Seite 10


Ein Fremdwörterverzeichnis finden Sie hier

Seite 10. Diese Seite enthält 74 Gedichte

Der Mensch ist fort I (10/1)

Es ist doch gar kein Mensch mehr da:
Die Selbstdistanz ist fort, die Heiterkeit.
Auch Ironie, Humor und Generosität.
Und aller Anmut Großgesinnungskraft.
Die Geistesbildung sowieso.
Der Wille auch, sich objektiv zu sehen …
Und Einsicht zu gewinnen in die Grundmisere:
Dass nichts er sei als Weltspielball,
Verlassenheit und Wesensfron.
Die’s freilich stillbescheiden durchzustehen gälte.
Da tummelt sich ein Ehrgeizling,
ein Kultnarziss frivolen Unvermögens,
subtil sich selbst verhasst und ausgeliefert
sei’s marktverfügter Hörigkeit,
sei’s Tugendniederträchtigkeit,
sei’s Schaumschlägergehabe auch,
sei’s Zeitgeistunflat, Mammonhecheln,
sei’s Selbstverleugnung in Erlebnissurrogaten …
Ein Mehrfachbüttel,
pseudoautonom sich inszeniert.
So aggressivem Stumpfsinn ausgeliefert.
Als Machtcharakterlosigkeit,
als neues Lumpenproletariat:
Sakralisiertes Kurzeffektgebarme.

Rauschstracke Du-Versunkenheit/Für homo sapiens bambergensis. (10/2)

Du kamst an Freitagnachmittagen.
Du kamst, weil wir was hatten.
Wir stellten leibsoggierig keine Fragen.
Verbannten alle Daseinsschatten.
Es waren Stunden ohne Gelten.
Nur Glücksrausch dargebracht.
Bis uns die Körper fällten.
Und wir erwachten aus der Lustandacht.
Schon lange her. Doch hin und wieder,
denk ich zurück an dich.
Gebannt mich dann erinnernd deiner Glieder.
Und wieder los mein weltgefangnes Ich.

Ineinanderlaufende Selbstverlustweisen (10/3)

Meine geistige Müdigkeit
wird immer intensiver.
Jahr um Jahr beobachte ich,
verfallsvertrauter, auch schärfer
den kulturellen Ausverkauf
dieser Wohlstandsgesellschaft.
Bringe mir diesen längst in
Zusammenhang mit dem sich auch
unaufhaltsam nähernden
physischen Tod:
Von diesem dann endlich
erlöst zu werden.
Von allen Öden und Zwängen …
von allen Selbstverkommenheitslüsten
und allen Verwahrlosungsentgleisungen.

Rückzug nach innen (10/4)

Der Herbst ist da. Die Tage werden kürzer.
Trüb sind manche, manche sind verregnet,
manche schon recht kalt.
Auch bricht die Nacht recht früh herein.
Die Welt wird scheinbar kleiner,
sie wird geheimnisvoller, unaufdringlicher.
Auch sich selbst nimmt man
unwillkürlich mehr zurück,
wird man doch förmlich mehr
nach innen gezwungen.
Zumal auch nicht mehr abgelenkt
von zahllosen Reizen.
Die eher kühlen Tage hindern die Frauen daran,
sich in knapper Sommerkluft
ihrer notorischen Gefallsucht hinzugeben:
Ihre teilnackte Körperlichkeit
kommandierend zur Schau zu stellen.
Indes wird einem das gleichgültig sein,
wenn man halbwegs fähig ist,
die Personen dieser Körper zu erfühlen …
Denn dann wird man nicht selten
Kälte, Machtsucht, Effekthascherei,
Gewissensleere, geistig-seelische Armut
und ichgierigen Narzissmus spüren -
Genauso wie bei Männern.
Bei denen allerdings eher durch
blecherne Exo-Selbste*, Machogehabe,
Schaumschlägerei und Zaster-Potenz.
Das sind Verbrauchercharakteristika allgemein.
Nebel, Wolkentristesse und starken Wind
nutzt man nunmehr gerne dazu aus,
sich dieses trostlose Dahinleben
in erschöpfter Intensität,
wachsender existenzieller Desorientierung,
Empörungs- und Eigensucht,
medialmonotoner intellektueller Deklassierung
und immer gleicher Banalroutine
stundenweise behaglicher zu gestalten.
Und sei es nur in der Geborgenheit
notorisch überheizter Kleinräume.

*Exo-Selbste: Statusanzeiger wie z. B. ein Oberklassewagen.

Die Monade (10/5)

Mir gingen alle meine Jahre
vollzugsnotwendig hin:
Dass ich mein Geld verdiene,
mich bewahre
und stündlich phantasiere Sinn.
Ich strampelte, wie viele,
für Miete, Heizung, Wasser, Strom.
Vollzog die üblichen Kalküle.
Als in sich selbst gebanntes Ich-Atom.
So bin und war ich nur Sozialmonade
im Zufallslauf des Ungefähren.
Ein Knecht der großen Apparate.
Und machte dabei gute Miene.

Ziellos (10/6)

Welchen Gehalt
gäbe es denn noch,
sich über sich selbst,
gegengängig ichfern,
zu erheben?
Keinen.
Tyrannisiert doch
eine Scheinwelt
konsumdiktatorischer
Erlösungstrivialität
auch noch
die letzten Reste
geistigen Menschentums.

Das Individuum (10/7)

Das Individuum, wenn es denn
zu Recht so genannt wird,
steht zu allen Zeiten notwendig
gegen die jeweilige Mehrheit.
Deren intellektuelle Hoffnungs-,
Halt- und Beglückungs-Knute
sei welche auch immer:
Religiöse, weltanschauliche,
ideologische oder ökonomische.
Eine muss es ja sein,
um eine Gesellschaft überhaupt
umtreiben zu können.
Ein Individuum wird in solch
schlichten Entlastungs-Primitivismen
freilich niemals ganz aufgehen.
Ob seelisch, geistig oder sittlich.
Und Gesellschaften trachten danach,
müssen es, genau genommen,
um ihres Selbsterhaltes willen,
ihre Individuen -
seien sie noch so wenige,
seien sie noch so schwach -
an den Rand zu drängen,
sie mundtot zu machen
oder gar physisch vernichten.
Und das gilt uneingeschränkt für Diktaturen,
aber auch für Demokratien bzw. Parteien-Oligarchien,
deren Mittel der Entmächtigung von Individuen
freilich ungleich subtiler sind:
Sie drängen nicht an den Rand,
sie machen nicht mundtot,
schon gar nicht vernichten sie physisch.
Sie überlassen jene Entmächtigung
der intersubjektiven Innerlichkeit:
Reproduziert diese doch die ökonomisch-ideologischen,
auf Erlösungs-Wohlstand ausgelegten,
Psychen allformenden Tiefenstrukturen so perfekt,
dass sie den gesellschaftlichen Atomen
als ihre eigene erscheint … eine Tatsache,
deren historisch beispiellose Fortschrittlichkeit
ich für mich selbst anerkenne, beibehalten
und verfeinert sehen möchte.
Trägt doch die Gesellschaft die Individuen.
Trägt sie physisch, kratisch, rechtlich, ethisch, psychisch …
Und niemals umgekehrt diese jene.

So gefühlt (10/8)/Sonett

Ich habe nie sehr viel von uns gehalten.
Mein Leben lang nur immer eins erlebt:
Dass wir Getriebne sind der seelenkalten
Determinismen, die kein Selbst aufhebt.
Determinismen, machend, dass man strebt
nach Optimierung seiner und der Halden,
auf denen man nach Ich-Erhöhung gräbt:
Sich, andre überragend, zu entfalten.

Das ist gewiss normal. Doch ohne Größe.
Ob wir’s begreifen oder leugnen wollen.
Getue. Aus auf Gängigkeitssynthese.
Sich aufzuschwingen zum Bedeutungsvollen.
Was des Bestrickungsgrames Lasten löse.
Was nie geschieht. Wir sind uns selbst verschollen.

Von Kindesbeinen an (10/9)

So gut wie gar nichts ganz gemacht.
Und kaum auch etwas halb.
Die meiste Zeit in Trance verbracht,
zu fliehen diesen Alp.
Still oft am Wegrand nur gesessen,
in Bläuen hoch gestarrt.
Und dort gezählt nur immer Schattenmessen,
auf dass mich nicht auch noch der Himmel narrt.
Ein Alp? Das wurde es tatsächlich.
Der trieb mich täglich um.
Das machte mich zerbrechlich,
misstrauisch, distanziert und tiefenstumm.

Fundamentalprägung (10/10)/Sonett

Es sei ein Nachteil, komme man von unten.
So stimmt das auch nicht. Freilich eingesogen
hat man die Seelenrohheit wie die Wunden.
Ob Flaschen kreisten oder Fäuste flogen.
Und selbstverständlich ist man dem gewogen,
was man von früh auf schon hat vorgefunden.
Und fragt nicht etwa: Hat mich das verbogen?
Es prägte eben für die nächsten Runden.

Der Wertbetörte kann das nicht begreifen.
Ihm fehlen die Gefühle für das Krude.
Er wird sich immer auf Moral versteifen.
Denn die allein nur schaffe alles Gute.
Sein Ausweg, vor der Faktenflut zu kneifen.
Auch dass nicht deren Grausamkeit ihn flute.

Auskunft (10/11)

Ich produziere keine Emotionen,
verkaufe keine Trostgebilde.
Zumal entzaubert sind die Psychen-Zonen,
in Sprachverlust gehüllte,
Zerfall und Unmaß
luststramm dekadent zu fronen.

Verantwortungslos (10/12)

Zuweilen mag man ja,
und sei’s nur,
dass einen augenblicksweise
ein idealistischer Antrieb
gleichsam unerklärlich-rauschhaft erfasste,
sich bemüßigt fühlen,
seinen Vorurteilen,
fragwürdigen Meinungen
und ausgeprägten Antipathien
möglichst wenig Einfluss
auf das eigene Urteilen
einzuräumen,
um dieses differenzierter und
also auch realitätsgerechter
ausfallen zu lassen.

Und dennoch war ich stets,
ohne Ausnahme,
überzeugt davon,
dass es schlechterdings
verantwortungslos wäre,
der unaufhebbaren Despotie
unserer Mittelmäßigkeit
zugleich moralische Fähigkeiten
entgegenzustellen, die geeignet wären,
sie zu überwinden
oder wenigstens zu relativieren.

