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Augenblicksdrastisch (12/1)
Ein hemmungsfrei verdrängter Niedergang:
Verfügter Nihilismus-Stoß.
Systembedingter Psychen-Fang:
Medial gesteuerter Berauschungskloß.
Von Fatalismus und von Selbstentlastungshysterie
subtil sakralisierter Kunden.
Weshalb ich basissinnlich fasse sie
als Träger pseudoautonomer Wunden.
Wie offen das mir doch zutage liegt:
Erlebnisdionysisch selbst sich zu entgleiten.
Ein Artefakten-Thete*, der sich selbst bekriegt,
um sich als Ichgefangener zu meiden.
Als Virtuose auswegloser Intellekt-Gewalt.
Effekthalbgott. Sich telosloser* Pseudo-Halt.
*Theten griech.: Lohnarbeiter, Tagelöhner;
die grundbesitzlose freie Unterklasse wie Lohnarbeiter, Handwerker, Händler
*telos griech.: Ziel
Mein illusionsanfälliges Land (12/2)/Sonett
Nicht zu versagen, das ist wirklich schwer geworden
in diesem Land der Jäger nach Glückseligkeiten:
Erlebnissammler, Freizeitwirre, Urlaubsreife.
Man will sein Dasein lang und unbedingt genießen.
Und alle tanzen dabei nach derselben Pfeife.
Egal zu welchen Zeiten und an welchen Orten.
Man lässt sich unbedacht von Gängigkeiten leiten,
um sich den Kitzeln ihrer Freuden auszugießen.
Indes was heißt das denn genau, nicht zu versagen?
Sich gegen sich, Gesellschaft und Funktionseliten:
den Zeitgeistdruck zu wappnen, weil man hat begriffen:
Es ist doch Flucht vor sich, Berauschung nachzujagen:
Entlastungsemotionen, die Fiktionen bieten
wie die, man werde niemals von sich selbst verpfiffen.
Dialektik deutscher Seelenkälte (12/3)/Sonett
So etwa dieser Tugendmasochismus
als hybrisarrogantes Unterfangen,
narzisstisch-kultmessianisches Verlangen,
das man als Faktenleugnung sehen muss.
Ein doch sehr deutscher seelischer Erguss,
gesinnungsstier empirischen Belangen -
die würdetrunken werden übergangen -
sich zu verweigern per Gewissensschluss.
Obwohl viel tiefer doch verbunden Zahl,
dem Wohlstandshedonismus hingegeben,
dem grade fehlen Wert und Ideal.
Der dekadent macht, metaphysisch schal,
der zwingt, sich Selbstsuchtzwängen auszuleben,
Gewissensarmut ohne Reue-Mal.
Allbrach zerfallendes Geltungsreich (12/4)/Sonett/
Primär will ich begreifen, nicht erleben.
Weil sich erleben untertänig macht
dem technisch-wissenschaftlich allfundierten,
kapitalistisch surrealen Reich.
Ein Mengenkosmos, immer schon ergeben
der Kindlichkeit und der Konsumandacht,
die längst zur Ohnmacht des Bewusstseins führten:
Erwünschter Flachheit: Kalt, stupide, weich.
Und doch ist keine Klasse anzuklagen,
die wissentlich heraufbeschworen hätte
dies effektiv entgleisende Versagen:
Nichts war geplant. Schon gar nicht diese Kette
von unbeherrschbar aussichtslosen Lagen
und einer Erde als Zerstreuungsstätte.
Deutschland im Niedergang (12/5)/Sonett
Man wird sich selbst aus kluger Einsicht hüten
vor Korruption, Betrug und Niedrigkeiten.
Wie sie oft marktbetörte Psychen leiten -
indes sind manchen auch an sich beschieden.
Man wird sich wappnen alles Wüten,
auch Tugendhochmut: Ideal-Geschmeiden,
die, faktenfeindlich, Wirklichkeit doch meiden,
weil angewiesen auf Propheten-Mythen.
So wird die Volksherrschaft der Phrasen-Dealer
und Wohlstandshörigen wohl untergehen.
Sie werden dilettierend sie zerstören
als ihrer selbst benommne Daseins-Spieler:
Die sich allein um sich im Kreise drehen,
sich mit sich selbst narzisstisch zu betören.
Bedeutungsloser Körper in sinnleerer Welt (12/6)/Sonett
Ich hielt’s für lächerlich, von mir zu glauben,
mir komme zu noch irgend Relevanz.
Dass ich sei faktisch noch bedeutungsvoll:
Entfaltung eines Unverwechselbaren.
Man mag ja Ewigkeits-Phantasmen klauben
aus einer metaphysischen Substanz.
Ob man indes von Täuschung zehren soll,
um Seelengleichgewichte zu bewahren,
bezweifle ich; obwohl ich’s nicht verhöhne.
Ich durfte es mir ohne Angstdruck leisten,
Realität statt Traum mich hinzugeben.
Und die befahl mir, dass ich mir nichts schöne
vor diesem Sinnschimären-Sog der meisten,
dem ich- und diesseitshungrig sie verschweben.
Variante (zu „Bedeutungsloser Körper in sinnleerer Welt“) (12/7)
Dass ich mein Leben souverän je führte,
Selbst-, Herkunfts-Last und Marktterror entzogen,
das zu behaupten, wäre dreist gelogen.
Zumal ich jenen stündlich salutierte.
Vielmehr: Was immer mich zutiefst berührte,
war Zwang mich packender Geschehenswogen
von Wert-Phantastik, Ich- und Zeitgeistdrogen.
Der mich empirisch* dauerkommandierte.
Dass meine Existenz Bedeutung habe,
sei frei und sinnvoll, nicht nur Stoffgeschehen:
Vernunftsystem, aus dem ich Halte grabe …
das glaub ich nicht. Ich fasse doch die Wehen
des Menschlichen mit seiner Täuschungs-Gabe:
Sich Illusionen ohne Boden einzudrehen.
*empirisch, hier: faktisch, tatsächlich, erfahrungsreal
Nihilismus (12/8)/Sonett
Ein Nihilismus stürzt mir durch die Seele,
als habe er sie ganz alleine inne.
Als ob nur er sie allumfassend quäle,
nur er bewirke, dass sie Angst zerrinne.
In Gleichmut, Trauer und Verzweiflung schwele,
zerschlage Hoffnung, Halt und hemme Sinne.
Ja. Jener macht das. Macht, dass ich mir fehle.
Und mich auch nie mehr mir zurückgewinne.
Ich muss ihn allerdings gedoppelt tragen.
Als objektiven wie auch subjektiven:
Als Faktum, dass ich nur bin Stoffgemenge.
Als Prägung herkunftlicher Daseins-Schiefen.
Als Büttel nagender Alleinseins-Zwänge,
die ich nur scheinbar mir kann doch zerschlagen.*
*Variante Zeilen 9 - 14:
Wiewohl: Er muss mich kommandierend packen.
Ist er doch über mich hereingebrochen
aus toter Formeln Niedergangs-Gemenge:
Dem Fortschrittsterror rationaler Schlacken.
Den Marktmonaden, die auf Lust-Mohn pochen.
Dem Selbstablauf anom entglittner Zwänge.
Fade Zeiten (12/9)/Sonett
Was wäre weise in solch faden Zeiten,
die Kreatürlichkeit und Unmaß loben,
sich freizeitmystisch kindlich auszutoben?
Und rücksichtslos, bewusst und unbescheiden,
in jeder Hinsicht lustvoll sich zu weiten;
ob nun im Flachen, Lauten oder Groben?
Beglückungsgängigkeiten eingewoben,
sich zu genießen auch noch im Beneiden?
Ich glaube dies wär’s: Gar nicht teilzuhaben
am Tingeltangel wertverlogner Leere.
Sich zu verstellen und sich einzugraben
in das Ertragen geistiger Misere.
Um dieser dann Vollendung abzuschaben:
Frei von sich selbst zu sein und Stumpfsinnschwere.
Unterschichten-Scharfblick (12/10)/Sonett
Dass ich von unten kam, das zog mir Grenzen.
Ganz tiefe innere, die niemals fallen.
Und das hat radikale Konsequenzen:
Ich kann erspüren die sozialen Fallen
der weltfremd hehren ethischen Sentenzen.
Vor allem aber auch dies Bürgerlallen,
mit Menschheitsidealen stolz zu glänzen.
Um sich doch auch an Wohlstand nur zu krallen.
Das ist der Vorteil, wenn man kommt von unten:
Man lässt sich nie vom Ideellen leiten.
Erfasst sehr fein gesellschaftliche Schrunden,
ergibt sich nicht dem Selbstbetrug im Gleiten
durch Illusionen wertnaiver Runden.
Nie ihren Hybris feilen Nichtigkeiten.
Vermutungen eines Obsoleten (12/11)/Sonett
Ich bin aus dieser Zeit herausgefallen.
Ein obsoleter Kauz dem smarten Heute.
Das ich auch deshalb wohl so kritisch deute:
Als Artefaktenkrieg von Marktvasallen,
die sich an Hypes und Surrogate krallen.
Sich selber Trauma, Kitschobjekt und Beute:
Ganz bieder schicksalslose gleiche Leute,
die stolpern wollen in die eignen Fallen.
Wer kennte nicht aus eigenem Erleben
den Hinterhalt des Unvorhersehbaren:
Dass wir in dem, was wir uns zwanghaft weben
verlieren müssen, um dann zu erfahren,
dass wir nicht fähig sind, uns Halt zu geben.
Schon gar nicht durch die Religion der Waren.
Eros, Kunst und Denken (12/12)/Sonett
Der Eros mag auch mich zuweilen tragen.
Er neben Kunst und Denken (in Gedichten)
Um mir den faden Alltagskampf zu schlichten,
den ich doch führen muss an Wochentagen.
Auch noch in Nächten, wenn mir Schlaf versagen
die Gliederkälten und die Grübel-Dichten,
die kommandieren bis in Tiefenschichten.
Vor deren Nein ich mich dann kaum kann wagen.
Und dennoch: Groß ist’s, Geistesmacht zu kennen
und ihren stillen Stunden zu gehören.
In ihnen gar sich selbst zu überrennen:
Sich nicht mit Protzereien zu betören.
Und nicht als Kunde Mächten zu verbrennen,
die, geistig tot, erotisch auch zerstören.
Der Wille zur Redlichkeit (12/13)/Sonett
Reklame lässt sie lockend laut beschallen
des Schnäppchenjägers Wohlstandsdiktaturen.
Den Reizeinpeitscher, Stars und Kultfiguren
sich durch Belämmerung und flat rates krallen.
Subtil verführen, um ihm vor zu lallen
von Sonderorgien auf Erlebnistouren.
Die böten Räusche, Trance und Gramabfuhren.
