Alfred Sattig
Gedichte
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Diese Seite enthält 31 Gedichte
Hinweis: Eine Zusammenfassung der meinen Gedichten zugrundeliegenden Weltanschauung finden Sie auf den Seiten 39 bis 47. Auf diesen Seiten werden alle zentralen Begriffe (wie etwa „Geist“, „Narzissmus“, „Nihilismus“, „Würde“, usw. usw.) erläutert.
(A) Worum es in den Gedichten geht (00/01)1
Es geht hier ausnahmslos um solche Fakten,
wie sie die Innenwelten aus sich richten:
Um anonyme Zwänge, die die Psychen takten,
sodass sie selbst als haltlos müssen sich gewichten:
Nach exemplarischer Verkümmerungs-Magie:
entlastungsdrastischem Sichselbstentschämen,
sich zu verhehlen die Verwahrlosungen,
die jene formen sich zu treuen Schemen.
Verspaßungsdiktatorisch sich gelungen
als gleiche Exemplare einer Nihilismus-Sause
Pleonexie verfallener Systemspielbälle
- orientierungslos, weil in sich selbst nicht mehr zuhause -,
empörungssiech umgeifernd jede Komma-Stelle,
nicht nur die Worte mancher Phrasen-Welle.
Verdinglichungserpicht entfesselt
als selbst sich deutungslose Markt-Lakaien,
von kulturellen Niedergängen eingekesselt,
profanverdinglicht außerstande sich zu feien
sei’s gegen Korruption, sei’s Geistverfall,
sei’s gegen selbstzerstörerische Kern-Gelüste:
politkorrupten Ethikschwall …
Uns Ratio-Knechten brachen alle Halt-Gerüste.
Indes: Wer wäre, allvereinzelt, deshalb anzuklagen?
Wird er sekündlich doch von Häme, Lug und Trug verwirrt:
Narzissmus, Medien, Kungeleien und Verbrechen,
der Pseudo-Rationalität der großen Lebenslügen,
wie Selbstbestimmungs-Mären: Würde und Vernunft.
Was alles doch kann nur noch dies besagen,
dass man zu oft zu radikal sich irrt,
dass man zu oft bezahlt der Machtdebilen Zechen,
dass man sich ausweglos muss seinem Wesen fügen:
Dem Zwang zu Amoral, zu Ich-Gier, Einsamkeit und Brunft.
Zuletzt - ich täte wirklich gut daran, es zu verschweigen;
allein es rundet ab der Fakten Füllen -:
In keinem Augenblick sind wir uns selbst zu eigen …
Doch nur Materie-Gebilde ohne freien Willen.
Dazu nun: Existentielle, gesellschaftlich-soziale, wirtschaftliche, politische, kulturelle und
psychoethisch-subjektive Schlüsselkategorien, die sozusagen den zeitgenössischen
gesellschaftlichen Überbau meiner Gedichte ausmachen: Die mit ihnen angedeuteten westlichen (europäisch-amerikanischen) Gegebenheiten, Widersprüche, Zwänge, Welt-Anschauungen, Auswirkungen, Entlastungen usw. als Entwicklungsgrundlagen, Fundamental-Prägungen, Illusionen, Wert-Perspektiven, Selbsttäuschungen/ Selbstschädigungen, Realitätsverluste, Phantastereien, Lebenslügen, Steuerungen, Glücksmagien usw. usw. eröffnen dann den Weg zum Verständnis der heutigen
Daseins-Umstände der ihnen in der Regel hilflos ausgelieferten Individuen: den bis in ihre Seelenkerne marktgesteuerten und daueremotionalisierten Konsum-, Spaß-, Effekt- und entfesselungsberauscht auch wirklichkeitsverlustigen Gleichlauf-Monaden.
Ich zähle diese Kategorien hier auf und füge zu jeder eine kurze/prägnante, nur sehr allgemein orientierende, Bemerkung hinzu, die als Hinweis auf entsprechende Gedichtinhalte dienen mag.
(B) Die Superstruktur (Wendung von Arnold Gehlen) von Kapitalismus, Naturwissenschaften und Technik: Dieser sind wir als Gesellschaft und Individuen vollständig ausgeliefert/unterworfen.
(I) Kapitalismus als Massen-Wohlstandsschöpfer, Demokratie-, Rechts- und Sozialstaats-Garant wirkt er letztlich als ein wohlstandsschöpferisch fundierter Selbstverdinglichungs-Imperativ als diesseitiges Sinn- und Glücksversprechen).
Stichworte/Kategorien:
(א) Materialismus („Haben“: Geld, Güter/Waren usw.).
Dazu Folgendes: Der kapitalistisch grundgelegte/provozierte, ins Maßlose gesteigerte Materialismus wirkt psycho-ethisch-geistig-kulturell destruktiv, d. h. der Kapitalismus hat sich in ihm einen Gegner geschaffen: Der Kapitalismus schädigt sich selbst, indem er die menschlichen Eigenschaften, auf denen er aufruht: Rationalität, Sachlichkeit, Selbstmächtigkeit und ein grundlegendes Maß an - auch moralischer - Berechenbarkeit progressiv-anonym aushöhlt: Der Kapitalismus schafft - schleichend immer häufiger - den egozentrisch-infantil-irrationalen, also: daseinswirren, sich selbst gegenüber verantwortungslosen Spaßknecht (der nach und nach leistungsunwillig bzw. -unfähig, auch tatsachenmeidungslüstern, psychisch labil, selbstwertverlustig, existenziell mittellos, kurzum: sich selbst zur Last wird - und damit der Gesellschaft (gerade in Deutschland, einer völlig überalterten, immer ärmeren, immer ungerechteren, immer kälteren, immer mehr verbrecherischen, immer weniger stabileren, politisch/demokratisch immer mehr gefährdeten Gesellschaft).
Freilich: Materialismus gehört zum Wesen des Menschen (hier immer: homo sapiens, also wir). Haben (materielle Sicherheit) tröstet, nimmt Angst, gibt Sicherheit, mindert Sorgen, schafft Macht, bewirkt Anerkennung, zeichnet aus usw. usw. Im Kapitalismus allerdings artet der Materialismus immer mehr aus zum Phänomen der Selbstverdinglichung; soll heißen: Die Individuen machen sich selbst zu Waren/zu Produkten/zu Marken, „werben“, preisen sich an (je nach Macht-, Vorteils- oder Spaß-Ziel) um auf diese Weise der Mehrung ihrer Selbstverwirklichungs-Chancen zu dienen, denn unter kapitalistisch geprägten Lebensbedingungen muss man sich tatsächlich „in Szene setzen“ (physisch, intellektuell, persönlichkeitswirksam usw.) … als ob man ein Nichts wäre, eine Null, wenn man nichts aufzuweisen hat, womit man andere beeindrucken, betrügen, faszinieren, sich für sie interessant machen kann. Der Preis der Selbstverdinglichung? Einsamkeit und Selbstbetrug (man wirkt als Existenzschauspieler, nicht als die oder der man tatsächlich ist, unausweichlich, schicksalhaft, unabänderlich ist. Weiter: Dieser Selbstverdinglichungs-Materialismus ermöglicht es einem, auch als Trug- oder Scheinwert-Produkt gängig zu reüssieren, was auf hingenommene Charakterlosigkeit, Selbst-Nichtigkeit und Heteronomie hinweist. Kurzum: Der nicht totalitär vor sich selbst geschützte Kapitalismus (China), ist sich selbst (??!!) zur Gefahr geworden. Er „bröckelt/schwächelt/stolpert“ in Europa (insbesondere im kulturell - auch ökonomisch? -absteigenden, wirklichkeitsverlustig-tugendstier-hypersozialen Deutschland) …
Demokratie und Rechtsstaat neigen sich, so sieht es aus, ihrem Ende zu. Auch in den USA, wo die sog. Tycoons nach politischer Macht gieren, um, sollten sie sie erlangen, das Land dann endgültig zu spalten, sich zu entfremden, sich seiner Macht zu begeben.
(ב) Utilitarismus (utilitas, lat.: Nutzen: Zu erstreben sei das größte - materielle - Glück der größten Zahl. (So J. Bentham, 1748 - 1832 und J. S. Mill, 1806 bis 1883
(ג) Hedonismus griech.: hëdonë = Lust (zu erstreben sei Lust jeder Art, besonders die sexuelle; Lust sei Zweck und Ziel aller menschlichen Daseinsvollzüge; der Mensch strebe von Natur aus nach Lust; so Aristipp von Kyrene, ca. 435 – 355 v. Chr.)
(ד) Konsumtiver Eudämonismus, gemeint: die Jagd nach konsumtivem Glück; der Kapitalismus kennt nur dieses Glück; das geistige Glück - freilich selten - ist ihm fremd
(ה) Subjektivismus/Schrankenloser Wertepluralismus – ohne welche Selbstverständlichkeit auch immer : Die wachsende Selbstherrlichkeit eines Individualismus, der rücksichtslos nach einer totalitären, oft anomen, hier = regellosen Freiheit strebt; und glaubt, dass er dazu auch das Recht habe selbst dann, wenn er gesellschaftliche Grundregeln missachtet.
(ו) Narzissmus
Heutzutage weit verbreitete Sucht nach Selbstverwirklichung, Selbstinszenierung, Selbstgrandiosität.
Dazu Reinhard Haller, Die Narzissmusfalle, S. 40:
Narzissmus setze sich aus folgenden 4 Komponenten zusammen:
(*) Egozentrizität (ich verstehe das Wort so: Das eigne Ich ist einem sozusagen die ganze Welt, eine Art zwanghafte Fixierung auf sich selbst, sich selbst sein Ein und Alles seiend, eine Art Halbgott durch und für sich selbst
(**) Empfindlichkeit (sich leicht beleidigt, angegriffen, zu Unrecht kritisiert fühlen usw. usw.)
(***) Empathiemangel (Empathie = die Fähigkeit, sich in andere Menschen einzufühlen; das kann der Narziss nicht, weil er sich selbst die einzig relevante „Daseinsgröße“, also individuelle Grandiosität ist)
(****) Entwertung (anderer Menschen; der Narziss, gewissermaßen von seiner eigenen Großartigkeit geflutet, ertrinkt, sich permanent als "größter und dickster Fisch im Teich" inszenierend, so in der eigenen verdorrten Innerlichkeit einer desorientierten, verängstigten, geistlosen und faktenflüchtigen menschlichen Armseligkeit. Was ich freilich auch verbinde mit Selbsthass, Seelenkälte, Gewissenlosigkeit, Neid, Angst, Geistesarmut, Realitätsverweigerung und maßloser (zwanghafter!) Selbstbezogenheit.
Und all dies findet man heute als „Massenphänomen“.
Weitere zeittypische Kategorien (für das Verständnis meiner Gedichte ebenfalls grundlegend)
(ז) Amoralismus/Heutzutage nicht selten auch narzisstisch mitfundiert
Ich lebe in einer Welt, in der, z. B. in der Politik, ständig von Humanität, Anstand, Würde, Freiheit (Autonomie), Demokratie, Gleichheit, Emanzipation, Tugend/Moral die Rede ist. Ich sehe und höre aber zuweilen - und das immer öfter - geradezu eine Art orgiastische Empörungsraserei auf Seiten derer, bei denen eine Doppelmoral (in den stark ideologisch angehauchten politischen Parteien) sehr häufig zu bemerken ist. Ich erfahre all das. Indes wenn ich auf die Wirklichkeit schaue, fällt mir sofort auf, dass je mehr von jenen: Anstand, Würde usw. die Rede ist, sie als tatsächliche Verhaltens- und Handlungs-Leitlinien desto weniger faktisch-objektiv ausgemacht werden können. Ich nenne folgende Tatsachen (nur diese):
(aa) Die deutsche Gesellschaft hat sich tendenziell zu einer Kleingauner-, Trickser-, Lügner-, Betrüger-, Abzocker- und auch Verbrecher-Gesellschaft (Beispiel für diesen Punkt: CUM/EX -Machenschaften), entwickelt.
(bb) Die politische Kaste interessiert sich scheinbar primär für ihren Machterhalt, ihre Diäten, den großen Applaus, ihre Wiederwahl, weniger aber für die drängenden Probleme des Landes: Deutschland befindet sich seit vielen Jahren im Niedergang - und der ist auch - zuweilen primär - politisch-ideologisch, gesinnungsarrogant, würdetrunkenwirr und durch Inkompetenz und Charakterlosigkeit: Funktionselite-Versagen verursacht
(cc) Den rechtlich-weltanschaulich-ideologischen Missbrauch des Würdebegriffs des GG.
Und warum spreche ich das an? Nun: Viele meiner Gedichte beschäftigen sich mit den Folgen dieser Umstände für die Individuen, deren z. T. desolate subjektivistisch- psychoethisch-geistige Verfassung viel mit jenen gesellschaftlichen Verfallserscheinungen zu tun haben.
Und - es sei noch dies angemerkt -:
(dd) Der Kapitalismus - gerade deswegen auch ist er so erfolgreich - zielt n i c h t auf eine ideologische Idealvorstellung vom Menschen, sondern nimmt diesen, wie er ist: ichsuchtgetrieben, habsüchtig, andere überragen wollend, machtlüstern, lebensängstlich, widersprüchlich, perspektivenknechtisch, selbstüberschätzungs- und illusionsanfällig, eitel, triebdrastisch, existenzkorrupt … kurzum: einer, der sich auf sich selbst nicht verlassen kann, das aber permanent verdrängt: Ein Existenzschauspieler; folglich: utilitaristisch (auf seinen Nutzen erpicht), hedonistisch (auf sexuelle Lust und Spaß überhaupt aus), eudämonistisch (einer, der nach Glück jagt … meint: dem, was er dafür hält); heute: narzisstisch (was übrigens nicht dasselbe ist wie eitel; eitel ist der Mensch von Natur; narzisstisch wird er u. U. dann, wenn er mächtig, reich, bewundert, gefürchtet ist usw.; indes ichschwach, infantil, selbstabstandsunfähig, faktenunkundig permanent sich selbst beweihräuchert, aber daran scheitert, realistisch sich selbst und seine Welt zu sehen/zu beurteilen. Der Narziss ist völlig geistlos (also: notwendig ein Wirklichkeitsverweigerer, ja: ein Wirklichkeitsunfähiger), sich selbst ausgeliefert menschlich seiner selbst benommen: fad, fühllos, krankhaft empfindlich.
Narzissmus heute, als trivialkulturelles Massenphänomen, ist ein zwanghaftes Selbstglorifizierungsgehabe ihrer selbst nicht mächtiger Ich-Schwacher als Repräsentanten geistig-seelischer Armut.
Zum Kapitalismus zuletzt dies:
Der Kapitalismus als "Superstruktur", als Gefüge von Kapitalismus, Technik und Naturwissenschaften könnte sein, ist, wird sich erweisen als (???)