Etwa die autonome Bestimmung seiner
zum Würdeträger nach Kant,
also die affektfreie Fähigkeit
zu Selbstzurücknahme,
Selbstdistanz und Selbstüberwindung überhaupt
um eines Wertes an sich willen,
den alle als den ihren zugleich
annehmen könnten; und sollten.

Oder die Aufforderung zu Aufrichtigkeit,
Redlichkeit und fraglosen Anerkennung
eines einem selbst
übergeordneten Normengefüges
rein säkularer Gebundenheit.

Sind wir doch völlig außerstande,
nicht aus Lust, Furcht, Angst ,
Nutzenerwägungen, Neid,
Selbstglorifizierungsanfällen,
dem Drang, andere zu überragen
und was sonst noch 
an menschlicher Niedrigkeit
jener irrationalen Despotie
wesenseigen sein mag,
zu handeln.

ZINSJA 166 (10/13)

Sich selbst permanent unmäßig
glorifizierendes Durchschnittsmenschentum,
stolz-, würde- und geistarm,
ohne Achtung gebietende Seelengröße,
glücksunfähig, gewissensfad …
Wohllebensschaumschlägertum …
Wie können wir da noch
auf Zukunft hoffen …
Wie zumal so heillos unklug sein,
diese überhaupt noch -
und dies zuversichtlich -
anzugehen?
Nun, so sind wir:
Evolutionsgeborgen
dauerresigniert und
entlastungsoptimistisch.

Selbstmonadisierung I (10/14)

Es ist kurz vor 19.00 Uhr.
Die Dunkelheit ist schon eingetreten.
Der rechte Fuß lässt vom Gaspedal,
der linke tritt die Kupplung durch.
Ich schalte nervös, fahre zu schnell.
Immer wieder überholend,
um möglichst rasch dem dichten Abendverkehr
und überhaupt
meiner Feierabendmorosität zu entrinnen.
Ca. 19.20. Uhr habe ich endlich meinen Parkplatz erreicht.
Ich stelle das Auto ab.
Ich strebe hastig dem Hauseingang zu.
Ich überwinde so schnell wie möglich die Treppen.
In meiner Wohnung angekommen,
schließe ich gleich zweimal die Haustür hinter mir zu.
Im Wohnzimmer drehe ich die Heizung auf,
mache mir eine Tasse Kaffee,
räume meine Arbeitstasche aus,
lasse mich dann endlich in einen Sessel fallen,
ein wenig doch erschöpft vom vergangenen Tag.
Den Fernseher lasse ich aus.
Ich kann jetzt keine Nachrichten gebrauchen.
Die tagsüber gehörten vergesse ich:
Man*-Gerede
Politleerformeln,
Gefühlshülsenphrasen,
Zeichenöden,
Schlagzeilen,
Reklameanglizismen,
Tugendverlautbarungen.
Auch der eigensinnige Körper verliert alle Bedeutung,
muss nicht als Sexualinstrument dienen,
ist nicht mehr andern Körpern ausgesetzt.
Muss weder gerichtet noch gestrafft noch beherrscht werden,
muss nicht, Duftnoten verströmend,
seine Tierheit verbergen,
ist jetzt lediglich noch zellulärer Zeuge drastischen Reizentzuges.
Ich schlage Du- und Wir-Reste aus mir heraus,
erbreche förmlich die kleinen Bedrückungen des Tages,
lege mir Schweigen, und soweit möglich, Gedankenlosigkeit auf.
Auch vor mir selbst möchte ich,
so recht machbar ist es freilich nicht,
Ruhe haben, möchte mich selber los,
wenigstens aber aufgehoben sein 
in einem bewusstseinskargen Zeitfluss,
umkehrend den chronische Signal-,
Artefakten-, Zeitgenossen-
und Nicht-Ich-Befangenheits-Terror
des vorübergegangenen Tages.

*Man: Das 'Man' nach Martin Heidegger, s. Fremdwörterverzeichnis

Einsichtsgeschüttelt (10/15)

Frühnachtstille.
Draußen klirrende Novemberkälte.
Abendlanger Synapsen-Halbschlaf
verdöst erfolgreich das Beziehungsvakuum.
Kein Bedürfnis nach Ablenkung:
Bannungs-Ungetrübtheit sedierender Kindereien
via TV oder Stereoanlage.
Was ginge indes über diese Erregungsbrache
markttangentialer Selbst-Marginalisierung?
Eine Familie etwa?
Diese zuweilen unerträglich stickige Leiblichkeit
gegängelter Markt-Abklatschsubjekte,
zumal dauerchronisch gefährdet
durch die permanente Lockung medialen
Verflachschichtigungsterrors?
Dieses inszenierte Ineinanderkrallen von Ichsucht,
Säugerwärme und Abrichtungsverlogenheit
qua repressive Toleranz und pubertärer Gewissensabbau?
Zumal doch die kapitalistische Wohlstandsmystik,
Show-, Produkt- und Mammonhörigkeit Eltern wie Kinder
sich zum völlig heteronomen Konsumgefolge erzieht.
Oder Geselligkeit?
Blätterdach-Erregung,
akustisches Groomen und Betatschungs-Apriori,
Gelächter taktischer Täuschung:
Blechern, begehrlich, verzweifelt …
Leerformelparfümierte Selbstreklame narzisstischer
Monaden-Monologe.
Eine Liebschaft?
Beutekirre Zerrissenheit zwischen geilheitsgekreuzigter Hellsicht 
und Belämmerungssgier.
Berührungssüchtig vergittertes, Lust erlauerndes Du:
Profaniert kalkulierende Selbstwertbrache verdinglichter Animalität …
Postorgasmische Langeweile dann und einen 
unweigerlich ankriechende Fremdheit.
Spätnachtstille.
Sternreine Novemberkälte.
Es friert mich,
der ich einsichtsgeschüttelt 
vor dem Fluch eisklarer Begrifflichkeit meinen Wein trinke,
innerlich auseinandergefallen,
tränenlos den Mantel entlastender Vergesslichkeit 
über mich selbst breitend.

Alltags-Transzendenz/Für homo sapiens bambergensis (10/16)

Ersogner Offenbarungs-Duft:
Dein hoher Körper übersät
von Zeit entschwärzter Gegengruft
in diesem momentan vertriebenen Spät.
Bedeutungs-Metastasen.
Entgehend Nie und Je.
Die wirrnisfrei in Schweiß und Trance einlasen
mich dir, begehrte B.
So zart verfeinerte Gestalt,
die ich, trotz Sinn-Misere,
als Geist begehre und als Stoffgewalt,
bar fader Einsichtsschwere.

ZINSJA 71 (10/17)

Alles von andern empfangen:
Subjekt ohne Eigenanteil.
Ein Körperatom, den Belangen
von Stoffen, Zeit und Zufällen feil.
Du-, Wir- und Zeitgeist gefangen.
Sich selber Spalte und Keil.

Stimmungsschattengewoge/Für Homo sapiens bambergensis (10/18)

Ich habe was durch dich hindurch geträumt.
Ich nehme an, es war was Großes.
So groß, dass ich es nicht erlangen kann:
Phantom und Ausbund deines Vortraum-Schoßes.
Dies dämmerpralle Paradies,
das kommandierend mich zu sich hinreißt.
Ein stoffverfügtes Ich- und Selbst-Verlies.
Das dieses Kernversprechen freilich immer hält:
Verfließen sich als Individuum:
Erlösungstrost - orgasmusstumm.
So drängt es mich, in dir zu kleben
und einzugehen deinen Haar-Asylen.
Durch Augenblicke ohne Scham und Reue,
bis an die Ränder jenes Krugs zu gleiten,
wo Agonien an Entlastung rühren.
Um Surrogate ihm, nach Trancen süchtig,
Entfremdungsjoche, angeseufzte,
wenn auch vergeblich letztlich,
panprekär allein, 
phantasmenmanisch abzuküssen.

Selbstschimäre (10/19)

Ich hab als Selbst doch gar nicht stattgefunden.
Warum, das weiß ich auch nicht so genau.
Ich überließ mich dem, was mich, sozial gebunden,
gesteuert hat durch diesen Bau:
Gesellschaft, Zeitgeist, Wohllebensgeschlürfe,
mich zu verschanzen zwischen Ich und Ding.
Mir sagend, dass ich’s nutzen dürfe.
Das weiß ein Sonderling.
Der starrt in seine innre Leere,
wo ihm Begriffe sagen:
Du lebst nur Selbstwahn und Sozialgaleere.
Und hast doch nichts, dich selbst zu tragen.

Sonderbare Ruhe (10/20)

Sonderbare Ruhe,
jetzt, so kurz vor Mitternacht.
Sowieso zu erschöpft,
dich all jener zu erinnern,
deren Weg du einmal kreuztest:
Körper-, Psychen-,
Überzeugungs-Lasten,
die sich für ein paar Tage
oder Wochen
in dich verlaufen hatten,
dir freilich fremd
und unbegreiflich blieben:
Samstagabendbegegnungen.
Obwohl du dich abmühtest,
sie dir aufzubrechen.
Vergebens.
Daher wohl auch
diese sonderbare Ruhe,
jetzt, so kurz vor Mitternacht.
Da sich ein Tross
von Einsamkeiten anschickt,
in den Sonntag hinein zu tanzen.
Deine sind es nicht.
Deine suchen sich
keine Vergnügungen mehr:
Selbsttäuschungsverhaltungen.
Du wirst also
ausschlafen können
am morgigen Sonntag,
jener Fremden längst ledig:
Behelfsvorhut
von Gesprächs- und Körperfragmenten.

Heutiger Kapitalismus (10/21)

Der heutige Kapitalismus,
das ist auch die Anleitung
zu geistiger Verwahrlosung,
infantiler Dauererregtheit,
affektiver Ausdünnung
und bombastischer Auto-Elitisierung
entpflichtungshungriger
Subjekte zweiter Hand.
Apparativ überwältigt,
entmündigt, sich selbst entfremdet.
Ihre Bedeutungslosigkeit, Desorientierung
und innere Verarmung
banalhedonistisch zu überspielen.

