die Zeitgeistmoral
etwa des deutschen Staats- und Schuldmasochismus
- subtile Formen der Realitätsverweigerung
und Entlastungsverantwortungslosigkeit - sensibilisieren,
also etwa erziehen soll dazu,
mich sittlich zu bessern: Meine Vorurteile abzulegen,
mich entsprechend der deutschen Tugend 
vor den Richtigen in den Staub zu werfen,
der Kraft der Vernunft zu vertrauen
und mich überhaupt daran zu erinnern,
dass alle Menschen als solche per se Würdeträger seien
(wie es ja auch die Fernseh-Reklame verdeutlicht) …
Freilich weiß ich,
dass die juridische Würde des Grundgesetzes
nicht zu vereinbaren ist mit der ethischen Kants:
Jene setzt, um überhaupt einen greifbaren
(aber nie wahren, sondern immer nur gesollten)
Inhalt zu gewinnen, metaphysische Spekulationen
über das Wesen des Menschen
- also ideologisch-weltanschauliche - voraus.
Indes die kantische Konzeption fordert,
dass ich mich selbst zum Würdeträger bestimmen soll …
und das auch nur selber kann
– indes als Noumenon*, das ich aber, 
weil durch und durch Materiemorphe, also ein stoffliches Atomkonglomerat,
nicht sein kann … dem sei freilich, wie auch immer -.
Ich soll die Schlechtigkeit der Welt begreifen,
ihre Ungerechtigkeit, 
ihre Unterdrückungs- und Gewalt-Virtuosität,
ihre Bestialität.
Dabei nicht selten auch mit aufgefordert,
mich gegen all das aufzulehnen,
zu protestieren gegen eine solche Welt,
zumal doch ein glücklicher, privilegierter, autonomer
und wohlstandsgesättigter Verbraucher,
als der ich die sittliche Pflicht habe,
mich zumal meiner indirekten Mittäterschaft
am Elend der Welt bewusst zu werden:
Mitleid solle (und müsse) ich haben,
aufbegehren müsse ich gegen Kriege,
Irrationalität, Ausbeutung, Rassismus,
Benachteiligung und Zerstörungssucht.
Indes zeigen sich meine moralische Irritabilität
und mitleidende Entrüstungskraft als erstaunlich gering.
Ich fühle mich nicht fähig,
das kommunizierte Elend auch nur ansatzweise
zu verarbeiten und zu bewältigen.
Und dies auch deswegen,
weil ich mich nicht mitschuldig fühle an all dem,
was mir gezeigt und bewusst gemacht wird.
(Zumal ich mich irgendwie auch daran gewöhnt habe;
indes die Gewöhnung an alle diese Dinge
die sittliche Sensibilität signifikant herabzusetzen scheint,
ist sie doch letztlich ein Nähe-Phänomen).
Und überhaupt grundsätzlich (und zwar unbelehrbar)
davon überzeugt bin,
dass der Mensch dem Menschen ein Wolf sein muss …
sich selbst substanzwidersprüchlich.
(Eine Art Viererwesen:
Pleonexie-Kreatur-, Techniker: Ratio/Intellekt-, Moral/Vernunft/Kultur-
und Lautsprache-Produkt/Geist-Monade,
sich permanent so selbst ausgesetzt,
aber zugleich in keiner Hinsicht selbst gegeben,
sondern dauerprekär seiner tiefen Widersprüchlichkeit
und Irrationalität verfügt,
sich zumal als sterblich wissend,
radikal einsam, bedürfnisgeknebeltes Ich-Ding,
das sich als Selbst konstruieren muss,
zumal von anderen als Fremdselbst sich sozial vermittelt …
ehrgeizig, eitel, süchtig, andere zu überragen,
zu übermächtigen, als Wohlstandsbüttel zumal infantil,
seelenkalt, spaßgesteuert und gewissensarm. 
agápe-, vernunft-, humanitäts-, tugend-
und schuld-trunken daher irgendein ein abstraktes Zeichen
meiner vorgeblichen sittlichen Feinfühligkeit zu setzen
(sei es, schweigend innezuhalten, sei es, die Faust zu ballen,
sei es auch, mich aus meinem Sessel zu erheben,
um mich, von mir selbst ergriffen, 
ichschauernd ethisch zu berauschen,
gar tränenabstrakt zu konsumieren),
erschiene mir daher als lächerlich.
Zumal ich dadurch alle diese Verkümmerungsverstrickten
zugleich subtil verspottete.
Doch wohl wissend um die Grausamkeit des Menschen,
darum, dass er zu Güte und Würde in der Regel keinerlei
ihm mitgegebene Wesensmittel haben kann,
es sei denn, irgendeine zufallsgenerierte Gnade -
auch wohl genetische - schenkte ihm diese …
Auf dass er sie (sinnlos vertan: Es fehlen ihnen die Objekte)
wieder mit ins Grab nehme.

                       *

Es sind die großen Ethikgaben Zufalls-Würfeleien:
Wie Güte, Mitleid, Anmut, Toleranz.
Nur der Bedachte - er ist selten - kann verzeihen,
kann unterbrechen diesen Ichsuchttanz,
mag, weil doch fähig auch zur Selbstdistanz,
verzichten drauf, den Nächsten anzuspeien …
Auch weil er buchstabieren kann den Glanz
des Menschseins noch in Gossen-Schreien:
Dass da noch Geist durchscheint
als metaphysisch klagende Substanz.

*Noumenon: Das - nach Platon - mit dem Geiste zu Erkennende (bei Platon: Die ewigen unwandelbaren Ideen als Urbilder Einzeldinge) im Unterschied zu dem mit den Augen zu Sehenden (Wörterbuch der philosophischen Begriffe, S. 462. Verlag Meiner Hamburg)

Radikale Offenheit (20/35)/Sonett

Wie oft doch ist man mit sich selbst geschlagen,
Marionette seiner Ich-Exzesse.
Schon deshalb, weil sich selbstisch Daseinsmesse,
da Ichsuchtknecht in allen Lebenslagen.
Man wird getrieben, auch zu überragen;
bewusst sich doch der eignen Seelenblässe:
Dem Faktum, dass auch Ohnmacht einen presse,
sich hilflos mit sich selbst dann abzuplagen.

Wiewohl: Schuld an sich selbst kann niemand sein.
Denn niemand kann sich, Stoffglut, übernehmen;
ist Zufallsspiel aus Genen, Herkunftspein,
Bedürftigkeit und Perspektivenschein,
Objekt auch seiner Artgenossen-Schemen,
die einen treiben, nutzen, formen, lähmen.

Kapitalistische Grundmächte (20/36)

Genüsse ohne Dauerfreude
Statt Werte Reize: Knechtungsspaßgewalt.
Die Psyche simpel,
dass sie Schein ausdeute,
sei hochflexibel, flach und kalt.
Indes was soll’n die Leute machen?
Sie müssen schlicht parieren.
Der Wohlstand fordert nun mal Schlieren,
sich diese Welt, die Welt der Sachen,
sich als das höchste Gut zu küren.