Und all das ohne finanzielle Fallen.
Indes ich sollte mir den Spott verkneifen.
Und mir stattdessen eher überlegen,
dass ich nur deshalb mich darf einsam greifen,
um meine Einsichtswilligkeit zu pflegen,
weil jener konsumtiv nur kann sich streifen.
Das Ganze tragend, so auch mir zum Segen.
Lob der inneren Abwendung II (12/14)/Sonett
Nur teilnahmslos mag ich mich noch entziehen
den surrealen Alltagssudeleien.
Reklame, Starsystem und den Parteien,
die sich um mich, den Ich-Verbraucher, mühen.
Lauthals verdrängend, dass wir längst verglühen
dem Märchen von den würdevollen Freien,
die nach Erlösung durch Erleben schreien.
Der eignen Ohnmacht haltlos stumm gediehen.
Doch heißt das nicht, sich selber zu verachten,
Verantwortung für sich schon abzulehnen?
Doch. Heißt es. Heißt, wir werden uns entmachten
und löschen Geistesdurst nur noch mit Tränen:
Wir werden unsrer Niedrigkeit verschmachten,
der zu entkommen wir vergeblich sehnen.
Lob der inneren Abwendung III/Einwände (12/15)/Sonett
Wer sich ihr hingibt, dieser Geistesschande,
wie ich es nenne, dieses Kultgeschehen,
sich techno-dionysisch zu verwehen,
um sich dann zu verlieren an verkannte
Entlastungsorgien einer Gossenkante,
wird nicht bemerken, dinggleich einzugehen
Zynismus, Deklassierung, Pseudo-Nähen,
da ihn doch halten dann nur Traumweltbande.
Doch muss man sich auf irgendwas beziehen,
die Daseinseinsamkeit sich zu verdrängen.
Denn der sind wesensmäßig wir gediehen.
Weshalb die meisten sie auch wahllos fliehen -
Und sei’s ins Herz von Trivialgemengen.
So nicht vor ihren Leeren müssen knien.
Lob der inneren Abwendung IV (12/16)/Sonett
Ich hab so gerne die Thorá gelesen.
Fast jeden Tag. Seit vielen, vielen Jahren.
Und immer war’s ein Glücksmoment gewesen,
die Schönheit der Quadratschrift zu gewahren.
Und an Homer darf geistig ich genesen,
der Menschen zeigt, die mit den Göttern fahren
ins eigene und auch in fremde Wesen,
sich ihres Daseins Nichtigkeit zu sparen.
In meine Zeit indes mich einzufinden,
das blieb verwehrt mir. Auch weil ich sie denke:
Das meint das Undeutbare in Gebinden
von Wohlstandsinbrunstwogen als Gelenke
des Trivialen, das sie laut begründen,
damit, verdrängt, es ihre Ichsucht lenke.
Momente tiefsten Glücks (12/17)17
Ich sage nicht,
es gäbe keine
Momente
tiefsten Glücks.
Doch, doch:
Die gibt’s
als edle, feine,
ich sage:
Perlen seltnen
Seins-Geschicks:
Als Gegenpole
unsres miesen
Stücks.
So helfen dann,
dass man es
weiter trage.
Heteronome Sozialschauspielerei (12/18)/Sonett
Was mich so deprimiert, ist, dass ich spüre,
heteronom an fremder Macht zu kleben.
Und das, das kann nur eine Zeit eingeben,
die wirkt als permanente Ouvertüre
zum Zwang, dass man sich dauernd inszeniere,
um sich Gepflogenheiten einzuweben,
die stützen selbst berufliches Bestreben,
Und dienen auch schon als Sozialscharniere.
Man kann sich kaum noch vor der Show bewahren.
Zumal bei vielen fehlt schon dieser Boden
der sittlich und vor allem psychisch klaren
und festen Anstands- und Verhaltens-Knoten.
Da greifen Selbstentmächtigungsverfahren
als strenger Ausdruck jener Zeitgeistmoden.
Ich I (12/19)/Sonett
Ich glaube nicht, wie doch die allermeisten,
dass ich was Nennenswertes beizutragen,
was Wesensschweres gar zu sagen hätte,
wenn’s darum ginge, unser Los zu deuten.
Was sollte renommieren ich mit dreisten
Versicherungen, die im geistig Vagen,
sich es erlaubten, dieser Warenstätte
ein Quäntchen Sinn aus leerem Kern zu häuten?
Mir steht’s nicht zu. Noch ist es mir gegeben,
in diesem Dasein etwas zu gewinnen:
Ich wollte immer nur für mich es leben.
Zumal wir alle auf uns selber sinnen,
Monaden sind, die in sich selber kleben.
Verknechtet außen und verknechtet innen.
Ich II (12/20)/Sonett
Mitnichten meiner Existenz Gebieter,
entwirre hilflos ich die Wohlstandsfäden,
die man mir auswirft noch vor Billigläden:
Mich Kauflust zu verführen immer wieder:
Ich bräuchte nur zu fassen all die Güter,
mich sehnend beugen ihren zeitlos steten
Genusszufuhren und Objektgebeten -
Ich lebte lustzentriert, ja: kniete nieder.
Doch aus Erfahrung kann ich das nicht glauben.
Man säuselt mir von Glücken ohne Boden.
Man will mich einfach meines Gelds berauben.
Und dass ich tanze nur nach jener Noten.
Mir anzudrehen eher saure Trauben:
Enthemmungs-Tinnef für naive Schoten.
*Tinnef: Jiddisch: Schund, wertlose Ware
*Schote: Jiddisch: Narr, Einfaltspinsel
Ich III (12/21)/Sonett
Ich würde gern mal etwas Zartes schreiben.
Was anderes als diese monotonen
Entlarvungsschreie, die sich gar nicht lohnen,
weil eben doch die Menschen gleich sich bleiben.
Da sind die einen, die sich Macht aufreiben,
indes die anderen sozialen Zonen.
Und wieder andere, die sich betonen,
indem erfolgreich sie Geschäfte treiben.
Doch was ist zart? Das ist nur schwer zu sagen.
Ist es die Liebe? Oder doch die Güte?
Vielleicht gar Ehrfurcht? Oder Scham und Zagen?
Die Anmut schaffen, niemals frech und rüde …
Ich weiß es nicht, muss immer weiter fragen.
Obwohl schon lange unsrer Rohheit müde.
Ich IV - Erfolgreich durchlaviert (12/22)/Sonett
Hat sich’s gelohnt für mich, den Preis zu zahlen:
Zu tun als ob. Das Schauspiel aufzuführen,
ich würde gern mich an die Welt verlieren?
Um so getarnt tatsächlich sie zu meiden?
Mich also nicht in Wichtigkeit zu aalen,
mit Macht und Tüchtigkeit mich nicht zu küren;
nicht gängig äußerlich mich aufzuführen -
und dennoch nicht ins Abseits abzugleiten?
Ja. Hat’s für mich. Was nämlich überböte
die Einsicht in dies gramerfüllte Rennen
erlebnisüberreizter Endzeitnöte;
um gleichsam überscharf auch zu erkennen,
dass da getriebnes Dasein sich erhöhte,
entgleister Kortex-Last lasziv zu brennen*?
*Nämlich unserer Rationalität als analytischer (Naturwissenschaften) und verfahrensvirtuoser (Technik)
Ich V (12/23)/Sonett
Ich leugne gar nicht, dass ich ganz gut lebe,
weil mir dies Waren-All manch Vorteil bringt.
Lässt es doch zu, dass mir ein Selbst gelingt,
grad wenn ich gegen seine Zwänge strebe.
Und’s nicht verachte, wenn ich mich entwebe
dem Toben, das in allen Gassen klingt
und rücksichtslos sich seiner Gier verdingt.
Was täten wir, wenn’s keinen Wohlstand gäbe?
Ich teile deshalb gar nicht diesen Glauben,
dass man die Existenzsucht mindern könne.
Wir müssen Ich, Natur und Welt uns rauben.
Naiv, wer hofft, dass da Vernunft gewönne.
Die sich doch auch nur kann aus Sprache klauben
Wie wär’s da möglich, dass sie Halte gönne?
Ich VI (12/24)/Sonett
Was sollte ich denn von mir selber sagen?
Zumal die Artgenossen sich verbohren
in Medienwelten, wo sie sind verloren,
weil die sie stets auf ihren Spuren jagen.
Dass ich verfüge über feinste Ohren,
die Stillen höre aus den Zeitgeistporen,
die immer lauter schreien, dass die Lagen
substanzprekär schon nicht mehr nach uns fragen?
Nun dies vielleicht: Dass mich die Glücke suchen,
weil ich sie ohne Drängen weiß zu schätzen.
Ich daher muss mein Dasein nicht verfluchen,
mich nicht durch Flachweltsurrogate hetzen.
Noch brauche ich das größte Stück vom Kuchen.
Kann ich doch Spätzeitlast in Geist umsetzen.
Erinnerung/Für Mawi (12/25)/Sonett
Die Liebe opfern für ersehnte Ideale,
das kann ich meinerseits ja ganz gut nachvollziehen.
Doch weiß ich auch, dass man vielleicht dafür bezahle,
sind Ideale Seelenwirren doch gediehen.
Und überhaupt kann man nicht vor sich selber fliehen.
Sodass es fraglich ist, ob jene traumfern fahle
Faszinationsmagie nicht doch wird leer verblühen.
Um weiter nichts zu lassen als nur eine Schale.
Nie werde deine herbe Schönheit ich vergessen.
Nie jene Stillen überblauer Sommertage,
als wir uns lasen lustgetränkte Körpermessen …
Es trieb dich trotzdem von mir fort, denn was besage -
wenn man von Gottes Idealen ist besessen -
die Liebe noch, die immer doch nur irdisch trage?
Gattungs-Abgründe (12/26)/Sonett
Zuweilen träumte ich von einer Welt der Güte,
der Würde, Geistesherrschaft und Gerechtigkeit.
Von einer Welt, die frei von Ausbeutung und Neid,
sich selbst dann solidarisch aufgeklärt behüte.
Die Korruption und Kriegen keine Chancen biete,
sich nicht an Grausamkeit ergötze, sodass wüte
Pleonexie-Zwang: Der genetische Bescheid,
dass wir zu allem, selbst zu Folter, sind bereit.
Dass ich mich dabei nur erging in Kindereien,
war mir in jedem Augenblick indes bewusst.
So weiß ich doch, dass wir uns ichsiech selbst entweihen,
wir, hassgetrieben, frönen auch Vernichtungslust,
wenn uns ein Allmachtsrausch enthemmt vor Todesschreien.
Gewaltschier uns vertaumelnd an der Wahngier Brust.
Psychen-Tiefen (12/27)/Sonett
Ich habe möglichst abseits mich gehalten.
