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Traum, Sosein, Redlichkeit (13/1)

Was wäre ich denn 
ohne diese Geistmagie,
die’s mir erlaubt, 
die Welt zu distanzieren:
ihr penetrantes Was und Wie,
in dem ich würde 
hilflos mich verlieren,
weil letztlich 
meiner selbst beraubt:
Als Marktteilnehmer und als Fan,
Erlebnisjäger, 
gar als Machtstimmvieh?

Wiewohl genau das 
faktisch doch geschieht:
Auch Geistmagie kann einen 
nicht bewahren,
ist Seelenrausch, in die man flieht …
Man muss als Stoffgefüge 
sich sein Ziel und letztes Maß:
Bedürfniszwang mit Haut und Haaren

Brüchigkeit (13/2)

Die Tage trostlos, hektisch, stumpfsinnträchtig;
die einer Welt-Last ohne Wirklichkeit.
Im Tugendschein der hehren Worte
(polit- und machtstrategisch allgemeinplatztypisch)
sind diese ganz besonders brüchig.
Zumal an Hülsen leerer Halte saugend.
Verwerter-Paradies: Zersetzungsorgie.
In dem sich geistig zu erhalten,
nun, bin ich ehrlich,
auch nicht mehr zu leisten ist.

Zurückweisung (13/3)

Dir vorzugaukeln 
dass ich liebte dich,
erschiene mir 
verlogen infantil:
Woher denn sollte ich 
die Liebe nehmen,
woraus sie sich 
entfalten lassen?
Doch einsamkeitserpicht
und völlig antriebslos,
verbittert, angesichts 
der späten Daseinslagen,
die man, begreift man sie,
zu meistern faktisch 
nicht mehr fähig ist?

ZINSJA 28 (13/4)

Die Jahre, so kommt es mir vor,
vergehen schneller.
Jetzt, da mich das Alter angrinst.
Schneller indes greifen auch
die kapitalistischen Alltagszwänge aus,
Jahrzehnte schon reduziert
auf Erledigungs-, Termin- und Effizienz-Vollzüge.
Nunmehr alternativlos nur noch
schalheits- und leerformelgieriger
Behelfs-Ich-Träger.

Marionetten (13/5)

Gesteuertes Vollziehen
standardisierter Existenz.
Dem allgemeinen Trend gediehen
subtilster Dependenz*.
Sich seiner selbst auch nicht mehr mächtig:
flexibel (meint wohl: standpunktlos).
Indes das macht sich prächtig.
Erhöht die Chance auf Moos.
Systembedingt. Es gilt nichts mehr.
Charakter nicht und nicht Moral.
Die Seelen laufen leer.
Sie haben keine Wahl.
Man lässt sich besser korrumpieren.
Sonst wird man schnell verdrängt.
Wird Macht und Geld und Ruhm verlieren.
Was die Gewöhnlichen im Ich-Kern kränkt.

*Dependenz: lat. Abhängigkeit

Subtiler Prozess (13/6)

Auch das ein subtiler
gesellschaftlicher Prozess:
Die Marginalisierung
und das Ausblenden
von Phantasie,
sprachlicher Virtuosität,
wirklichkeitskonformer Besonnenheit
und ironischer Realitätstreue
durch mediale Dauerpropaganda:
Fadheit, Narzissmus, Obszönität
und Underdog-Star-Jargon
reproduzieren sich permanent.
Allgegenwärtig,
panaggressiv,
allerregend und subtil
die Innenwelten steuernd:
Totalitär.

Bitte um Scheintrost (13/7)

Wunde Fremde,
tröste mich,
Schenk mir,
was du hast
an Glücken.
Bist du doch,
gleich mir,
ein Ich,
sich verbogen
zu berücken
durch der Physis
Nu-Orgiastik:
hochsubtile Einsamkeit,
biologisches Zerrinnen
einer Tagtraum-
Selbsteinheit.

Ungreifbar, unabänderlich (13/8)

Umfänglich ausgeliefert Apparaten,
Vollzugsmonade marktfingierter Wirklichkeiten.
von Reizattacken chronisch angegangen,
vollzieht sich meine wirre Existenz.
Steril, erbärmlich, kickverfügt.
Abstrakt gesteuert, sich zu überlassen
Banalroutinen, Phrasen, Bilderströmen …
Mammontaktisch hirnfrisiert,
zu verdrängen, zu vergessen
dass nichts trägt mehr, 
dass nichts mehr hält.
Nur noch die Entseelungsformeln,
nicht bemerklich Waren-Ichen,
die sich, ihrer selbst entfremdet,
jenen selbstlos fügen müssen,
ihre Ohnmacht zu entfalten.

ZINSJA 176 (13/9)

Ein geistiges Zuhause ist nirgends mehr.
Weder ein äußeres noch ein inneres.
Welche Seelen könnten es auch möglich machen?
Gewiss nicht die,
die ihre ökonomische Behelfsexistenz
schon früh verinnerlichen,
Werte durch Reize ersetzen mussten und,
chancenlos, 
keine Selbstbestände aufzubauen vermochten.
Zumal spracharm-phrasentotalitär
gar nicht in der Lage sind,
Realitäten nicht
mit Tugendleerformeln zu verwechseln.

Immer weiter/Für Dizlo(13/10)

Immer werd ich weiter schreiben.
Bis in letzte Tage.
Aus dem Grab dein Urbild treiben,
dass es mit mir noch mal jage
Stunden, die ich so vermisse,
weil sie, einzigartig groß,
Zwecke schenkten: seinsgewisse …

Heute gibt’s nur dieses Los:
Sich zu beugen dem Betrug,
dass das Dasein sei noch groß;
nicht nur Ramsch-Narzissmus-Mohn,
der es mit Verfallslust schlug.
Machte es zum Gossen-Floß
kommandierter Formel-Fron.

Für? (13/11)

Dich habe ich mir wohlbedacht erfunden.
erdichtet und erlogen.
An Stunden dich gebunden,
die haben aufgewogen

die äußre wie die innre Leere.
Die doch mein Sein ausmachen,
dies Paradigma einer Kehre
in ökonomisches Verflachen:

An Surrogate sich verlierend,
an Selbstbetrug und Rausch,
sich Inhalt delirierend
durch Selbst-Konsum in Körpertausch.

Überlegungen im Alter (13/12)

Es wird nun langsam Zeit für mich, zu gehen;
ist doch mein Alter auch danach …
ist es das ganze Weltgeschehen:
im Kern verarmt und geistig völlig brach.

Dann: Die Gesellschaft wurde mir ganz fremd,
kommt mir neurotisch-glücklos vor,
sich selbst zur Last, weil sie an Wirklichkeit verlor,
von Drogen und Fiktionen überschwemmt.

Kommt noch hinzu: Ich werde immer schwächer,
werd kränker, isolierter auch;
gewissermaßen zum Miseren-Zecher
und Kostenfaktor endlich dann am Schlauch.

Doch lohnt sich das? Nein, tut es nicht.
Es wäre besser, wenn er käme …
Der stille Schatten ohne Zukunftslicht:
Der großen Leere Vorfeld-Scheme.

Fremd-Iche (13/13)

Verschütteten Wein
von deiner Haut saugend,
trinke ich auch
die stumme Vergeblichkeit und Fremdheit mit,
die du,
gleichsam stellvertretend
für alle diese hermetischen Fremd-Iche,
meiner taumelnden Zunge
auch noch auf dem kleinsten Fleckchen Leibgewebe
unwissentlich
entgegen seufzst.

Gedichte II (13/14)

Es sind Gedichte,
die das Sein vollenden.
Gedichte sind es
ganz allein.
Die sanft und groß gesinnt
sich ihm verschwenden,
und dabei adeln eben
dieses Sein.
Von dem sie wissen,
dass es nichtig ist:
Ein Stoffspiel
ohne Sinn und Ziel,
das Stunden, Zwecke,
Glücke frisst
und gar nicht weiß,
was es an Wunden
den Seelen schlägt,
die ihren Gram
ihm spenden.

Gegentraum (13/15)

Nicht ansatzweise rage ich herüber
in diese digitale Welt.
Ein Vorvorgestriger, der stur an Geist festhält.
Und steht für hochkomplexes Daseinsfieber.
Steht gegen dieses psychisch destruktive
emotional versimpelnde Gehabe:
Des Kollektivbewusstseins Zeitgeistschiefe.
Die stummer Seelen ohne Selbstwertwabe.
Tatsächlich bin ich völlig außerstande,
auch nur im Ansatz zu begreifen,
wie dieser ichgiermilitante
Gewöhnlichkeitsnarzissmus könne jemals reifen.
Er richtet ab, schafft parallele
Bezugsphantasmen, die sich selbst bedeuten.
Und machen, dass man grade dann sich fehle,
wenn’s gälte, nicht sich inszenierend zu vergeuden.

Grundsatzerklärung I (13/16)

Von Netto-Entgelten, diesen, lebe ich.
Von solchen, deutlich: ganz allein.
Und das heißt faktisch: Wachstumsproduktionen.
Nicht lebe ich aus Ethik-Schalen.
Die machen keinen Stich,
wenn’s geht um das konkrete Sein.
Zumal wenn dieses soll sich gängig lohnen.
Bei mir sind es die Monatszahlen,
die auf den ausgedruckten Bankauszügen,
die Freiheit mir vermelden:
Ich meine die von Kreaturen-Nöten:
Nicht müssen, etwa, sich erniedrigen,
sich selbst und andern dürfen etwas gelten:
Ein wenig Selbstwert sich zu löten.
Bin ich doch nur ein kleiner Angestellter.
Das heißt, ich muss sozial mich fügen
dem Wertmaß der verdienten Gelder.
Und die sind menschlich das An-Sich,
begründend Mein und Dein,
Moral und Recht. Und so auch deren Schein.
Ob das gerecht sei? Dumme Frage:
Gerecht ist, was da als gerecht sich spinnt:
Damit das Ganze fiktional sich trage.
Sich nicht sofort als Irrtumsträumerei zerrinnt.