(ee) autodestruktiv (ökologisch, sozial: progressiver Zerfall der Gesellschaft durch massive Ungleichheiten, fortschreitende Dekadenz, politisch: im schlimmsten Fall schleichende Zerstörung der Demokratie und des liberalen Rechtsstaates, weil die (ist deren Eintreten wahrscheinlich? Und wenn ja: In welchen Zeiträumen?) sozialen Folgen: Asozialisierung, Anomisierung und Anarchisierung nur diktatorisch-autoritär würden sei's unterdrückt, sei's korrigiert werden können - wenn überhaupt, kulturell: Zerfall der individuellen Innenwelten: "Psychenkollaps" = Reflexionsinkompetenz, seelisch-sittlicher Verfall
(Gewissenlosig- und Vernunftunfähigkeit), Orientierungslosig- und Haltlosigkeit, Enthemmungs-Nihilismus (zu dem, s. oben) = dauerneurotische Heteronomie, Selbstverlust, massive Aggressionen, wachsende soziale Unfähigkeit usw. usw. - im Extremfall ist die Steuerung der Menschen unvermeidlich; tatsächlich aber erwarte ich (auch) Gewaltorgien (aufgrund unmittelbarer Existenzbedrohungen, wie etwa durch ökologische Katastrophen; eine lebbare, gar humane Zukunft in globalem Ausmaß, halte ich dagegen für unwahrscheinlich, will sie aber, hier nur spekulierend, auch nicht ausschließen - allerdings mit einem Menschentypus, der mit uns Heutigen eher nicht zu vergleichen sein wird. Er wird, das ist die wahrscheinliche Konsequenz aus einer grenzenlosen Anwendung (und dem Missbrauch) von Künstlicher Intelligenz: Es wird ein Knechtstyp, ein Wesen sein, gekennzeichnet (wenn‘s gut geht) von einer "servitude paisible": "von friedlicher Knechtschaft" (Alexis de Tocqueville, 1805 - 1859, französischer Staatsdenker und Politiker, Hauptwerk: De la Démocratie en Amérique: Über die Demokratie in Amerika)
Ich gehe zumal davon aus, sagte das bereits, dass unsere hypertrophe („maßlose“) technische Begabung sich als "evolutionäre Sackgasse" herausstellen könnte: Technologisch "überdeterminiert" könnten wir, der Natur vollständig aus der Hut gelaufen, sei's durch diese (Katastrophenszenarien), sei's durch uns selbst (sich autonomisiert und von uns emanzipiert habende KI = Künstliche Intelligenz) vernichtet werden ... eine durchaus deprimierende Vorstellung, wenngleich wohl doch eher spekulativ.
(ff) Gerne bereit, alptraumhafte Szenarien beiseite zu setzen (da sie zu viele unsichere = spekulative, also: subjektivistische Elemente beinhalten würden), möchte ich trotzdem die Meinung vertreten, dass sich die bereits jetzt offenkundigen Probleme, allgemein gesprochen, die Probleme einer progressiven Auflösung individueller Selbststeuerungskompetenzen, heteronome (fremdbestimmte) Desorientierung und Entlastungsbedürfnisse, die individuell nur mittels Autodeklassierungsverhaltungen - Drogen, Gewaltorgien, Entnormungslüsternheit (Anomie) usw. - werden (schein)befriedigt werden können. Man denke auch an den wohl unvermeidlichen Niedergang seelisch-geistig tragender Bildungsfähigkeit und -willigkeit: Die diesbezüglichen intellektuellen Leistungen sinken immer mehr (ein Ergebnis: der gewaltselige, gewissenlos-primitive Desorientierte)
(II) Naturwissenschaften
Diese nenne ich Entzauberungs-Instanzen als die rational-analytischen Mächte menschlicher Selbst-, Welt- und Seins-Entbergung in ein gottloses, dem Menschen gefährliches: „feindseliges“ Sein. Kurzum: Sie stehen für d i e intellektuellen Glanzleistungen der, sagen wir, grob letzten drei Jahrhunderte. Und: Sie sind letztlich Ursache dafür, dass, wie es der tschechoslowakische Philosoph Jan Patočka ausdrückt, dies gilt: „Die Pflege der Seele ist heutzutage durch das Interesse an äußeren Dingen ersetzt worden.“
Stichworte
(ח) Determinismus/Nur wenige, naturwissenschaftlich fundierte, allgemeine Hinweise:
Wir Menschen sind als Gebilde baryonischer Materie (s. S. 39, „Weltanschauung“) vollständig determiniert; soll heißen: völlig unfrei (heteronom); heißt: es gibt keine freien Entscheidungen, keine Selbstbestimmung, keine Emanzipation, keinen selbstgewählten: autonomen Daseinsvollzug. Denn (vgl. S. 39//Weltanschauung): Noch mal: Wir sind bloße Materiegebilde - durch und durch; uns wohnt keine (immaterielle) Geistseele ein. Wir sind nicht das Resultat des Willens eines Schöpfergottes als eines reinen Geistes; dieser Gott existiert nicht. Unser Wille ist also nicht frei. Das Gehirn als materielles Gebilde ist den (physikalischen, chemischen, biologischen) Gesetzen der Materie unterworfen. Wir entscheiden also nicht (frei über uns), sondern das Gehirn als Instanz der Konzeption von Daseinsbewältigungsstrategien „befiehlt“ uns, was wir tun müssen, um unsere Existenz zu meistern.
(ט) Atheismus
Die Naturwissenschaften (Physik, Chemie, Biologie) haben die Himmel entzaubert/leergefegt, haben den Menschen auf das reduziert, was er ist. Ich folge hier teilweise Überlegungen von Sigmund Freud: Statt Ebenbild Gottes, Krone) der Schöpfung, Vernunftwesen in kosmoszentrischer Stellung zu sein, ist der Mensch eine kosmisch randständige, aus einer biologischen Evolution* hervorgegangene Tierart (der 3. Schimpanse neben Pan troglodytes und Pan paniscus**), ohne durch einen Gott kosmoszentrisch oder geistig-seelisch ausgezeichnet zu sein (nach Darwin und der modernen Astrophysik). Der Mensch sei (nach Freud) ein Lustpfleger oder Es-Knecht.***
Anm.* Zufällig, nicht notwendig
Anm.** Neben dem Schimpansen (Pan troglodytes) und dem Bonobo (Pan paniscus)
Anm.***: Indes dürfte der Kapitalismus des 20. Jh. (zumindest nach dem 2. Weltkrieg, insbesondere in Deutschland, als Propagandist und Prophet einer Art hedonistischer Selbstverwirklichungsdiesseitigkeit mittels (Selbst-)Konsum wesentlich zur Verbreitung jenes Atheismus beigetragen haben: Den gelernten Konsumenten geht es nicht - kann es nicht - um ihr Seelenheil gehen, sondern um ihr materialistisch-narzisstisches „Leib-, Geldbeutel- und Ich-Kult-Heil“.
(י) Nihilismus
(α) Der folgt unmittelbar aus den Entzauberungszwängen der Naturwissenschaften
Dass das Sein des Universums (vor ca. 13,82/13,75 Milliarden Jahren entstanden; Angaben schwanken etwas), dass die Evolution der Lebewesen auf der Erde, aus der auch wir zufällig hervorgingen, dass die Tatsache, dass wir existieren, dass überhaupt irgendetwas objektiv(!) einen Sinn, einen Zweck, ein Ziel habe, geplant/hervorgebracht/geschaffen worden wäre von einer Gottheit als reinem Geist, das vermag ich nicht zu sehen: Für mich gibt es keinen übergeordneten (objektiven), etwa metaphysisch (religiös) fundierten Sinn, jedenfalls lässt sich ein solcher nicht erkennen (was nicht heißt, dass wir nicht einen Sinn in diese Welt, unser Leben, unser Tun und Lassen hineinlegten, etwa weil wir, die Einzelnen, in der Regel die völlige Sinnlosigkeit des gesamten Seins nicht würden ertragen können) … Vielmehr: Es ist dem Menschen wesenseigentümlich, nach einem Sinn, etwa einem solchen seines eigenen Lebens, zu fragen; aber daraus, dass wir sinnbedürftig sind, folgt nicht, dass es für uns einen objektiv auszumachenden Sinn gäbe. Es gib keinen.
Zum Thema „Nihilismus“ (der - blickt man objektiv(!) auf diese heutige Welt – (für mich, Sa.) ein Faktum ist: Der heutigen Existenz fehlt z. B. die metaphysische Grundlage, es fehlt ich überhaupt jedwede Grundlage dafür, sie als „sinnträchtig“ zu betrachten: Die Ergebnisse der Naturwissenschaften - Physik, Chemie, Biologie - haben sie als objektiv sinnlose längst entlarvt; indes subjektiv werden die meisten Mensch diesen Nihilismus meiden können; und sei’s nur durch Indifferenz oder Verdrängen; meiden können etwa durch eine intakte Ehe/Familie, berufliche Kompetenz/woraus Anerkennung und Erfolg sich ergeben, privilegierte Lebensführungschancen (Vermögen usw.), auch gar durch Sport und als sinnvoll empfundene Freizeit-Aktivitäten, Gesundheit usw. usw.
Fest steht: Als Ausdruck absoluter Sinnlosigkeit (von was auch immer; so auch unserer Existenz) können etwa diese – und manche andere - Gedichte gelesen werden. Das Thema „Nihilismus“ ist für mich, Sa., von fundamentaler Bedeutung: man findet es entsprechend in vielen Gedichten auch implizit. Hier ein paar Hinweise auf solche Gedichte:
(*) Überforderung II (01a = Seite/57a = Gedichtnummer) (*) Transzendenz (02/96)
(*) Erlösungsnihilismus (02/143) (*) Sinn (37/2205) (*) Entseelungs-Nihilismus (39/2289)
(*) Für den amerikanischen Physiker Steven Weinberg (Seite 62/Nr. 3302) (*) Eben so (64/3383) (*) Der Lauf der Dinge (64/3400) (*) Ein anonymer Nihilismus (64/3403)
(*) Mein Nihilismus (72/3914)
(β) Weitere Informationen zum Thema Nihilismus: Vereinfacht gesagt: Welt, Geschichte, Ideen, Ideale, Existenz, Gesellschaft, Moral, Kultur - welches menschliche Schaffen und Streben auch immer, egal, welches Werten und Bezwecken auch immer - ist objektiv betrachtet sinnlos. Wörterbuch der philosophischen Begriffe (Meiner-Verlag, Hamburg, S. 455): "Neubildung von lat. nihil "nichts", der Standpunkt oder die Lehre der bedingungslosen Verneinung bestehender Anschauungen, Glaubenssätze oder Verhältnisse" . Schon bei Aurelius Augustinus, 354 - 430, Philosoph und Kirchenlehrer hießen die Nichtgläubigen "nihilisti", also: Gottesleugner: Atheisten)
(כ) Infantilismus (Selbstentpflichtung, sich den disziplinierenden Alltagsanforderungen -etwa beruflichen - am liebsten entziehen wollen; dazu: Eskapismus: Die Flucht aus der Realität in eine träumerische Verantwortungslosigkeit als Scheinweltgenuss
(ל) Emotionalismus (hier: sich in Gefühlen, Affekten, Stimmungen usw. erleben, ergehen, verträumen, entlasten)
(מ) Egalitarismus = vollkommene Gleichheit aller Menschen. Indes: Die Menschen wollen gar nicht gleich sein, vielmehr in der Regel andere überragen, ausstechen, übertreffen; indes sind sie sich gerade darin gleich, dass sie, gleich seiend in dem, was sie wollen (Wohlstand, Lust, Prestige, Erfolg, Macht, Erlebnischancen usw.), sich oberflächlich zu unterscheiden suchen: also nicht in ihrem Wesenstreben (nach Wohlstand), sondern in den (ungleich verteilten) Mitteln, dieses zu realisieren (Waren): Dasselbe wollen so gut wie alle (Wohlleben), aber die Chancen, es zu erlangen, sind ungleich.
(נ) Werte-Pluralismus: Wegfall jedweder Selbstverständlichkeit (Freilich "Wenn alles gilt, gilt gar nichts" - Gottfried Benn, 1886 - 1956, deutscher Dichter)
Noch einmal:
Gesagt wurde, dass
(*) der Kapitalismus als Massen-Wohlstandsschöpfer, Demokratie-, Rechts- und Sozialstaats-Garant letztlich wirke als ein wohlstandsschöpferisch fundierter Selbstverdinglichungs-Imperativ als diesseitiges Sinn- und Glücksversprechen).
Gesagt wurde weiter,
(*) dass die Naturwissenschaften als Seins-, Welt- und Selbst-Entzauberungs-Instanzen aufzufassen seien als rational-analytische Mächte, die - zumal als Steigbügelhalter des Kapitalismus - in Determinismus, Atheismus und zuletzt Nihilismus führen müssten, also uns in eine sinnlose, metaphysisch entzauberte Welt entließen, die wir auf Dauer würden vielleicht nicht aufrechterhalten können (nicht ökologisch, nicht politisch, nicht kulturell, nicht psychoethisch, nicht intellektuell …).
Bleibt noch
(III) Technik
Dieser ordne ich den Ausdruck „Entwirklichung“ zu.
Nun, wir sind Techniker, sind es von Anfang an - um überleben zu können, was wir nicht würden gekonnt haben unter natürlichen Bedingungen (so, korrekt Arnold Gehlen, der den Menschen als homo inermis, als mittellosen Menschen, bezeichnete, der, um überleben zu können, auf die Herstellung von Werkzeugen, Waffen und einer von ihm künstlich geschaffenen Umwelt (Behausung/Schutz, Kleidung usw.).
Ich stelle lapidar fest: Wir sind virtuose Techniker, schaffen als diese hochkomplexe Verfahren für industriellen Fortschritt, für Lebenserleichterungen, Vergnügenssteigerung, Lustintensivierung, Seelensteuerungsbedürfnisse (Ablenkung von seelischen Bedrückungen, Einsamkeit, Antriebslosigkeit, Traurigkeit, Bekämpfung von innerer Leere usw. usw.), bauen Maschinen, die unsere natürlichen Fähigkeiten (etwa von einem Ort zu einem anderen zu gelangen) um ein Vielfaches übertreffen (z. B. Autos, Flugzeuge usw.)
Wir haben sogar KI erschaffen - und uns damit technisch durch uns selbst zu unserem großen Nachteil verführbar gemacht und bedenklichen Gefahren des Selbstverlustes ausgesetzt. Wir sind Gefangene unserer Technik geworden, soll heißen: Wir können den Kosmos technisch geschaffener Entwirklichungen nicht mehr demontieren: wir sind sozusagen seine Knechte geworden (und das schon von Smart-Phones, die uns Tag für Tag stundenlang aus der unmittelbaren Lebenswirklichkeit locken. Man überlege nur einmal, in welchem Ausmaße schon unser profaner Alltag zuhause von Apparaten mit gestaltet wird: Fernseher, Internet, Musikanlage, Waschmaschine, Kühlschrank, Elektroherd, Computer … Wären alle diese Geräte zugleich defekt, fiele es den meisten von uns sehr schwer, sich eigeninitiativ (ohne künstliche Ablenkungen) über den Tag zu retten.
Obwohl ein technischer Laie, versuche ich nun einmal, mir Gefahren auszudenken im Zusammenhang mit der fragwürdigen Nutzung von KI:
Private/Gefahren für Individuen (Ich bitte zu beachten, dass ich, Sa., was Technik/KI anbelangt, ein völliger Laie bin, folglich Gefahr laufe, auch Unsinn zu reden):
(1) Verführung zum Selbstbetrug und zur Selbstverdummung (ich lasse habituell die KI für mich intellektuelle Leistungen erledigen; höre stattdessen mich emotional entfesselnde Rockmusik) - nicht zu vergessen, das damit verbundene moralische Versagen meinerseits
(2) Verführung zur Selbsterniedrigung (ich schicke jemanden, den ich nicht leiden kann, eine anonyme, ihn herabwürdigende Nachricht und ein KI-geschaffenes Bild, das ihn in einer peinlichen Situation zeigt)
(3) Was kann dann passieren, wenn man kein Vertrauen mehr haben kann zu dem, was man sieht und hört, wenn es KI-Fake sein kann/könnte. Was wird dann noch als „wirklich“ gelten können? Wenn diese Frage nicht mehr eindeutig zu beantworten ist, dann verliert man am Ende gar sich selbst in einer Art Hadern mit Mehrfach-Scheinrealitäten
Wirtschaftliche und gesellschaftliche Gefahren:
(4) Was kann passieren, wenn KI-gesteuerte industrielle Großprozesse, behördliche Abläufe, Betriebe selbst usw. usw. in böser Absicht gestört werden?
Militärische Gefahren:
(5) Was könnte KI in einem konventionellen Krieg bewirken/anrichten. Was am Anfang eines Atomkrieges? Ich weiß es nicht.
(6) Lesefrucht: Ich habe gelesen, dass je schlauer die KI werde, wir desto dümmer/hilfloser/ abhängiger/ verführbarer würden? Das leuchtet mir ein.
(7) Fragen/Spekulationen:
Haben wir uns mit der KI eine Technik geschaffen, die auf Dauer geeignet sein könnte,
uns regelrecht intellektuell (geistig ist es bereits geschehen - ohne KI; dafür hat die Kapitalismus der letzten 60 Jahre allein gesorgt) unserer selbst zu entmächtigen?