Auch so ein Zwang (10/22)

Erzwinge manchmal
ein paar Reime.
Das fordert
und das hält stabil.
Gaukelt’s doch Rundung vor
und Ordnungskeime.
Wenn auch nur kurz -
als bloßes Nu-Gefühl.
Doch immerhin.
Das ist nicht wenig doch
in einer Welt
perfekter Außensteuerungen.
Ich bin nicht ständig
fröstelnd untertänig,
nicht ganz so dem,
was ist, gedungen.

Anregung (10/23)

Schon weil Machthaber in der Regel
geistig substanzlos, intellektuell mittelmäßig,
charakterlich unfest und ohne Selbstdistanz sind,
sollte man sich, aus bloßem Eigeninteresse,
für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie einsetzen.

Schon weil Machthaber nur um Macht kämpfen
(sie müssen das), um deren Erwerb, Erhalt und Ausbau,
weil sie Ruhm suchen, in die Geschichte eingehen,
etwas Großes bewirken, ihre Eitelkeiten befriedigen 
und ihren Selbstwert erhöhen wollen,
oft zumal unterliegen einem narzisstischen Dilettantismus
und ihren Selbstglorifizierungsanwandlungen,
zuweilen gar sich für unfehlbar halten,
sollte man, um sich selbst möglichst zu bewahren,
für Rechtsstaatlichkeit und Demokratie eintreten.

Schon weil ein Machthaber,
der von all diesen Fragwürdigkeiten nicht berührt wäre,
dennoch so tun müsste, als sei er wie andre auch,
weil er sich sonst viele Neider als fanatische Gegner schüfe
- nichts nämlich ertragen Menschen, die selbst nach Macht streben, weniger als einen Machtinhaber, der, neben seiner Macht,
auch noch sittliche, geistige und intellektuelle Qualitäten aufweist,
besonders dann, wenn sie mit solchen selbst weniger
oder gar nicht ausgestattet sind …
sie werden ihn diffamieren,
herabwürdigen, verdächtigen, beleidigen
und auf die hinterhältigste Art und Weise bekämpfen -,
ist es ratsam,
rechtsstaatliche und demokratische Verhältnisse zu stützen,
denn nur diese vermöchten die geheimen Wege menschlicher Niedertracht - vielleicht - zu begrenzen.

Schon weil man sich selbst als kreatürlichen Egoisten,
Pleonexie-Söldner, Ich-Monade mit schwankender Innerlichkeit:
wankelmütig, unberechenbar, verlogen, sich selbst ausgeliefert,
Schauspieler, Tugendmimen und als Wesen kennt,
das überragen und übertrumpfen muss,
ausgesetzt ist zumal existenziellen Tatsachen
wie Abhängigkeit, Fremdbestimmtheit, Schwächen, Verletzlichkeit,
kurzum: dauerprekären Gegebenheiten in jeder Hinsicht,
tut man gut daran,
schon um sich vor sich selbst zu schützen,
sich an rechtsstaatlich-demokratische Vorgaben zu halten.

Und schon weil Machthaber, so oder so,
notwendig Massenexponenten sein müssen,
Massen, weil zu Recht misstrauisch gegen jene oben, 
die sie im Grunde verachten, missbrauchen und ausbeuten wollen, 
also eher unwillig sind 
zu so etwas wie Rechtsstaat und Demokratie
(sie in einem kapitalistischen System hinzunehmen,
weil dieses Wohlstandsniveaus schafft,
deren materielle Vorteile man unbedingt haben, genießen und ausleben möchte, ist keine hinreichende Voraussetzung,
um für jene im Zweifelsfall als unhintergehbaren politischen Werten ohne Wenn und Aber einzustehen),
sollte man alle Überzeugungen, Naivitäten und Realitätsverweigerungen fahren lassen,
um sich aufs Schlimmste einzustellen. Ob es dann komme oder nicht.
Ist doch der Mensch weder vernünftig noch ein moralisches Wesen …
Mag man sich noch so sehr über diese Tatsachen
idealismuswirr-empörungsmonoman hinwegtäuschen.

Hilflosigkeit (10/24)/Sonett

Ich fühl mich ziemlich ausgebrannt und müde.
Und dann so antriebslos und seelisch leer.
Oft bin ich deshalb aggressiv und rüde:
Mach es mir selbst und andern ziemlich schwer.
Das liegt auch daran, dass ich ständig brüte
über Probleme, die belasten sehr.
Weil alle uns doch machen schwerstfrigide,
was Menschlichkeit betrifft und Selbsteinkehr.

So etwa wird man konfrontiert mit Dingen,
die schlimm sind; ganz gewiss; doch einem fremd:
Was soll man sagen, wenn sich Staaten nicht gelingen,
Was dann, wenn Fanatismus Hass nicht hemmt?
Wenn Barbarei will ihrer Opfer Tod besingen?
Und alles Tun sich gegen Einsicht stemmt?

Über die Nichtigkeit der individuellen Existenz (10/25)

Ich hab mein Leben lang
- früh dazu angetrieben -
recht gut gewusst,
was existieren heißt:
Entlastungshandeln,
sich zu sieben
aus manch determinierter Lust,
verhehlend sich,
dass man in ihr entgleist,
sich selbst versäumt
und sich verrät.

Indes nicht anders kann.
Doch auch ein Knecht,
der untersteht Pleonexie-Diktat,
und also Nihilismus-Bann …
Notwendig sich Substanz-Belang,
so traumwund zu verschweben
in objektiv diktiertem Drang:
Formal-Selbst, weder gut noch schlecht.

Unverrückbare Einsicht (10/26)

Von dieser Einsicht lass ich nicht:
Dass man allein ist. Und zwar lebenslang.
Sich selbst gegeben nur in sekundärer Sicht:
Als Wortkonstrukt, Sozialtraum, hochdiffuser Drang.
Doch es zu tragen, das ist schwer.
Wer dürfte sich auf so was ein denn lassen?
Ist man doch Trance in einem Deutungs-Meer,
sich selbst nur sprachlich zu erfassen.
Und existiert so indirekt
auf Perspektiven-Oberflächen
als kollektiv gewobner Dialekt,
sich Welt, Du, Wir und Selbst dann zu verzechen.

Technodionysische Magie (10/27)

Cool und blasiert
inszeniert sich da
ein gängiger Promi-Pöbel
(sich selbst freilich,
das ist unübersehbar,
eine Art Medial-Elite).
Erfüllt offenbar
vom Wissen
um seine drastische
Systemrelevanz.
Eine Orgie
des Narzissmus,
erregungsvirtuos
einförmig inszenierter
Standardkörperlichkeit.
Lachgasaggressiv
magisierend
seine Anbeter.
Ergriffen befreit bald
von ihren gängigen
existenziellen Lasten.
Abstrakte
Identifikationsbrosamen
erhaschend.
Ekstatisch
sich selber dann entronnen,
frenetisch ertaumelnd
so was wie Geborgenheit …
Dank jener
simplizitätsvirtuos bewiesener
Nichtigkeitskompetenz.

Dorfschatten: Erinnerungen an R. H. (10/28)

Im Café Tempel (gibt’s immer noch in jener kleinen Kurstadt 
an den Ausläufern des Pfälzer Waldes):
Pubertierend hungrige Sehnsucht,
Ca. 60 Jahre ist das jetzt her, nach jener R. H.,
eine Sehnsucht von vornherein
an aller Realisierbarkeit träge vorbeischwappend.
Wie auch nicht?
Nie hätte ich bei der auch nur die geringste Chance gehabt:
Zu hässlich, zu neurotisch, asozial zumal.

Manchmal freilich,
wenn ich ‚Love is all around’ von den Troggs wieder höre
(in jenem Café damals wochenlang aus der Musikbox dröhnend),
kommt es mir vor,
als entstiege dieses nichtssagende Bürgermärchen
der morbiden Schwüle jenes Songs.
Auch, um mir zu bedeuten,
ich solle mich ins Café Tempel begeben,
um endlich,
bevor es zu spät sei,
die längst verwesten Reste
meiner damals schon toten Sehnsucht
einsichtswillig aufzusammeln.

Das Ganze I (10/29)

Komplexität, doch so beschämend schlicht:
Der Prototypen gängiges Gerangel.
Brachial-Kommandos einer Tiefenschicht,
sich rücksichtslos doch durchzusetzen,
gehorchend Arten-Grundantrieben.
Von Trance gegängelt, Nöten und Gesetzen
(als Formeln und Sozialdruck aufgeschrieben),
Pleonexie und Deutungsdrang,
Magie, Entlastungsillusionen und dem Zwang, 
sich zu verbergen, dass Belang
man gar nicht haben kann in diesem Bund
von Diesseitstaumeln: Gram-Determinanten,
Gehirndiktaten ausgeronnen.
Die a priori doch noch jeden banden
an Großtat oder Scheitern der Kolonnen:
Den Schöpfern dieser Artefakten-Hetzen,
sich zu verdrängen Stoff verwobnen Mangel:
Verhängnisstolpern, Scheitern, Schwund …
Dass wir nicht sein doch können diese lieben
und tugendhaften Seelen-Granden,
Humanität, Gerechtigkeit und Ich-Verzicht gewonnen.
Uns selbst verfügt: Gewissen, Mahner und Gericht.
Das Ganze? Farce und Elendskehre
von Zufall und Notwendigkeit.
Und doch erhascht, als ob’s das Größte wäre.
Und nicht Verfall in lauter Zeit.
Nicht Eskapismus einer Märe
von dionysischer Verblendungsschwere,
statt Geistesdrang zu Selbstgeleit.

Amerika - noch einmal (10/30)/Sonett

Amerika, du wirst dich, scheint es, nicht bestehen.
Identitätslos, hassstumm, gierig, asozial.
Auf diese Weise zwanghaft die Phantasmen säen,
dir inszenierungsmetaphysisch selbst zur Qual.
Oligarchie des Mammons: Puritaner-Mal.
So musste a priori doch zugrunde gehen
dein Traum - Der Trug, dass Selbstsein fuße auf der Zahl.
Das ist sein Kern. Von dem, der klug ist, leicht zu sehen.

Wenn du beharrst darauf, bist du schon bald verloren.
Verblendungssüchtig deiner Freiheits-Mär verfallen.
Verlustig Wirklichkeit, Sinn, Gott und Maß und Mitte.
Banalitäten, Sex und Haltverlust verschworen,
korrupt versiechend in den unbegriffnen Fallen
geistfeindlich mitgewirkter Psychen-Defizite.