Neuronal nicht zu steuernde Haltlosigkeit (13/17)

Für uns gibt es gewiss kein Ziel.
Nimmt man’s, wie’s ist, exakt.
Wir, Stoffprodukt aus einem Teilchenspiel.
Rein neuronal indes ein Wunder-Takt.
Ein Wimpernschlag im Expandieren
des Kosmos in Entgrenzungsweiten,
muss Homo sich an Wert und Selbst verlieren.
Im Wort die eigne Nichtigkeit zu meiden.
Orientierung sind wir freilich längst entglitten.
Als Ich-Ding uns entzogen.
Heteronom erkünstelnd uns abstrakte Mitten.
Von Intellekt-Blindlauf despotisch aufgesogen.

Anmerkungen zum neuronalen Rettungs-Prinzip ‚Gott’ (13/18)

Was für ein intellektueller Hochmut!
Was für eine sachfremde Diagnose!
Welch ein Verkennen metaphysischer Notwendigkeit -
Gott sei tot.
So formulierte es Nietzsche.
Und viele andere haben es seitdem wiederholt.
Gott …
Ich meine jenes Selbst-Entflechtungshecheln
eines molekular determinierten Großhirnknechtes
nach einer Geborgenheit,
die er sich selbst nicht schaffen kann.
Nach einer Seelengröße,
die er, sterblich, kreatürlich, haltlos
und sich permanent selbst ausgesetzt,
nicht aufzubringen vermag.
Nach einer Rettung noch aus brutalstem Unfassbaren
seiner unverschuldeten Orientierungslosigkeit.
Nach einem Entrinnen
aus biologisch-existenzieller Gefangenschaft:
physischer Begrenztheit
und geistig-psychischem Dauerversagen -
Dieser Gott mag an den Rand gedrängt,
vergessen, missbraucht, verleugnet werden.
Er mag als kindische Vorstellung verlacht,
als Phantom belächelt,
gehasst, verspottet und verlästert werden ...
Nichts freilich, gar nichts wird all das
ihm anhaben können.
Diesem genialen Basis-Synthetiker
zu Eins und Ganzem:
Zu Plan, Ordnung, Sinn, Zweck und Ziel.
Geistiger Rettungsanker zumal kann nur er allein sein,
dieses Objekt tiefster menschlicher Sehnsucht,
der unsre Rationalität niemals genügen kann,
Dieses Wesen,
in uns gegenwärtig als Trance eines Absoluten,
dieses Wesen wird wieder nach außen treten dann,
wenn wir, wieder einmal,
werden eingesehen haben müssen,
dass wir, uns selbst ausgesetzt,
definitiv unfähig sind,
uns auch nur ansatzweise selbst zu stabilisieren.
Unfähig zumal auch,
die uns wesenseigene Barbarei und Bestialität
durch uns selbst zu unterdrücken.

Ungefähr so I (13/19)

Was sollte ich denn noch erwarten?
Hab ich doch früh schon dies erfahren müssen:
Dass es kein Blatt gibt ohne falsche Karten.
Indes wer will das wissen?
So ist’s nun mal: Ein Jeder gegen Jeden,
sich Vorteil zu verschaffen.
Auch muss man Illusionen kneten,
aus ihnen Zweck sich dann zu raffen.
So ungefähr tatsächlich muss es laufen.
Obwohl man weiß, man wird Verluste zählen.
Meint Dasein heute doch, sich Nieten kaufen.
Indes auch, um’s nicht ständig zu verfehlen.
Rein faktisch wird es nie gelingen.
Stets höchstens Halbheit sein.
Es kann nicht mehr als eben diese bringen.
Vollendung? Geistig nur. Für sich allein.

Gelingende Abende (13/20)

Abende gibt’s,
die gerade deshalb gelingen,
weil sie sich inhaltslos
und alle Reize abweisend
dahin stehlen.
Herausphantasiert auch
aus jener Gleichgültigkeit,
die entlastet von
medial dauerpropagierten,
notwendig ins Leere laufenden
Empörungs- und
Erregungsexzessen.

Tage der Gegensätze (13/21)

Ich wüsste keinen Tag anzuführen,
an dem ich nicht von
Selbstzweifeln,
Ohnmachtsgefühlen,
Anwandlungen völliger Bedeutungslosigkeit
und Distanzierungssucht
heimgesucht worden wäre.
Keinen.
Aber auch keinen,
an dem nicht Augenblicke
völliger Losgelöstheit
von Du,
Wir,
Gesellschaft,
Moral- und Polit-Primitivismen
und substanztrivialer Gegenwartswelt
in mir aufgebrochen wären …
rasend vor
erfüllender Vergeblichkeit.

Ananke* (13/22)

Für was auch immer mich hier einzubringen,
das kommt für mich, luzide, nicht in Frage.
Für was denn würde ich dann ringen,
wofür dann opfern meine Tage?
Für welche Ziele stünde ich dann ein?
Humane? Kratische*? Für kulturelle?
Messianische (Gesinnungsethik-Schein)?
Für irgendeine Trosttraumhelle?
Es ist absurd, darauf zu bauen,
wir seien gut, vernünftig, autonom.
Notwendig uns doch Grauen:
Determinismus, Ichsucht, Werttrance und Genom.

*Ananke = griech. Göttin der Notwendigkeit; hier: absolute Notwendigkeit
*kratische = politische 

ZINSJA (?) (13/23)

Wir alle sind zuweilen roh, gemein, verlogen.
Um wenigstens zum Schein uns manchmal zu gelingen.
Aus Selbstfiktion, Materie und Wir gesogen,
sind wir drauf angelegt, auch auf Betrug zu dringen;
sind wir verdammt zu Illusionen,
zu Ich-Verklärungsprozeduren:
Wir müssen mit Moraltrost uns belohnen ...
mit Lebenslügen uns die Fakten spuren.

Realistische Sicht auf uns Westler (13/24)

Was draus machen! Was erleben!
Intensiver sich gestalten!
Alles nehmen! Alles geben!
Lebensqualität erhalten!
Alles nutzen und erproben.
Wie die Werte, so die Koben.
Steigern, weitern und genießen:
Ungeteilt in Lust zerfließen.

Noch nie war das befriedete Dasein langweiliger,
noch nie intensitätsloser,
banaler, seichter, stumpfsinniger
und großmäuliger als heute.

Noch nie waren so viele Menschen so fad,
so albern, innerlich so verarmt,
ichschwach und kindisch eigensinnig.
Narzisstisch faktisch ihrer selbst entmächtigt:
Sich permanent selbst verfehlende,
sich ihre eigene Welt erdichtende Ich-Gierige.

Die Diktatur des Mittelmenschen ist’s.
der als Erlösungsahnung nun vertickt
Erlebnisdrogen und Belämmerungen,
Geschwätzigkeit und Firlefanz.
Lässt toben Pop-Musik zwecks Einübung
in Eskapismus, kollektiv-ekstatisch:
Entlastungszufuhr und Enthemmungskult.

Ein Idiotismus offensichtlich,
der keine Dauer haben kann.
Nicht subjektiv. Und auch nicht weltgeschichtlich.
Er bricht notwendig. Freilich: Wann?

Wenn überlegne Diktaturen greifen
die dekadenten West-Ruinen sich,
um sie auf ihre Art zu schleifen
hin auf ihr kollektives Ich:
Staatsmetaphysischer Gewalt ergeben,
dem Stolz der lückenlosen Führerschaft,
sich über sich hinauszuheben,
im Hochgefühl von Weltmachtträumen
und auch globaler Kraft.

Subjektive Erfahrungswerte (13/25)

Es gibt sicher weit Schlimmeres
als Selbst- und Welt-Erkenntnis
(Folter etwa, Hunger, Todesangst …)
Indes ist jene doch auch eine Last,
freilich geistiger, nicht physischer Art.
Hat sie nämlich erst einmal den schützenden Schleier
des Verdrängens, der Realitätsverweigerung
und all der gängigen Lebenslügen aufgeweht,
dann kann sie leicht in einem existenziellen Fiasko enden:
Sei’s dass ein sozialer Niedergang
dann kaum noch zu vermeiden ist,
sei’s, dass jemand sogar durch Selbstmord endet,
sei’s psychisch aus dem Ruder läuft: innerlich verglimmt,
sei’s innerer Leere, seelischer Frigidisierung,
nihilistischer Melancholie oder völliger Antriebslosigkeit
hilflos anheimfällt.
Einhergehend mit einer wachsenden,
schleichend wahnhafte Züge annehmenden
Abdichtung gegen eine Wirklichkeit,
die, ähnlich wie jene Realitätsverweigerung,
mehr und mehr als allbedrückend wahrgenommen,
entsprechend konstruiert und so zuweilen
völlig verkannt wird:
Objektiv einfach nicht mehr zu fassen …
Und ich weiß, wovon ich rede.

ZINSJA 43 (13/26)

Aus den konsumkapitalistisch
fratzenhaft verzauberten Gossen
singen die Restseelen auf.
Ungerührt indes
lausche ich ihnen,
überzeugt,
dass ich nichts für sie
würde tun können,
sie würde definitiv
zugrunde gehen
lassen müssen.

Weisheit des Außenseiters (13/27)

Man hat doch keine Seelentiefe mehr.
Ich möchte freilich sagen: Gott sei Dank!
Wo käme man auch hin mit der!
Man sei, würd’s heißen, krank.
Zumindest ein dem Markt verlornes Schaf.
Das es zu retten gälte.
Durch Anpassung, damit es brav,
sich nicht noch um sein Schafsein prellte.
Sich also wieder Kicks hingäbe,
Effekten durch Erleben, Kauf.
Auf diese Weise wieder gängig lebe:
Beglückt geschoren im Verbraucherlauf.

