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Diese Seite enthält 69 Gedichte

Über existenzielle Undeutbarkeit (1/25)1

Alles flösse, heißt es dann und wann.
Das ist falsch: Die Kerne bleiben …
Bestehen bleibt der ganze Bann,
sich Organismus-Drangsal aufzureiben.
Sich Lebenslügen hinzugeben,
sei’s Niedertracht, sei’s Trauer dann;
vor allem Einsamkeit bedeutungslos zu leben.
Was man verdrängen muss
bis an den Rand der Frist …
Doch selbst sich Ich-Last
bis zum Schluss.
Ein Widerspruch,
der auch notwendig ist:
Heißt doch Bewusstsein,
perspektivisch streben:
Sich hilflos selber
blind zu hintertreiben.

Einsichtswege (1/26)2

Diese Zeit, in der ich lebe,
die der intellektuellen, 
rationalen Abstraktionen,
die der technischen Verfahren,
Formeln, Daten, Artefakte,
schafft zugleich die Seelenschichten,
leiblichen Bewegungsformen,
Denken, Fühlen, Wollen, Werten …
als gewissensarme Weisen
ständig um sich selbst zu kreisen,
auch, sich um sich selbst zu prellen,
hingegeben Spaß und Waren:
konsumtiven Illusionen.
Hingehauchten Tugendnormen
als verpflichtungslos kompakte
Kniffe, würdig sich zu werden,
ohne dass man danach strebe.
Ding sich, ohne zu begreifen,
dass kein Ich sich mehr kann streifen:
Unfrei, geistlos, gottfern bebe …
sich narzisstisch zu betonen.

Ohne diesen Geist/Sonett (1/27)3/Geist I

Was wäre ich geworden ohne diesen Geist:
Die Fähigkeit, mich von mir selbst zu distanzieren;
der Welt nicht ausgesetzt zu sein, sie zu betrachten
(wie sie an sich ist: undeutbares Zwangsgeschehen;
ein Intellektkonstrukt, sofern sie menschlich heißt),
mich in dem Machen von Gedichten zu verlieren,
der Wohlstandsmythen und des Zeitgeists nicht zu achten;
von Weltanschauungsutopismen abzusehen?
Ein Unterschichtenschatten: Adipöser Säufer,
der sich mit Hilfsarbeiten durchschlägt und Geschwafel,
am Rand sich drängelnd, weil in den hineingeboren;
ein bosheitskundig deklassierter Käufer
von Gram an irgendeiner Außenseitertafel,
Verachtung, Einsamkeit und Häme-Druck vergoren.

Sonett für Platon von Athen/ (427-347 v. Chr.)/(1/28)4/Sonett
(Vgl. Staat, VII. Buch, Das Höhlengleichnis) 

Wir werden immer in der Höhle sitzen
und immer nur auf nichts als Schatten sehen.
Uns werden immer scharfe Fesseln ritzen,
die sich um Hände wie um Seelen drehen.

Wir werden ewig Illusionen stützen
uns selbst verkennend so zugrunde gehen,
in jeder Stunde Niedertracht ausschwitzen:
Geist und Verfeinerung entgegenstehen.

Wir können gar nicht anders, eingebogen
gesellschaftlich-sozialer Despotie.
Auch außerstande, frei uns zu entscheiden.

Ein Leben lang von Du und Wir gezogen*,
von Formeln, Apparaten … der Magie,
sich als Entlastungshunger selbst zu meiden.

*Variante I, Zeilen 12, 13, 14:
Ein Leben lang von Du und Wir gezogen.
Von Eros, Glückssucht und der Idiotie,
wir könnten auch nur einmal selbst uns meiden.

Ein Gedicht (1/29)5

Nicht selten macht es sich von ganz allein,
ist gleichsam sprachlich autonom.
Ich kann da nur sein Stoffgrund sein:
Ein fügsam weltdurchsetztes Leib-Atom.
Das in es eingehn lässt dann seine Trauer,
die Innenweltgebrechen, sein Versagen.
Auf dass es schleife jede Mauer,
dies Gram-Nest Dasein zu beklagen.
Nicht weil sich jene Lasten mindern ließen -
Meint Weltverfügtheit doch notwendig Scheitern -
Nein, nein: Um Zwiegespräche geht’s in Selbstverliesen,
sich gegen jene geistig zu erweitern.

Materie-Morphe (1/30)6

Dem Geist allein nur
bin ich treu geblieben.
Indes: Was heißt das?
Außenseitertum primär;
und Unverständnis,
Einsamkeit und Schweigen.
Insofern ist es auch Tortur,
Entfremdung,
Abstand von dem Wie und Was
der Zeitgeistoptimismus-Mär …
Verachtung für den Großbetrug
kapitalistisch-rationaler
Wohlstandsreigen
und all der faden Wertvorlieben
als Reflexions-
und Wirklichkeitsentzug …
Und doch allein
der Weg zu sich:
Dem Hyle*-Sein,
sich Los als Zufalls-Ich.

*Morphe griech.: Gestalt, Form, äußere Erscheinung …
*Hyle griech.: Materie, eigentlich: ein Stück Holz; 
Aristoteles (384 - 322 v. Chr.) benutzte das Wort im Sinne 
von "Materie"

Rechtfertigung des Machens von Gedichten (1/31)7

Das ganze Leben macht in diesen seltnen Stunden,
da ein Gedicht gelingt, als Einheit Sinn.
Gedichte nämlich treten aus uns alle Daseinslunten.
Und selbst Gewissenlose weinen vor Gewinn.
Sie schießen in die Welt als Götterfunken
und lassen diese als den Ort erscheinen,
wo jeder träumt, beglückt erlösungstrunken,
er sei nun frei von Elend, Seelenqual, Verneinen.

Gedichte: Geistesmachtgefügen (1/32)8/Sonett
Geist II

Gedichte das sind Ordnungsmachtgefüge
als geistige Verfahren, Welt zu streifen
in träumerisch gewirkten Sinnkonturen,
die Chaos, ja selbst Nihilismus bannen.
Gedichte sind zumal auch Selbstbezüge,
geeignet, gar den eignen Kern zu greifen,
um zu entrinnen Organismusspuren,
die jedes Tier doch ihrem Druck einspannen.
So zeigen permanent sich dann die Wunden
von Weltgefangenschaft und Daseinszwängen,
in die man stoffversehrt ist eingebunden.
Es sei denn, dass da Schaffensgaben drängen,
sich abzuringen grambedeckten Stunden
und geistig aus Bedarf und Trieb zu sprengen.

Längst bemerkt (1/33)9

Faktisch einfach viel zu wach,
als dass ich nicht auch dieses sähe:
Dass geistig wir längst deprimierend flach,
gelangen mehr und mehr in eine zähe,
soll heißen: Doktrinäre Sicht.
Und demokratisch wär die nicht.*

*Variante/vorletzte und letzte Zeile:
"politmessianisch phrasenpralle,
phantastisch doktrinäre Sicht."

Dorfschatten/Für R. H. (1/34)10 

Gestammelt kindliche Geschichte:
Schon lange, lange her.
Verschwunden in der Dichte
der Jahre ohne Wiederkehr.
Und der ich einstmals sie erzählte,
nun, die ist auch nicht mehr.
Der Krebs, der sie so quälte,
warf sie ins Krumen-Meer.
Sie handelte von einem Sehnsuchtsleid,
bedrückend trauerschwer.
Noch heute glimmt ihr Daseinsscheit.
Macht mich noch immer trostlos leer.

Endzeitzüge? (1/35)11/Sonett

Ein Alptraumaufschein, Gnom und Psychenbiss …
Indes ich muss es offen eingestehen
- wiewohl ich nichts bin als nur Marktmonade,
ein Spielball einer Datendiktatur,
dem Kapital verfügt als Zaster-Riss,
als der ich muss mir ausnahmslos geschehen:
Von jenem kommandierte Zeitgeistschwade …
Entfesselte Verlassenheitsnatur -,
dass, wenn ich all das in Gedichte fasse,
es sich verwandelt mir in Geistsynthesen,
die’s mich begreifen lassen als Gefüge
biped* entfesselter Gehirnsackgasse …
Die uns dann einst wird rational erlösen
durch nihilismussanfte Endzeitzüge.

*biped = aufrecht auf zwei Beinen gehend, 
sodass die Hände von Fortbewegungsaufgaben befreit sind 
und sich somit - im Wechselspiel mit dem entsprechend 
wachsenden und progressiv leistungsfähiger werdenden Gehirn - 
immer weiter motorisch verbessern, verfeinern, entwickeln können.

Abwärtstrend (1/36)12

Das alles hier ist inhaltslos,
leer, trivial und ohne Tiefe.
Man tut zwar mit Geschwätzes-Kunde groß,
sich selber unbemerkte Daseinsschiefe.
Es ist der Wohlstandsjünger Selbstverzehr:
Kapitalistisches Verfallen.
Zwar brüstet man sich tugendhehr,
tatsächlich will man sich in Lüsten krallen.
So kommt das Ganze langsam runter.
Narzisstisch, gossengaunerhaft.
Man merkt so langsam,
dass das Waren-Wunder
Magie zwar spendet,
indes zerstört auch 
tiefe Einsichts-Kraft.