Dann ist da dieses Unvermögen,
das schierer Dilettanten,
von Ehrgeiz und Narzissmus angetrieben,
so subjektiver Hybris doch Trabanten.
Die sich vor jedes Mikro schieben.
Dabei den Staat zu oft zur Posse machen,
indem in Phrasen-Sud sie landen,
Ideologisches und Tugendschund
verzährungssbübisch dann heraus zu blöken.

Da sind die Unternehmer noch,
die Techniker, die Wissenschaftler.
Die dürfen nicht mal denken,
dass ihr gelobter Fortschritt Joch,
könnte was sein, nicht mehr zu lenken …
In ferner Zukunft könnte sein
ein Schwarzes Loch,
in dem die Art sich wird
von selbst versenken.

Daseinsenthobenheit (20/37)

Noch weiß ich es, das Windessäuseln.
Geheimnisvoll hat’s mich entführt
in Träume, die sich Sehnsucht kräuseln,
von einem Gott berührt.
Es waren Welt enthobene Momente,
die weder Niedrigkeit noch Trauer kannten.
Die niederrissen alle Wände
und mich in Seine Weiten bannten.
Die nie mehr ich vergessen konnte,
weil sie Vollendung sehen ließen:
Versöhnungsfähigkeit, in der sich sonnte
ein Tränenpaar, sich weigernd zu zerfließen;
im Angesicht zumal das Absoluten:
Der Zwecke Urgrund, Garantie und Weihen.
Von unsrem Dasein nie zu fluten.
Muss es Bedürfnis doch, Ich und Verfall aufschreien.

Beispiele gesellschaftlichen Alltagsseins (20/38)/Sonett

Banal. Und doch so drastisch Zwang verwoben:
Ich muss mein Geld verdienen. Das ist Sache.
Da hilft es nicht, dass ich die hündisch flache
Alltäglichkeit mit ihren Nervenproben
verfluche, ja: verachte, weil verschoben
Getue, Psychen-Lenkung, Spaßkult-Lache.
Auf dass ich nicht durchschaue diese Mache,
in inszenierten Selbstverlust gehoben.
Obwohl auch sie kennt noch die Spur von Schweren,
wie das Begreifen von Notwendigkeiten:
Dass diese wohlstandsimmanenten Leeren
als Glücksversprechen durch die Psychen gleiten
und Menschen, propagandasüchtig, narren,
auf sich als Würdeträgern zu beharren.

Pfauenauge (20/39)

Pfauenauge - Kindheitsbote
gottberückter Untergänge.
Was für eine Seelennote
metaphysischer Gemenge.
Welt indes, vom Kind begriffen
als Verkümmerungsbetrug:
Makel tiefer Selbstsuchtzwänge
ohne Sinnbezug.
Pfauenauge, deine Flügel
trügen mich noch heute fort
auf den stillen Friedhofshügel,
spräche noch Sein Wort,
wäre da noch eine Liebe,
ein Gewissen nur -
Ich verteile jetzt die Hiebe:
Analytisch Gegenschwur.

Nur das: Die Gedichte (20/40)

Hab nicht mehr zu hinterlassen
als ein paar Gedichte:
Doch die reichen, Welt zu fassen,
uns und die Geschichte.
Decken sie doch rücksichtslos
auf, was war, was ist und wird:
Macht und Mammon, Ansehn, Schoß,
Sinnsucht, die als Tugend girrt,
Mittelmaß, das dünkt sich groß,
um Geschwätz und Traummohn schwirrt,
endlich muss sich selber hassen:
Barbarei als Stoffzurichte.

Sozialflimmern (20/41)

Kampf um Geltung, Einfluss, Mittel,
Selbstwert, Halt und Sicherheit.
Diesen ausgesetzte Büttel
sind wir alle: Ichsucht, Neid,
Konformismus, Daseinszwang.
Lebens- und Entlastungsgier …
Biologischer Belang.
Auch nicht allzu lange hier,
zumal stündlich auch prekär.
Ausgesetzt uns selbst und Wir.
Von Gelingen leer.

                     *

Bruch, Manie und Scheingehalte
technologischer Galeeren.
Zwang zumal, nur sich zu ehren,
auf dass sich ein Traum gestalte,
nicht durch Einsicht zu entlarven,
nicht durch Fakten, Analysen,
nicht einmal durch geistesscharfen
Seinsbegriff von Stoffverliesen.

Dasein der Gattung (20/42)

Es hat kein objektives Ziel.
Doch ist es seinem Träger alles wert:
Ein kommandierendes Neuronen-Spiel,
das ihn von sich betört.
Wiewohl aus Ich-Zwang: Dass er habe
als Allmacht sich: als Halbgott-Sein.
Dann nicht achtend mehr der Gabe,
sich zu greifen als allein.
So hab ich’s nun mal verstanden:
Als Gefecht in Gram-Momenten:
sinnleer-selbstentmächtigungsmarkanten
Weisen, Trance geborgen einst zu enden.

Nihilistische Synthesis (20/43)

Dem Geist allein nur bin ich treu geblieben:
Gedichten und dem Kerngedanken,
dass alles nichtig sei, weil faktisch hintertrieben
durch Hybris, Zeit und der Materie Pranken …
Der Dingweltflut der Markterbärmlichkeit,
Werk leerer Psychen, metaphysisch tot,
genormte Sachen ohne Zweckeinheit,
Bestandsmonaden ohne Lot.
Zumal das Spätzeitselbst entspringt
dem Ramschmohn aus Entlastungsgleisen:
ekstaseprimitivem Zwang,
sich zu entlasten grad auf solche Weisen:
Als scheinverdeckter Abgesang.
Sich Knecht an Tagen und in Nächten,
der zynisch, roh und hoffnungslos,
muss Surrogate sich erfechten
in dieser Mammon-Trümmer Schoß …

Auch Wohlstand bietend, zweifelsfrei:
Doch als Verluderung und Lebenslügen …
Auf dass grad dann man tief ergriffen sei,
wenn man ihn schlürft aus Danaidenkrügen*.

*Zu den Danaiden s. Fremdwörterverzeichnis unter D

Selbstzerstörung (20/44)

Ihr Werden sucht mich heim,
zwingt mich, sie monoman
in jeder Hinsicht mir zu greifen:
Als Seelenschleim,
Neuronen-Kahn,
als Macht- und Tugend-Keifen.
Ich muss sie sehen,
tasten, hören,
muss sie vor allem
geistig mir gewinnen.
Als drastisches sich selbst Zerstören …
Mag sein auf vorgegebner Bahn:
Als seliges in Gier Verrinnen.
Als rauschverfallenes Betören.
Als dionysischer Ananke-Plan.
Als Gottverlust durch Größenwahn.

Gedicht/Für Chrisbe (20/45)/Sonett

Die Stille habe ich geliebt - und wie!
War froh, die andern alle los zu sein.
Die meist nur Last sind. Manchmal gar gemein
und ohne diese Seelengröße, die
man haben muss, um diese Agonie
der Existenz als krudes Leih-Dasein
sich als Gehalt zu modeln im Verein
mit Wogen krass verarmter Phantasie.