(8) Dem sei wie auch immer. Fakt scheint, dass unsere Selbstverantwortungsfähigkeit zerfällt, dass unsere Innenwelten immer öfter zu kollabieren drohen (schon allein deshalb, weil die sprachliche Differenzierungsfähigkeit immer weiter verkommt: Das lässt die begegnende Wirklichkeit immer bedrohlicher werden)
Was schon verhältnismäßig einfache Technik möglich macht/Schlichte Erfahrungen
(9) Mir fällt auf, dass ich am Telefon immer öfter mit Pop-, Rock-, Schlager- und überhaupt stimmungssteuernder Musik (z. B. am Telefon) regelrecht berieselt werde, um die lange Warteschleife, von eingängigen Hits eingelullt, über mich ergehen zu lassen. Kurzum: Technik schafft, beeinflusst, lenkt Emotionen und Affekte – ohne dass man dessen gewahr werden müsste; also auch anonym
(C) Damit sind die allgemeinen Kategorien
(1) der heutigen, radikal kapitalistisch-naturwissenschaftlich-technisch geprägten
Lebensumstände genannt. Sie betreffen/steuern das Leben aller, insbesondere in Europa/ Nordamerika; und ich benutze sie, um mir in meinen Gedichten
(2) den Existenz-Vollzug von Menschen zu vergegenwärtigen, die jenen Lebensumständen angepasst ihr gesellschaftliches Dasein vollziehen (müssen), von ihnen, diesen Lebensumständen, stündlich beeinflusst, geprägt und auch heimgesucht werden, um so dann
(3) Vernutungen, Spekulationen, Überlegungen über diese - äußeren wie inneren -Lebensumstände meiner Landsleute anzustellen:
(4) Über ihr Denken, Werten, Streben, Fühlen, ihre Erwartungen, Selbsttäuschungen, Daseinswidersprüche, Fiktionen, Erfahrungsinterpretationen usw., um diese dann
(5) mit meinen eigenen abzugleichen, zu bewerten und einzuordnen; zuletzt dann, um
(6) mir über meine eigene: subjektive seelische Verfassung Rechenschaft abzulegen: in Gedichten; in diesen dann auszudrücken: Meine Wertungen, Überzeugungen, Widersprüche, Absonderlichkeiten, psychischen Grenzen, geistig-intellektuellen Präferenzen Entfremdungserfahrungen, Fragwürdigkeiten, verinnerlichten Prägungen, besonders die während der Kindheit empfangenen, zumal auch während dieser Kindheit verinnerlichte Radikalismen, die immer wieder, mich bedrängend, hervorbrechen aus meinen - nicht zu „verfeinernden“ - tiefsten Seelenschichten.
(7) Angefangen von der Herkunft, den Eltern, der problematischen Geburt, der Jahre der Kindheit bis ans Ende der Jugendjahre, vom Dorfleben und den Erfahrungen, die ich mit diesem gemacht habe … bis zu den nunmehr vollendeten 75 Jahren meiner Existenz, während der ich dahingetrieben wurde - sehe ich es objektiv, gefasst und ohne Hadern - als
(8) „eines Schattens Traum“ (Pindar von Theben)*
Anm.*: Bekenntnis zur tiefen Weisheit Pindars von Theben (518 -446 v. Chr.): (Pythische Ode VIII, 95f) „ἐπάμεροι·τί δέ τιϛ; τί δ̓ οὔ τιϛ; σκιᾶς ὄναρ ἄνθρωπος“
Übersetzung(sversuch): „Tagswesen/Eintagswesen. Was ist einer? Was einer nicht? Eines Schattens Traum, das ist der Mensch.“ So ist es. Mag das auch den meisten als eine bedauernswerte düster-irrationale Entgleisung erscheinen. Für mich, Sa., ist es eine tiefe Weisheit im Hinblick auf unser Dasein
(D) Erste Annäherung an meine Gedichte (00/02)2
In diesem Wohlstands-Kosmos schwinden Sinn und Halt:
Er muss als Gier-Verzückungs-Zwang sie gar umgehen:
macht progressiv so Innenwelten ichsuchtkalt
durch freizeithedonistisches Entwirklichungs-Geschehen:
Das als Entlastungshandeln doch auch dienen muss,
denn solches braucht die Marktmacht-Rationalität,
weil zielen muss doch auf Verdinglichungs-Genuss,
der den Subjekten dann zur Selbsterhöhungs-Chance gerät.
Indes ich weiß - trotz mancher stillen Geist-Andacht,
durch die ich meide jenes Kosmos Trivial-Magie -
Was ich erfahre hier, kann nur sein Nihilismus-Pracht,
uns - konsumierend - hetzend in Entfremdungs-Apathie.
Wir werden jener Ratio wohl zum Opfer fallen,
denn sie wird gegen uns sich wenden müssen:
Zumal wir selbst sie sind: des Großhirns Trieb-Vasallen,
Pleonexie-Diktat, nur dem allein, beflissen.
(E) Grundlegender Hinweis:
Ich beginne mit dem Homo-mensura-Satz/dem metron-anthropos-Satz (Mensch-Maß-Satz) des Protagoras von Abdera (ca. 485 – 415 v. Chr.); dieser lautet: "Πάντων χρημάτων μέτρον ἄνθρωπος, τῶν μὲν ὄντων ὡς ἔστι, τῶν δὲ οὐκ ὄντων ὡς οὐκ ἔστιν … οἷα μὲν ἕκαστα ἐμοὶ φαίνεται, τοιαῦτα ἔστιν ἐμοί … οἷα δὲ σοί, τοιαῦτα αὖ σοί."
Übersetzung: „Aller Dinge Maß ist der Mensch, der seienden, dass (wie!) sie sind, der nichtseienden, dass (wie!) sie nicht sind … Wie alles einzelne mir erscheint, so ist es für mich ... wie dir, so ist es wieder für dich.“
Ich beginne mit diesem Satz, um mit diesem zum Ausdruck zu bringen, dass alles, was nun folgt, in Aussagen, Behauptungen, Dafürhaltungen usw. gekleidet, m i r so zu sein s c h e i n t, wie ich es gesagt, behauptet, in Verse gefasst bzw. ausformuliert habe, sei es auch noch so negativ, extremistisch und also auch bedrückend: Es ist je m e i n e persönliche Sicht auf mich selbst, mein Leben, die anderen, die Gesellschaft und die Welt überhaupt; ob diese Sicht richtig oder falsch ist, sei dahingestellt.
Tatsache ist, dass ich keinerlei Anspruch erhebe darauf, definitive Wahrheiten bieten zu können (solche am allerwenigsten); noch will ich jemanden belehren oder überzeugen; weder mittel der Gedichte selbst, noch mit den Inhalten meiner Erläuterungen und Kommentaren zu diesen; diese dienen ausschließlich dazu, das Verständnis der Gedichte zu erleichtern; und zu nichts außerdem.
Vorspann:
(F) Zunächst das Wichtigste zu meiner Person: Mein Name ist Alfred Sattig. Ich bin 75 Jahre alt. Dass ich nunmehr mit meinen Gedichten - ich schreibe seit den 1980er Jahren Gedichte, schrieb auch schon früher zuweilen welche - an die Öffentlichkeit gehe, hat rein persönliche Gründe:
Ich werde mich dieser Aufgabe widmen in der Hoffnung, dass sie mich ziehen (herausfordern) wird, soll genauer heißen: kommandieren, um mir auf diese Weise - vielleicht - zu helfen, mir die letzten Jahre meines Lebens, wenigstens in manchen Stunden, faszinierend und sinnträchtig auszugestalten, soll heißen: mir meinen unvermeidlichen biologischen Verfall zuweilen aus dem Bewusstsein zu streichen: Wer Gedichte macht, ist sich nämlich - hat er keine Schmerzen - selber los … Was jeder weiß, der sich irgendeiner packenden Aufgabe widmet und dabei völlig „in ihr aufgeht“: z. B. in einer künstlerisch-handwerklichen; weiter: vor allem mich auch ein wenig zu schützen vor der Gefahr einer resignationsfundierten Antriebslosigkeit, der man sich, insbesondere im Alter, nur allzu leicht überlässt, wenn man, wie ich selbst, in seinen späten Jahren in einer Welt lebt, die einem, aufgrund z. B. technologischer oder kultureller (psychoethisch tief prägender) Neuerungen mehr oder weniger fremd geworden ist; zumal einem vielleicht auch - ob zu Recht oder zu Unrecht - als eine im Niedergang befindliche erscheint.
Aber warum veröffentliche ich eine Homepage? Könnte ich nicht einen Verlag suchen, der sich bereit fände, meine Gedichte zu veröffentlichen? Nun, ich habe es versucht; dreimal; es war zwecklos; warum? Das wirtschaftliche Risiko für den Verlag wäre einfach zu groß; denn meine Gedichte sind nicht leicht zu verstehen; zumal sie nicht mit dem Zeitgeist konform gehen bzw. zu vereinbaren sind, denn sie setzen auf eine obsolete (überholte) Kategorie der Daseinsausrichtung: Geist*. Ich werde nicht umhin kommen, immer wieder zu versuchen, klar zu machen, was ich im Begriff „Geist“ an existenzprägenden Momenten sozusagen zusammenschießen lasse; überhaupt: Das Geistige (als sozusagen hochkulturell-elitäre Kategorie) erscheint heute den meisten eher als eine individuelle, zumal elitär-arrogante, Marotte, als dass es - von Ausnahmen abgesehen - noch ernst genommen würde: Die heutige Zeit ist, muss es sein, geistlos, denn eben dies entlastet die einzelnen von all den Mächten, die sie als Individuum, genauer: als Person (im kantischen Sinn: Würdeträger, der niemals Sache, sondern immer nur Zweck an sich ist) zu entmächtigen so geeignet sind; außerdem wirken sich geistige Ansprüche und Haltungen per se antikonsumtiv aus.
Anm.*: Um es klar zu sagen: Geist (s. Seite 41) - ein Nebenprodukt der Gehirnentwicklung beim Menschen - zu haben - über dieses genetisch grundgelegte: verdienstlose - Zufalls-Geschenk zu verfügen, erlaubt es einem nicht nur, Gedichte zu verfassen, sondern auch, indem man diese Gedichte über sich und die Welt, in der man aufgeht/lebt (als Bedarfs-, Trieb-, Gesellschafts-, Kultur-Wesen usw. usw.) nutzt/braucht, um sich selbst als ihr ausgelieferten Welt-Spielball und diese Welt zugleich zu meiden, indem man sie und die eigene mannigfaltige Verflochtenheit mit ihr - bis in die Psychen-Keller - in seinen Gedichten erahnt, ins Bewusstsein hebt, erkennt, begreift zuletzt; was gleichbedeutend ist mit der Fähigkeit, sich von sich selbst als biologisch-gesellschaftlichem Phänomen und damit zugleich von jener empirisch daseinsnotwendigen Ich-Welt-Komplizenschaft zu entlasten/befreien: Geist ist als sprachliche Schöpfung zugleich Erkenntnisquelle: Aufdeckung einer komplizierten Selbst-Welt-Verflechtung in Gedichten. Und geistiges Erkennen in Gedichten (nicht rationales Erkennen als Gleichungs- und Verfahrens-Intelligenz, der das irrational-intuitiv-spekulativ-geistige Moment fehlt) meint Abstandsgewinn und Freiheit zum Erkannten; im hier behandelten Zusammenhang: Aufdeckung eines komplexen Ich-Welt-Selbst-Ineinanderlaufens.
„Geist“ meint im Kern, mit ihm, diesem Geist, über eine Begabung zu verfügen - die man nicht haben w o l l e n kann, sondern zufällig, sozusagen aufgrund einer genetischen Gnade, hat -, die es einem erlaubt, sich selbst und die Welt geradezu „los zu sein/zu werden“, weil man ihr empirisches Sosein und in diesem seine empirische Interdependenz im geistigen Abstand in Gedichten zu objektivieren fähig ist, was zugleich einen Abstand zum Ich-Selbst-Welt-Komplex bedeutet: einen Abstand, geistiger Macht verdankt, die es einem gewährt, seine unvermeidlich knechtische Welt-Verfallenheit und somit sich selbst geistig „aufzudecken“, als Welt-Verfallenheit zu entschlüsseln: Gedichte sind geistige Seins-Entbergungen – seiner selbst und der Welt, in der man existiert. Kurzum: Es ist etwas ganz anderes, ob ich welt- und ich-abstandslos-unmittelbar-konkret mein Dasein vollziehen/ meistern muss (dabei mir und einer konkreten Situation, in dieser in der Regel dann auch anderen Individuen, also psychophysischen Bedarfswesen/Perspektivenknechten/ Selbstinteresse-Einheiten usw. unmittelbar ausgeliefert) … oder ob ich diesen Umstand der Ich-, Du-, Wir- und Situations-Ausgesetztheit geistig (im Abstand zu jener Ausgeliefertheit) betrachte: ihn umschaffe in Kunst: hebe - ihn dabei zugleich ausdeutend - in Gedichte, sprachlich verdichtet/affektiv verfeinert/intensiviert und so eine Bedeutungsträchtigkeit herstellend, die mir in jener konkreten Situation nicht ansatzweise gegeben ist; d. h. Gedichte/Kunst machen, diese geistige Faszination, hebt mich über mich selbst als sich selbst ausgesetztes Trieb-Wesen und die mich kommandierenden/aufsaugenden Zugriffe der Welt/Gesellschaft/Kultur/geschichtliche Lage usw. hinaus, indem ich sie in Gedichten sprachlich-schöpferisch entflechte, das heißt auch: sie distanziere, sie ihrer empirischen Mächtigkeit beraube, also: beide so, sie geistig übermächtigend/zwingend, ihrer „Gängelungspotenz“ beraube: Ich mich selbst als Daseinsvollzugs-Ich und die Welt, in der ich allein dieses Ich bin, so dann „los seiend“. Kunst machen, das meint eben auch Ich- und Welt-Transzendenz (Überschreitung).
Dann habe ich viele Sonette geschrieben; und diese Gedichtform gilt ebenfalls als obsolet, ist in der Tat, was ihre Form anbelangt, der Gefahr ausgesetzt, „schematisch“ zu werden, jedenfalls (gilt sie als eine), die den effekthungrigen Zeitgeistsubjektivismus (Subjektivismus = einseitig übertriebener und unbelehrbarer Individualismus) emotional nicht zu berühren vermöchte; hinzukommt - erschwerend -, dass ich geradezu monoman (besessen, getrieben, psychisch gefangen, ohne die innere Kraft, davon Abstand zu gewinnen) immer wieder „andichte“ (geistig „anrenne“) gegen die gegenwärtige Welt als einer - so sehe ich sie - von (s. unten) Bedrückungsmächten heimgesuchte, die aufgrund dieser sich selbst in die Falle laufen könnte (wirtschaftlicher Niedergang, politisch-rechtsstaatliche Veränderungen, kulturelle Verwahrlosungen, Anomie (griech.: Gesetzeswidrigkeit, Gesetzlosigkeit; auch Zustand mangelnder sozialer Ordnung; auch: Zusammenbruch der kulturellen Ordnung; und: Zustand mangelhafter gesellschaftlicher Integration innerhalb eines sozialen Gebildes, verbunden mit Einsamkeit, Hilflosigkeit u. Ä (so das Fremdwörterbuch des Duden, Mannheim 1997)
(G) Was ist ein Sonett? Hier das Beispiel:
Innenwelt-Zersetzung/Sonett (00/3)/3/14 Zeilen
Erbärmlichkeit und Stumpfsinn zu vermeiden, (Zeile 1)
das ist nicht leicht in einer Welt der Daten, (Zeile 2)
der Zahlen, news und aufgeblasen faden (Zeile 3)
Verzückungschancen sinnverlassner Zeiten. (Zeile 4)
Man muss sich wappnen vor den Niedrigkeiten, (Zeile 5)
in die man ziemlich schnell doch kann geraten, (Zeile 6)
weil, ausgesetzt Entwirklichungsdiktaten, (Zeile 7)
man, bodenlos, sich muss berauscht entgleiten. (Zeile 8)
Wir sind die Opfer einer hochsubtilen (Zeile 9)
Zersetzung wertgetränkter Innenwelten. (Zeile 10)
Verführt, uns sittlich selber zu verspielen. (Zeile 11)
Und zu verschreiben Posen, Spaß und Gelten. (Zeile 12)
Wir haben nichts mehr, das uns noch bezelten (Zeile 13)
und retten könnte vor Entseelungskühlen. (Zeile 14)
(1) Das Sonett (grundsätzlich) umfasst 14 Zeilen
(2) Es besteht - es gibt Varianten: 2 Strophen: 8 und 6 Zeilen; keine Strophen: 14 Zeilen)
- aus 4 Strophen
(3) Die Strophen 1 und 2 nennt man Quartette (Vierzeiler)
(1) "Erbärmlichkeit" bis "Zeiten"
(2) "Man" bis "entgleiten"
(4) Die 3. und 4. Strophe heißen Terzette (Dreizeiler)
(3. Strophe: „Wir“ bis „verspielen“
(4. Strophe: „Und“ bis „Entseelungskühlen“
(5) Taktart des Sonetts: Jambus (Steiger: -/ = unbetonte Silbe, dann betonte. Jede Zeile eines Sonetts weist 5 Jamben (Steiger) auf.