Medial-Mythologie (1/37)13

Gefühlsintensiv.
Auf allen Kanälen.
Effektgeiler Mief,
sich einzuschälen,
dem, was normal heißt:
Erregendem Sog,
der chronisch auf Markt weist,
verfänglichen Trog
des Kitsches, der Bilder,
der Lüste, der Phrasen,
gefangen im Filter
von Schund-Metastasen.

Geist III (1/38)14/Sonett

Sich selbst entzogen in die Bläuen starren,
Gedichte machen und den Wind belauschen,
befragen, was sich Antwort doch entzieht
und selbstvergessen mittags Sterne zählen.
Vor einem Käfer auf der Stelle harren.
Den Kobold Ich nicht auf zum Kosmos bauschen.
An Sein festhalten, was man nirgends sieht.
Und auch so tun, als könne man sich wählen.
Das ist ein Gran von dem, was ich als Geist,
als eigentlich Humanes mir erdichte.
Erdichte? Ja, weil es euch gar nichts heißt:
Euch geht’s um Aufstieg, Konto, Kampf, Gerichte:
Entlastung, dass ihr euch nicht selbst entgleist
in Elendsspuren äffischer Geschichte.


Prosafetzen (1/39)15

Ein bedeutungsloses Nichts bin ich.
Bloße Materie, Gesellschaftsmonade,
Nihilismus-Virtuose, freilich geistbewehrt.
Und dies zu wissen und hinnehmen zu können,
macht definitiv den Unterscheid aus
zu erlebnislüsternen Verdrängungskünstlern,
Pleonexie Verfallenen und ichschwach
orientierungslos sich selbst so hilflos
ausgelieferten Existenzschauspielern.
Indes man sehe mir nach dieses scheinbar
souverän arrogante Selbstverblendungsgerede …
Weiß ich doch selbst - weiß dies sehr gut -
dass man nichts für sich selber kann …
Organismus ist; genetische Einmaligkeit.
Also: Totalitär sich selbst und
der ganzen Welt ausgesetzt:
Vollzugsbescheid seiner, der Gesellschaft und
hetzender Sozialverhaftung.

Adiaphora* und Nichts/Sonett (1/40)16

Wir träumen uns durch unser ganzes Leben.
Auch um vor Einsicht uns doch zu bewahren;
ertrügen gar nicht, offen zu erfahren,
dass jene hemmte unser ganzes Streben.
Das Ich-Durst ist … Man sollte das vergeben.
Zumal wir wissen, dass wir wieder fahren
ins nackte, tote Nichts des Atomaren,
dass Dasein heißt, Adiaphora verbeben.
So gibt’s nur einen Ausweg: Diesen Geist,
der unser Los kann in Gedichten deuten,
um es auf seine Weise groß zu machen:
Damit geadelt es sich nie entgleist,
darf Sinn und Zweck erfassen … alle Freuden.
Auch zu verzeihen Stumpfsinn und Verflachen.

*Adiaphora griech.: Dinge, die man nicht braucht, 
die völlig überflüssig sind

Dorfschatten: Für B. H. in Dankbarkeit (1/41)17

Durchs Dorf bin ich gelaufen.
Hab mich Erinnerungen hingegeben.
Zumal an solche, deren Leben
nichts weiter war als nur ein Scherbenhaufen
Sozialer Abschaum, an sich selbst zerbrochen,
Familie, Unterschichten-Los … wer weiß?
Vielleicht auch Wut und Hass verkrochen:
So was wie Seelen-Eis.
Der Letzte wird in 48 Stunden
der Erde eingesenkt.
Ich werde meine Anteilnahme dann bekunden.
Obwohl der Tod hat ihn beschenkt.

Vergessen werde ich dich nie.
Du hast mir viel zu viel bedeutet.
Grad weil bewusst dir war die ganze saloperie*,
in der sich unsereins notwendig häutet.

*saloperie franz. Schweinerei

Der elitäre Geist (1/42)18/Geist IV

Was habe ich nicht alles mitgemacht!
Indes nicht besser als die andern Artgenossen.
Ich rede hier von Niedertracht,
Verrat … kurzum: Charaktergossen.
Wie jeder musste sie schon mal erleben.
Wir sind uns eben unverfügt,
gefesselt doch an Ichsuchtstreben,
dem letztlich nichts genügt.
Was das durchbrechen könnte, ist zu selten:
Der elitäre Geist.
Der weiß, dass Amoral allein muss uns bezelten.
sich deshalb schaffend von der Welt losreißt.

Warum nur? (1/43)19

Warum nur
schreibe ich so viel?
Ist doch das Ganze
längst verloren:
Apathisch laut
und lustdebil.
Notwendig Normensturz
vergoren.
Ein Artefakten*-Spiel
als seelische Tortur.

*Artefakten: Künstlich, durch menschliches
technisches Können hergestellte Dinge/Kunsterzeugnisse

Es sei gesagt so, nun …. (1/44)20

Das ist doch keine Lyrik!
Mit Verlaub!
Es fehlen Sehnsucht, Trauer,
Traum, Gefühle,
Melancholie, Bedauern …
es fehlt Tiefe,
dies trostlos sanfte
sich Verschweben fehlt.
Sie bieten nur
Begriffsasyle,
abstrakt und blutleer …
daseinstaub.
Im Grunde nichts
als kalte Mauern …
Und Nihilismus-Schlamm
in ihren leeren Gräben.
Das ist gut möglich,
kann wohl sein.
Und meistens ist es so,
sag ich es offen.
Exakt! Tatsächlich doch
nur Zahl und Schein,
gebrochnes Glück,
zerstobnes Hoffen.
Ersatzgier eben …
trivial, gemein.

Kindheitsphantasmagorie (1/45)21/Sonett

Nur er allein harrt noch auf seiner Stelle,
der Glockengott aus frühsten Kindertagen.
Er webt noch immer seiner Töne Welle,
die dann die Winde in Vollendung tragen.
Zu nehmen dem, der’s weiß, Gram und Versagen
in manchen Stunden an des Geistes Quelle,
an denen enden alle Daseinsqualen,
verblasst auf metaphysischem Gefälle.
In solchen Stunden, die notwendig führen
zur Einsicht, dass wir ohne Gott verloren,
uns selbst nur ausgeliefert, sind gezwungen,
nach unsrer Art Vollendung dumpf zu gieren:
Die freilich scheitern muss, weil Trieb gedungen,
Pleonexieverknechtung ist vergoren.

So angefühlt und zu Ende gedacht (1/46)22

Der narzisstisch inszenierte Optimismus
dieser in selbstzerstörungslüsternen Wirklichkeitsverlusten,
entlastungsbedürftigem Mehr-und-immer-mehr-haben-Wollen,
spracharmer Denkunfähigkeit,
selbsthassgebundener Tugendmaßlosigkeit,
hilfloser Angst und einer Inbrunst
geistig und metaphysisch toter Gewissenlosigkeit
sich schauspielernden deutschen Gegenwartsgesellschaft,
wird ihre Untergangssehnsucht beflügeln -
kulturell heruntergekommen,
rechtsstaatlich zerfallslinkisch,
vernunftfern und
politisch Leerformeln beflissen …
Und so doch faktisch autoaggressiv
und behelfsdekadent vor sich hin ludernd …

Für einen gefallenen Teilnehmer am 2. Weltkrieg (1/47)23

21 Jahre wurde er alt, mein Onkel Alfred.
Er war der Lieblingsbruder meines Vaters,
weshalb ich auch denselben Vornamen habe.
Er fiel am 26.8.1942 in der Schlacht von Kursk.
Vor 80 Jahren kam er um.
Im Dienst für sein deutsches Vaterland.
In einem Auszug aus dem Gedenkbuch
des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V.
ist die Rede von der Erinnerung
an einen lieben Menschen.
Das hätte ich auch so ausgedrückt für einen Gefallenen
der Wehrmacht in Stalins Reich:
Faktisch Kanonenfutter in Hitlers Vernichtungskrieg.
Aufgeführt sind noch 35 weitere Namen.
Namen von Menschen, die Alfreds Schicksal teilten.
Immerhin haben diese Menschen ein Grab,
das an sie erinnert.
An Alfred z. B. eines im 5. Block, Reihe 35.
Und das erscheint mir bemerkenswert,
dass er ein Grab bekam,
dieser einfache,
seinem Schicksal hilflos ausgelieferte Soldat
aus einer Familie von 13 Kindern.
Es ist sogar besonders bemerkenswert,
wenn ich an die wesenstypisch im Menschen angelegte
Brutalität, Grausamkeit, Güte- und Lieblosigkeit denke …
Nur Tier und Stoffspielball: Bedürfnis- und Triebgefüge,
ist er, gerade auch angesichts seiner Gewaltsucht,
nicht immer das Opfer seiner selbst (potentieller Bestialität),
sondern vermag durchaus, wenn auch vergeblich zuletzt,
an seine Transzendenzsehnsucht und Geistkindschaft zu gemahnen,
gerade aus einem Grab wie jenem heraus,
das ihn, obwohl er nur Verfügungsmasse war,
zum Individuum macht: Verlassenheitsprekäre Trauerstille.