In deinem Körper war mir das egal.
Dies Stück Materie ließ alle Zweifel ruhn.
Bot Rauschvergessen, war mir das Fanal,
mich willenlos durch Selbstbetrug zu trinken,
um dann, geruchsbetäubtes Stoffzwang-Tun,
entlarvten Stillen trancestumm zuzuwinken.

Verbraucher-Los (20/46)

Als Kunde,
das ist offenbar,
hat man nur ein
Vollzugsgeschick.
Man wiederholt stets das,
was immer war:
Gekauftes,
nicht sich selbst
geschaffnes Glück.

Selbstwege (20/47)

An Selbstbestimmtheit glaub ich nicht.
Nicht an Bedeutung und dergleichen.
Mir fehlt’s Gefühl für ein Substanzgewicht,
mir Zweck und Halt zu eichen.
Doch immer sehe ich dies ferne Licht,
dies fahle, dem die Worte weichen …
Wie etwa Freiheit, um dann im Gedicht
mir Leeren darzureichen:
Gestaltlos stumme Geistauswürfe,
die seltsam mächtig taumeln machen,
die nie enttäuschen und die nie verflachen …
Als ob nur so ich mir begegnen dürfe.

Daseinsvollzug (20/48)

Dass da noch irgendwas
Bedeutung hätte,
erstrebenswert ,
erfüllend, sinnhaft wäre
in diesem Dasein
kommandierter Selbstaufgabe,
das ist wohl nicht der Fall.
Man wird es leugnen müssen.

Nichts weiter mehr
als nur Erlebniskette:
ist es Vollzugsrausch
ohne Alltagsschwere.
Sich zu betören,
einer Hörigkeit beflissen,
die einem Lebensinhalt
aus Momenten schabe,
vollzogen als Entlastungsdrall.

Stadtmauersteine-Geflüster (20/49)

Sie wispern immer noch, die Steine.
Und immer noch dieselben Worte:
Es gibt kein Glück im Wir, es gibt nur eine
verängstigt kindische Phantasten-Horde
von Artgenossen, die in sich,
in ihren undeutbaren Trancen kleben,
Monaden, jede nennt sich freies Ich,
obwohl doch Mammon-Mythen sie verschweben,
sich, schuldlos, selber ruinieren,
sei’s Illusionen, sei es Massen-Kuren,
Pleonexie und ihren Zeitgeist-Schmieren
ihr angekauftes Selbst verhuren.

Dorfschatten: Die Lektion von Herrn G. (20/50)

Tagaus, tagein, sommers wie winters,
fuhr er mit dem Fahrrad nach Ludwigshafen in die BASF.
Sein Geld zu verdienen.
Schließlich musste er auch eine Familie versorgen,
wohnhaft in einer der Sozialwohnungen
der sogenannten Blöcke,
wo damals, in den 1950er Jahren,
die ärmeren Leute ihr Dasein fristeten.

40 km etwa am Tag legte Herr G. so,
von Montag bis Samstag,
mit seinem Fahrrad zurück:
240 Kilometer in 6 Tagen.

Ich erinnere mich an Herrn G.,
weil er stets freundlich zu mir war,
ein ruhiger Mann, ganz unauffällig.
Das heißt, ins Auge fiel mir,
wenn ich ihn sah - abends z. B.,
wenn er zurückkam auf seinem Fahrrad,
von seiner Arbeitsstätte,
immer eine Hosenklammer,
die Herr G. angelegt hatte,
um zu verhindern, dass das Hosenbein
in die Fahrradkette gerate.
Angebracht war sie, diese Klammer,
stets mit Akkuratesse, immer exakt
an derselben Stelle …
Als solle sie auch
Pflichtbewusstsein, Selbstzurücknahme-Willigkeit,
Bescheidenheit und so was
wie deutschen Anstand signalisieren.

Ja. Herr G. hat so auch mich ein wenig geprägt,
mir eine stille Lektion erteilt,
nämlich die, dass Würde als Ehre und Stolz -
freilich nicht als unausdeutbares 
ideologisches Abstraktum -
auch darin bestehe könne
dass man die einem auferlegten
Pflichten angemessen erfülle;
besonders dann, wenn ihre Verletzung 
ökonomisch existenzbedrohend 
sich auswirken könnte.

Armselig (20/51)/Sonett

Die weiß gar nichts von ihrer Seelenkälte.
Die inszeniert sich, wie sie es wohl muss:
Als festes Ich mit freudigem Beschluss -
Reklame, Zeitgeistphrasen ausgefällte.
Sie spielt die Powerfrau, die sich in Bälde
den Männern zeigen werde als die Nuss,
die keiner knacken könne - auch kein Kuss!
Sie schlage jeden Macho aus dem Felde.

Tatsächlich ist sie eine arme Frau!
Ein Klon, wie alle wir, erkrankter Welt,
die Selbst verspricht und nur den Abklatsch hält
durch ihre reißerisch-banale Schau
in diesem Homo-sapiens-Gaunerbau
von Daseins-Knechtschaft, Ichbrunft, Rohheit, Geld.

Dorfschatten: Beim Discounter (20/52)

Den Körper im Discounter da, vor dir,
den hast du mal begehrt in jenen Tagen,
als die Person, der er gehört, noch jung,
ein Mädchen war, weiß Gott wie schön.
Das ist jetzt 50 Jahre her und wir,
verdammt, das Alter (Untergang) zu tragen,
versinken nach und nach im Gegenschwung
von Zukunftslosigkeit: in Stoff-Verwehn.

Doch wenn sie wüsste, wer ihr folgt zur Kasse,
wär sie bereit, wie ich, der Infantile,
zuletzt zu adeln all der Jahre blasse
Erinnerung an frühes Gier-Gewühle,
um sich in jener dunklen Gasse
noch mal zu träumen in absurde Ziele
sentimentaler Unterschichtenmasse
in einem Ramschgebet von Gegenkühle?

Durchgängig (20/53)

An einem klirrend kalten Januartag,
damals, 1951, bin ich geboren.
Mit der Nabelschnur um den Hals; und lag,
als Bio-Stoff, Verzweiflung schon verschworen.
Auch Frühgeburt sei ich gewesen; viel zu leicht.
Und sogar scheintot, wie man mir erzählte.
Geringgewicht und bläulich angebleicht.
Kurz, einer, der kaum da, sich, da, schon quälte.

Und so ist es bis heute auch geblieben.
Fremd Du und Wir; und undeutbar das Außen,
hat plumpe Indolenz mich aufgerieben -
gelang‘s mir nie, mich irgend zu behausen.

Die späte Komödie einer hilflos 
desorientierten Gesellschaft (20/54)/Sonett

Ein Spaß-Asyl, das mehr und mehr verrottet,
ist inhuman, korrupt; auch kriminell;
circensesinszeniert* als Stargehabe,
politischen Verfall auch zu verdecken.
System, das Mammon, Show und Lust vergottet.
So Anomie und Phrasenkult ist Quell,
Gewissenlosigkeit erhebt zur Gabe,
auch Machtmissbrauch und Täuschung zu verstecken.