Aus meinem Leben (13/28)

Ich habe keinen Grund, die wunderbaren,
zuweilen sogar faszinierend schönen Augenblicke,
grad weil fernab von Gier und Waren,
vorbei am Lärm der Marktgeschicke,
mir selber oder sonst wem zu verschweigen.
War’n sie geprägt doch auch von Einsicht ins Geschehen
mit seinen Kernfiktionen, die sich nunmehr neigen:
Ihr Grundgebrechen lassen sehen:
Dass sich zersetzen Normen, Werte, Paragraphen,
der Staat nicht will sich vor sich selber schützen,
die Psychen trudeln ohne Hafen.
Korrupte sich in ihrem Amt aussitzen …
in dieser ausbeutbaren Republik.
Bereits parteienoligarchisch unterlaufen.
Zerfallsgebilde ohne klaren Blick
auf infantil Ergriffne und Banditenhaufen.
Und denke ich an jene Glücksmomente,
nun dann auch an ein völlig andres Land.
Das nicht mehr ist, ist längst am Ende:
Noch hielt sich selbst in alliierter Hand.
Noch nicht war ein asiatischer Lakai.
Noch Rechtsstaat schien und Volksherrschaft.
Noch mied totalitäre Tugendbarbarei.
Noch hatte kulturelle Kraft.
All das indes ist nun Geschichte.
Ich gebe zu: Lang vor dem Internet.
Man las sogar zuweilen noch Gedichte.
Wiewohl doch auch schon brüchig war
das alte, überholte Wertkorsett.

Verschiedene Perspektiven (13/29)

In meinen Augen sinnentleertes Streben.
Verfügt von Zeitgeist-Drill:
Formal sich nur und immer gleich auch zu erleben.
Weil’s das sei, was man, Kunde, will.
Ein hektischer Vollzug. Tagaus, tagein.
Von Leistung und Vergnügungs-Schmu.
Ein faktisch drangsaliertes Sein
des Leibdings, das man ist. Sich selbst tabu.
Ich sollte freilich mich beeilen,
zu sagen, dass notwendig es so ist:
Mir scheint es sinnlos. Sei’s drum. Aber teilen
muss ich es auch: Es trägt mich durch die Daseinsfrist.
Seit mehr als siebzig Jahren schon.
Und sehe ich es kalt:
Dann mag’s für mich zwar Nihilismus-Mohn,
doch andern Glück sein und Erfolg und Halt.

δοῦλος φύσει/Sonett (13/30)
(Ü: Sklave von Natur; Wendung, bei Aristoteles,
384 - 322 v. Chr., gefunden)

Wer wäre der? Der von sich selbst geschlagen,
hat nicht die Wahl, sich anders auszulegen,
als so, dass fehlen ihm die Geistes-Hegen,
ihm zu erlauben, seine Daseinslagen
auch ohne Gier und Korruption zu tragen?
Nicht einmal fähig, sich zu stellen gegen
die eignen Großmanns-Süchte: wesensträgen,
die ihn in Scheitern drücken und Verzagen?
Es gibt ihn, diesen Sklaven von Natur*.
Man kann ihn überall und immer finden:
Ein Zwangs-Schauspieler seiner Ich-Tortur,
die ihn an dieses Schicksalslos wird binden,
dass er, sich kindisch inszenierend nur,
wird stets bombastisch doch in Trance sich gründen.

*δοῦλος φύσει: Man denke in diesem Zusammenhang vor allem daran, dass z. B. der Besitz von Macht tatsächlich versklaven kann:
Sei’s (1) dass man von ihr, ichschwach-selbstwertarm, nicht mehr lassen kann; sie also für einen zur Droge geworden ist; einer Droge, derer man bedarf, um sich psychischexistenziell über Wasser zu halten;
sei’s (2) dass man von der eigenen Macht - und je größer diese ist, um so mehr - übermächtigt, soll heißen: seiner Rationalität, seines Realitätssinnes und seines faktenkonformen Urteilsvermögens beraubt wurde so, dass man Entscheidungen trifft, die sich, weil falsch, gegen die eigene Macht auswirken;
sei’s (3) dass man Macht nicht begriffen hat als sittlich-geistige Verpflichtung(!) gegenüber denen, über die sie ausgeübt wird (nämlich sachlich und verantwortungsvoll; so Max Weber, korrekt); denn: Macht, die sich in einem gewissenlosen Spiel, maßlosem Selbstgenuss und diktatorischer/diktatorischem Eitelkeit/Narzissmus verliert, ist keine Macht, sondern letztlich eine Art Selbstinszenierungs-Farce eines sich geistig völlig verfehlenden Existenz-Schauspielers.
Um es deutlich zu sagen: A l l e Macht, auch die politische, beruht zuletzt auf geistig fundierter Selbststeuerungs- und Selbstverfügungsfähigkeit; wer dieser ermangelt, wird niemals machtfähig sein; allenfalls es für einige Zeit scheinen dürfen. Und überhaupt: Alles Machthandeln - und sei es auch vollständig wertgebunden und rational - wird in der Regel scheitern, weil es die hyperkomplexe Irrationalität und Unwägbarkeit gesellschaftlicher Umstände nicht zu fassen vermag. Machthandeln, das ist immer und notwendig Agieren ins Ungefähre, Untergründige, Unfassbare, Unvorhersehbare.
Dazu Vittorio Hösle, Moral und Politik, München 1997, S. 298f.: 
„Am gefährlichsten ist jener Machtmensch, der zwar die unbewussten Trieb der anderen kennt und benützt, aber das, was ihn selbst treibt, einer kritischen Analyse nicht zu unterwerfen vermag. Hitler ist das erste und bis heute unübertroffene Beispiel für diese Verbindung entwickelster analytischer Fähigkeiten, was die unbewussten Wünsche der Massen betrifft, mit dem Fehlen jeglicher kritischer Selbstwahrnehmung. Er ist der erste in einer ganzen Reihe moderner Despoten und Demagogen, bei denen sich gründliche Kenntnis der Manipulationsmöglichkeiten … verbindet mit vollständiger Blindheit sich selbst gegenüber.“
Ich bleibe dabei: Wer sich selbst gegenüber blind ist (nicht begreift, was er, warum und zu welchem Zweck kratisch durchsetzen will - was zu leisten schon deshalb sehr unwahrscheinlich ist, weil das, was er will, nicht eben genau das sein wird, was er erreichen wird), ist schlechterdings nicht machtfähig; denn: er weiß nicht, was er tut, er wird von seinen Machtzielen blind getrieben, soll heißen: er wird sie verfehlen, weil er nicht weiß, w o f ü r er seine Macht gebraucht (was schon sehr schwierig ist, auch w e n n er seine Machtziele kennt und entsprechend rational durch-/bedenkt); dies aber muss man wissen, um sich gegen sie, die eigne Macht, zu feien. Einmal abgesehen davon, dass es r a t i o n a l e Macht-Ziele und -Zwecke gar nicht geben kann; d. h. Macht agiert immer/per se ins Ungefähre, ist immer zumindest teilblind.
„Die Verbindung entwickelster analytischer Fähigkeiten, was die unbewussten Wünsche der Massen betrifft“, ist in dem Augenblick völlig nutzlos/soll auch heißen: machtgefährdend, wenn man die eigenen unbewussten Wünsche nicht kennt (auch gar nicht kennen kann): Man wird sich, wie mächtig auch immer, irgendwann an der Realität scheitern sehen, begreifen müssen, dass man seine Machtziele entweder überhaupt nicht oder nur insoweit hat realisieren können, dass man sie als verfehlte zur Kenntnis zu nehmen hat.
Noch einmal: Politische Macht, die sich selbst ernst nimmt und sich ihres wahrscheinlichen Scheiterns bewusst ist, bedarf als Voraussetzung unbedingt jener geistig fundierten Selbststeuerungs- und Selbstverfügungsfähigkeit, um sich überhaupt irgendeinen Erfolg ausrechnen zu dürfen.
Und sollte Nietzsche richtig liegen mit seiner Behauptung, Leben sei Wille zu Macht, dann zeigte das nur die Fehlleitung, Begrenztheit, ja: die Erbärmlichkeit der menschlichen Existenz.

Musik (13/31)

Nur sie schenkt Trance verwobne Emotionen,
Affektmagie und seelische Entfesselungen;
nur sie kann uns mit Ich und Welt verschonen,
lässt sie im Rausch doch sein uns selbst gelungen.

In dem uns von uns selber zu entlasten;
sind wir doch Einsamkeit und Daseinszwang,
zumal bedürfnisstetes Dauerhasten
durch Weltbezüge ohne jeden Sinnbelang.

Musik lässt letztlich uns Erlösung ahnen,
ist somit auch ein religiöses Sicherheben,
vermag als Göttertraum uns in Vollendung bahnen,
so retten uns vor unserm leeren Streben.

Antwort an einen Kritiker (13/32)

Sie kritisieren mich:
Ich sei ein Pessimist,
ja, nihilistisch, zynisch gar.
Ein andre drückender
Entlarvungshechler,
ein anstandsloser Zeitgenosse:
Determinist
und Idealbeschmutzer.
Ja: letztlich auch
ein Misanthrop
Das sagen Sie.
Ich kann’s verstehen ja,
denn es scheint wahr.
Indes was glauben Sie,
in welcher Welt ich lebe?
Doch mittlerweile glücksfern
und erotisch tot.
Neurotisch aggressiv,
gewissensarm,
leerformelhörig
und narzisstisch fad.
Ein Ort zumal,
von Sinn verlassen,
Orientierungsfähigkeit
und Augenmaß.
Ein Ort der Geistesarmut,
und Charaktergülle,
der Gaunerei und
Wohlstandssklaverei.
In einer Welt
abstrakter Nullbezüge,
vereinzelter Systemmonaden,
nicht fähig mehr,
sich selbst zu steuern,
indes erpicht,
sich hämisch auszulassen,
zu provozieren 
und verquer zu fühlen …
in Wirklichkeitsverlusten
sich abhanden.
In einer Welt, die
- kaum noch lebenswert -
Erlebnistyrannei ist
Selbstverramschung,
maßloser Hybris
Tugendmystik,
gebannt in
gleichungsinszenierte
Daseinsleeren.