Existenz (1/48)24/Sonett

Ganz offen? Dekadentes Laisser-faire:
Verdeckte Tyrannei des Permissiven.
Man huldigt Selbstsucht, trash und Körpertiefen
und theologisiert die Wohlstands-Mär.
Ist die allein doch auch noch Lustgewähr.
Man blendet aus die Risse und die Schiefen,
die Ohnmacht gegenüber Perspektiven,
die alles regeln. Selbst Geschlechtsverkehr.
Man hat die Kraft nicht mehr zum Widerstand.
Der Sinn für Fakten ist moralzerfressen.
Man kaut Gerüchtebreie zweiter Hand.

Da schlagen durch die kulturellen Blässen,
der ökonomisch kapernde Verstand,
zumal auch Psychen brechende Finessen.

Politisches Gedicht (1/49)25

Die Kompetenz ist Schein.
Die Tugend blind.
Man hüllt sich Formeln ein,
die ohne Inhalt sind.
Das geht nicht gut;
das kann nicht tragen.
Da fehlt die Glut,
Begriff zu wagen.
Es schwindet doch
die Kraft zu denken,
das Medienjoch
zumal zu lenken.
Man ist zu feige,
einfach Mittelmaß.
Spielt Zeitgeistgeige,
ignorierend Wie und Was.

Pleonexie und Selbstverrat (1/50)26

Gelingen bestenfalls
mir noch Fragmente.
Ich weiß es; es ist völlig klar:
Ein Lebensabschnitt geht zu Ende,
wie es bei allen vorher war:
Nichts, was sich lohnte,
man bewahren könnte.
Kein Du. Kein Deuten.
Auch kein Gelten …
Als ob die Welt
sich einem nicht mehr gönnte,
fühlt man den Drang,
sich endlich abzumelden.

Kapitalistisch ist sie,
ephemer und fad.
Berechnet auf ein Zweierlei:
Pleonexie* und Selbstverrat
an opportune Litanei.

*Pleonexie griech: Immer-mehr-haben-Wollen; den „Rachen nicht voll kriegen“.
Nach Arnold Gehlen - korrekt - das Ineinanderlaufen von Ich-, Hab, Macht- und Genuss-Sucht

Faktensinn (1/51)27/Sonett

Wem würde ich zuletzt gefallen wollen?
Funktionseliten, Intellektuellen?
Den Tauchern in medialen Zeitgeistwellen?
Den Eigensinnigen, die immer schmollen?

Den Wert-Bewegten, die grundsätzlich grollen,
Empörungslüsternheit abstrakt zu schwellen?
Die eifernd krallen alle Würde-Dellen,
Gesinnung zu diktieren mir und Sollen?

Wohl doch nur denen, die, was ist, verpflichtet,
die Fakten nennen, die sich greifen lassen.
Die jeder dann als solche auch gewichtet,

begreift, dass es drauf ankommt, sie zu fassen
als etwas, das, erst wieder hergerichtet,
uns hälfe, Wirklichkeit uns anzupassen.

Geist V (1/52)28

Er ist der Große Antipode
von Intellekt, Vernunft und Kreatürlichkeit
(die sind an sich verquickt dem Daseinsleid:
Pleonexie - Verfügter Tierheit ohne Lote).
Indes der Geist ist dieses Sehnsuchtsahnen,
dass man sich könne selbst entrinnen,
sich in Gedichten gar zuletzt gewinnen,
sich nicht als Hyle-Knecht zu bahnen.

Ein Traum, Gewiss. Denn man versöhnt sich nicht
mit sich als Organismus-Diktatur.
Verletzlich. Ausgesetzt sei’s Es, sei’s Uhr.
Als Geist noch atomare Schicht.

Prosafetzen (23) (1/53)29

Außengesteuerte Sozialmonade,
kann ich mich
gar nicht mehr äußern
als kantische Person.
Ich löge, täte ich’s.
Schon weil ich dann
Zeitgeists Echo wäre.
Und der ist nichts anderes
als der kollektive Prophet
totalitärer Verdinglichung
und ihrer Inszenierung
als kapitalistisch-hedonistisches*
summum bonum*.

*Hedonismus griech: philosophische Lehre (Begründer: 
Aristipp von Kyrene, Sokrates-Schüler): Sinn und Zweck 
des menschlichen Handelns liege im Lustgewinn/
im sinnlichen Genuss
*summum bonum lat.: Höchstes Gut


Geist VI (1/54)30/Sonett

Eins kann der Marktmensch nicht: sich übernehmen.
Ich meine geistig, weil das einsam macht.
Ihn schützt Erleben als Konsumandacht,
der faktisch jeder muss sich anbequemen.
Nicht mal vorm Spiegel würde er sich schämen,
dass er ist permanent medial verbracht
in Reizvollzüge einer Spaßweltschlacht.
Als ob mit dieser Sinn und Glücke kämen.

Vielleicht verlange ich auch viel zu viel.
Sich geistig übernehmen? Kann das einer?
Und dann: Was heißt das? Dient zu welchem Ziel?
Wie immer auch. Was ist, das macht uns kleiner.
Ist doch auf Nu zentriertes Gaukelspiel,
das, wär’s uns aufgedeckt, ertrüge keiner.

Prosafetzen (9) (1/55)31

Gewalt, Versagen
und Unzurechnungsfähigkeit
sind mir weitaus vertrauter
als alle jene Schwüre
selbsttrugarroganter Moral:
Würde und Autonomie
sind Illusionen -
Wie überhaupt
alle sittlichen Erwartungen
in der Regel
ins Leere laufen müssen.

Existenz 2 (1/56)32/Sonett

Die Zeit der Lyrik, scheint mir, ist vorbei.
Als Folge eines Innenweltzerfalls:
narzisstisch außenprovozierten Dralls
erlebnis-asozialer Rauschweltbalz.

Das Selbst wird Opfer einer Tyrannei
im Rahmen eines permanenten Schwalls
der Marktbefehle als Reklame-Schmalz
und primitives Phraseneinerlei.
Längst kommandiert doch diese ausweglose
Entfremdung von Real-Gegebenheiten:
Man phantasiert sich stramm in Kundenpose,
entlastungssüchtig so sich zu entgleiten
in eine dionysische Hypnose,
sich hedonistisch-infantil zu meiden.

*dionysisch griech: rauschhaft (nach dem Gott Dionysos)
*hedonistisch griech: lustzentriert, genussgierig

Überforderung I (1/57)33

Pausenlos doch
aufgefordert,
mitzufeiern,
teilzunehmen,
reinzuschauen,
durchzustarten,
einzusteigen,
anzurufen,
abzuschalten,
mitzugehen,
dranzubleiben,
zu erfinden sich
aufs Neue,
sich zu steigern,
mehr zu leisten,
hinzusehen,
abzusetzen …
zu erleben,
zu genießen,
zu gewinnen,
optimiert sich
dann zu zeigen …
steigert in mir
Hass und Ekel
bis hin zum
Vernichtungswillen.

Variante:
Überforderung II (1a/57a)34

Gefordert pausenlos,
dem Markt mich ganz
zu überlassen:
Mit Psyche, Seele, Leib
und Wesens-Selbst,
begreif ich, was ich
der Gesellschaft bin:
Nur eine ökonomische,
manipuliert berechenbare Größe:
Als ein Bedürfnisträger,
den es zu beglücken gilt,
egal, ob er das will, ob nicht.
Ist’s doch um jener willen auch,
nicht nur um seinetwillen
ganz allein,
dass optimal verwertet,
ausgebeutet
er hedo-nihilistisch*
sich erlebe …
Als Selbstverwerter,
Lust- und Glücke-Jäger
gelungnes Dasein
sich zu schaffen …
Als dauergierig unzufrieden.
orientierungslos, narzisstisch,
ichschwach auch;
vor allem selbstwertsäumig
austauschbar
zu ködern als
genormtes Exemplar.

*hedo-nihilistisch: zugleich lustvoll und sinnlos,
genauer: einer durch und durch hedonistischen
Lebensweise ergeben, die, einseitig flachschichtig,
in der Regel im Nihilismus (psychoethischen 
Sinnlosigkeitsanwandlungen) enden muss.

Ein nicht zurechenbares Versagen (1/58)35/Sonett

Wenn nur noch Vorteil, Nutzen, Geld und Waren
gelenkte Innenwelten auf sich richten,
Gefühle, Wollen, noch mehr Denken knechten,
dann ist am Menschen faktisch nichts mehr groß.
Dann wird er sich als Traumkalkül erfahren,
sei’s sich Erlebnisgier als Halt gewichten,
sei’s als Parteimann oder Macher fechten …
begriffs-, geist-, seelen- und gewissenlos.
Und dennoch drängt es uns zu Idealen,
uns zu erhöhen auch in Wesenswürde,
zu setzen Zeichen, dass Vernunft uns leite.
Grad weil uns steuern nur noch Umsatzahlen,
wir sind uns selbst gemachte Daseinsbürde
und fade Selbstsucht ohne Geistesweite.