Zeile 2 oben: Das íst nicht leícht in eíner Wélt der Dáten
(´ = Betonung)
Zeile 5 oben: Man múss sich wáppnen vór den Níedrigkeíten (´ = Betonung)
Zeile 8 oben: Man, bódenlós, sich múss beraúscht entgleíten (´ = Betonung) usw. usw.:
Immer 5 Betonungen (/)je Zeile: -/-/-/-/-/
(6) Reimschema (es gibt einige von solchen Reimschemata; ich bringe nur das folgende Beispiel): abba abba (die ersten beiden Strophen, die Quartette), cdc cdc (die beiden letzten Strophen, die Terzette)
(7) Reimschema – die Reimschemata variieren - des oben angeführten Sonetts:
abba abba cdc ddc
(8) Jede Zeile des obigen Sonetts ist ein 11-Silbler:
(9) Zeile 11:
Ver(1)führt(2), uns(3)sitt(4)lich(5)sel(6)ber(7)zu (8)ver-(9)spie(10)len(11) .... Also: 11 Silben
(10) Weiblicher Ausgang: 2 Silben: meí/den, schreí/ben, sá/gen//Männlicher Ausgang: 1 Silbe: kalt, hart, lieb, krumm usw.//entweder betont oder unbetont
(H) Hier drei Sonette von mir:
Die gezielte Verramschung der Innenwelten (00/4)4
Wer reagierte noch auf Argumente,
statt auf Effekte, Reize, Sensationen?
Wer wäre nicht erpicht, mit Emotionen
zu setzen auch moralische Akzente?
Und wer bemerkte nicht auch die stupende
Tendenz, sich selbst vor allem zu betonen.
Ganz ähnlich, wie das tun die Star-Ikonen,
die Meinungsmacher und Parteivorstände.
Indes wir leben längst in surrealen
Affekt-, Gefühls- und Stimmungs-Druckgefügen.
Bedient von Propaganda und von schalen,
reklametechnisch inszenierten Lügen,
die sich als Fortschritt und Beglückung prahlen.
Sich uns als Marktabklatsch zurechtzubiegen.
Von absoluten Fakten und Kommandofallen (00/5)5
Ein Affenorganismus - Sternestaub -,
Atomgefüge, das, Verfall verfügt,
doch ihm bewusst in jedem Augenblick,
wird sich erdreisten müssen einen Wert,
der ihn sich selbst dann machen muss zum Raub.
Zumal ihn seine Eitelkeit betrügt
mit Würde-, Freiheits- und Vernunft-Geschick.
Weil er sich selbst nur, muss es, doch begehrt.
Als dieser Knecht sich dann die Welt umschafft
- Natur, Moral, Recht, Staat, Geschichte -
primär mit hypertropher Ratio-Kraft.
Die setzt ihn aus jetzt einer Daseinsdichte,
in der er unverstellt sich selbst angafft:
Ding ohne metaphysische Gewichte.
Die totale Verlassenheit des spätkapitalistischen Erlebniskonsumenten (00/6)6
Dass dieser Spätzeittypus noch verstehe
- auf Reizentfesselungen angewiesen -,
dass er, geborgen in Entwirklichungen,
sich eine faktenfremde Trance so schaffe …
das scheint mir nicht der Fall zu sein, ich sehe,
dass er, ekstatisiert, doch will zerfließen
in kultkonformen Drangentäußerungen,
auf dass er so sich in Erlösung raffe.
Mag da sich auch ein Grundvorgang vollziehen:
Der tiefe Wunsch, Vereinzelung zu meiden,
von der, als Kunde ihr perfekt gediehen,
er nie vermögen wird sich abzuscheiden:
Er muss mit allen andern vor ihr knien.
So außerstande, ihr noch zu entgleiten.
(I) Noch einmal: Sehr kurze - sehr allgemeine - Darlegung (besser: Andeutung) der weltanschaulichen Grundlagen meiner Gedichte (für die ich keinerlei denkerische Originalität beanspruchen kann; da bin ich ausnahmslos Schüler anderer Denker, von denen ich sehr viel lernen durfte).
Der menschliche Wille ist nicht frei (Determinismus, s. oben): Wir sind in der Regel außerstande, über uns selbst zu verfügen; etwa weil nicht vernünftig, sondern durch und durch irrational
(1) als Organismen (Bedürftigkeits- und Trieb-Gefüge), Träger eines rationalen Intellekts (Verstandes), Vernunftwesen (auf moralische Werte angewiesen, aber oft nicht in der Lage, uns diesen gemäß zu verhalten: Wir versagen moralisch viel zu oft) und - zuletzt - Geistwesen, die wir letztlich alle sind, nämlich als
(2) Wesen, die über eine komplexe Lautsprache verfügen; als
(3) Schöpfer von Staaten, Rechtssystemen, von Ideen und Idealen; also als
(4) Vertreter von Weltanschauungen, Ideologien, Wertsystemen und Religionen, sind wir sozusagen wesensbedingt widersprüchlich:
(a) Wir können nicht nicht kommunizieren (Paul Watzlawick),
(b) Wir können aber auch nicht nicht werten (selbst das abstrakteste Tun: Das analytische Denken, ist "wertdurchtränkt", weil zweckorientiert
(c) Man kann alles Mögliche wollen, aber nicht nicht wollen (Artur Schopenhauer, 1788 -1860), deutscher Philosoph)
(d) Wir verfügen geistig über uns als Individuen nur auf der Grundlage einer kollektiv erbrachten Kulturleistung: der Lautsprache, woraus ich folgern möchte, dass wir uns selbst schon deswegen, weil wir, uns selbst als Selbst betrachtend, zurückgreifen müssen auf das kollektiv geschaffene Kulturgut Sprache, nur als (sprachlich fundierte) Perspektiven haben. Kurz gesagt: Wir haben uns nicht als individuelle Selbst-Einheiten, wir interpretieren uns, um auf diese Weise uns eine solche Einheit (auf Abruf) zu werden. Übrigens: Die jeweilige Muttersprache "färbt" gerade auch die individuellen Gefühlswelten signifikant mit.
Weiter: Ich glaube nicht an eine natürliche Güte/Gutheit des Menschen, der, falsch, amoralisch, schlecht sich betragend, dies nur tue, weil er durch die Gesellschaft, in der lebt, verdorben worden sei (so Jean Jaques Rousseau, 1712 - 1778, französischer Philosoph. Ähnlich auch Karl Marx in den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten, Meiner-Verlag, Hamburg, 2005, der von einer natürlichen(!) Güte des Menschen ausgeht und annimmt, dass das Privateigentum die Quelle allen Übels, vor allem: der Entfremdung des Menschen von sich selbst (also auch: seiner ursprünglichen Güte) sei; dazu Barbara Zehnpfennig (s. hinteren Einband des angegebenen Werkes): „Der Mensch ist Teil eines Heilsgeschehens, das des Durchgangs durch das Unheil bedarf, um ihn erlösen zu können. In den ökonomischen Verhältnissen spiegelt sich der Stand jenes Prozesses wider. Am Ende der Geschichte ist der Mensch aller ihn bedrängenden Übel ledig: der Not und der Feindschaft, der Gier und der Herrschaft …“ Ich, Sa. glaube freilich, dass der Mensch "von Natur" weder gut noch böse, sondern "liquide Masse" ist (also: formbar, je nach Gegebenheiten und Verhältnissen); nach Robert Musil, Edler von, 1880 - 1942, Autor des Romans "Der Mann ohne Eigenschaften").
(e) Überhaupt gilt: Der Mensch ist seiner Pleonexie (nach Arnold Gehlen dem Ineinanderlaufen von Ich-, Hab-, Macht- und Genuss-Sucht) radikal ausgesetzt
(f) Er weiß von vornherein um sein Ende; weiß, dass er Zeit: Verfall und Tod ausgesetzt ist, und das wird ihn lebenslang seelisch heimsuchen (sollte er auch versuchen, es gänzlich zu verdrängen)
(g) Die menschliche Existenz ist dauerprekär (prekär = gefährdet) man kann krank werden, verunfallen, arbeitslos, verlassen, ausgebeutet, herabgewürdigt, übermächtigt werden, in Kriegswirren geraten - und das sehr schnell
(h) Der Einzelne kann seiner - auch genetisch mitbedingten: er ist als Individuum genetisch einmaliges Zufallsprodukt - Persönlichkeit nicht entrinnen.
(J) Zusammenfassung: Der Mensch ist also
(1) Organismus (Kreatürlichkeit: Bedürftigkeits- und Triebgefüge)
(2) Ingeniöser Ratio-/Intelligenz-/Verstandes-Virtuose: Techniker und Naturwissenschaftler
(3) Vernunftträger (wert- und normenbezogen, ethisch (leitungs-) bedürftig)
(4) Geistwesen
Dazu dies: Das Geistige als Schaffen ist - ist es in der Tat - schlechterdings elitär - vgl. dazu: Christopher Lasch, Das Zeitalter des Narzissmus, Hamburg 1995, S. 183: „Konservative und progressive Kritiker des Bildungswesens stimmen in einer zentralen Grundauffassung überein; daß nämlich geistige Maßstäbe schlechthin elitär sind.“ Original: The Culture of Narcissism, New York, 1991, Nr. VI, S. 125: Kapitel: Schooling and the New Illiteracy ... The Spread of Stupefaction … „Conservative and radical critics of the educational system agree on a central contention---that intellectual standards are inherently elitist.”
Woraus unmittelbar folgt, dass der Geistmensch ein gesellschaftlicher Außenseiter ist; notwendig; soll auch heißen: einsam auf sich selbst zurückgeworfen
(5) Ich, empirisches (faktisches) Selbst, ideales (erwünschtes/ersehntes) Selbst, soziales Selbst (Vgl. dazu Vittorio Hösle, Moral und Politik, 4.2. Die menschliche Identitätsproblematik, S. 288ff)
Also: Der Mensch ist Ich; als dieses empirisches (faktisches) und ideales (erstrebtes) Selbst und: Me (George Mead, 1863 - 1931, amerikanischer Philosoph und Sozialpsychologe) = soziales Selbst (der, der ich bin in den Augen anderer; Selbst, zu dem mich andere Artgenossen machen/gemacht haben, indem sie mich beurteil(t)en).
(K) Der heutige Mensch, der Mensch der westlichen Konsumgesellschaften
(1) ist auffällig narzisstisch (s. oben, Seite 3)*. Der heutige Narzissmus ist allerdings ein "zeitgeisttypisches" Phänomen, soll heißen: Unter den Bedingungen der heutigen Konsumdiktaturen unvermeidlich; entscheidend sind deren (sich immer deutlicher herausschälenden und an Intensität wachsenden) psychisch fundamental prägenden Gesellschaftsphänomene, die im folgender Übersicht noch einmal aufgezählt werden.
(L) Fundamental Kategorien (in der zeitgenössischen Gesellschaft immer mehr zum Tragen kommend) (s. o., ab S. 2; es ist ratsam, sich über diese Grundbegriffe der folgenden Gedichte, auch anderswo zu informieren):
(2) Materialismus, Utilitarismus, Hedonismus, Eudämonismus, Subjektivismus, Narzissmus, Amoralismus, Determinismus, Atheismus, Nihilismus, Infantilismus, Egalitarismus …
(M) Der heutige Mensch ist (in der Regel), einer globalen Welt ausgesetzt/verfügt (denken Sie beim Lesen des Folgenden, warum ich am Anfang den Satz des Protagoras angeführt habe); also:
(1) faktisch (sehr oft jedenfalls) seiner selbst entmächtigt
(2) er treibt - idealtypisch gefasst (die realen Individuen sind weitaus mehr; viel differenzierter, reicher … und: in der Regel besser, als ihre - fragwürdige - Kultur es vermuten lässt = Erinnerung an ein Bonmot Theodor W. Adornos), um die Probleme pointiert herausstellen zu können - gottverlassen hilflos-desorientiert und dauerentlastungsbedürftig, erlebnislüstern als spaßversierter Kick-, Reiz,- Effekt- und Sensations-Sammler durch ein hochkomplexes Gestrüpp von Markt- und Medial-Verknechtungswirren, belämmerungssanfte, artefaktielle „Erlösungs“-Labyrinthe irrend, um sich
(3) erlebnismonoman-verwahrlosungsselig (monoman = von einer Zwangsneigung, einer einzigen Idee besessen)
(4) seiner Marktknechtschaft zu erfreuen, die es ihm immerhin ermöglicht,
(5) sich von jedweder Faktizität (vor allem auch seiner Reduktion zur Umsatzmonade - Monade = eine in sich geschlossene, für sich seiende Einheit - durch märchenhafte Wirklichkeitsverluste loszumachen:
(6) sich wohllebensgeborgen in gängige Formen der Trance (= in meinen Texten immer irrationale Träumerei, Absenkung des Realitätssinnes usw.) zu versetzen (Eskapismus!, s. o.)
(N) Weiter: Und das gilt auch für mich selbst: Ich lebe (muss es) als ihrer selbst existenziell entmächtigte Systemmonade, als welche ich, selbst wenn ich über einen freien Willen verfügte, mit diesem faktisch nichts würde ausrichten/anfangen können, denn (beispielsweise) meine Abhängigkeit von hochkomplexen globalen, z. B. wirtschaftlichen Verflechtungen ist offenkundig ... Ich werde, um auch dies zu erwähnen, von Machtkonstellationen beeinflusst, gar gesteuert, die ich nicht einmal kenne. Einmal abgesehen davon, bin ich gesellschaftlich-ökonomisch nichts weiter als
(1) eine Umsatzpotenz ... (Kunde; und als dieser bin ich allein systemrelevant; nicht als Privatperson: als dieser besondere Mensch; das muss so sein)
(2) ein Bedürftigkeitsbüttel und ein biologisches Triebgefüge,
(3) an dem ein menschliches Interesse seitens der gesellschaftlichen Mächte gar nicht bestehen kann ... obgleich diese unermüdlich mir ein solches vorgaukeln via Reklame, Politpropaganda, Ergriffenheitsethik und Tugend-Bombastik ... Und doch bin ich auch
(4) Geistwesen. Und diese Tatsache rettet mich zwar nicht vor allem dem, was ich eben anführte, wohl aber doch vor einem totalen Nihilismus (völliger Sinnlosigkeit von egal was immer; auch meinem eigenen Dasein), indem die Gabe des Geistes mir erlaubt, Gedichte zu machen, mich dabei selber los zu sein (ich sagte das schon, s. o.), die Welt, in der ich lebe, ein wenig besser und tiefer zu begreifen, um sie entsprechend dann auch distanzieren zu können;Geist, das ist der Rettungsanker meiner Existenz, sozusagen die Schwerkraft, die diese zusammenhält und also davor bewahrt, seelisch, sozial, ethisch (moralisch) und kulturell „auseinanderzufallen“, zu „kollabieren“. Und eben davon handeln die Gedichte: Von meinem Ausgeliefertsein an eine Gesellschaft, eine globale Welt, an ein System, fundamental geprägt von Kapitalismus, Naturwissenschaften, Technik, an Mächte also, gegen die ich nichts vermag, denen ich mich nicht entziehen kann, die zumal mein Leben in einem Ausmaß steuern (über den Markt, medial, propagandistisch, per Reklame usw.), wie es bedenklicher nicht sein könnte; daher mein monomanes (zwanghaft besessenes) "Andichten" gegen diese Welt mit den Mitteln eines Geistes, der freilich faktisch irrelevant, macht- und mittellos, kurzum: ohnmächtig ist. Das angedeutete, mich sich ihm untertan gemacht habende Weltgeflecht, ist übrigens notwendig, geradezu wesenstypisch für uns Techniker („Entwirklichungsvirtuosen“), die sich - verfügend über eine hochkomplexe Lautsprache als Quelle anthropologischer Mentifakte (Geistprodukte wie Religion, Wertsysteme, Weltausdeutungen, Institutionen usw. usw.; dagegen: Artefakte = Werkzeuge, die wir auch bei Tieren finden) Kunstwelten schaffen müssen: kulturelle (religiöse, weltanschauliche, ideologische, also: sprachlich fundierte), und dann v. a.: technische als intelligente Naturumgestaltung und damit auch Zerstörung - dazu wesensfundiert gezwungen, unumkehrbar, von niemanden zumal gewollt (niemand ist schuld daran) ... Es ist evolutionäre Ananke (Notwendigkeit); wahrscheinlich sogar - wer weiß? - eine evolutionäre Falle qua Überspezialisierung ... (s. dazu auch Gedichte, S. 12 der HP = Homepage).