Kaum was gesagt. Schon gar nicht, was ich denke.
Damit die Meinung andrer mich nicht lenke.
Ist doch der Mensch perfide: Seine kalten
Gelüste muss er sich doch auch gestalten.
Ob er sich nun mit Rachsucht-Spaß beschenke,
ob er zu seiner Freude andre kränke …
Es wird ihm höchsten Machtgenuss entfalten.
Doch will ich Weiteres in mir verschließen,
was mich da ausmacht nah am Psychen-Boden
als Seelenschäume, die ins Vage schießen:
Bis tief hinein in wirre Alptraumknoten,
wo Barbarei sich und Gewalt ausgießen,
Bestialisierungslust sich auszuloten.
Existenz:
Der Mensch (12/28)/Sonett
Kannst du ihn tadeln ob der Lebenslügen,
die er doch braucht, um halbwegs zu bestehen
sein Dasein: Ichsucht, der er sich muss blähen,
um in Erfolge sie und Lust zu biegen?
Doch ihn als solche immer auch betrügen,
weil ihm sich zeigen oft als Traumgeschehen.
Indes ihn plagen ganz reale Wehen,
die ihm sein Leben zur Belastung fügen.
Nein kann ich nicht. Obschon dem Geist verschworen.
Der gar nicht erst versucht, sich vorzumachen,
man sei sich zu vollenden doch geboren.
Der weiß, man meistert nie des Daseins Lachen;
weil in sich selbst verstrickt, man ist verloren:
Bedürfen unterworfen, Wir und Sachen.
jouissance*/Für Chrisbe. (12/29)
Das Dasein,
jetztgefangen
gegenschal:
dein Körper
biegt sich,
Zeit zertrümmernd,
entführt mich
Wir-Ramsch,
Tausch und Zahl,
in leibsakraler
Lust aufschimmernd.
*jouissance franz.: Genuss
Versagen und Träumerei (12/30)/Sonett
Gewusst hab ich es immer: Meine Jahre
würden vergehn gepaart mit jenen Leeren,
die uns, wenn auch verdrängt, subtil versehren …
Meint Dasein doch, dass man sich Scheitern paare.
Ob man nun ziele auf das Glück der Ware,
ob man sich Macht erstrebe, Geltung, Ehren.
Stets ist man Opfer auch prekärer Schweren.
Egal, wie man sich subjektiv erfahre.
Und doch: Zu hadern, wäre sich vergreifen
an jenen Mächten, die dies Dasein heben:
Wie etwa Geist und Kunst, die sich verschleifen
den Vorbehalten gegen jenes Streben,
in dem wir, triebblind, selber uns kaum streifen:
Versagen uns und Träumerei hingeben.
Existieren - heute (12/31)/Sonett
Was heißt, genau genommen, existieren?
Zumal im Bann abstrakter Tauschgaleeren,
die einen treiben, doch auch Zweck gewähren,
der hindert, dass wir uns in uns verlieren.
Und so vielleicht an Daseinsleeren rühren,
die wir so fürchten müssen, weil sie zehren
an Mut und Kraft, dem Alltagsdruck zu wehren
und unser Leben ohne Bruch zu führen:
Gesund zu meistern die Vollzugsroutinen,
Probleme, Sorgen, die wir alle kennen.
Sich psychisch auszurichten jener Schienen.
Und so gewachsen bleiben einem Rennen,
Bedürfnis und Gesellschaftsdruck zu dienen.
Uns so auch von Verfall und Zeit zu trennen.
Wesens-Gefangenschaft I (12/32)/Sonett
Wer ahnte nicht in ruhigen Momenten
(wenn nicht die Alltagszwänge dominieren),
dass wir uns ohne Pause selbst riskieren
in ganz normalen Existenzumständen?
Wir neigen etwa dazu, zu verschwenden
uns an uns selbst, gefangen in Allüren,
oder an andre, die uns zwar verführen,
doch nur als unser Selbstkonstrukt dann blenden.
Tatsächlich sind wir in uns selbst gefangen,
gerade weil auf andere verwiesen.
Durch die wir ja erst zu uns selbst gelangen.
Denn sie sind es, die unser Selbstbild gießen,
sozial uns modeln uns mit feinsten Zangen;
so auf ihr Urteil lebenslang verwiesen.
Treue (12/33)
Meiner Weltlosigkeit
bin ich immer treu geblieben,
mein ganzes Leben lang;
blind treu geblieben
auch dem Hang,
zu träumen mich heraus
aus Kernzusammenhängen.
Sei’s solchen unsrer Existenz,
sei’s wirtschaftlich-sozialen,
sei’s gar politischen,
sei’s welchen sonst.
Um mich zu flüchten
in der Kindheit Traum-Ahnungen,
so in die Sehnsucht
nach der blauen Indolenz,
in Dämmerungs-Magie gar:
metaphysische,
in allerlösende Vergeblichkeit,
bewusstlos erdkühl:
leidfrei mich zu bergen.
Gesteuerte Innenwelten (12/34)/Sonett
Es scheint, dass Ramsch verwobne Innenwelten,
von fester Wertordnung nicht mehr gehalten,
sich nur in Emotionen noch entfalten.
Und zwar medialen Reizen zugesellten.
Sei’s Spannung, Hits, sei’s Sport, sei’s action-Helden.
Da wirken feine Steuerungsgewalten,
die die Erregten von Vernunft abspalten,
sie auszuliefern so erwünschtem Gelten:
Appell- und Propagandadruck-Gewebe
nach dem man psychisch dann sich wird auch richten.
Auf dass man sei’s sich seinem Bann ergebe,
sei’s sich ergötze an zerstreuungsschlichten
Entmündigungsfinessen jener Stäbe,
die auch, was ethisch richtig sei, erdichten.
Selbstsuchtknecht (12/35)/Sonett
Ich habe leider schon sehr früh begriffen,
dass Menschen mehrere Gesichter haben.
So etwa eins, Sozialdruckmacht verschliffen.
Dann eins der sittlich trügerischen Waben.
Ein drittes, fasziniert von Täuschungskniffen.
Um je dann nach Bedarf eins auszugraben.
Doch auch auf dieses wird dann schlau gepfiffen.
Mimt doch ein Selbstsuchtknecht da seine Gaben.
Ich glaube indes nicht, der Mensch sei böse.
Nur manchmal niederträchtig ob der Widersprüche:
Charakterlosigkeit, gespielte Größe,
dann Renommiersucht, schwärzend Wesensbrüche …
Heteronom* ist er, ein Spielball im Getöse
dieser Bedrückungs-Orgie kleiner Schliche.
*heteronom: unfrei, fremd gesteuert/bestimmt
Die deutsche Sprache: Die Wurzel meiner geistigen Existenz (12/36)/Sonett
Wem darf ich wurzeltief mich selbst verdanken?
Wer sollte mich schon früh mir selber schenken?
Die deutsche Sprache war es, die mich lenken
und weben sollte bis in Selbstwertflanken.
Sie riss mir ein die groben Herkunftsschranken.
Erlaubte, Schwierigstem mich einzusenken …
Und deshalb will ich ihrer hier gedenken
als eines Felsens wider Gram und Wanken.
Sie schwindet nun aus schundbesetzten Seelen.
Ganz kleinen. Tranceweltüberströmten. Toten.
Für die sublimer Geist kann nicht mehr zählen,
verlockt, sich hinzugeben Marktmachtloten,
um sich nicht hilflos mit sich selbst zu quälen …
Was nicht zu leisten ist mit Zeitgeistnoten.
Nicht frei gewählte Daseinsziele (12/37)/Sonett
Pleonexie-Drang, Geist, Wert, Wissenschaften
benennen ungefähr die Daseinsziele,
uns auferlegt in diesem Traum-Gewühle,
an dem wir, Ich ergeben, drangsiech haften.
Wir Sorgenwesen, die es nicht verkraften,
dass sie nichts weiter sind als eben Hyle,
früh um ihr Ende wissen und die Spiele,
die zu vollenden, ahnen sie, nie schafften.
Mir ist das Geistige zum Los geworden.
Und dieses zwingt, zumeist am Rand zu leben.
Sich in sich selbst: In Sprache zu verorten.
Existentiell verschieden vom Bestreben,
sei’s Macht sich, Ruhm, sei’s Geld, sei’s Lust zu horten.
Nein: magisch-analytisch sich zu weben.
Ringen (12/38)/Sonett
Mag sein, das Ganze lohnt in manchen Stunden.
Wenn sie gelingen ohne Perfidie*.
Fest steht, wir sind im Geistigen noch die,
die an Materie sind fest gebunden.
Man mag sich noch so sehr zum Menschen runden,
indem man sich verfeinert Was und Wie.
Im Alltag bleibt man Knecht und Ich-Manie,
muss als Sozialschauspieler sich bekunden.
Vielleicht ist man bei sich vor kleinen Dingen:
Man liebt den Wind, hört murmeln eine Quelle.
Mag sich aus Körperkraft ein Glück erzwingen
Gesundheit … eines Hochgefühles Welle.
Für Augenblicke ruht dann dieses Ringen
um Selbstvollendung einer Stoffmachtzelle.
*Perfidie: Hinterlist, Treulosigkeit
Fluch der Luzidität (12/39)/Sonett
Man reimt sich selbstwerthungrig was zusammen.
Ein Zweckgebilde. Zufallsunterfüttert.
Kultur spielt eine Rolle. Herkunft auch.
Primär jedoch der Grundtext in den Zellen.
Man muss sich unterwerfen, wird verdammen,
dass man, nicht roh genug, Gemeinheit wittert.
Zugleich jedoch nicht den geringsten Hauch
von einer Chance hat, sich ihr nicht zu stellen.
Ein Daseinsgrundzug? Etwa Niedertracht.
Die Alltag infiltriert, wie’s grad beliebt.
Und hat man das erst einmal klar bedacht,
begreift man, warum jenes man sich siebt:
Das Zweckgebilde … Nun - als Täuschungsmacht,
die jene dann aus dem Bewusstsein schiebt.
Perspektivierungs-Zwänge (12/40)/Sonett
Mag’s sein, das sind nur Phantasmagorien:
Wir, Du und Lagen. Ja: Man selbst sogar?
Nur Deutungswirrwarr, der doch niemals klar
verlässlich sein kann … ist man doch gediehen
dem Zwang von tiefstem menschlichem Bemühen,
sich einzuordnen einer fremden Schar
von Artgenossen: Ich-Hort wie Gefahr,
dass sie, torpid*, sich ins Verderben ziehen?
Bedeutungswirrwarr? Nun: Wir konstruieren
schon unser Selbst doch auch aus aller Worten.