Ein Gedicht über Deutschland, mein Land, 
das wortgläubig, tugendwirr, selbsthasssiech und 
faktenflüchtig an sich selbst leidend, seine eigene 
Sprache verachtet, herunterkommen und verderben lässt. 
Ein Land, dem ich auch deshalb nicht eine Träne würde 
nachweinen können, weil es für sich selbst keine mehr 
haben will:

Lastende Zugehörigkeit (1/59)36/Sonett

Zu diesem Deutschland heute zu gehören,
verlangt mir sehr viel ab an Gleichgewicht,
an Einsichtstiefe, an Geduld und Pflicht,
denn es will unbedingt nur so sich ehren:
Will die Axiome hehrster Ethik lehren:
Egalitäre Toleranz, die Sicht,
was würdig, gut, gerecht sei … und was nicht.
Auf deutsche Tugend sollten alle schwören!
Ein Maßstab, scheinbar nicht für alle gleich.
Kommt das Land selbst doch immer weiter runter,
je mehr sich’s nähert seinem Himmelreich
politmessianischer Gesinnungswunder …
korrupt, verwahrlost, dekadent und weich
vor lauter Selbsthassdrang und Phrasenplunder.

Zersplitterungswüst (Trias C, 19) (1/60)37

Gleichungshörig attackiert
dieser technisch kommandierende
Verflachungsklamauk
auch noch die letzten Reste
meiner metaphysischen
Bewusstseinshalden,
zeitgeistboshaft alarmiert
in mein Hirn einschießend,
gleich einer verfahrenslüstern
programmierten Harpyie*.

*Harpyien griech.: räuberische Seelenvögel, 
Windgeister der griechischen Sage

Dorfschatten - Schon lange verscharrt (1/61)38

Der da hat sich aufgehängt.
Und jene nahm Tabletten …
Was man als Kind da denkt? -
Ich zog mir Zigaretten,
stahl mich in lichtberauschtes Korn,
blies Kringel ab im Kauern.
Empfand nicht Freude, keinen Zorn.
Doch auch nicht Grund zu trauern.
Sie warn mir beide gut bekannt.
Verrohte ohne Zartgefühle.
Die Kippe schluckte bald der Sand.
Wie jene kalt am Ziele.

Das wird nie wieder kommen (1/62)39

Nach Hitler und noch vor der kommenden,
weltweiten Großbarbarei wieder Asche: Ich.
Was will ich mehr?
Wann sonst durfte man sich ungestraft,
ja: ungeniert,
weil dazu angehalten,
seinen zwangshedonistischen,
infantil-gewissenlosen Erlebnisidiotien hingeben?
Existierend als marktanalytisches Bedürfnisquantum,
das Vernunft,
Verantwortungszwang und Realitätssinn kaum kannte.
Und so sich,
dem ingeniösen Techniker,
Warenanbeter und Utilitaristen*,
mittels Überfluss,
Zeitgeistmohn und Dauer-Hully Gully,
leicht verhehlen konnte
die Wesenstatsachen
seiner Pleonexie,
existenziellen Hilflosigkeit
und Gewissensarmut.

*utilitas lat. Nutzen

So hab ich es gesehen (1/63)40

Zu früh schon viel zu viel begriffen.
Das hat mich schroff gemacht.
Auch zynisch, hoffnungslos und ungeschliffen.
Weshalb ich’s mir hab so gedacht:
Dass wir uns müssen wohl verweigern
den objektiven Sachverhalten.
Um so durch Illusionen uns zu steigern
in dieser Welt der kalten
Gegebenheiten, wie Verfall und Zeit;
dass Leben hochprekär ist: Lotterie;
Versagen vor Vergänglichkeit;
dass wir uns selber haben nie.
Ein Kampf, den niemand kann bestehen,
wenn er die Kraft hat, ihn zu buchstabieren:
Alleinsein, Scheitern, Ichsuchtwehen …
Diktat, sich zu verlieren.

Die Große Öde (1/64)41

Vergrübelt sitze ich vor diesem Blatt.
Indes mir fällt nichts ein.
Zumal ich habe all das hier längst satt:
Dies hochabstrakt so primitive Sein*.
Dies pseudorationale Vegetieren
in digitalen Fängen.
Sich menschlich zu verlieren
in neuronalen Zwängen.
Um mich herum die Große Öde:
Ein Menschentum, das krass sich inszeniert,
sich auch zu schönen seine Geistesnöte,
schon untergangsberührt.

*Dies hochabstrakt so primitive Sein: Z. B. 
wird unsere Alltagswelt durch technische Verfahren 
immer ärmer (simpler, künstlicher, kommandierender, 
primitiver, abstrakter, sprachloser), d. h. auch: 
erfahrungsärmer und asozialer

Mutter (1/65)42

Erinnerungsverklärung? - Nein.
Der Name säuselt Gegenwärmen.
Soziales Ohnmachtsspiel in Milch und Wein,
Verhärtungsschweigen: Angst aus Alltagshärmen.
Und stündlich waberndes Verfehlen,
da doch nur Rohheit greifbar war und stille Wut.
Um Geldzweck aus Beton zu schälen
und Indolenz aus Drahtleergut.
Die Worte prallten ab am Thekenrande,
wo sie verfehlten Sinn und Du …
Vertraute Fremde, lieb Gekannte,
sei mir willkommen auch in diesem Nu.
Da ich mich freue, wie es dir gebührt:
Du hast gelitten unter deinen Leeren,
von ihnen radikal berührt.
Und nahmst sie hin: Das wird dich immer ehren.

Anrufe (1/66)43

Da ruft mich immer wieder eine an.
Die will wohl was von mir.
Sei’s Unterhaltung, Geld, sei’s fun;
vielleicht auch Geisteselixier.
Was immer. Ich will Ruhe haben.
Befreit sein von Geschwätz und Trieben.
Will leben meinen Gaben:
Mir dieser Spätzeit Lebenslügen zu enttrüben.
Damit ich ihnen nicht verfalle,
mich selbst verachte gar am Ende.
Indem ich Phrasen lalle:
An Liebe oder sonst was mich verschwende.

Meine individuelle Lage (1/67)44

Was in mir vorgeht, ist das Eine;
das Andre, was gesellschaftlich ich bin.
Denn das macht aus, wie’s um mich steht,
erlegt mir auf, was ich verneine:
Dass ich mich, als Person verweht,
als Gleichungszwang muss nehmen hin
in Weltbezügen, geistig tot:
Als Marktteilnehmer, Umsatzpotential,
Reklameobjekt, Phrasenkonsument …
Ich habe keine andre Wahl …
Ich existiere faktisch second hand.
Vereinzelt als Systemmonade,
Abstraktum, Nummer, Warenknecht …
zerfließe mir als Psychen-Schwade,
die sich bezugslos Spaß verzecht …
Verfügt Verfahren ohne Halt und Lot.

Die Politisierung der Moral (1/68)45/Für Arnold Gehlen/Für Verehrte 

Wenn die Moral 
nur noch politisch ist,
dann gibt es
keine subjektive mehr.
Dann kann derselbe,
der die Tugend küsst,
zugleich auch der sein,
der sein Ich anbetet,
verehrt die Lust,
Prestige und Zahl;
derselbe, der sich,
menschheitsübergreifend hehr,
für Gleichheit einsetzt,
Glück, das Toleranzfanal,
der Menschheit Würde …
grad der sein, der, trotz Ideal,
narzisstisch selbsthassschwer
sein totes Seelchen letzt.

Niedergang II (1/69)46

Zu viel erahnt; zu viel verstanden.
Das kann nicht gut gehn; das muss scheitern.
Zumal in Zeiten, die, sich selbst abhanden,
ideologisch sich Vermaskung schneidern.
So leb ich faktisch in Bedeutungsschatten,
die Welt und Ich und Psyche dunkeln.
Mit Worten, die nur noch in matten
Verlautbarungen ins Absurde funkeln.
Da schaffen Halbbegabte Staatsmiseren,
am Tropf von Wohlstandsuntertänigkeiten
der Macher, die sich selbst versehren
und Psychen in die Knechtschaft leiten.

Nach unruhiger Nacht (1/70)47

Kein Auge wieder zugetan.
Die Nacht ist fast vorbei.
Doch schlaflos ohne Alptraumwahn;
und also ohne Angstaufschrei.
Gleich geht’s um Klatsch und Triviales,
um Zahlen und Routine,
Doch auch obskures Fahles:
Das Menschliche, die Anspruchsschiene.
Doch dafür gibt es dann auch Lohn.
Den ich so dringend brauche.
Für den ertrag ich jede Alltagsfron.
Selbst unverschämte, eitle Gauche.
Und zwar weil’s geht um ziemlich viel.
Um meinen Selbsterhalt:
Bedürfnis-, Trieb- und Traumwelt-Ziel:
Existenzielle Grundgewalt.

Rat und Befehl (1/71)48

Wenn’s mich erwischt mal,
schau woanders hin!
Noch besser: gehe tanzen!
Für mich kannst du
dann nichts mehr tun.
Auch zu vergessen,
dass dies Ganze hier
ist ohne Ziel
und ohne Sinn.
Ein gegenseitiges
sich Fressen …
Ein ziemlich mieses
Ichsuchtspiel,
sich Geld, Prestige 
Orgasmen zuzuschanzen.
So sehe ich es. Nun,
es ist tatsächlich so:
Grad wohlstandsüberglitzert
leer und schal.

Ohne Rückkehr (1/72)49

Ich habe keine Tiefe.
Woher denn auch in einer Welt
narzisstischer Personenschiefe,
realitätsverlustig Show gesellt?
Hier geht’s um Wohlstandszufuhr,
Geld und Überragen.
Um eine Nihilismus-Rezeptur
für nicht mehr meisterbare Lagen.
Nicht dass da jemand schuld dran wäre.
Ich sag das immer wieder.
Indes sind wir schon nach der Kehre,
gehn unumkehrbar menschlich nieder.
Das beste Beispiel bin mir ich:
Als heimatlos, entfremdet, ganz allein.
Ein kommandierter Ratio-Stich
in seelenlosem Sein.