Die Magie des Banalen (10/31)

Die Magie des Banalen.
Das der Konsumdiktaturen:
Ein mögliches Selbst
an das Markt-Ich verhuren …
Entmündigt sich dann
als Sieger zu prahlen.
Und dafür werden wir
alle bezahlen.
Das zeigen die Daten,
die Fakten, die Spuren.

Alldürftigkeit (10/32)

Wut-Ekel macht mir dieser gerissene Showman-Typus,
der Beliebtheit nutzt,
um frivol zu blenden Menschen,
deren stolperndes Selbst entmündigt Bildern,
trash levels,
Entfesselungssingsang und Behelfsrausch anheimfällt.
Der bereit ist,
Leerformeln und Gerede,
Täuschungsvirtuosität vor allem
im Glanz kapernder Seichtheitspossen 
schamlos auszubeuten für seine Zwecke:
Deutungsmacht,
Zaster-Mehrung,
Beliebtheitserfolge,
Ruhm,
Gängigkeitsmystifizierung.
Haupttreffer sich,
im selbsttrunkenen Griff nach Zuspruch der „King“ zu sein
und höchstes Gewicht zu haben 
im lärmenden Ermessen gewohnheitsentzückter Massen,
begrifflos Emotionszufuhr erlegen.
Beide Beispiel drückender Verwirrungsenthemmung der Ichsucht:
Einsicht entbehrenden Schicksals,
unfrei wie despotisch werkelnder Geistlosigkeit,
dürftiger Lagen verlogene Simplizität zu genießen.

Spätes Wiedersehen (10/33)

Was kann und soll man sagen sich
nach mehr als vierzig Jahren?
Dass sich Entfremdung spürt gelegentlich,
man sich bemüht, den Schein zu wahren?
Man muss sich eben inszenieren,
um nicht verräterisch zu schweigen.
So etwa Wohlbefinden und Erfolg anführen,
sich aufgeräumt und optimistisch zeigen.
Zumal auch, wenn man offen spräche,
den andern vor den Kopf nur stieße.
Wer hört schon gern von Brüchen und Verlusten,
von Scheitern, Einsamkeit, gar Selbstverfehlen?
Man redet also nur daher.
Man schönt, man übertreibt, man flunkert.
Lässt völlig unerwähnt das Heer
der Leeren, die man in sich bunkert.

ZINSJA 94 (10/34)

Zurückgeworfen
auf das eigene Sein,
bleibt, bin ich ehrlich,
aber auch gar nichts,
was mir Anlasse gäbe,
zeitgeistkonform
etwa von einem Recht
auf Selbstbestimmung
zu phantasieren.
Selbstbestimmung? -
Eine Lebenslüge,
wie Freiheit und Würde.
Indes sehr bedeutend
für das Funktionieren
einer Pseudo-Selbste
umschmeichelnden
Konsumdiktatur,
die diese sich selbst
als autonome
verhökern muss. 

Psychisches Hintergrundsrauschen (10/35)

Fremdartig verformt sich die Stille,
wenn man geistig einzudringen versteht
in diesen hypergalaktischen,
gänzlich indifferenten und zweckfreien
Teilchentanzzusammenhang
von Werden, Bilden, Wandel, Gestaltverlust
und quasi-ewiger Ausdehnung
dieser kosmosweit gleichen,
sich selbst organisierenden
und am Ende wieder strukturlosen Materie.
Man begreift sofort, dass man,
Teil dieser substanziellen Sinnlosigkeit,
über das quasi halbgott-exklusive Privileg verfügt,
all das wissen zu können -
Eine zufällige Auszeichnung,
die dankbar machen muss.
Jedenfalls mich dankbar macht,
einmal einen unmessbar kurzen
Wimpernschlag lang
bewusstseinsfähig dabei gewesen zu sein.

Ich und das Gedicht (10/36)

Brauche faktisch
nur zu warten.
Einmal kommt es,
das Gedicht.
Wetzt dann aus
mir alle Scharten,
zeigt mir dann
mein Ur-Gesicht:
Zeitfluss, Mangel,
Gier-Gewicht.
Meine stets
gezinkten Karten.
mich zu täuschen,
um, ganz schlicht,
zu verbergen,
dass ich Wicht,
Spielball bin
in Wir-Gerangel.

Was war’s zuletzt? (10/37)

Tatsächlich habe vieles ich verstanden.
Jedoch zu welchem Preis?
Um psychisch zu versanden:
Das ist der Fakten Grundgeheiß.
Und dennoch frage ich: Na und?
War es vergeblich, dieses Leben?
Mied ich doch immerhin Entfremdungsschund.
Gedichten hingegeben.
Doch objektiv war es bedeutungslos.
So muss ich’s redlich eingestehen.
Ist zumal gar nichts mehr doch groß.
Nur kindisches Verluderungsgeschehen.

Bewahrung in geistiger Wirklichkeit (10/38)

Manchmal finde ich es durchaus ein wenig fragwürdig,
ja weltfremd eigensinnig, Gedichte zu schreiben.
Ausdruck von allenfalls doch nur halb begriffenen
Überempfindlichkeiten und Entwurzelungsverwundungen einer Monade,
die sich gängigkeitsabseitig in die Faszination von Worten eingräbt.
Mehr jedenfalls in diese als in das Konsumieren
der allgemeinen Bilder- und Reiz-Zumutungen,
die auf ihre Art Abrundung, Sicherheit und Daseinssinn suggerieren:
Unterleibsekstatisch angereichertes, halluzinatorisches
Verführen und Verzaubern durch die quasi-beseelte
artefaktielle Berauschungsträchtigkeit durchgeplanter Flüchtigkeiten:
technisch simplifizierte Entfesselungsverdinglichung an sich,
permanent wiederholter und Innenwelten abrichtender Erlebnis-Schamanismus,
der, unhinterfragbar den meisten, so Bedeutung, Zweck und Sinn suggeriert:
Zugehörigkeitsversprechen und soziale Geborgenheit,
Lebenszielphantasmen und hedomedial* verordnete Kollektivemotionen …
Flausenuniversa als kryptisch-mystische Haltkomplexe,
Ausrichtungshunger auf Ich-Überhöhung und Entlastungsumnachtung 
systemgerecht zu befriedigen.
Basaltrost, abgefühlt einer Reklame-Fiktion von Wirklichkeit:
Affekt-Aufpeitschung und -Sedierung durch bedarfsgerecht produzierte Beseligungsprogramme,
schundhörig vor normiert entschämter Unsagbarkeit.
Und so nur noch in Gedichten
geistimperialistisch rücksichtslos zu erfassen.

*hedomedial: "lustzentrisch"

Systemimmanenter Wirklichkeitsverlust (10/39)

Ich glaube überhaupt nicht an dergleichen,
wie Götter, Ideale oder Werte.
Zumal die keinen Halt mehr gäben,
längst umgedeutet doch in Reizkomplexe,
sie zu erleben statt zu ehren,
sich funwelthungrig zu ergehen
in faktisch inhaltslosen Emotionen,
reklamemagisch spracharm
und entzückungsdrastisch
in Selbstkonsum,
in Wirklichkeitsverweigerung,
in primitiven Deutungswirren
sich, unbegriffen Welt gedungen,
in Eskapismus zu ergehen,
in Nichtigkeitsgefüge sich zu flüchten,
ein bloßer Körper noch,
der leeren Worten tobt.
Zumal er selber sich verweigert wird,
erlösungsdekadent befreiend korrumpiert.
So Göttern, Idealen, Werten
gewissenlos entseelt, substanzentmächtigt ist.
Leib ohne Geist doch.
Ich auch ohne Welt.
Verantwortung entlaufen in Verwahrlosung.
In der sich schuldlos tobend aufzuzehren.

Der Mensch ist fort II (10/40)

Ich dürfte es begriffen haben;
zumindest, schätz ich, ungefähr.
Dies spaßgedüngte Lotterleben,
in dem verdorren alle Geistes-Gaben.
Umringt von einem Pieps-Ton-Heer,
sich an Geschwätz und Trug zu laben:
Noch marktgedungen beim Geschlechtsverkehr.

Der Mensch ist fort; sich selbst Lakai,
gelenkte Negativ-Brisanz.
Gesellschafts-, Medien-, Seelen-Schrei
als Daseins-Null: System-Abglanz.

Ungeschönte Niedrigkeitsbezeugungen (10/41)

Zu spüren Hass, Gewalt und Niedrigkeit,
muss nur an dich ich denken.
Der ich dir wünsche nur Verlust und Neid,
das Allerschlimmste, dich zu kränken.
Schier unersättlich ist mein Drang nach Rache.
Sei’s auch verkommen bis in die Atome.
Verdrängen, das ist Bürgersache.
Ich pfeife auf solch Lügen-Dome.

Indes ich habe ein Problem:
Dies, dass der Tod ist keine Strafe doch.
Und das, das würde einzig schaden wem?
Na mir, der ich gern fügte dir solch Daseinsjoch.
In dem ich bräche dich in Raten.
Sei’s physisch, psychisch … Wie auch immer.
Hast du mich ausgebeutet ja,
erniedrigt und verraten.
Was wäre, sag’s mir, schlimmer?

Hauptnachrichten im Fernsehen (10/42)

Das Elend der Welt wird mir gezeigt:
Krieg, Hunger, Katastrophen und Terror.
Der Machtsucht Hybris auch ein wenig.
Als letzter Hort des Nationalen dann der Sport.
Auch über Tugend werde ich belehrt.
Z. B. welche Schuld ich woran trüge mit.
Wem alles ich verpflichtet sei.
Geh’s mir so gut doch, wirklich gut.
Am Ende liest man aus der Börsenbibel
die täglichen Erlösungszahlen mir noch vor.
Na ja. Trotz Arroganz und trotz Gesichtstheater
der Sprecher*innen, die sich inszenieren,
verlasse ich mich besser doch auf’s eigne Denken:
Dass wir nicht gut sind, frei nicht, auch moralisch nicht.
Nicht können das:
Stoff, Perspektive, Trance, Verfall und Scheitern
unterworfen doch.