           *

Kurzum: In einer Welt der Untergänge,
sich selber ausgeliefert wohl verloren …
In einer Welt der digitalen Zwänge,
der Asozialität entkernter Seelen,
der linkisch-anmutslosen Wert-Pandoren,
der Daseinsmimen, die sich nicht mehr haben,
sich selber - seinsfremd - konstruieren wollen,
fragmentpathetisch sich an Zeichen laben
und jedem, der sie nicht vergottet, grollen …
Das sind sie, die barbarischen Gemenge
der Säuselsucht von Staatsschauspieler-Foren,
von Selbstwertkiffern, die Gehalt verfehlen,
Ekstatikern, die popdebil sich wählen,
Moralverwirrten ohne Einsichtsgaben.

Vernichtungswidersprüchlich (13/33)

Vollendung könnte es für uns nur diese geben:
Die sehnsuchtsträumerisch ganz zarte, schlichte
uns wesenfremder Sinngewichte,
die wir aus uns nicht können weben:
Nur wenn von Macht- und Nutzen-Plänen frei,
von allen unsern Kreaturen-Zwängen
wir’s schafften, dass uns eine Stunde sei,
von Zahlen leer und Lust und Rängen.

Doch das wird bleiben eine Illusion:
Barbaren uns doch immer schon.
Wird bleiben totes Ideal.
Weil uns notwendig Widerspruch und Qual.

Bis ins Mark (13/34)

Überschwemmt
von lähmender
Gleichgültigkeit
fällt mir
nicht eine Zeile ein.
Indes wozu auch?
Die eingelebte
Bedeutungslosigkeit
und sterile Rationalität
kapitalistischen Leerlaufs
sind offenkundig.
Sogar das Kopulieren 
dient marktgängigen
Interessen.
Folgend der noch
in Träumen
wütenden Krake
systemkommandierter
Erlebnismetaphysik.

Klarstellung (13/35)

Meine Erschöpfung ist es,
die da formuliert.
Was auch immer 
an müder Gleichgültigkeit.
Meine krankhafte Luzidität
vermöchte es, überwach,
vor mir selbst und diesem 
verwunschenen Nicht-Ich,
begriffspräzisionslüstern  
auch nicht besser.

Dorfschatten/Für G. H. (13/36)

Dutzende Male spielte ich
‚Blue Suede Shoes‘ ab,
- obwohl die Single erbärmlich kratzte
auf dem billigen Plattenspieler -,
während sich meine Augen und Finger,
geführt von Elvis‘ Geheule,
über seinen faszinierenden Körper hungerten,
treibdrastisch deliriert.
Immerhin schoben diese Tagträume
all die schäbige Erbärmlichkeit
für eine Stunde vielleicht,
vielleicht auch mal zwei,
in die schwermütige Gleichgültigkeit 
eines 50er-Jahre-Spätnachmittags.

Der früh geahnte Gott in mir (13/37)

Ich weiß, Du wirst mich nie verlassen.
Du meine Trance schon frühster Stunden.
Vor Dir wird alles nichtig: Hassen,
Gewaltsucht, Rache … Alle Selbstsuchtlunten.

Du bist der Sinn, die Güte und die Stille,
mich über mich hinaus zu tragen.
Der absolute Wille,
die Transzendenz des Tiers zu wagen.

Schon Deine Schatten können die erhellen:
Pleonexie, Bestialität, Phantasterei.
Die mir den Weg zu Dir doch müssten stumm verstellen.
Indes Du machst sie einerlei.

So gesehen II (13/38)

Ich bin die Durchschnitts-,
bin die Standard-Existenz.
Erstrebe das, was auch
die meisten andern wollen:
Ne schöne Wohnung,
Urlaub, Geld, Vergnügen
und selbstverständlich auch
die coolsten Bands.
Kurz: Endlos schöpfen können
aus dem Vollen.

Und schreibe daher
auch Moral mir zu,
weil ich so viele mit ernähre.
Indem ich lebe
mein Produkt-Voodoo.

Man male sich nur aus,
was wäre,
wenn ich Verzichten
mich verschriebe:
Verelendung,
Verbittern
und Gewalt!
Am Ende wankte
das Gesamtgetriebe!
Behaupte also niemand,
ich sei kalt.

Ausgeliefert II (13/39)

Von Einsicht verfolgt faktenflüchtig,
fällt es mir immer schwerer,
mich zu entscheiden,
ob ich dieses totalitäre Marktgeschehen
geradezu manisch dazu getrieben,
mir weiter entschleiern soll.
Ist es doch sinnlos,
Einsicht in etwas zu gewinnen,
das man nicht ändern kann,
dem man hilflos ausgeliefert ist.
Oder mich zu zwingen,
es, wenn das überhaupt noch möglich wäre,
zu verdrängen, zynisch hinzunehmen,
gar hedonistisch auszubeuten.
Wäre mich gängig-rücksichtslos auszuleben
doch gewiss ein Mittel,
drastisch von ihm abzulenken.
Tatsächlich ist es ein globales Phänomen,
das jeden verhöhnen muss,
der naiv glaubt,
seinen Fängen entgehen zu können.
Ich jedenfalls kann es nicht.
Geistessüchtig, wie ich bin,
habe ich längst auch
die Ohnmacht eben des Geistigen entlarvt,
das, wesensmäßig schlechterdings elitär,
allenfalls noch der Illusion nachhängen mag,
jenes innerlich meiden zu können.
Indes erweist sich auch das als Hochmut,
Verblendung und Realitätsverweigerung.
Knecht bin ich jenem, Ding und so
alltägliche Selbstwertschändung.
Das sind die unumstößlichen Tatsachen.

Luzide Amoralität (13/40)

Der Moment, es dir zu sagen:
Lass uns Räusche konsumieren,
ineinander uns verlieren,
leibgebundne Glücke jagen.
Glücke, die nach Weltflucht gieren.

Die nur ein paar Stunden währen.
Länger auch nicht auszuhalten.
Würden sie doch auf uns zehren,
Faktenekel uns gestalten.
Letzte Einsicht lehren.

Dass die Lagen sich erweisen
als prekär globale Wirren,
Umstandslose, die entgleisen:
Hunger, Kriege, Viren, Dürren.
Elend, das uns kann zerreißen.

Lass das alles einfach stehen.
Dass wir nicht der Angst verfallen.
Eros wollen wir verwehen.
Letzte Räusche uns so krallen.
Unsrer Ichsucht Drang vergehen.

Unvereinbare Lebenswege (13/41)

Ich habe wieder einmal mich gerettet
in diese griechische Schimäre: νοῦς.
In die ich traumweltlüstern dann gebettet,
auch mal gedenke jenes Dus,
dem einst mein Drang galt; auch nach Sinn.
Und das dann - mir nicht zu begreifen -
gab lieber Markterlösungsmacht sich hin:
Der, die’s erlaubt, vor einem selbst zu kneifen.

Doch konnte ich ihr das verdenken,
dass sie sich nicht verschreiben wollte
der Außenseiterwelt und ihren Senken,
verstellend das normal Gesollte?
Ich konnte nicht. Auch hat sie recht behalten:
Gut situiert ist sie, erfolgreich, angesehen.
Indes ich immer noch entlarve Psychen-Halden,
die sich die meisten coolblasiert erflehen.

*νοῦς: nus, griech.: Geist

Notwendiges Versäumen (13/42)

Erbettelt. Dennoch immer nur gestreift
in Blicken und Berührungssehnen.
Ein Du, nach dem man selbstfremd greift,
um sich im Ichgenuss ihm an zu tränen.

Da gibt es nur noch das Verfehlen.
Und im Verfehlen, schuldlos, wird man sich,
Monade nur doch unter Marktbefehlen,
gewahr als lagensieches Ich.

Man ahnt, dass Wirklichkeit es nicht mehr gibt,
fühlt ihren Umsatz in Effekte:
So dass im Du auch man nur in sich selber kippt:
Zwei Seelenkrüppel. Hilflos sich verdeckte.

Abwägungen (13/43)

Was Freiheit sei, ist leicht zu sagen.
Ein Selbstzwang, geistig auszuüben
als selbstbezogne Macht, zu überragen
sein Ich, von Kreaturen-Drangsal angetrieben.

Nicht möglich mehr Effektproleten,
sich selbst anbetenden Gewissenlosen,
die, Opfer tief verinnerlichter Wohlstandsöden,
narzisstisch ihre Leeren kosen.
So bleiben drei Fiktionen - Die:
Das Recht, die Volksherrschaft, die Selbstbestimmungs-Phrase.
Als Macher-Mär, politische Magie,
gefügig machende Verführungs-Blase.
Doch auch als solche vorzuziehen
der effektivsten Tyrannei.
Auch wenn sie Gossen-Nihilismus nicht entfliehen,
sind sie nicht Willkür-Knute: Barbarei.

Charakterzug der Massen (13/44)

Menschlich
sind allein
die Massen.
Manchmal
sind sie’s,
sind’s nur sie.
Weil nur sie
im Kern erfassen
diese Lotterie,
die man Dasein,
Leben nennt:
Willkür,
Täuschung,
Lügerei.
Denen hilflos
man verbrennt.
Überhörter Schrei.

Einsichtstrauer (13/45)

Einsichtstrauer. Vielschichtige.
Obwohl ich eigentlich
auf den Schultern
vieler Lehrer stehe,
ohne deren Arbeiten 
ich nie etwas Nennenswertes
würde geleistet haben.

Es ist aber ein Unterschied,
ob man von der Autodestruktivität
der kapitalistischen Gesellschaft
nur liest oder sie auch
im persönlichen Leben erfährt.
Als Dekadenz und Nihilismus,
als Seelenkälte, Gewissenlosigkeit,
Niedertracht, Ichsucht,
Verrat und Treulosigkeit.
Dann ist der Lebensekel
kaum noch zu verhindern.