Die kommandierend dann synthetisieren
nur oberflächlich blass verzerrte Schlieren,
nach denen wir uns geistig dann verorten.
Und uns, uns selbst verdeckend, weltblind führen.
*torpid: stumpfsinnig, träge, schlaff
Demokratie - Der einzige Hort für einen wie mich (12/41)/Sonett
Was macht für mich die Volksherrschaft so wichtig?
Sie schickt mir keine Schergen, lässt mich frönen
dem Geistigen - Für sie schlicht null und nichtig.
Für ihre Macher zählt, dass Wohlstand stöhnen,
sind urlaubs-, kauf- und stets vergnügungssüchtig
die Wähler ... Und sich einfach dran gewöhnen,
dass die Funktionseliten seien tüchtig.
Heißt: Niemand achtet auf mein schroffes Tönen.
Das macht die Volksherrschaft zum Hort für einen,
dem, so wie mir, nur Geist kann was bedeuten.
Der nicht sich will mit anderen vereinen.
Der eigentlich nichts gibt auf Wohlstandsfreuden.
Der weiß, dass jene sich wird selbst verneinen …
Dass jede Warnung wäre nur Vergeuden.
Dunkle Seiten (12/42)/Sonett
Soll ich der Redlichkeit die Krone reichen
und Dinge sagen, die zutiefst verletzen,
uns würden gar uns vor uns selber hetzen
und Halte sprengen, Lebensmut und Weichen?
Ich will beschränken mich auf Hinweiszeichen
und nicht auf Tugend und Empörung setzen.
Zappeln wir alle doch in Lügennetzen,
aus Nichtigkeit und Zeitfluss uns zu schleichen.
Wir haben nicht die Größe, Schuld zu tragen,
sind unfrei, laufen in die eignen Messer,
sind öfter als wir denken nur Erpresser,
korrupte Eitle, mit sich selbst geschlagen.
Und müssen uns auch gegenseitig plagen.
Wir können’s nun mal, ichverzückt, nicht besser.
Verflachen (12/43)/Sonett
Die Leute hingen bloß noch Flachsinn an:
Events und Urlaub und substanzlos Leichtem.
Verdampften psychisch hedonistisch Seichtem:
Kulturindustriellem Dauerbann.
Sie seien ungebildet und der fun
sei Heil in alltagstrivial Gebleichtem:
Verwahrlosungsstakkato, marktgeeichtem.
Ob oben, unten. Kinder, Frau und Mann.
Jedoch was soll man, Kunde, denn sonst machen?
Wo wäre Ausweg? Wo? Und welcher bitte?
Dazu gehören müssen, i s t Verflachen.
Und wer ist der, der unter diesem litte?
Ideen tragen nicht. Nur Geld und Sachen.
Man lebt aus ihrer uns gemäßen Mitte.
Seelenwelten (12/44)/Sonett
Von weitem hör ich Kirchenglocken läuten.
Und als wär’s zwanghaft, will ich mich entwinden
der faden Gegenwart und ihrem Künden
von tristem Dasein und banalen Freuden.
Welch ein Geschenk! Ich darf mich kindlich deuten.
Und mich für kurze Zeit noch einmal gründen
in Himmelsbläuen und in Kirschbaumrinden.
In Ährenmeer und Sommerwind mich häuten.
Doch es tut weh, dann wieder zu erwachen
in Hektik und in Härmen feiler Sprüche
und spracharm schmierig propagandaflachen
Verblendungszwängen objektiver Brüche.
In sich gedrängt von Daten und von Sachen,
sich inszenierend als gemachte Schliche.
Unvermögen (12/45)/Sonett
Es war von Anfang an vorauszusehen:
Mir würde all dergleichen nie gelingen:
Auch nur im Ansatz an Normalgeschehen
(gewöhnlich sorgenvollem Alltagsringen)
wie andre teilzunehmen und zu flehen
um alle Mittel, es zu was zu bringen.
In Selbstverständlichkeiten mich zu drehen
und aller Lieder unbedacht zu singen.
Für Glück und für Vermögenszuwachsraten,
Geborgenheit gar durch Dazugehören.
Ich wusste, letztlich würde es mir schaden.
Es konnte in der Tat mich nicht betören.
Ich kann nun mal nichts abgewinnen Schwaden
verdrängten Scheiterns an naivem Mehren.
Nun ja … (12/46)/Sonett
Es ist die Zeit der großen Lebenslügen
und die der ephemeren Nichtigkeiten.
Da man die Fakten und sich selbst muss meiden,
nicht Einsicht, in was ist, zu unterliegen.
Denn das, das würde einen doch verbiegen
ins Übel werfen mancher Psychen-Leiden,
geeignet, Sinn und Zweck so zu entgleiten:
gebannt sich Daseinsleere zu verfügen.
Wird die nicht drastisch ganze Massen fluten,
sie dann zum Spielball ihrer selbst auch machen:
sich hinzugeben den Entlastungs-Gluten
von spätsapientem Radikal-Verflachen;
um dann im Namen eines neuen Guten
die letzte Wesens-Orgie zu entfachen?
ZINSJA 49 (12/47)
Immer enger schließen sich
die Phalangen*
der Verfehlungssüchtigen
zusammen.
Wahrscheinlich
um am Ende
zerstörungsergriffen
über sich selbst herzufallen.
*Phalanx griech: Geschlossene Schlachtreihe, Front, Kerntruppe
So sehe ich es (12/48)
Demokratie?
Längst oligarchisch unterlaufen
von den Parteien, auch Finanzkonzernen
und Wirtschaftsunternehmensschlaufen:
Funktionseliten,
die sich mehr und mehr entfernen:
- sozial entflechten,
um Gewinn sich zu erkaufen -
von sei’s Verantwortung,
sei’s Autarkie-Schutz-Kernen …
riskieren so,
ins Messer ihr zu laufen,
der Diktatur, die mehr will als Gewinn,
will Weltherrschaft bis zu den Sternen.
Der Diktatur kann jene
nicht das Wasser reichen.
Denn die kann, rechtsfrei,
setzen, tut’s auch, auf Gewalt.
Und wenn’s ihr dienlich ist,
kann richten sie die Weichen
hin zu massiv bedrückender Gestalt.
Denn die Partei bestimmt
und setzt die Zukunftszeichen.
Unfehlbar doch.
Sogar was Sinn angeht und Halt.
*
Der dekadente Westen hat das nicht verstanden.
Und hätte er’s, so zählten doch Geschäfte.
Für ihn heißt denken: Schauen auf die Quanten,
die Zahlen und die Wohlstandskräfte.
Er ignoriert ganz einfach, dass die Machtpartei
viel mehr anstrebt als Massenideale.
Sie will, dass sie der Welt Prophetin sei,
selbst pseudo-metaphysischer Gesinnungs-Male.
Der Weltgeist soll aus ihrem Munde sprechen,
zumal sie ihn genau verstanden habe:
Der Westen strauchelt, jetzt gilt’s ihn zu brechen,
bis er einst folgen müsse der Partei-Vorgabe.
*
Tatsächlich nur noch Trivialkultur,
hat der die Griechenspuren längst verlassen.
Betreibt moralisch eine Art Zensur,
dass niemand höre, was doch schallt aus Gassen:
Nichts ist‘s mit Aufklärung, mit Freiheit, Würde.
Die freilich immer waren nur Verlogenheiten:
Ein Tugendphrasenschein, der schwirrte
durch hedonistisch übersäte Weiden:
Verbrauchergläubigkeiten und Erlebnisöden.
Aufklärung, Freiheit, sogar Würde?
Von Anfang an nur Intellektuellen-Trance,
fernab von Faktentyrannei und Wesensnöten.
Und also Traum-Gestaltungs-Chance …
Pleonexie ist nun mal hier die Hürde.
Konkret will man die Sau rauslassen,
und also gängig leben,
genießen es in vollen Zügen.
Kurzum: Der Drang,
nur nach sich selbst zu streben
ist unausrottbar -
wie sich selbst betrügen.
Bestimmen Umstand doch und Lagen das Gewissen.
Nie die Moral - ein Geist-Produkt.
Weshalb man diese auch wird dann nicht missen,
wenn man vernichtet, foltert, tritt und duckt.
*
Desintegrierter Sprachnomade
bin fatalistisch ich und indolent.
In einem Wohlstandssog,
der nur das Fade,
doch weder Zweck
noch Glück noch Inhalt kennt.
Und ich hab ungefähr begriffen
der Tugendlitaneien Nu-Furore:
Entlastungsemotionen kiffen
IM Schlammbad schierer Phrasenmoore.
Notwendig ist das unsre Einbahnstraße:
Verkommen oder Diktatur.
Gewalt wird wieder sein
das Maß der Maße.
Vielleicht als technisch sanfte nur.
*
Ein einsam-stummes sich Zerfallen,
subtil gesteuert von geplanten Reizen
in ungreifbar abstrakter Welt.
So habe ich’s erlebt: Als tiefes Hallen
von Drang-Ruf, zweckfrei sich zu spreizen
erlauschtem Selbsttraum, magisch ausgefällt.
Fort ist, was Wirklichkeit mal hieß.
Fort überhaupt, was nicht berechnet wäre.
Man stolpert unausweichlich durch ein Lustverlies
entfesselter Genussmisere.
*
Mir freilich war das immer viel zu wenig,
ein Marktobjekt: Ein Ding zu sein.
Dem flachen Zeitgeist untertänig,
vernunftlos gierig nach Konsum und Schein.
Warum, das weiß ich nicht mal ansatzweise.
Weiß nur, ich habe mich schon früh
erlebt als zugehörig keinem dieser Kreise,
die tragen diese Banausie.
Und doch war mir auch immer klar,
dass es so sein muss, wie es ist:
Humane Exzellenz als Würde ist sehr rar.
Normal ist, dass man selbst sich küsst.
*
Zumal was mich bewegt,
schafft keine Arbeitsplätze.
Gedichte stillen keinen Drang
nach Geltungszufuhr in der Hetze
nach subjektiv erhebendem Belang.
So mag’s denn gehen,
wie es gehen muss:
Das Mittelmaß ist immer oben.
Und schafft den objektiven Stuss,
den dann die Knechte als
der Güter höchstes loben.
Vorschlag I (12/49)
Herzanonyme Winkelmänade*,
Gegenweltnymphe …
Entstumme dich mir.
Vielleicht ja
entglimmt mir dann
ein Gran nachgedunkelter
Zeitlosigkeit,
deine hadernde Kernerschütterung
ihr zu versenken
inmitten erstaunlich
verängstigter
Unmenschlichkeit.
*Mänade griech.: Rasendes Weib im Dionysos-Kult
Post/Für homo sapiens bambergensis (12/50)
„Treppenhaus reinigen“,
so auf dem Schild
rechts neben einigen
Briefen und ‚Bild’.