Liebeslitanei/Für Homo sapiens bambergenis (10/43)

Eine Liebeserklärung wäre wohl wärmer,
beseelender und gewiss auch anständiger.
Ich könnte dir z. B. vorstottern: „Ich liebe dich.“
Oder dir einen Strauß ADR-Rosen
schicken lassen, Sorte ‚Lili Marleen’,
samtig rot, mit Karte, was meine Leibsucht verbärge.
Aber das ginge nicht, da fiele mir mein Vater ein,
Schlammteilchen des Unternehmens ‚Barbarossa’.
Ich dächte, traurig und hilflos, an den 22.6.1941
und hörte in mir nur noch jenen trostlos schönen Schlager.
Nicht viel anders ergeht es mir mit der Liebe.
Auch mit dieser assoziiere ich eher deprimierende Gehalte:
die alle die  rührenden Anmutungen,
kitschig hebenden Sentimentalitäten
und hoffnungsverbohrten Illusionen
vor der Realität zuschanden werden lassen.
Etwa Bitterkeit, Hilflosigkeit und Hass-Wut
angesichts des notwendigen Scheiterns
der Liebe, die, verblendet sie sich selbst,
Perfidie, Entfremdung und Alltags-Seichten
kaum je verhindern wird.
Ich mache dir keine Liebeserklärung,
gestehe dir stattdessen ganz unverblümt,
was jener biologisch fundierte Existenzbefehl
quasi chronisch kommandierend mir ins Hirn zaubert.
Ein Riechfeldfaszinosum, du, ein Körper,
von meinen Zungenlüsten weiß gesaugte Haut,
Hände leitendes, fleischgewordenes Kanaan.
Dranglose werfen, Lippen öffnen, Laute formen sich
und steigern sich in lösungsgedehnte Freudentaumel …
Was für Momente Scheitern und Selbstverrat vergessen lässt.

Leibfrömmigkeit/Für Homo sapiens bambergensis (10/44)

Ich habe über alle Grenzen uns,
ganz körperfasziniert,
hinausgeträumt.
Auch uns um Alltag,
blass bürogehetzten,
dann trosterfüllt herum zu schlenzen.
Der zwingt,
dass man sich Apparaten:
Technoläufen unterstellt,
vertieft in Zahlen,
Summen,
Kurven und in Daten,
von Fax und Telefon
und dem PC umstellt.
Ich weiß indes,
das ist der Lauf der Dinge.
Und akzeptiere es zum eignen Wohl.
Man darf nun mal,
will man sozial bestehen,
ihn keinesfalls missachten.
Doch hab ich Zweifel,
dass das weiter mir gelinge.
Lockt doch sofort der andre Pol,
dies wunderschöne Grundgeschehen,
in dir mich,
Welt entpflichtet,
leibfromm zu umnachten.

Gedicht betreffend die hilflosen Funktionseliten (10/45)/Sonett

Gemeint sind die, die Macht und Einfluss haben:
Die Wirtschaftsbosse und die Exponenten
der Volksherrschaft, die Tugend propagieren,
indes verdrängen müssen, sich verbrämen,
dass sich da mehr und mehr fanatisch laben:
Sich brunftmotorisch von sich abzuwenden
behelfsorgiastisch sich zu inszenieren
und dabei kultclownesk auch zu entschämen.

Das ist nicht gut für eine Volksherrschaft.
Sind jene doch politisch impotent:
Sind Infantile ohne Selbstwerthaft ...
Als solche aggressiv-anomer Trend
und Spaßverzückte ohne Urteilskraft
begrifflos traumvertaumelt dekadent.

Sinnieren über unser Dasein (10/46)

Ich kann nicht sagen, was es war.
Ob sich’s gelohnt hat oder eher nicht.
Zumal ja meistens war noch nicht mal klar,
ob’s habe überhaupt Gewicht.
So was wie eine Einheit zeige:
Ziel-, Zweckverläufe, eine Endabsicht …
Ich selber glaubte nie, das sei der Fall.
Doch dass wir Lebenslügen brauchen,
es glimpflich zu bestehen.
Dass müssen täglich wir zurecht es stauchen,
um, was es ist, zu übersehen.
So dies, dass Sinn es schon gleich gar nicht trägt,
es, oft uns drückend, leer verrauscht.
Ein Zufallstorpor*, der sich unentwegt
als Stoff mit Zeit hin zu Verfall austauscht.

*Torpor: Stumpfsinn, Trägheit, Schlaffheit

Geistige Selbstschaffung (10/47)/Sonett

Ich werde mir, indem ich mich erschaffe
durch Worte, die ich zu Gedichten füge.
Mich in Bedeutungsfetzen dann zu träumen.
Der Welt entronnen für ein paar Minuten.
Es ist nicht deutlich, was ich da erraffe.
Vielleicht nur eine subjektive Lüge.
In ihr mich dann dagegen aufzubäumen,
dass man als Geist sich kann doch nur vermuten.

Mich los indes als Körper und Kalkül,
als Vorteilsjäger planer Alltagsblässen,
nicht Markt verfügt: Sozialem Triebgewicht …
bin ich ihm nahe, diesem Schlüsselziel:
Mich Worte setzend geistig zu ermessen,
dann Selbst zu sein in des Gedichts Asyl.

Frühmorgens noch allein im Büro (10/48)

Frühmorgens. Sommersonnenflut.
Noch bin ich allein im Büro.
Auf dem PC-Schirm lese ich
eine Direktive der Verwaltung.
Ich lasse sie vorerst auf sich beruhen
und gebe mich der ungewohnten Ruhe hin. 
Und welch unerwartetes Glück
lässt diese Freiheit von Artgenossen,
Kleinkram-Despotie und Routine
lockernder Reflex-Erotik aufscheinen:
Entlastungsgeborgenheit deutet sich an.
Gar über all das hier hinaus:
Intellektwelt, lenkend durch Technik
und bannend in den Dschungel
ökonomisch kommandierter Entwesungskommandos:
Sich verlieren zu müssen
an diesen apparativ diktierenden Kosmos
mammonfunktionaler Allverfügbarkeit,
der man definitiv nicht entrinnen wird,
schon weil man nur auf ihrer Grundlage
seinen Lebensunterhalt täglich sichern kann.

Durchphantasiert (10/49)

Hab immer nur gewildert,
im mainstream-Chorus mitgetönt.
Mich selbst bedarfsbebildert,
die große Show als Gut geschönt.
Wohl wissend, dass da nur noch walte
der Zwang zu Spaßzufuhr.
Sich grölt da eine seelenkalte
Erlebnis-Masse in die Diktatur.
Ein Kindertross von Einsichtslosen,
Verzückungsgram ergeben,
Gewissensbeute toter Posen
und indolentem sich Entschweben.
Das Glück ist fort,
ging an sich selbst zugrunde.
Ist nirgends, überall, vor allem dort,
wo’s zündet selbst sich jede Lunte.
Das wusste ich und mimte mich
als Teil und Büttel dieser Droge,
Ersatz-, Kalkül- und Täuscher-Ich
auf ihrer Nihilismus-Woge.

Nur Stoff-Gedicht (10/50)

Wir müssen das nicht überleben,
was wir da gierblind
angerichtet haben.
Doch ich verstehe es,
dies Kreaturen-Streben,
die plane Sucht nach Daseinswaben,
wie Sinn,
Erfolg …
Kurz: Dauerfülle,
die uns als Glück gelinge auch.
Indes gibt’s dieses nur als Einsichtsstille.
Ansonsten ist es eines Traumes Hauch.
Was immer sei,
bedrücke,
drohe,
sogar erhöhe selbst …
Wir sind sein Gipfel nicht,
sind weder Gott- 
noch Geistes-Lohe;
sind allenfalls misslungnes Stoff-Gedicht.

Trostdroge (10/51)

Getrunken habe ich schon viel zu viel.
Ich schätze mal: Zwei Flaschen.
Auch zu ertragen dies absurde Spiel
von Habsucht, Niedertracht und Dauerhaschen
nach angenehmen Nichtigkeiten.
Nach allem überhaupt, was lösen kann,
ins Zweckenthobne leiten.
Zertrümmernd Ich- und Fakten-Bann.
Soll ich mich schämen? Mir’s verdenken?
Indes ich frage mich, warum?
Ich brauche Trost. Und den kann nur noch schenken,
was Einsicht blind macht und die Worte stumm.

Gedankenfetzen-Husch betreffs schon oft bedachter evolutionsbiologischer Gegebenheiten während der Beobachtung reger Parteienwerbungs-Betriebsamkeit auf einem kleinstädtischen Marktplatz/Anlässlich einer Landtagswahl (10/52)

Stadtmitte - Wahlen stehen bevor -: Demokratie-Lobpreisung.
Jede Partei beansprucht die Demokratie als höchstes Gut für sich, 
versichert, sie zu repräsentieren, zu schützen, 
zu stärken, zu ehren und ausnahmslos umzusetzen.
Die Helfer*innen bemühen sich redlich, ihre Partei 
diesbezüglich herauszuheben, indem sie auch von Freiheit,
Würde, dem Selbstbestimmungsrecht, der Vernunft und 
der Unantastbarkeit individueller Daseinsausrichtung sprechen.

Ich selbst beteilige mich nicht an dieser Diskussion,
weil ich mich nicht dem politideologischen Furor 
all dieser leidenschaftlichen Demokraten aussetzen will,
etwa die Frage stellend, ob denn eine Überflussgesellschaft
auf Dauer(!) demokratisch sein könne; lenke und präge sie doch
das Bewusstsein der Menschen - müsse das - in ihrem Sinne,
indem sie es vereinheitliche: gleichschalte, geistig enteigne, 
auf Effekte, Reize, Emotionen und Affekte konzentriere,
ihm eine nur die Marktinteressen fördernde Ideologie aufdränge:
Dass sich selbst konsumieren: sich erleben, genauer: ausleben 
das höchste Gut sei: Als Spaßvollzug, Selbstentfesselungsrausch, 
Pleonexie, ja gar: als Verwahrlosungs- und Belämmerungs-Narzissmus.