Und man muss einfach Glück haben,
ihn dann halbwegs
noch meistern zu können. 

Allgemeine Zusammenschau und eine Abrechnung mit mir selbst (13/46)

News, Formeln und Statistikdaten
entrafft der anonymem Pseudowirklichkeit.
Fanatisierend infantile Bindungslose,
bedürftig permanenter Fremderregung.
Sich, deutungsimpotent, zuletzt zu retten
in Drogen, Coolness und Blasiertheitsdünkel:
Sich, Einsicht meidend, zu verhehlen,
dass da Gewöhnlichkeit und Stumpfsinn toben,
uns allen doch ein inhaltsschweres Los,
der Großen Tyche Würfelei verdankt.
Die bis zur Selbstauslöschung toben wird,
nie fragend nach Vernunft und Würde,
der Nichtbedachten leere Kampfbegriffe,
von Neid und unverschämten Dünkel doch besetzt …
Materie und Zufallsrinnen unbekannt.

                           *

Stündlich werde ich heimgesucht
von Propaganda, Empörungshysterie
und Tugendandachten.
Worum es dabei letztlich geht,
bleibt mir indes, bin ich ehrlich, im Kern verborgen.
Manchmal ist mir,
als schrie da eine finalnihilistische Welt auf,
sich ihrer selbst bewusst als nicht mehr beherrschbar,
zu Grunde gerichtet, definitiv vertan.
Wehren kann ich mich gegen sie nicht.
Ich kann sie nur ignorieren,
indem ich mich innerlich losmache von ihr:
Einer sich ins Ungreifbare inszenierenden Ramschkultwelt
sich selbst verachtender Orientierungsloser.
Genau das tue ich.
Gleichgültig gegenüber ihrem Schicksal.
Kunst machend für niemand.

                           *

Was ich hier schreibe, ist bedeutungslos.
Bin ich’s doch selbst. Bin’s lebenslang.
Materielle Laune bloß.
Verfügt prekärem Zwang:
Den sich benommnen Zeitgenossen,
die, Gleiche, Spaßschund sich ersticken müssen.
Hermetisch sich verschlossen
und spracharm Reizen nur beflissen.

Nicht dass mich alles das berührte.
Zu zynisch sehe ich dies Weltgeschehen:
Von Lotterien doch herbeigeführte
Vervielfachung von Kortex-Wehen.

                        *

Ich muss mir unser Scheitern nicht verhehlen.
Und auch nicht dies, dass Ungerechtigkeit,
Gram, Ausbeutung und Ohnmacht unabwendbar,
notwendig vielmehr unser Sein begleiten.
Und wahllos treffend diese oder jene
schon der Empörung spotten, die dann kommt.
Sich zu entlasten davon, dass sie ganz umsonst
erregt und lärmend durch die Straßen tobt.
Und doch sich heimlich eingestehen müsste:
Erhöbe sich zum Bessren diese Welt,
auch dann noch niemand seine Genüge fände.

                            *

Vollendung träumt sich heute keiner mehr.
Gewiefte Smarte ziehen Selbstbetrug längst vor,
Schaumschlägerei und coole Wortarmut,
flottierend in zerreizten Innenwelten,
sich technodionysisch zu ergattern
die Nieten intendierten Gängig-Glücks.
Zumal es andres nicht mehr gibt,
das nicht nach Marktbefehl gemachtes wäre.
Orientierungslosigkeit ersehnt.
Und diese sind wir, selbst uns unbekannt,
im Einklang fühlend mit den Konkurrenten,
heteronomen Ich-Monaden,
die doch, wie wir, nur darauf hoffen,
Selbstwert zu ziehen aus erhaschtem Blick:
Bedeutungsflut im Überragen,
Bestätigungen, mehr zu sein,
als nur ein Ich-Ding unter Artefakten,
ein gleiches Nichts im Raum entseelter,
Erlebnissen verbrachter Welt,
zur gleichungsstarren Leere umgeschaffen
für sich verähnelte Entfremdungsschatten.

Sonett und Prosagedicht (13/47)

All diesen Welt-Schmu hab ich ausgehalten,
weil nie ich ganz mich musste ihm verdingen.
Doch mir war klar, das konnte nur gelingen,
weil sich die meisten seinen Lockgestalten
verschreiben mussten. Oder gar ihn krallten,
weil sie an seinen simplen Süßen hingen:
Obsiegen, Raffen, Gelten, Niederringen.
Verstehe ich. Das sind Genom-Gewalten.

Ich hatte Glück, weil mir die Würfel fielen,
wie sie wohl selten fallen. Wirklich selten.
Ich lief da durch, als wäre das ein Spielen.
Als würden Ichsucht und Verrat und Kälten,
ja selbst die Fron banaler Alltagsmühlen
geworden sein, mich Glückskind zu bezelten.

                            *

Ein radikaler Gegner dieser Welt,
das bin ich in der Tat. Bis in die Kerne.
So, dass ich gerne sie gebändigt sähe.
Sie, diese Mammonhure. Geil, zerstörungssüchtig.
Und doch meist Selbstbetrug und Scheitern bietend:
Verblendungsschiere Gossen-Dionysien.

Und doch sind die es, die Entlastung bieten,
den Schein von Glück und Zwecken. Immerhin.
Verdrängungsvirtuosen Marktanbetern.
Die sich verhehlen ihren Dauerstatus:
Dass sie fanatisch sich sich selbst verweigern.
Das müssen. Selbstsuchtquanten dem System.

Und wieder muss ich mich da korrigieren:
Muss eingestehn, dass Plumpes ich da sage.
Weiß ich doch gut, dass diese Techniksause
nicht umkehrbar, auch nicht zu bremsen ist.
Und allzu gut, dass, wenn ihr Wohlstand schwände,
die Barbarei die Oberhand gewänne.
Ein radikaler Gegner dieser Welt?

Indes hat sie auch mich gehalten doch,
nie aufgezwungen mir, mich ihr zu beugen,
mir ihre Kindereien anzueignen
mich ihren Nichtigkeiten hinzugeben,
ihr tagtraumnihilistisch ausgeliefert.

Und zumal sie war’s, die mich zu der Einsicht brachte,
dass zufallsblind sie über mich entscheiden muss,
ich meine Existenz nicht selbst bestimmen kann,
ich ein bedeutungsloses Individuum,
Marionette bin der ihr doch selbst oft unbegriffnen Lagen.
Sie geistig - und nur das zählt - freilich übersteige.

Was war’s wohl? (13/48)/Sonett

Was war das alles, was mir widerfuhr?
Ich weiß es nicht. Zumindest nicht genau.
Denn sehe scharf ich’s an, dann zeigt sich nur
definitiv diffuses Grau in Grau.

Was man erfährt, das lässt sich nicht erkennen.
Schon weil man wertet: Und das obsessiv.
Man muss sich in Verblendung so verrennen,
weil Wünschbarkeit man in die Falle lief.

Der Tugendhehre ist nur arrogant:
Ideologe, der sich Normen spinnt
als Emotionsgefüge ohne Band
zur Empirie, der es sofort zerrinnt.
Zumal von Ideellem überrannt,
Realität und Wirklichkeit ausdünnt.

Erlösungs-Morgen (13/49)/Sonett

Ich weiß es wirklich nicht, was all das sollte.
Zumal mich Scheitern hob in Geistesqual:
In der ich glücklich griff dies ungewollte
Gewirr von Irren, Hoffen, Trieb und Zahl.
Von metaphysischen Entlastungssüchten,
erwählt zu sein und zumal gottgeborgen,
vor Leid und Nichtigkeit gefeit zu flüchten,
hob mich in tragendes Erlösungs-Morgen.

Das wird auch dieser Intellekt nicht ändern
durch Technik, Fortschritt, Masseneitelkeiten.
Auch seine Ratio wird am Ende kentern.
Zumal sie muss in Nihilismus leiten
von protodekadenten Zwangs-Verschwendern,
nicht fähig, nicht in Niedrigkeit zu gleiten.

Daseinsfloß (13/50)/Sonett

Obwohl es sinnlos ist und leer und fad,
muss ich doch sagen, dass in manchen Stunden,
es mir gelang zu meiden dieses Rad
von Wohlstandskitsch, Betrug und Sollens-Lunten.
Mich selbst vor allem, dieses Gramgewebe,
um diesem nicht so ganz anheimzufallen.
In schlichter Kindlichkeit mir eine Schwebe
von Stille-, Geist- und Eros-Trost zu krallen.

Sentimental, naiv und rücksichtslos
mir jener Schattentrancen umzudeuten
zu Gaben, unerwartet zart und groß.
Um sie dann ohne Rücksicht auszubeuten,
mir auszulegen gar als Daseins-Floß,
auf dem sich’s lohnt, sich haltlos zu vergeuden.

Selbsttäuschungen, Einsicht und Ausgesetztheit (13/51)

Versteh’s ja. Sich was vorzumachen,
macht vieles leichter, was sofort bedrückte,
wenn man es sich vor Augen rückte,
anstatt es unbeholfen zu verlachen.

Wenn man’s durchdächte bis zum Grund,
um festzustellen irgendwann,
dass niemand je durch Einsicht sich gewann,
weil sie Vergeblichkeit tut kund:
Dass nichts uns trägt und keiner schützt,
dass auch nichts wirklich gelte,
das nicht an Geisteskraft zerschellte.
Die immer zeigt, dass man auf nichts sich stützt.

Ich mach mir also keine Illusionen.
Wenn’s Fundament des Wohlstands bricht,
dann halten Neid und Angst und Hass Gericht.
Dann steuern Tiefenhirnregionen.