Indes ich löge, wenn ich sagen würde,
dass mich das wütend mache und empöre.
Agieren da doch reflexiv Verwirrte:
Ein Mikro-Klerus, leidend die Misere
der Mittelmäßigkeit und jener Bürde
von Machtsucht-Arroganz und Selbstwert-Leere.

*circenses "Zirkusspiele" als Massenlenkungsereignisse

Feststellungen II (20/55)/Sonett

Ich bin so müde, lust- und antriebslos;
kann kaum noch schlafen, schon des Kopfwehs wegen.
Doch nicht genug: da sind die Hassausbrüche,
die grundlos-unvermittelt aus mir schlagen.
Die Abscheu frisst; vor Alltag, Zeit. Selbst Schoß.
Es beißt die Wut vor plumpen Fremd-Ich-Trägen,
der Hinterhältigkeit gezielter Stiche,
die mir Verleumder ständig schärfer nagen.

Nur selten in den lichteren Momenten
erahne ich, das sind nur Ausgeburten
von Depression und Lebensüberdruss.
Allein, ich weiß sie nicht mehr umzuwenden,
die Lasten, die mir in der Kindheit wurden.
Sie nahmen Nähe, Halt und Weltgenuss.

Existenzielle Grundtatsachen (20/56)

Man entkommt sich selber nicht.
Das ist ausgeschlossen:
Hyle-Teilchen, Gene-Wicht,
ist man Zwängen eingegossen.

Heißt: Man kann sich nicht bestimmen:
Frei sich selber wählen.
Mag man auch vor Selbstsucht glimmen,
hochmutschal sich selbst nur zählen.

Ging hervor aus Sonnentrümmern,
nicht notwendig - zufallsweise.
Heute rationales Flimmern:
Ohne Sinn- und Deutungs-Kreise.

Frühe I (20/57)

Die Winde waren’s, welche Töne schoben,
mal in die Fernen, mal die blauen Nähen;
es waren Kirchenglocken, die im Wehen
mich aus Verzweiflung und Zynismus hoben.

Es war kein schönes Leben; das war’s nicht.
Viel Zittern zwischen Angst und Alkohol.
Da war kein Halt, kein Zweck; das hat mich wohl
sozial entfremdet - der normalen Sicht.

Mag die auch noch so schäbig sein und fad,
so lenkt sie wenigstens auf Ziele hin:
Realität, die große Formerin
von Selbst, Gesellschaft, Innenwelt und Staat.

Dem Läuten freilich hänge ich noch nach:
Entzieht’s doch Welt; und lässt sie liegen brach.

Frühe II (20/58)

Es waren Ohnmacht, Stumpfsinn, Lethargie,
die eine ganze Kindheit täglich prägten,
Vertrauen, Lebensfreude weg mir fegten 
und Mängel in die Seele brannten, die
ich nicht mehr los dann wurde: selber sie.
Sie bauten die Person auf und bewegten
das Innere bis in die abgelegten,
verdrängten Wesenskerne: Wahn und Vieh.

Und dennoch gab es Stunden, die entrissen
der Rohheit von verstockendem Verachten
zuweilen einen Rausch von kurzem Wissen:
Dass Niedrigkeit sich löse im Betrachten, 
sich stille das verkommene Gewissen,
wenn Gott man zeige seine Seelenfrachten.

Frühe III (20/59)/Sonett

Von den Fiktionen habe ich gezehrt,
die ich geschickt zusammen phantasierte,
indem ich tat, als ob mich was berührte,
als ob die Fakten seien umgekehrt.
Und das, das hat sich mir als Trost bewährt,
zumal real nicht eben viel passierte.
Kein Tag, an dem ich nicht ins Leere stierte,
nicht hätte andre zwanghaft abgewehrt.

Weiß nicht warum. Doch Gründe hat’s bestimmt,
dass ich seit Kindheit nur im Abseits stehe.
Ist eine Fremdheit da, die glimmt und glimmt,
als ob ein Seelenzunder sie versähe,
mit Nachdruck, gar Notwendigkeit, die trimmt
Ereignisse sofort in Gegennähe.

Frühe IV/Sonett (20/60)/Sonett

Halbherzig dies, mal jenes habe ich gemacht.
Bestimmend blieb allein die innre Leere.
Die kam mir regelmäßig in die Quere
und hat mich zu mir selbst zurückgebracht.
Gewiss hab ich darüber nachgedacht,
was sie hervorrief, sie und ihre Schwere,
war sie doch zweifelsfrei die Grundmisere,
die mich beherrschte mit stupender Macht.

Vereinzelnd wirkte Fettsucht. Das steht fest.
Dann diese seelenkalten rohen Bauern,
Proleten, Bürger. Kurz, ich schaffte nicht den Test,
dass man gesucht mich hätte innerhalb der Mauern.
Zudem ich galt als asozial dem Nest
und musste in Verachtungsnischen kauern.

Frühe V: Ersatzfamilie (20/61)/Sonett

Der Gästeraum war eingehüllt in Schwaden
vom Qualm der aufgerauchten Zigaretten.
Es roch nach Bier, nach Schweiß und heißen Fetten,
verglühten Kohlen und Gewürzzutaten.

Die einen lachten, andre warn beladen
von Alltagssorgen, dritte schlossen Wetten,
die knutschten, vierte, sehnten sich nach Betten,
die fünften spielten an den Automaten.

Gewohnt, am Abend mich da einzufinden,
fiel’s niemand ein, mich, Kind noch, heimzuschicken.
Es spielten alle - ausnahmslos - die Blinden.

Mit Gründen musste niemand raus da rücken.
Man fand nicht, dass man müsse das begründen:
Man kannte ja die familiären Tücken.

Frühe VI/Variante zu „Ersatzfamilie“ (20/62)/Sonett

Im Gästeraum verteilten sich die Schwaden
vom Rauch der beißend starken Zigaretten.
Nicht einer trug ein Hemd hier mit Manschetten,
man saß in Arbeitskleidung, grob geraten.

Es schrie, es grölte, lachte, war beladen
mit Alltagssorgen wie zerrissnen Ketten
von Zugmaschinen, Kugellagerstätten.
Man gab sich Hilfestellung durch Beraten.

Man hätte mich nach Hause schicken müssen,
denn, Kind noch, durfte ich da gar nicht bleiben,
wo die Besucher rohe Witze rissen
und auch die Frauen mochten’s scharf gern treiben.

Die Grund-Botschaft? Das Leben ist beschissen.
Doch hier und jetzt galt es, auf die zu pissen.

Frühe VII (20/63)/Sonett

Sozialrand, Fettsucht, Stumpfsinn, Suff und Schweigen:
Die Grundkonstanten meiner Kindertage,
bewirkend Einsamkeit, Angst, Selbstwertbrüche,
erstarrtes Seelenleben toter Nähe.

Was macht man substanziell sich da zu eigen
in dieser asozial bestimmten Lage,
der Schauspiel sein muss doch das Eigentliche:
dass man sich selbst erniedrige und schmähe.

Doch Rabulistik, Gottklang, Windblau, Katzen,
stupende Feinmotorik-Fähigkeiten
erlaubten Spott- und Deklassierungshatzen
dann abzumildern, schließlich umzuleiten
als überindividuelle Fratzen
in sie zerstörende Begriffs-Einheiten.