„Gerhard der Große“
auf Seite 1,
„Unglücksmatrose“,
„Lottofee Kainz“.
Dreh einen Brief um,
les die Adresse:
Tourist-Amt Borkum
„Fischfutter-Messe“.
Reiß gleich den dritten
neugierig auf,
stocke inmitten
von Öffnen und Lauf.
Spüre den Herzschlag
bis in die Schläfen:
B. pocht auf Samstag,
dass wir uns träfen.
„So wie vor Jahren:
Weißt du das noch?
Körper statt Waren.
Vorschein statt Joch.“
Selbsttäuschungsvirtuosen (12/51)
Wer kann sich diese Einsicht leisten,
dass wir ein Dasein als Verfügte fristen?
Verfügt uns selbst, den rational entgleisten
Effektmonaden, die sich brüsten,
sie seien von Natur aus Geisteswesen,
begabt, zum Selbstzweck sich zu machen:
Vernunftzentrierten Wertsynthesen …
So nicht nur wären Sachen unter Sachen.
Als Mittelknechte darauf angewiesen,
uns über uns hinwegzutäuschen,
sind wir verdammt,
uns selbst geblendet zu verfließen
im Wortgeklingel von Bedeutungsräuschen.
ZINSJA 132 (12/52)
Das gibt mein Sinn
für Wirklichkeit mir ein,
dass ich das Wort
der Weltflucht rede.
Weiß ich doch schmerzgenau
um dieses Sein:
So zwingend ausweglos
geprägt auf Lethe,
auf Barbarei
und Surrogate …
Fiktionsbrei
einer Trance-Monade.
Mein Ithaka: Die deutsche Sprache (12/53)
Die Deutschen? Wohlstandssieche.
Ganz und gar.
Nie mit sich selbst im Reinen.
Erlebnissüchtig. Eine Blender-Schar.
Sich selbst bejahend
durch Verneinen.
Verächter derer, die ich ehre,
weil ich durch sie geworden bin:
Sie spiegelt Welt mir,
Trug und Daseinsschwere.
Die deutsche Sprache:
Geist mir: tiefster Selbst-Gewinn.
Die deutsche Sprache,
ist auch Heimat mir
als metaphysisch reines Sein:
Und das meint Wert-
und Fakten-Garantie.
Als diese hob sie mich
aus Traum und Schein:
Aus dieser deutschen Wert-Magie:
Dass einzig zähle
Mein und Dein.
Wir Selbstgefangene (12/54)
Unfrei aus der Zeit gefallen,
träume ich von Einsichtsböen.
Nicht zu kaufen, nicht zu lallen,
schaffend freilich andre Wehen:
Unerträgliche den meisten,
strack vor Klarheit: Faktenpflüge.
Wer indes kann sich das leisten,
was ihn doch in Trauer trüge,
schöbe in die Deutungs-Leere,
würfe vor sich selber hin:
fremdbestimmtes Ich-Gefüge
schleichender Misere?
Ohne Glücke, ohne Kehre.
Nur noch ein sich selber Krallen.
Als verdrängte Lebenslüge
in Bezügen ohne Sinn.
Unbegründbare Meinung zum Glück (12/55)
Was, frage ich, was will ich mehr?
Ich hab doch alles: Wohlstandsflair,
Frieden, Rechte, Lust en masse,
Volksherrschaft und Freiheit, dass
ich doch sein muss ganz zufrieden,
hat die Zeit doch viel zu bieten.
Alles fast und für fast alle.
Selbst für Gauner, Schwätzer, Nieten,
Gurus, Stars, all die Millionen,
die sich selbst so gern betonen …
Noch einmal: Allen - allen!
soll sich Glück versprechen:
als Spaß, als Urlaub, als Erlebniswelle.
Selbst noch Heilung für die Leiden,
die die Lebenslust uns brechen,
psychisch brodeln, beugen, schneiden,
fühlen lassen Schmerzenswelle.
Ehrlich? Selten ist’s geworden,
obwohl’s jeder sucht: Das Glück.
Jagt es, um es sich zu horten
als sein vorzeigbares Stück.
Irgendwann nimmt’s sich zurück.
Ist’s doch überhaupt Fiktion.
Weicht zumal, wenn werdend schon,
wenn man es erzwingen will.
Deshalb ist’s geworden still:
Als Konsumtraum Kunden-Mohn.
Eingeständnis II (12/56)
Die Liebe war mir nie ein ernstes Ziel.
Dies Traumgespinst recht blinder Daseinspfade.
Doch mag sie sein ein Existenzkalkül.
Das nähme ihr das Seelen-Fade.
Indes Verbraucher können sowieso nicht lieben.
Nicht mal sich selbst. Narzisstisch nur.
Und das heißt: inszeniert, heißt: angetrieben …
Orientierungslose Marktsogspur.
Und überhaupt muss man sich selbst vergessen.
Allein. Vereinzelt. Nur noch Wirtschaftsgröße.
Sich grade dann verloren, wenn auf sich besessen:
Als Spielball leerer Ich-Getöse.
Überträumungstrauer/Für eine Tote (12/57)
Ein Blattwerk sirrt so leise.
Der Wind herzt warmes Blau.
Ich dunkle hin auf meine Weise:
Gedenkend jener Knabenfrau.
Ihr Leib war weiß, war jung, war zart.
Wie frei von Stofflichkeit.
Ein Übertraum als Himmelfahrt
in Welt- und Ich-Enthobenheit.
Adieu, geliebtes Körperding.
Leb wohl, auf Nimmerwiedersehn.
Nur noch mein Ich steht jetzt im Ring,
sich selbst zu widerstehn,
der Wirklichkeit und ihren Blässen,
dem Alltag und was sonst erbost.
Von allen meinen Trost-Mätressen,
warst du vom Zufall auserlost,
dich selbst in mir zu überschreiten.
Wohin? Das lässt sich nur erahnen.
Doch sei’s. Ich werde von uns beiden
allein jetzt meiden unsre toten Bahnen.
Warum Gedichte? (12/58)
Es ging mir immer nur um dies:
Ein Quäntchen Selbstbestimmung
in diesem lustverdeckten Show-Verlies
entmündigender Krümmung.
In der sozialen Schwere
bedürftig selbstgemachten Loses:
Enthoben der Effekt-Galeere
im Bannrausch sprachgeführten Floßes.
So dass ich meine, zu entrinnen
dem wohlstandsinduzierten sich Verdösen.
Mich geistig zu gewinnen,
gefeit vor diesen: Formel-Blößen.
Fundamentale Erfahrungen (12/59)
Es gibt einige fundamentale Erfahrungen,
die unser Dasein lohnend,
selbst faszinierend erscheinen lassen.
Etwa die Vorstellung eines allmächtigen göttlichen Wesens.
Oder die in stille Demut raffende Pracht,
Schönheit und Majestät des Universums.
Eines Universums freilich,
das uns gegenüber gleichgültiger,
feindseliger und zweckfreier doch gar nicht sein könnte.
Man denke auch an die Vorstellung eines personalen Selbst,
das sich vernünftig und frei bestimmen könne,
autonom sei,
über einen freien Willen verfüge,
sich über sich als Kreatur hinwegzusetzen.
Überzeugungen,
die es dem Individuum doch erst ermöglichen,
sich als einmalig, wertvoll,
bedeutungsträchtig und haltgeborgen zu erfahren.
Und nicht zuletzt vergegenwärtige man sich die utopischen Großentwürfe eines optimistischen Intellektualismus,
die von einer perfekten Gesellschaft und Welt künden und träumen.
Wie etwa auch die unbestimmte Hoffnung auf ein technisch-naturwissenschaftlich getragenes Paradies,
das weder Einschränkungen noch Unterschiede,
weder Verantwortungslosigkeit noch sittliche Verwerfungen,
weder Hässlichkeit noch Schmerz,
weder Krankheit noch Alter,
weder Entlastungsdruck noch Einsamkeit,
weder Langeweile noch Zweifel,
weder Bestialität noch Scheitern kenne.
Eine Hoffnung,
in der sich freilich auch,
uneingestandenermaßen,
die letztlich unleugbare Armseligkeit unserer Primaten-Existenz spiegelt:
Die Ahnung der unüberbietbaren Nichtigkeit
dieses Verhirnungs-Dramas,
das weder notwendig auf dem Weg
der Entwicklung des Universums lag,
noch gar der folgte, die ein Schöpfergott ,
nachdem er die Materie aus dem Nichts geschaffen,
in sie absichtlich hineinkomponiert hätte,
sie sozusagen in einen sinn- und zielgerichteten
Ablauf sprechend
mit den Sein setzenden Ur-Worten
seines unendlich mächtigen Geistes.
Indes mag da entstanden sein,
gegenwärtig vorgehen und zukünftig geschehen,
was auch immer.
Dieser letztlich zwar experimentell-mathematisch fassbare,
aber existenziell unbegreifliche und scheinbar gänzlich nichtige Großprozess
wird auch mich umfasst haben.
Und allein nur dies
wird meinem Dasein etwas verliehen haben,
was es trotz aller Kürze,
Selbstverfehlungsverflechtung,
unterschwelliger Dauer-Barbarei,
Sinnlosigkeit und tatsächlich erbärmlicher Hinfälligkeit
rechtfertigen mag,
weil dieses Wissen um meine subjektive
Nichtig- und Bedeutungslosigkeit mich zugleich ihr entriss,
indem es mich von mir selbst:
bedrängender Kreatürlichkeit, lösend,
mir dadurch zugleich Einsichten ermöglichte,
derer teilhaftig geworden zu sein
das menschliche Dasein
doch weit über es selbst insofern hinausheben,
als es seiner bedurfte,
auf dass jener Großprozess in seinem eignen lächerlichen Zufallswurf
zum Bewusstsein seiner selbst gelange,
sich in seinen eigenen Vollendungen spiegeln könne:
Menschlichem Intellekt-Imperialismus:
Rationalität: Dem menschlichem Geist:
Loslösung von aller Ich- und Wesens-Drangsal,
in dem allein jener dumpf-materielle Großprozess
sich als Selbstüberschreitung,
als Los- und Erlösung von sich selbst erfahren darf.
Wenn auch vielleicht nur für einige wenige Jahrhunderttausende.
Kleiner, hartnäckig quälender Schmerz (12/60)
Was soll man, ungeschönt gefragt, denn machen?
Wenn man ist hilflos ausgesetzt
sich selbst, den Lagen und den Sachen …
Ein Daseinsspielball, permanent gehetzt
von Zeit, Bedürfen, Illusionen.