Absurd, falsch, oder gar versteckt demokratiefeindlich-arrogant,
wäre diese Frage nicht, besonders dann nicht, wenn man weiß,
welcher individuellen Voraussetzungen es bedarf, um so etwas 
wie Demokratie, eine Eliteverfassung, möglich zu machen:
Realitätssinn z. B., geistig tief begriffene Lebenserfahrung, Sachlichkeitswille, Selbstabstandsfähigkeit: 
Radikale Redlichkeit sich selbst gegenüber, 
um auch andere vor einem selbst beschützen zu können und: zu wollen;
Freiheit von Arroganz, Narzissmus, Selbstdarstellungs- 
und Macht-Sucht.
Dann - vor allem - Einsicht in die tiefe Widersprüchlichkeit menschlicher Existenz: 
Sie kann ohne Lebenslügen, Illusionen, Bedarfsfiktionen (Werte)
nicht annähernd gemeistert werden, zumal unsere Existenz dauerprekär:
unserer eigenen Irrationalität, unserem Eigensinn … einem Determinismus ausgesetzt ist, den wir uns verbergen müssen, 
um nicht zu verzweifeln.
Verdrängen müssen wir zumal auch dies, dass wir hinfällig und sterblich sind,
eigentlich nichts anderes als Zeit, Verfall und Tod. Und auch dies müssen wir uns verhehlen: 
Die absolute Nichtigkeit unseres Daseins in einem ebenfalls
sinnfreien Kosmos (aus dem wir, ihn rational entschleiernd, Gott vertrieben haben). 
Und: Dass wir lebenslang völlig allein sind, eine Tatsache, die man am besten dauerverdrängt, anstatt zu versuchen, sie zu überwinden.

Indes: Wer vermöchte all dem Genüge zu tun? Ich meine nicht abstrakt verbal, sondern durch sein Handeln. 
Und wenn es jemand könnte - Frau oder Mann -
verfiele sie/er dann nicht dem Neid, gar dem Hass derer, die das nicht vermöchten? 
Im politischen Bereich wäre damit indes zu rechnen: 
Das Schlüsselgut „Macht“ 
(die einzige Möglichkeit, sich die eigene Mittelmäßigkeit, Ich-Schwäche, Endlichkeit und objektive All-Nichtigkeit zu verhehlen) treibt dazu an: Es tobt als Selbstverhalbgottungsantrieb in uns allen … weit stärker zuweilen noch als Sexsucht.

Für mich ist die Antwort diese: Niemand. Warum nicht? Wir sind darauf angewiesen, uns unsere Wesenskomplexität mit Hilfe von massiv verlogenen Bedarfs-Fiktionen (Werten) zu verhehlen.

Berechtigte Kritik (10/53)

Lassen Sie doch endlich Ihr Gerede!
Zumal sie permanent nur die beklagen:
Die Seins-Last Ihrer Dauerfehde
mit geistlos dekadenten Spätzeitlagen.

Die deutsche Lage 2026 (10/54)

Politisch Unbegabte richten es zugrunde -
Ideologen, Wortverdreher und Korrupte -
dies deutsche Land der Freizeit- und der Urlaubs-Frommen,
erpicht darauf, sich spaßerfüllt zu inszenieren,
sich zu erleben als der ideale Kunde,
dem Selbstkonsum sich als das höchste Gut entpuppte,
geeignet, seinen tristen Lagen zu entkommen,
die wiesen aus ihn als ein fremdbestimmtes Gieren.

Indes: Er kann sich gar nicht mehr dagegen wehren:
schon lange lenken ihn der Technik Neuerungen,
die ihn verknechten, psychoethisch hilflos machen:
Er muss sich, grad weil ichsuchtlüstern, selbst entbehren,
soll heißen: fühlen sich als angepasst gelungen.
Wiewohl substanzverdinglicht Sache unter Sachen. 

Individuelles Pech als Chance, Daseinswürfelei und Dank an die 
liberale kapitalistische Gesellschaft der Gegenwart (10/55)/Sonett

Krankhafte Indolenz: Soziale Apathie …
vertraut geworden mir von Kindesbeinen an.
Weshalb auch Einsamkeit und Leere enden nie:
Zumal ich gar nicht mehr auf sie verzichten kann.
So denn am Rande lebe seltenes Was und Wie.
Vermeidend Selbstbetrug, vor allem Waren-Bann,
kurz: alles, was nichts ist als Zeitgeist-Agonie:
Bewusstseinssteuerung, die’s Ich im Kern gewann.

Und doch verdanke ich das meinen Artgenossen,
die sich erleben wollen, also: konsumieren.
Für die das höchste Gut ist, Wohlstand sich zu raffen.
Und der, nur der, erlaubt mir, dass ich still verschlossen,
mich zu mir selber geistgeborgen darf verführen …
Darf marktbehütet Marktzwang mich verweigernd schaffen. 

Vor allem dies (10/56)

Geschrieben hab ich … und geschrieben;
und dabei stets gesagt, was Sache ist:
Dass man ein Leben lang wird umgetrieben
von Zeitgeist, Warengier, Verfall und Frist;
dass man nichts weiter ist als Geltungssucht,
als ichschwach-arroganter Dauer-Kunde,
der, drehend stets nur seine eigne Runde,
ist ängstlich vor sich selber auf der Flucht,
verfallen Einsamkeit und Marktnorm-List,
sich mammonhörig sinnlos selbst zu lieben
als spätzeitrationale - toter Seele - Wunde.

Versimpelungs-Trost (10/57)

War nie links/rechts,
nie oben/unten.
Geb vielmehr zu -
ganz unumwunden -,
dass ich das stets 
als primitiv ansah:
Als schier entlastendes 
Affekt-Manna
für Leute, 
die so Simples brauchen:
Orientierungslosigkeit 
zu stauchen,
Begriffsarmut 
und Angst 
zu stunden …
indem sie 
leere Worte hauchen. 

Zwangsnegative Spätzeit-Dialektik (10/58)/Sonett

Zuweilen drängt es mich, von hier davon zu laufen.
Weil Lügner doch und machtbesessne Dilettanten,
Ideologen auch und Würdeschein-Sophisten
zuletzt das ganze Land zu ruinieren drohen:
Ein hochmodernes Land, in dem man Sinn muss kaufen,
in dem auch immer mehr so in der Gosse landen,
in dem man ständig muss sich mit sich selber brüsten ,
um sich als Marktmonade scheinbar zu befrohen.
Ein Faktum, rationihilistisch nicht zu meiden;
das heißt, dass niemand schuld dran ist - zumal nicht frei -,
dass wir uns psychoethisch-kulturell entgleiten 
in eine Zukunft hochsubtiler Barbarei.
Weshalb ich Deutschland gönnte, sich noch mal zu rüsten
mit tief verdrängungseffektiven Wohlstands-Lohen.

Simpler Kommentar zu „Zwangsnegative Spätzeit-Dialektik“ (2) (10/59)

Der Mensch wird fort sein: seelisch-geistig tot.
So freilich dann auch nicht mehr dies gewahren:
Das Ausmaß seiner anonymen Wesens-Not …
Sich Ding und Tier auf einem lecken Boot.
Wer weiß, wohin … von aller Sehnsucht leer.
Auch nach sich selbst der: sinntiefgottesschwer. 

Depersonalisierungszwänge (10/60)

Nicht kann man mehr dem Weltgeschehn entrinnen -
es flutet permanent die news-Kanäle -,
wird überhaupt beständig von sich abgezogen,
sei’s von Reklame heimgesucht, sei’s Sensationen
wie Sport, Produkt-Magie und Sex; 
dann stimmungslenkender Belämmerungs-Musik;
etwa am Telefon und dann in Einkaufsläden.
Man wird gewissermaßen sanft verführt, 
sich selbst zu narren durch gezielte Selbstaufgabe …
Wird, kurzum, seiner selbst benommen,
zum Spielball einer Reizkaskade,
die einen geistig von sich selbst abziehen,
beglücken soll dann durch gezielten Selbstverlust,
heißt: machen soll zum Zeitgeist-Exemplar, 
identitätslos fad und austauschbar, 
zum Konsumenten ihm diktierter Emotionen …
zu einem Dasein ohne subjektive Zwecke:
Das schamlos-aggressiv ist: Lügeneinerlei,
Konsumdiktaten nahtlos immanent.
Denn sie erzwingen, dass man sich ein Kultknecht sei …
verdinglichungsverwahrlost von sich selbst getrennt.

Gedanken über die Gegenwart Deutschlands 
und die seiner Sprache (10/61)

Ein Grundgesetz, ideologisch unterwandert 
durch diese ominöse Würde,
die rechtlich nur ein leeres Wort bedeutet,
so perspektivisch nur zu deuten ist. 
Ein Staat, längst Beute von Partei-Figuren,
die gar nichts können, ja: noch nicht mal dies.
Ein Volk, auf Freizeiträusche aus, 
ja: Urlaubs-Messen, die, hedonismusmystisch tief,
die Köpfe mehr beherrschen als ein Krieg.
Dann die Gesellschaft, die zerfallen ist,
die keine Einheit bildet, ganz im Gegenteil:
Sie wird die Folgen ihres Wert-Narzissmus
und ihrer Wirklichkeitsverluste,
die Konsequenzen ihrer Missdeutungen nicht mehr los,
die faktisch so stupid-naive Pfaffen-Säuselei.
Die Wirtschaft schwächelt und die Schulden steigen,
es stehen schwierige Reformen an …
Indessen stellt man, als sei es selbstverständlich,
die eignen Interessen übers Ganze:
Man will die Macht um jeden Preis, 
wofür man lügt, verrät und phrasenhalbstark plappert.
Die Amoralität ist längst vollendet.
Das Ganze wird narzisstisch ruiniert ….

Deutschland, Deutschland … nun: verflache!
Es wird dir auch nichts andres übrig bleiben.
Du bist doch nur noch eine Phrasenlache,
die sich als solche wird und muss zerreiben.

Du selbst, da bin ich ehrlich, bist mir längst egal.
Das war mal anders rum, war mal das Gegenteil.
Inzwischen bist du oben geistig tot und schal.
Ansonsten unten immer öfter Armut feil.

Indes ich deine Sprache über alles liebe.
Und um die geht’s mir, die allein:
Die lässt vergessen mich all deine Tagediebe,
zumal dein lächerlich-vermessnes Sein.

Sie hilft mir, deinen Niedergang zu deuten 
und deine Scheinmoral zumal zu tragen;
dass du dich selbsthasssüchtig wirst vergeuden;
auch weil dir weiter schönen deine Lagen.

Du Land der daseinsfeigen Staatsschauspieler,
der Geldwertknechte und der Herzenskalten,
der geistig schlichten Ideal-Anwühler …
wohl außerstande, selbst sich zu gestalten. 