(Funktions-)Eliten? (1/73)50/Sonette

Ich kenne niemand ja von diesen Leuten,
die Macht, Vermögen, Amt und Einfluss haben.
Bin also außerstande anzugeben,
was sie bewegen mag, ein Amt zu führen,

als Sieger sich und Macher auszudeuten,
sich zuzutrauen alle jene Gaben,
geeignet, sich prägnant herauszuheben,
auch anderer Vertrauen zu berühren.
Wenn ich mich dann mit dem System befasse,
das sie vertreten und frenetisch loben -
Demokratie und freie Marktwirtschaft -

gewahre ich, dass jeder sich verprasse,
verführt, sich selbst entwunden, auszutoben
in sinn- und seelenarmer Selbstwerthaft.

                               *

Und ich vermute, dass sie das nicht wissen,
die Amtsinhaber, Sieger und die Macher.
Vielleicht - wer weiß? - auch gar nicht wissen wollen:
Dass da für uns sich ein Prozess vollendet,
den wir durchlaufen mussten und noch müssen:
Evolutionsgebunden an Geschacher,
an machtstrategisch inszeniertes Sollen,
genetisch doch auf List und Trug gewendet.
Sie müssten nur mal auf sich selber achten:
Narzissmus, Hybris, Arroganz und Blenden;
sei es sich selbst, sei’s andere, sei’s alle.
Dann auf die Perspektiven im Betrachten:
Dass selbst zu Faktenleugnung sie sich wenden,
nicht zu gewahren sich als eigne Falle.

                               *

Gewalt, Brutalität und Täuschungsmacht
sind wesenstypisch für uns Hominiden.
Nicht ansatzweise ist es uns beschieden,
nicht auch zu lügen, wenn der Mund uns lacht.
Man muss sich selbst doch haben im Verdacht,
wenn man, politisch tätig, all die Nieten
durchschauen muss, die sich als Lösung bieten,
obwohl doch irrend durch der Fakten Nacht.
Noch mal: Ich rede hier von Grundprägungen.
Denn wissentlich barbarisch zu agieren,
ist selten; oft Erlösungszwangsgebaren.
Wir sind uns als Personen nie gelungen.
Und niemals kann uns ja Kants Würde zieren:
Gefühlsfundiert sind auch Vernunftverfahren.

Das Ende auch der Würde (1/74)51

Wenn’s soweit ist,
dann lässt du mich.
Hör zu! Dann lässt du
mich allein.
Geht man doch
würdelos zugrunde:
das ist notwendig so;
trotz aller rationalen,
trotz aller
technisch raffinierten Funde …
Als Tier und Angst dann
geht man vor die Hunde …
Nur Lebenshunger noch,
ein Schrei nach Ewigkeit …
Nach absolutem Sein.

Klaglos und sehnsuchtsfrei (1/75)52

Was denn, bitte, soll ich klagen?
Und vor allem auch: Vor wem?
Dass wir sie zu Grabe tragen:
Wirklichkeit, Moralsystem,
Selbst, Natur und Wesenszauber?
Dass wir uns zu Bütteln machen
einer hochabstrakten Welt,
in der Daten werden Sachen,
doch wir selber immer tauber,
blinder, kälter - Leibatome?
Nun das sind Gehirnaxiome,
die uns gängeln, die uns zwingen,
nur uns selbst uns zu verdingen:
Uns am Ende zu zerschlagen:
Kollektive Ich-Phantome,
nicht mehr Herren eigner Lagen.

Analyse der Kindheitsjahre (1/76)53

Es waren Ekel, Einsamkeit und Scham,
die mir bestimmten frühe Daseinsmitten,
verzerrten mich zu Angst und Gram,
die psychisch dann zerschnitten,

Gehalte fad und drückend machten,
in Niedertracht verschoben,
zu Bosheit, Hass und Selbstverachten,
nur halluzinatorisch aufgehoben.

Da schärfte Asozialität mir den Verstand,
bis der in meine Kerne blickte:
Zerstörungsvirtuose zweiter Hand,
der sich Erfahrung aus Verneinung strickte.

Unabänderlich so I (1/77)54

Ich? Angestellter. Untre Mittelschicht.
5-Tage-Woche; ca. 40 Stunden.
Nicht grade Top aus bürgerlicher Sicht,
da keiner der potenten Kunden,
sein Geld in Liechtenstein zu bunkern,
am deutschen Fiskus cool vorbei,
um nicht allein Mätressen Klunkern,
den ganzen Prunk zu finanzieren; steuerfrei.
Da beuten oben die die unten aus.
Wahrscheinlich freilich ist das ganz normal.
Denn auch ganz unten möchte man in Saus und Braus,
im Luxus leben; sei’s auch noch so schal.

Ausgeschlachtet (2) 
(Aus einem verworfenen Gedicht) (1/78)55

Es ist das Beste; und so fraglos klug,
dem, was den meisten gilt, sich anzuschließen:
Der Wohlstandsmehrung, die schon immer trug.
Die gilt’s mit allen Mitteln zu erschließen.
Was immer Dasein mag auch sonst bedeuten,
man muss den Fortschritt und den Nutzen fördern,
weil nur in Wohlstandszeiten Friedensglocken läuten.
Das muss man nicht erörtern.
Wer an Vernunft, Humanität und Freiheit glaubt,
ist selbst sich fremd, hat nichts verstanden.
Denn ist uns Wohlstandsmehrung erst mal weggeraubt,
dann gehen Sicherheit und jeder Halt zuschanden.

Die letzten Jahrzehnte der herkömmlichen 
Konsumdiktaturen? (1/79)56

Diese erlösungsmystisch optimistische
- marktinduzierte - Artefakten-Metaphysik
der Dauer-Empörten und -Empfindlichen,
der Tugendmasochisten und Weltgeistermächtigten,
überhaupt der diese Gesellschaft
immer weiter auflösenden Generalisten
aus Wirtschaft und Politik,
deren faktische Gleichgültigkeit,
Handlungsarmut und Zusammenhanglosigkeitskompetenz
mich mehr und mehr beunruhigt,
tatsächlich aber nicht verwundert -
da drückt sich ein totalitärer Narzissmus aus,
sich erschöpfend in Reiz- und Effektprimitivismen,
notorischer Innenweltbelämmerung und
einer zeitgeisttypischen Regressionsverfallenheit …
Ganz zu schweigen
von diesem dionysischen Infantilismus
reflexionsunfähiger Entlastungsverdummung,
die sie orientierungslosen Selbstverbrauchern
als sinngesättigte Diesseitsvollendung 
vorgaukeln, hin säuseln und verscherbeln -,
indes freilich auch ängstigt,
weil all das das definitive Ende kultureller 
und metaphysischer Steuerungsmechanismen andeutet:
Die Heraufkunft einer zerfallenden Gesellschaft
gemütsaggressiv nach Anomie* lechzender
Staatsanarchisten und Rechtsnormen
auflösender Moralpropheten: 
Eine Ochlokratie* im Umschlag
zu Terror, Diktatur und am Ende
zu Folter, Schlächterei
und rücksichtslos-gewissenloser Unterdrückung.
Gewiss mehr angstgeführte Alpschimäre
als Abbild der Gegebenheiten.
Indes man hört sie doch, die Botschaft oder Lehre,
dass diese Erde könnte uns entgleiten,
uns in Verzweiflung zerren, weil’s nun heim uns sucht,
das, was wir wissentlich doch zugelassen haben:
dass, Großhirnaffen, wir zu Ratio sind verflucht
und so verspielen mussten unsre Halbgottgaben.

*Anomie griech: Zustand der Gesetzlosigkeit, 
des Innenweltzerfalls, der sozialen Verwerfungen
*Ochlokratie griech.: Pöbelherrschaft

Heimat? (1/80)57

Was mir mal Heimat war?
Das sei hier jetzt beschwiegen.
Schon weil ich liefe doch Gefahr,
mich zu ergehn in lauter Lügen.

Rein äußerlich nur noch Asphaltskelette.
Ein altes Haus noch da und dort …
Kurzum: Versunkne Frühweltstätte.
Längst mir doch fremder Ort.

Indes ich weiß um unsres Daseins Klippen.
Ich kenne sie ganz gut:
An Einsamkeit und Scheitern nippen …
Zum Mund geführt als tote Glut.

So jene Heimat, die’s nicht gab.
Es sei denn in den dunklen Gassen;
es sei denn an den Feldwegseiten;
es sei denn als ein altes Grab,
das ließ Vergänglichkeit mich fassen;
im Wind, Geläut, der Tiere Leiden.
Indes ich Menschen
wollte früh schon meiden.

Fort. Für immer (1/81)58

Da fällt mir dieser ein und jene.
Schon lange nicht mehr da.
Und auch schon lange aufgelöst.
Doch manchmal rinnt mir eine Träne
in jener grabgefasstes Nirvana,
wo Stoff auf Stoff nur stößt.
Weiß auch nicht, was ich sagen soll
auf meinem Streifzug durch die Gassen.
Ich, leerer Sehnsuchtstaumel übervoll,
muss alle Worte lassen.