Zynismus oder Hoffnungslosigkeit? (13/52)

Ach dieses Jammern: Diese Welt sei böse.
sei rücksichtslos, brutal, auf Macht versessen.
Sei die der Gier, des Krieges, die der Barbarei.
Der Unterdrückung, Ausbeutung, der Amoral.
Sei, kurz gesagt, ein Ort der Hölle.

Wer wollte leugnen das?
Sie hat tatsächlich keine Größe,
ist arrogant, narzisstisch, gleichsam ganz versessen
auf jede vorstellbare Gaunerei.
Ist ungerecht, nichts als ein Tränen-Tal.
Scheint aller Rohheit Quelle.

Und dennoch nehme ich mir diese Haltung raus,
mich an Gedichten zu erfreuen,
dem seltnen Geist zu leben, diesem radikalen,
Macht-, Intellekt- und Phrasen-Antipoden,
gerichtet nie auf Perspektiven.

Was kümmert mich dann jener Elendsstrauß,
was die, die unermüdlich wiederkäuen
die Mär vom Ende aller Menschenqualen,
dem der Korrupten und Despoten …
all derer, die vor Unvernunft und Hybris triefen.

Wenn ich das alles distanziert betrachte,
so scheint’s mir eher doch ein Unvermögen,
sich gegen sich, die Lagen, andere zu stemmen.
Man läuft, scheint’s, ab nur. Ohne freien Willen,
Marionette, hilflos umgetrieben.
Als ob man selber sich verachte,
stellt man sich nicht mal sich entgegen,
verleugnet sich, kann Ängste nicht mehr hemmen.
Schon gar nicht Stolz und Würde stillen.

Definitiv, wenn Folterknechte einen schieben.
Ich will nur sagen, dass wir grausam sind.
Und zwar sind wir das faktisch alle.
Ob schwarz, ob weiß, ob gelb, ob rot.
Wir werden es zumindest recht geschwind,
wenn ein Verhasster fällt uns in die Kralle.
Der nur ersehnen kann dann schnellen Tod.

Und das, das liegt in unserer Natur.
Präsent in jedem Augenblick.
Da greift die Tiefenschichten-Diktatur
als rücksichtslos komplexes Ich-Geschick.

Eindrücke im Vorübergehen (13/53)

Das Lachen falsch.
Die Witze schlecht.
Ein Spaßgehabe,
gängig inszeniert.
Ein wenig gossenwild
und angepasst
an was man
soll und muss.
Ein Kultgeschehen,
hoch erregt
narzisstischer
Belämmerung.
Verzweiflungs-
Stumpfsinn,
fremd verfügt,
als Selbstausdruck
indes gefühlt
und zeitgeistmagisch
optimiert.
Zu einer Einsamkeit,
die sich nicht weiß,
weil ohne Einsicht,
ohne Worte ist.

Sehnsucht und Nostalgie (13/54)

Geprägt noch in der alten Bundesrepublik
mit ihrer effizienten Marktwirtschaft,
hab ich’s trotz Herkunftsmängeln doch ganz gut getroffen:
Politisch, ökonomisch, kulturell.
Verdanke jener mich,
dem Nachkriegsdeutschland,
das trotz Besatzung, Kaltem Krieg und Psychen-Lasten
sozial mich trug, mir Chancen bot,
die halfen, jene auszugleichen.

So mag’s verständlich sein,
dass mich’s nicht selten treibt,
still zu gedenken ihrer: alter BRD:
sich mühend herrschender Funktions-Eliten,
der Massen, die sie schufen, hielten, trugen.
Und ihres angepassten Lebensstils:
naiv, verdrängungsstill, tabubeschwert …
diszipliniert, bescheiden, arbeitswillig.
Nur Nostalgie gewiss; nur Nostalgie.
War doch auch sie schon unterschwellig angekränkelt
von diesem Heilsversprechen mystischen Konsums.

Zumal ich einer bin, der lange schon
dem Land in keiner Weise mehr verbunden ist,
ihn weitaus schärfer sehn mag so,
ich meine seinen Niedergang,
als jene, die ihn, schuldaseptisch ungewollt,
mit einer Art Verblendungsinbrunst
ihn heraufbeschwörten:

Die Dilettanten der Parteien,
die tugendblinden Staatsschauspieler …
Kapitalisten, nicht mehr fähig, Nein zu sagen
zu jenen Diktatoren, deren Diener sie längst wurden.
Und Intellektuelle, die, wie immer, Werte preisen,
die durch und durch realitätsfremd sind: 
Gefühlsdiffuse Tagtraumhülsen
als schicksalsmächtige Parolen,
doch jetzt am Ende, auch weil Wohlstandsopfer:
Autonomie und Würde, Recht und Gleichheit,
Vernunft und Volksherrschaft und Menschenrecht …

Zuletzt die Massen. Ohne Grundvertrauen.
Stramm ichsuchtvirtuos verbrauchsgewieft.
Auf Dekadenz als Glücksersatzkult angewiesen.
Staffage absurd clownesk
sich ruinierender Verfalls-Nation.

Es-Tandem (13/55)

Du hast ihn selbst herbeigeschwiegen,
diesen Bruch.
Den hast du doch gewollt.
Doch bin ich ehrlich:
Er war mein Anliegen:
Du hast ihn auch
durch mich gesollt.

Ohnmacht (1) (13/56)/Sonett

Unsrer selbst sind wir doch niemals mächtig,
müssen’s freilich ständig glauben,
um uns nicht die Kraft zu rauben,
unser Dasein zu bestehen.

Denn: Wir sind versagensträchtig,
ausgeliefert uns und Wir,
der Gesellschaft, ja: der Welt.
Also: Machtsucht, Lügen, Gier.

Ohne, dass uns etwas hielte,
das uns würde es erlauben,
stets zu meistern dies gespielte,
oft infame Trance-Geschehen.

Ohnmacht (2) (13/57)/Sonett

Der Dinge Kerne wesenhaft zu fühlen:
Als dauerschwankend und uns streng entzogen,
macht, dass wir, auf uns selbst zurückgebogen,
notwendig müssen auf das Unsre zielen …
Um so uns immer wieder zu verspielen.
Und es erklärt, warum wir, Trug gewogen,
uns trösten müssen mit Bedeutungsdrogen,
uns also Traum, Idee und Wert einwühlen.

Doch kann uns derlei Ungreifbares tragen?
Wohl kaum. Doch das, das gilt es zu verschweigen.
Schon um nicht überhaupt schon zu verzagen.
Was nämlich hieße, sich Verzweiflung neigen.
Wir müssen also schönen unsre Lagen:
Bis ihre Ausweglosigkeit sie zeigen.

Ohnmacht (3): Innenwelt-Zersetzung (13/58)/Sonett

Erbärmlichkeit und Stumpfsinn zu vermeiden,
das ist nicht leicht in einer Welt der Daten,
der Zahlen, news und aufgeblasen faden
Verzückungschancen sinnverlassner Zeiten.
Man muss sich wappnen vor den Niedrigkeiten,
in die man ziemlich schnell doch kann geraten,
weil, ausgesetzt Entwirklichungs-Diktaten,
man, bodenlos, sich wird berauscht entgleiten.

Wir sind die Opfer einer hochsubtilen
Zersetzung wertgetränkter Innenwelten.
Verführt, uns sittlich selber zu verspielen
und zu verschreiben Posen, Spaß und Gelten.
Wir haben nichts mehr, das uns noch bezelten
und retten könnte vor Entseelungs-Kühlen.

Ohnmacht (4): Die anonyme Misere (13/59)Sonett

Vergänglichkeit, Vergeblichkeit und Scheitern
sind das, was oftmals aus uns macht im Ganzen;
sind gleichsam homotypische Instanzen,
uns doch geworden zu Gefühls-Begleitern.
Entlasten mag‘s, zu klettern auf den Leitern
sozialen Aufstiegs zu Erfolgsbilanzen,
weil dann als Sieger man sich darf umtanzen.
Obwohl’s nie reicht, sich so nur zu erweitern.

Man kann nur hoffen, dass man jene meide,
wodurch auch immer einem sei‘s gewährt;
so dass nicht dauernd man ihr Werk erleide,
wohl wissend, dass es in die Kerne fährt,
dort einen hilflos von sich selbst abscheide,
wenn dann sich einem dieses Dasein klärt.

Ohnmacht (5): Die Märchen von Selbststeuerungsmacht
und Weltabständigkeitsmacht (13/60)

Es ist ein Taumel ohne Halt
durch Wortkaskaden ohne Wirklichkeitsbezüge,
der aufzeigt die systemische Gewalt,
die auflöst wertstabile psychische Gefüge
und so die Menschen auch moralisch ruiniert:
Sie werden seelisch arm, was sie auch geistig lähmt
erweisen sich als selbstsuchtinszeniert:
narzissmuslüstern, aggressiv entschämt.

Das Kapital, notwendig autodestruktiv,
gerade dadurch, dass es Wohlstand schafft,
schafft es auch Ichsucht-Infantile, die massiv
so werden Knechte ohne Selbsterhaltungskraft.

Ohnmacht (6): Empörungs-Tohuwabohu (13/61)

Alarmismus permanent,
so auch Hysterie:
Kaum noch jemand, der erkennt
sie als Ohnmachts-Idiotie:
Politorgiastisch sich empören,
phrasendrastisch zweiter Hand.
Auch weil hilflos sie versehren,
was dies Deutschland könnte ehren.

So sind alle tief erregt:
Tugend-, Dekadenz-Puristen,
Kunden, die ein Ideal bewegt:
Mitte-, Rechts- und Links-Statisten
toben Heilung unentwegt.
Derweil alles still verfällt,
immer weiter nur verrottet.
Weil man Wort statt Fakt vergottet
auf dem deutschen Schundkram-Feld.

Was das heiße, was besage?
Ohnmacht etwa, Unvermögen.
So erfühle ich die Lage:
Dass Verwahrlosung uns sticht,
längst schon heimsucht diese Plage …
Dass dies Land sich wird zum Wicht.