Frühe VIII: Ungeschminkt (20/64)

Jahre der Tränen, der Prägungstiefen.
Jahre, in Abgründe mich zu leiten.
Jahre der Scham und der Seelenschiefen.
Stolpernd verwahrlost durch Daseinsleiden.
Nie mehr vergessen, nie überwunden.
Nie auch als Selbstkern in Zweifel gezogen.
Nie mehr aus all dem herausgefunden,
Ihm doch bis in die Tiefen verbogen.
Immer krud fühllos, kaum so berührbar.
Immer voll Misstraun - abwehrbereit.
Immer am Rand, dort der Fakten gewahr:
Es ist brutal-nackte Sinnlosigkeit.

Restliche Gedichte von Seite 75 hier einfügen

Allen Ideologengewidmet (20/65)/Sonett

Da gibt es immer mehr Substanzversagen
von solchen, die sich radikal verkennen;
so, in sich selbst versunken, alle Lagen,
in die man nicht sich sollte doch verrennen.

Ideologen etwa, die beklagen,
dass immer mehr sich würden wollen trennen
von ihrer Wahrheit, die sie könne tragen,
dass sie sich selbst und Glück und Sinn gewännen.

Was heißt schon Wahrheit? Die ist Perspektive,
wenn es um Meinen geht, um Wert, Moral.
Doch die, die haben keine Daseins-Tiefe.
D i e wird bestimmt von Macht und Gier und Zahl.

Als ob er nicht vor Widersprüchen triefe,
der Mensch. Doch Subjekt ohne jede Wahl. 

Das ganze Dasein (20/66)

Die eignen Psychenwirren zu begreifen,
die Selbsttäuschungen und die Lebenslügen,
zumal auch die Entlastungsemotionen
- von Perspektivenzwängen ganz zu schweigen -
das ist uns Menschen faktisch nicht gegeben. 
Sie sind kaum deutbar, unsre Seelen-Schleifen,
wir können solche nun mal nie zu Einsicht fügen
zumal, wenn doch, zerschlügen unsre Traumwelt-Kronen.
Uns werden immer sich Fiktionen zeigen …
Gehirnbefehle, sichernd unser krudes Leben.

So lass ich mich von meinem Nihilismus leiten,
ihn wendend gegen meine Daseinsgier:
Meine Körperding, die Welt, das Du, das Wir.
Entkernend sie als seinskonformes Meiden
von Pseudo-Gütern, die ein Glück versprechen,
was sich erweisen muss als ein Verzechen 
von sich als allgetrieben-undeutbares Tier.

Ist es doch wert- und schuldlos nichtig,
dies Zufalls-Dasein einer Teilchen-Konstruktion.
Was wäre denn für eine solche ethisch richtig,
meint ‚richtig’ doch nur eine Laut-Fiktion
als Selbstschutz-List prekärer Daseinsglut:
Evolutions-Zufallsgeschehen ohne Hut.
Soll heißen ohne Gott und also ohne Sinn …
Sich selber ausgesetzt Gewalt nur gehend hin.

Selbstzerstörungsperspektiven (20/67)/Sonett/
Für Arnold Gehlen/Für Verehrte

Notwendig können uns nur Werte tragen …
So etwa religiöse Illusionen,
doch weltanschaulich-kulturelle auch.
Zumal doch Fakten jedes Sinns entbehren:

Sie bleiben stumm vor allen jenen Fragen,
was hier mag Zweck ergeben, was sich lohnen
in dieser Geldgesellschaft kaltem Hauch,
der auch doch nihilistisch muss verzehren.

Auf Technik angewiesen: umzuschaffen
all die natürlichen Gegebenheiten,
sind wir zuletzt auf uns nur angewiesen:

Pleonexie verstrickte Ratio-Affen,
die sich als diese werden dann entgleiten …
aus Wesensangst in Destruktion zerfließen.

Deutschland verflache! (20/68)

Folklore allenfalls noch Traditionsbestände,
verschwunden sind auch alle Selbstverständlichkeiten,
vereinheitlicht die seelischen Gelände 
in warenmystischem Sichselbstentgleiten.

Politisch-ethisch umgedeutet werden Faktenlagen,
heißt: weltanschaulich letztlich aufgehoben
in phrasenrelatives dies und das Besagen,
um sich empörungslüstern anzutoben.

Ein grauer Stumpfsinn färbt hier jede Sache.
Besonders seitens der Funktions-Eliten,
die wirklich alles tun, damit das Land verflache.
Was sonst auch? Haben sie doch nichts zu bieten!

Da kann man nur noch 
auf die bunte Vielfalt hoffen,
dass jenen grauen Stumpfsinn man, 
von ihr erlöst, vergesse:
Man merkt vielleicht dann nicht -
- politbanal dann von sich selbst besoffen -,
dass diese Vielfalt 
ist des Stumpfsinns Trance-Welt-Messe.

Ideologisch also primitiv, 
ist’s von sich selbst frenetisch heimgesucht,
dies Land, 
Erpressung ausgesetzt und dem Tschekisten,
längst nur noch Ohnmacht zweiter Hand,
als die es sich 
mag noch ein Weilchen brüsten,
bevor’s gerät vielleicht dann völlig*
außer Rand und Band..

*Was ich selbstverständlich ihm nicht wünsche!
Indes wer weiß, was alles noch auf es zukommt,
auf dieses feige, selbsthasssieche, wirklichkeitsverlustig-
würdetrunkene Land. 

Überlegung und Wünsche (20/69)

Dass ich noch weitere 
fünf Jahre hätte,
das glaub ich 
eher nicht;
zumal ich auch 
so recht nicht will.
Ich sehne mich 
nach einer Aschestätte.
Nach einem Nichts
für immer einsichtsleer
und permanent 
vollendungsstill.

Feststellungen (20/70)

Mein Leben lang 
war ich zuletzt allein.
Und sage eher: Gott sei Dank.
Nur wenn man einsam ist
lohnt dieses Sein,
oft weiter nichts als 
Lebenslügen-Schwank.
Natürlich wird man 
sich’s verhehlen -
und tun, was geht, 
grad daran nicht zu denken.
Auf diese Weise 
jede Lust ausschälen,
auch um sich 
davon abzulenken: 
An sich ist’s Frist,
Bedürfnis-Bann,
ist’s alltagstristes 
Sorgenbeet.

Illusionslosigkeit (20/71)

Dass ich umsonst das alles hier
werde zuletzt geschrieben haben,
das war von vornherein mir klar -
Indes: Es war mir Daseins-Elixier
und Ausweis meiner Geistesgaben,
weil’s mich hinwegtrug 
- das war wunderbar -
über dies letztlich undeutbare Sein
vor eines toten Gottes Wunderschrein.

Von der objektiven Nichtigkeit 
unserer Existenz (20/72)

Es ist die objektiv verbürgte Nichtigkeit,
von der als Faktum immer ich doch wusste,
die mir - so ist’s - ersparte manches Leid,
weil mir verhinderte zuletzt Verluste,
die ich - naiv - gemacht doch hätte,
verkennend diese Wohlstandsstätte
als Glücks- und sogar Sinn-Versprechen ...
um der mich sinnlos zu verzechen. 