Geist VII (1/82)59/Sonett

Geist als Askese fordert die Distanz
zu Ich, Gesellschaftszwängen, Du und Wir.
Er zielt auf Wahrheit, nüchterne Bilanz.
Zeigt auf: Wir sind das Weltgeschwür,
die blanke Ichsucht als die Wesensgier,
sich hinzugeben noch dem fadsten Glanz;
will, dass man öffne jede Hintertür
zu Selbstbetrug und Kinderfirlefanz.

Weshalb verhasst er ist; dies auch, weil selten.
Doch grad als seltner ist er auch Tortur:
Er weiß: Er selbst wird niemals etwas gelten,
geglückter Zufallstreffer der Natur.
Um dem, dem er geschenkt ist, stets zu melden:
Dies Dasein? Sorgen-Leerlauf vor der Uhr.

Versöhnungsversuch (1/83)60

Hart, zynisch sei ich,
kalt und unnahbar,
sei menschlich
nicht zu greifen.
Du wirfst mir’s vor.
Und es scheint wahr.
Doch nimm den Hass raus,
lass das Keifen!
Ich will’s ja nicht.
Steh einfach innerlich
verstummt in Ohnmacht
hilflos da.

Miese (1/84)61

Sentimentales
hab ich nicht im Sinn.
Nicht einmal
Beschönigungen.
Man geht sich
hirnverortet
eben hin,
bedenkenlos
sozial verzwungen;
führt durch,
was man doch
besser ließe
(man ist ja so schon
kein Zusammenhang).
Man macht in jedem Fall
nur Miese;
wiewohl auch die
sind nicht mehr
von Belang.

So ungefähr (1/85)62

Die großen Worte
sind mir fremd.
Und Tugendenthusiasmus auch.
Es geht um Selbstwert,
um das eigne Hemd
und möglichst dichten
Phrasenrauch.
Sich zu entlasten
von Gegebenheiten.
Auch selbst sich
zu entrinnen;
um lustgeborgen
zu erhasten
ein Stündchen Selbstverlust
in Spaßgewinnen:
Erlösendem
Orgasmus-Hauch.

Geist VIII (1/86)63

Von Geist kann man nicht leben; einzig vom Verstand:
Intelligenz; auch: Ratio, technische, genannt.
Gab sie allein doch Homo Mittel an die Hand,
mit deren Hilfe er manch Nöte überwand.
Sei es nun Femora* - zum Beispiel - aufzuschlagen;
sei es auch Wurzeln auszugraben, um die Plagen
in der Savanne streunend besser zu ertragen …
Was doch im ersten Schlagstein doch schon Zwecke staken!

Die Grotte Chauvet* indes kann da viel weiter führen:
Auf Geist, die Seins-Diktate so zu korrigieren,
dass wir dann sprachlich Sinnfiktionen delirieren,
die metaphysisch uns bewahren vorm Verlieren.
Doch bleibt es Illusion, dass Geist uns könne leiten,
nicht in die eignen Ratio-Fallen abzugleiten.

*Femur (Einzahl), Femora (Mehrzahl): Oberschenkelknochen
*Grotte Chauvet: ca. 36 000 Jahre alt, Département Ardèche, 
Frankreich, mehr als 400 Wandbilder (eiszeitliche Kunst)

Geist IX (1/87)64/Sonett

Ich muss mir keine schale Täuschung borgen,
mir keine Starkultträumerei verschaffen;
auch keine Ausweglosigkeit verhehlen,
schon gar nicht Sehnsuchtsrauschentlastung suchen.
Muss nicht mit Neuigkeiten mich versorgen,
auf andere und ihr Versagen gaffen,
Entlastungsträume aus dem Alltag schälen;
auch nicht dies Wohlstandsparadies verfluchen.
Ich muss das alles nicht. Ich kenne mich:
Ein Affe, fein begabt, sich selbst zu täuschen,
der, zwanghaft unterworfen Wir und Ich,
sich endlos abquält mit Bedeutungsräuschen …
Die er als nichtig und vergeblich weiß,
wenn er als Geistmensch tritt in ihren Kreis.

Das Ideelle (1/88)65

Das Ideelle? Diese Sehnsuchtswelle? …
Politisch oder tugendrein …
Es ist nur eine Delle
von Träumen ohne Faktenkraft.
Und endet stets in einer Hölle:
In Tyrannei, die Leben rafft.
Das Ideelle hat kein Sein.
Grad weil’s
der Intellektuelle schafft:
Der ignoriert
die Niedrigschwelle
zu Folter, Barbarei
in rohbrutaler Haft.

Andeutungen (1/89)66

Was könnte ich
von mir schon sagen,
verlassenheitsdevoter Randweltschemen?
Als solcher ausgesetzt
doch wohlstandsspäten Lagen,
längst nicht mehr meisterbar
aus Selbstbeständen;
von Marktprämissen aufgesogen,
die mit Verknechtungslüsten blenden,
narzisstisch asozial
und abgrundtief verlogen.
Vielleicht ja dies,
dass ich mich widersetze
der Diktatur gefühlter Warenglücke;
ich diese Inszenierungskulte nie vergötze …
als Wirklichkeitsverleugnungstaktik
mittels metaphysisch toter,
begriffs- und geistlos infantiler Tugendtücke.

Du da (1/90)67

Du da, ausgeliefert Großprozessen,
die du nur erahnen kannst,
freilich nie erfahren
- du fasst sie indirekt in Schein-Prozessen
wie dieser Drangsal nach Erlösungswaren
und suchtkrass inszenierten Trance-Ivressen -,
bist sei es Spielball, Opfer (allverfügte Existenz),
sei es hermetisch in dir selbst verschlossen,
von Zeitgeist-Schmu gesteuerte Potenz,
gebannt in pseudorationale Gossen
formal sakralisierter Deutungsblässen.

Pessimistischer Anti-Idealismus (1/91)68/Sonett

Tagtäglich überwältigt von Reklame,
von Sensations- und Katastrophenbildern,
Entfesselungsdiktaten - oft infame -,
Versuchen, mir das Tugendheil zu schildern,
das Anstand sicherte, Gewaltrücknahme,
beenden würde auch das Habsuchtwildern,
ja auch des Menschen Grausamkeiten mildern,
worin er doch nur aus Verzweiflung krame.

Das alles lässt mich kalt, ich halte mich
an das, was ich als Kind erfahren habe:
Der Mensch ist unfrei, beutet andre aus,
verstellt sich, diffamiert, täuscht vor ein Ich …
Verfügt besonders über diese Gabe,
sich selbst zu meiden mittels Saus und Braus.

Allgelenkte Herden (1/92)69/Sonett

Da tobt die Selbstverramschung kalter Seelen.
Von Wohlstands-Nihilismus-Gram geschoben
in eine Orgie von Entlastungsschauern,
geplant als angstbefreite Endzeitsause
narzisstischer Monaden, die sich stehlen
um sich herum, sich Leeren auszutoben,
Erlebnisglücksvollzügen, die nicht dauern.
Indes gelingen als Entlastungsklause.
Verdamme ich das? Nein. Ich will’s beschreiben
als kollektive Innenweltdressur.
Als technologisch auswegloses Werden
von digital organisiertem Treiben
in eine kulturelle Großzäsur:
Der geistig toter, allgelenkter Herden.

Weitere Gedichte auf Seite 01:

Nebenbei-Bemerkung (1)

Niemand sei getadelt.
Niemand sei’s.
Weil er mit Haben,
Show und Lust sich adelt.
Er also Opfer ist,
zahlt jeden Zeitgeist-Preis.
Der Einsicht bar
in Homos Wohlstandsfrist,
an der sich noch 
die meisten laben… 
als ihrem letzten 
Halt- und Seelenkreis.
In einem Dasein,
längst sich selbst Gefahr,
in dem schon bald
nichts falsch, nichts wahr,
nur Illusion noch sein wird,
die sich selbst nie irrt.

Unumstößliche Tatsachen (2)

Ich bin längst psychisch völlig ausgelaugt.
Du sollst das wissen, weil du musst
begreifen, dass da nichts mehr in mir taugt
zu Halt, Vertrauen, Aufbruch, Lust.

Es ist zu spät, ich bin geworden,
was ich an sich freilich schon immer war:
Gehirnbefehl, mich ohne Trug zu orten.
Trotz aller Spätzeitlügenschar.

Dir was zu sein? - Ich wünschte es.
Allein ich kann es letztlich nicht.
Ich weiß um aller Wünsche Trance; und demgemäß 
hat niemand mehr für mich ein Sinngewicht.

Einsicht (3)/Sonett

Es kann nur noch um geistfundierte Einsicht gehen,
wenn man Gedichte macht, sich selber auszudeuten.
Denn eben das, das leisten keine Emotionen,
hervorgerufen durch der Werbung Glücksversprechen.
Man muss das Ganze doch als Marktgefüge sehen,
die subjektiven Innenwelten zu erbeuten,
um sie mit Waren und Effekten zu belohnen:
sich hedonistisch-konsumtiv dann zu verzechen.

Wobei man ausgesetzt ist einem stillen Sollen,
das jede Form von Selbstverfügung untergräbt,
gestützt zumal von leibfundierter Wert-Magie:

Man soll als magischlüsternes Produkt sich wollen,
das seiner Selbstsucht sich als Exemplar auslebt …
Als psychisch asozial genormtes Was und Wie.