Dazu folgendes Gedicht: „Das Geistige“ (00/7)7 Vergleiche dazu (37/2222)
Das Geistige? Orientierungsstrategie,
den Nihilismus dieser Welt zu meiden:
Fiktionenexegese* mittels Sprachmagie,
sich nicht nur marktgesteuert zu erleiden.
Vielleicht auch noch mal heimzufinden
in metaphysische Regionen,
sich kindlich noch mal als Person* zu gründen,
um jene träumend zu entthronen.
Und sei’s auch nur für eine Stunde,
sakral sich zu erfahren,
nachtrauernd jener tiefsten Gottes-Kunde,
dass man nur geistig kann sich selbst bewahren*.
*Fiktionenexegese: Tatsächlich ist das Geistige die Macht/Fähigkeit/Gabe, die Lebenswelt als „Faktenkosmos“ so a u s z u d e u t e n, dass man sie, wenigstens halbwegs, psychoethisch zu meistern/zu bewerkstelligen versteht, es einem gelingt, sich in ihr zurechtzufinden
*Person: Nach Kant vernünftiger „Zweck an sich“, „Nicht-Sache“, „Wesenswürdeträger“: s. GG 1,1: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ (die Würde des Menschen als Person, Zweck an sich, die Würde des Menschen als Subjekt des Sittengesetzes (des kategorischen Imperativs, dazu später ausführlich)
*geistig sich bewahren: Etwa in diesem Sinne: „Es ist wiederum nur die Religion, die die Frage nach einem Zweck“ - also auch: Sinn - „zu beantworten weiß. Man wird kaum irren, zu entscheiden, daß die Idee eines Lebenszweckes mit dem religiösen System steht und fällt.“ So Sigmund Freud, in: Abriss der Psychoanalyse. Das Unbehagen in der Kultur, Fischer Bücherei, Nr. 8043, S. 74). Das stimmt.
Und: Der oben erwähnte Nihilismus als Atheismus erst einmal als Daseinstatsache vorausgesetzt, wird sich/muss sich - und sei es auch nur schleichend - am Ende durchsetzen.
(O) Generell lässt sich sagen:
(1) Kein einziges Individuum vermag die hochkomplexen, unsere Welt formenden und ausmachenden Gegebenheiten, Prozesse, Gefahren usw. usw. auch nur annähernd psychisch zu verarbeiten; wir sind ihnen als Individuen hilflos ausgeliefert, oft gar ihre Spielbälle; und auch diese Tatsache ist ein zentrales Thema meiner Gedichte: Die Selbstentmächtigung des Individuums, seine Ausgeliefertheit an von ihm nicht mehr angemessen zu begreifende und seelisch-geistig zu verarbeitende (auch globale) Verhältnisse
(2) Davon abgesehen, vermag niemand, seine Gesellschaft sei, welche auch immer, seine Existenz ohne Illusionen, Leerformeln, Traumgefüge und Lebenslügen zu bewältigen: Existieren heißt immer, sich um die sei es empirischen (in der Erfahrung faktisch vorliegenden), sei es moralischen, sei es metaphysischen (metaphysisch = jede mögliche konkrete Erfahrung übersteigend, also z. B. religiöse = innere seelische Erlebnisse) Einflüsse, Zwänge, Befangenheiten usw. usw. "herum zu phantasieren"
(3) Man hat sich selbst immer nur als gesellschaftlich-sozial geprägte Perspektive und: nur im Spiegel der Sprache, d. h. in "Bedeutungsaffekten"
(4) Friedrich Nietzsche (1844 - 1900, deutscher Philosoph) meinte, Dasein sei Traum und Rausch. Das ist korrekt. Es ist aber - heute - auch und vor allem "Entlastungswirrsal" mit dem Ziel, sich selbst vor sich selbst, dem Du, dem Wir, der Gesellschaft, überhaupt: der Welt, zu bewahren; es ist Erlebniszufuhr und Emotionen-Bewirtschaftung, ist Ausblendung von Wirklichkeit, ist narzisstische Selbstinszenierung, ist Lust-, Selbstentfesselungs- und Belämmmerungs-Kult (z. B. via Rock-/Pop-Musik, Drogen), es ist resigniert-ängstliche Selbstentmächtigung, es ist existenzielle Resignation und Selbstaufgabe ...
(5) Unsere heutige Welt - objektiv die Superstruktur von Kapitalismus, Technik und Naturwissenschaften (so Arnold Gehlen, 1904 - 1976, deutscher Philosoph, Anthropologe, Soziologe) - ist einer der Gegenstände meiner Gedichte … nämlich der fundamentale.
Und ich selbst,
(a) das hilflos dieser Superstruktur ausgelieferte Individuum
(b) der Spielball ihrer progressiven Verwahrlosungsträchtigkeit
(c) die permanent ihr ausgesetzte „Umsatzpotenz“
(d) schutzlos ausgeliefert ihrem Trivialmaterialismus (Konsum als Daseinsinhalt)
(e) ihrem Belämmerungs-Hedonismus (hedonistisch = auf physische Lust bezogen)
(f) ihrer Tugendhypertrophie (hypertroph = im Übermaß, überspannt, überzogen)
(g) ihren Zwängen zu massiven Realitätsverlusten und -ausblendungen
(h) und zu einem entmündigenden Erlebnisinfantilismus usw. usw.
(P) Weitere Gedichte:
Niedergang I (00/8)8/Vergleiche Niedergang II (1/67)
Neurotisch monoman fixiert
auf diese späte Kunstweltbrache
die alles korrumpiert:
Moral, Sinn, Glück und Sprache,
Kultur, Gesellschaft, Staat und Recht -;
von ihrer Allmacht
hilflos tief berührt;
so sehr,
dass sie mich formt und treibt,
am Ende
meine Selbstverfügung gar mir nimmt.
Sodass mir nur noch eines bleibt:
Sie in Gedichte mir zu fassen
und so vielleicht sie zu begreifen:
Als tief absurdes sich Verprassen,
als das Vabanquespiel
eines Ratio-Knechtes,
der auf Erlösung setzt durch Waren,
Lust, Kinderei und Emotionen …
Was sich jetzt zeigt
als ein Geflecht
aus Innenweltzerfall,
Narzissmus-Lumpereien,
aus Korruption und Psychenkälten,
als radikales Ich-Gefecht
in einem Waren-, Mammon-
Macht-, Lust-, Vorteils-All ...
als eines auch der Tugend-Tyrannei,
politmessianisch elitär,
auf dass man selbst erhoben sei:
Ideologe, gebend die Gewähr,
dass nah sie seien,
die humanen Welten.
Indes Verfall längst
in den Psychen glimmt,
Konstruktivismen Fakten schleifen.
Den Geist erstickt Gesinnungsbrei …
Als ob der Niedergang
gar ein erwünschter sei.
Wozu noch in solchem Land? (00/9)9
Wozu noch Sehnsucht,
wenn die Glücke dorren,
die Seelen
nach und nach zerfallen,
Natur verkommt,
in Müll versinkt,
das Land ist
vor sich selbst längst
auf der Flucht,
will allenfalls noch
Tugendpreise schnorren,
indem es tragisch
um die Menschheit ringt,
will diese vor sich selbst
bewahren
mit seinem weltberühmten
Ethik-Hauch?
Nicht fähig freilich,
für sich selber auch
das Nötigste, nur dies, zu tun:
Für es ist nun mal
Schall und Rauch,
dass man am Ende nur
auf sich kann ruhn:
Pleonexie verwobnes
Trieb-Gebaren.
Nihilismus-Trott (00/10)10
Indes das Land mag -
sei’s drum - untergehen;
scheint’s ja zu wollen,
gleichsam Tag für Tag:
Der Wirklichkeitsverlust
bleibt störrisch unbesehen.
Die Sprache freilich,
die so reiche, tiefe,
ja: mir sogar substanzsakrale,
die ohne cool und fuck und wow
muss bleiben,
Auf dass man auf die letzte Schiefe,
auf dass man auf die letzte Schale,
auf allerletzte Daseinswehen
auf Deutsch auch könne
dieses schreiben:
Vielleicht mag Einsicht uns
zuweilen schenken,
gewähren Nachsicht einst ein Gott,
zu lassen von verlognem Sollen,
der Widersprüche Bau zu schleifen,
um uns am Ende zu gestehen,
dass wir verroht verfielen Nihilismus-Trott,
wir wohlstandsblind
nach Selbstentmächtigungs-Verfahren greifen.
Mein mit sich selbst geschlagenes Volk (00/11)11Sonett
Dem Land, den Deutschen (dieser Selbsthass-Glut) ...
Was hätte ihnen grade ich zu sagen?
Ich kann nicht loben sie, doch auch nicht klagen.
Vor ihnen immer doch schon auf der Hut.
Zumal zu täuschen wissen sie recht gut:
Nicht Geist. Nur Wirtschaft sollte sie doch tragen.
Um so dann andere zu überragen,
was heimlich greift als tiefsten Glückes Flut.
Indes verdanke ich mich geistig ihnen.
Genauer: Ihrer wunderschönen Sprache.
Die prägte mich so tief, dass sie mich hob:
Nicht nur mir selbst als Kreatur zu dienen:
Erlebnis-Einheit dieser Mammon-Brache ...
In manchen Traum mich von Vollendung schob.
(Q) Weiteres zu meiner Weltanschauung (allgemeine Angaben)
(1) Ich bin - aus wohlverstandenem Selbstinteresse heraus - überzeugter Demokrat, ein Befürworter liberaler Rechtsstaatlichkeit
(2) Ich lehne alle Entwürfe utopistischer Vergesellschaftungs-Versuche als illusorisch ab - egal, wie man sie auch nennen mag: Das bekannteste Beispiel: Der Kommunismus/ Sozialismus (Sowjetunion, China, Nordvietnam, Kambodscha, Kuba usw. usw.: Das Ergebnis war immer (musste es sein): Diktatur, Barbarei, Massenelend, Ausbeutung, zuweilen gar Armut (im heutigen China längst überwunden).
Der "Neue Mensch" - ein Ideal und Ziel etwa Che Guevaras, 1928 – 1967, argentinischer Revolutionär auf Kuba - ist und war ein Illusion
(3) Der Mensch ist (s. o.) unfrei; was auch heißt: kein moralisches Wesen, im Sinne Kants* also keine Person; kein Würdeträger (das ist hier freilich zunächst mal nichts weiter als eine Behauptung; das Thema ist sehr schwierig, bedarf also besonderer Behandlung - und Redlichkeit).
*Immanuel Kant, 1724 - 1804, deutscher Philosoph aus Königsberg, geistiger Vater des Grundgesetzes
(4) Der Mensch ist unterworfen (teilweise schon mitgeteilt)
(a) seiner Pleonexie (Ich-, Hab-, Macht- und Genuss-Sucht - so, korrekt, Gehlen); griech.: „Mehr-und-immer-mehr-haben-Wollen“)
(b) lebenslang sich selbst als Organismus (Bedürftigkeits- und Triebgefüge),
(c) ist ausgeliefert an andere Menschen (konkurrenzsüchtige, weil überragen wollende/ müssende - das ist ein Grundantrieb - Artgenossen), weiter an
(d) Machtverhältnisse (ökonomische, politische, existenzielle usw.)
(e) Zufälle: schwankende Herkunfts- und Gesellschaftsverhältnisse,
(f) an physischen Verfall, Endlichkeit (vor allem: wir wissen von vornherein, dass wir sterben werden; man kann das nicht oft genug betonen, denn es ist, wenn nicht radikal verdrängt, eine lebenslange Daseinslast),
(g) an Unterlegenheit gegenüber (manchen, einigen) anderen (ich nenne hier nur die natürliche Lotterie, was körperliche und personale Vorzüge, aber auch soziale Privilegien anbelangt, weiter: ausgeliefert an dauerprekäre Gegebenheiten, wie
(h) physische und psychische Gesundheit, vor allem aber auch an Vorzüge/Nachteile, dann an genetisch fundierte Persönlichkeitsmerkmale usw.; dann:
(i) Der Mensch ist nicht aus einer göttlichen Schöpfung hervorgegangen. Vielmehr:
(j) Gott existiert wohl nicht (ich sage "wohl", weil man seine Existenz weder beweisen noch widerlegen kann); ich lege mich (die Ergebnisse der Naturwissenschaften lassen mir keine andere Wahl) fest: Gott als allwissender, allmächtiger, allliebender und allbergender absoluter Geist existiert nicht; also wird es
(k) für uns kein Danach geben; keine Auferstehung; kein ewiges Leben
(l) Wir sind zufällig aus einer biologischen Evolution hervorgegangen
(m) Wir sind "Materiemorphen" (Morphe = Gestalt, Form), atomare Gebilde durch und durch, also unfrei (für uns gilt das Gesetz der Kausalität ausnahmslos: wir unterliegen einem lückenlosen Determinismus), sind
(n) objektiv sinnlos existierende Wesen, subjektiv sich notwendig selbst verfallene, zum Nichts bestimmte, „seelenlose“ (nicht mit einer unsterblichen Seele ausgestattet) Leibgefüge, die freilich als Tiere weit mehr sind als die von uns so genannten anderen bewegungsfähigen Lebewesen (einer der entscheidenden Unterschiede ist die hochentwickelte Lautsprache bei uns Menschen, ohne die wir über keine geistigen Fähigkeiten verfügten: an Gott glauben, Staaten gründen, Rechts- und Moralsysteme, Institutionen, Weltanschauungen vertreten, Kunst machen, uns für Ideen aufopfern, lachen, weinen Selbstmord begehen, Nein sagen, protestieren, uns selbst ausdeuten, ironisieren, humorfähig sein, uns selbst perspektivieren, beziehen auf (was auch immer) usw.; kurzum: wir sind deutungsabhängige Kulturwesen: und als solche können wir nicht nicht werten.