*Nichtigkeit? Kurze, sehr allgemeine, Bemerkungen: Diese ist ein objektives Faktum (eine Tatsache):
(1) Wir sind reine Materie-Gebilde, existierend ein paar Jahrzehnte zwischen - für uns - Nichts und Nichts
(2) Wir sind nicht das Resultat einer göttlichen Schöpfung (sind ohne Geist-Seele, ohne Vernunft, ohne autonome: freie/selbstgewählte Moral; es gibt kein Leben nach dem Tod
(3) Uns kommt keine Würde zu; es sei denn, man versteht darunter die Schonung der kreatürlichen (tierischen) Subjektivität aufgrund ihrer von ihr nicht meisterbaren lebenslangen Allausgesetztheit an Staat (besonders Diktatur, Tyrannei, Willkür …), Gesellschaft, Recht, sich selbst sogar durch Wahn, Krankheit, Angst, Mittellosigkeit …)
(4) Rein formal sind wir Bedürfen, Trieb, Zeit, Verfall, Deuten, Werten (Perspektivieren: Schaffen von Bedarfsfiktionen als Entlastungen von der völligen Sinnlosigkeit der eigenen Existenz = allfälligem Nihilismus … bis hin zur Idealbildung, wobei gilt: Wir sind idealbedürftig, aber nicht idealfähig)
(5) Gattung: Homo (ca. 2,5 Millionen Jahre alt, in Afrika entstanden: biped, mit von Fortbewegungsaufgaben freien, motorisch immer feiner: besser, leistungsfähiger gewordenen Händen (Außenstellen des Gehirns), des Gehirns, das sich progressiv vergrößerte (von 650/700 Gramm, rein quantitativ, auf 1350 Gramm im Schnitt heute und „komplex neuronal verschaltet“) immer leistungsfähiger wurde (wir waren Techniker von Anfang an: Schufen natürliche Gegebenheiten um für unsere Zwecke mittels Werkzeugen/zweckmäßig behauenen Steinen (Voraussetzung: Fleischverzehr … natürlich nicht der Steine, sondern der Hominiden: der Menschlichen). Und: Wir bildeten Schweißdrüsen aus, die als Kühlsystem uns erlaubten lange Zeit zu laufen/zu hetzen
(6) Einmalige Auszeichnung: Die menschliche Lautsprache (wie alt?)
(7) Alle Arten (Z. B. homo sapiens, das sind wir) sind endlich, d. h. wir werden irgendwann völlig verschwunden sein (mag sogar sein durch uns selbst: einseitige Überspezialisierung, bei uns: technische)
(8) Wir - evolutionsbiologisch betrachtet - sind Tiere (und zwar ganz besondere: Der Natur aus der Hut gesprungen, um dann auf uns selbst als Techniker gestellt/verwiesen, die Natur nach unseren Bedürfnissen umzugestalten (woraus folgt, dass sich die Natur, sollten wir sie weiter umgestalten, dezimieren, aus dem Lot bringen usw., unserer wird - selbstverständlich - irgendwann entledigen müssen; man glaube nicht, dass an uns was läge: an uns liegt nichts; wir mögen uns noch so sehr in vielerlei Hinsicht selbst glorifizieren (was freilich andeutet, dass wir - wir verdrängen es - eine Ahnung von unserer objektiven Nichtigkeit in uns zu tragen scheinen …)
Das Leben ist eine wunderbare Sache - aber auch der Tod ist es: Er befreit uns von Lasten, Schmerzen, Ungerechtigkeiten, Irrtümern, Versagen usw. jener wunderbaren Sache, die eine solche ist, weil sie unüberbietbar reiche Momente schenkt, z. B.:
(a) Die sehnsuchtsfundierte Vorstellung („einsichtsirrationale“) Gottes
(b) Die Selbstbegegnung und Selbstübersteigung seiner in und durch Kunstschaffen
(c) Die tiefste Nähe zu einem Du durch Erotik - ein, sehr seltenes, Geistphänomen als Transzendenzrausch (Ich-/Selbst-Überschreitung), gebunden an tiefe, sich radikal hingebende: unbedingt schenkende Du-Leiblichkeit
(d) Der absolute Frieden mit sich selbst, allen Existenzwirren, den anderen, der Gesellschaft, dem Menschen überhaupt im trauerlosen Bewusstsein kosmischer Erhabenheit trotz völliger Gleichgültigkeit

Hier Gedichte von S. 74 einfügen
Es handelt sich um thematisch-inhaltlich eng zusammengehörige Gedichte, wobei man freilich die jeweils benutzten Begriffe genauer beachte, um vielleicht auf diese Weise ein besseres Verständnis dieser durch und durch illusionslos nihilistischen Gedichte zu gewinnen . Es sind die Gedichte (20/73) bis (20/96)

Hoffnung und Absicht (20/73)

So lang ich noch den Kuli führen
und auch Gedanken fassen kann,
will ich ihm frönen, jenem Bann,
mir das, was ist, im Kern zu greifen.
Dass mich niemand mag verhöhnen,
sei’s mit Phrasen, sei’s mit Stuss.
Um mir Dinge einzureden, 
sowohl wert- wie faktenblind;
wollte diese vor mir beten,
mir, dem glaubenslosen Kind.
Um mit Schein mich zuzudröhnen.

Ich indes will Fakten sichten,
so wie man sie sehen muss: 
Werde so zugrunde richten 
jeden frechen Lug und Trug …
jedes, aller, meinen auch …
Spür doch längst ich jenes Kuss,
der wird ohne Worte schlichten
aller Fakten hartes Muss,
aller Werte Deutungs-Fluss,
allen Daseins Zwangs-Verdruss …
nichtend sie in Krumen-Dichten 

Stumpfsinn-Zwänge und Folgen (20/74)

Dass der Große Stumpfsinn wächst,
immer weiter sich vertieft,
wird ein immer größrer Text,
der so mehr und mehr ergreift,
sie mit Nachdruck auch behext,
das ist klar, weil er verbrieft,
dass man sich dem Markt verschleift,
sich vergisst, weil dann auch keift
leere Formeln, Spaßtiraden,
um sich möglichst high zu baden
in Affekt-Rausch, Emotionen,
die dann einen auch verschonen 
mit der Wirklichkeit, die trieft
Angst und Hass in Seelenzonen.

Ich kann’s freilich gut verstehen,
dass sich viele ködern lassen:
Er lenkt ab von Machtmissbrauch,
davon, dass auf ihre Kosten 
manch Gesindel lässt sich gehen,
darf in andrer Taschen fassen,
weil geprägt von diesem Brauch.
Nur: Das wird sich bitter rächen.
Wird die Volksherrschaft zerschlagen …
Wer denn zahlt gern andrer Zechen,
schafft sich Parasiten-Lagen?