Primär dabei nur Wirtschaftsgröße …
Verdrängungssüchtig mag man so betonen,
man sei doch Würde- und Vernunft-Synthese,
sei frei so, sich als Selbstzweck einzustufen …
Indes der kleinste Schmerz kann zeigen,
dass da Atome nur ein Stoffgebilde schufen,
Verfall verfügt und Trance, sich abzuzweigen
all diesen Zufallsläufen ein paar Rauschmomente,
die Last des Leibs zu überwinden:
Alleinsein, Leere, Gram und Ende.
Ekstatisch sich als Schöpfungsmacht zu gründen.
Wir Einzelne (12/61)
Doch, doch. Wir sind auch niederträchtig.
Aus Selbstsucht sind’s die meisten.
Die steuert uns. Ist viel zu übermächtig,
als dass wir menschlich nicht entgleisten.
Uns nicht als unfrei auch erwiesen.
Ganz schuldlos so. Und festgelegt,
auf jeweils eigne Art uns abzubüßen.
Von dem, was Selbst heißt, streng kausal bewegt.
Allein. In uns verschlossen. Lebenslang.
Uns selbst und dem, was ist, verfügt.
Im Zwiegespräch mit Furcht und Drang:
Subjektschimäre, die sich nie genügt.
Hier mit Gedichten der Seite 78 aufgefüllt
Mein politnaiv-wertverworren sich selbst gefährdendes Land/
Geistperspektivisch andeutende Ausführungen in Prosa (12/62)
In dieser verkommenen, sich wertetrunken
selbst ruinierenden deutschen Gesellschaft -
sie zerfällt politisch, kulturell, psychoethisch
und immer drastischer auch ökonomisch -
stellt sich einem Außenseiter wie mir, der
- zumal zunehmend altersschwach und krank -
auf sein Ende zugeht, immer dringlicher die Frage,
wie er möglichst unbehelligt all diesen Verwerfungen
entkommen könnte.
Nun: Gar nicht.
Wenn ich Pech habe, werde ich in ein paar Jahren
- als ein völlig hilfloser, bloßer Kostenfaktor -
ausgeliefert sein staatlicher und gesellschaftlicher
Gleichgültigkeit, also: Unmenschlichkeit, Seelenkälte,
Desinteresse (die heute schon offenbar sind,
aber mit verlogen-machtstrategischen Moralbekundungen
gleichsam verantwortungslos „zerschwätzt“ werden).
Trösten wird mich immerhin ein wenig dies:
Dass ich nie an die erbärmlichen Lebenslügen
dieser verwahrlosungsträchtigen Hedonismus-Posse
- ein kapitalistisches Schmierenstück schon deshalb,
weil diese Gesellschaft Sinn, Glück und Lebensfreude
zwar ständig verspricht, sie aber faktisch zerstört:
reduziert zum Entlastungskonsum sich markthörig
inszenierender Waren-Selbste - geglaubt habe,
indes wohl aber wusste, dass sie alternativlos ist:
Sie ist notwendiger Ausfluss menschlichen Wesens:
Rationale Gott- und Naturtranszendenz (durch Technik
und Naturwissenschaften) in die moralische, psychische
und am Ende wohl auch physische Selbstzerstörung …
nie geglaubt habe an so etwas wie Vernunft, Würde,
individuelle Selbstbestimmungsmächtigkeit (Autonomie),
gar eine wohlstandsfundierte Sinn-Existenz … Alles nur
Beschönigungs-, Entlastungs- und Trost-Leerformeln,
ein Dasein zu bewältigen, das ohne massive Verdrängungen,
Markt-Illusionen, Selbstbelämmerungsperspektiven, Drogen,
Trancen, Lebenslügen gar nicht mehr auszuhalten ist …
des marktgängig produzierten Lenkungsnetzes bedarf -
Reklame, Rock-/Pop-Verdummung, Sensationskonsum,
Empörungs-Orgiastik, Körperverheiligung, Sport, Geilheitsanreize,
Ablenkung überhaupt durch filmische Gewaltexzesse, also etwa:
die Hollywoodisierung der Innenwelten durch Spannungskicks,
überhaupt: emotional und affektiv aufpeitschende
Selbstverdinglichungsentfesselungen, kurzum:
unmerklichsubtile Außensteuerungen usw., um sich
vor Selbstzweifeln, Minderwertigkeitsgefühlen,
Neurosen, Aggressionsattacken, Gewaltgelüsten,
Verkümmerungsattacken, Drogenkonsum, Einsamkeit,
Leere usw. wenigstens gefühlt einigermaßen zu bewahren …
Und dies noch am Ende, mich selbst betreffend: Völlig
desinteressiert - warum auch immer - an den heutzutage
Daseins-Exzellenz verheißenden Existenzkategorien
wie Macht, Reichtum, Anerkennung und Genuss,
habe ich mich dem, was man traditionell Geist nennt,
verschrieben. Doch der hat mir nichts weiter als den
radikalen Nihilismus unserer heutigen Welt aufgezeigt -
und dies, dass der dieser Welt Kern, Substanz und Wesen
sein muss: Von Naturwissenschaften, Technik und Kapitalismus
notwendig dazu gemacht. Kurz gesagt: Unsere heutige
Welt ist völlig sinnlos - man mag sie ideologisch-ethisch
tränken mit welchen Idealen auch immer: Man wird stets
ins Leere reden: Die Diktatur der Diesseitigkeit benimmt
die Individuen notwendig ihrer selbst: Wir werden der
Komplexitätsträchtigkeit unserer eigenen Rationalität
wahrscheinlich irgendwann zum Opfer fallen: psychisch,
ethisch, kulturell, politisch, militärisch, wirtschaftlich,
ökologisch, ressourcenendlich, verzweiflungsindolent …
Lebenslügen: Werte (12/63)
Man schafft’s nicht ohne Lebenslügen;
muss sogar selbst sich eine sein.
So schon aus Selbstsucht sich betrügen …
verdrängen: Man ist ganz allein.
Ist Drang, Bedürfnis, ist Verfall und Schein.
Und diesen Fakten muss sich jeder fügen:
Muss machen sich mit seiner Zeit gemein:
Sich Macht, Gesellschaft, Wir und Du verbiegen …
Formal ein Umsatzziel in einem Wohlstands-Hain,
berauscht, Verdinglichungsverknechtung zu genügen.
Statt Lebenslügen mag man sagen „Werte“;
wie Zeitgeist-Mären: etwa Würde, Glück, Vernunft …
Man sollte gläubig folgen deren Fährte,
sich zu erhaschen Halt- und Sinn-Auskunft.
Und die, die sollte man nicht hinterfragen,
weil sonst muss irgendwann begreifen,
dass sie nur schönen kann uns unsre Lebenslagen,
die oft doch Leere und Vergeblich streifen.
Spätzeitgossenwidersprüche (12/64)
Wonach denn sollte ich noch Sehnsucht haben,
wohl wissend, dass sich nichts mehr lohnt
in dieser Spätzeitgosse ohne Geisteswaben,
wo man sich selbst als Knecht einwohnt?
Zum Schein vor jener sich zu retten
als inszeniertes Selbstsucht-Exemplar,
verstrickt in Waren-Lüste-Phrasen-Ketten,
als Ich-Schauspieler, jeder Einsicht bar.
Dass sie sich neigt wohl ihrem Ende zu,
bedaure ich indes, weil ich begriff:
Sie ist zwar weiter nichts als Wohlstands-Schmu:
Nur Selbstkonsum … nicht Diktaturen-Schliff.
Doch dazu könnte ziemlich leicht sie werden,
weil Amoral, Gewalt, gar Barbarei sie züchtet
- weshalb ich selbst kann mich in ihr nicht erden -,
wodurch sie drangsiech sich zu Grunde richtet.
Nihilismus-Sprachrohr (12/65)
Mich selbst lyrisch offen zu legen und also anderen begreiflich zu machen,
tue ich deswegen nicht, weil ich durch und durch ein Resultat,
geradezu ein Getriebener dieser nihilistischen Welt bin,
in der ich zurechtkommen muss im Bewusstsein,
dass gerade dies: psychoethisch-existenzielle Orientierung,
dem Individuum nicht mehr gelingen kann.
Es wurde längst
- permanent in Beschlag genommen durch subtile Steuerungen
mittels Dauer-Reklame, aufgebauschter Sensationen, politideologischer Leerformeln
wie Würde, Selbstbestimmungsmacht, Freiheit, Vernunft, Demokratie, Humanität, Wohlstand, außenprovozierter Innenweltprägungen durch Sport, Gewaltverherrlichung,
Empörungsentfesslungen, sexuelle Abnormitäten und Perversionen etc. -
die Person zerstört, das Individuum reduziert zur verdinglichten Erlebnis-Monade …
Kurz:
die Individuen verkommen und verelenden seelisch-moralisch immer mehr.
Und ich? Ich lebe in einer zur Lebenslüge gewordenen Geistwelt,
mit Hilfe derer ich mir, wie gesagt: indem ich Gedichte schreibe,
die Einsichten zu verschaffen versuche, die es mir erlauben,
die gegebene Welt als narzisstisch-pervers-verlogen-kranke Wohlstands-Farce
besser zu begreifen und mich selbst als das zu fassen, was ich faktisch bin:
Ein geistnaives, auf sich selbst als lyrisch den Zeitgeist erschürfendes,
auf sich selbst zurückgeworfenes Ich-Selbst als virtuoses Nihilismus-Sprachrohr.
Feststellungen (12/66)
Man muss kein Macher sein, kein Wirtschaftsweiser,
noch auch ein machtverbogener Phrasendealer …
Schon gar nicht irgendein Prophet, um auszudeuten,
was faktisch sich hier grad vollzieht: Die Volksherrschaften gehen unter,
zerstören sich von innen raus: Sie können sich nicht halten,
weil sie die Menschen ihrer selbst benehmen,
verführen sie, sich roh zu inszenieren:
zu infantilen Hedonisten ihrer Marktknechtschaften sich zu machen:
Zu warenhörigen Narzissten, zu Wirklichkeitsverweigerern,
Klamauk, Verrohung, Drogen, Show, Gewalt gediehen,
zu amoralisch-inhumanen Selbstdarstellern,
zu psychisch allverwirrten Halt- und Richtungslosen,
orientierungslos sich selber ichschwach ausgesetzt:
verängstigt, einsam, ohne Geistesmittel …
und also solchen, die sich heimlich sehnen
nach fremder Leitung, klarer Führung, ja: Erlösungsformeln …
Noch mal: Was sich vollzieht, ist etwas, was man kennt,
Aus der Geschichte kennt als unvermeidlich:
Die Wiederkehr totalitärer Despotie;
und sei es auch als Wohlstandsfülle-Zuchthaus, allzeit kontrolliert,
in dem sich Menschen tummeln,
für die der Selbstverlust zuletzt Vollendung:
Seelische Geborgenheit und äußre Sicherheit gewährt.