Ohnmacht (7): faktenbitter (13/62)

Man kann zuletzt auf gar nichts zählen;
nicht einmal auf sich.
determiniert zu sich als Gene-Stich,
der sich oftmals muss ja quälen,
dieses Dasein und sein Ich
vorteilhaft sich auszuschälen …
Muss man es doch kosten aus:
Da es Drang ist, Saus und Braus
eines atomaren Baus.

Ohnmacht (8): Kurze Zeit (13/63)

Nichts vorher und nichts danach;
das ist wirklich ausgeschlossen.
Bleiben also nur die Jahre,
Glück und Zufall ausgegossen.
Und die liegen meistens brach,
kaum, dass man’s genau gewahre -
Ausgeliefert sich und Gossen,
asozialen, kriminellen,
die nicht zu vermeiden sind.
Ausgesetzt zumal den Possen,
stützend unsre Wohlstandswellen.
denen auch, die kratisch* blind,
Großmannssuchtgenießer sind …
Ohnmacht ist man, Knecht der Ware,
weit entfernt vom Ideellen,
dem naivsten Geistes-Kind …

Bis dann jener einen holt,
der, ganz still und unbesohlt,
Alterselend wird beenden,
diese Daseinsschlacht als ganze.
Wohl dann dem,
den sterbend blenden
ein paar unvergessne Glücke,
längst schon Schatten,
doch jetzt Krücke,
hin zu allerletztem Glanze;
scheinend auf
auf Krumen-Matten.

*kratisch griech.: hier: politisch

Ohnmacht (9): Gewählte und Wähler (13/64)

Dass es ginge denen oben
auch um mich,
das ist nicht wahr:
Denen geht’s primär
um sich:
Macht, Diäten,
X ausloben …
sich zu wissen
als gehoben,
überragend diese Schar
derer, die sich
tun oft schwer …
unten sich
beweisen müssen;
oben oft
der Achtung bar.

Ohnmacht (10): Klarstellung (13/65)

Ich sähe viel zu negativ die Welt?
Nein, nein: sie selbst beweist sich so;
und sie ist es faktisch auch:
Ort, der selten jemand Zelt,
öfter ist ein Ich-Rausch-Zoo,
täglich Kampf ist für den Bauch …
Anonyme Seins-Gewalt,
der wir Menschen nicht entrinnen,
letztlich ohne Sinn und Halt,
sich als Freude auszuspinnen,
sich als Güte zu gewinnen …
Bis zum Ende Schall und Rauch,
was wir selbst verdrängen müssen
Daseinslaien: Schein beflissen.

Ohnmacht (11): Resignierte Abkehr (13/66)

Will nicht wirken, nicht belehren,
nur die Zeit für mich verbringen;
mich auf keinen Fall entehren,
nur mir dichtend selbst gelingen.

Gegner unsrer öden Lagen:
Hedonistischen Effekten,
die berücken, doch nicht tragen:
längst uns Zweck und Halt versteckten.

Niemand, dem ich Schuld auflüde,
weil er Grund sei der Misere,
dass wir, Schundgier ohne Güte,
prassen einer Reiz-Galeere.

Ohnmacht (12) Markt-Glücke (13/67)

Die Glücke, die der Markt anpreist
- er will Verbraucher faszinieren -,
sind ausnahmslos nur konsumtive …
Begreift man freilich, was das heißt?
Sicher nicht Erfahrungstiefe.
Nur, dass man will imponieren,
andern sich als Kunde zeigen,
der sich etwas leisten kann.
Glück wird so zum Geltungsrausch:
eben Selbstdarstellungs-Bann.
Glück ist faktisch nur noch Ware,
ist geplantes Surrogat:
Schein als bloßer Selbstwertrausch …
kurz: Erlebniszwang-Kandare,
also: Selbstgenuss-Diktat.
So Sozialmonaden-Tausch:
Einsamkeit als Selbst-Ergieren.

Ohnmacht (13) Diese triviale Zeit (13/68)

Berauschungslüstern ist sie schon
die heutige, so warenlüstern-triviale Zeit:
Ihr geht’s um money, Sex und Phrasen-Mohn,
um jede Art von Lüsternheit;
um intensives Sich-Erleben.

Sie ist gewiss auch ein Narzissten-Hort,
der Wohlstand bietet, Selbsterhöhungschancen …
Kult, dem man frönt in einem fort …
Wir alle brauchen eben solche Trancen.
Wir unten Spaß, die oben Macht
(die tiefste Art von Ich-Andacht) …
Uns über uns hinaus zu heben.

Denn: Eingelassen nur noch Nichtigkeit*,
der analytisch-rationaler Virtuosität -
fehlt uns das metaphysisch tragende Geleit:
Wir sind uns selbst Objekte, hingesät
entseelender Bedeutungslosigkeit.

*Nichtigkeit?
Kurze, sehr allgemeine, Bemerkungen: Diese ist ein objektives Faktum (eine Tatsache):
(1) Wir sind reine Materie-Gebilde, existierend ein paar Jahrzehnte zwischen - für uns - Nichts und Nichts
(2) Wir sind nicht das Resultat einer göttlichen Schöpfung (sind ohne Geist-Seele, ohne Vernunft, ohne autonome: freie/selbstgewählte Moral; es gibt kein Leben nach dem Tod
(3) Uns kommt keine Würde zu; es sei denn, man versteht darunter die Schonung der kreatürlichen (tierischen) Subjektivität aufgrund ihrer von ihr nicht meisterbaren lebenslangen Allausgesetztheit an Staat (besonders Diktatur, Tyrannei, Willkür …), Gesellschaft, Recht, sich selbst sogar durch Wahn, Krankheit, Angst, Mittellosigkeit …)
(4) Rein formal sind wir Bedürfen, Trieb, Zeit, Verfall, Deuten, Werten (Perspektivieren:  Schaffen von Bedarfsfiktionen als Entlastungen von der völligen Sinnlosigkeit der eigenen Existenz = allfälligem Nihilismus … bis hin zur Idealbildung, wobei gilt: Wir sind idealbedürftig, aber nicht idealfähig)
(5) Gattung: Homo (ca. 2,5 Millionen Jahre alt, in Afrika entstanden: biped, mit von Fortbewegungsaufgaben freien, motorisch immer feiner: besser, leistungsfähiger gewordenen Händen (Außenstellen des Gehirns), des Gehirns, das sich progressiv vergrößerte (von 650/700 Gramm, rein quantitativ, auf 1350 Gramm im Schnitt heute und „komplex neuronal verschaltet“) immer leistungsfähiger wurde (wir waren Techniker von Anfang an: Schufen natürliche Gegebenheiten um für unsere Zwecke mittels Werkzeugen/zweckmäßig behauenen Steinen (Voraussetzung: Fleischverzehr … natürlich nicht der Steine, sondern der Hominiden: der Menschlichen). Und: Wir bildeten Schweißdrüsen aus, die als Kühlsystem uns erlaubten lange Zeit zu laufen/zu hetzen
(6) Einmalige Auszeichnung: Die menschliche Lautsprache (wie alt?)
(7) Alle Arten (Z. B. homo sapiens, das sind wir) sind endlich, d. h. wir werden irgendwann völlig verschwunden sein (mag sogar sein durch uns selbst: einseitige Überspezialisierung, bei uns: technische)
(8) Wir - evolutionsbiologisch betrachtet - sind Tiere (und zwar ganz besondere: Der Natur aus der Hut gesprungen, um dann auf uns selbst als Techniker gestellt/verwiesen, die Natur nach unseren Bedürfnissen umzugestalten (woraus folgt, dass sich die Natur, sollten wir sie weiter umgestalten, dezimieren, aus dem Lot bringen usw., unserer wird - selbstverständlich - irgendwann entledigen müssen; man glaube nicht, dass an uns was läge: an uns liegt nichts; wir mögen uns noch so sehr in vielerlei Hinsicht selbst glorifizieren (was freilich andeutet, dass wir - wir verdrängen es - eine Ahnung von unserer objektiven Nichtigkeit in uns zu tragen scheinen …
Das Leben ist eine wunderbare Sache - aber auch der Tod ist es: Er befreit uns von Lasten, Schmerzen, Ungerechtigkeiten, Irrtümern, Versagen usw. jener wunderbaren Sache, die eine solche ist, weil sie unüberbietbar reiche Momente schenkt, z. B.:
(a) Die sehnsuchtsfundierte Vorstellung („einsichtsirrationale“) Gottes
(b) Die Selbstbegegnung und Selbstübersteigung seiner in und durch Kunstschaffen
(c) Die tiefste Nähe zu einem Du durch Erotik - ein, sehr seltenes, Geistphänomen als Transzendenzrausch (Ich-Überschreitung), gebunden an tiefe, sich über sich selbst hinaus sehnende: bedingungslos schenkende Du-Leiblichkeit
(d) Der absolute Frieden mit sich selbst, allen Existenzwirren, den anderen, der Gesellschaft, dem Menschen überhaupt im trauerlosen Bewusstsein kosmischer Erhabenheit trotz völliger Gleichgültigkeit

Ohnmacht (14): Allgemeine Bemerkungen (13/69)

Der Staat, nun ja: Der Staat zerfällt.
Und längst sich selbst auch beugt das Recht.
Verschwunden ist der Kern der Innenwelt:
Er wurde konsumtiv verzecht.

Was wird nun aus der Volksherrschaft? -
schon jetzt doch oft nur leeres Wort,
Ihr schwindet mehr und mehr doch ihre Kraft
an diesem ungerechten Trickser-Ort.

Indes das sind notwendige Tendenzen,
wenn ein Sozialverband sich selbst auflöst:
Dumpf ideologisch ohne Fakten-Grenzen
in bloßen Kader-Worten dann verwest.