(o) Die physikalische Materie organisiert sich selbst
(p) Der Urknall (vor 13,82 Milliarden Jahren) erfolgte ziel- und zweckfrei; er erfolgte nicht, auf dass es irgendwann einmal uns gäbe; wir waren nicht das Ziel der physikalischen, chemischen und biologischen Evolution (letztere hier auf der Erde)
(q) Wir existieren nicht notwendig; noch muss es uns - wie wir es uns zuweilen naiverweise wünschen - immer geben
(r) Wir werden wieder verschwinden (vielleicht gar durch uns selbst (mit-)verursacht)
(s) Wir sind als notwendig Techniker sein müssende Wesen (wir konnten nur als "Techniker" = Werkzeughersteller überhaupt überleben; vgl. einschlägige Literatur, am besten Arnold Gehlen: Der Mensch und Konrad Lorenz, 1903 - 1989, Verhaltensforscher u. a.), wir sind eine Naturkatastrophe (so Franz Wuketits, zeitgenössischer österreichischer Soziobiologe)
(R) Ich bin also
(1) "reiner" Materialist/Naturalist (die physikalische Materie ist das einzige Sein; außer ihr gibt es nichts: keinen Gott als dieser Materie über- und vorgeordneter, reiner Geist, keine unsterbliche Geistseele des Menschen, die nach seinem Tod weiter existierte; der Geist des Menschen als intellektuelle Spezialbegabung beruht selbstverständlich auf materiellen Vorgängen im Gehirn; d. h. ich vertrete einen naturalistischen Monismus (erkläre alles aus einem Prinzip, eben der Materie)
(2) Darwinist (der Mensch hat sich aus dem Tierstamm heraus entwickelt, ist das zufällige, nicht notwendig entstandene Ergebnis einer biologischen Evolution, die vor über 4 Milliarden Jahren auf der Erde begann), also:
(a) Atheist (Gott existiert nicht) und
(b) Nihilist (das Ganze hier ist letztlich, zumindest objektiv, sinnlos; subjektiv mag man sich - und tut es - einen solchen - wodurch immer (ich tue es radikal geistbezogen) Sinn schaffen oder „anschaffen“
(c) Fatalist (ohnmächtig meinem Schicksal ausgeliefert)
(d) Determinist (alles Geschehen ist determiniert: festgelegt)
(e) Solipsist (in diesem Sinne: Dass ich mich niemandem mitteilen kann. Dagegen: Die Außenwelt als von mir, dem Ich, unabhängige, erkenne ich als solche ohne Einschränkungen an, d. h. diese ist nicht das „Produkt meiner eigenen Vorstellungen“, so der eigentliche Solipsismus)
(f) Und zugleich - das ist sehr paradox, entspricht aber der Wahrheit - distanziere ich mich, geistig existierend, genau davon: Vom Materialismus, Darwinismus, Atheismus und Nihilismus - und zwar als Gedichte machender (eine per se antinihilistisch- mystisch-magische Sehnsuchtstätigkeit mittels Sprache) Geistmensch; denn: Als solcher bin ich dem Irrationalen: dem Metaphysischen, dem Ekstatisch-Dionysischen und dem ideellen Erleben/Erfahren anheimgegeben, ja: verpflichtet, besser: ekstatisch „verfallen“, um - etwa - diese empirische (erfahrbare) Gegenwartswelt zu entlarven, an der ich doch auch als Geistmensch mitnichten vorbeikomme (im Gegenteil: ihr geradezu schmerzlich ausgesetzt bin, weil ich ihre Fragwürdigkeiten, Fehlentwicklungen und Lebenslügen gleichsam "geistig tasten" kann. Sie, diese Gegenwartswelt, zwingt mich dadurch, meine prekär-irrationale Daseinssituation zu analysieren, auf dass ich wisse, was und wer ich, in sie unlösbar verflochten, sei (jedenfalls eine Selbst-Fiktion)... Anstatt sie unmittelbar, naiv fraglos mein Dasein in ihr vollziehend, existenziell auszudrücken als überindividuelle entlastungsschiere Wirklichkeitsverlustquelle sozusagen devot hinzunehmen (was mich doch manchen Daseinsleides enthöbe).
Kurzum:
(3) Geistiges Dasein erfahre ich subjektiv als fraglos sinngesättigt, weil es ein Schaffen ist, das sinn- und einsichtsträchtige Ergebnisse zeitigt: nämlich Gedichte, obwohl es, das geistige Dasein, faktisch-objektiv (empirisch) nicht gegeben sein kann; geistiges Sein ist per se - auch - eine träumerisch-irrationale, ja: ekstatisch-metaphysische, sehnsuchtsgetriebene) Teilhabe an einer scheinbar für sich seienden, rauschhaften, der materiellen Tatsächlichkeit entzogenen (ihrer ledigen) Welt. Geist, das ist Schaffens-Rausch, Schaffens-Macht, „Vergessen“ seiner als Organismus (Bedürftigkeit), ist ein sich selbst los Sein, ein sich selbst haben vergessen Dürfen. Allgemeiner: Dafür, dass ich an der rein materiell fundierten geistigen/ sprachmächtigen Schicht des menschlichen Daseins habe teilhaben dürfen (das ist ein Zufalls-Geschenk, ein unverdientes Privileg, das man nicht hat haben w o l l e n können, sondern das einem genetisch „zu und hin gewürfelt“ wurde - ohne Grund, einfach als Ergebnis einer Lotterie. Ein Geschenk, wofür zu leben sich gelohnt hat, denn es verleiht dem Leben einen einzigartigen Wert, u. a. weil es, wurde man seiner teilhaftig, einem erlaubt, sich selbst (in Gedichten) hervorzubringen/sich selbst zu konstruieren/zu fiktionalisieren/ sich sogar auszuspielen/sich aus-, um- und weg zu deuten, etwa aus dieser inzwischen allgemeinen Plage der nihilistischen Banalität und zunehmenden (auch sittlichen) Erbärmlichkeit des modernen Lebens
(S) Grundsätzlich Bemerkungen (noch einmal):
Weder will ich, solche Gedichte verfassend, die Welt, die Gesellschaft, die Verhältnisse überhaupt, noch also auch die Menschen, sei es ändern, sei es bessern, sei es verdammen, sei es glorifizieren. Ich ziele nicht auf irgendwelche gesellschaftlichen Wirkungen ab; das erschiene mir gänzlich naiv. Indes will/wollte ich sie (diese Welt) erkennen. Ob mir das gelungen ist/gelingt, das sei dahingestellt.
Für meine weltanschaulichen Ausführungen gilt:
Sämtliche Ausführungen dienen allein dem Zweck, die Gedichte verständlicher zu machen; diesem Zweck allein; sie erheben also keinen Anspruch auf „Richtigkeit“ (exakte Welt-, Gesellschafts-, Daseins-, Zukunfts-Wiedergabe/-Analyse/-Beschreibung/-Ausdeutung/-Erfassung); es waren (und sind) lediglich subjektive Perspektiven, die ich biete (eben "meine"); und nichts außerdem.
(T) Was ist für mich Geist (u. a.)?
(1) Zunächst einmal eine seltene, genetisch zufällige Gabe
(2) Eine kommandierende Gabe: So bin ich etwa desinteressiert an einem auf Dauer gestellten Ausleben meiner Pleonexie (dem Ausleben meiner Ich-, Hab-, Macht- und Genuss-Sucht); diese menschliche Grundeigenschaft "Pleonexie" (griech.: Mehr-und-immer-mehr-haben-Wollen) ist gegenüber Kunstmachen und Einsichtsgewinn für mich von nachgeordneter Bedeutung
(3) Eine Gabe auf der Grundlage, wie oben schon ausgeführt, "Genetischer Gnade"; insofern eine Zufallsgabe, ohne dass ich nur ansatzweise erklären könnte, warum gerade mir … denn irgendwelche objektiven Voraussetzungen gab es dafür nicht; im Gegenteil; vor allem deswegen sehe ich mich gezwungen, auf die genetische Seite so großen Wert zu legen
(4) Ein Zwang: Etwa der, mich mir selbst auszusetzen, um zu erkunden (falls möglich), wer und was ich sei: Jedenfalls jemand, der an Wohlstandssteigerung als zentralem Daseinsziel nur wenig Interesse hat; jemand, der sich auf keinen Fall unüberlegt den herrschenden Verhältnissen aussetzen möchte, um von diesen dann vereinnahmt und „verschlungen“ - „existenziell gekapert“ - zu werden; weiter: etwa der, keinerlei narzisstische Anfechtungen: Selbstinszenierungssucht zuzulassen; dann der: mir selbst gegenüber eine radikale Redlichkeit an den Tag zu legen
(5) Eine Perspektive auf die heutige Welt, eine kritische, u. U. auch entlarvende
(6) Eine misstrauische Einstellung gegenüber der Ingeniosität von Naturwissenschaften und Technik, die Wissenszuwachs in ihren Bereichen wie selbstverständlich als Fortschritt ausgeben, obwohl es vielleicht gar keiner ist. Von "Fortschritt" reden, meint doch auch - wieder einmal - "werten": Fortschritt ist/sei als solcher gut! Wirklich?
(7) Ein mir zufällig gegebener Selbstanspruch,
(8) Ein Reflexions-, Schaffens- und Orientierungs-Drang
(9) Eine metaphysische (irrational-mystisch-kindliche: sehnsuchtsgesteuerte) Zufluchts-Chance = magische Welt-Überschreitung
(10) Eine Verpflichtung zu bestimmten Werten:
(a) zu Demokratie und Rechtsstaat (anderes vorzuziehen, etwa die Herrschaft einer totalitären Partei, wäre nämlich „Masochismus“, insofern ich mich mit einer solchen Haltung selbst ans Messer (etwa einer Diktatur) lieferte
(b) zu einer Askese-, statt Konsum-Moral (Anti-Narzissmus, Vorrang des "Ganzen" vor mir selbst, Sozialverpflichtung, Ehrlichkeit, Verzichtsleistungen, Selbstzwang, Selbstübermächtigung im Namen übergeordneter Ziele: Vermeiden jedweder Form parasitären Verhaltens zum Nachteil anderer usw.
(c) zur absoluten Bevorzugung des rationalen Verstehens komplexer gesellschaftlicher Zusammenhänge gegenüber Ideologien, Weltanschauungen, Religionen, Tugend-Idealen und egal welchen Fundamentalismen
(d) zu einem nichtgängigen Daseinsvollzug als Weltüberschreitung, Weltflucht ... zu einer Art „platonischem Eskapismus“ (Realitätsabkehr und -verweigerung im Dienst einer metaphysischen Sehnsucht … die wäre bei Platon: 427 – 347, griechischer Philosoph, die Sehnsucht des vernünftigen Seelenteils, dem unsterblichen neben dem sterblichen begehrlichen und ebenfalls sterblichen ehrliebenden Seelenteil, einst in die rein geistige (unwandelbar ewige) Ideenwelt einzugehen bzw. sie eine Leben lang zu „betrachten“/zu „schauen“
(e) zu einer geistigen Lebensweise als stabilisierendes, orientierendes Daseinszentrum (Vgl. dazu Gedichte Seite 1 der HP; Thema „Geist“)
(f) zu einem geistigen Schutzwall gegen Wirklichkeitsverluste
(g) zur Priorisierung des Geistigen als existenzieller Schwerkraft meines Daseins
(U) Zum Thema „Glück und Geist“ dies:
Aristoteles, griech. Philosoph aus Stageira, Schüler Platons, 384 – 322 v. Chr. Aristoteles:
ἡ εὐδαιμονία τὠν αὐταρκὠν ἔστιν (Eudem. Ethik, VII, 2) „Das Glück gehört denen, die sich selber genügen.“ So sehe ich, Sa., es auch.
Demokrit von Abdera (Um 460 - 370 v. Chr.), Philosoph schuf zusammen(?) mit Leukipp die antike Atomtheorie. Hier sein Frg. 146: Der Geist (nach Demokrit) ist es gewohnt, seine Freuden aus sich selbst zu ziehen* (Übers. von Gregor Damschen) *τὸν λόγον (κατὰ Δημόκριτον) αὐτὸν ἐξ ἑαυτοῦ τὰς τέρψιας ἐϑιζόμεον λαμβάνειν (Frg. 146).
So sehe ich, Sa., es auch.
Arthur Schopenhauer (1788 – 1860), Aphorismen zur Lebensweisheit, Kröner-Verlag, 1974, S. 7)
„…so ist es auch mit dem Menschen: durch seine Individualität ist das Maß seines möglichen Glückes zum Voraus bestimmt. Besonders haben die Schranken seiner Geisteskräfte seine Fähigkeit für erhöhten Genuss ein für allemal festgelegt. Sind sie zu eng, so werden alle Be-mühungen von außen, alles was Menschen, alles, was das Glück für ihn tut, nicht vermögen, ihn über das Maß des gewöhnlichen, halb tierischen Menschenglücks und Behagens hinauszuführen: auf Sinnengenuss, trauliches und heiteres Familienleben, niedrige Geselligkeit und vulgären Zeitvertreib bleibt er angewiesen: sogar die Bildung vermag im Ganzen, zu Erweiterung jenes Kreises, nicht gar viel, wenngleich etwas. Denn die höchsten, die mannigfaltigsten und die anhaltendsten Genüsse sind die geistigen; wie sehr wir auch, in der Jugend, uns darüber täuschen mögen, diese aber hängen hauptsächlich von der geistigen Kraft ab. Hieraus wird klar, wie sehr unser Glück von dem, was wir sind, von unserer Individualität abhängt…“, also nicht davon, was wir haben oder was wir gelten.
S. auch S. 1 der Einleitung zu Schopenhauers Schrift: Chamfort, 1741 – 1794, franz. Schriftsteller:
„Le bonheur n’est pas chose aisée: Il est très-difficile de le trouver en nous, et impossible de le trouver ailleurs“.
Übersetzung: „Das Glück ist keine leichte Sache (keine klare und einfache Angelegenheit für uns Menschen, denn …): Es ist sehr schwierig, es in uns selbst, und zugleich doch unmöglich, es anderswo (außer uns selbst) zu finden.“
Beiden, Chamfort und Schopenhauer, stimme ich vollumfänglich zu.
Bemerkungen: Und da wir das Glück nur in uns finden können, und es also nur ein geistiges sein kann, sage ich (ohne Vorwurf - ein solcher wäre lächerlich), dass der Kapitalismus glücksfeindlich ist, denn er tut alles, uns davon zu überzeugen, dass wir so was wie Glück (in erster Linie) außerhalb unserer selbst suchen soll(t)en (denn nur außerhalb unserer selbst fänden wir es), nämlich es als konsumtives Glück; indes ist dieses - als Ziel unseres Glückstrebens - nichts weiter als die permanente (und zwar erfolglose) Wiederholung des Versuches, Glück zu finden, was der Kapitalismus verhindern muss, denn: Träte eine dauernde Befriedigung ein (im Falle des konsumtiven Glücks ist eine solche freilich von vornherein ausgeschlossen), gäbe es keinen Grund mehr, weiter und weiter, fort und fort, darin Glück suchend, zu konsumieren.
Ein amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler (dessen Name mir leider entfiel: Chikagoer Schule!?), brachte es auf den Punkt, indem er sinngemäß sagte: Der Kapitalismus hat das Glück durch die permanente Jagd nach ihm ersetzt: Der Weg zum Glück, die Jagd nach ihm, ist also die Hoffnung, es, das Glück, es jagend, zu finden, also gibt es, genau genommen, keins; nur die Erwartung, es irgendwann doch zu ergreifen, festhalten zu dürfen, es zu bewahren.
Das für mich definitiv größte Glück besteht darin - ich wiederhole mich das -, mich selber los zu sein; und das ist genau dann der Fall, wenn ich Gedichte mache, also sozusagen geistig schaffend mich als
(1) Organismus
(2) Sozialmonade
(3) Machtobjekt
(4) Verbraucher usw. usw.
vergessen darf (und kann) um, gelingt das, aufzugehen in einem geistigen Schaffensprozess, dessen Ziel es auch ist, mich von mir als Kreatur, rationaler Intelligenz und Vernunftwesen: Bedarfsfiktionen (Werte) - als Gesellschaftsgefangener dazu gezwungen - perspektivierendes Subjekt zu distanzieren, um mich als geistiges Selbst mir zu Bewusstsein zu bringen, bzw. sogar überhaupt erst sprachkonstruktiv zu entbergen
(V) Ein weiteres Gedicht als Selbsteinwand
Indes wozu Gedichte noch? (00/12)12
Für was denn schreibst du noch Gedichte?