Faktenfluss (10/62)

Was du willst, kann ich nicht bieten:
Glücke und Geborgenheit,
Halte gar und irgend Treue.
Sehe ich doch all die Nieten:
Niedertracht und Psychenleid,
jeden Tag aufs Neue.
Nicht dass sich da Schuld entfalte,
zeige sich ein freier Wille.
Hier diktiert der Faktenfluss,
dieser unbarmherzig kalte …
Zwingherr subjektivem Muss …
Ein Verdinglichungsbescheid,
sich vor gar nichts mehr zu hüten:
Sich zu werfen vor die Säue.

Tatsachen, Gedanken und Eingebungen (10/63)

In einer warendiktatorisch-schundbesetzten Zeit,
will ich mich wappnen gegen deren Lusttiraden,
weil ich begreife deren Selbstentfesselungs-Bescheid
zu einem Sklavenleben ohne Zweck-Leitfaden.

Indes es kann - das weiß ich auch - kein andres Leben sein
als dieses gleichungs- und verfahrenstechnisch hochabstrakte.
in Zahl gebettet, Ichsucht, Schein
und gelddiktiert gelenkte Akte.

Wir sind nun mal Natur entlaufen:
Geniale Techniker , substanzbegabte Selbst- und Welt-Ausdeuter.
Indes tatsächlich nur Quarks-Elektronen-Schlaufen,
uns also unverfügte Stoffzwangschleuder.

Zumal affektverknechtete Bedürftigkeit,
der’s um sich selbst, nur um sich selber geht;
dies muss, weil der Komplex von Macht, Verblendung, Gier und Neid
im Zentrum unsres Strebens steht.

Auch sind wir potentiell Vernichtungswille:
Uns treibt’s, zu unterdrücken und zu überragen.
Auch weil wir sterben müssen, lassen alle Fülle,
was keines von uns Tieren kann ertragen.

Und ob sich’s lohne oder nicht,
das fragt sich niemand, der nach Glücken jagt.
Er tut’s mit aller Lebensgier Gewicht.
Und fährt auch dann noch fort, wenn es sich längst versagt.

So muss man selbst sich sein Marionette,
was radikal indes man muss verdrängen.
Als ob man nicht einst gehe ein in letzte Stätte,
sich aufzulösen in der Sande Mengen.

Indes mir selbst war’s lebenslang bewusst 
- ist’s Trost doch auch; man sage, was man will -,
dass enden werden Trug, Versagen, Selbstverlust
in einem Augenblick, für immer still.

Es ist nun mal der Lauf der Dinge,
den zu bestimmen wir nur glauben können:
Es ist nicht möglich, dass uns dies gelinge,
ein sinnerfülltes Dasein uns zu gönnen.

Einsamkeit (10/64)

Mein ganzes Leben lang war ich allein.
Und dies schon in der Kindheit Frühen.
Für mich bedeutet Dasein einsam sein:
In Sehnsucht- und Phantasmen mir verblühen,
vergehen mir in Trancen und in Träumen,
den kruden Fakten zu entrinnen, 
um mich in Lebenslügen zu versäumen, 
ein leeres Selbst mir so zu spinnen.

Kein Wunder also, dass ich weiß zu greifen,
was Sache ist in diesem Leben:
Auf Wert, Moral, Bedeutung, Zweck zu pfeifen,
um mich ins absolute Sein zu heben,
in dem die Dinge sich als Agonien keifen.

Wer einsam ist, der mag gar weise sein,
wird wissen: Menschliches ist meistens Schein,
ist schäbig oft, ist oft Betrug …
Als Folge auch mal von Verzweiflungs-Zwang;
so allenfalls gemeinter Wertbelang,
der lügenlistig ins Bewusstsein schlug.

Künstliche Intelligenz (10/65)

(1)
Der Mensch ist unentrinnbar Perspektivenknecht:
moralisch, kratisch, geistig und sozial,
ist evolutionäres Trance-Geflecht
mit seinen Artgenossen … alle Wesensqual
von Hinterlist, Betrug, Angst, Macht und Gier.
Soll heißen: unfrei - weder gut noch schlecht -,
verwoben in abstraktes Selbstsucht-Wir,
in dem dann ausgeliefert einem Rang-Gefecht
und also Perfektions-Hoffnungen …
Auch wenn er technisch für sich Großes schafft,
was er ja muss, weil so nur überleben kann.
So fühlend sich als Halbgott gar gelungen,
der auf sich selber als Vollendung gafft
und so vergisst, dass er ist Hyle-Bann.

(2)
Wir sind das nicht: vernünftig, rational, moralisch, frei;
sind vielmehr widersprüchlich und verblendungssüchtig,
affektverworren drastisch würdelos: 
oft ichsuchtlüstern, neidisch, hasserfüllt …
ein Wesen, selber sich notwendig Knecht. 
Und dies ein ganzes Leben lang.
Von Werten übertölpelt, 
Ängsten heimgesucht,
nicht selten fasziniert von Barbarei.
Mitnichten fähig, selber sich zu führen,
so dass es wüsste, was ihm widerfährt:
Dass etwa Fakten zu ertragen, 
es außerstande ist … ein Träumer so, 
betört von Wirklichkeitsverlusten.

(3)
Was könnten sein für es* die Folgen der KI?
Sinn-, Welt-Verlust, Orientierungslosigkeit?
Ist sie primär doch Arbeitsplatzvernichtungs-Industrie,
so also Quelle auch sozialer Apathie,
auflösend Halte, Zuversicht und Selbsteinheit.
Und provozieren dann die tiefre Anarchie?
Die des Gewissens, der Gesellschaft und 
die einer absoluten Staatsgewalt,
für die’s nur geben kann Verfügungsmassen 
aus geistig toten Leibgefügen …
Als Potential verfügt den technisch-intellektuellen Assen,
sich in Vollendungs-Suggestion zu wiegen …
in typisch machtnarzisstisch primitiver Ungestalt?
Soll heißen Arroganz, Verachtung und Gewalt …

*es = das Wesen Mensch

(4)
Verfügt gesellschaftlichem Selbstentfremdungs-Zwang,
muss man sich jetzt schon inszenieren.
Was heißen soll: Sich als Person aufgeben.
Als diese nämlich ist man kaum noch von Belang.
Man zählt als Kunde, den man muss verführen,
zieht seinen Marktwert aus der Art, sich zu erleben,
ist sich Konsumpotenz als Ichsucht-Drang.
Was dann vollenden wird vielleicht KI:
Den Menschen als vereinsamt-hilflos-wirres Wie.

Grundsätzliche Perspektiven (10/66)

Es ist der Zwang der Mittelmäßigkeit,
der Arroganz und Machtgefangenschaft,
der Selbstverkennung als Narzissmus-Fluch,
des Innenweltzerfalls in einer Zeit,
die Show und Trance gedungen 
hat nicht mehr die Kraft,
zu lesen aus der Fakten Buch:
Dass sie sich selbst entgleitet,
nicht mehr greifen kann,
dass sie in Illusionen sich ergeht,
an längst verspielten Werten leidet,
naiv vertraut auf einen Fortschrittsbann,
in dem sie wirklichkeitsverlustig dann
Desorientierung, dann Gewalt verweht.

Gegenwartspsychischer Widerspruch (10/67)/Sonett

Nicht grade selten doch bemühter Steuerzahler,
halte ich zudem aus auch Gauner und Banditen,
die Schutzbefohlnen hiesiger Sozialpropheten,
Ideologen und Gewissens-Simulanten.
Indes die Mittel so manch Deutscher werden schmaler. 
Hier handeln Wirklichkeitsverweigerer, entglitten
sei’s Rechtsstaat, Faktensinn, sich selber anzubeten
als Avantgarde humanitärer Tugendgranden.
Indes manch Menschen müssen sein Moralschauspieler, 
sich ängstlich ihre Widersprüche zu verhehlen:
Sie brauchen Selbstwert-, Macht- und Anerkennungs-Räusche.
Was sie lässt werden letztlich dann auch Unterwühler
von Sachlichkeit, um sich aus Einsicht fortzustehlen,
auf dass Narzissmus sie als Ich-Grandiose täusche.

                                 *

Wenn wir so weitermachen wie bisher
- und die Gefahr, dass wir es tun, ist groß -

Endgültiger Niedergang? (10/68)//(10/69)/Sonette

Es ist nicht leicht, die Gründe zu benennen,
warum man diese Frage stellen muss.
Da schwelte jahrelang schon ein Verdruss,
den heute viele als Bedrückung kennen
als von Politversagen nicht zu trennen:
Realitätsverkennung, Machtgenuss 
und: Theologenpathos bis zum Schluss.
Was sich nur fassen lässt als Weltverkennen.

Es gäbe vieles andre noch zu deuten:
Narzissmus, Arroganz und Psychenkälte,
die keinerlei Betrug und Starkult scheuten,
will man begreifen, was vielleicht in Bälde
für uns dann könnte heißen: Selbstvergeuden,
so dass uns menschlich gar nichts mehr bezelte.

2
Kapitalismus? - Autodestruktion.
Politisch, psychoethisch, kulturell.
Der Technik-Fortschritt ist davon ein Quell. 
Weil der schafft geistiger Verarmung Mohn.
Die Menschen werden sich zur Attraktion
als Körperwaren-Starsystem-Modell;
und das als dessen Abklatsch möglichst grell.
Kurzum: Der Einzelne wird Zeitgeist-Klon.

Weshalb ich glaube, dass der Niedergang
der Volksherrschaft ganz unvermeidlich ist.
Es wohnt derselben inne doch der Zwang,
- und nicht der Zwang nur; auch die stumme List -,
dass man sich selber nur noch ist Belang ….
verwahrlost seelisch tot sich selbst vergisst.

(10/70) 

Glauben Sie, dass ich’s verstünde 
- fassen könnte allumfassend -,
warum oben die versagen,
selbst verspielen ihre Pfründe,
ja, gar ihre Macht zerstören?
Freilich muss es geben Gründe
- Unvermögen, Arroganz,
dann narzisstische Verblendung,
die einhergeht mit Verkennen 
ihrer selbst als kleine Seelen,
nicht mal fähig noch zur Sünde -
Sicher sind sie Zeitgeistknechte,
kurz: politisch impotent,
Tugendmimen, Scheingerechte,
menschlich also insolvent,
Staatsschauspieler ohne Geisttalent …
Zum Verfallsbegehren passend,
womit Deutsche sich so quälen:
Weltgeltungs- und Selbsthass-Kranz.