Bis zum bitteren Ende (20/75)

Abwärts geht's.
Das ist nun mal
eines jeden
von uns Los:
Man wird müde,
schwach zumal,
leidet
seines Fleisches Kloß:
Leib-Ding,
kränkelnd vor sich hin;
und so
mehr und mehr verfällt ...
Dennoch gierig,
diese Welt
möglichst lang noch
zu erleben ...
weinend
sich ihr hinzugeben,
sterbend noch
nach ihr zu streben ...
Obwohl,
völlig deutungslos,
Kampf sie meint
um Macht und Schoß;
nichts bereit hält
außer bloß,
trancegenarrt
sich zerfließen:
Zeit: Verfall 
sich hinzugießen.

Letzte Jahre (20/76)

Schwer zu sagen,
wie sie werden ...
Pessimistisch
bin ich schon,
was betrifft
des Landes Lagen:
Wie soll es 
sich wieder erden?
Ist’s doch längst 
sich selber Hohn.
Kann sich selbst
nicht mehr ertragen,
wird gelenkt 
auf toten Fährten.
Ist es inzwischen doch 
sich blanker Hohn,
kann kaum sich selber
noch ertragen:
Es wird gelenkt
auf toten Fährten,
Opfer so 
von Phrasengift,
Tugend und
Behelfs-Gebärden:
Arroganz,
die Dummheit kifft.

Lebenslang verlassenheitsgetrieben (20/77)

Erfahren habe ich es immer so
- ich will's noch einmal deutlich sagen - 
Man ist lebenslang allein,
einsam, kann sich selbst nicht tragen,
ständig in sich selbst versunken.
Ist sich Schicksal: Seins-Tarot ...
Stets Gesellschafts-Widerschein.
Also von Gewalten trunken,
Selbstverlusten, Zwängen, Nein. 

Vom Ende der Person (20/78)

Mich zu retten als Person,
das gelang nur selten.
Ist man doch Gesellschaftsklon,
muss so wollen, was zu gelten:

Tut man's nicht, wird man sehr schnell
Außenseiter, den die andern meiden.
Denen geht's ums eigne Fell.
Um nicht an sich selbst zu leiden.

Und sie tuen gut daran:
Person sein wollen, ist absurd:
Zählen muss Umnachtungs-Bann:
Letzte Selbstbewahrungslügen-Furt.

Dämmernde Einsicht (20/79)

Mehr und mehr kann ich's erfassen,
dass wir müssen uns zerstören ...
Ratiokrüppel: Wohlstands-Massen,
die sich hilflos selbst aufzehren.
Außerstande, sich zu wehren
gegen ihres Daseins Kerne:
Technik, Gleichung, Trance-Konstrukte,
Ich-, Genuss-, Hab-, Macht-Sucht-Siege ...
Täuschung, Hinterlist und Lüge,
Halt zerstörende Produkte,
Nihilismus: Gottes-Ferne ...
Dass sich zeige bis zum Schluss
Barbarei als Wesens-Muss:
Teilchenzwang längst toter Sterne.

Innere Verarmung (20/80)

Affektive Verarmungszwänge,
psychische Frigidisierung,
geistige Totalenteignung,
progressiver Stumpfsinnzwang,
sittliche Verkümmerung …
Auch unvermeidbare Folgen 
der kapitalistisch-technischen
Entwirklichungs- 
und Effekte-Tyrannei.

Resignation (20/81)

Ob ich was bin wem oder nicht,
ob andern ich was gelte ...
Das kann nicht allzu sehr mich rühren.
Ist’s letztlich doch nur Zeitgeist-Sicht.
Ich will mir lieber selbst was sein.
Und zwar, was ich mir selbst sein muss:
Ein Deuter von Gewissenskälte,
von Hochmut und Verblendungs-Gieren,
von Triebdruck und Bedürfnis-Pein.
Zumal’s mich mahnt, mich selber zu bewahren:
vor allem vor dem eignen Wesen;
Gesellschaft dann und Macht-Kandaren
und deren lügnerischen Welt-Synthesen.

Nachsicht (20/82)

Nicht, dass ich es nicht verstünde,
dass wir glauben, frei zu sein:
Selbstbestimmt in jeder Weise;
dass sich jeder fraglos künde
als der Wähler seiner Kreise,
Herr auch über jeden Schein.
Ich versteh's nur allzu gut.
Freilich auch, dass wir das brauchen:
Radikale Ichsucht-Glut,
die durch dieses Sein will tauchen,
unberührt von Fakten-Brut
will Vollendungs-Glücke hauchen.

Freilich: Niemand war je frei.
Das war niemand je gegeben.
Selbst wer Macht hat, ist nur Schrei,
will nur ichgetrieben streben
weg von sich als Nebenbei,
dem Diktat mit Namen Leben.

Doppel-Spiel (20/83)/Sonett 

Ein Mehrzweck-Spiel in diesen kranken Zeiten:
Des obsoleten Geistes Ausdeutungen,
um diese fade Kunstwelt zu vergessen
der Wirklichkeitsverweigerer und Kunden.
Es ist geeignet auch, sich selbst zu meiden
als Opfer progressiver Niederungen,
die einen heimlich in Verzweiflung pressen
durch anonym geschlagne Wohlstands-Wunden.

Indes: Es ist auch ein sehr ernstes Spiel,
weil es doch aufzeigt die Gewaltexzesse
der Selbstzerstörung und der Niedergänge
der Innenwelten: progressiv debil
im Spiegel ihrer Deklassierungs-Messe ...
umsonst zerredend Diktaturen-Zwänge.

Fragen (20/84)

Wer kommt tatsächlich
denn noch hoch?
Und warum grade
der und die?
Das sind doch
- heutzutage -
eher Dilettanten:
Politisch unbegabte
Faktenignoranten,
zu immer weniger
- scheint's -
in der Lage.
Zumal sie deuten aus,
was Menschen sollten,
es könnten auch,
wenn sie nur wollten ...
Da zeigt sich ihre Agnosie*.
Denn was sie sollten,
tuen Menschen nie:
Sie können's nicht,
es fehlt der freie Wille,
so Selbstabstand
und Geistes-Stille,
sich zu gestehen:
Mensch meint Sicht.
Zumal in dieser gottfern
technogenen Welt:
abstrakt, beliebig,
halt- und würdelos,
in der sich brüsten
Tugendspekulanten,
auf Macht aus, Beifall,
Pfründe, Selbstgewicht.
Im Rahmen zeitgeistimmanenter
Perfidie.

*Agnosie griech.:  = Nichterkennen

Ganz kann man's nicht lassen (20/85)

Man muss halt
manchmal auch
sich gehen lassen;
grad wenn man weiß,
man ist hier Selbst-Zerfall,
ist Ding und Zahl:
Entlastungs-Drall ...
Man kann sich kaum noch
anders fassen.
Kein Wunder also,
dass man sich vergisst,
agiert als
Marktverzückungs-Schwall,
sich nur als Kaufkraftgröße noch
zuletzt dann misst.
Zumal man ist
sich selber Ware,
mitnichten noch Person.
Auf dass als Preis
man sich erfahre:
Als austauschbarer
Wohlstands-Mohn.