Für Prodikos von Keos* (4)

Kein Gott, der ernsthaft
eine solche Welt ersönne;
vermäße solchen Missgriffs sich;
der zumal zeigen wollte,
dass er könne
Vollendung schenken,
Sinn und Güte-Ich.

Ein Gott, der dann 
sich so exakt erwiese
als Abbild unsrer 
eignen Projektionen:
Auch wir verderben,
hybriskrank,
fast jeden unsrer Akte. …
Weil doch Versager, 
die sich selber 
müssen fronen. 

*Griechischer Sophist und Rhetor. Um 470/460 v. Chr. Zeitgenosse des Sokrates. 

Dialektik (5)/Sonett

Ich selbst bin metaphysisch unbedarft,
hab also nichts zu tun mit Gotteswelten,
- ob sie denn seien und, falls ja, bezelten -
mir scheinen Gotteswelten längst entlarvt.

Als Hoffnungsprojektionen und dergleichen,
als Sinngaranten, was doch widerspricht
Verstand - der sie als Illusion zerbricht:
Ihm müssen Gott und Teufel weichen.

Doch nicht die Götzen, wie es mir so scheint.
Die sich im gleichen Maße uns vermehrten,
in dem Begriffe uns die Himmel leerten ...
der Gottessehnsucht doch so spinnefeind.

So steht es nun mal mit dem Rationalen.
Es schafft zugleich mit sich Ersatzmagie.
Ist es doch Nihilismus-Despotie,
weil's nichts von Sinn weiß und von Seelenqualen.

Ungefähr so (6)

Was sollte ich denn noch erwarten?
Hab ich doch früh schon dies erfahren müssen,
dass es kein Blatt gibt ohne falsche Karten.
Weil wir uns selber müssen sein beflissen.

Das geht nicht anders: Jeder gegen jeden,
um sich gemeinten Vorteil zu verschaffen.
Man muss zumal ein Surrogat sich kneten:
Ein Sinnkonstrukt, es irrend anzugaffen.

Und so, so muss es auch gewöhnlich laufen,
dass stets man wird doch auch Verluste zählen ...
Meint doch das Ganze Nieten kaufen:
Notwendig Ich und Du und Welt verfehlen.

Offen gesprochen (7)

Schon wieder mal zu viel gesoffen.
Indes was soll’s? Die letzten Jahre schwinden.
Aud was denn also soll ich da noch hoffen,
mir welche Illusion abschinden?

Die Liebe etwa? Späte Halte?
Das wäre lächerlich, denn beide sind Schimären.
Das Dasein überhaupt ist schäbig: Eine kalte
Gegebenheit, von niemand wertend aufzuklären.

So mag’s denn hingehen - Zwang der Uhren.
Tatsächlich ist es Zeit und Sich-Erleiden.
Ein undeutbares Knäuel von Blessuren,
die Leeren und Gewalt begleiten.

Für homo sapiens bambergensis (8)

Du Eroskore* ferner Tage,
möchte gern dich 
noch mal wiedersehen,
bevor’s mich wirft in 
in jene Lage, 
die still ist, zeitlos;
freilich ohne Wehen.

Vielleich gedenkst du meiner 
ja zuweilen.
Ich meinerseits 
denk oft an dich. 
Und buchstabiere jene
Gotteszeile
auf deinem rauschverhangnen
Körper-Ich.

*Kore: griechisch: Mädchen

Für eine Königsbergerin (9)

Wir, infantile Selbstgerechte,
wir pflückten Hülsen,
dies wohl wissend, 
Halt meint stets Betrug.
An Nacktheit hingen wir,
an ihren Illusionen,
roh, hybriskalt umgarnt
von Wein, Bohème und Gier.
Wir zitterten 
durch Leibeszonen,
durch zungenfeuchte 
Körpersäfte,
wir tranken Schweiß
aus Hier und Jetzt
und türmten 
Drangverhängnis 
wie der Schwellung Spott
in Lücken
der Geruchsspurspiele,
aus Haut gewürfelt 
und der Einsamkeit,
die doch uns Fremde
ineinander sog.

Zuflucht/Sonett (10)

Nur Geistgebilde haben mich gehalten.
Gedichte etwa und Gedankenmühen.
Denn sie erlaubten mir, die Welt zu fliehen,
um gegen Ich und Markt mich zu gestalten:
In Einsamkeit zu trotzen den Gewalten,
denen sich niemand faktisch kann entziehen,
weil man von vornherein ist ausgespien
von ihrem anonymen Dauerwalten.

Doch welche Zuflucht schenken Geistgebilde
in Anbetracht von Mächten, die zerstören
durch unaufhörlich inszenierte wilde

Entlastungsorgien, die nur Schundsucht mehren
und ruinieren letzte Psychen-Schilde,
sodass selbst Knechte dann ihr Los begehren?

Nihilistische Synthesis (11)

Ich bin allein dem Geist nur treu geblieben:
Gedichten und dem Kerngedanken,
dass alles nichtig sei, weil schuldlos hintertrieben
durch  Ichsucht, Macht  und der Materie Pranken.

Die Dingweltflucht der Markterbärmlichkeit:
frigider Psychen fremder Artgenossen,
die Sinn und Zweck, die jede Normeinheit
belassen leer, sich selber hingegossen.

Das Selbst ist unverfügbar (Wesenszwang),
Gehirndiktat nur auf Entlastungsgleisen,
so eingelassen Perspektivendrang
der kommandierend kalten Weisen .

Was du erfuhrst an Tagen und in Nächten,
das machte zynisch, roh und hoffnungslos.
Man muss (und kann nur) für sich selber fechten
in dieser Mammon-Trümmer totem Schoß.

Gegebenheiten, Vermutungen, Befürchtungen (12)

(1)
In einer Welt, 
in der der Körper Ware ist,
in der es nicht mehr
um Personen geht,
in der sich Stumpfsinn 
durchs Bewusstsein frisst,
in der zerrissen wurde 
jedes Seelen-Zelt,
in der Politbetrug 
sich ohne Folgen hält, 
Narzissmus sich 
als Weisheit hisst …
In einer solchen Welt 
noch Sinn zu greifen, 
sich Zweck und Halt 
noch zu verschaffen,
erweist sich dann 
als Danaidenkrug …
Dann bleibt nur dies,,
durch Schein zu schweifen
in dem dann 
auf sich selbst zu pfeifen,
um sich verspaßungsgierig 
weg zu raffen,
um so auch
vor sich selbst zu kneifen.

(2)
Es ist uns Spätzeitpsychenkrüppeln
nicht gegeben,
uns vor den Folgen 
unsrer Ratio zu bewahren.
Es bleibt nur, 
diesseitshörig stumm ihr zu verschweben
in autodestruktivem Dekadenz-Gebaren.
Sie ist uns nun mal Schicksal, 
war’s von vornherein …
ist Halbgott-Gabe uns, dem hochprekären Sein,
verfügt Fiktionen-Zwang durch Sprache, Geist und Zahl.

(3)
Es ist nicht sicher,
indes doch wahrscheinlich,
dass irgendwann 
wir selbst uns ruinieren …
Mag sein, 
am Ende gar vernichten.
Sei’s ökologisch,
militärisch,,
technisch …
sei’s aus Versehen gar …
man kann’s nicht wissen.

Halb Tier, halb Geist, halb Würde-Mythe,
halb schöpfungskompetenter Intellekt …
sind wir nicht fähig, uns zu halten:
Wir werden, Widerspruch, 
uns wohl zugrunde richten.
Zumal als Stoffgefüge ohne Wesensgüte,
das immer um sein Ende weiß, 
das kein Moment lebt sinngedeckt,
lebt immer auch in einer feindlich kalten
Welt von Gewalt und von Gewissensbruch.

Die eigenen Einsichten ignorierende Grundhaltung (13)

Muss man nicht letztlich innerlich kapitulieren,
ja gar verwahrlosen, verarmen, haltlos treiben
durch dies Verfallsgefüge ohne Seelenbleiben …
Am Ende gar sich psychoethisch ruinieren,
weil man, zu angepasst, muss menschlich sich verlieren? 

Ich hatte Glück, weil durfte doch Gedichte schreiben 
und Einsicht sammeln, dass nicht konnte auf mich reiben
dies fast sirenisch-magische Gelüste Küren.

Und doch will ich dem Kapital die Treue halten.
Was auch heißt, seinen recht verbognen Lebenslügen.
Solange es noch glaubhaft kann sie ausgestalten,
sodass sie demokratisch-konsumti v betrügen
und so den meisten Menschen dann ihr Wohlstandswalten
sich bietet dar in sinnerfüllten Höhenflügen. 

Kommunikativ entmächtigt (14)
 
Zeitflüchtig sitze ich 
mein Dasein ab.
Immer mehr 
Lebenslügen entlarvend
als längst gewollte
Tatsachenverbrämung.
Und dass die nottut,
habe ich längst begriffen.
Denn wer verstünde,
was ihm geschieht,
würde satzflüchtig 
zwangsverstummen.