Realitätssinn (10/71)

So gut (materiell) ist es mir gegangen 
in den letzten sechs Jahrzehnten,
dass ich die Belämmerungsdespotie 
der scheinbaren Beliebigkeit
konsumkapitalistisch geprägter 
Innenwelten hinzunehmen und 
hochzuhalten ohne Wenn und Aber 
unbedingt bereit bin. 
Schon weil es keine 
Alternativen dazu gibt:
Weder Gott, noch Vernunft,
noch Ideal. Schon gar nicht
eine diktatorisch-barbarische 
Staatsmetaphysik einer
pseudoheroischen 
Vollendungsbarbarei.

Und dann vor allem auch,
weil sich mein Pessimismus,
ja: sogar mein Nihilismus
immer wieder bestätigen:
Wir kommen noch nicht einmal
mit unseren Wesenswidersprüchen
auch nur annähernd zurecht
- etwa Selbstentfesselungszwängen,
Triebdiktatur, Geltungssucht, 
der Gier, andere zu überragen,
neurotischen Anfällen von 
Hypermoral, die, umgesetzt,
in Geheimdienstzellen endete usw. 
Kurzum: Wir sind ausnahmslos
selbstverfügungsunfähig.
Und können uns das nicht zugeben,
weil wir es nicht ertragen könnten,
also immer angewiesen sind 
auf ein beschönigungsfalsches
Bild von uns, ohne welches 
- mit den Tatsachen konfrontiert -
wir in Selbstwertzweifel, Ängste,
Hass, Wut, Neid: Affekt-Verwirrungen, 
ja gar Selbstmordanwandlungen 
unweigerlich getrieben würden.

Angesichts dieser Umstände ist mir
die gängige konsumkapitalistisch-
hedonistische Selbstdeklassierungsorgie
und die Reduktion der Individuen 
zu gleichen austauschbaren Marktmonaden
viel lieber: Erlaubt sie es doch, sich um
die eigene Erbärmlichkeit herum zu spaßen:
Und zwar schuldlos: Das System greift 
bis in die tiefsten Daseinsschichten.

Zumal die KI in den nächsten Jahrzehnten
mit einer noch halbwegs fassbaren Wirklichkeit
Schluss machen wird: Der heutige Konsument,
abgerichtet auf Selbststeigerungsglückseligkeit, 
wird ersetzt werden durch einen wirklichkeitsverlustig
auf sich selbst zurückgeworfenen, orientierungslosen
Systemknecht, der sich, um überhaupt noch 
psychisch überleben zu können in seine Knechtschaft 
wird fügen müssen, denn außerhalb dieser würde er,
Verfügungskörper, sich hoffnungslos verlieren.

Wahrscheinlich zutreffende Zukunftserwartungen (10/72)

Allzu lange hab ich nicht mehr;
ein paar Jahre vielleicht noch,
dann werde ich, seelenloses 
Materiegefüge, mich auflösen -
ob in einem Grab oder - was ich vorzöge -
als vom Wind über die Krumenhalden
gefegte Asche.
Dass ich sterben möchte, kann ich 
freilich nicht sagen. Denn: Man kann 
nicht sterben wollen; weil, will man 
sterben, nicht begreift, dass das ein Schrei 
nach Weiterleben* ist: Selbstsuchtzwang.
Fakt ist, dass der Tod keine Strafe ist; 
umgekehrt: Er schafft vollendete Erlösung,
Erlösung von sich selbst, dieser Welt,
einem nie ganz gelungenen Leben,
der Gesellschaft und von einer Zukunft,
die die Individuen einer perfekten Entwirklichung,
also Haltlosigkeit, despotischer Knechtschaft
und bedrückender Orientierungslosigkeit
aussetzen wird …

Was mich anbelangt, so will ich schlicht 
nicht mehr erleben, wie sich die Halt-,
Zweck-, Sinn- und Glücks-Illusionen
dieser konsumdiktatorischen Dauerfarce 
und die Intellektuellenträume einer 
versimpelungslüsternen Aufklärungsnachhut
in Nichts auflösen werden … angesichts 
doch wahrscheinlich hochproblematischer 
Zukunfts-Lagen: KI-Knechtschaft, Despotismus, 
Kriege … 

*Ein Gedanke von Albert Camus, falls ich mich
richtig erinnere; ein Gedanke, der richtig ist.

Die Tragik des Tieres Mensch (10/73)

Was sollte ich meinen Artgenossen 
denn ankreiden?
Sind sie doch, wie ich selbst auch,
stofflich allbestimmte Sklaven ihrer selbst, 
tatsächlich schuldlose Zufallswürfe
der biologischen Evolution.
Indes dies begriffen habend,
muss ich, anders als an Freiheit,
Vernunft, Würde und Moralität 
glaubende demokratische Optimisten,
auf ein nicht ideologisch unterwandertes
Rechtssystem bestehen, 
denn bändigt man den schuldunfähigen 
Homo sapiens nicht,
wird er, der hyperrationale und geniale Techniker,
unweigerlich sich selbst vernichten.
So sind die Fakten: 
Sie fordern Wahrheit, Einsicht, Geist,
Mitleidsfähigkeit und Seelengröße … 
und: Den unbedingten Willen,
sich selbst als determiniertes Versagen 
zu begreifen.
Und dann mag auch so was wie Demokratie
möglich werden, indes ich das,
so wie das Suchen nach einem Sinn,
für eigentlich illusorisch halte,
es sei denn, wir fänden vielleicht, 
warum auch immer, 
von irrationaler Hoffnung 
oder auch Furcht vor unserer maßlosen
Gewaltsucht getragen, heim zu Gott,
der uns durch den Glauben an ihn 
allein so etwas wie Sinn 
gewähren könnte.
Wir selbst vermögen das 
definitiv nicht.

Rückzug nach innen (10/74)

Endlich kämpft sich der trübe Herbst durch.
Die Welt wird leiser, leerer, geheimnisvoller.
Die Tage trauern sich regenreicher vorüber.
Und immer früher wird der Abend dunkler. 
Unwillkürlich nimmt man auch sich selbst zurück.
So wie etwa auch die erotisch völlig reizlosen jungen Frauen
ihre knappe Sommerkluft durch Winterkleidung ersetzen.
Und schon beginnt die Haut jeden Wärmestrom
als taktile Geborgenheit an das Gehirn weiterzuleiten.

Überhaupt nutze ich selbst jede sich bildende Nebelschwade,
Wolkentristesse und sie begleitende Stürme dazu aus,
das trostlose Dahinleben konsumtiv erschöpfter Intensität 
zu durchbrechen, um mich der spätjahrfantastischen Faszination 
des Herbstes hinzugeben.

Und ich denke zurück an die Kindheit: Stadtmauergespenster 
fürchtend, etwa die „Geisenhaut“ (Pfälzisch: Gääsehaud“), 
eine Gestalt, die, angeblich in ein Geisenfell gehüllt, die, 
so erzählten es erwachsene Dorfbewohner, durch die engen 
Gassen an der Stadtmauer schliche, um uns Kinder, die glaubten
ihrer ansichtig geworden zu sein, in Angst und Schrecken 
zu versetzen … überweltlich-märchen- und geisterhaft ihre 
Vorstellungskraft beschäftigend.
Ich denke an die faszinierend fahle Straßenbeleuchtung, 
besonders wenn sie auf eine geschlossene dünne Schneefläche fiel 
und deren makellos glatte Reinheit sehen ließ, eine Reinheit, 
unberührt von menschlichen Tritten, die sie sozusagen würden 
entheiligt: profaniert haben.
Dies Dorfwelt, durchzogen noch von mittelalterlicher Irrationalität, 
prägte mich tief. Wie oft hielt ich murmelnde Zwiesprache mit Gott; 
wie oft zog ich über die Felder, um auch ins Weltlose abzugleiten: 
Striche in den Sand eines Feldweges ritzend, auf dass ein starker Wind 
sie wieder zerwehe. Eine freilich längst verschwundene Welt 
Gott vertrauender Naivität, gebannter Geborgenheit, Phantasie 
anregender Einsamkeit und einer stillen Unberührtheit einer 
traumschwer berührenden tranceexistentiellen Ungreifbarkeit.

Diese kindlich wunderbare, von menschlicher Unflätigkeit unbesudelte,
metaphysisch bereinigt bergende Welt, die mir Seelenmitte war,
Trost und Zuversicht, Heimat und Daseinsschlüssel, Seinsgrund und 
Todesvertrautheit, diese Welt, gerade weil sie mir verloren ging, gerade
weil ich bis heute sie mir immer wieder sie erinnernd zurückhole, 
wieder in mir auferstehen lasse, um in ihren geistigen Gefilden mich selbst
als Kind wieder zu erfühlen, zu bedenken, zu erahnen, zu ersehnen, 
diese bäuerlich geprägte Welt unantastbarer Selbstverständlichkeiten,
ist zugleich die eigentliche Quelle meines radikalen Materialismus 
und noch exzessiveren Nihilismus, weil ich seelisch, moralisch und
gesellschaftlich bis heute in ihr verblieben bin, unfähig, sie zu verlassen,
wohl wissend, dass sie niemals wiederkommen wird, zerstört durch 
eine moderne, ökonomisch geprägte Welt fluchwürdiger Diesseitigkeit,
erbärmlicher Innenweltverkümmerung, menschlicher Verarmung, faktischer Gottlosigkeit und hündischer Freudlosigkeit … 

                      *

Einsam bin ich, heimatlos,
grad weil ich genau begreife,
dass die Welt von heute bloß
ist Verwahrlosungs-Gekeife,
Abgrund aller Seelengröße,
aller Menschlichkeit und Güte,
selber Fluch sich, Geistesblöße,
längst sich doch auch selber müde.
Selbstzerstörungslüstern schon,
auch weil Umkehr es nicht gibt;
längst ist fort auch die Person,
weil das Ganze haltlos kippt.
Und das war vorauszusehen,
als Fiasko früh zu fühlen.
Sind wir doch nun mal Verwehen,
können uns nur selbstfremd spielen;
seelenlose Körperdinge:
Quarks- und Elektronen-Masse,
selbst sich Lebenslügenschlinge:
Angst- und Barbarei-Gelasse.


 

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.