Ohnmacht (15): Würde (13/70)

Würde? - Wäre Selbstzwang-Resultat: -
Verzicht auf alle Goldnen Kälber:
Selbstkonsum-Ekstatik, Waren-Bad.
Ihr zu genügen meinte, dass man formte
sich ihr entsprechend immer selber.
Doch täte man’s, wär das dann gut?
Der Wohlstand nämlich schwände.
Denn der bedarf der Kunden-Glut:
bedarf der Sucht der Körper, Seelen,
bedarf der Sucht zumal der Hände,
weil er doch nun einmal auf Gier aufruht.
Ich rate, Wohlstand vorzuziehen.
Schon weil, was Würde rechtlich sei,
gar nicht gedeutet werden kann.
Und überhaupt: Wir sind nun mal
notwendig nichts als Selbstsucht-Bann,
als Gier uns und Affekt gediehen,
als Körperdinge, Stoffmacht ausgespien;
kurz: bloßes Teilchen-Einerlei.
Determiniert durch Stoff und Zahl.

Ohnmacht (16): Gesellschaft (13/71)

Wer will denn wissen noch,
was Sache ist; 
genauer: kann sich das 
noch leisten?
Was die Gesellschaft angeht,
aller Lüste Joch,
das einen psychisch-kulturell 
zerfrisst.
Denn längst ist sie
ein Dulder-Loch,
in das notwendig wir
entgleisten,
wo sich die blanke Gier 
austobt
als Wohlstands-, Ichsucht-,
Lust-Revier …
als Trance der seelisch 
All-Verwaisten ….
Per Ratio- und Verfahrens-List.

Ohnmacht (17): Hinweise auf mich selbst (13/72)/4 Gedichte, davon 2 Sonette

Was soll ich sagen, groß von mir berichten?
Ich war Bedarfsknecht, war’s mein Leben lang.
Oft einsam auch, mir Einsicht so zu schichten,
primär zu meiden den Gesellschaftszwang.
So war’s denn schlau auch, darauf zu verzichten,
zu geben mich als jemand von Belang.
Mir war’s verliehen, selber mich zu lichten
als Randfigur mit wenig Geltungsdrang.

Jetzt bin ich Rentner, den oft Schmerzen quälen.
Doch nicht so sehr mein absehbares Ende.
Warum? Wir können auf uns selbst nicht zählen,
sind Opfer unsrer rationalen Blende,
Verwahrloste, die sich durch Lügen stehlen,
weil ihre Hybris sie von Fakten trennte.

Ohnmacht (18): Zwangsverhalten (13/73)/Sonett

Ich wollte eher das, was ist, begreifen.
Anstatt mich Zeitgeistwirren hinzugeben:
Mich selber sei’s in Niederungen schleifen,
sei’s inszeniert als Spaßkult-Fan zu leben.
Zumal mir wollte immer dies verkneifen:
Dem Markt als Durchschnittsdasein zu verbeben,
um so mich als Person dann zu verpfeifen:
Gesteuert mir als Ware zu verschweben.

Mir selber ausgeliefert jede Stunde,
hab ich es so nun einmal sehen müssen.
Zumal von Anfang an soziale Wunde,
vor Häme, Hass und Niedrigkeit gerissen.
Und so verfügend über diese Kunde:
Der Mensch ist hilflos nur sich selbst beflissen.

Ohnmacht (19): Unschuld (13/74)

Doch manchmal
war da dieses Feingefühl,
dass niemand
etwas für sich kann:
Dass jeder ist
sich Daseinsbann:
Sein eignes
unbegriffnes Spiel …
Kurzum -
Ob Kind, ob Frau,
ob Mann -
erstrebt sich selbst,
doch ohne Ziel:
Als Zufallsrätsel
ohne Sinn-Asyl.

Ohnmacht (20): Todessehnsucht (13/75)

Möcht noch mal
an der Friedhofsmauer sitzen -
als Kind schon
saß ich oftmals dort -
Gemeinsam mit dem Tod
ein Nichts aufschlitzen,
in dem dann enden würde
alle Daseins-Not.

Ohnmacht (21): Dieses Dasein (13/76)

Negativ hab ich’s gesehen;
negativ von vornherein:
Als erbärmliches Geschehen,
das man meistern muss allein.

Wenn es denn zu meistern ist!
Ohne Illusionen nicht.
Es ist Last, Gewalt und Frist.
Ohne Sinn- und Zweck-Gewicht.

Objektiv Materie.
Ohne Seele, Gott und Geist.
Biologisch Zufalls-Serie.
Subjektiv komplex entgleist.

Ohnmacht (22): Vereinzelungsschübe (13/77)

Das ist doch lächerlich, nach Sinn zu fragen,
nach Halt, nach Wahrheit und Erklärbarkeit.
Ist man primär doch Tier als Ich,
allein sich durch die Welt zu tragen:

Als Maß von Trauer, von Gewalt und Leid …
Bedürfnisknecht und Gier an sich.
Gehetzt von infantilen Fragen.

Indes die Lagen immer schweigen;
zumal sie doch geschehen nur,
soll heißen: gar nichts mehr bedeuten.
Das Ganze ist ein Zufallsreigen,
ist oft nur seelische Tortur
in einem Dasein, leer von Freuden.

Ich lobe daher diese Pseudo-Glücke,
die konsumtiven, die man testen kann,
die man sich gönnt als fade Daseinskrücke:
sich zu berauschen als Alleinsein dann:
Als Marktmonade, die dann dankt für jene;
sie wollte nur sich selbst erhöhen:
orgiastisch in Effektgeschehen
vergessen Einsamkeit und deren tote Träne.

Ohnmacht (23): Frage an mich selbst (13/78)

Wozu dann freilich noch Gedichte?
In einer Welt der Abstraktionen,
der Formeln, Waren, Bilder, Zahlen,
der leeren Worte und der Seelen schlichte
Funktion als Abklatsch von Schablonen
der zwangserlebten, nur formalen
und inszenierten Daseins-Dichte?

Für nichts. Ich will es offen sagen.
Sind wir doch die, die Märkte jagen
als auf sich selbst nur noch erpichte,
von Zeitgeistdiktatur berauschte Wichte,
die jener hörig dekadent an Abseits nagen.

Ohnmacht (24): Befürchtungen (13/79)

Ich sehe schwarz, was anbelangt
die Zukunft - unsre allgemein.
Da gibt es viel zu viel, was schwankt …
womöglich unser aller Sein.
Jeder seiner Träger wankt:
Klima, Frieden, Mein und Dein,
Macht-Raison, Gewissenspein …
So geht’s einfach nicht mehr weiter.

Doch wo und wie und auch wozu
verankern deshalb welche Leiter?

Ohnmacht (25): Nebenbei bemerkt (13/80)

Sich immer wieder abzulenken,
sei’s von sich selbst, den Artgenossen;
auch von der Lebenswirklichkeit zumal,
kann immer noch ein Dasein schenken,
von tiefen Träumereien übergossen,
das als fiktives ist nicht so banal
wie das alltägliche: Routinesprossen …
Ist Phantasie - ist Ratio nicht, nicht Zahl.
Entlastung vielmehr an Fiktionen-Tränken.

Man kann sie freilich nicht zusammenbringen,
denn dazu gibt es keine Möglichkeit.
D. h. man wird umsonst um jene ringen,
sich los zu werden: sich als Stoffeinheit.

Was schlimm für mich wäre und was erlösend (13/81)
Gedicht, gemacht auf einer Intensivstation

Schlimm wäre es, 
wenn ich die Thora 
nicht mehr weiter übersetzen,
Homers Odyssee nicht mehr 
im Original lesen 
und meine Gedichte nicht mehr
verbessern könnte.
All das wäre schlimm für mich,
bis, hätte ich dann 
den Tod vor Augen,
der Sterbeprozess endete.

Andererseits: Stürbe ich,
wäre ich endgültig befreit
von seelischen und körperlichen
Belastungen,
los auch die vielen läppischen 
Alltagssorgen,
vor allem aber definitiv ledig
der Perfidie, Charakterlosigkeit 
und Selbstsucht meiner Artgenossen …
Wobei ich einräumen muss,
dass sie dafür nicht 
verantwortlich gemacht werden können,
verfügt doch niemand mehr von uns
so recht über sich selbst …
Abgesehen davon ist es auch 
fast unmöglich geworden, 
narzisstisch-hedonistisch-konsumtiven
Verführungen zu entgehen,
gar ihrer zu entsagen …
Den das macht einsam, isoliert:
Man wird zum Außenseiter,
nicht mehr zugehörig 
zu Gruppen, Zirkeln, Spaßbeflissnen,
entfesselt hungernd nach Beachtungswonne … 

Jedenfalls ginge ich, stürbe ich,
wieder ein in die 
physikalische Materie,
meine Urheimat,
auf ewig dann nicht mehr seiend,
endgültig los dann auch mich selbst
(eine Tatsache, von der 
irgendjemand behauptete,
sie sei auch im Leben 
die Grundvoraussetzung
allen nicht nur phantasierten:
eingebildeten Glücks),
endgültig erlöst dann aber auch 
von meinen deprimierend tristen 
Fundamentaleinsichten.

Reklame-Model (w/m) (13/82)

Ein inszenierter Blick
aus toten Augen:
Erfüllungs-Kundenspähen …
schroff, verwegen wild,
verlüsterungsbegehrlich
fordernd und narzisstisch cool.
Entschlossenheit 
als marktfundierte,
erfassend Oberflächen,
die sie gierig dehnt
zu lückenlosen Warenhalden,
verdeckend alle Geistgebeine.

Ein Blick so dreist,
so fad, so leer,
so einsichtslos,
so anmutsfern …
ein seelenlos-
verführerischer,
als sähe er 
ein Totenhemd,
was er sich überzieht, 
ist er doch blind.

Als falle er in sich
zurück,
dem lückenlosen Nichts 
entsagend,
dem warenprallen,
das ihm Trancen schenkt:
Erfüllungstrostentfesselungen,
verkrampfend Leib,
der untersinnlich sich 
entfaltet endlich 
als verfänglichwirre …
als erosfade 
Einheitsfleischlichkeit.






 

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