Augenblicks-Eingebung (20/86)

Weiß nicht,
was ich sagen soll;
will auch nicht
die Stille stören.
Einsamkeit
soll mich betören:
inhaltslos
bedeutungsvoll.
Und mich so
das Sterben lehren:
Heimgang
in des Stoffes Schoß.

Gesinnungsklerikal korrupte Pseudo-Nächstenliebe als Staatsversagen (20/87)

Gesinnungsklerikal
politisch unbegabt
und emotionsvermessen
angetrieben,
schuf eine,
von Agape-Wirren
heimgesucht,
einst
deutscher Volksherrschaft
autoritäre Gegenkräfte.
Und hat sich daran
jahrelang gelabt …

So ist das, wenn ein
Arroganz-Belieben
durch Pfaffentum
wird machtverrucht,
dann rächt sich,
dass auch die Partei
mitmachte,
weil jeder nur
an seinen Vorteil
dachte …
sein Amt, Mandat,
die Privilegien,
den Applaus …

Nun, ein paar Jahre noch
dann ist’s mit Volksherrschaft,
wie ich befürchte, aus:
Macht die doch selber sich,
sie macht’s tatsächlich,
macht sie doch selbst sich
den Garaus.

Geburtstags-Hellsicht (20/88)

74 werd ich heute,
undeutsch klar wie nie:
Keine Stunde Mammon-Beute,
frei von Tugend-Zähren-Hysterie.
Früchte meiner Einsichtsstärke
- geistiger, nicht intellektueller -
in die Barbarei der Werke
amtlicher Moral-Aufheller.
Letzte Jahre stehn nun an,
die mich eher quälen müssen:
Jahre des Verfalls im Bann
nihilistischer Prämissen.

USA X (20/89)/Sonett

Ich hoffe nicht, du bist schon, was ich denke:
Ein Ort der seelenrohen Niederungen.
Zynismus, Arroganz und Macht verzwungen,
auf dass Vabanque-Spiel-Hybris dich dann lenke ...
Verblendet: Land dann ohne Sinngelenke,
dem Mammon-Nihilismus ganz gelungen …
Was hieße, aller Halt wär dir zersprungen.
Das muss ich sagen dir, wenn’s dich auch kränke.

Ist China nicht uns beiden überlegen,
dir und Europa, werteuphorisch müde?
Gewiss kennt es genau schon unsre Trägen.
Dann: Als Kommando-Staat kennt’s keine Güte.
Und dieses China wird sich auf uns prägen,
sind keine Gegner ihm doch Ramsch und Niete.

Grundeinsichten oder: Die Dialektik 
von Sein und Schein (20/90)/Gerhard Schulze* gewidmet

Die Menschen wollen sich erleben;
erfahren indes möglichst nicht.
Sie wollen kalkuliert so streben
nach dem, was ihnen Glücke flicht.

Bedenk ich’s, muss selbst ich zugeben,
dass dafür auch alles spricht:
Kann doch nur sie noch Menschen heben:
Erlebnis-Trance als Selbstverzicht.

Dasein muss so heute sein:
Oberflächlich, ephemer:
Spaß-Gram wälzend, pflegend Schein,
besinnungslos und anspruchsleer.

Ruht drauf doch der Wohlstands-Schrein.
Sinnersatz uns; ja - viel mehr:
Seelenloserfüllungssein:
Seins-Vollzug als Selbst-Verzehr.

*Autor des Buches: Die Erlebnisgesellschaft,
1992 erschienen.

Schaumschlägerei (20/91)

Es gilt jetzt als das Allgemeine
das allgemeine Subjektive.
Das Selbst ist fort, ist keine
- der Markt ist’s - Direktive.

Er kommandiert mir Effizienz,
die technische Magie
der Hypes, der Shows, der Ins, der Trends
mit pseudorationaler Garantie:

Sofort  mir zu verschaffen
das Glück des Augenblicks:
Hirnhypertropher Affen
Befriedigung durch Klicks.

Klarstellung X (20/92)

Was sollte mich denn noch berühren:
menschlich, sittlich, kulturell;
sei‘s in welcher Hinsicht immer?
Ich will nur mein Leben führen,
still und abseits; will's nicht grell;
will es nicht als Show-Geflimmer.
Auch ist mir das Land egal; 
ist mir das schon lange:
Land der feigen Lebenslügen.
Dem halt ich nicht mehr die Stange,
will mich ihm nicht mehr verbiegen.
Auch weil’s keine Zukunft hat:
Viel zu viel Moral-Extreme ...
lügnerisch gewissensglatt:
voller Neid und voller Häme.

Evolutionär vorgezeichnet (20/93)/Sonett

Man mag es Niedergang, es Selbstaufgabe,
man mag's auch Dekadenz-Verwirrung nennen,
dies technologisch hochprekäre Rennen
nach Schein-Effekten als Erlebnis-Nabe.
Als ob man selbst sich nur in Räuschen habe,
die von gemeinen Wirklichkeiten trennen;
und so erlauben, diese zu verkennen
als Orte ohne jede Daseins-Wabe.
Auf uns als Hüter unsrer selbst verwiesen,
sind wir von Gott und der Natur verlassen:
Verzwungen formelhaften Hirn-Verliesen:
abstrakt gesteuerte Lakaien-Massen,
sich auszuleben mittels hochpräzisen
Verfahren, trauerlos sich zu verprassen.

Existenzielle Konditionierung (20/94)/
Für Pindar von Theben

Kein Geschwafel,
keine Spitze,
kalter Häme ausgegoren;
insbesondre keine Lügen …
Um sich selber zu besiegen
mittels solcher Geistesblitze,
wie sie kündet diese Tafel
ideeller Weisheits-Zeilen.
Wo ich lese diese auch:
Dass der Mensch
ein Traum nur sei
eines Schattens Schicksals-Hauch,
nichts als Hyle-Einerlei …
Zufall, Zeit und Tod geboren.

Tägliche Eindrücke (20/95)

Vieles wirkt recht lächerlich.
Manches scheint egal.
Meistens ist man Standard-Stich.
Frönt, wie alle, dann der Zahl.

Eingepfercht in Kunden-Ich:
konsumtiv basal.
Kämpft man täglich vorwärts sich.
Man hat keine Wahl.

Manchmal freilich - unterm Strich -,
merkt man dann wie schal
Dasein ist, das Markt ausblich:
tierstammagonal.

Heteronomes Gesellschaftsprodukt (20/96)

Es ist die bindungs- und gewissenlose,
die spaßgetriebne Subjektivität
als panegalitäre Kult-Symbiose,
die, toter Seelen Leibgerät,
entfesselt eine Knechts-Freiheit,
an die sie unlösbar sich hängt,
so, dass sie diese hetzend lenkt
durch diese inhuman-verlogne Zeit
der Tugendmären und der Würde Leeren,
die sich zerfleddern schon in Worten,
entfesseln Ich-, Person- und Selbst-Miseren,
so dass sie sich als Wahn verorten,
verspotten jeden Fakten-Sinn
und jede Kraft, sich selbst zu steuern,
auf dass man anonym sich gebe hin,
sich selbst als Zeitgeist-Gral dann zu befeuern.


 

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