Nachtgedanken (15)

Daraus, 
dass ich nicht schlafen kann, 
lässt sich nicht schon wieder 
ein Gedicht machen. 
Dafür ist das Thema 
einfach zu begrenzt.
Von der Müdigkeit,
auch der, 
die das heutige Dasein umfängt,
wäre wieder einmal die Rede …
Davon, dass man
am folgenden Tag 
seine Arbeit nicht gemacht bekäme,
weil gerädert, deprimiert wäre;
vor allem der heutigen Welt
völlig entfremdet;
intellektuell wie sittlich so 
immer mehr herabgesetzt
unfähig zumal,
sich zu konzentrieren,
zumal auch 
nicht so recht wissend,
wofür man das tun sollte.
Indes auch davon heimgesucht,
dass man in diesen Stunden 
erzwungener Wachheit 
bestürzend deutlich erkennt,
dass man definitiv allein,
ausweglos einer sich selbst
fortwährend banalisierenden 
und so geistig torpedierenden Zeit
und der schleichenden Entartung
jedweden Sinnes für Wirklichkeit 
ausweglos unterworfen ist.

Puppe (16)

Was hielte ich schon in der Hand?
Nur fremd gezogne Pseudofäden.
Gewöhn mich neustem Technikstand
und onaniere Freizeit-Lethen.

Ich steig in keine meiner Tiefen;
schon weil mir Selbstbedeutung fehlt.
Und Widersprüche, die mich mal beschliefen,
sind längst monadisch umgeseelt.

Ich bau mich auf mit Freizeitphrasen.
Obwohl ich weiß, es sind Belämmerungen.
Bin eine Puppe ohne Basen,
globalem Mammonkult gedungen.

Ehrliche Bilanz (17)/Sonett

Wie ich mein Dasein sehe, hat man mich gefragt.
Nun, was das Menschliche betrifft, war’s sicher Scheitern.
Denn diesbezüglich hat grad alles sich versagt.
Kurzum: Das Menschliche war nichts als Schicksalseitern …
machte als Asozialität mich tief verzagt,
um dann durch Krankheit noch Bedrückung zu erweitern …
Ein Nihilismus-Los, das man umsonst beklagt.

Das Gängige? Das war mir eher null und nichtig.
Karriere, Anerkennung, Ehre, Aufstiegsfreude.
Nach denen heutzutage ist fast jeder süchtig,
Sticht aus so, jagt; und ist dann selbst auch Teil der Beute …
Das Höchste mir? Dass ich korrekt, was ist, ausdeute,
vergeistigt selbstverfügungsmächtig faktentüchtig.

Unverstandene Innenweltlenkung (18)

Es hängt so mancher wie gebannt an Worten,
hat um so mehr, je mehr die Sachen fehlen.
Oft klingt’s nach Kritzeleien in Aborten,
nach Schlagwortterror für die Kunden-Seelen.

Und weil er Marktagent ist, nutzt er gerne 
Reklame-Anglizismen, Sport-Gewäsch,
der Muttersprache möglichst in-cool ferne …
Affektgebläse nahe: power trash.

Moralsentenzen käuen andre wieder;
auch Kompetenzgefasel smarter Macher.
So wird im eignen Kopf er Untermieter
als Machtsuchtspielball im Monaden Schacher.

Wo bleibt indes gepriesne Mündigkeit
in dieser Emotionen-Jauche light?

Kapitalismus (19)/21.07. 2003

Nach außen gezwungner 
Wesensbefehl
durchschnittlicher,
auf Pleonexie hin 
sich entwickelt habender
sapienter Erbanlagen …
indes auch 
rational-technisch
wahrscheinlich 
eine, obwohl fraglos geniale,
auch eine autodestruktive
Überspezialisierung.

Versöhnungsversuch (20)/22.07.2003

Hart, zynisch sei ich,
kalt und unnahbar,
und menschlich 
nicht zu greifen. 

Du wirfst mir’s vor -
und es ist wahr.
Doch nimm den Hass raus,
lass das Keifen.

Ich will’s ja nicht,
steh innerlich 
ganz stumm vor Ohnmacht
hilflos da.

Immer dasselbe (21)/26.07.2003

Kaum kam der Tag herauf -
schon ist er wieder fort:
Erledingungs-, Termin-Ablauf …
Abstraktwelt ohne Ort.

Spurenmixtur (22)/16.5.2003

Idole, Wohlstand, Reizzufuhr;
dazu Gewissensabbau-Agentur
und Leichlauf-Hedonismus pur;
als summum bonum einer Kindertour
und dem Geschwafel von Kultur -
so ungefähr die Rezeptur
für eine angenehme Diktatur.

Fiktionen-Schöpfer (22)/2003

Mir 
fällt immer
was ein;
ich trage
Welten in mir;
selbst für 
nur mögliches
Sein,
hab ich 
feinstes Gespür.

Selbstverpflichtung (23)/17.07.2003

Auch wenn von allen den Gedichten,
die ich schon geschrieben habe,
nicht mal eins was taugen sollte,
werd ich dennoch fortfahren,
weitere mir auszupressen …
Bis mich jener Grabesfürst,
der am Ende alles nimmt,
wieder heimschickt in den Stoff,
einbannt der Materie 
bringt zum Schweigen dann
für immer.

Glaubst du das? (24)17.07.2003

Glaubst du wirklich,
dass das alles,
was die Sinne 
uns vermitteln,
was das Hirn
des Menschen denkt,,
- was Gefühle ihm vermitteln
und Affekte provozieren -
abgreift, deutet und dann 
nutzt für sich, 
auch nur irgendwas 
bedeutet?
Glaubst du 
an Vernunft und Maß,
dass der Mensch 
an die vergeudet,
seine Gier 
nach andrer Aas?
Nicht mehr nur 
Natur ausbeutet,
einschränkt Machtsucht,
Luxus, Spaß …?
Also noch mal:
Glaubst du das?

Getrieben (25/3.08.2003

Es ist so hemmend,
wenn man weiß,
dass alles, was man tut,
zuletzt vergeblich ist.
Man tut’s dann trotzdem …
etwa auf Geheiß
von Einsicht, Angst,
Erwartungsdruck,
aus wohlverstandner List

Wohlstandsgesellschaft/Konsumdiktatur (26)/11.08.2003

Wer weiß denn noch,
was Glück bedeutet 
und hätte zu ihm 
noch den Willen?
Dem Kunden wird’s als 
Schein gedeutet,
der sich’s dann zehrt 
aus Täuschungs-Füllen -
Er macht sich vor,
was ihm entzogen,
ist lediglich ein Surrogat …
Glück ist längst Teil 
von Kaufkraftdrogen,
als intendiertes leer und fad:

Das tiefe Glück schafft nur der reine Wille
als Sehnsucht, andern es zu schenken,
sie triebfein über sich hinauszulenken,
sie kosend weitend ihres Daseins Hülle,
zu adeln ihrer Leiber Tränken,
um ihre Leib-Macht zu entschränken …
bis ihnen flüstert dann sogar die Stille:
Da träumt ein Du mich jetzt als absolute Fülle …
das als Vollendungsgier mich muss   
in zarte Rausch-Entfesselungen senken.

Vorwegnahme (27)/11.08.2003

Ich habe alle Einsamkeiten 
stumm erlitten;
und kenne längst sie auch 
als Geistbegleiter;
sodass schon lange wir 
uns nicht mehr siezen;
vielmehr im Takt 
von gleichen Schritten
manchmal prüfen,
ob uns des Todes Leiter 
alle tragen würde;
bis dorthin, 
wo wir nicht mehr 
würden leiden,
uns alle senken dürften
in die stillen Tiefen,
um uns in dieser Nichts 
dann endlich zu entgleiten.

Für Stefan George (28)/S. 619

Dein herb gemeißeltes Gesicht 
und deine blendend steilgestirnte Strenge,
bann, das besagt sie, Chaos im Gedicht,
verachtend Glück und Heil der Menge.

Du branntest Worte zu Gebilden
auf apollinisch schlankem Schaft,
umgabst sie mit des Geistes Schilden,
gereinigt von des Stoffes Haft.

Du schufst als Lohen die Gesänge:
Als diktatorisches Gebot.
Dass Stumpfsinn schweige, weiche das Gedränge,
entrückt sei plane Lebensnot.

Ohnmacht (29)/S. 709

Nun reiße ich das Sein herum,
jetzt, da ich es begriffen habe:
Ich bin als Individuum
nur Ausfluss einer Kern-Vorgabe:

Materielle Würfelei,
gesellschaftlicher Hintersasse,
der weder schlecht noch gut noch frei
noch Einheit wäre, die sich fasse.

Entreiße mich den Ausgeburten
anthropozentrischer Magie,
Phantasmen, die mein Sein angurrten 
als Wehen feinster Perfidie.

Die Dame vom Flurbereinigungsamt (30)/S. 713

Nur Lob und Dankbarkeit für dieses Amt;
Nur Gutes … Bestes insgesamt.
War die Beamtin doch so nett;
das machte alles andre mehr als wett.:
Den Ärger und die Grundgebühren,
das schleppende Verfahren,
die Prüfungssucht auf Herz und Nieren …
Noch einmal: Die Beamtin war’s,
die machte, dass ich bald vergaß
Schikane, Normen, Briefe hin und her,
Bürokratie und Paragraphen-Heer.

An Ananke (31)/S. 732

Irgendwann werd ich
mir selbst begegnen.
Doch davor hab ich 
keine Angst.
Wir werden beide 
die Materie segnen,
wie du, Ananke, 
es von uns verlangst.







 

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