Für wen? Das ist absurd.
Wenn du bedenkst,
dass du am Ende stehst
der Geistkultur-Geschichte:
Jetzt bist du Ratio-Ausgeburt,
im Auftrag derer du
dich selber lenkst:
als Körperding nur noch erhöhst.
Musst zumal digital dich fügen
in kaltprekäre Asozialität,
in stumme Zwänge,
schicksalslos gediegen
Effekten, Reizen und Gerät:
Dem Wuchern einer Techno-Diktatur
sich selbst benommner gleicher Iche,
globalem Markt Neuronen-Riegen,
zu fronen jeder Lust-Tortur …
sich physisch zu genügen
im Trance-Vollzug von Kultstechschritten -
subtil verfügter Spätzeitschliche.
Wozu Gedichte also? Sag!
Ist doch längst fort die alte Geisteswelt:
Schimäre ohne Sinn-Ertrag,
die niemand mehr hier psychisch hält.
Man gibt sich gierig hin Ekstasen,
wie Markt- und Zeitgeist-Druck sie schenken.
Um sich zu finden in Erlebnisphasen:
An Einsicht sich, Gehalt und Zweck,
von Spaß betört vorbei zu lenken.
(W) Weitere Gedichte
Des Zeitgeists Spielball (00/13)13
Versäumen Wir
und Du -
und was man sonst
versäumen kann -
verfügt dem konsumtiven Bann
von ontologischem Tabu.
Monade,
lebenslang allein,
ein Knechts- und Traumgefüge,
sich permanent
entzognes Sein.
Sich selbst Fiktion,
erzwungenes Entseelen.
des Marktes Klon,
sich zu verhehlen:
Orgiastisch zu versanden,
ein Spielball nur zu sein
ein Ich-Knecht,
selbst sich unverstanden,
entfesselt sich allein -
das musste ich
im Großen Fun
als Dauerschweigen
des Wozu.
Teilchenwelt gegen Geistwelt (00/14)14
Selbst die zentralen Worte greifen nicht.
Aufgrund der Wirklichkeitsverluste.
Nur greifbar im Gedicht
als rational gemusste.
Als Botschaft aus den Kernen:
Ein nihilistisches Diktat
aus atomaren Fernen:
Quarks-Elektronen-Saat.
Gefügt in Geist entrungnen Zeilen,
die Widerstände klären.
Indes die Fakten anonym verbleiben
im ausweglosen sich Verzehren.
Transzendenz des Nihilismus (00/15)15
Mir gehen alle Tage
so leer und sinnlos hin …
Entfremdungsdiktatorisch ohne Frage.
Bewusst mir als geheimer Daseinssinn.
Es sei denn, dass mich Geist berührt,
ein Versgebilde zu gestalten;
von einem unbekannten Gott verführt
zu tragenden Gehalten.
Zu solchen einer Transzendenz
ins metaphysisch Absolute:
Primaten-Exzellenz.
Nach Platon ausgerichtet auf das Gute.
Doch das ist fort.
Und kommt nie wieder.
zu diesem Gram verfallnen Güter-Ort,
der schleichend nun geht nieder.
Vom definitiven Ende der Existenzmacht Geist (00/16)16
Das, was vollziehen wir als Existenz,
ist eine späte Hörigkeit:
Ein Dasein ohne Transzendenz
in einer Welt,
ermangelnd Halt- und Sinn-Geleit.
Uns selbst verfügt, dem rationalen Intellekt,
verfallen wir als Marktmonaden,
erfahren uns nur indirekt:
als ausgesetzt sei’s Traumweltschwaden,
sei’s Wirklichkeitsverlusten,
Tugendillusionen …
verfügt indes den unbewussten,
auf Eskapismus angewiesnen Psychen-Zonen.
Versagen so auch mehr und mehr,
uns selber wahnfrei auszudeuten:
Wir inszenieren uns, narzisstisch leer,
uns an das eigne Wirken zu vergeuden.
Daseinswidersprüche/Sonett (00/17)17
Noch mal: So was wie Schuld, das gibt es nicht.
Sind wir doch Stoffgefüge, außerstande,
uns selbst zu fassen, gar auch frei zu lenken …
Sind Perspektiven-Träumer, sinngebunden.
Das gilt auch für die rationale Schicht,
Pleonexie-Magd bis zum Grabesrande:
Im Dienst des Körpers muss sie sich verrenken
der Kreatürlichkeit und deren Wunden.
Indes uns manchmal Selbstansprüche treiben,
von Stolz getragen, diesem Geist-Affekt,
nicht immer Spielball, Knecht und Tier zu bleiben,
um dann, von Selbstverachtungsscham geweckt,
uns fraglos eine Würde zuzuschreiben,
von Selbstdistanz als Ichsuchtbann gedeckt.
Uns selbst ausgelieferte Sinnsucher (00/18)18
Wir werden immer vor uns selbst versagen
und immer uns verfehlen;
nur einen Traum von uns als Schein austragen,
auch andre so zu quälen.
Wir werden nie uns selber haben,
als Perspektive uns doch nur gegeben;
so lebenslang nach schönen Lügen schaben,
erträglich zu gestalten unser Streben
nach Lust, nach Anerkennung, Macht und Geld
von Ehrgeiz, Habsucht, Trieb gezwungen.
Obgleich uns nichts dergleichen hält;
doch von Versagen und von Selbstbetrug gedungen.
Zumal in unsrer Zeit uns inszenieren müssen.
Weil faktisch gar nichts mehr ist klar.
Weshalb wir Lebenslügen hissen:
Gekaufte Pseudo-Halte* resignierter Schar.
*A l l e (sinngebenden) Halte sind Pseudo-Halte, weil geglaubte "Entlastungsfiktionen", an denen niemand je vorbeikam, vorbeikommt, vorbeikommen wird; das ist unabänderlich. Anders gesagt: Das, was uns, wenn wir Glück haben, innerlich (einigermaßen) im Lot (stabil) hält, Werte sind, d. h. Sollens-Perspektiven, die sich je nach Umständen sehr schnell ändern (als Illusionen erweisen) können.
(X) Ich behalte mir Änderungen der Gedichte vor.
Im Übrigen habe ich auch Gedichte aufgenommen, die manchem als fragwürdig oder gar als misslungen erscheinen mögen; und selbstverständlich gibt es solche; kurzum: ich habe alle Gedichte aufgenommen (auch solche, die ein und dasselbe Sujet nur variieren, also sehr ähnliche oder auch gleiche Inhalte aufweisen), was ich mir glaubte erlauben zu dürfen, weil es mir nicht um Anerkennung und dergleichen zu tun ist, sondern um so etwas wie Selbsterfüllung (genauer: Selbstabstand, ja: Selbstvergessen) in einer - in meinen Augen - niedergangsgefährdeten Gesellschaft, die als solche ich zu meiden und zu distanzieren versuche; eben auch - und vor allem - dadurch, dass ich mich „in mich selbst zurückziehe“, um Gedichte zu schreiben. Das könnte man leicht als Misanthropie (Menschenhass oder auch nur -scheu) missverstehen, ist es aber mitnichten, denn: Keiner kann sich als der, der ist (sein muss) entrinnen, keiner sich nach Belieben selbst bestimmen, keiner - in der Regel - sich meistern; zumal in einer hochabstrakt-diffus-widersprüchlichen und die Individuen ihrer selbst benehmenden Gesellschaft. Aber dafür kann niemand etwas; auch nicht die sog. Funktionseliten (ich nenne hier nur die wirtschaftliche und die politische), die in den letzten 3 - 4 Jahrzehnten immer häufiger sich selbst schadeten, ja: zuweilen gar völlig versagten. Indes: Wem sollte, könnte ich Vorwürfe machen, doch wissend um das Phänomen des sich selbst und der Gesellschaft Ausgesetztseins, zumal nicht nicht werten und nicht nicht wollen könnend, zumal allfällig doch auch gefangen in Überzeugungen, Lebenslügen, Ausblendungen, Polit-Messianismus, existentieller Feigheit, ideologischen Versimpelungen der Welt, Leerformeln usw. usw. Und wem könnte man das alles (oder nur das eine oder andere) ernsthaft vorwerfen, ist es doch Ausdruck einer existenziellen Last, die wir alle tragen müssen.
(Y) Weitere Gedichte:
Sich verdichtendes Gefühl/Sonett (00/19)19
Es wird wohl immer mehr zur Einbahnstraße:
Zu einem digitalen Zwangsgefüge,
zur protzend sich verdrängten Lebenslüge,
Gewissenlosigkeit auch ohne Maße.
Dies Dasein: Work-Life-Balance, Spaß und Phrase
im Zuge rücksichtsloser Selbstwertkriege.
Als dilettantischer Narzissten-Riege
von sich entlastender Betrugs-Ekstase.
Da greift notwendig eine Daseinsleere,
die drastisch zwingt, sich selbst zu inszenieren,
sich zu verhehlen diese Spät-Misere,
dass man sich unverschämt muss selbst fingieren:
Indes doch Spielball ohne Wesensschwere,
um, metaphysisch tot, nach Gram zu gieren.
Verdorrt (00/20)20
Man wird sich freilich
keiner Illusion hingeben,
was dieses Dasein heute anbelangt:
Hysterisiertes Phrasenbeben,
grad weil sein Untergrund
längst schwankt.
Indes auch dies
begreifen müssen:
Die Seelen werden klein,
beflissen,
selbst sich
nur noch abzuküssen:
verdorrt, abstrakt, allein.
Unbehaust (00/21)21
Was wäre freilich noch zu greifen,
was ohne Zweifel Sinnhalt wäre
in diesem aggressiven Dauerkeifen
um eine Existenz-Rauschbeere,
die, metaphysisch tot, verblüht,
entwurzelt sich zerfällt.
Entlarvt von rationaler Drangsalmacht ...
als einer ohne jedes Zelt.
Materie-Gebilde (00/22)22
Ich? Neuronale Diktatur.
Ansonsten Illusionenkonsument.
Ein Zufall der Natur,
der sich seit Darwin kennt
als Tier, das rational gezwungen,
sich letztlich in Verderben hetzt:
Ein Stoffgebilde, Drang gedungen.
Verzeihender Realitätssinn (00/23)23
Man muss es freilich realistisch sehen:
Es kann mit uns nichts Großes werden,
sind wir doch faktisch gottverlassen;
obwohl erlösungs-, halt- und sinnbedürftig.
So doch nichts weiter als Gebilde,
gefügt aus Elektronen und aus Quarks.
Geworfen in ein kosmisches Geschehen,
in dem wir völlig unbedeutend sind.
*
Erraffe daher, was sich bietet dir
an Geltung, Lüsten, Macht und Geld.
Ergreife jedes Jetzt und Hier,
das dich vor dir verborgen hält,
das dir verhehlt, was du doch bist:
Nur eine existenzprekäre,
verfallsbestimmte kurze Frist:
Entlastungshungrige Schimäre.
(Z) Widmung: Diese Sammlung von Gedichten und die auf den Seiten 39 bis 47 der Homepage dargelegte Weltanschauung widme ich meinen geliebten und verehrten Eltern, Helene und Rudolf Sattig, deren jeweilige Persönlichkeit, jeweilige sie tief geprägt habenden sozialen Wurzeln, jeweilige Schicksale, die sie hilflos hinzunehmen hatten (insbesondere den II. Weltkrieg), mich direkt und indirekt seelisch-existenziell fundamental geprägt haben. Dafür bin ich ihnen, gerade auch weil faktennackt schroff belehrt (und auf diese Weise gut vorbereitet auf existenzielle Herausforderungen) durch ihre Schicksale, großen Dank schuldig.
Erinnerungen an die verehrten Eltern (00/24)24
Das waren bieder-kleine Leute,
bedrückt von Mängeln und von Alltagssorgen:
Sich selber ausgesetzt als bildungsarme Beute,
in Unterschichtendaseinskampf verborgen.
Indes ich nicht mich kann beklagen:
Sie haben’s immer gut mit mir gemeint.
Obwohl sich selbst zu tragen
sie kaum vermochten, heimlich wund geweint.
Mir geht’s genauso jetzt,
da ich sie vor mir sehe:
seh als Daseinsschatten,
von Krieg, von Drogen, Angst gehetzt,
die letztlich nichts von ihrem kargen Leben hatten.
(ZA) Grundsätzliche Anmerkungen
(1) Wenn ich des Öfteren Hobbes* Diktum vom bellum omnium contra omnes benutze (Übersetzung: Ein Krieg aller gegen alle), soll das selbstverständlich nicht wörtlich genommen werden, sondern stehen für einen zukünftig möglichen hochprekären globalen Zustand - er sei ökologisch, wirtschaftlich, technologisch, kulturell oder sonst wie herbeigeführt worden - einen Zustand eines radikalen Gegeneinanders von z. B. Kontinenten, Militärbündnissen, Staaten, Völkern, Konkurrenten, Gruppen, das sich zum Flächenbrand-Fiasko (also zu kriegerischen Auseinandersetzungen, auch einen Atomkrieg) entwickeln könnte. Es ist jedenfalls nicht absurd/unangebracht/unverantwortlich usw., wenn man eher pessimistisch in die Zukunft - insbesondere auch die fernere - blickt. So etwa neige ich dazu, anzunehmen, dass der Niedergang der rechtsstaatlichen Demokratie - und zwar gerade auch aus kulturellen(!) Gründen (psychoethische Verwahrlosung! Anomie! KI!?) nicht wird verhindert werden können.
*Thomas Hobbes, englischer Philosoph, 1588 - 1679, meinte mit dem bellum omnium contra omnes einen hypothetischen vorstaatlich-rechtlosen Naturzustand, in dem der Grundantrieb der menschlichen Natur: nämlich die Selbstsucht (homo homini lupus: der Mensch ist dem Menschen ein Wolf) sich ungehindert auswirke (eben als Krieg aller gegen alle), welchem Zustand nur dadurch begegnet werden könne/kann, dass sich die Menschen zu einem Gesellschaftsvertrag herbeiließen/herbeilassen, um eine Staatsgewalt zu etablieren (der sie sich, die Menschen, dann bedingungslos unterwürfen/unterwerfen), auf dass diese ihnen dann ihr Überleben garantiere.
(ZB) Wenn ich von Nihilismus spreche (dass alles sinnlos sei: Kosmos, Welt, Geschichte, Gesellschaft, menschliche Existenz usw.), dann soll das nicht eine Meinung(!) - ein Dafürhalten, eine Befürchtung - ausdrücken, sondern stehen für eine objektive Tatsache: Das objektive Sein: die sich selbst organisierende Materie, die alles hervorbrachte, die jede Vorstellung einer durch Gott (ein Geistwesen) geschaffenen Welt verbietet, aus der auch zufällig das Materiegebilde Mensch hervorging, i s t „sinnleer“ (wobei ich naturalistisch, nicht philosophisch oder religiös denke), was nicht heißt, dass das subjektiv(!): von den menschlichen Individuen akzeptiert/hingenommen werden muss/müsse/müsste. So wird etwa der religiöse: tief gläubige Mensch von diesem Nihilismus gar nicht berührt: Er ruht in Gott, was, dieses Ruhen in Gott, in der Tat dem Nihilismus einen Riegel vorschiebt. Andere Menschen mögen sich die Frage der Sinnhaftigkeit ihrer Existenz erst gar nicht stellen, auch deswegen nicht, weil sie, sozusagen mit ihrem Leben zufrieden, nicht die Notwendigkeit empfinden, sich mit Sinnfragen auseinanderzusetzen; und das nicht zu tun, erscheint mir klug. Überhaupt: Wir Menschen verfügen über eine Lautsprache, die uns, als "Mutter des menschlichen Geistes", allerlei Möglichkeiten bietet (etwa das Machen von Gedichten), "Fiktionen" zu konzipieren, die geeignet sind, dem Phänomen des Nihilismus zu entrinnen (Religion, Staat, Recht, Ethik, Wertvorstellungen, Kunst usw. usw., also: geistige Schöpfungen/Institutionen als menschlich notwendige Innenweltsteuerungsmechanismen).