Indes bedenke man, dass wir, was wir gern wären,
doch gar nicht können jemals sein:
So dass uns nichts bleibt, als uns vorzugaukeln,
dass wir all das zu sein, was wir zu sein erträumen
- und nicht erträumen nur, auch als je Wahres bitter nötig haben -
auch wirklich lebten: sei’s autonom, sei’s selbstverfügungsfähig,
sei’s einsichtsmächtig, sei’s auch glücksbegabt zu sein;
zumal auch fähig, richtig zu erfassen, was Wunsch,
was Einbildung, was Perspektive … Lebenslüge ist.
Indes so ist es nicht: Wir glauben doch stets nur,
wer und was - vermutlich - wir hier sind;
genauer: wer und was wir seien
und was als scheinbar wirklich wir erfahren.
Wir bleiben Träumer, Selbstbetrüger, blindes Kind,
um zu bestehen, was ist potentiell Tortur:
Das eigne Leben: Zufalls- (Lotterie-)-Gebaren …
Determinismus ohne Würde, ohne Schuld.
Und jeden Augenblick nichts als Gefangenschaft
in Illusionen: Einem Trance- und Phrasen-Kult;
ein Dasein, lebenslang Gesellschafts-Haft,
die weder Sinn kennt … noch kann je befreien.
Markteinheitsmasse (12/67)
Die Menschen verelenden immer mehr:
Psychisch, moralisch, intellektuell;
sie resignieren, verzweifeln, sind aggressiv,
bringen sich flachnarzisstisch runter.
Wer brächte auf denn noch die Gegenwehr
gegen den Markt als Vereinnahmungsquell,
der verkindlicht, verdinglicht und spaßmassiv
ordnet alle sich als gleiche Monaden unter.
Auf dass sie konsumentfesselt vergessen
wie einsam sie sind als Wohlstandsbeglückte:
sich selbst inszenierend Knechtsfinessen,
als warenidentische Zwangslustverzückte.
Verkümmerungssensibel (12/68)
Brachseelisch, stumpfsinnig, arrogant, kundenleibfromm
- die verängstig-indolent ausdruckslosen Gesichter
signalisieren Orientierungslosigkeit und Verzweiflungsanfälligkeit -
legen sich mir die verkümmerten Seelen schutzlos aus:
Systementfesselt allgieriges: auf Linie gebrachtes Menschentum
stammelt sich durch seine unbegriffenen Daseins-Leeren,
mit lasziv-arroganten, blickstarren Drohgebärden auf das pochend,
was es, dem Zeitgeist wehrlos untertan, zu sein hat: Wow-Ich:
inszeniertes Selbst … abklatschegalitäre Macht- und Wohllebens-Basis,
verführt, verdummt und belogen - notwendigerweise: Nur so kann
der Kapitalismus funktionieren … als antidemokratisch-autodestruktive,
weil die Menschen psychoethisch verzwergende, verdinglichende,
einsam, aggressiv, ängstlich, drogenbedürftig, großkotzig-ichsüchtig
und debil-narzisstisch machende, technologisch gängelnde Positivismus-
und Nihilismus-Orgie.
Redlichkeit/Trias (12/69)/Sonett
Wer hätte nicht sich manchmal schon korrupt betrogen:
Aus Gier, aus Machtsucht, Feigheit oder Dummheit gar?
Und wer sich nicht, was Leben wirklich ist, belogen:
Dass es oft nicht schön sei, viel eher Sorgenschar
aus Surrogaten, Zufallszwängen, Zweifeln, Drogen,
die es viel klarer zeigen, nämlich als Gefahr,
die schon so manchen hat bis in den Kern verbogen,
weil es ihm eben schicksalhaft Bestimmung war.
Ist es doch so, dass man es selbst nicht führen kann,
so wie man’s gerne hätte: um’s nur zu genießen.
Da prägt die Herkunftslast, treibt der Gesellschaftsbann.
Man ist zumal auf Staat und Recht auch angewiesen …
Ist Lotterie als Gen-Gefüge - Hirn-Leib dann,
der bis zum Tod muss sich als dieses Ich abbüßen.
Pleonexie-Knecht (12/70)
Hab viel zu viel
zu tief begriffen.
Das hat mich
zynisch-kalt gemacht,
hat Nihilismus
mich verschliffen
in dieser inhumanen
Selbstsuchtschlacht
um Mammon, Macht
und Waren-Pracht …
Sich selbst
als höchstes Gut zu kiffen
bis in die letzte,
in die Todes-Nacht.
Außenseiter (12/71)
Wenn einen früh schon diese prägen:
Gewalt, Suff, Drogen, Krankheit, Häme.
Dann fehlen lebenslang die Mittel gegen
Verzweiflung, Einsamkeit und Hass-Extreme.
Man bleibt für sich, man lebt am Rande,
entfremdet andern, weil Vertrauen fehlt.
Man lockert schon im Ansatz alle Bande …
Man weiß, dass einem niemand zählt.
Man hüllt sich vielmehr ein in eine eigne Welt,
um sich mit Hilfe dieser dann stabil zu halten:
Zu trotzen der, die physisch uns erhält:
Die jener Seelen auf Produkttrance-Halden.
Wozu Gedichte noch? (12/72)
Wozu Gedichte noch in diesem Land
der progressiven Selbstaufgabezwänge:
Erniedrigungen ohne Geistesband
als Dekadenzsucht schierer Kundenmenge?
Erlebnishungrig von sich selbst betört,
so nicht mehr fähig auch, es zu begreifen,
dass sie sich selber schadet, gar zerstört,
da sie Narzisstenschundmagie muss keifen.
Gedichte also braucht hier niemand mehr,
zumal herunterkam die deutsche Sprache,
die Innenwelten gleich sind, seicht und leer,
zu meistern Lasten deutscher Zukunfts-Brache.
Resümee (12/73)
Mit mir wird’s bald zu Ende gehen:
Ich schlepp mich immer öfter nur noch so dahin.
Das merk ich psychisch, spür ich körperlich;
weshalb nicht selten ich schon denke: Gott sei Dank!
Bald also werd ich’s haben hinter mir …
Was wird’s gewesen sein? Ein Gram-Versehen:
ein Daseinskampf für mein gedrücktes Ich …
auch ein paar Glücke - freilich ohne Sinn.
Bedürfnisstillung nur und Affen-Zank.
Und Selbstbetrug mit Du und Wir.
Ich bleib dabei: Der Tod erlöst:
auch weil er keine Strafe ist.
Das Nichts, in das er einen stößt,
kennt weder Schmerz, noch Zahl, noch Frist …
noch perspektivische Bewusstseins-List.
Kindheits-Lehre (12/74)
Abseits der Gesellschaft leben
(soweit es eben möglich war),
musste ich schon früh erstreben,
jedes Schutzes vor ihr bar:
Ihrer Kälte und Gewalt,
Amoral und Niedrigkeit,
ihren Lügen ohne Halt,
aus auf Schwacher Not und Leid.
So ist früh mir klar geworden,
dass notwendig schlecht sie ist,
Gierverschnitt von Ichsucht-Horden,
in dem jeder selbst sich küsst.
Und wieder: Zwangs-Narzisstisch drapierte All-Vergeblichkeit (12/75)
Zu viel erlebt, erlitten und begriffen:
Verrat, Gemeinheit, Ichsucht, Seelenkälte …
Amoralismus, selbst- und seinsverschliffen …
Ein heutzutage treffendes Gemälde
des homo sapiens oeconomicus:
von Kindesbeinen an doch abgerichtet
auf Selbstreklame, Show, Narzissmus-Plus,
so dass er letztlich nur sich selbst gewichtet.
Doch muss man freilich dies in Rechnung stellen,
dass der Gesellschaft, der er angehört,
abhanden kamen alle Geistesquellen …
Sie ist von Freizeit-Drogen all-betört,
ist es von Rausch- und Inszenierungs-Wellen …
Von Mammon, Haben, Gelten tief versehrt …
Was die Person zum Exemplar verkehrt,
getauft in seelenlosen Waren-Quellen
Vollendungsglücke (12/76)
Es gibt nur zwei Vollendungsglücke.
Und die sind beide geistiger Natur:
Erotik und in Kunst aufgehen:
Der Rest ist reine Ichsucht-Tücke,
ist Macht-, Gesellschafts-, Rechts-Tortur:
Brutalität, Gewalt und Zwangs-Versehen.
Fakten-, Emotionen- und Gedanken-Flut (12/77)
Gleichgewichtstörungen, Kräfteverlust,
dauernde Beinschmerzen, quälende Juckreize …
Trauer vor allem, Resignation, Depressionen …
Da denkt man schon mal daran,
seinem Dasein ein Ende zu machen,
zumal man um die Sinnlosigkeit, Fiktionen-Verhaftung
und menschliche Schäbigkeit dieses Daseins weiß.
Was mich anbelangt, so weiß ich zudem
um eine recht prekäre, beängstigende Zukunft
einer globalen Welt, die sich im Extremfall
in einen dritten Weltkrieg verrennen könnte.
Aber selbst wenn dieser - man kann da nur hoffen -
ausbleiben sollte, dann erscheint mir recht sicher,
dass die die Weltherrschaft unbeirrbar anstrebende chinesische Parteiführung,
dass Präsident Putin mit seinem Machttraum einer Wiederherstellung russsicher Größe,
dass die nunmehr politisierenden amerikanischen Tycoons die bisherige Überlegenheit der USA aufs Spiel setzen werden, indem sie diese in eine jeder Demokratie spottende Mammon-Oligarchie unter der Fuchtel asozialer, großmäuliger Narzissten, die, politisch völlig unbegabt, das Land dann in den Abgrund reißen könnten …
So indirekt China stärkend, das – ich wiederhole es -
die Weltherrschaft erstrebt,
vor allem auch die Eroberung Taiwans, ein Ziel,
das in einen dritten Weltkrieg führen könnte,
sollten sich die USA dann (falls sie es dann noch können) auf die Seite Taiwans stellen.