(ZC) Meine z. T. scharfe Kritik der gegenwärtigen Überflussgesellschaften (Konsumdiktaturen) hat keinerlei i d e o l o g i s c h e Gründe (im Gegenteil: ich lehne jede politisch-ideell fundierte Systemkritik dieser Überflussgesellschaft ab, weil sie, wie alle politischen Ideale, umgesetzt, nicht zu "besseren" Verhältnissen führten, sondern geradewegs ins Fiasko: alle politischen Ideale: es seien der Kommunismus, der Sozialismus, die egalitäre
rechtsstaatlich-würdefundierte Demokratie autonomer Vernunftwesen usw. usw. sind zum Scheitern verurteilt, denn: wir sind zwar idealbedürftig, aber nicht idealfähig; sind auch nicht gut, aber auch nicht schlecht, sind auch nicht nur selbstsüchtig (wie Hobbes meinte), sondern eben unserer selbst nicht mächtig, in Widersprüchen, Traumgespinste, Illusionen, Sehnsüchten, Emotionen, Tagträumen, Einsichtsgrenzen eingepfercht (vor allem auch von gesellschaftlichen Bedingungen geprägt, von Herkunft, Persönlichkeit usw. usw.), soll auch heißen: permanent uns selbst und unserer Irrationalität ausgesetzt, also durch uns selbst gefährdet), sondern ganz allein k u l t u r e l l e Gründe: angestoßen durch die in dieser Gesellschaft schleichend zunehmenden Phänomene z. B. der Verwahrlosung, der Verrohung, der Selbstentmächtigung, der Desorientierung, der Halbbildung, der Realitätsverluste, der Tugendnaivität usw. usw.; jedenfalls
(a) Wir können nicht nicht wollen
(b) Wir können nicht nicht werten
(c) Wir sind also uns selbst nur (sprachlich) als Perspektivenbündel gegeben
(d) Wir sind zumal - und zwar permanent - der Welt, den andern (unseren Artgenossen) den historisch-gesellschaftlichen Bedingungen, unserem Herkunftsmilieu und uns selbst als genetisch einmaligen Wesen radikal ausgeliefert
(ZD) Hinweis-Gedichte, sie deuten an, welche Gedichte
mit welchen Themensträngen auf den Seiten 01 bis 74 zu lesen sein werden
(1) Wirklichkeitsverfall (00/24a)25
Ich sag nur scheinbar
stets dasselbe,
berede scheinbar nur
das Eine.
Als müsste monoman
ich stets mich
wiederholen,
als wäre psychisch
ich zerfallen.
Indes das täuscht.
Denn heutzutage
sind auch Blau und Grau
das Gelbe,
ist Mehreres zumal
das Eine,
das mir - und objektiv -
zerfällt in viele Seine,
von denen jedes zeigt
ein andres Mal
mit typisch eignen
Perspektiven-Fallen,
damit’s nicht nur
dem Blick aufscheine,
nein, sei auch Geist
dem Herrn des Tiefblicks,
anbefohlen,
auf dass er’s hebe
mitsamt Polen,
Schein und Blenden,
Widersprüchen auch
und Krallen.
Die gibt es nicht mehr,
eine Wirklichkeit.
Nur Perspektiven noch,
die unvereinbar sind.
Es fehlt das Geistes-Joch
als Existenz-Geleit:
Die Welt ist einheitslos,
ist metaphysisch leer,
der Mensch
ein zügelloses Kind,
ist gottverlassen,
Stoffeinheit.
Sich selbst entfremdet
nur noch scheinbar groß:
sich Ratio-, Mammon-,
Waren-Floß,
auf sich zurückgeworfen,
sinnverlustig trauerschwer.*
*Anmerkung 1: Und das gilt für alle Gedichte: Sie mögen von Gott, Geist, Würde, Kapitalismus, Nihilismus, Macht, Dorfschatten, Einsamkeit, Eros, Lebensweg, Kindheit usw. usw. handeln: Sie stellen alle besondere, nicht (ganz) identische (Teil-) Perspektiven dar ... Bis hin zu scheinbar sich völlig widersprechenden Zeilen, Versen, Strophen, Einheiten.
*Anmerkung 2: Grundsätzlich gilt: Das Schaffen von Gedichten ist für mich der Versuch, mir meine Existenz zu erhellen als eine, die vollständig unterworfen ist der Superstruktur von Kapitalismus, Naturwissenschaften und Technik.
Soll heißen: Mein Denken, Fühlen, Streben, Handeln, Tun und Lassen, Verzichten, Werten und Urteilen sind ausnahmslos eingebettet
(1) in die nihilismusdrastische Entzauberung der Welt durch die Naturwissenschaften
(2) die Entwirklichung/Ausbeutung/Umschaffung der Welt durch abstrakte technische Verfahren und
(3) die verdinglichenden Verwahrlosungskräfte des Kapitalismus (vergleiche oben unter (L)). Diesen zu entkommen ist völlig illusorisch; es sei denn, es gelingt mir zuweilen, diese Knechtschaft dadurch zu vergessen (nicht tatsächlich zu überwinden: man ist ihr objektiv ausweglos unterworfen), dass ich mich ihr sei es
(a) metaphysisch (kindheitsirrational gottestrunken) oder
(b) geistig (komplexe lyrische Gebilde hervorbringend, dabei sich selbst und die Welt los) oder
(c) erotisch (die tiefste menschliche Kategorie - sehr selten nur wird sie - man kann sich nicht planen/nicht intendieren - einem geschenkt: leibsakrale Zweisamkeitsseligkeit, beide über ihrer Kreatürlichkeit hinaushebend: frei von jeder selbstsüchtigen Niedrigkeit; nur substanzsehnsüchtig gewissermaßen dazu erlöst, sich einem Du mit jeder Seelenfaser nichtverdinglicht-trancegeborgen schenken zu dürfen); oder
(d) einsichtsbegnadet (jene mich sozusagen aufgesaugt, geprägt und vollständig nach ihr psychoethisch geformt habende Welt bis in ihre Kerne begreifen zu dürfen
(Vergleiche Gedicht (Seite 3/Gedicht-Nummer 212)
Anmerkung 3: Man mag sich wundern, sich gar unangenehm berührt fühlen von der geradezu besessenen Thematisierung der heutigen, auf Wohlstand ausgerichteten Konsumgesellschaften, aufruhend auf dem kapitalistischen Wirtschaftssystem, den Naturwissenschaften und der Technik. Indes möge man besonders beachten, dass ich diese Gesellschaften (einmal abgesehen davon, dass sie sich die Individuen sozusagen spaßuntertänig machen) für autodestruktiv halte: Und zwar
(1) ökologisch (der Klimawandel wird nicht aufzuhalten sein - es verweigern sich schon zu lange zu viele Staaten, ihn gemeinsam anzugehen; einmal abgesehen von kriegerischen Gefahren und auch, ob die Industriestaaten die Kosten dieses Wandels würden noch tragen können/wollen)
(2) psychoethisch (immer mehr Menschen entwickeln sich zu einer Art von „Selbstverwertungs-Mystikern“, die ohne „Selbstentfesselungsentlastungen“ (etwa Drogen, hyperemotionalen Wirklichkeitsverweigerungen, massiven intellektuellen Defiziten usw.), sich ihrer Lebensrealität zu stellen nicht mehr fähig sind; sie verkümmern
(3) existenziell (sie leben tendenziell - leerformel-trivialsprachlich in Tagträumen, gespeist von Emotionen, Affekten, Ideologemen, soll auch heißen: sie sind immer weniger fähig
(a) geistig-sprachlich-differenziert-kulturell, selbstabständig-sachorientiert zu kommunizieren
(b) ihrer inneren Halt- und Orientierungslosigkeit: Einsamkeit, Drogenkonsum, seelischer Verwirrung und intellektuellen Hilflosigkeit zu entrinnen und
(c) fakten- und anforderungskonform sich selbst zu meistern
(2) Vollendungsformen (00/24b)26
Noch mal - in aller Deutlichkeit:
Vollendungsformen gibt’s mal grade vier:
Die Trance des Absoluten: Gottes-Halt,
dann Eros, Kunst, Entbergungs-Geist.
Der Rest ist Zeit, ist Daseins-Leid,
ist Zufallsspiel für dieses Menschen-Tier,
ist anonyme Seins-Gewalt,
die sich als Mammondiktatur ausweist.
Als Wohllebensvollzug, der kaum noch feit
sei’s gegen den Verfall von Staat und Wir,
sei’s gegen Seelen dorrende Konsum-Einfalt,
die sie mit Nihilismus speist.
(3) Zum Phänomen konsumkapitalistischer Existenz-Illusionen (00/24c)27
Dass ich, geradezu monoman,
immer wieder die Gesellschaft,
das System,
die gegebenen Lebensumstände,
den unermüdlich die Individuen
ihrer selbst entfremdenden Zeitgeist,
die gleichmacherischen
Verspaßungs-Lebensvollzüge,
kurzum: die ständigen Versuche,
mich zum Jünger gängiger
Berauschungsorgiastik zu machen -
durch geistige Verflachung,
sprachliche Vereinfachung
phrasenneurotische Rabulistik
Verdummungs-Sentimentalitäten
mimischer Korrumpierung usw. -
gewiss zuweilen auch fragwürdig
affektgefangen kritisiere,
das liegt vor allem daran,
dass diese mich lückenlos
und ununterbrochen,
offen, versteckt, indirekt,
auch tückenlistig,
geradezu heimsuchen,
mich sogar unbemerkt
in Beschlag nehmen,
sodass ich nicht ins Leere rede,
wenn ich sage,
ich bin, Tag und Nacht,
ihr Zielobjekt,
das sie sich, ihren Absichten,
Zielen und Zwecken lückenlos
gefügig machen wollen:
als Verbraucher, Wähler,
Wertträger ... als biologisches
Gefüge überhaupt,
sodass ich nicht übertreibe,
wenn ich sage,
ich lebe in einem totalitären Netz
von außengesteuerter Innenweltlenkung,
Marktverfügungskontrolle,
Zeitgeist-Prägung, ununterbrochener,
machtstrategisch-motivierter
verzerrter Wirklichkeitsperspektivierung,
politischer Irreführung, (auch) anonymer
reklamesensationeller Inbeschlagnahmung,
psychoethisch aufwühlender Propaganda,
medialer Realitäts-Trübung und ideologisch
motivierten Tugendbelehrungen
Und dagegen wehre ich mich,
weil es, genau bedacht
(geistanalytisch entlarvt),
all den mich beruhigen und
auszeichnen sollenden
hehren Begriffen, Worten, Formeln
und Kategorien faktisch
radikal widerspricht,
eben weil das Supersystem von
Kapitalismus, Naturwissenschaften und Technik
das Versprechen unantastbarer Personalität -
Kant würde sagen eines Zwecks an sich -
nicht halten kann, heißt: verletzen muss,
weil es sonst als Wohllebenskosmos
nicht möglich wäre - einmal abgesehen
von der weltanschaulichen Arroganz
dieses sich sapient (einsichtig, weise)
nennenden Tieres, sich gleichsam
zum Halbgottwesen allumfassender
personaler Autonomie zu machen
mit Begriffen wie Freiheit
(Selbstbestimmungsfähigkeit), Gleichheit,
Vernunft und - vor allem - Würde,
garantiert von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit.
Das sind eben Aufklärungs-Ideale …,
die die evolutionsbiologischen Ananke
selbstinteressiert-ideologisierend
außer Acht lassen:
Der Mensch kann derlei Begriffen
niemals genügen,
kann es nicht als determiniertes
Materie-Gefüge,
kann es nicht als heteronomes Tier,
unterworfen dem nackten Überlebensinteresse
denn letztlich wird, ist man redlich,
festgestellt werden müssen:
Homo homini lupus* …
Pleonexie-Knecht**,
Bedarfsfiktionen/Perspektiven-Spielball***,
also notwendig abhängig von Werten
subjektiven Beurteilungen, Präferenzen; Sichtweisen usw.,
angewiesen auf Entlastungs-Fiktionen,
wie etwa der von der Existenz eines Gottes,
der überhaupt als einzige,
weil nur als metaphysische mögliche
Sinngebungsinstanz**** für uns in Frage kommen kann/könnte;
den indes jener sapiente Gleichungs- und Technik-Virtuose
aus dem materiell begriffenen Seinszusammenhang
längst heraus rationalisiert hat; dies tun musste.
Die Tatsachen lassen eine immaterielle
Geistsubstanz/Geistinstanz nicht zu …
so dass der Einsicht, dass der Mensch
nichts weiter sei als eines Schattens Traum*****,
niemand dieser bipeden Opfer
einer und seiner letztlich unausdeutbaren Existenz
zu entrinnen vermag.
Anmerkungen:
*Thomas Hobbes und Sigmund Freud
**Arnold Gehlen
***Das zeigt, ist man ehrlich, hat man die Kraft,
es sich einzugestehen, jede Lebenserfahrung;
insbesondere die heutige, die jeder von uns auf sich
selbst zurückgeworfne, anderer nicht existenziell
bedürftige Einsamkeitsträger macht:
Der Konsumkapitalismus wirft die
spracharm-emotionalisiert-erlebnisgierigen
Individuen anonym notwendig auf sie selbst
zurück: Das Gegenüber ist für sie tendenziell
eine Ware - wie sie sich selbst eine sind:
autokonsumtiv systemabgerichtet … schuldlos
****Sigmund Freud
*****Pindar von Theben (s. oben (C) (8) und Fremdwörterverzeichnis)
(4) Wesens-Diktatur (00/24d)28
Beitragen will und kann ich nichts zu dieser Welt.
Zumal die meine sie im Kern nicht ist.
Ihr geht’s um Wohlstand - etwa Macht, Prestige und Geld - …
den Menschen heute Haltgerüst.
Man ist sich selbst nun mal das höchste Gut.
Das ist ein evolutionärer Zwang.
Der macht, dass man sich Ziel als Daseins-Glut:
muss sein der wichtigste Belang.
Ich bin nicht anders; hatte nur das Glück,
dass ich mir diese Welt auch deuten muss.
Und, ausgedeutet, nimmt sie sich zurück:
erweist sie sich als Nihilismus-Fluss:
Als sinnlos, hochprekär, gar autodestruktiv,
weil metaphysisch leer und geistig tot.
Und wir nicht können sein da Korrektiv,
weil ichsuchtrational - und ohne Würde-Lot.
(5) Überdruss (00/24e)29
Dass ich das Ganze hier längst satt doch habe -
Geschwätz etwa, Erregung und Getue,
das Dauer-Inszenieren von Betroffenheiten -,
bewirkt, dass ich mich in mich selbst vergrabe …
in Zeilen-Einsamkeit und kalte Ruhe,
die Illusionen unsrer Farce zu meiden,
mich rauszustehlen aus der Trugbild-Wabe …
auch um der Einsicht in sie zu entgleiten.
(6) Gesprächsfetzen über das heutige Dasein (00/24f)30
Kannst mir’s glauben:
Oft ist’s mies,
geradezu ein Schmierenstück.
Sind es nicht wenig doch,
die sich erlauben,
schlicht zu verprassen
andrer Glück,
ja: dieses ganze Spaß-Verlies.
Die - nichts weiter als
nur sich im Blick -
freilich nur Trug und Schein
aufklauben
als Luxus-, Macht- und
und Geltungs-Schmu..
(7) Wohlstand (00/24g)31
Fakt ist: Er macht dekadent,
glücksunfähig, wertvergessen,
macht, dass man Exzessen brennt,
in Phantasmen sich verrennt,
giert nach Oberflächen-Messen,
auch mal Unterleibs-Ivressen,
bis man ichsuchtstier besessen
selber sich zuletzt verkennt.
Marktknechtschaft und Schein verfallen,
so auch eignen Zeitgeist-Krallen.
Ob ich einen Ausweg wüsste?
Nein, den seh ich nicht.
Doch er kommt: Als Seinsgericht,
das uns hilft dann in die Kiste.
Dann ist alles man hier los;
und sich selbst vor allem auch:
Diesen Traum von Daseinshauch,
dieses richtungslose Floß.