Aber auch ohne einen solchen Krieg wird die globale Welt
in manche Schieflage geraten:
So etwa möchte Putin gerne Europa angreifen - indes: wann
(Putin ist auch nicht mehr der Jüngste) und mit welchen Mitteln (Atomwaffen?) …
Indes wahrscheinlich die NATO zerfallen wird
(die USA könnten sie verlassen), Europa sich selbst ruinieren:
Ohne feste innere Einheit (politisch zerfallend), wirklichkeitsverlustig,
tugenddebil (wertfanatisch), dekadent, militärisch eher schwach,
ökonomisch auch gefährdet (China erpresst es) …
Kurzum: Es spricht vieles dafür, sich zu überlegen,
ob es nicht klug wäre, sich die letzten Jahre zu ersparen:
Schluss zu machen, sich ins Nichts flüchten,
zumal das heutige Leben - ich sagte es schon oft; und ich bleibe dabei -
völlig sinnlos ist: Effekt-, Reiz-, Rausch-Vollzug,
um sich um die existenziellen Fakten herum zu lügen:
Die, dass dieses heutige Leben der Individuen
diesen gar nicht mehr gehört:
Es ist marktgewirktes Selbstentfremdungs-, Pseudo-Glücke-,
Ablenkungs-Lüste-, Entfesselungs- und Einsamkeits-Ritual
eines inszenierten individuellen Pseudo-Selbst … Ist kurzum:
Innenweltkonditionierung für Körper-Waren;
permanenter Ich-Verweser-Betrug, der freilich nur so lange
spaßstalinistisch perfekt gelingt, bis man ihn begreift als
All-Verdinglichungs-Masche eines im Kern autodestruktiven Wohlstandsterrors (der er freilich sein muss,
will er sein Wohlstandsversprechen einlösen).
Ende der von Seite 78 aufgenommenen Gedichte
Schöne neue Welt (12/78)
Ich würde mich nicht wundern,
nein, ich würde mich
überhaupt nicht wundern,
wenn es in nicht allzu ferner Zukunft
in die vielen genussverwöhnten
Ohren gurrte:
Der nächste Orgasmus
wird Ihnen erregt von -
Apatan.
Apatan:
Spermienhandel.
Potenzoptimierung.
Klone.
Somadesign.
Leihmuttergeschäfte.
Genau betrachtet (12/79)
Warum sollte ich noch
Erwartungen haben?
Sie seien gleich welcher Art.
Haben sich doch die Möglichkeiten
meiner Existenz mir längst
als unabänderliche erwiesen.
Ich stütze mich - muss es -
auf ein paar geistige
Entlastungs-Illusionen,
habe keinerlei Erwartungen mehr
und weiß vor allem
um die gänzlich Bedeutungslosigkeit
meiner Person in einer Welt,
die mich zutiefst langweilt,
ja eigentlich auch abstößt.
Immerhin wurde ich nach dem
2. Weltkrieg geboren
und sicher vor den zu erwartenden
schweren ökologischen, wirtschaftlichen
und gesellschaftlichen Zusammenbrüchen
sterben …
So dass ich, betrachte ich nur
diese beiden Tatsachen,
behaupten dürfte,
dass ich so gesehen
ein Mensch werde gewesen sein,
der nicht ganz unglücklich
gelebt haben kann.
Das Glück (12/80)
Fest steht, das Glück lässt sich nicht planen.
Ist es doch dunkler Leib- und Seelen-Traum.
Schießt allenfalls aus wirrem Ahnen
in Emotions- und in Entlastungsschaum.
Von Stunden, Tagen, manchmal mehr.
Und niemand hat das in der Hand.
Man phantasiert es auch aus Daseinsquellen her,
die bleiben einem völlig unbekannt.
Weshalb man’s wieder wird verspielen.
Zumal: Wer könnte halten fest es auch?
Muss Alltag es: Versachlichung doch unterwühlen
als einer Hoffnung wirrer Sehnsuchtshauch.
Die Mär von der Selbstbestimmung (12/81)
Konnte je ich selbst mich wählen?
Ungehindert: autonom?
Obwohl ich Teilchen- und Sozialatom,
ein Genknecht bin, den Fakten quälen?
Weiter muss ich dies gestehen:
dass ich ausgeliefert bin
selber mir als Intellekt-Geschehen:
Geist, mich kommandierend vor mich hin.
Rücksichtslos zu offenbaren
all mir meine Lebenslügen
als Entlastungstrug-Verfahren,
mir empirisch zu genügen:
Durchzukommen mit Gewinn:
Zeitgeistzwang-Verluderungen …
Daseins-Illusionen ohne Sinn
Selbstverrat gedungen.
Radikale Ehrlichkeit (12/82)
Sogar mich selbst hab ich durchschaut;
und das war ja in der Tat auch mein Ziel:
Sublimer Einsicht anvertraut,
zu deuten mir dies Daseinsspiel:
Als kommandiertes Zufallsgleiten
durch marktgemachte Selbstgefüge;
So dass ich manchmal durfte meiden
die Nichtigkeit der Wohlstandswonnen,
entlarven ihre Freiheitslüge,
den Wirklichkeitsverlust, ihr ausgeronnen
als kollektiver Täuschungswille …
Auf dass den Rausch nicht flute
jene tiefe Stille:
Des Nihilismus anonyme Route.
Entlastungsselbstverluste (12/83)
Wir sind uns selber nie gegeben;
obwohl grad das die meisten glauben.
Es kommandiert sie wesensmäßig eben
die Sucht nach Daseinstrauben:
Nach Wohlstand, Überragen, Macht,
nach Rausch und Lust, kurzum,
in dieser sinn- und deutungslosen Schlacht,
die keine Siege kennt, auch weil gewissensstumm.
Eine unbeherrschbare gesellschaftliche Farce (12/84)
Ach, dieser Mangel an Wahrhaftigkeit,
an Geistzwang, fordernd Faktentreue!
Da tobt ein Mittelmaß-Narzissmus-Schneid,
der ohne Scham lügt, ohne Reue.
Da tummeln Sieger sich und Glaswort-Luden,
die Starkultpromis, Power-Trug-Megären;
und alle nur im Dienst des Guten,
vor allem freilich ihrer Leeren.
Doch wie könnt’s anders denn auch sein?
Wenn doch der Wohlstand Selbstzweck ist:
Dann wird noch Lust zur Pein
und Fakten lösen sich im Tugend-Zwist …
Na ja, es ist der letzte Akt der großen Sause.
Auch jener Aufklärungs-Zentrale:
Vernunft, die, hieß es, uns behause
und meistere der Barbarei Randale.
Geistig arme Ideologen (12/85)
Sensibel gegenüber schlichten Worten;
doch vor den Fakten asozial:
Das sind die reflexiv verarmten Horden,
die linkisch sind und plump und seelenkahl.
Beweise dafür, dass schon längst zerfielen
die subjektiven Innenwelten.
Um ihre Brachen auszuspielen
als bloße Zeitgeistphrasenkälten:
Sie sind der Tugend-Formeln Wert-Propheten,
sich arrogant zu profilieren
als weltgeistfromme Exegeten
verdrängter Nihilismus-Schlieren.
Meinem im Gemüt so unbelebten Volk (12/86)/Sonett
Wer könnte daran denn noch Zweifel haben:
Dein Staat zerfällt; und mehr und mehr sein Recht.
Doch immerhin ist noch dein Härmen echt,
noch darfst du dich an deiner Tugend laben.
Indes bedenke: Klein sind deine Gaben …
So wirst du aufgerieben im Gefecht
um dein absurdes Lebenssinn-Geflecht:
Dich in Entlastungs-Lüsten einzugraben.
Es steht nicht gut um dich. Im Gegenteil.
Von Pfaffenarroganz kann man nicht leben;
schon gar nicht davon, dass man Keil um Keil
treibt in die eignen kulturellen Streben,
um grauer Einfalt untertänig feil,
ihr Raum für Stumpfsinn und Gewalt zu geben.
Die sich selbst entfremdeten Deutschen (12/87)
Dies Volk war ja schon immer recht verquer,
war metaphysisch-tragisch heilsgesonnen,
verschwommen brünstig nach Phantasmen-Meer,
hat beispiellosen Untergang ersonnen.
Auch für sich selbst; ich sag: für sich primär.
Was hätte anders es denn sonst gewonnen?
So was wie Wirklichkeit, von Alltag schwer?
Dies Reich der Zwänge, schicksalslos und leer?
Geändert hat sich daran nicht sehr viel:
Politmessianisch führt`s nun seine Schlacht
um seiner Tugend absolute Macht.
Die Welt zu retten mit dem deutschen Ziel
totalitärer Würde und Vernunft:
Dem Weltgeist spurend deutsche Heils-Ankunft.
Hilflosigkeit, Fremdverfügung, Entlastungszwänge (12/88)
Und selbstverständlich muss ich akzeptieren
sei’s Stumpfsinn, seien’s Geistmiseren,
mich selbst mit Lebenslügen schmieren,
verdrängen grad die feinsten Leeren,
die durch die Wohlstandsschleier treiben,
in alle Psychen-Tiefen dringen,
in diese sukzessiv sich einzuschreiben
als hochprekäres Ringen
um tröstende Belämmerungen:
Erlebnisflache Flüchtigkeiten,
geplanter Daseinshektik abgerungen.
Auch dieses Wissen um sich Marktspielball zu meiden.
Selbstentpflichtungs-Laisser-faire (12/89)
Wer wäre nicht effektdebil,
erpicht auf Reize und auf Sensationen,
sich abzulenken davon, dass kein Ziel
mit Inhalt ihn noch kann belohnen?
Sich selber inszenierend doch als Ware:
Als Ding und Quantität.
Auf dass er selbst als Nutzwert sich bewahre,
als dieser sich Bedeutung sät.
Obwohl substanzentwurzelt und gewissensarm,
berauschungslüstern und anom,
verlassen treibend hin in seinesgleichen Schwarm
als sich entpflichtetes Sozialatom.
*anom griech.: gesetz-, haltlos; hier gemeint:
der Innenweltzerfall als Über-Ich-(Gewissens-)Verlust.
Bekenntnis (12/90)
Und immer wieder will ich eingestehen:
Mit mir hat’s dieses Leben gut gemeint …
Es ließ mich seinen Abgrund sehen,
begreifen, dass es jeden Sinn verneint,
Gedichte schreibend, meine Nichtigkeit gestalten,
dass ich als Zufall von Miseren treibe,
die deutungslos sich uns entfalten
in diesem Dasein ohne Bleibe.
Und wenn ich einst dann gehe wieder unter,
dann werd ich wissen: Du lässt nichts zurück.
Dir war’s Geschenk: Ein Geisteswunder …
vollendungsträchtig tiefstes Glück.
Zufallszechen/Für die Tyche (12/91)
Der Zufall ist nun mal nicht ungerecht.
Weshalb ich niemandem was schulde,
weil Tyche gern mit mir nur zecht,
mich warnt vor jeder Daseinsmulde,
mir noch im Rausch den Sinn für Fakten weckt;
d e r sei das Alpha und das Omega
in einem Dasein, das nur sich bezweckt;
und so, Narzissmus ausgesetzt, riskiert Blabla.
Zum Beispiel das der Tugend (sagt sie immer),
die oft sei potentielle Barbarei;
zumal auch, reflexionsarm, mache einen immer
empörungsprimitiv (zum Perspektivenramsch-Lakai).